Torhüter

18.

Rhedyn hörte ihn durch die Tür hindurch, hörte ein unterdrücktes Schluchzen, hörte, dass er sich setzte. /Er weint. Wegen mir. Schon wieder. Immer nur wegen mir. Ich mache ihn unglücklich, das, was ich niemals wollte./ Er lehnte sich gegen die Wand und schlang die Arme um sich, innerlich frierend. Nie war ihm kälter gewesen als in diesem Augenblick. /Aber ich will nicht... ich kann nicht... Wenn ich ihm das sage... wenn ich ihm es jetzt sage... Er wird nicht schlafen, er wird mich hassen. Er.../

Überrascht spürte er die Feuchtigkeit auf seinen Wangen. /Er bedeutet mir viel zu viel. Wie habe ich das zulassen können?/ Als er ein neues, ersticktes Schluchzen aus dem Bad vernahm, richtete er sich auf und wischte sich hastig das Gesicht ab. /Meinst du etwa, er wird so schlafen können? Es hat keinen Zweck. Und ob er sich heute komplett von dir abwendet oder morgen, wo liegt der Unterschied?/

Seine schwarze Haut wurde sonnengebräunt, das im Mondlicht schimmernde, schneeweiße Haar schien zu verblassen, als es dunkler wurde. Paul hob die Hand, um anzuklopfen und dann die Tür zu öffnen. "Mateo, es tut mir leid." Er kniete sich zu ihm, strich ihm über die Wangen, um die Tränen wegzuwischen, jeden Moment erwartend, dass er vor ihm zurückzucken würde. Doch er konnte nicht anders. "Ja, ich war da. Immer."

Mateo war es egal, wie es wirken musste, wenn er vertraute nach all den Ungeheuerlichkeiten, er brauchte nicht nur jemanden, der ihm durch das Wissen half, sondern er brauchte Paul. Mit leichtem Schluckauf und noch immer feuchten Wangen warf er sich gegen seinen Freund und drängte sich an ihn heran.

Fast wäre Paul zurückgeschreckt; er hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit. Dann schloss er jedoch die Arme um seinen Geliebten und drückte ihn an sich. Wärme kehrte in ihn zurück; ein zu zerbrechliches Gefühl, wie er wusste, dennoch hieß er es willkommen. Beruhigend streichelte er Mateos Rücken, das Gesicht an seinem Hals verborgen, den Mut suchend, von dem er nicht gedacht hätte, dass er ihm jemals so fehlen würde.

/Immer da... immer da... bei mir.../ Mateo schloss die Augen und seufzte leise. Er wollte Paul nicht loslassen, egal in welchem Sinne des Wortes. Er wollte nicht wieder allein sein. /Immer... Flaco!/ Überrascht hob er den Kopf, um Paul anzusehen. /Nein... das.../ Seine Sicht war unscharf, die Brille lag neben dem Waschbecken, aber er sah das kleine Lächeln dennoch, mit dem Paul ihm bewies, dass er Mateo gern hielt und ihn nicht von sich stoßen wollte.

"Flaco?", probierte Mateo seine Vermutung aus, während er sich ein wenig weiter aus der Umarmung befreite, ohne Paul jedoch loszulassen.

Das Lächeln verschwand aus Pauls Gesicht, wich Angst, der Furcht, zurückgewiesen zu werden. Dennoch nickte er, kaum sichtbar. /Der Kater, dem du all deine Geheimnisse erzählt hast. Dem du erzählt hast, dass du mich liebst, dass du die Nachstellungen deines Chefs nicht magst... alles./

Mateo blinzelte und versuchte langsam zu begreifen, dann seufzte er auf. "Ich dachte immer, dass es toll ist, wie du mich kennst, aber... das war leicht, nicht? Ich habe dir ja alles erzählt." Ruckartig hob er seinen Kopf, seine Augen weiteten sich, dann hauchte er kraftlos "Dennis." Er brauchte keinen weiteren Blick in Pauls Gesicht, um zu wissen, was er da erraten hatte. Mühsam raffte er sich auf und zog sich mit einer Hand am Waschbecken hoch.

Paul senkte den Kopf. Seine Brust schien zu eng und zu kalt zu sein, und diese Kälte strahlte in seinen gesamten Körper aus, ließ ihn taub werden. /Es wäre alles nicht schlimm, wenn er mich nicht lieben würde. Wenn ich ihn nicht lieben würde. Ich wäre Kollege, Nachbar und Kater für ihn geblieben, er hätte es nie erfahren. Aber so... so ist es Betrug, Verrat und Schmerz. Ich wünschte, ich könnte es ändern, aber ich weiß, ich hätte es nie anders gemacht./

Einen Moment blieb er noch knien, starrte blicklos auf seine nun leeren Hände, dann stand er ebenfalls auf. Er fühlte sich alt. Viel zu alt.

"Paul?" /Wieso liebe ich dich immer noch?/ Mateo blickte auf das unscharfe Spiegelbild von Paul hinter ihm. "Wie hast du dir das vorgestellt? Mit uns? Wolltest du als Paul bei mir sein, bis ich zu alt bin? Oder... was?" /Ich sehe sicher schrecklich aus. Aber er kennt mich nach den Anfällen, er kennt mich schlafend, kennt mich im Bad, beim Essen, fröhlich, traurig, verliebt, ängstlich, bei der Arbeit, er kennt mich so gut und ich? Ich kenne ihn überhaupt nicht. Das ist so unfair!/

Paul sah ihn an, in das weiche, nasse Gesicht, das noch immer nicht von Abscheu und Ablehnung gekennzeichnet war. Verwunderung begann das taube Gefühl aufzuweichen und zu verdrängen. /Nach all dem, was er jetzt weiß... nach all dem noch immer kein Hass? Noch nicht einmal Wut?/

"Ich wollte bei dir bleiben, ich will es noch immer." Seine Hände zitterten, als er sich die Haare hinter die Ohren strich. "Ich wollte dir alles irgendwann erzählen, jedoch erst später. Wenn ich... wenn ich mir sicher sein konnte, dass du mich genug liebst, um dich nicht von mir abzuwenden. Wenn der Mephare, der die Tore umbringt, gefasst worden ist. Und wenn genügend Zeit vergangen ist, in der du damit vertraut hättest werden können, dann hätte ich dich fragen wollen, ob du nicht für immer bei mir bleiben willst."

Mateo ließ die Zahnbürste fallen und sah erneut in den Spiegel. Hastig setzte er die Brille auf, um ein scharfes Bild zu bekommen. "Du... du... war das... ehm..." Unsicher lachte er auf. "Das klang wie ein Heiratsantrag." Paul schien jedoch nicht nach Witzen zu mute zu sein. Das Gesicht war ernst geblieben.

Mateos Wangen erhitzten sich, und er senkte den Blick auf seine Zahnbürste. Dies gab ihm jedenfalls etwas zu tun. Er begann, sich die Zähne zu schrubben, während seine Gedanken im Kopf umhertanzten, sich nicht fangen und nicht aneinanderfügen ließen.

Paul sah ihn im Spiegel an, sah sein eigenes, blasses Gesicht hinter dem dunkleren, verheulten von Mateo, sah die Furcht und die Unsicherheit in seinen eigenen Augen, gleichzeitig aber auch die Ungläubigkeit und die Hoffnung. Er legte die Hände auf die schmalen Hüften seines Geliebten und trat dichter an ihn heran, gerade nah genug, dass sich ihre Körper eben noch nicht berührten.

"Du bist das wichtigste in meinem Leben geworden. In all der Zeit habe ich niemanden wie dich kennen gelernt." Langsam wanderten seine Hände weiter nach vorne, bis seine Arme die schlanke Gestalt umfingen. "Niemanden, der mich so tief berührt hat. Ich habe Angst, dich zu verlieren." Er wollte sagen, dass allein der Gedanke daran ihm die Luft abschnürte, ihn schier wahnsinnig vor Furcht machte, doch er konnte es nicht.

Mateo hatte die Brille abgenommen, sich das Gesicht schnell gewaschen und die Zahnbürste fortgelegt, gleich drauf wurde er von Paul umarmt und der Ernst in dessen Stimme ließ ihn ebenso erschaudern wie das vermisste Gefühl der Arme um sich, der Stimme dicht an seinem Ohr. Rasch drehte er sich um und lehnte sich gegen das Waschbecken, bevor er Paul mit beiden Armen um die Hüfte fest an sich zog. "Ich habe auch solche Angst, dir verloren zu gehen. All die Anfälle... ich hatte immer und immer wieder Angst, dass du mich ekelig finden könntest, dass ich noch kränker werde und du nur aus Pflichtgefühl bei mir bleibst, während ich langsam wegsterbe."

Unwillig wischte er sich mit dem Handrücken über die Augen, weil er schon wieder zu weinen begonnen hatte, aber ließ Paul nicht los. "Und ich hab dich immer abgewiesen, weil ich dachte... die Hoffnung hatte, dass du gehst, mich allein sterben lässt und die Chance hast, jemanden zu finden, der besser zu dir passt." Er stockte verunsichert, dann flüsterte er überlegend "Jemand, der nicht so schüchtern ist, der nicht wegläuft, wenn du ihn anfassen willst, aber jetzt... kannst du in... der anderen Form überhaupt lieben? Ist das nicht deine wirkliche Form?"

Er wischte sich wieder über die Wangen, wollte nicht, dass Paul ihn von sich schob, weil er an dessen nackter Brust gelehnt auch noch zu weinen anfing. /Das ist so kompliziert. Wieso ich? Er ist... die Liebe meines Lebens, musste es ein Wesen sein? Kein Mensch? Ein unendlich altes Wesen? Ich fühle mich so klein und hilflos./

"Du bist der einzige, den ich will." Pauls Stimme war heiser. Er zog Mateo noch enger an sich, kam näher, um ihm in die Augen zu sehen und zu wissen, dass er nicht verschwommen für seinen Freund sein würde. "Du hast dich nicht sofort abgewandt, trotz allem. Du hast keine Angst, mich zu berühren. Du magst schüchtern sein, aber du bist mutig. Du hast mir wieder gezeigt, was Vertrauen heißt. Mephare vergessen es im Laufe der Zeit häufig, weil man sie meidet. Und du, du hast dich an mich gelehnt. Du lehnst dich selbst jetzt noch an mich."

Er stockte, hob eine Hand, um ihm sacht über die Wange zu streichen, die Tränen wegzuwischen und sie dann dort ruhen zu lassen. "Egal, wie ich aussehe, im Inneren bin ich immer nur der Mann, der dich liebt. Ob als Paul, als Dennis, als Rhedyn oder sogar als Flaco. Du bist mein Freund, mein Geliebter, mein Schützling. Aber auch der Mann, der mich hält, der mich tröstet, der mir Nähe und Wärme gibt, an den ich mich anlehnen kann."

Wieder hielt er inne, dann senkte er rasch den Kopf, um ihn zu küssen. Es war nur kurz, fast scheu, doch es fühlte sich so richtig an, so gut.

Mateo schloss die Augen, seine Hände glitten an der Brust entlang zu Pauls Hals. Zaghaft erwiderte er den Kuss einmal, musste jedoch gähnen und entschuldigte sich flüsternd "Ich bin müde, muss schlafen, wenigstens bis zum nächsten Kälte- oder Hitzeschock." Er ließ Paul los und seufzte "Wenigstens weiß ich jetzt, was es ist."

"Ich bin froh darüber." Auch Paul ließ langsam, fast widerstrebend von ihm ab. Ihm war, als würde er ihn festhalten müssen, um ihn nicht zu verlieren. Als würde Mateo gehen, wenn er ihn nicht daran hinderte. Es war absurd, er wusste es, doch es änderte nichts an seiner Angst. Gleichzeitig spürte er die tiefe Erleichterung, es ihm endlich gesagt zu haben. Und trotzdem war Mateo immer noch da. Trotzdem sah er ihn nicht an wie ein Wesen, das man meiden, vor dem man fliehen musste.

Mit schweren Bewegungen schleppte Mateo sich zum Bett und ließ sich darauf fallen. Alles in den letzten Tagen brach über ihm zusammen. Es wurde zuviel für ihn. Sein Körper und sein Geist schrieen nach einer Pause. Einen Tag wenigstens Ruhe. Keine Anfälle, keine Neuigkeiten, die sein Vermögen zu begreifen überschritten, nur Ruhe und Paul, ohne ihn wollte Mateo nicht sein, das wusste er sehr sicher. "Du bleibst bei mir, ja?"

Paul verspürte wieder den leichten Schock, den Mateos Vertrauen in ihm auslöste. Dass er ihn bat zu bleiben. Dass er keine Angst vor ihm zu haben schien. Er nickte, zögerte erneut und setzte sich dann auf den Bettrand. "Willst du... dich anlehnen? Soll ich dich halten?"

Mateo lächelte das Kissen an, während er sich mit dem Laken zudeckte. "Tu einfach, was du jeden Abend gemacht hast. Es ist mir egal, welche Form du annimmst, Paul. Ich fühle mich sicher bei dir, egal wie du aussiehst." /Als Katerchen hatte ich ihn besonders gern bei mir liegen, vor allem, wenn er so nett geschnurrt hat, aber selbst mit der schwarzen Haut würde er mich mehr beruhigen als ängstigen./

Einen Moment lang konnte Paul nicht mehr tun, als seinen Geliebten fasziniert anzusehen. Nicht nur, dass er ihn bei sich haben wollte, Mateo lächelte sogar. Die kleinen Grübchen, die sich dabei auf seinen Wangen zeigten, waren für ihn der schönste Anblick. /... was ich jeden Abend gemacht habe./

Rasch zog er sich die Hose aus und legte sich zu ihm. Es erschien ihm beinahe unwirklich, als er zu ihm rutschte, den Arm um ihn legte und den warmen, schlanken Körper an sich zog. /... was ich jeden Abend.../ Er beugte sich vor und küsste Mateo sanft auf den Mundwinkel und das noch immer nicht verschwundene Grübchen. "Gute Nacht, Schatz", sagte er leise.

 Die Sonne begann den Himmel gerade erst heller zu färben, als Paul aufwachte. Draußen sangen bereits die ersten Vögel, während im Inneren nur Mateos und sein Atem zu hören waren und das leise Summen des Digitalweckers.

Noch immer lag Mateo in seinem Arm; er hatte sich umgedreht und umschlang auch ihn, hielt das Gesicht an Pauls Brust verborgen. /Er ist noch da./ Die Erkenntnis ging tiefer, als er es mit Worten hätte ausdrücken können. Zart fuhr er mit den Fingerspitzen über Mateos Schulter, den Hals empor und strich ihm dann einige schwarze Strähnen aus dem blassen, noch immer erschöpften Gesicht. /Mein schöner, mutiger Mateo. Du hast so ein großes Herz. Ich war mir sicher, dass du mich verachten würdest, stattdessen liegst du hier bei mir, vertraust mir, liebst mich. Du hast gesagt, ich würde dich kennen, aber das stimmt nicht. Du überraschst mich immer wieder aufs Neue. Und niemals, niemals war ich davon enttäuscht. Es ist gut, dass du es nun endlich weißt. Du vertraust mir, ich sollte lernen, auch dir zu vertrauen./

Während die Sonne sich langsam über den Horizont erhob und immer höher stieg, während die Vögel draußen lauter und schließlich wieder leiser wurden, konnte Paul nicht anders, als einfach nur Mateo anzusehen, ihn zu fühlen, dem nachzuspüren, was das Wunder, dass er noch da war, in ihm auslöste.

Erst, als sein Freund sich langsam zu regen begann und ihm damit anzeigte, dass er bald aufwachen würde, wand er sich vorsichtig aus seiner Umarmung, um in die Küche zu gehen und Frühstück zu richten. Sehr schnell kam er wieder mit einem großen Tablett zurück, etwas, das er sich in der Zeit, in der sie jetzt zusammen waren, nicht einmal getraut hatte, da er ständig neue Ausreden hatte ersinnen müssen, warum er nichts aß.

Er stellte das Tablett auf dem Nachttisch ab, ehe er wieder zu Mateo ins Bett stieg und ihn erneut in den Arm nahm. Mit einem leichten Lächeln beobachtete er seinen Schatz, wie er ein wenig die Brauen zusammenzog, dann die Stirn runzelte. Wie er den Mund bewegte, als hätte er etwas geschmeckt. Wie er verschlafen blinzelte, die Augen dann aber doch geschlossen ließ.

"Guten Morgen, Liebling", sagte Paul sanft und küsste ihn auf den verlockenden, weichen Mund.

/Ich bin immer noch totmüde./ Mateo seufzte leise, als er geküsst wurde und drehte sich ein wenig weiter zu dem Gesicht hin. "Paul? Wie spät ist es?"

"Nach elf." Pauls Lächeln vertiefte sich noch, als er mit den Fingerspitzen über Mateos Nacken streichelte. "Hast du Hunger? Oder magst du zumindest Tee oder Kaffee? Ich habe Frühstück für dich gemacht. Ich muss nur nach hinten greifen, dann kann ich dir das Gewünschte gleich geben."

Mateo schüttelte den Kopf, aber rappelte sich dann ein wenig hoch und setzte sich am Kopfende des Bettes gegen die Wand gelehnt auf. "Kaffee bitte." Er schob seine Brille zurecht und beobachtete, wie Paul einen Becher mit starkem Kaffee füllte, mit Milch und Zucker Trinkbarkeit erzeugte und umrührte. Er kannte die Bewegungen, er kannte die Art, in der Paul ihm gleich mit einem kleinen Lächeln den Becher so hinreichen würde, dass er den Henkel greifen konnte, alles war bekannt und alltäglich. Bis auf das Wissen, dass Paul sich gestern in einen schwarzhäutigen Seelenvampir verwandelt hatte.

Mateo nahm den Becher an und versenkte sich in dem Kaffeeduft. Paul war weggerutscht von ihm. Er wusste, wie wenig Mateo es mochte, wenn er beim Wachwerden gestört wurde. Nach dem halben Becher fand er es dann an der Zeit, einige Dinge klarzustellen. "Du bist ein Seelenvampir und siehst eigentlich anders aus als jetzt. Du hast mich angelogen und zwar so umfangreich, dass ich es noch immer nicht so ganz verstehe. Flaco allein. Du hast dich als eine Katze ausgegeben, um in meiner Nähe sein zu können!"

Ein wenig aufgebracht stemmte Mateo die freie Hand in seine Hüfte "Du hast dich täglich von mir streicheln und kraulen und verwöhnen lassen! Und ich? Ich wusste nichts von der Ausnutzung!"

"Es tut mir leid", sagte Paul leise. Die panische Angst des Vortages war verschwunden, dafür hatte Mateo gesorgt, mit seiner Liebe, seiner Nähe, seiner bewundernswerten Geduld und seinem aberwitzigen Vertrauen. Dennoch änderte sich nichts daran, dass er ihn belogen und betrogen hatte, aus welchen Gründen auch immer, und dass Mateo wirklich gute Gründe hatte, wütend zu sein.

"Du bist von irgendwem angestellt, um auf mich aufzupassen, damit mich niemand tötet, weil ein offensichtlich verrücktgewordener Seelenvampir Leute wie mich umbringt, und zwar sehr viele. Ich bin kein normaler Mensch, sondern ein Tor. Von diesen Toren gab es mal sehr viele, aber so oft, wie ich in der letzten Zeit Hitzeattacken hatte, sind sicherlich schon etliche getötet worden."

Er trank noch einige kleine Schlucke, dann bemerkte er das betroffene Gesicht von Paul und lächelte. "Ich bin dir nicht böse. Wenn du es mir gesagt hättest, dann hätte ich dir vor einigen Wochen noch nicht geglaubt; wenn du es mir gezeigt hättest, dann wäre ich vor einigen Wochen noch schreiend weggelaufen. Da war ich noch nicht so sehr verliebt in dich." Er legte den Kopf schief. "Zeig dich noch einmal. Ich weiß, dass ich albern bin, aber... bitte. Ich will wissen, ob es ein Traum war."

Erleichterung rieselte wie ein warmer Schauer durch Paul hindurch, als er das Lächeln erwiderte. "Du bist ein Wunder, Mateo. Einfach ein Wunder." Nur einen Moment später war er Rhedyn. Fast ein wenig ängstlich wartete er auf Mateos Reaktion, während er ihn mit silbergrauen Augen ansah, deren Blick die meisten, die wussten, was er war, nicht standhalten konnten.

"Kein Traum." Vorsichtig mit Blicken kontrollierend stellte Mateo seinen Becher ab, bevor er auf Paul zukrabbelte. "Aber... fürchten sich die anderen nur vor dir, weil du ein Seelenvampir bist? Gibt es noch etwas anderes, das gefährlich ist? Bist du gefährlich? Ich meine, welche Seelen nimmst du dir denn?" /Oh, oh, meine? Nicht doch. Bitte nicht./

"Ich bin gefährlich, wenn ich gefährlich sein will. Menschen bin ich von meinen Fähigkeiten her überlegen. Was nicht heißt, dass ich in allen Bereichen besser wäre." Rhedyn lachte leise. "Ich kann die ganzen alten Schriften nicht entziffern, in denen du dich so mühelos zurechtfindest. Das einzige, was ich sonst noch gut kann, ist Latein. Mephare werden gefürchtet, weil sie unheimlich wirken mit der nachtschwarzen Haut und den hellen Augen. Mit ihrer Fähigkeit, die Seelen von Lebewesen zu sich zu ziehen. Mit der Möglichkeit, sich in kleinere Geschöpfe zu verwandeln, so dass man nicht weiß, ob der Vogel vor dem Fenster wirklich ein Vogel ist und ob in dem Spalt unter dem Schrank nicht vielleicht eine Maus darauf wartet, dass du deine tiefsten Geheimnisse erzählst."

Er streckte die Hand nach Mateo aus und streichelte ihm über die Wange. "Ich kann die Person, deren Seele ich mir ausgesucht habe, einschlafen lassen. Sie spürt nichts davon, wenn ich sie küsse. Auch das macht Sterblichen Angst. Meistens wähle ich die Seelen von Selbstmördern. Oder die von Verbrechern, die zum Tode verurteilt sind. In der anderen Welt kommt das durchaus ab und an vor, so dass man damit zwei Dinge auf einmal erreicht, den Tod und das Leben. Kinderseelen reichen weiter, aber ich habe nur selten ein Kind genommen."

Mateo betrachtete das dunkle Gesicht, aus dem ihn die silbernen Augen so intensiv ansahen. Die Finger streichelten ihn zart, und er mochte es. Er fühlte sich nicht unwohl oder in Gefahr, und der Mann vor ihm sprach mit derselben tiefen und weichen Stimme, die ein Kribbeln in seinem Bauch entstehen ließ.

Zaghaft hob er eine Hand und berührte die Wange des anderen, ertastete die Form des Kiefers und strich auf den Hals hinunter. "Ich hab keine Angst vor dir, auch wenn ich das vielleicht sollte. Du hast mich schon so oft berührt und geküsst und warst mir schon so oft nahe, ich glaube, du hast schon viel bessere Gelegenheiten gehabt, mir meine Seele zu stehlen." Er lächelte ein wenig verschämt. "Außerdem... glaube ich fast, dass du mich nicht anlügst, nicht mehr. Danke." Vorsichtig beugte er sich dichter und berührte die schwarze Wange mit den Lippen.

Erleichtert seufzte Rhedyn auf, das Glücksgefühl, das ihn erfasste, prickelte wie eine reine Seele in seiner Brust und perlte von dort aus durch seinen gesamten Körper. Er konnte nicht anders, als Mateo in seine Arme zu ziehen und ihn an sich zu pressen. "Du machst mich unendlich froh, mein Engel. Ich verspreche dir, ich werde dich nicht mehr anlügen. Vielleicht kann ich dir nicht immer alles sagen, aber es sollen keine Lügen mehr zwischen uns sein."

Mateo nickte leicht. "Das glaube ich dir." Er ließ sich noch einige Minuten lang halten, dann schob er seinen Freund von sich und rieb sich die Hände. "Vor dem nächsten Anfall will ich jetzt aber weiter in den Notizen zu diesen Steinen suchen! Ich bin mir fast sicher, dass ich der Lösung seit gestern viel näher gekommen bin."

Ohne sich um Paul zu kümmern, stürzte Mateo voller Tatendrang zu seinen Zetteln, die er überall auf dem Wohnzimmertischchen verteilt hatte und vertiefte sich in die Lektüre, ohne daran zu denken, dass er sich umziehen sollte, dass er essen sollte, dass da ein Fabelwesen irgendwo in dem Raum war und ihm zusah.

Rhedyn wurde wieder zu Paul, für den Fall, dass jemand überraschend zu Besuch kommen sollte und beobachtete seinen Freund amüsiert. Es war, als sei nichts geschehen zwischen ihnen. Einfach, als hätten sie dort weitergemacht, wo sie vor dem Überfall aufgehört hatten, nur wesentlich entspannter. Er gab es nur ungern zu, selbst vor sich, aber er war dem Mörder dankbar dafür.

Erst nach über einer Stunde hob Mateo einer Idee folgend den Kopf. "Wir fahren zu der Insel hin! Ich bin mir sicher, dass es eine Möglichkeit gibt, um dorthin zu gelangen. Ich will nun endlich einmal sehen, woher diese Steine gekommen sind, und ich will sehen, ob der sechste Stein den Unterschied ausmacht! Würdest du mitkommen, Paul?"

Paul lachte über die Begeisterung in der Stimme und im Gesicht seines Geliebten. "Natürlich komme ich mit! Was glaubst denn du? Was hast du herausgefunden?"

Mateo schob die Zettel auf einen Haufen zusammen und begann, ein frisches Blatt mit einer Zeichnung zu versehen, die das Artefakt vollständig darstellte. "Siehst du, diese fünf Teile haben wir schon, dieses muss fehlen. Wir dachten immer, dass die Oberseite die Mulde ist, nicht? Die kleinen Striche darauf sozusagen Zeichen innen, aber nicht die Mulde ist oben, sondern die Wölbung. Man muss es andersherum halten, gewölbt, wie die Erdoberfläche. Wenn das sechste Stück da ist, dann zeigen die zwei Striche in die Richtungen von Norden und Süden und der letzte Strich", Mateo zeichnete eine Linie ein, "der sollte in Richtung der anderen Welt deuten." Er lachte auf. "Ich kann nicht glauben, dass ich dies hier überhaupt sage! So ein..." Er betrachtete Pauls Gesicht. "Nein, Unsinn ist es nicht, diese andere Welt, sie existiert, nicht wahr? Du lebst dort."

"Natürlich existiert sie. Und wenn ich nicht gerade den Wächter eines Torhüters spiele, wohne ich dort. Es ist eine schöne Welt, voller Leben und Magie. Ich hoffe, ich kann dich eines Tages mal mitnehmen. Ich glaube, es würde dir gefallen, vorausgesetzt, dir fallen die Augen nicht vor Verwunderung aus dem Kopf." Paul musste grinsen, als er Mateos zweifelnden Ausdruck sah. "Hinterher wirst du bereit sein, eine ganze Menge mehr zu glauben. Allein die Architektur trotz der hiesigen Physik."

Mateo lächelte ein wenig wehmütig, dann sah er seine Skizzen wieder an. "Paul... das wird nicht gehen. Physik, die dort nicht gilt, gilt hier. Ich bin ein Tor. Kein Tor kann sich selber durchschreiten."

/Eines Tages wirst du können/, dachte Paul, doch er sagte es nicht. /Eines Tages wirst du kein Tor mehr sein. Meine Schwester kennt einen Weg, die Eignung eines Menschen herauszufinden, und sie wird ihn mir zeigen, wenn wir uns das nächste Mal wiedersehen./


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh