Torhüter

23.

"Falsch?" Eine weibliche Stimme unterbrach Mateos panische Gedanken. "Nein, es war richtig. Willkommen, Mateo."

Mateo fuhr herum und wollte schon schreien, aber sah auf eine bekannte Person. "Oh... hallo. Ich hätte nicht gedacht, hier ein vertrautes Gesicht zu sehen."

Augen von einem derart hellen Silbergrau musterten ihn, dass sie fast weiß wirkten. Sie schienen in dem schwarzen Gesicht zu leuchten, unwirklich beinahe wie die eines Geistes. Schneeweißes Haar umrahmte die energischen Züge, in die weiße Brauen zwei schmale Bögen zeichneten. Eine schwarze, enge Hose und ein ebenfalls schwarzes Oberteil ließen sie vor dem dunklen Vulkangestein fast verschwinden.

/Seine Schwester. Sie warnt die Tore. Nein... Sie hat sie zu spät gewarnt, sie ist.../ Noch während er ihr zulächelte und leicht nickte, begann ein Teil von ihm etwas zu begreifen, das ihn beunruhigte.

Tyronee bewegte sich nicht und schien doch ein wenig näher zu kommen, als ihr Blick über seine Gestalt glitt. Vollkommen reglos stand sie da, als wollte sie ihn nicht erschrecken. "Ich hatte gehofft, dass du den Weg hierher findest. Du hast es geahnt, du hast die Hinweise gesehen und richtig gedeutet, nicht?"

Mateo senkte den Blick auf seine nackten Füße, schließlich, zögerlich, nickte er. Sie schwiegen beide, und Mateo versuchte, seine Gedanken zu ordnen. "Aber... ich kann es nicht tun. In den Schriften wird verlangt, dass das letzte Tor verbrannt wird, im Feuer der Erde verbrannt, das muss der Vulkan sein, das kann ich nicht. Ich werde nicht den Mut haben..." Er hatte den Kopf gehoben, aber fand, dass es ihm nicht möglich war, dem Blick aus den fast weißen Augen standzuhalten.

Langsam ging sie auf ihn zu, aus der Ferne eine hoheitsvolle, anmutige, unberührbare Gestalt, doch je näher sie kam, um so deutlicher konnte er die Müdigkeit in ihrem Gesicht erkennen. "Warum bist du dann hierher gekommen, Mateo, wenn du nicht bereit bist, den letzten Schritt zu tun? Weißt du, was auf dem Spiel steht? Weißt du, was davon abhängt?"

Mateo nickte unglücklich und flüsterte "Deswegen bin ich ja hergekommen. Ich habe... mich sogar mit Paul... mit Rhedyn gestritten deswegen. Er wollte mich einfach nicht gehen lassen und ich..." Er atmete tief ein und versuchte ihrem Blick standzuhalten. "... etwas anderes bleibt mir nicht übrig, oder? Sie haben all die anderen umgebracht, nicht? Da werde ich nicht ins Gewicht fallen, oder?" Seine Finger verkrampften sich, und er wich unwillkürlich von ihr zurück. "Ich wünschte nur, ich könnte mich entschuldigen bei ihm... ihm sagen, dass es nicht so gemeint war, dass mir nichts anderes blieb, als vor ihm zu fliehen."

Tyronee senkte den Kopf, und trotz ihres jungen Gesichts und ihres geschmeidigen Körpers wirkte sie alt wie der Fels, der sie umgab. "Du weißt nicht, wie leid es mir tut, all das hier, aber auch ich habe keine Wahl. Mephare sind nicht die gefühlslosen Mörder, als die sie gerne hingestellt werden. Wenn wir die Seelenkraft eines Sterblichen in uns aufnehmen, berührt es uns. Wir fühlen ihn, spüren ihn. Es ist keine einfache Sache. Und ich habe in der letzten Zeit viel zu viele töten müssen."

Sie lehnte sich an die warme Wand, als würde sie Halt suchen, und sah wieder auf und zu ihm hin. "Wenn ein Torhüter stirbt, geht seine Kraft auf alle über, bis ein neuer auserwählt wurde. Das kann sehr schnell geschehen, und das musste ich verhindern. Indem ich die Seelenkraft in mich aufgenommen habe, verteilte sich die Kraft des Torhüters auf die übrig gebliebenen, jedoch konnte keiner neu erwählt werden. Deswegen musste es ein Mephare sein. Deswegen musste ich es tun."

Erschöpft strich sie sich die langen, weißen Haare aus der Stirn und schloss für einen Moment die Augen. Als sie weitersprach, war ihre Stimme leise. "Um Rhedyn tut es mir leid. Du kannst stolz auf dich sein, Mateo. Mephare lieben nicht leicht, und er liebt dich mit allem, was er ist. Es tut mir weh, ihn verletzen zu müssen. Aber ich werde tun, was ich kann, um es für ihn so schmerzlos wie möglich zu halten."

Mateo schüttelte den Kopf und wich ganz an die schwarze Wand zurück. "Schmerzlos... das kann es doch nicht sein. Ich... liebe ihn auch. Ich vermisse ihn schon jetzt." Er lachte leise. "Nein, eigentlich schon, wenn wir nur in getrennten Zimmern sind, aber er... hat eine Ewigkeit vor sich, nicht wahr? Und ich hab nicht einmal auf Wiedersehen sagen können." In dem Augenblick erinnerte er sich an die Perle. Hastig, mit vor Angst und Hysterie zitternden Fingern holte er sie aus der Tasche und hielt sie in ihre Richtung. "Die wollte ich ihm schenken, zum Abschied... Natürlich wollte er sie nicht, sie nicht und den Abschied schon gerade nicht. Würden Sie ihm die Kette geben? Bitte?"

Sie nahm die Kette, und ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht, nur um wieder zu verschwinden. "Eine schwarze Perle... Ist er das für dich? Wunderschön?" Fast liebevoll strich sie mit einer Fingerkuppe über die glatte Oberfläche, ehe sie das Schmuckstück in einer Falte ihres Oberteils versenkte. "Ich werde sie ihm geben, werde ihm deinen Schmerz erklären. Er wird nicht zornig sein. Er wird es verstehen."

Dann trat sie noch näher, legte Mateo eine kühle, schlanke Hand auf die Schulter. "Es kann schmerzlos sein, auch für dich, wenn du mir vertrauen willst", sagte sie leise. "Wenn du mir den Kuss gewährst, dann wird es ein sanftes Einschlafen für dich werden. Dann habe ich die Kraft in mir, ich werde im Feuer der Erde verbrennen können und das gleiche Ziel erreichen wie du."

Mateo hatte ihr Lächeln bewundert. Ebenso wie das von Paul, von Rhedyn vielmehr war es so kostbar in dem ernsten Gesicht. Dann erreichten ihn ihre Worte, und er sah sie überrascht an. "Sie wollen sich auch noch opfern? Das... müssen Sie doch nicht. Wäre das nicht..." Ihr Blick unterbrach seine gestammelten Fragen. Müde, um all die Opfer wissend und unendlich traurig. Er seufzte leise und murmelte eine Entschuldigung. "Nein, es ist schon gut. Ich vertraue Ihnen. Sie haben mich schon einmal fast... einschlafen lassen, nicht wahr? Also müssten wir es gewohnt sein." Diese verzweifelten Versuche, einen Scherz zu machen, misslangen und taten Mateo weh. Er beschloss, nun nur noch zu schweigen.

"Ich verstehe, warum du meinem Bruder so viel bedeutest. Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg, Mateo. Ich hätte euch gerne glücklich gesehen." Sacht ließ sie ihre Finger über seine Wange gleiten, bis sie seinen Nacken fanden, dann zog sie ihn an sich, umfing ihn Halt gebend mit einem Arm. "Ich habe selten einen mutigeren Mann kennen gelernt als dich. Bist du bereit?"

Zart berührte sie mit den Lippen seine Stirn, dann wurde es dunkel um ihn.

 

Rhedyns Augen erfassten die kleine, zerklüftete Insel, Stellen, auf denen Gräser und Büsche Raum gefunden hatten, schwarzes, raues Vulkangestein. Sie war menschenleer, niemand hatte auch nur versucht, am Fuße des Berges eine Heimat zu finden. Als er sich tiefer sinken ließ, um Details ausmachen zu können, spürte er den kühlen Hauch. /Der Mörder! Ein anderer Mephare außer mir kann nicht mehr hier sein!/ Panisch hielt er Ausschau, nach irgendetwas, einem Anhaltspunkt, wo er sich verborgen haben könnte, verzweifelt hoffend, dass er nicht zu spät kommen würde. Erneut kreiste er um den Gipfel, dann fiel sein wild suchender Blick auf eine Bewegung im Kegel.

Tief unten auf einem Sims entdeckte er eine schlanke Gestalt, in dunkler Kleidung nur schwer auszumachen, doch das weiße Haar leuchtete wie die Flamme einer magischen Fackel. Und leblos in ihren Armen lag ein Körper, den er überall wiedererkannt hätte. Schmerz flutete durch Rhedyn, Angst, Zorn. Er legte die Flügel an und tauchte im Sturzflug hinab, nur ein einziger Gedanke hämmerte mit jedem Herzschlag durch ihn hindurch. /Lass es nicht zu spät sein!/

Als er näher kam, konnte er das Singen hören, ursprünglich und mit einer Macht und Reinheit, wie er es noch nie vernommen hatte. Für einen Augenblick wuschen die nur zu spürenden Töne alle Zweifel, ja jedes Gefühl aus ihm bis auf erschütternde Ehrfurcht und tiefe Ergriffenheit. Es war ihm, als müsste es so sein, als gäbe es keinen anderen Weg, als dass dieser Mann den Kuss empfing, um zu sterben.

/Es ist Mateo! Er darf nicht.../ Rhedyn breitete die Flügel erneut aus, fing seinen Fall ab, und noch während er den Sims anvisierte, auf dem sich die beiden befanden, verwandelte er sich zurück. Er spürte die Hitze kaum, die seine nackten Fußsohlen berührte, ignorierte die Schnitte, als scharfkantiger Felsen seine Haut verletzte. Geschmeidig sprang er auf, machte einen Satz auf die verschlungenen Gestalten zu.

Die Melodie verstummte in einem atemberaubenden Crescendo.

Rhedyn war, als würden sich eisige Fesseln um sein Herz legen und ihn zum Erstarren bringen. Eine schwarze Hand löste sich aus dem Haar seines Geliebten, der Kopf rollte zurück und offenbarte ein weißes Gesicht, in dem die bläulichen, gesprungenen Lippen wie Wunden wirkten. Die warmen, braunen Augen waren geschlossen, ihr todesstarrer Blick würde die Erinnerung an weichen, dunklen Samt nicht mehr vertreiben können.

/Zu spät. Mateo... warum.../ Schmerz durchflutete ihn, raubte ihm den Halt, den Atem. Nichts schien es mehr zu geben außer einer schwarzen Leere, in der nur das weiße Gesicht vor ihm trieb, leblos und ohne Kraft. /Ich habe versagt... er ist gegangen. Weg von mir./

"Rhedyn." Die Stimme seiner Schwester durchdrang die Dunkelheit, und für einen Moment spürte er die bittere Ironie, dass sie gegen den Willen des Rates zurückgekommen war, um ihm zu helfen, nur um genauso zu spät zu sein wie er.

Doch mit einem Schlag wurde sein Blick wieder klar. Seine Schwester war nicht gekommen, um ihm zu helfen. Sie stand vor ihm, hielt den toten Körper seines Geliebten in den Armen und sah ihn aus nahezu weißen Augen an, einen Ausdruck von Schmerz, Erschöpfung und dennoch Stärke in ihren vertrauten, schönen Zügen.

Wie betäubt starrte er sie an. /Tyronee!/ Ausgerechnet seine Schwester, der er vertraut hatte wie niemandem sonst, die ihn gewarnt und ihm geholfen hatte. "Du?"

Sie nickte leicht, ohne Mateo loszulassen. Es war, als hielte sie ein Kind, sacht und beschützend, doch dieses Kind, dieser Mann würde keinen Schutz mehr brauchen. "Ich hatte keine Wahl, Bruder. Es tut mir leid, unendlich leid, dass es so weit kommen musste. Ich wollte ihn dir nicht wegnehmen, dir am allerwenigsten, doch er war ein Torhüter."

"Die Prophezeiungen, von denen du erzählst hast..." Rhedyn erkannte seine Stimme kaum wieder; sie war heiser und verzerrt, als könnte sie jeden Moment ebenso zerbrechen, wie sein Innerstes zerbrach, als er den Verrat begriff. "Du bist... du hast sie… Es war dein Werk, alles hier. Du hast die Torhüter umgebracht. Ihre Wächter getötet, wenn sie dir im Weg standen. Du warst das. Ausgerechnet du."

Wieder nickte sie, doch die Bewegung musste sie Kraft kosten, so schwach fiel sie aus. "Es war an der Zeit. Die Zeichen waren deutlich. Die Welten driften immer weiter auseinander und sind nun an jenem Punkt angekommen, der ein Handeln erfordert. Ich habe die Schriften studiert, ich bin alt genug, um mich vage an die Erzählungen derer zu erinnern, die sie von denen gehört haben, die es erlebt haben." Blicklos sah sie auf den Toten in ihren Armen hinab, ehe sie sich wieder Rhedyn zuwandte. "Die Magie der Tore war zu ungleichmäßig verteilt; das Netz, das unsere beiden Welten verbindet, ist dünn geworden. Die Erde kann ohne unsere überleben, doch umgekehrt ist unsere auf die Erde angewiesen. Wenn das Netz zerrissen wäre, wäre unsere Welt der Zerstörung anheim gefallen. Du weißt es."

"Deswegen... hast du die Tore alle getötet? Hunderte von Menschen? Dutzende von Wächtern?" Die Toten bis auf diesen einen hier in ihren Armen waren ihm gleichgültig. Aber trotz dem brennenden Schmerz des Verlustes fühlte er neben dem Hass und dem Zorn noch etwas anderes, Bewunderung für ihre Kraft. So viele Seelen in so kurzer Zeit zu berühren, erforderte entweder große Stärke – oder Wahnsinn. Doch ungeachtet ihrer Müdigkeit war ihr Blick klar.

"Ich habe dem Rat die Schriften zukommen lassen, in der Hoffnung, sie würden reagieren. Ich habe ihnen Beweise geliefert, die sie nicht übersehen konnten, doch sie haben die Augen verschlossen. Selber konnte ich nicht mit ihnen sprechen, sie hätten mich sonst eingesperrt, um die Tore zu schützen. Erst jetzt, als ohnehin keine Hoffnung mehr bestand, mich aufzuhalten, haben sie das Leben der letzten Wächter gerettet, indem sie diese zurückgerufen haben." Sie lehnte sich mit einer Schulter gegen die Wand, strich sich mit einer Hand die Haare aus dem Gesicht und schlang den Arm dann wieder um den leblosen Körper.

Reglos starrte Rhedyn seinen toten Geliebten an, während die taube Kälte in ihm anwuchs. Es dauerte, ehe er seiner Schwester wieder ins Gesicht sehen konnte "Dann warst du es, mit der ich gekämpft habe, um sein Leben zu retten. Du... zweimal und doch erfolglos."

Tyronee senkte den Kopf, ihr Haar glitt wieder nach vorne und verbarg sie. "Ich wollte es beenden, bevor du dich zu sehr an ihn verlierst. Ich wollte dich nicht verletzen. Als du mir in Paris von ihm erzählt hast, wusste ich, dass ich mich beeilen muss. In Mexiko war es mein zweiter Versuch, doch in dem Moment, als du das Zimmer betreten hast, spürte ich, dass es zu spät war."

Dann richtete sie sich energisch auf, ihre Kraft schien zurückzukehren; nichts deutete mehr auf Müdigkeit und Schwäche hin. "Ich habe nicht mehr viel Zeit, Rhedyn. Ich habe für dich und ihn getan, was ich konnte. Die Schriften sagen, dass er in den Schlund der Erde springen muss, um dort zu verbrennen und die Kraft in einem Ausbruch an Feuer freizusetzen, auf dass sie erneut verteilt werden kann. Ich habe ihm die Kraft genommen, jetzt ist es an mir, den Sprung zu tun. Aber ich bin kein Tor gewesen, ich kann sie nicht mehr viel länger halten. Wenn ich nicht bald springe, war alles umsonst."

Als sie Mateo hochhob, wirkte es, als hätte er kein Gewicht. Mit einigen schnellen Schritten war sie bei Rhedyn und reichte ihm den leblosen Körper. "Bring ihn von hier fort, bring dich in Sicherheit, Bruder."

Rhedyn spürte Mateos Gewicht, als er die Arme um ihn schloss und ihn an sich presste; es wollte ihn zu Boden drücken. Doch ehe er etwas sagen konnte, griff Tyronee in die Falten ihres Hemdes und holte die Kette mit der Perle hervor, Mateos Abschiedsgeschenk.

"Er liebt dich, so sehr wie du ihn. Es tat ihm weh, dir nicht mehr auf Wiedersehen sagen zu können, dir nicht erklären zu können, wieso er es tun musste. Zürne ihm nicht. Und jetzt geh."

/Auf Wiedersehen./ Einen Moment lang sah Rhedyn sie stumm an, dann beugte er sich vor, um ihr die Wange zu küssen. "Ich danke dir", sagte er leise. "Ich werde dich vermissen."

Mit einem Schritt nutzte er sie als Tor, das erste und das letzte Mal. Als es sich hinter ihm schloss, wusste er, dass er sie niemals wiedersehen würde.


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
© by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh
~ Ende ~