Torhüter

22.

Mateo spürte, wie eine ekelhafte Kälte in ihm aufstieg. Er war so kurz davor, vor dem, was ihm mehr Angst machte als jede einzelne der Hitzeattacken, und Paul hielt ihn auf, machte es schwerer für ihn. Er behinderte ihn, wo er lieber neutrale Unterstützung gebraucht hätte. Es machte ihn wider Willen wütend, weil er ihn trotzdem liebte, weil er verstand, was Paul tat und warum. Dennoch war es das Falsche.

Er wandte sich von ihm ab und entzog ihm die Hände mit einer harschen Geste. "Lass mich dies in Ruhe tun. Ich weiß selber nicht, wohin es führt, aber ich weiß, dass ich es tun muss!"

Paul zuckte zusammen. Langsam ließ er die Arme sinken und trat einen Schritt zurück, das Gesicht aschgrau. /So, dir sind diese verdammten Steine und was man damit erreichen kann also wichtiger als ich?/ Selten hatte ihn etwas mehr verletzt als diese Worte und der Ton dabei. /Schnell. Schnell! Selbst wenn du Angst hast, selbst wenn es wichtig wäre. Ein wenig Zeit wirst du ja noch haben, oder?/

Einige Male versuchte Mateo, die sechs Teile gleichzeitig aneinander zu setzen, immer rutschte seinen kleinen Fingern jedoch eines davon. Schließlich gab er frustriert auf und sank vor den Teilen auf den Hocker, um seine Brille abzunehmen und sich durch die Haare zu raufen. Mit kleiner, leiser Stimme fragte er dann "Ich nehme an, dass du mir nicht helfen wirst?"

"Ich nehme an, dass du mir nichts sagen willst?", fragte Paul kühl. Die Erleichterung, dass nichts geschehen war, dass sich die Steine nicht zusammenfügen ließen, schien ihm alle Kraft geraubt zu haben. Dennoch brannte Mateos harsche Zurückweisung nach wie vor.

Mateo schüttelte den Kopf. Er schob die Teile noch einmal gegeneinander, dann flüsterte er "Meine Hände sind zu klein, meine Finger... sie sind zu kurz. Sie haben sich geirrt, müssen sich geirrt haben, wenn ich nicht mal das hier schaffe..." Tränen brannten in seinen Augen, und er wischte sich hastig mit dem Handrücken darüber. "Sie irren sich... irren sich in mir..." /Genau wie du, weil du denkst, dass ich bin wie du, dass ich lüge wie du, um etwas zu erreichen./

Paul zuckte steif mit den Schultern. "Ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht weiß, worum es geht." Mateos zurückgehaltenen Tränen schmerzten ihn, wie es ihn immer schmerzte, wenn sein Freund verletzt war. Doch er konnte es nicht ändern. Er konnte ihn nicht in den Arm nehmen, wie er es doch gerne getan hätte, konnte ihm nicht sagen, dass es funktionieren würde, auch wenn eine Stimme in seinem Inneren ihn anschrie, dass er etwas tun sollte. /Nein. Dieses Mal nicht./ "Vielleicht kannst du ja eine Erlaubnis bekommen, dass du diesen unendlich kostbaren Stein mit in den Bungalow nehmen kannst, um dort mit ihm zu experimentieren."

"Nein. Du... musst mir helfen, nur dieses eine Mal. Vertrauen... ach nein, das kannst du nicht." Mateo breitete seine Finger über den Teilen aus. "Sie sind nicht einfach Sachen, sie sind lebendig und haben einen Willen. Ich dachte, dass du es vielleicht auch fühlst. Sie müssen zusammengesetzt werden, alle auf einmal. Von mir. Hier und jetzt. Nur dass ich zu klein bin."

"Vertrauen?" Pauls Augen verengten sich, Zorn wallte in ihm auf. Er packte Mateo unsanft und zog ihn von den Steinen zurück, drehte ihn zu sich um, so dass er ihm ins Gesicht sehen konnte. "Ausgerechnet du wirfst mir fehlendes Vertrauen vor? Ich habe dir alles anvertraut. Du weißt, wer ich bin. Du weißt, wo ich herkomme. Du weißt, was ich bin. Derjenige, der nicht vertraut, das bist du. Du weißt etwas über diese Steine, du weißt etwas über ihre Bestimmung. Ich kann deine Angst förmlich riechen! Doch du sagst nichts. Kein Wort. Du weichst mir aus, wenn ich dich direkt frage. Nennst du das Vertrauen? Ich weiß nicht, was passiert, wenn du sie zusammenlegst. Ich weiß nicht, was du erreichen willst. Ich sehe dich täglich mit etwas kämpfen, was du mir nicht sagen willst. Etwas, das dir Angst macht. Ich würde dir gerne helfen, Mateo, aber ich weiß nicht wie! Du sperrst mich aus. Und dann wirfst du mir mangelndes Vertrauen vor?"

Mateo riss erschrocken und verwirrt die Augen auf, seine Brille lag, ihm aus der Hand gerutscht, noch immer neben den Steinen auf dem Tisch. Verstört versuchte er das Abbild seines Geliebten scharf zu stellen. /Wut? Er ist wütend auf mich? Er versteht mich nicht, aber... ich kann es nicht ändern. Ihm zu sagen, dass die Steine... das wird nichts ändern, und er... wird mir nicht helfen./ Er fühlte sich unnatürlich ruhig, während er Paul ins Gesicht sah, sich aus dem schmerzlich festen Griff frei wand, sich dann abwendete. "Was willst du tun? Deine Macht einsetzen gegen mich? Mich umbringen, damit ich die Steine nicht zusammenbringe?" Er ging auf den Tisch zu.

"Ich will, dass du mit mir sprichst, verdammt noch mal!" Unwillkürlich war Paul lauter geworden. Er presste die Zähne zusammen und dämpfte seine Stimme zu einem normalen Maß. "Ich weiß nichts! Außer, dass du dich verhältst, als wärest du nicht mehr ganz bei Sinnen. Und ja, wenn es sein muss, beschütze ich dich auch vor dir selber, es sei denn, du gibst mir einen verdammt guten Grund!" Er kam sich vor, als wäre er allein und führte Selbstgespräche. Mateo schien vollkommen besessen von diesen Steinen zu sein!

Mateo bekam Angst. Angst vor Paul, was er niemals für möglich gehalten hätte. /Er ist so wütend. Habe ich mich getäuscht? Das kann nicht sein./ "Ich weiß nichts, Paul. Ich kann dir nichts sagen. Ich weiß nur, dass sie zusammengehören!" Hastig setzte er seine Brille auf und warf die Steine in den Rucksack. Sein Herz hämmerte in seinem Brustkorb, während er versuchte, sich zu beruhigen, während er versuchte, seine Gedanken zu ordnen.

"Mateo, du bist besessen! Du hast keine Ahnung, was passiert, wenn du sie zusammenfügst. Aber du weist mich zurück, wenn ich mit dir reden möchte, bevor du es tust!" Etwas in Mateos Blick ließ Paul innehalten. Etwas, das er nur zu gut kannte und dessen Fehlen in diesen Augen ihm immer wunderbar erschienen war. Sein Geliebter hatte Angst vor ihm. /Ich würde ihm nie etwas tun. Ich würde ihn von den Steinen fernhalten, aber ich würde ihn nie verletzen. Das sollte er wissen! Vertrauen... Nein, er weiß nicht, was das ist./

Seine Schultern sanken herab, der Zorn wich und machte schmerzhafter Leere Platz. "Diese Steine machen mir Angst, Mateo. Zu Beginn dachte ich, dass sie vielleicht ein Weg aus dieser Lage wären, doch sie scheinen alles zu sein, an was du denken kannst. Wenn du wirklich nichts weißt, warum versuchst du dann derart verzweifelt, sie zueinander zu bringen? Derart verzweifelt, dass du nicht einmal die Zeit hast, dass wir zuvor noch einmal miteinander reden können? Siehst du nicht, dass ich mich um dich sorge? Dass ich Angst habe um dich? Angst, dich zu verlieren! Ist es so unmöglich, dass du dich nicht einmal davor wieder vertragen willst? Oder sind dir diese Steine wichtiger als ich? Sprich mit mir, lauf mir nicht weg, weiche mir nicht aus..."

Mateo hatte die beiden letzten Steine in den Händen, als ihm die Lösung einfiel. "Das ist es... so müsste es gehen." Hastig sah er sich in dem kleinen Raum um. In einer Ecke war zwischen den Kartons genug Platz. Er lief hin und breitete die Steine in der richtigen Ordnung zueinander aus. Paul versuchte ihm etwas zu sagen, aber er konnte nicht zuhören. Er wusste, dass er es schaffen musste, denn bald schon würde ihn der Mut dafür verlassen, und außerdem würde vielleicht das passieren, was in den Schriften stand. Die Welten würden sich voneinander lösen, und ihn würde dieser Vorgang zerreißen.

/Die Tore, sie sind nicht nur Wege, sondern auch Verbindungen, um die Welten zusammen zu halten. Jetzt bin ich die letzte Verbindung. Noch bin ich ja stark, von all der Energie der anderen, noch kann ich sie halten, aber... wie lange?/ Hastig zerrte er sich die Sandalen von den Füssen und setzte sich. /Paul will mir nicht nur nicht helfen, er darf es gar nicht. Er darf die Steine nicht berühren. Ich muss es allein schaffen. Werde ich auch./ Entschlossen reckte Mateo seinen Rücken und schob sich die Brille zurecht. "So geht es."

Paul starrte den Mann an, der ihm mit einem Mal so weit entfernt, so fremd erschien. /Er nimmt mich nicht einmal mehr wahr. Ich muss ihn da raus holen! Ich lasse nicht zu, dass er etwas tut, was ihn umbringt. Wenn er etwas weiß, dann soll er es mir sagen, es mir erklären. So lasse ich ihn nicht gehen. Oder Dinge zusammensetzen, die alles mögliche sein können. Es tut mir leid, Mateo./

Paul beugte sich über ihn, nahm einen der Steine weg und trat rasch einen Schritt zurück. "Ich habe dir gesagt, dass ich dich schütze. Habe das dir, aber auch mir versprochen. Und wenn du dich weiterhin so verhältst, als wärest du nicht du selber, dann werde ich dieses Stück nehmen, über den Ozean bringen und fallen lassen. Es ist mir ernst damit."

Mateo sah sich nicht nach ihm um, sondern starrte auf die Stelle, an der eben gerade noch die Lösung für all die Probleme gelegen hatte. Sein Mut, eben gerade noch übermächtig in ihm, seine Entschlossenheit, gerade noch unbeirrbar, fielen genau wie er in sich zusammen. Mühsam beherrscht verlangte er mit heiserer Stimme "Leg den Stein zurück, bevor es zu spät ist."

"Wofür zu spät? Zu spät für was?" Paul ließ den Stein in seine Hosentasche gleiten und hockte bei Mateo nieder. Er packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn. "Komm wieder zu dir!" Verzweiflung erfasste ihn, heiß und kalt und schwarz. Mateos Stimme ließ einen Schauer über seinen Rücken laufen, er wollte ihn zurück haben, verfluchte die Tore, die Wächter, den Mörder, die Steine, als er ihn erneut schüttelte, ohne zu wissen, was er sonst tun konnte. Es schien nichts zu geben; niemals in seinem Leben hatte er sich derart hilflos, derart ausgeliefert gefühlt. "Mateo, komm zu dir! Hör auf damit!"

"Ich weiß nicht was, verdammt noch mal! Ich weiß es nicht, aber ich will nicht untätig sein, wenn in all den Schriften steht, dass diese gottverdammten Steine zusammengesetzt werden müssen, vom letzten der Tore, das bin nun mal ich, ob ich will oder nicht, um die Wege für die verdammten Welten neu zu bahnen! Oder... oder die Welten reißen auseinander und mich zerreißen sie auch, verdammt!" Mateo schrie, aber er konnte nicht mehr anders, es trieb ihn in den Wahnsinn, dass ausgerechnet Paul ihn aufhielt. Er sah sich noch immer nicht um, beschützend hatte er die Arme um die verbliebenen Steine gelegt. "Ich weiß nicht, was passieren wird, aber es muss passieren, das weiß ich sehr, sehr gut. Jetzt gib mir den verdammten Stein und fass mich nicht an!"

"Und woher willst du wissen, dass es richtig ist? Woher willst du wissen, dass deine Schriften nicht lügen? Woher willst du wissen, dass diese Steine nicht lediglich das letzte der Tore zerstören und die Welten vernichten?" Auch Paul war mittlerweile laut geworden. "Ich bin dein Wächter, Mateo! Ich bin nicht hier, um dich offenen Auges in den Untergang rennen zu lassen!" Wächter... und mehr noch, sein Geliebter.

Er bemerkte, dass sein Griff für Mateo schmerzhaft sein musste, doch es kostete Kraft, ihn lösen. Kraft, die er fast nicht aufbringen konnte. Als hieße es, ihn für immer loszulassen. "Mateo, ich will... ich will dir nicht im Weg stehen. Aber ich will dich auch nicht in deinen Tod laufen lassen. Warum hast du... mir nicht früher etwas gesagt?"

Paul schloss die Augen, als er Tränen spürte, während er den Stein aus der Tasche holte. Wenn wirklich etwas geschehen würde, wenn Mateo starb, wenn er verschwand, wenn er sich verwandelte oder wenn er sich auflöste, hatte er ihm nicht einmal mehr die Möglichkeit gegeben, sich in Liebe zu trennen. Vielleicht war das der Gedanke, der am meisten schmerzte. Streit, Unverständnis. Nicht einmal mehr die wenigen Augenblicke für ein Gespräch. All die Zeit, die sie sich jetzt um die Steine gestritten hatten, hätten sie reden können. Doch Mateo war blind, besessen, nahe am Durchdrehen.

/Warum gebe ich ihm das Stück dann?/, fragte er sich. /Weil er aussieht, als würde er jeden Moment zerbrechen. Weil du keine Wahl hast. Du hast alles getan, was du konntest, außer die Steine zu vernichten. Und wenn du das jetzt tust, verlierst du ihn auch./ Oft genug hatte er diesen Ausdruck in den Augen von Menschen gesehen, oft genug die Folgen erlebt.

Er legte den Stein neben Mateos Bein, dann stand er auf und trat zurück. "Ich liebe dich", sagte er rau und war sich sicher, dass Mateo ihn nicht einmal bemerkt hätte, wenn er es ihm ins Ohr gebrüllt hätte.

Mateo seufzte, raffte den Stein zu den anderen in den Kreis zurück und murmelte undeutlich "Danke", war aber schon damit beschäftigt, sie mit Hilfe der Füße und Hände zusammenzuschieben. Noch immer war es mühsam, und er fühlte sich dumm. Dumm und ungeschickt und klein und undankbar. Pauls anklagende Blicke lasteten auf ihm, seine Worte, undeutlich und wie durch Nebel gesprochen, waren wie eine Verurteilung. Er hatte nicht wirklich aufgepasst, und genau in diesem Augenblick schafften seine Finger es, die Teile gleichzeitig zusammenzubringen.

Mit einem dumpfen Laut, viel schwerer und lauter als zu den kleinen Bruchstücken passend, verbanden sie sich, und die feinen Kennzeichnungen auf der gewölbten Seite begannen sich auszudehnen, das ganze Artefakt schien sich auseinander zu ziehen. Überrumpelt drehte Mateo die zwei ersten Linien so, wie es auf der Zeichnung erklärt war, so dass sie einander überlagerten, wenn er im rechten Winkel darauf blickte, und in dem Moment schoss ein Licht aus den schwarzen Tiefen auf ihn zu, gleich darauf wurde es Nacht um ihn her, obwohl er wach war. Er fiel, ohne aufzukommen und mit einem Mal rückte die Welt sich wieder zurecht, er spürte festen Boden unter sich. Zittrig kam er auf die Füße. Nichts war um ihn zu sehen, nichts zu fühlen, zu hören, er wusste nicht, wo oben war, wo unten war, konnte nichts erkennen.

Doch als er seine Augen zusammenkniff, bemerkte er mit einem Mal die helle Linie. Die dritte Linie breitete sich gleich neben ihm aus. Hastig lief er, barfuss und ohne zu wissen, was passieren würde, an der Linie entlang, bis sich die Nacht hob, und er wie aus einem zähen Moorbad gezogen auf schwarzes Vulkangestein geschleudert wurde.

Keuchend blieb er liegen und sah sich dann vorsichtig an seiner Brille schiebend um. Er war auf einem Sims aus schwarzem Vulkangestein, und es war heiß. Unangenehm heiß für seine Füße. Zischend drängte er sich weiter fort und stieß an eine Wand an. /Oh nein. Ich bin... ich... bin in einem Vulkan herausgekommen./ "Verdammt, ich hab es falsch gemacht!"

 

Dunkelheit brach über Paul herein und ließ ihn taumeln. Er brauchte nur einen Wimpernschlag, um zu Rhedyn zu werden, doch auch seine silbernen Augen konnten die Schwärze nicht durchdringen. "Mateo!" Hitze schlug ihm entgegen, als er versuchte, zu der Stelle zu gelangen, an der er seinen Geliebten wusste; die Luft selbst schien massiv zu werden, einen eigenen Willen zu entwickeln, um ihn zurückzuhalten. "Mateo!!"

Panik durchflutete ihn, als er gegen das unsichtbare Hindernis ankämpfte. Für einen Moment schien er Erfolg zu haben, als die Barriere wich und ihn nach vorne taumeln ließ. Beinahe wäre er gefallen, doch es gelang ihm, sich abzufangen. Gleichzeitig wich die Dunkelheit, das Licht kehrte zurück.

Mateo war verschwunden.

Eisige Kälte kroch durch Rhedyn hindurch und presste ihm das Herz zusammen, als er trotzdem zu der Ecke stürzte und sie absuchte, sogar in der Spalte hinter den Aktenschränken nachschaute und die wieder getrennt liegenden Bruchstücke der verfluchten Steine anhob. Vergeblich. /Ich hätte nicht nachgeben dürfen!/ Verzweifelt ließ er seinen Blick durch den Raum gleiten, als ob dieser ihm einen Anhaltspunkt geben könnte, wo sich sein Geliebter jetzt befand oder als ob Mateo wieder auftauchen würde, wenn er nur innig genug abstritt, dass er nicht mehr hier war.

/Verdammt, er kann sich nicht alleine schützen! Einem Mephare ist er hilflos ausgeliefert! Oder wenn er an einem lebensfeindlichem Ort gelandet ist? Wenn ihn dieses Ding in eine Wüste geschickt hat? Oder ins ewige Eis? In das Innere der Erde?/

Mit zusammengebissenen Zähnen stützte er sich auf den Tisch, auf dem sie die Steine zuerst ausgebreitet hatten, starrte auf das zerschrammte Holz unter seinen schwarzen Händen und zwang sich, tief durchzuatmen. Nie war ihm mehr als jetzt bewusst gewesen, dass er Mateo liebte, wie er nie zuvor geliebt hatte. Dass er ihn brauchte. /Ruhig. Denke nach. Es muss einen Weg geben. Doch was für einen Weg? Einen Weg wohin? Hinter Mateo her. Einen, um ihn zurückzuholen. Denke nach! Er braucht dich jetzt, du kannst dir nicht leisten, dich in Panik fallen zu lassen! Wenn dir nicht schnell etwas einfällt, verlierst du. Dann verlierst du... ihn./

Wenn ihm Mateo nur mehr gesagt hätte! Wenn er doch dessen Ausflüchten nicht immer Glaube geschenkt hätte! Den Ausflüchten, dass er nichts wusste, dass die Schriften schwer zu entziffern waren. Dass er nur Vermutungen hatte und ihm erst etwas genaueres sagen wollte, wenn er genaueres herausgefunden hatte. Vermutlich war es wirklich nicht einmal eine Lüge gewesen, dass Mateo nichts Explizites in den Andeutungen gefunden, doch Rhedyn hatte sich darauf eingelassen und nicht einmal die Vermutungen erfragt. Hatte ihm vertraut, dass er ihm früh genug mitteilen würde, was wichtig war und hatte am Anfang nicht einmal die Steine für so wichtig gehalten.

Grimmig ballte er die Hände zu Fäusten und schwor sich, dass er sich niemals wieder mit Ausflüchten ködern lassen würde. /Wenn ich ihn denn wiederfinde.../ Die Angst bescherte ihm Übelkeit; rasch konzentrierte er sich auf seinen Zorn, um sie niederzukämpfen. Mit Zorn konnte er besser umgehen. Zorn war nicht so schwer unter Kontrolle zu bekommen. Zorn war etwas, dass ihn nicht beherrschte.

Energisch stieß er sich ab und richtete sich auf, als kühle Ruhe ihn erfüllte und die Unsicherheit, die Hilflosigkeit unbarmherzig zurückgedrängt wurden. Konzentriert legte er sich zurecht, was er an Hinweisen hatte. /Der Raum, aus dem Mateo verschwunden ist. Uninteressant, es wäre überall passiert. Die Steine./

Er warf ihnen einen kurzen Blick zu, zweifelte aber daran, dass sie ihn dorthin bringen würden, wo Mateo war. Dennoch hob er sie auf, um sie mühelos auf dem Tisch zusammenzulegen. Nichts geschah; sie fielen wieder auseinander, als er sie losließ. Mit Mühe hielt er sich davon ab, sie gegen die nächste Wand zu werfen.

/Natürlich helfen sie mir nicht. Sie waren nur für Mateo. Was habe ich noch? Die Notizen. Ich kann den meisten Teil davon nicht lesen, aber einige sind zu entziffern. Nur selbst die sind zu ausführlich, um sie in kurzer Zeit zu sichten. Ich brauche Glück. Was hat Mateo mir erzählt?/ Er presste die Fingerspitzen in die Augenwinkel und dachte angestrengt nach, während Momente an ihm vorbei zogen, in denen sie sich über die alten Pergamente gebeugt hatten, in denen Mateos kleine Hand ihm Passagen gezeigt hatte und über Ortschaften gehuscht war.

/Die Karte!/ Rasch zog er die Tasche heran, die Mateo so achtlos abgestellt hatte, holte die Notizen heraus und blätterte sie durch. Es dauerte nicht lange, bis er sie gefunden hatte. Langsam atmete er aus, als sein Blick über die verblassenden Linien und Beschriftungen glitt. Inseln hoben sich aus einem Meer an schwarzen, angedeuteten Wellen. Hervorgehoben war die, auf der sich das Museum befand. Und daneben erhob sich eine zweite mit der undeutlichen Zeichnung eines Vulkans. Krakelige Flammen züngelten aus der Spitze, doch der Berg war schon seit Ewigkeiten nicht mehr aktiv gewesen. Er erinnerte sich, dass Mateo ihm erklärt hatte, dass der letzte Ausbruch Jahrtausende her war. /Jahrtausende... Und in der Schwärze, in der Mateo verschwunden ist, habe ich Hitze gespürt./

Es war ein jämmerlicher Anhaltspunkt, doch es war der einzige, den er hatte. Er raffte die Papiere zusammen, stopfte sie hastig in die Tasche zurück und warf diese auf einen der Aktenschränke empor, um sie einigermaßen in Sicherheit zu wissen, während schwarze Haut zu gebräunter, weißes Haar zu braunem wurde. Im Laufschritt verließ er das Museum und stürzte, ohne sich um die verwirrten Blicke zu kümmern, die ihm folgten, zu dem Jeep.

Er war sich sicher, jede Verkehrsregel zu brechen, als er losfuhr, Rücksicht auf niemanden nehmend. Aber was er jetzt brauchte, war ein ruhiger Ort, an dem ihn niemand beobachtete. Kaum hatte er die Stadt hinter sich gelassen, lenkte er den Wagen von der Straße herunter und ins Gelände hinein, bis er hinter kantigen, schwarzen Gesteinsbrocken außer Sicht war. Schnell zog er sich aus, warf Schuhe, T-Shirt und Shorts nach hinten in den Wagen, dann atmete er tief durch.

/Bitte, lasst es den Vulkan sein/, flehte er Götter an, an die er schon seit Jahrhunderten nicht mehr gedacht hatte, und binnen weniger Momente saß anstelle des nackten Mannes ein Falke auf dem Fahrersitz. Das Gefieder war ungewöhnlich dunkel; helle, ins Graue spielende Augen suchten kurz die Gegend ab. Krallen lösten sich von dem Ledersitz, als er mit einem kleinen Satz auf die Rückenlehne sprang, dann breitete der Vogel die Flügel aus und erhob sich mühelos in die Luft. Höher und höher schraubte er sich, ehe er nach Süden abdrehte und mit jedem Flügelschlag mehr Geschwindigkeit gewann.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh