Unverhofft lebenslänglich

I - 7.

Cedric war erleichtert, dass dieser Streit recht glimpflich ausgegangen war, auch wenn er jedes Mal zusammengezuckt war, als sich Devi bei seinem Rausstürmen angestoßen hatte. Fast tat es ihm leid, dass er schon während dessen Wandlung dieses Thema angesprochen hatte, aber dann sagte er sich, je früher er Grenzen zog, um so besser wäre es und um so mehr konnte sich Devi daran gewöhnen. Knurrig dachte er, dass es ohnehin ein Wunder und ein großes Zugeständnis war, dass er nach den wenigen Tagen dazu bereit war, den Caley als seinen Lebensgefährten zu betrachten.

Nachdem er rasch geduscht, eine olivgrüne Cargohose und ein weißes T-Shirt aus dem Koffer gesucht und angezogen hatte, verließ er das Krankenzimmer, um sich zu Daniel zu gesellen, der sich mit einem von Doktor Adivas Helfern, ebenfalls einem Caley unterhielt, dabei aber vorsichtigen Abstand hielt. Als Daniel ihn sah, verabschiedete er sich genauso distanziert und achtete noch immer auf die Puppe, bis er genügend Abstand zwischen sie gebracht hatte. Dann erst schien er sich wieder zu entspannen.

"Du hättest mich vorwarnen können", beklagte Cedric missgestimmt, was Daniel zum Lachen brachte.

"Wer sich mit fremden Wesen einlässt, ohne sich vorher über sie zu informieren, ist selber schuld", antwortete er gleichmütig und schleppte seinen Freund in das nahe gelegene Café, das Cedric mehr und mehr zu mögen begann mit den gemütlichen Sitzecken und den niedrigen Tischen. Leise unterhielten sie sich endlich über das, was geschehen war, erörterten mehrere Pläne, wo sich Cedric verstecken konnte, bis ein wenig Gras über die Sache gewachsen war, aber das naheliegendste wehrte Cedric heftig ab. Auf keinen Fall würde er nach Caley fahren, wo noch mehr dieser besitzergreifenden Kreaturen lungerten.

Daniel widersprach ihm nicht, auch wenn er sich dachte, dass er wenig Wahl haben und das vermutlich bald einsehen würde. Zudem wurde sein Freund ziemlich schnell unruhig und hatte nichts dagegen einzuwenden, als Daniel ihm vorschlug, dass sie nun auch zum Pool gehen könnten, um zu sehen, wie es Devi ging.

Cedric spürte eine nicht zu verleugnende Erleichterung, als er seinen Caley am Beckenrand entdeckte, den kräftige Körper mit den Zeichnungen am Rücken und auf den Schultern glänzend vom Wasser. Gar kein Vergleich mehr mit dem niedlichen Jungen, den er sich als Begleiter genommen hatte. Seit dem Tag seiner Ankunft hatte er sich genauso rapide verändert wie Cedrics ganzes Leben. Irgendwie würde er sich neu arrangieren müssen. Er seufzte leicht, grinste dann und war mit ein paar schnellen Schritten bei Devi, um sich hinter ihn zu hocken und ihn ungeachtet der Nässe zu umarmen. Es wurde anstrengend, das wohlige Glücksgefühl zu ignorieren, das ihn allein bei der Berührung durchfuhr, und er küsste die nackte Schulter, ehe er sich dessen noch bewusst war.

"Und, war es jetzt so schlimm?", fragte er mit einem kleinen Lachen in der Stimme.

"Natürlich, aber wenn es dir gut geht, ist alles in Ordnung." Missgelaunt ließ sich Devi erneut ins Wasser fallen, um noch einige Bahnen zu schwimmen.

Cedric musste noch mehr lachen, weil sich Devi wirklich anstellte. Dann zerstörte Daniel seine gute Laune, als er von hinten sagte "Es tut ihm wirklich weh; es ist nicht nur ein diffuses Sehnen."

Nachdenklich beobachtete Cedric, wie der kräftige Mann das Wasser durchpflügte, noch ein wenig ungelenk, als sei er sich der neuen Gliedmaßen nicht so ganz sicher, aber dennoch schon in Ansätzen geschmeidig und unbestreitbar kräftig. Ein schöner Anblick, auch wenn eine Stimme in ihm rebellisch vermeldete 'Du stehst nicht auf Männer!'

Aus den Augenwinkeln sah er zu Daniel hin, als ihm noch eine andere Sache klar wurde. "Du hast es erstaunlich schnell akzeptiert."

Amüsiert erwiderte Daniel seinen Blick. "Ich kenne die Caley. Und selbst wenn es keiner wäre, warum sollte ich einen Aufstand machen? Ändert das was an dir? Oder an unserer Freundschaft?"

"Nein. Dennoch..." Wieder wandte sich Cedric zum Pool um und folgte Devi mit den Blicken. Warum konnte er es dann nicht selber einfach akzeptieren?

"Ich lasse euch zwei mal allein und räum deinen Bungalow auf, damit er morgen einigermaßen anständig übergeben werden kann", unterbrach Daniel seine Gedanken. "Ich komme heute Abend wieder, um euch abzuholen."

Cedric umarmte ihn rasch und bedankte sich, dann wartete er weiter am Rand des Schwimmbeckens, mehr in Gefühlen, als in Gedanken gefangen. Als Devi endlich aus dem Wasser stieg, empfing er ihn mit einem großen, flauschigen Badetuch und hüllte ihn darin ein, ehe sich der Caley wehren konnte. "Tut es dir wirklich weh, wenn wir getrennt sind? Ich meine, wenn es nur so kurz ist", fragte er leise nach und sah ihm forschend in die goldbraunen Augen.

Die Frage war verwirrend, aber Devi nickte nur leicht und schmiegte sich um den mittlerweile fast schon schmaleren Mann herum. Endlich meinte er leise mit heiserer Stimme "Immer", bevor er sich mit halbgeschlossenen Augen noch eine Idee enger an Cedric heranschmuste.

"Es tut mir leid. Ich werde versuchen, darauf Rücksicht zu nehmen", murmelte Cedric und küsste ihn einmal auf den Mund, ehe er ihn fest umarmte und hielt. Warum musste das nur so kompliziert sein? Hoffentlich wurde das nach der Wandlung besser. Mit etwas, das zeitlich begrenzt war, konnte er umgehen. Sollte das ein Dauerzustand sein... Er wollte gar nicht darüber nachdenken.

Erst nach einer Weile ging es Devi besser, die Unausgeglichenheit schwand, und dafür kehrte der Hunger zu ihm zurück. "Nur noch wenige Wochen, dann bin ich fertig und bin sicherlich der beste Gefährte, den man auf Caley finden kann", versprach er Cedric, während er ihn zum Aufenthaltsraum der Caley schleifte, wo er mit Sicherheit reichlich zu Essen bekommen würde. Er sah Cedric vor dem Eingang noch einmal in die Augen und fügte hinzu "Dann kann ich auch Sex haben, das geht in der Wandlung nicht."

Cedric grinste schief und wusste nicht so recht, ob er sich auf diese Aussicht freuen sollte. Selbst wenn sie ständig schmusten, hatte er eigentlich nicht mehr an Sex gedacht, nachdem er Devi als Begleiter genommen und überlegt hatte, dass der Junge zu kindlich dafür aussah. Devi war nicht mehr kindlich, absolut nicht mehr, aber dafür... war er nun ein Mann.

Devi wurde wie üblich mit Freude und reichlich Essen von den Caley in ihrem Haus begrüßt. Es war mehr eine große Halle, durch Säulen unterteilt, die mit den farbenfrohen Mosaiken ihrer Heimat rundherum verziert waren. Überall ringsum waren aus fast weißen oder honigfarbenen Hölzern geschnitzte Sichtschutze aufgebaut, dazwischen befanden sich die Schlaflager mit den vielen Kissen. In der Mitte des Raumes war der Esstisch.

Gerade waren etliche Caley dabei, einen anderen in Wandlung zu betreuen; dessen Gefährte war dazu verdammt, als zweiter zu wandeln und war noch in der Puppenform. Die beiden hielten einander und schmusten, während der Caley in Wandlung so viel aß, wie er bekommen konnte. Erfreut winkte Devi und wurde sogleich von einigen an den Esstisch gezerrt. Jemand brachte ihm und Cedric Suppe, Brote, und natürlich wurden sie beglückwünscht und mit Blumen verziert.

Cedric gefielen die Atmosphäre und die bunten Mosaike, und er fühlte sich gleich wohl. Er lachte viel mit den Caley und natürlich mit Devi, an dessen raue Stimme er sich erst noch gewöhnen musste, und eingedenk dessen, dass seinem Kleinen die Trennung Schmerzen bereitet hatte, versuchte er es gut zu machen, indem er dicht bei ihm blieb, ihn immer wieder berührte und einen Arm um ihn legte. Es fiel ihm erstaunlich leicht, und er fühlte sich gut, satt und zufrieden, als sie den Aufenthaltsraum Arm in Arm wieder verließen.

Sie schlenderten zur Krankenstation zurück, wo Daniel bereits auf sie wartete, wieder in ein Gespräch mit dem Doktor und seinem Helfer vertieft, und wieder ging es um die Caley. Er schien zufrieden, als er Cedric und Devi so einträchtig sah, und das breite Lächeln wich nicht aus seinem Gesicht, als er sie zum Hauptpalast brachte, in dem er die Suite reserviert hatte.

Sie war größtenteils in Blau und Gold gehalten und umfasste mehrere große Räume, Schlafzimmer, Wohnbereiche, Arbeitszimmer, eine kleine Bibliothek und einen Fitnessraum; unter anderem würden Cedric und Devi ein eigenes Schlafzimmer haben, und im Badezimmer war neben mehreren kleineren, in den Boden eingelassenen oder auf Erhebungen gebauten Becken sogar ein eigener Pool zu finden. Auch wenn seine Eltern selber sehr wohlhabend waren, staunte Cedric hin und wieder doch, was Daniel sich alles leisten konnte. Er wusste, dass sich sein Freund diese Suite bis an sein Lebensende würde mieten können, ohne den Verlust des Geldes auch nur zu bemerken.

Daniel bestellte ein Abendessen, und auch wenn sie eben gerade gegessen hatten, schlug Devi schon wieder zu, als hätte er seit Tagen nichts bekommen, während sich Cedric und Daniel über alltäglichere Dinge austauschten, die sonst so in ihrem Leben geschehen waren. Schließlich entschuldigte sich Daniel, um noch einmal zur Krankenstation zurückzufahren, was Cedric argwöhnen ließ, dass er ihm und seinem Gefährten traute Zweisamkeit gönnen wollte.

Devis Leben war in der letzten Zeit stetig von einem Auf und Ab der Gefühle begleitet worden. Cedric war abwechseln verwirrend abweisend und dann wieder unheimlich fürsorglich zu ihm, so dass er alles vergessen wollte. Auch als sie nach einer gemeinsamen Dusche nackt zusammen im Bett lagen, weil er nicht zugelassen hatte, dass Cedric seinen schönen Körper vor ihm versteckte, wehrte der Mann sich unwillig, bis Devi ihm zeigte, wie schön das Gefühl war, wenn sie ihre Zeichnungen in Einklang bringen konnten. Die folgende Zeit verbrachte er damit, seinen Schatz unter sich zu begraben, zu küssen und zu streicheln und ihn generell mit seiner Zuneigung zu überschauern, bis er ihn fest im Arm haltend einschlief.

 

Adiva schob die zarten hellrosafarbenen Tücher über seinen Kopf herunter, so dass er sie nur noch um den Schultern liegen hatte, anstelle sich darunter zu verstecken. Er hatte einen Schmetterlingsfliederzweig in der Hand, der von einem Hotelgast achtlos abgerissen worden war und plante, diesen in eine Vase vor seinem Schreibtisch zu stellen. An diesem Abend hatte er ein Singen mit den anderen Tempelmitgliedern gehabt und trug deswegen eine zartgrüne Weste, ärmellos, weil es immer so warm war, und eine gerade geschnittene Hose. An den Oberarmen trug er den Schmuck der verwitweten Männchen, sonst wagte er keine weiteren Standeszeichen.

In Gedanken den Zweig drehend ging er langsam durch den dunklen Teil des Tempelgartens zur Klinik, um die Blumen ins Wasser zu stellen, bevor er zu seinem kleinen Privathäuschen gehen wollte, das gleich auf der anderen Seite in die Gebäude der Tempelgärtner und der Putzkolonnen eingebettet recht ruhig gelegen war. Er summte das letzte Lied mit und freute sich an dem mal wieder spektakulären Nachthimmel.

Daniel genoss die laue Abendluft, die ihn umwehte, als er den Wagen auf den kleinen Parkplatz neben der Krankenstation lenkte und dann gemächlich auf die Eingangstür zu schlenderte. Er hatte keinen besonderen Grund, hierher zurückzukehren; es hätte Tausenderlei gegeben, mit dem er den Abend hätte verbringen können, wäre ihm nur daran gelegen, Ced und seinem Caley Ruhe zu gönnen. Aber das Gespräch mit dem Abd-Jabir-Arzt war angenehm und interessant gewesen, so dass er es gerne fortsetzen wollte. Vielleicht hatte er Glück, und der zierliche Mann hatte Nachtdienst und langweilte sich gerade. Wenn nicht könnte er immer noch in die Rubinbar oder zu der Show im großen Mayasaal gehen.

Schon von Weitem konnte Adiva einen Schatten im Eingangsbereich der Klinik sehen, wo seine Notrufnummer angebracht war.

"Ich komme schon!", rief er rasch von Weite. "Du brauchst mich nicht mehr anrufen!" Dann erkannte er den Mann, der sich umdrehte, um sein Profil sehr vorteilhaft in das Licht zu drehen. "Oh. Daniel! Guten Abend."

"Guten Abend." Daniel lächelte und verneigte sich leicht. "Ich hoffe, ich störe nicht. Dann würde ich mich gleich entschuldigen und gehen. Aber unser Gespräch am Morgen war sehr angenehm, und da hoffte ich, dass wir es vielleicht würden fortsetzen können. Wenn es dir heute Abend nicht genehm ist, würde ich mich freuen, dich in den nächsten Tagen einladen zu dürfen."

Adiva lächelte leicht und blickte auf die kleine Uhr, die sich im Eingangsbereich zur Klinik fand. "Ich habe in einigen Minuten frei, dann übernimmt meine Kollegin die Nacht für mich. Wenn es dir Recht ist, stelle ich den Zweig eben ein, dann könnten wir gern noch ein wenig reden."

"Aber sicher. Ich freue mich, dass du mir Zeit opfern willst." Auf eine angenehm warme Art zufrieden folgte Daniel dem hellen Mann in die Klinik und gratulierte sich dazu, sich noch einmal umgezogen zu haben. Die leichte, seidigschwarze Hose und das cremefarbene Hemd passten sowohl zu einem eher privaten Abend wie auch in jede Lokalität hier. "Darf ich dich dann zu einem Drink einladen?"

Adiva winkte dem Mann und betrat die Klinik, wo sich eine Frau der Abd Jabir gerade bereits von seiner Kollegin, einer Frau der Kemjasheri'i, behandeln ließ. Er grinste. Da waren zwei Rassen aufeinander getroffen, die sich bestimmt einiges zu sagen hatten.

"Ich bin dann im Frei und komme übermorgen wieder hierher, in Ordnung?", rief er rasch über den Tresen hinweg.

Sie nickte, während sie mit einem Abd Jabir Lesegerät nach den inneren Werten der Frau sah, die sich nach einer Fahrt mit dem Katamaran mit einem Mal nicht wohl gefühlt hatte.

Adiva huschte rasch in sein Arbeitszimmer, in dem er eine Vase mit Wasser füllte und den Schmetterlingsflieder sorgfältig drapierte. "Meine Kollegin ist offensichtlich schon eingetroffen, Kemjasheri'i, und noch nicht lange hier im Palast. Keine Ahnung, wieso sie hier ist, aber sie hält die Abd Jabir Frauen immer für Zeichen ihrer Göttin, was die Behandlung sehr interessant werden lässt", meinte er mit einem kleinen Lächeln, dann steckte er sein Rufgerät auf die Ladestation und streckte sich seufzend. "Hast du an ein bestimmtes Lokal gedacht? Sonst kann ich gern etwas vorschlagen."

"Ich kenne nur die Beschreibungen in den Werbeprospekten", sagte Daniel mit einem offenen Lächeln. Seine Vorliebe für zierliche Männer machte sich bemerkbar, als er das kleine Räkeln des Arztes niedlich zu finden begann. Allein, wie sich die hängenden Ohren so weit wie möglich aufstellten und wie sich der schlanke Schwanz streckte, war süß anzusehen. "Für einen Vorschlag wäre ich demnach dankbar."

Adiva erwiderte das Lächeln mit einem Mal ein wenig nervös. Mit Gästen flirtete er doch sonst nie, das sollte er nicht tun. Dennoch meinte er "Wir könnten zu dem Runden Garten gehen. Das ist unten am Meer gelegen. Ein schwimmender Garten mit Glasbodentischen und Beleuchtung der Unterwasserwelt. Man sitzt auf Kissen um diese Glastische herum und kann den Fischen zusehen. Die ganze Sache schwankt aber leicht, nichts für jemanden, der da empfindlich ist, denn sie schenken auch tüchtig berauschendes Getränk aus." Er hängte die leichten Tücher über den Garderobenhaken und nahm stattdessen ein wärmeres Schultertuch mit hinaus, weil er leicht fror.

Daniel nickte zustimmend, auch wenn die Ankündigung des Schwankens ihn zögern ließ. Er vertrug Bootsfahrten nicht gut und hoffte, dass es auszuhalten war. Doch die Beschreibung klang interessant, und wenn es zu schlimm wurde, konnten sie ja immer noch die Örtlichkeit wechseln.

Nachdem Adiva sich hergerichtet hatte, führte er ihn zu seinem Wagen, woraufhin der Abd Jabir ihm den Weg zu dem Lokal wies. Es lag in einer idyllischen Bucht als schwimmende Plattform, die von zierlichem Geländer umgeben war, ein wenig weiter draußen im Meer. Kerzen auf den Tischen und kleine, malerisch verteilte Lampen verliehen ihm eine zauberhafte Atmosphäre, während von der runden Bühne in der Mitte gedämpfte, ruhige Melodien erklangen. Das Wasser um das Lokal schimmerte ebenfalls von der untermeerischen Beleuchtung sanft und geheimnisvoll, und Daniel konnte nicht umhin zu denken, dass es zu seinem Begleiter passte, dass dieser ausgerechnet den Runden Garten gewählt hatte.

Über einen schmalen, von gedämpften Glaslampen erhellten Steg kamen sie zu der Plattform und ließen sich von einem zuvorkommenden Kellner, der wie ein dem Wasser entstiegener Meermann schien, einen Platz weisen. Korallenriffen nachempfundene Mäuerchen gaben Privatsphäre, ohne einschränkend zu wirken, und Daniel setzte sich gemütlich in die blauen, weichen Kissen, fasziniert einen Blick durch den Glastisch hindurch auf die Unterwasserwelt werfend.

"Sehr schön ist es hier", sagte er anerkennend, nach dem er einen Moment lang auf sein Gefühl gelauscht hatte. Das Schwanken war jedoch erträglich. "Eine gute Empfehlung."

Adiva senkte den Blick auf die Getränkekarte und lächelte. "Ach, das war nicht schwer. Alles hier ist sehr schön. Der Palast der Schätze ist für die Sinne gemacht." Er wählte den Anemonencocktail, auch wenn es eigentlich nicht schlau war, mit einem so reichen und sicherlich auch verwöhnten Gast zu trinken. Das würde er vermutlich am nächsten Morgen bereuen, aber gerade in diesem Augenblick wünschte Adiva sich die entspannende und seine Nervosität einlullende Wirkung des Alkohols herbei. Vor allen Dingen, wenn der Blick der schönen blauen Augen sich so interessiert und beinahe intensiv auf sein Gesicht richtete.

Daniel entschied sich für einen Cocktail, der den interessanten Namen Austernschleier trug und bestellte, als ein Kellner herbeieilte, dazu eine Schale gemischtes Knabberzeug für sie beide. Dann begann er, Adiva erneut in ein Gespräch über die Caley zu verwickeln, von wo aus er behutsam hier und dort Fragen zu den Abd Jabir einzubringen begann. Es war angenehm, mit dem zarten Mann zu reden, und Daniel genoss es allein, seiner Stimme zu lauschen, die immer leise, nie aufdringlich war, genoss es, ihm zuzuschauen, wie er Aussagen mit zierlichen, sparsamen Gesten der schlanken Finger unterstrich, wie die ausdrucksvollen Augen kurz seinen Blick erwiderten, um sich dann fast scheu abzuwenden.

'Ich sollte ihn nicht faszinierend finden', dachte er nach einer Weile und lächelte gleich über einen dezenten Scherz, den Adiva gemacht hatte. 'Ich will ohnehin bald abreisen; allzu lange kann Ced auch bei mir in der Suite nicht bleiben. Er ist bereits aufgestöbert worden, und wer es einmal geschafft hat, schafft es vielleicht ein zweites Mal. Und das könnte schlimmer ausgehen.'


© by Jainoh & Pandorah