Torhüter

20.

Als sie nackt nebeneinander lagen, hielt er inne, wies Pauls Hände ab und setzte sich auf. Im Wohnzimmer brannte noch ein Licht, der schwache Schein streifte das Bett eben gerade. Es reichte Mateo vollkommen, um seinen Geliebten bewundern zu können. Paul lag lang ausgestreckt auf den weißen Laken, und das allein hob seinen Körper schon hervor. Der Kontrast der schwarzen Haut allein war aber nicht das Faszinierende für Mateo, es war die Schüchternheit, mit der sich sein Freund mit einem Mal den Blicken stellte. Als sei ihm erst in dem Moment bewusst geworden, dass jemand ihn nackt und schutzlos betrachtete.

Langsam strich Mateo mit den Fingerspitzen über sein Gesicht, die hellen Augenbrauen, dann die Lippen, ein dunkles Anthrazit, die Zunge war ebenso grau, das wusste er. Er lächelte und kämmte mit den Fingern durch die weißen Haare, berührte die Ohren, ertastete die Spitzen. "Du solltest dich nicht verstecken, Paul. Du bist zu schön dazu." Er legte sich neben ihn, um seine Hand flach über die Brust und den Bauch seines Geliebten gleiten zu lassen. "Danke, dass ich dich so sehen darf."

Rhedyn legte seine Hand auf die seines Geliebten, folgte den langsamen Bahnen, während er doch den Blick nicht von Mateos Gesicht abwandte. Was er empfand, ging weit über die körperliche Anziehung, sogar über Liebe zu diesem Mann hinaus. Es war das Wissen, das sie zusammengehörten, jetzt und für immer; niemals zuvor hatte er das gespürt, es sich niemals auch nur gewünscht. Nicht so tief, nicht so endgültig.

"Du bist ein Wunder, Mateo", sagte er leise. "Nie hat mich jemand so angesehen wie du. Nicht in dieser Gestalt. Ohne Angst, nur mit Bewunderung und Liebe. Niemand hat mir je gesagt, dass er den Mephare, der ich bin, schön findet."

Er drehte sich halb auf die Seite und schob eine Hand in Mateos Nacken, um ihn zu sich zu ziehen und ihn erneut zu küssen, sachte nur, nicht fordernd, nicht einnehmend, sondern zart erkundend, erforschend, fast scheu.

Mateo lächelte leicht, dann legte er sich dichter zu seinem Geliebten und schmiegte sich eng an seinen Körper, ohne den Kuss zu unterbrechen. Er wollte nichts mehr sagen, hatte schon viel zuviel Zeit verschwendet. Jeden Moment wieder konnte ein Hitzeschock ihn umwerfen, der nächste konnte ihn töten, und das befürchtete er, wollte es aber zugleich vergessen, verdrängen. Er hatte so vieles noch vor, so viele wichtige Dinge. Er schob eine Hand über Pauls schlanke Hüfte und zog ihn fragend zu sich heran, während er seine Küsse ebenso vorsichtig erwiderte.

Langsam ließ Rhedyn seine Hand von Mateos Nacken aus weiter nach unten wandern. Er zeichnete die Hervorhebungen des Rückgrats nach, ließ die gefächerten Finger über die weichen Wellen der Rippen gleiten. Sacht strich er die Seiten entlang, über die schmale Taille, dann über die Hüfte, liebkoste den Ansatz der Pobacken am Oberschenkel und kehrte wieder zurück zu den Schultern, um seine Bahnen aufs Neue zu beginnen.

Er umfing Mateo mit einem Arm und ließ sich auf den Rücken sinken, ihn mit und über sich ziehend, um ihn dann mit beiden Händen streicheln zu können. Das Gewicht seines Freundes auf ihm fühlte sich gut an, der warme, anschmiegsame Körper passte perfekt zu seinem, und dass Mateo sich derart offen gab, machte es nur noch schöner.

Es war ungewohnt, dennoch riss Mateo sich zusammen, um nun nicht vor dem zurückzuzucken, das er schon so lange gewollt hatte. Beherzt öffnete er seine Beine, um sich über Pauls Hüfte zu setzen, dann legte er sich ganz auf ihn, seine Lippen suchten wieder nach dem vertrauten Mund, bettelten um Küsse, die ihn ablenken würden, damit er seinen Mut nicht verlor.

Leise stöhnte Rhedyn auf, als er Mateo dichter spürte, doch der Laut erstickte im Mund seines Freundes. Wieder streichelte er eine Zeitlang nur den glatten Rücken, dann umfasste er Mateos Hintern und begann, ihn zu massieren, drückte ihn gleichzeitig damit fester an sich, während er ihm die Hüfte entgegenhob.

"Bitte, Paul...", flüsterte Mateo endlich heiser, versuchte die Reibung zwischen ihnen zu vermindern, weil er schon viel zu erregt war. Langsam hob er seinen Kopf und sah dem anderen in die Augen. "Ich... will das hier richtig tun, will dich spüren... es sei denn..." Mateo senkte den Blick auf Pauls Brust. "Es sei denn, du willst nicht." Dass Paul mit ihm schlafen konnte, auch in dieser Form, das spürte Mateo sehr deutlich an seinem Schoß.

Rhedyn zeichnete den geraden Nasenrücken nach, dann die weichen Lippen seines Geliebten und lächelte. Wie sollte er diesen Mann nicht wollen? Jede Bewegung, jede Berührung hatte ihn mehr erregt, hatte die Hitze in ihm immer weiter ansteigen lassen, und dass er bis jetzt nicht weiter gegangen war, hatte seinen Grund allein darin, dass er ihn nicht überfordern, überrumpeln wollte, etwas tun, dass Mateo vielleicht nicht mochte. Mehr als alles andere wollte er seinem Schatz so nahe sein, wie es nur möglich war.

Mit einem kleinen, ängstlichen Lächeln rutschte Mateo sich aufsetzend ein wenig nach vorn. "Aber du musst mir helfen, ich... habe noch nie, aber das weißt du ja. Willst du?" /Willst du mich? So sehr, wie ich dich will? Bitte, sei jetzt nicht zu vorsichtig, bitte, Paul. Dies ist vielleicht die letzte Chance, dir meine Liebe zu zeigen, dir meinen Körper zu überlassen, wie ich es schon so lange wollte. Bitte lass mich.../ "Bitte..." Mateo schloss den Mund hastig. Darum zu bitten, war eigentlich nicht sein Vorhaben gewesen, aber Pauls Zögern verunsicherte ihn.

"Natürlich will ich dich", flüsterte Rhedyn heiser. "Du bist der atemberaubendste, anziehendste Mann, dem ich je begegnet bin. Ich habe niemals jemanden so sehr gewollt wie dich." Er richtete sich halb auf, um den Mund seines Geliebten zu erreichen und ihn mit einem Kuss zu bedecken, ehe er sich wieder in die Kissen sinken ließ und die Hände auf Mateos schlanke Hüften legte.

Mateo ließ sich helfen, halten und lenken. Er senkte sich vorsichtig, immer zum Rückzug bereit auf Paul nieder und zischte leise. Es war nichts im Vergleich zu den Anfällen, zu dem Brennen in ihm, das ihn und seinen Willen vernichten wollte, aber er hatte es sich einfacher und auch schöner vorgestellt. Mit geschlossenen Augen hielt er inne, atmete tief durch und spürte nach und nach, wie sein Körper sich dem seines Geliebten anzupassen begann, wie sie wirklich eins wurden, bis er den Eindruck hatte, dass es nie hätte anders sein sollen zwischen ihnen.

Das Gefühl überwältigte ihn, und er öffnete seine Augen rasch wieder, um zu sehen, ob auch Paul es so empfand. Er konnte die Begeisterung und Freude nicht aus seinen Zügen verbannen, während er sich, den Blick in die hellen Augen seines Geliebten versenkt, zu bewegen begann. Langsam nur und zaghaft, aber es war noch immer genau richtig, genau wie er es wollte.

Allein der Ausdruck in dem geröteten Gesicht seines Geliebten machte es für Rhedyn unvergleichlich. Die eigene Lust wurde nebensächlich gegenüber dem, was er empfand, als er den Blick erwiderte und darin las, was der Moment, was er und ihr Zusammensein für Mateo bedeuteten. Dennoch konnte er nicht ignorieren und wollte es auch gar nicht, dass seine Erregung mit jeder Bewegung weiter anstieg. Vorsichtig begann er, Mateo entgegenzukommen, sich ihm anzupassen. Hitze flutete durch ihn hindurch und ließ ihn stöhnen, nicht länger schienen sie zwei Wesen zu sein, mehr und mehr glaubte er, mit seinem Geliebten zu verschmelzen.

Sie bewegten sich eine lange Zeit über gleichmäßig, ruhig, ohne Eile. Mateo wusste, dass er Paul einiges an Geduld abverlangte, weil er sich nicht in einen Rhythmus bringen ließ, der die Erregung steigerte. Aber er wollte mit ihm zusammen sein. Nicht der Höhepunkt war sein Ziel, sondern die Vereinigung. Er hatte sein Ziel schon erreicht, als er Paul in sich zu spüren begann und war zufriedener als jemals zuvor.

Er lächelte über den konzentrierten Gesichtsausdruck, die schmalen Augen und die Versuche von Paul, die Bewegungen mitzubestimmen. /Heute darfst du das nicht, vielleicht niemals. Wenigstens heute musst du mir den Gefallen tun und es mir überlassen./ Doch allmählich wurde Mateos Ruhe von einem Drängen vernichtet, das seinen Körper ergriff. Erregtheit, die er nicht bekämpfen konnte, der er sich hingeben musste.

Endlich gab er auf, lehnte sich nach vorn, um Pauls Gesicht und seinen Mund zu küssen, und überließ es seinem Geliebten, das Tempo zu steigern, ihn einzunehmen, das Zusammensein durch den stetig auf sie zurollenden Gipfelpunkt der Gefühle zu beenden. Mit geschlossenen Augen und leicht geöffnetem Mund krallte er sich in die Laken neben Pauls Kopf, sein Körper spannte sich an, und er versuchte nicht einmal aufzuhalten, was von ihm Besitz ergriff.

Rhedyn schlang die Arme um ihn, presste ihn an sich, während die Welt um sie verschwand und nur sie beide zurückließ, allein zu zweit in einer Leere, in der nichts mehr zählte außer ihr Zusammensein. Nur langsam löste sich die innige Verbundenheit, und die Welt begann sich stückchenweise wieder um sie herum zusammenzusetzen. Erst nur die kühle Luft, die ihre schweißnasse Haut streichelte, dann das zerwühlte Laken, der weiche Untergrund, das Licht aus dem Wohnzimmer, die Dunkelheit um sie herum.

Sacht hielt Rhedyn den erschlafften Körper, der auf ihm lag, tastete blind nach dem zweiten Laken und zog es über sie. "Ich will dich niemals verlieren", murmelte er. "Niemals."

Einige Augenblicke lang ließ Mateo zu, dass Paul ihn hielt, dann wand er sich frei und ging nach einem flüchtigen Kuss in das Badezimmer hinüber. Sein Spiegelbild lächelte ihm zu. Leicht geschwollene, hier und dort von zarten Bissen gezeichnete Lippen erinnerten ihn an das Wochenende in dem Gasthaus, und er lachte leise.

/Jetzt waren wir wirklich eins, haben tatsächlich so geliebt, wie ich es schon von Anfang an wollte./ Er wusch sich langsam und zog sich Shorts und T-Shirt zum Schlafen an, wie jeden Abend. Als er zu Paul zurückkam, lag dieser noch immer in der Form des Seelenvampirs nackt unter dem Laken. An den silbernen Augen konnte Mateo sehen, dass sein Geliebter wachsam gelauscht hatte. /Soviel Angst hast du um mich gehabt. Vielleicht leide ich doch nicht allein./

Er hatte es Paul nicht verraten, aber er hatte in den alten Schriften nachgeforscht und herausgefunden, wie viele Tore es auf der Erde gab, dass es immer weniger geworden waren, dass die Verteilung immer ungleichmäßiger wurde. Aus den Informationen hatte er Berechnungen angestellt und war zu dem Schluss gekommen, dass es nicht mehr viele Tore geben konnte, vielleicht noch zehn, vielleicht sogar weniger.

/Der Mörder muss wiederkommen, um mich zu töten. Aber ich frage mich, was er dann tun wird. Er ist ein Mephare, will er hier in dieser Welt allein leben? Wenn das letzte Tor gestorben ist, was passiert dann? Was.../ Mateo bemerkte Pauls fragenden Blick und lächelte ihm zu. Er wurde einer Antwort auf noch nicht einmal gestellte Fragen enthoben, als der nächste Hitzeanfall ihn in eine tiefe Bewusstlosigkeit schickte.

Dieses Mal war Rhedyn schnell genug. Er fing Mateo auf und legte ihn ins Bett, versuchte die Hitze zu dämpfen, während er leise und voller Angst nach ihm rief. /Warum nur kann ich sonst nichts tun? Warum nur?/

 

Mateo erwachte erst am nächsten Morgen, jedenfalls war es hell vor den Fensterläden, durch die schmale Lichtfinger das Zimmer durchstrichen, wenn die schattengebenden Palmen sich im Wind bewegten. Er war nackt und lag unter einem Laken. Seine Kleider musste Paul ihm ausgezogen haben. Was ihn überraschte, war sein Wohlbefinden. Er fühlte sich großartig, wie nach einem herrlichen Urlaub, wie nach einem langen Sonntag im Bett.

Gähnend streckte Mateo sich, erschnupperte ein Frühstück aus dem Nachbarzimmer und lächelte. "Hm. Paul? Bist du da?" /Was für eine dumme Frage, er ist immer da./

"Natürlich, Engel." Ein kleines Lächeln spielte um Rhedyns Lippen, als er vom Wohnzimmer, wo er über den Aufzeichnungen grübelnd gesessen hatte, ins Schlafzimmer zurückkam. Er war erleichtert und glücklich, Mateo wohlauf zu sehen, jedoch gleichzeitig voller Sorge und Unruhe wegen seiner Unwissenheit, was die anderen Tore und ihre Wächter betraf. Wie viele mochten noch übrig sein? Hatte der Rat mittlerweile etwas über den Mörder herausgefunden? Warum trafen sie außer den Torwächtern nicht noch andere Sicherheitsmaßnahmen? "Wie fühlst du dich?"

Mateo runzelte die Stirn. "Hervorragend, das ist das eigenartige daran." Er streckte sich und sah seinen Geliebten kurz an. "Aber ich beschwere mich lieber nicht darüber."

"Ich habe dir Frühstück gemacht, der Tisch ist gedeckt", erklärte Rhedyn und trug nach außen hin bessere Laune, als er sie wirklich empfand. Er kniete sich zu ihm aufs Bett, um ihm einen Guten-Morgen-Kuss zu geben, wartete dann, bis er aufgestanden war und vor ihm ins Wohnzimmer ging.

Gerade, als er ihm folgen wollte, kam die dunkelhäutige Frau aus dem Nichts ins Schlafzimmer. Perfekt abgepasst, so dass sie mit einem raschen Schritt außer Sicht war. Für den Torhüter blieb nur ein Frösteln. Dann ein Gedanke, und eine Maus huschte in den Schatten des Bettes. Rhedyn blinzelte und konnte nicht anders, als Tyronee für ihre Perfektion zu bewundern, die damit rechnete, dass es nicht störte, wenn er sie sah, jedoch für einen unwissenden Torhüter unbemerkbar war.

Mateo stockte nur sehr kurz in seinem Weg zum Frühstück, etwas hatte ihn eben gerade gestört, doch als er in den Halbschatten auf der Terrasse trat, war der Gedanke schon wieder verschwunden. Seufzend goss er sich einen Becher Kaffee ein.

"Ich komme gleich nach. Warte nicht auf mich." Rhedyn lächelte ihm zu und machte eine vage Geste zum Bett. "Meine Schwester ist hier, ich rede mit ihr, dann bin ich wieder bei dir."

"Eh... ja, natürlich." /Also doch. Eben gerade war ein Hauch, ein kleines Frösteln, wie man es sonst nicht bemerkt. Das muss sie gewesen sein./ Mit ein wenig Anstrengung widerstand Mateo dem Impuls, aus Neugierde zurückzugehen.

Als sich die Tür hinter Mateo schloss, kam Tyronee aus ihrem Versteck, eine hochgewachsene, schwarzhäutige Frau mit schneeweißem Haar und Augen von derart hellem Silber, dass sie nahezu weiß wirkten. Wenn man nicht genau hinsah, hatte sie in ihrem weißen, hautengen Anzug wenig mit der rothaarigen Fabienne gemeinsam, die ihn in der Bibliothek besucht hatte. Sie zog eine weiße, geschwungene Braue fragend in die Höhe, als sie die Hand nach ihm ausstreckte. "Er weiß es also."

Rhedyn berührte sachte ihre Fingerspitzen mit den eigenen, spürte das angenehm kühl-warme Prickeln, als sich ihre Seelen für einen winzigen Moment berührten. Leicht nickte er. "Ja." Ein kleines, weiches Lächeln zog über sein Gesicht. "Wir gehören zusammen."

Einen Moment lang rührte Tyronee sich nicht, sah ihn nur unverwandt an, das schöne Gesicht eine Maske aus Ebenholz. Schließlich senkte sie den Blick, und Rhedyn meinte, Trauer in ihren Augen gesehen zu haben. "Dann wird dir nicht gefallen, was ich dir zu sagen habe." Als sie den Kopf wieder hob, war sie erneut kalt und unberührt. "Der Rat schickt mich. Es sind kaum noch Torhüter am Leben. Lediglich vier konnten bis jetzt beschützt werden, alle anderen... sind tot. Vielen sind ihre Wächter vorausgegangen. Die Reisen durch die Tore sind untersagt worden, bis auf wenige Ausnahmen. Eine davon bin ich. Die letzten Wächter werden zurückgerufen, um..."

"Zurückgerufen?" Rhedyn unterbrach sie, etwas, das er so gut wie nie in seinem Leben getan hatte, und starrte sie an. Das Wort ließ ihn frösteln. "Zurückgerufen, Schwester? Das heißt, man verdammt sie dazu zu sterben!? Das heißt, man durchtrennt sämtliche Fäden, die unsere beiden Welten zusammenhalten? Man gibt sie dem Untergang preis?"

"Nein." Ihre Stimme war ruhig wie immer, doch dieses Mal war die Trauer in ihrer Miene deutlicher. "Glaube mir, ich sehe nicht mit Gleichmut auf all die Toten hinab. Doch der Rat hat Dinge herausgefunden, die dem Sterben eine vollkommen andere Bedeutung verleihen. Es ist kein planloses Morden, keine Vernichtung der Welten, die der Mörder anzustreben scheint. Die Magie der Tore war zu ungleichmäßig verteilt. Alle Jahrtausende muss die Magie gesammelt und erneuert werden, so zumindest steht es in den Schriften, welche den Obersten des Rates zugespielt wurden. Und nun sind zu wenig Tore geblieben, als dass man so weitermachen könnte, wie wir es versucht haben. Uns bleibt nichts anderes übrig, als es zu riskieren."

Rhedyns Augen schienen zu brennen, als er sie ansah. Eisiger Schock und heiße Wut hielten ihn gefangen, als er langsam den Kopf schüttelte. Doch seine Stimme war leise, er wollte Mateo nicht beunruhigen. "Es sind uralte Prophezeiungen? Du weißt, wie unzuverlässig so etwas ist. Auf Grund eines alten Pergaments werde ich weder die Welten, noch Mateos Leben riskieren. Tyronee! Siehst du nicht, dass dies Wahnsinn ist? Woher wollen sie wissen, ob es stimmt? Noch ist nicht alles verloren! Ich verstehe nicht, wieso sie bis jetzt den Mörder nicht gefunden haben, aber noch gibt es Torhüter. Noch haben wir Chancen auf Erfolg. Schließlich sind auch vorher schon Tore gestorben, und ihre Magie ist auf andere, auf Kinder übergegangen. Warum sollte es jetzt anders sein? Wir müssen nur ein wenig durchhalten, für einen besseren Schutz für die Tore sorgen. Dieses Risiko der Prophezeiung können wir noch immer ausprobieren, wenn alle Torhüter gestorben sind. Aber bis dahin..." Abwehrend machte er eine heftige Geste. "Nein, Schwester. Ich werde dem Beschluss des Rates nicht Folge leisten. Ich werde Mateo nicht opfern. Nicht ihn."

"Rhedyn!" Ihre Stimme war harsch, was genauso ungewöhnlich war, wie dass sie ihn mit seinem Namen ansprach. Ihre schmalen Brauen zogen sich zusammen, bis sich eine steile Falte zwischen ihnen bildete. "Der Rat ist sich sicher; natürlich wurde dem Pergament nicht ohne Prüfung Glauben geschenkt. Du kannst nicht bei Mateo bleiben. Du darfst dich ihrem Beschluss nicht entgegen stellen! Für dich ist es zudem auch nur zum Besten, dieser Mensch..."

"Dieser Mensch", unterbrach Rhedyn sie erneut, dieses Mal sehr leise. Er wusste, sie würde verstehen. "Dieser Mensch ist mir das Teuerste auf beiden Welten. Schwester, wir gehören zusammen. Ich meinte es so, wie ich es sagte. Er ist mein Gefährte, er trägt ein Stück meiner Seele in sich, ich liebe ihn jenseits jeder Vernunft, und er liebt mich."

Überrascht sah er, wie ihr Gesicht heller wurde, grau beinahe. In ihrem Blick war Schreck, regelrecht Entsetzen zu sehen, als sie einen raschen Schritt auf ihn zumachte, nach ihm griff. "Bruder, du willst dich... Vergiss den Rat nicht, er..." Dann seufzte sie leise, mutlos sanken ihre Hände herab, doch schließlich lächelte sie. Kaum sichtbar, aber es war ein Lächeln. "Nun gut, wenn du meinst, bleiben zu müssen, dann tue das. Ich werde dich nicht davon abhalten. Nicht, wenn es dir so wichtig ist und du erfüllt von dieser Entschlossenheit bist. Aber ich kann nicht bei dir bleiben und dir helfen; ich muss die anderen Wächter verständigen. Pass auf dich auf."

"Auf mich und vor allem auf ihn", versprach er, ehe er die Tür zum Wohnzimmer wieder öffnete und mit ihr eintrat. Tyronee nickte Mateo nur sehr knapp zu, als sie zu ihm schritt und von einem auf den anderen Moment verschwunden war.

Mateo schüttelte sich ein wenig. "Bitte, danke, auf Wiedersehen! Seit ich weiß, dass sie mich nur benutzen, fängt es an, meine Laune zu zerstören, wenn ich friere." Er sah auf und in Pauls Augen. Braun, schmal und genau richtig in seinem Gesicht, aber etwas an dem Ausdruck darin ließ ihn noch viel mehr frösteln als das bisschen Energie, das ihm die Frau abgenommen hatte. "Paul... Liebling, ist etwas nicht in Ordnung?"

Rasch trat Paul zu ihm und schloss ihn in die Arme, um ihn an sich zu ziehen und zu spüren, dass er da war, dass alles in Ordnung mit ihm war. /Was sage ich dir nur? Du fühlst, dass ich nicht mehr gut gelaunt bin, siehst es mir an. Oh Engel, du bist.../ Wundervoll, und gleichzeitig war es anstrengend. Schließlich entschied er sich für die Wahrheit, wobei er sich gedanklich vorbehielt, dass er ihm unter Umständen nicht alles sagen würde. "Von all den Torhütern, Schatz, von all den vielen hundert Torhütern sind nur noch vier übrig. Du und drei andere. Und deren Wächter werden gehen. Aber ich bleibe hier. Ich lasse nicht zu, dass dir etwas geschieht. Eher sterbe ich."

Mateo sah ihn abwartend an, dann nickte er leicht und stellte fest "Liebling, wenn ich es richtig verstanden habe, dann bist du schon tot. Also, du bleibst hier, aber alle anderen Wächter nicht?"

Paul musste wider Erwarten lachen. "Nein, ich bin nicht tot. Oder sehe ich etwa so aus? Fühle ich mich so an?!" Er grinste und zwinkerte ihm zu. "Oder liebe ich etwa wie eine Leiche?"

Mateo blinzelte einige Male und errötete, dann murmelte er unsicher "Ich dachte, ... bist du nicht ein Vampir? Muss man nicht sterben, um ein solcher zu werden?"

Paul zuckte mit den Schultern und lächelte. "Nun, sterben heißt in dem Fall nicht gleich tot sein, auch wenn das eigenartig klingt." Dann wurde er jedoch wieder ernst. "Ich bleibe bei dir. Aber sobald Tyronee die anderen Wächter verständigt hat und diese sich zurückgezogen haben, wirst du drei weitere Hitzeattacken abbekommen, eine vermutlich schlimmer als die andere. Doch dann ist es vorbei für dich. Dann muss nur ich noch viel mehr Acht geben als je zuvor und dich endgültig nicht mehr aus den Augen lassen."

Mateo sank in den Korbstuhl und schlang seine Arme um die Beine. "Drei noch, dann bin ich das letzte Tor? Warum ich, warum muss ausgerechnet ich das letzte Tor sein? Es ist so..." Er sackte stöhnend zusammen, als viel früher als erwartet ein wahres Fegefeuer seinen Körper erfasste und ihn innerlich zerfraß. Schmerzgeplagt krümmte Mateo sich, sank auf den Boden und betete wimmernd und schluchzend um die wohltuende Schwärze der Bewusstlosigkeit. Dieses Mal wurde sie ihm nicht gewährt. Als es nachließ, war Mateo nassgeschwitzt und weinte, hatte sich zu einem Ball zusammengerollt, die Hände über sein Gesicht geschoben, als ob ihn dies schützen könnte.

Er blieb eine lange Zeit noch keuchend und um Atem ringend liegen, dann rappelte er sich auf und flüsterte heiser "Ich war zu ausgeruht, deswegen bin ich nicht in Ohnmacht gefallen wie bei den letzten Anfällen."

Das schlimmste war die Kraft, die er spürte, zu spüren begonnen hatte, als die Feuer in ihm das erträgliche Maß überschritten hatten. Eine fremde Energie, die ihm mit jedem weiteren Anfall um so deutlicher bewusst wurde. Und er begann nun auch zu glauben, dass die Schriften, in denen von der Bedeutung der Steine und von der Bedeutung der Inseln die Rede waren, nicht gelogen hatten.

Während er duschte, bei offener Tür unter Pauls wachsamen Blicken, gingen ihm all die Dinge durch den Kopf, die er nun gelernt und verstanden hatte. /Ein Tor kann sich nicht selber durchschreiten. Warum muss ausgerechnet ich das Unmögliche schaffen? Und zu welchem Preis? Aber es muss sein, nicht wahr? Der Mörder weiß das auch. Alle anderen Tore sterben, werden sterben.../ Er stellte das Wasser ab. "Paul, ich weiß nicht, wie ich noch zwei solche Anfälle überleben soll. Ich habe schreckliche Angst."

Paul kam zu ihm ins Bad und schob den Vorhang beiseite, um Mateo die Hände auf die Hüfte zu legen, ihm einen Kuss auf eine nasse Schulter zu drücken und für einen Moment seine Stirn gegen ihn zu lehnen. Er wollte ihm helfen und fühlte sich doch so hilflos. Dann straffte er sich, um ihm Zuversicht zu vermitteln, die er eigentlich selber brauchte. "Es sind nur noch zwei, du hast die anderen überlebt, und das, obwohl du nicht wusstest, wie viele noch kommen würden. Ich bin bei dir, ich halte dich, wenn es dir hilft." Kurz sah er zu ihm auf, senkte dann aber den Blick. "Auch wenn es das einzige ist, was ich tun kann. Nur noch zweimal, Engel, nur noch zweimal."

"Mich halten wird mir weniger helfen, als mich in eine nette, leere Ohnmacht kippen. Das letzte Mal wäre ich fast gestorben. Es tut so weh... brennt, verbrennt... ich..." Mateo wischte sich hilflos über die Wangen, und für einen winzigen Augenblick war er kurz davor, Paul zu sagen, wovor er noch viel mehr Angst hatte als den beiden letzten Anfällen. "Ich glaube, wir sollten diese Anfälle noch abwarten, bevor wir zum Museum fahren, Paul. Ich will nicht unter Menschen, wenn ich jeden Augenblick wieder zusammenbrechen kann."


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh