Torhüter

21.

Sie blieben in der Nähe ihres Bungalows. Paul war unheimlich besorgt und liebvoll. Er stopfte den durch die Anfälle und Sorgen ein wenig zu dünn gewordenen Mateo mit exotischem Obstsalat voll, aber konnte ihn nicht von der Angst ablenken, die ihn den ganzen nächsten Tag begleitete.

Als sie am späten Abend, nachdem die Band auf dem Platz aufgehört hatte zu spielen, im Bett lagen und sich gegenseitig streichelten, ereilte der zweite Anfall Mateo, dieses Mal wurde er ebenso wenig ohnmächtig und konnte sich lange Zeit nicht beruhigen, auch wenn die Schmerzen nach dem Abebben wie weggeblasen waren.

Zudem war er nicht erschöpft, sondern fühlte sich erfrischt, körperlich erfrischt, weswegen er nicht schlafen konnte in der Nacht. Seelisch fühlte er sich ausgebrannt, Das Warten, das Wissen, die Angst begleiteten ihn stetig. /Ich will nicht der Letzte sein, aber... ich werde es sein, die Steine haben sich für mich entschieden, nicht wahr? Sie haben beschlossen, dass ich es sein werde./

Er schmiegte seinen nackten Körper frisch geduscht und von dem vielen kalten Wasser, mit dem er die Hitze aus sich vertrieben hatte, noch bibbernd an Pauls schlanke Gestalt heran und legte sich halb auf ihn drauf, ließ sich von den geschickten Händen streicheln und aufwärmen. Mateo hätte ihn gern noch einmal geliebt, aber er war zu sehr in Erwartung des nächsten und letzten Anfalls, als dass er sich hätte fallen lassen können. Die Nähe und Zuversicht, die Paul ihm zu geben versuchte, reichte ihm allein schon aus. Endlich, am Mittag des nächsten Tages fielen Mateo die Augen zu.

Paul hielt ihn einfach und gab ihm all die Liebe und Nähe, zu der er fähig war. Viel mehr konnte er nicht tun, und es trieb ihn fast in den Wahnsinn. Es war nahezu unerträglich, Mateo leiden zu sehen und dabei so hilflos zu sein. Es tat ihm körperlich weh, wenn sein Geliebter sich in diesem inneren Feuer wand, wenn er den Schmerz in den dunklen Augen sehen konnte, ein Flehen nach Hilfe, die er ihm nicht geben konnte, und wenn er es sich noch so sehr wünschte.

/Wenn es doch nur endlich vorbei wäre. Wenn nur endlich der letzte Torhüter auch schon tot wäre!/ Er wusste, er sollte nicht so denken, doch er konnte nur müde feststellen, dass er im Gegensatz zu den anderen diesen einen Tod herbeisehnte. Wenn endlich der gehetzte Ausdruck wieder aus Mateos Gesicht verschwinden würde, die Anspannung des Wartens.

Verzweiflung brach über ihn herein, während er regungslos auf dem Bett lag und das geringe Gewicht seines Geliebten auf sich spürte. Wenn der letzte Torhüter umgebracht worden war, würde der Mephare zu ihnen kommen. Sicher, unaufhaltsam, grausam, kalt. Aus welchen Gründen er tat, was er tat, und ob er an die Prophezeiungen, von denen ihm seine Schwester erzählt hatte, glaubte, war gleichgültig. Er würde kommen, um ihm Mateo wegzunehmen, und Paul wusste nicht, ob er noch einmal die Kraft haben würde, ihn aufzuhalten.

Sein Geliebter würde dann das einzige Ziel sein, was noch bliebe und dementsprechend hartnäckig würde der Mörder sein. Es würde keine anderen mehr geben, die er vorher auswählen konnte. Und wie stark der Mephare war, hatte Paul zu Genüge antesten können. Wenn es hart auf hart käme, bezweifelte er, dass er ihm gewachsen war. /Aber was soll ich tun? Ich kann Mateo nicht sterben lassen! Einen Mephare zu töten, ist so schwierig, nahezu unmöglich; es sei denn, ich nähme seine Seele. Aber ich bin zu jung, eher nähme er meine. Er hat bewiesen, dass er über Leichen geht, um sein Ziel zu erreichen. Himmel, so viele sind tot! Bald ist wirklich nur noch Mateo übrig.../

Es gab nur eine Hoffnung, eine einzige Hoffnung, die er und Mateo für ein Leben zusammen hatten. /Wir müssen diesen Kompass zusammenbauen. Vielleicht hilft er uns weiter. Vielleicht gibt es dort eine Lösung. Und wenn es nur ein zeitweiliges Tor wäre, mit dem ich einen Torhüter mit nach drüben nehmen könnte. Dann wären alle Brücken abgebrochen. Dann wäre mein Liebster in Sicherheit./ Er klammerte sich daran wie ein Ertrinkender und hatte doch kaum Glauben.

 

Mateo erwachte von dem letzten Anfall. Es trieb ihn in den Wahnsinn, und nur Pauls dunkle Stimme, immer dicht bei ihm, und die großen, schlanken Hände, die ihn festhielten, konnten verhindern, dass Mateo sich aufgab, in die glühenden Tiefen stürzte, in denen doch das Ende dieser schrecklichen Flammen zu warten schien.

Als er wieder zu sich kam, befand er sich in einer Wanne mit sicherlich lauwarmem, ihm eisig erscheinendem Wasser, das die Hitze aus seinem Körper nahm. Paul war da, streichelte ihn, hielt ihn fest, aber schien in Gedanken in düsteren Ländern zu sein.

Mateo konnte dem Ausdruck in den silbernen Augen ansehen, dass sein Geliebter sich mehr Sorgen machte, als erträglich war. /Ich wünschte, ich könnte dir den Kummer ersparen, die Trauer, das Leid.../ Er hob eine Hand an die Wange seines Wächters. /Ich wünschte, ich könnte dir erklären, dass du dich nicht vor dem Mörder fürchten musst, sondern... vor dem Schicksal. Habe ich überhaupt genug Mut, um das zu tun, was da von mir verlangt wird? Kann ich überhaupt stark genug sein? Warum haben die Steine mich nur ausgewählt? Warum ich?/

Er begann zu frieren und bewegte sich ein wenig, schreckte Paul auf, der ihm aus der Wanne aufzustehen half. Mateo sah am Licht, dass es entweder früher Morgen oder aber Abend sein musste. Er schenkte Paul ein kleines Lächeln, dann fragte er "Wollen wir zu dem Museum fahren und nach dem letzten Stein sehen?" Es sollte fröhlich werden, misslang ihm zu zittrig, und er konnte nicht anders, als Paul fest zu umarmen und an sich zu drücken. "Entschuldige, ich bin immer noch ein wenig... hilflos, nach dem letzten Anfall ist alles so komisch um mich herum."

Rhedyn erwiderte die Umarmung innig, presste den nackten, nassen Körper an sich und verbarg das Gesicht an Mateos Halsbeuge. Er war froh, dass es vorbei war, dass es endlich vorbei war und sein Geliebter keine Angst mehr haben und auf das nächste Feuer warten musste.

"Du vereinst jetzt die Macht aller Torhüter in dir", sagte er leise und starrte auf die zartgemusterten Fliesen der Wand. "Du wirst Zeit brauchen, dich daran zu gewöhnen. Es wird vorbei gehen."

Doch etwas in ihm begann sich zu fragen, ob es das wirklich würde. Vielleicht war die gesammelte Kraft zu viel für einen Menschen. Vielleicht brauchte es keinen Mörder, vielleicht würde die Magie ihn zerstören. /Nein. Nein! Das nicht! Ich kann... kann ich sie ihm nicht abnehmen? Wenn ich etwas von seiner Lebenskraft in mich nehme? Tyronee, sie wird Rat wissen. Wenn sie nur wiederkommen würde! Ich kann nicht zu ihr. Ich kann Mateo nicht allein lassen./

Blind angelte er nach einem großen Badetuch und legte es seinem Schatz um die Schultern, trocknete seinen Rücken und den Hintern ab, ohne ihn loszulassen, dann wickelte er ihn komplett ein. "Bevor wir irgendwohin gehen, wirst du dich erst mal erholen. Keine Widerrede. Soll ich dir etwas zu essen machen? Hast du Durst?"

Einen Vorteil hatte es noch, dass die anderen Torhüter tot waren, fiel ihm mit einem Mal ein, und brachte ihn zu einem schmalen Lächeln. Immerhin konnte der Mörder kein Tor mehr benutzen, um dann unmittelbar neben Mateo aufzutauchen. Zwar konnten Mephare schnell und unkompliziert von einem Ort zum nächsten gelangen, doch es war eine Chance. Wenn sie immer in Bewegung blieben... /Er ruht sich jetzt ein wenig aus, so viel Zeit muss sein. Dann werden wir den Stein holen und die Insel direkt danach verlassen. Nie länger als zwei Tage am gleichen Ort, das gibt uns eine Chance und vielleicht genügend Zeit, bis Mateo das Rätsel dieses Kompasses lüften kann. So schnell bekommt der Mörder uns nicht. So schnell geben wir nicht auf!/

"Ich haben keine Hunger, danke." Mateo bewegte seine Finger vorsichtig und stellte fest, dass er sich schon wieder so fühlte, als hätte er übermäßig viel Koffein zu sich genommen, als hätte er einen Berg erklommen, einen Marathon hinter sich gebracht. Seine innere Erschöpfung wurde von einem Energieüberschuss mehr als ausgeglichen. Seufzend ging er in den Wohnraum, schlang das Handtuch um seine Hüften und blätterte in den Übersetzungen, die sich um die Tore drehten und um die Steine. Er konnte jetzt nicht aufhören nachzuforschen.

Paul seufzte, und während er sich mit beiden Händen das braune Haar aus dem Gesicht strich, wurde es wieder weiß. So lange sie allein waren, war ihm als Rhedyn wohler zumute. Er konnte sich so auf seine Gefühle und Instinkte verlassen und war zudem für andere Mephare zu spüren, was vielleicht eine Warnung wäre. /Und Mateo hat gesagt, ich sollte mich nicht verstecken./ Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, als er zu seinem Schatz sah, der sich schon wieder tief über die Schriften gebeugt hatte.

Kurz ging er in die Küche, um Mateo ein Glas frischen Orangensafts zu bringen, in der Hoffnung, dass dieser es nicht vergessen würde, und setzte sich dann ihm gegenüber hin, die Arme auf dem Tisch gekreuzt, das Kinn auf die Hände gelegt. Eine Weile sah er ihm stumm zu, genoss einfach den momentanen Frieden, die Ruhe, die dennoch durch Mateos leicht gehetzten, ein wenig ängstlichen Ausdruck gestört wurde.

"Und? Kommst du weiter? Was sagen die Schriften noch?", fragte er schließlich. Es ärgerte ihn, dass er nie Spanisch gelernt hatte. Viele der interessantesten Texte waren für ihn nicht zu entziffern.

Mateo sah auf und in Pauls Augen. Er wusste, dass er rot wurde, wenn er log, aber er lächelte nur und sagte "Ich lese eigentlich nur nach, wo der Dorfälteste zu finden ist, der uns den Stein vielleicht überlassen kann. Ich kann ihn doch nicht einfach stehlen. Diese Liana, die Feindin meiner Mutter sozusagen, hat ein Interview mit dem Mann geführt. Leider lese ich hier, dass er schon siebzig war damals. Was meinst du, ob er noch lebt?" Er entdeckte den Saft und nahm einen großen Schluck, bevor ihm auffiel, dass er nur ein Handtuch um hatte. "Paul, du hättest mir sagen können, dass ich vergessen habe, mich anzuziehen!"

Rhedyn grinste, als er seinen Blick über Mateos nackte Brust schweifen ließ. "Warum? Ich mag das. Du bist schön. Außerdem weiß ich, wie du nackt aussiehst." Sein Grinsen vertiefte sich noch, als er aufstand, hinter Mateo trat und dessen Oberarme umfing. Sich vorbeugend küsste er ihn auf die Schulter. "Ich weiß auch, wie du dich nackt anfühlst und wie du klingen kannst. Außerdem ist hier niemand außer uns. Warum sollte es dich stören? Noch sind wir nicht unterwegs."

Mateo stand seufzend auf, wand sich aus Pauls Armen frei und ging in den Schlafraum hinüber. "Das bin ich aber nicht. Ich bin nicht mutig, nicht freizügig. Ich... ich bin nicht... so, wie du mich ansiehst."

Er wählte eine leichte Hose aus dunklem Stoff aus und ein braunes Hemd. Kleidung, die fast zu warm war, aber er fühlte sich ohnehin nicht abhängig von Temperaturen. Nachdenklich berührte er die Schranktüren und spürte ein leichtes Kribbeln in seinen Fingerspitzen. /Kann ich wirklich durch mich selber hindurchschreiten? Aber in den Schriften war es anders erklärt. Dort stand, dass ich nicht gehen darf, wenn ich den Kompass nicht als Führung habe. Ansonsten gehe ich verloren./ Er warf einen Blick auf Paul und erschauderte. Er wollte ihm nicht verloren gehen, niemals. Dies führte seine Gedanken jedoch weiter dazu, was er sicherlich tun würde, früher oder später, unweigerlich. Die Steine hatten ihn erwählt.

"Paul, das Warten macht mich wahnsinnig. Lass uns doch schon jetzt zu diesem Museum fahren. Ich will sehen, ob sie den letzten Teil haben." Verwirrt hielt Mateo inne, um nach draußen zu sehen, welche Tageszeit herrschte. Ein Blick auf seine Uhr sagte ihm, dass es Mittag sein musste.

Er ging zu den Zetteln und suchte die Karten heraus, die Theo ihnen in England mitgegeben hatte. Der Mann hatte darauf die Inseln vermerkt und verglichen. Auf ihrer Insel war das Museum eingezeichnet, auf einer Nachbarinsel ein aktiver Vulkan. Mateo berührte die krakelig gezeichneten Flammen mit den Fingerspitzen. "Es ist sicherlich heiß draußen, aber ich kann nicht mehr warten, und mit dem Schwitzen kennt mein Körper sich gut aus mittlerweile."

Eine ganze Weile sah Rhedyn ihn nur stumm an und antwortete nicht. Das Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden. /Er ist nicht so, wie ich ihn ansehe. Nein, im Moment ist er das ganz und gar nicht./ Etwas war an Mateo, das ihn nervös machte. Etwas, das dieser vor ihm verbarg. Als wüsste er etwas, das Rhedyn nicht sehen konnte, aber sehen sollte. /Was ist es? Sprich mit mir, Mateo!/

Doch schließlich nickte er lediglich langsam und verschwand im Schlafzimmer, um sich anzuziehen. /Vielleicht ist es die Kraft in ihm, die mich so unruhig werden lässt/, versuchte er sich zu beruhigen. Aber das war es nicht. Er konnte es fühlen, drückend, bedrohlich, und das schon seit geraumer Zeit. Ihm war, als würde sein Geliebter sich weiter und weiter von ihm entfernen, obwohl oder vielleicht auch weil sie sich erst vor kurzem wirklich gefunden hatten. Als gäbe es einen Sog, der sie unaufhaltsam voneinander zu trennen versuchte. Ein Sog, den er nicht beschreiben, nicht fassen, nicht greifen konnte, der jedoch ebenso vorhanden war wie die Luft. Es war nicht die Gefahr durch den Mörder, es war etwas anderes, etwas wesentlich Essentielleres.

/Ich muss mit Mateo reden/, dachte er, während er in eine helle Jeans und ein grünes, schlichtes T-Shirt schlüpfte. Es hatte nie zu etwas Gutem geführt, wenn er seine Instinkten ignorierte. /Aber nicht heute. Heute hat er genug durchgemacht. Ich werde ihn morgen fragen./

Nur wenig später kam er wieder ins Wohnzimmer und holte sein Portemonnaie aus der Kommode, um es in einer der hinteren Jeanstaschen zu verstauen. "Okay, ich bin so weit, Engel. Lass uns gehen."

Mateo gestand es sich ein. Er belauerte Paul regelrecht. Nach Anzeichen, dass sein Geliebter wusste, dass er vielleicht nur ahnte, was er vorhaben könnte. Er fühlte sich schrecklich dabei, aber nichts in der Welt konnte ihn dazu bringen, Paul zu verraten, dass er erfahren hatte, was ihm bevorstand.

Die Fahrt führte auf einer Schotterstrasse durch den tropischen Palmenwald, an Bananenstauden vorbei und an kleinen Baracken, in denen man Obst und kitschigen Schmuck aus Muscheln erstehen konnte. Der Jeep war unbequem, Mateos Haare wurden verweht, seine Augen brannten, und er schwitzte in der Mittagssonne, die ihnen auf den Kopf brannte. Zudem war die Fahrt länger, als er gedacht hatte, aber Paul und er redeten nicht, und sein Freund streichelte ihn die ganze Zeit über leicht im Nacken durch die Haare, was es erträglich machte.

Er konnte zwar bei dem Fahrtwind auch nicht in den Zetteln lesen, sich wieder und wieder davon überzeugen, dass seine Überlegungen einfach richtig sein mussten, aber dafür konnte Mateo die fünf Steine zusammenlegen. So oft, bis er es im Dunkeln konnte. Er fühlte auch, dass sie ihm gehorchen würden und hoffte, dass Paul dies nicht spürte.

Sein Wächter musste zwangsläufig in der Gestalt des Menschen fahren, und Mateos Hoffnung ruhte darauf, dass dies seine Sinne schwächte. /Ich will ihn betrügen, um seiner Selbst Willen? Für seine Welt? Für die beiden Welten? Ich weiß nur nicht, ob ich es wirklich schaffen werde. Bin ich stark genug? Es wird soviel von mir verlangt, von mir ausgerechnet!/ Aber er hatte überlebt. Der letzte Torhüter, und ihm kam diese Aufgabe zu, ob er sie wollte oder nicht.

Das Museum befand sich in einem kitschig roséfarbenem Gebäude und hatte noch nicht geöffnet, sondern laut einem Schild bis vier am Nachmittag eine Ruhestunde. Mateo starrte die Holztafel an und wandte sich dann ärgerlich ab. Furcht kroch ihm auf den Nerven entlang, machte ihn kribbelig, und zugleich stellte sich nach und nach eine Taubheit gegen seine Angst ein, die ihm wiederum noch mehr Angst machte, weil er wusste, dass Paul sie spüren würde. "Noch zu. Schade. Da werden wir uns hier wohl die Zeit ein wenig vertreiben müssen."

Mateo ging mit schnellen Schritten von dem Museum fort, bevor er aus Nervosität heraus versuchen würde, durch ein Fenster nach dem Stein zu spähen. Um das Gebäude herum waren einige Touristenfallen aufgebaut, ein Café, in dem man die exotischen Cocktails trinken konnte, zwei Taucherbedarfsläden und ein kleiner Laden, der denselben Muschelkitsch verkaufte wie in jedem Urlaubsort. Andere Urlauber und eine Tauchergruppe saßen unter den schattenspendenen Palmwedelschirmen und unterhielten sich über den Fischreichtum des nahen Riffs. Sich zu einem Schlendergang zwingend begann Mateo, sich die Kleinigkeiten anzusehen, die in dem offenen Juwelierslädchen angeboten wurden.

Paul folgte ihm, während er seinen Freund beobachtete, weniger, um ihn in Sicherheit zu wissen, als vielmehr, weil er etwas spürte, das von Moment zu Moment stärker zu werden schien. Angst, Kälte, Entfernung, Sehnsucht... Er konnte es nicht sagen, doch es machte ihn verrückt. Wie durch eine milchige Scheibe, die seine Gefühle und seine Sicht vernebelte, registrierte er die angespannten Schultern, den ein wenig steifen Gang seines Geliebten, die Miene, die ruhig zu wirken versuchte und doch leicht verkniffen war. Die Dunkelheit, welche die braunen Augen umwölkte, bis sie ihren samtigen Schimmer verloren und nur noch matt wirkten.

Die Mischung aus Ungeduld und Angst, die sich in Mateos Gesicht gezeigt hatte, als sie vor dem Museum gestanden hatten, kam ihm wieder ins Gedächtnis. /Er will den Stein und hat gleichzeitig Angst davor. Als würde etwas Unangenehmes auf ihn warten, das er so schnell wie möglich hinter sich bringen will, da er keine Wahl hat./ Keine Wahl? Unvermittelt fiel ihm ein, was Tyronee ihm erzählt hatte. /Eine Prophezeiung. Hat etwa... Nein, das kann nicht sein! Stand etwas in den Schriften? Wieso kann ich kein Spanisch?! Verdammt! Stand dort etwas zu dieser unmöglichen, absurden Theorie, und er meint, er müsste.../

Die angstvolle Kälte, die schleichend durch ihn hindurchkroch, verdrängte die Hitze der Mittagssonne vollkommen. "Mateo?" Seine Lippen fühlten sich an, als seien sie taub und steif geworden, kaum in der Lage, den geliebten Namen zu formen.

Mateo vernahm Pauls Frage und entdeckte gleichzeitig das, was er unbewusst vermutlich gesucht hatte. Mit einem kleinen Lächeln zeigte er auf den Korb mit den schwarzen Perlen, die in zierliche silberne Anhänger gefasst waren. "Ich... bin gleich bei dir, Paul."

Aufgeregt begann Mateo, mit der dicken Verkäuferin zu feilschen. Das war eines der wenigen Dinge, die seine Mutter ihm vermacht hatte. Das zähe geschäftliche Interesse. Am Ende bekam er eine schöne gefasste Perle und eine Kette zu wenig über dem von ihm vorgeschlagenen Preis. Langsam, seine Neuerwerbung in der Hand verbergend, trat er zu Paul. "Ja? Was wolltest du fragen? Entschuldige, die wollte ich schon so lange gern haben."

Paul hielt sich nicht mit langen Vorreden und Entschuldigungen auf. Seine Angst war zu groß geworden. Mit einem Mal sah er die Möglichkeit nur zu deutlich vor sich, dass er seinen Geliebten verlieren würde, wenn er nicht aufpasste, und zwar nicht an den Mörder, sondern an eine absurde Prophezeiung.

Er packte ihn am Handgelenk und zog ihn in die nächste, ruhige Seitenstraße, drückte ihn dort gegen die Wand und sah ihm angespannt ins Gesicht. "Was stand in den Schriften? Was ist es, das dir Angst macht? Was hat es mit den Steinen auf sich? Du weißt etwas! Du versteckst etwas vor mir!"

Mateo sah ihn einen Augenblick lang an, dann hielt er ihm die Kette vor die Augen. "Das verstecke ich. Ich möchte es dir schenken, Paul. Ich weiß, dass du keinen Schmuck trägst, aber vielleicht freust du dich trotzdem darüber, denn die Perle hat mich an dich erinnert und daran, was ich alles an dir liebe."

Blicklos starrte Paul die Kette an, dann wurde seine Miene ausdruckslos. /Warum hat es den Beigeschmack eines Abschiedsgeschenks?/ Er konnte sich nicht freuen, konnte noch nicht einmal Freude vortäuschen. Mit einem Ruck stieß er sich von der Wand, gegen die er Mateo gepresst hatte, und lehnte sich dann neben ihn, ohne ihn anzusehen. Ihm fiel auf, wie blau der Himmel war, wie weiß die Wand des gegenüber liegenden Hauses wirkte. Wie intensiv der Duft von Gewürzen vom Marktplatz herüber wehte.

"Du weichst mir aus", stellte er ruhig fest, eine Ruhe, die von schmerzender Kälte kam. "Meinst du, es sei gerechtfertigt, weil ich dir zu Beginn so viel vorgespielt habe? Glaubst du, du musst mich vor irgendetwas bewahren? Vor etwas beschützen?"

Mateo ließ die Perle sinken, strich mit den Fingerspitzen daran entlang und seufzte leise. Endlich steckte er sie in seine Brusttasche und verschloss den Knopf. "Dann bewahre ich sie bei mir auf, für später, wenn du wieder du selber bist und aufhörst, mich zu verdächtigen", erwiderte er ätzend und hasste sich zugleich dafür.

Er richtete sich gerade auf und hob den Kopf, das konnte er gut, weil er seine geringe Größe sowieso permanent ausgleichen musste. Dann verlagerte er das Gewicht der Steine in dem Rucksack auf seiner Schulter und ging über den Platz zum Museum davon. Innerlich schmerzte es ihn mehr, von Paul fortzugehen, als die Feuer ihn je geschmerzt hatten, aber er hielt nicht inne, als er den jungen Mann sah, der die roséfarbene Tür aufschloss und die ersten Urlauber in das Innere hineinließ.

Paul hatte das Gefühl, als hätte jemand sein Inneres herausgerissen. /Er weicht mir selbst jetzt noch aus! Selbst bei einer so direkten Frage! Sagt nicht nein, nicht ja, sondern stellt es hin, als sei ich verrückt. Ignoriert mich./ Er wollte Mateo hinterher rennen, ihn anhalten und durchschütteln, bis er wieder zur Vernunft kam, doch seine Beine gehorchten ihm nicht. /Warum tut er das?/

Erst, als Mateo das Gebäude fast erreicht hatte, gelang es Paul, sich aus seiner Starre zu lösen. Er eilte ihm hinterher, bis er ihn eingeholt hatte, und ging dann stumm neben ihm her, sah ihn nicht an, sagte kein Wort.

Mateo sprach den jungen Mann gleich auf die Steine an, zeigte seine Tasche, und mit einem Mal war alles leicht. Der Mann sprang vor Freude fast im Kreis und zerrte Mateo am Arm in einen Nebenraum, in dem sie anscheinend die kleinen Nummernkärtchen für ihre Stücke schrieben und neue Exponate photographierten. Zwischen Kartons mit billig aussehenden Postkarten und Plastikmuscheln für Kinder wartete Mateo dann keine fünf Minuten, und schon hatte der Mann ihm das sechste Teil gebracht und legte es vor ihn auf den Tisch. Er musste versprechen, dass er nichts stahl, damit ließ der Mann ihn in dem Raum allein, was Mateo nur recht war. Er ignorierte Paul, so abweisend er konnte. Es hatte ihn verletzt, nicht mit ihm reden zu können, aber das Geschenk hatte er ernst gemeint, auch wenn der Zeitpunkt ungünstig war, und von Paul abgelehnt zu werden, hatte ihn genauso verletzt.

Neugierig drehte er das letzte schwarze Steinstück in den Händen. Es war wirklich das fehlende Stück, es wies sogar die Markierung auf der gewölbten Seite auf, von der er vermutet hatte, dass sie dort sein musste. Mateos Atem ging unweigerlich schneller, als er die Teile der Reihenfolge nach auf den Tisch legte und sie dann mit zitternden Fingern versuchte zusammenzufügen. Die ersten fünf gingen leicht, einfach, und er spürte, wie sie sich mit einem Mal besser hielten, als seien sie leicht magnetisch geworden, nicht stark genug, um sie endgültig zu verbinden, aber das Gefühl, das sie träger voneinander abglitten, befiel ihn schon.

Bevor er jedoch das letzte Teil anfügen konnte, legte sich Pauls große Hand über seine und hielt ihn auf. Die schlanken Finger waren kälter als gewöhnlich, doch sie zitterten nicht.

"Nein", sagte Paul leise und schob den sechsten Stein an die am weitesten entfernte Stelle des Tisches, die er erreichen konnte. "Da du nicht mit mir sprichst, kann ich nicht wissen, was passiert, wenn sie vereint sind. Vielleicht geschieht gar nichts, und ich mache mich zum Narren. Vielleicht löst du dich aber auch auf oder wirst an einen Ort transportiert, den ich nicht erreichen kann, weil du das letzte Tor bist. Vielleicht geschieht etwas vollkommen Anderes. Du scheinst es zu wissen, ich nicht. Aber gleichgültig, was es ist, so lasse ich das Risiko nicht zu."

Er hatte keine Ahnung, ob er es überhaupt zulassen wollte oder Mateo nicht einfach das sechste Stück wegnehmen, bis dieser ihm geantwortet hatte. Die Macht dazu hatte er, auch wenn er es hassen würde, sie gegen ihn einzusetzen. Doch etwas anderes war ihm sehr viel wichtiger. "Ich will auf gar keinen Fall, dass wir uns so trennen, wenn es denn eine Trennung wäre. Lieber mache ich mich lächerlich, als das zu riskieren."


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