Unverhofft lebenslänglich

I - 8.

Der Alkohol wirkte. Das bemerkte Adiva natürlich erst, als er sich kurz zum Bad entschuldigte. Dort besah er sich in den großen Spiegeln und ertappte sich dabei, dass er sorgfältig überprüfte, ob die Farbe, mit der er seine Augen betont hatte, nicht verlaufen war. 'Er ist nur ein Gast, der sich mit mir die Zeit vertreiben will, weil sein Freund einem Caley folgen muss.' Leider gefiel ihm die Unterhaltung dafür, dass er dies auch wahrgenommen hatte, viel zu gut. Seufzend beschloss er, dass es bei diesem einen Cocktail bleiben würde und er zügig nach Haus fahren sollte.

Daniel hatte ihn vorsichtig und sehr taktvoll über die Abd Jabir gefragt, so dass Adiva beschloss, ihm ein Buch von einem Menschen zu empfehlen, der dort gelebt hatte. Es war eine eher philosophische Arbeit, über die Frage, ob den Menschen die Freiheit zustehen sollte, aber dennoch enthüllte das Werk sehr viele Eigenheiten der Abd Jabir und war eigentlich ein Muss für einen interessierten Wissenschaftler.

Erschrocken konnte er sich bei der Rückkehr nicht bremsen, Daniel gar seine eigene Kopie des Werks anzubieten, die er bei sich zu Hause liegen hatte. "Ich merke, dass du viele Fragen hast, vielleicht hilft es, diese Arbeit zu lesen", meinte er leise und hoffte, dass er nicht so wirkte, als wolle er sich aufdrängen. Aufdringliche Männchen waren unschicklich und missfielen den Göttinnen.

Daniel war ohnehin schon sehr zufrieden mit dem Verlauf des Abends gewesen; nicht nur hatte er viele neue Details über die Caley und noch mehr Interessantes über die Abd Jabir erfahren. Adiva war auch ein angenehmer Gesellschafter und ein geschickter Erzähler. Dass er ihn zudem nun unterstützen wollte und ihm einen Grund gab, ihn wiederzusehen, machte ihn auf eine unbestimmte Art froh.

"Ich danke dir, das ist sehr freundlich", sagte er mit einem kleinen Blick in Adivas karamellfarbene Augen und winkte dann dem Kellner, damit er bezahlen konnte. "Ich nehme dein Angebot gerne an. Ich werde ein wenig reinlesen und es dir dann wiederbringen, wenn du nichts dagegen hast. Darf ich mich denn bei Fragen weiter an dich wenden?"

"Wenn du so freundlich wärst, mich an meinem Haus abzusetzen, dann könnte ich dir mein Lesegerät gleich geben", schlug Adiva vor, anstelle zu sagen, dass er es auch zur Krankenstation mitbringen konnte, wenn er am übernächsten Tag wieder dort arbeitete.

Natürlich war Daniel so freundlich und fuhr ihn nach seiner Beschreibung mit dem kleinen Wagen zu dem weißgestrichenen Holzhäuschen mit gegen Insekten geschützter Veranda, auf der er eine gepolsterte Bank vor einem mit Mosaik belegtem Tischchen stehen hatte.

Adiva machte Licht und verwies Daniel zurückhaltend auf den Empfangsraum gleich vorn im Haus, um mit schnellen Schritten in den Trakt der Männchen zu huschen. Den Trakt der Weibchen hatte er einfach mit einem Teppich verhängt, wie es Tradition war, aber dahinter lagen lediglich drei leere Zimmer und ein unbenutztes Bad. Adiva wagte es nicht, die Räume zu verwenden, auch wenn seine energische Putzfrau, die zweimal in der Woche zu ihm kam, immer wieder den Kopf schüttelte, weil es solche Verschwendung war, wenn er nur die zwei kleinen Zimmerchen bewohnte in dem großen Haus.

Daniel blieb in dem Empfangsraum stehen, anstatt sich auf eine der mosaikbelegten, gemauerten Bänke, die durch zahlreiche Kissen gemütlich gemacht worden waren, zu setzen. Er wollte Adiva nicht den Eindruck geben, sich aufzudrängen und ihn vielleicht noch dazu verpflichten, ihm etwas anbieten zu müssen. Ein weiterer Grund, warum er sich über das Buch freute, war der, dass er nicht wirklich wusste, welches Verhalten bei den Abd Jabir angemessen war. Er hoffte, dadurch lernen zu können und bei dem kleinen Arzt nicht unangenehm durch Fehlverhalten aufzufallen. 'Oh komm, Daniel! Lange bist du eh nicht mehr hier.' Aber für die Zukunft würde es mit Sicherheit nützlich sein.

Er lächelte schon wieder, als Adiva zurückkam und bedankte sich warm für das Lesegerät, das dieser ihm beinahe scheu reichte.

Adiva blickte Daniel nach und seufzte leicht. Es war zwar immer nett, wenn er Menschen kennen lernen durfte, denen es gut ging, anders als auf seiner Heimatwelt, aber es weckte immer wieder die Erinnerungen daran, wie er hatte fliehen müssen, wie er einen Menschen von seiner Welt geschmuggelt hatte, damit dieser der Wut seiner Ehefrau nicht anheim fiel.

Er selber hatte sich der Wut nicht vollständig entziehen können, und noch immer erschauderte er bei dem Gedanken daran, dass sie ihn finden und zurück schleifen konnte. Er hatte sich ihrem Wort widersetzt, aber sie hatte auch nicht auf seine Nachrichten geantwortet, sondern ihn ignoriert, so dass er sie gar nicht hatte sprechen können.

Müde entkleidete Adiva sich zur Nacht und ließ seine Blicke noch einmal über die Schriften fallen, die seine Anwältin ihm geschickt hatte. Sie war Mitglied in einer Organisation, die sich um unrecht behandelte Männchen kümmerte und hatte sich dafür eingesetzt, dass seine Ehefrau ihn freigeben sollte. Es war nicht mehr lange hin, bis das Urteil gesprochen wurde und konnte daher gut sein, dass sie ihn durch Einschüchterung zur Aufgabe zwingen würde. Erschaudernd überprüfte Adiva seine Alarmanlage noch einmal, bevor er sich schlafen legte.

 

Devi öffnete erst ein Auge, dann das andere. Es war alles in Ordnung. Wie auch in den Tagen zuvor lagen er und sein Gefährte eng aneinander geschmiegt im Bett. Aber etwas war anders an diesem Morgen, der bereits von leiser Musik aus dem Wohnraum begleitet wurde. Er fühlte sich freier. Es begann besser zu werden.

Sie waren nun schon seit zehn Tagen bei Daniel in der Suite untergekommen. Sie verbrachten die Tage mit den Caley in der Nähe von deren Wohnhalle. Dort waren zwei Pools und eine große Rasenfläche, wo Devi sich mit den mittlerweile zwei anderen in Wandlung austoben konnte, und dort gab es immer reichlich zu Essen, auch wenn Devi nun nicht mehr so viel davon brauchte.

Ein schneller Kuss auf Cedrics Schläfe, dann erhob Devi sich und streckte seine breiten Schultern. Er hatte eine fast schon gut zu nennende Kontrolle über seinen eigentlich eine Spur zu schnell gewachsenen Körper. Solche Schübe hatte er dank Cedrics Rücksichtnahme nicht mehr überstehen müssen. Dennoch war er nun deutlich größer als sein Gefährte und natürlich auch eine ordentliche Ecke kräftiger. Er fühlte sich gut, und es war an der Zeit. Die zwei anderen in der Wandlung hatten die Rückkehr in die Heimat beschlossen, ebenso wie zwei Unglückliche, die Caleys Inseln einfach noch einmal gemeinsam absuchen wollten. Mit ihnen wollte Devi mit Cedric fahren, um seinen Schatz dem Vater und dessen Gefährten vorzustellen.

Das einzig Dumme war, dass Cedric nicht wollte. Er schien Angst vor dem Planeten zu haben, vor ihrer Kultur und zudem schien er Angst davor zu haben, Sex haben zu müssen. Allein, dass er es als 'müssen' bezeichnete und dann so komische Dinge sagte wie 'Ich mag Männer nicht', 'Ich bin nicht schwul'. Devi schüttelte seine Mähne aus und ging nackt, wie er war, zu Daniel auf den Balkon, wo dieser inmitten eines Bücherstapels und vor einem Computer den Planeten der Abd Jabir studierte.

Grinsend erinnerte Devi sich daran, wie er den süßen blonden Mann in eine Falle gelockt hatte, eine Caleyparty, in deren Rahmen er sicherlich von allen Caley berührt worden war, die sich gerade im Palast befanden. Einige Tage lang hatte Daniel nicht mit Devi gesprochen, bis Adiva ihm erklärt hatte, dass er genetisch nicht kompatibel zu den Caley war. Es lag offensichtlich an der Blutgruppe, wie der zierliche Abd Jabir bei seinen Forschungen bereits gelernt hatte.

Adiva selber war sehr beschäftigt, obgleich er Urlaub hatte. Er hatte rechtliche Sorgen, eine Sache aus der Heimat, hatte er Devi erzählt, als er ihn das letzte Mal untersucht hatte. Aber Devi wollte dem kleinen Arzt auf jeden Fall danken und ihn zu sich nach Hause einladen, wie es Tradition war. Immerhin lebten sein Vater und Arkay auf einer der größten Inseln, und dort würden er und sein Schatz in etwa zehn Jahren dann auch niedergelassen sein. Im Haus oberhalb der steinigen Bucht, an einer kleinen Straße zwischen Terrassengärten und Olivenbäumchen.

Devi ließ sich vor dem Frühstück nieder und schreckte Daniel mit einem herzlichen "Guten Morgen, Daniel!" auf, damit er sich mit dem Mann unterhalten konnte. Erst verspätet fiel ihm ein, dass Daniel auf ihn in seiner nackten Form immer ein wenig pikiert reagiert hatte, aber das Frühstück duftete so lecker, dass er nicht noch einmal aufstehen mochte, um seine Hose anzuziehen.

Daniel zuckte zusammen, als er aus seinen Studien gerissen wurde, ohne Vorwarnung, weil Devi sich lautlos angeschlichen hatte, ehe er seinen Morgengruß schmetterte. Daniel hatte den dringenden Verdacht, dass er sich nur so leise bewegte, wenn er ihn erschrecken wollte, und das tat der Caley mit seinem Sinn für Caleyhumor viel zu gerne. Noch immer spürte er die Verärgerung und eine leise Ahnung von Furcht, wenn er an das Fest dachte, auf das Devi ihn gelotst hatte, selbst wenn es nun schon Tage her war. Aber er hatte die Nächte danach Alpträume von zarten Männern gehabt, die zu muskelbepackten Bergen wurden, die ihn über einsame Inseln zerrten und ihn erdrückten. Der schlimmste Alptraum war der gewesen, in dem es Adiva getroffen hatte mit der Verwandlung. Jetzt musste Daniel beinahe lachen, als er sich daran erinnerte, denn gemäß seines Volkes war der Abd Jabir sogar zu einer muskelbepackten Hünin geworden.

"Guten Morgen", wünschte er und übersah Devis Nacktheit bewusst. "Lebt mein bester Freund noch oder hast du ihn des Nächtens erdrückt?"

"Es geht ihm ausgezeichnet. Die Zeichnungen sind vollkommen, er schält sich nicht einmal mehr." Grinsend dachte Devi an die Hautschälung, die zu seinem Entsetzen auch Cedric voll erwischt hatte, während die dunkelgoldenen Zeichnungen ihre Haut überzogen. "Ich bin nun vollkommen gewandelt und spüre schon, dass ich ihn sogar loslassen kann", verkündete Devi zwischen zwei Schlucken Kakao. Er ließ den Blick seiner im Vergleich zu den Kulleraugen zuvor erschreckend schmal und scharf blickenden Augen zu Daniel schweifen und stellte einen Fuß auf den Stuhl ab. Er umschlang sein Knie mit einem Arm und stützte sein Kinn darauf. "Wird Cedric sich die Sache mit dem Sex wirklich nicht überlegen?"

Daniel verbarg ein Schmunzeln bei dem beinahe kläglichen Tonfall, der an dem muskulösen, großen Mann vor ihm seltsam wirkte. Aber die Frage war ernst gemeint, und in gewisser Hinsicht hatte sich Devi keinen einfachen Partner erwählt. Daniel beschloss, dass es nicht falsch sein konnte, ihm das zu erklären und dass es auch nicht Ceds Privatsphäre verletzte oder zu den Dingen gehörte, die sein Freund besser selber verriet. Zudem konnte ein wenig Hilfe nicht schaden, da die beiden ohnehin aneinander gebunden waren.

"Das ist bei Ced etwas schwieriger. Du weißt, dass er dich gern hat." Er ließ seinen Blick einmal über den kräftigen Körper gleiten, über die irritierend brustwarzenlose Brust und hielt dieses Mal auch nicht vor dem Schoß inne. "Aber du bist, gleichgültig der medizinischen Definitionen deiner sonstigen Funktionen, ein Mann. Das Prinzip von Mann und Frau ist dir ja nun bekannt, und in unserer Gesellschaft – zumindest in der altmodischen – gehören Mann und Frau zusammen und nichts anderes. Seine Eltern sind altmodisch, und er hat demnach gelernt, dass er sich nur für Frauen zu interessieren hat." Und das hatte Ced mit Begeisterung getan, wenn auch immer nur kurzfristig. "Allerdings richtet er sich nicht grundsätzlich nach allem, was seine Eltern sagen. Um genau zu sein, macht er ziemlich vieles, was sie sich die Haare raufen lässt."

Er lachte leise, als er sich allein an ihre Kinderstreiche in der Schule erinnerte, die den einen oder anderen bösen Brief seitens der Lehrerschaft an die Eltern bewirkt hatten. "Ich glaube, wenn du ihn nicht gleich überfällst und... das ganze Repertoire auf einmal durchziehen willst, sondern ihm Zeit gibst, sich an dich, an deinen Körper und den ganzen Gedanken zu gewöhnen, kannst du durchaus Erfolg haben. Er lässt dich zu, nicht? Allein, dass ihr zusammen in einem Bett schlaft, aneinander geschmiegt. Und er küsst dich. Das ist viel, das lässt er bei keinem anderen Mann zu."

"Sprichst du aus einer Erfahrung?" Sofort ein wenig misstrauisch und sehr eifersüchtig ließ Devi den Blick über den sicherlich nicht als hässlich zu bezeichnenden Mann gleiten, um dann zu ihrem Schlafzimmer zurück zu sehen. Er schrak zusammen, weil Cedric dort in der Tür lehnte und weil er nicht nur zerknittert vom Schlafen aussah, sondern auch noch ein wenig sauer.

Daniel schnitt eine unbehagliche Grimasse, als er Cedrics Blick auffing, der etwas von einem scharfen Dolch an sich hatte. Oder eher von vielen kleinen Dolchen, mit denen er ihn zu spicken gedachte. Dennoch wagte er es, Devi eine Antwort zu geben, um gar nicht erst irgendwelche Missverständnisse aufkommen zu lassen. "Natürlich nicht, aber ich kenne ihn schon sehr lang."

"Danke, bester Freund, dass du dich über mein Sexleben auslässt. Das geht dich echt einen Scheißdreck an", knurrte Cedric und wandte sich dann mürrisch Devi zu. "Und was dich betrifft, ich würde nicht all seinen hoffnungsvollen Wunschträumen Glaube schenken." Daniel hatte ein paar Mal zu oft zum Ausdruck gebracht, dass es an der Zeit war, dass er sich auf eine wirkliche Beziehung einließ und nicht nur auf kurze Affären, und er hatte nicht vor, nur weil es seinem Herrn besten Freund gefiel, sich mit einem Mann einzulassen. Einem besten Freund, der ihm das auch noch entschieden zu freudig aufnahm, dass es ein Caley war, der sich nun an seiner Seite befand! Aber eben diesem Caley konnte er nicht wirklich böse sein.

Devi erwiderte den Blick, den Cedric ihm zuwarf, ohne sich aus seiner Pose zu lösen. "Du machst dich über meine Kultur lustig", stellte er missgelaunt fest. "Dein Freund hier, den es nie betreffen wird, hat sich wenigstens belesen. Du aber willst ja nicht einmal mir zum Gefallen einen Besuch bei uns machen. Und ich? Wie kann ich meine Puppe hier im Palast zur Welt kommen lassen?! Das ist unmöglich. Wie soll er alles lernen, wenn er niemanden hat, der ihn einweist? Wie soll er denn freudig auf Suche gehen wollen, wenn er sieht, dass es so schlimm enden muss?!" Seufzend ließ Devi sein Kinn wieder auf das Knie sinken. "Du bist so grausam. Vielleicht hätte ich jemanden anderes finden können. Ich muss mich geirrt haben. Wie konnte ich nur so glücklich sein?"

"Ich bin grausam? Ich?" Die Ansicht des Caley machte Cedric nun doch ernsthaft zornig. "Ich wusste nicht, was auf mich zukommt, als du mich angefasst hast, du wusstest es sehr wohl! Ich hatte keinerlei Absicht, mich auf irgendeine feste Beziehung einzulassen, und jetzt weichst du mir nicht mal von der Seite. Ich nehme ständig Rücksicht, weiche kaum noch von deiner Seite, weil es dir weh tut, und alles, was du tun kannst, ist dich zu beschweren! Du willst mich auf einen Planeten entführen, auf dem ich für Jahre versauern soll, weil es keine einzige Frau dort gibt! Und Kinder, mein Kleiner, will ich bestimmt nicht mit dir!"

"Cedric...", setzte Daniel an, aber Cedric fuhr nur zu ihm herum, um ihn anzufunkeln. "Und du hältst dich endlich aus dem ganzen heraus! Ich habe meine Beziehungsgeschichten bisher gut ohne dich lösen können, ich gedenke nicht, jetzt etwas daran zu ändern."

Devi blinzelte, dann sprang er auf und war schon dicht vor Cedric, als ihm auffiel, dass er dabei war, den Mann einfach gegen seinen Willen zu nehmen, um ihn zum Schlafzimmer zu schleifen. So wütend war Cedric noch einmal so hübsch anzusehen, und die Witterung um ihn her wurde immer intensiver. Devi wurde bewusst, dass seine Wandlung offensichtlich beinahe abgeschlossen war. Eigentlich war es nun in ihren Instinkten verankert, mit dem Gefährten zu schlafen, das machten die Caley ohnehin gern, solange sie noch allein waren, aber mit dem Gefährten doch noch viel lieber. Wütend über sich selber bremste er ab und berührte Cedric nicht einmal, sondern bog in das Schlafzimmer ab, wo er sich seine mittlerweile passend gekaufte Shorts und ein paar leichte Schuhe anzog. Mit knallender Tür verschwand er aus der Wohnung, um zu Adiva zu laufen.

Daniel sah dem Caley hinterher, dann schob er seinen Laptop beiseite, um aufzustehen und sich gegen das zierlich geschwungene Messinggeländer zu lehnen. "Er hat recht, du solltest dich endlich mal über sein Volk informieren. Mehr als dir Bücher geben, kann ich nicht!"

"Hatte ich dir nicht gerade gesagt, du sollst dich da raushalten?", knurrte Cedric und löste sich endlich von der Tür, um auf den Balkon zu treten und sich von den Melonenschinkenstückchen auf einen Teller zu häufen. Wirklich Lust auf Essen hatte er nicht, und der Blick, mit dem Devi ihn bedacht hatte, hungrig irgendwie und voller Sehnsucht unter der Wut, hatte ihn auf eine Art erschüttert, an die er lieber nicht denken wollte. "Es geht dich..."

"Es geht mich sehr wohl etwas an, wenn du dich verhältst wie ein sturer Betonschädel", unterbrach Daniel ihn. "Du bist mit einem Caley verbunden, nicht mit einem Mensch. Das wenigste, was du tun kannst, ist dich zu informieren, um zu wissen, auf was du dich da eingelassen hast. Aber weißt du was? Du hast Angst. Er gefällt dir, du genießt seine Nähe. Du könntest dir eine Beziehung mit ihm sehr gut vorstellen, wenn – ja, wenn du nicht daran denken würdest, dass du dich vielleicht als schwul sehen müsstest. Und dass es deine Eltern auf eine Art schockieren würde, die du nicht geplant hast. Die du nicht kontrollieren kannst, was es noch beängstigender macht."

"Erstens bin ich nicht schwul", fauchte Cedric. "Und zweitens – verdammt noch mal, Dan, wieso bist du immer auf Devis Seite? Was gefällt dir so sehr an dem Gedanken, dass ich mit einem verdammten Kerl zusammen sein soll?"

Daniels Worte enthielten zu viel Wahrheit, als dass sie ihm gefallen hätten. Aber er hatte nie auf Männer gestanden, alle seine Beziehungskisten waren weiblich gewesen, warum sollte er nun damit anfangen, wenn er wusste, dass es auch einfacher ging – und er damit glücklich sein konnte? Warum sich all den Stress machen? Devi schob sich ungebeten in seine Gedanken, liebevoll, fürsorglich, anschmiegsam, besitzergreifend, zärtlich, aufbrausend, verletzlich... Wütend pfefferte Cedric seinen Teller auf den Tisch.

Daniel runzelte die Stirn und fixierte Cedric leicht verärgert. Der Mann konnte so kompliziert und so stur sein, wenn er etwas nicht begreifen wollte! "Okay, Ced, Klartext. Ich glaube, dass du verdammt glücklich mit Devi sein kannst, wenn du es erst mal zugibst. Du hattest keine Beziehungen bisher, sondern Affären. Die längste hat wie lang gehalten? Drei Wochen? Du findest Männer attraktiv, auch wenn du das vor dir versteckst. Und komm mir jetzt nicht mit deinem 'Auge eines Fotografen', diese Ausrede ist so alt, dass sie nicht mal mehr humpeln kann!"

Cedric starrte ihn an, wütend, verwirrt und sagte das erste, was ihm einfiel, auch wenn es bestimmt das dümmste war. "Und dich würde das gar nicht stören, wenn dein bester Freund schwul ist?"

Mit einem kleinen Schnauben verdrehte Daniel die Augen. "Ceddy, wie oft habe ich dir gesagt, dass du blind bist, wenn du etwas nicht sehen willst? Ich dachte, du hättest es mittlerweile zumindest halbwegs erraten. Hast du mich jemals mit einer Frau rummachen sehen? Jemals? Irgendwann? Auch nur in der Schule, als alle hinter dieser ach so sexy Catherine her waren und die beide Augen auf ausgerechnet mich geworfen hatte?"

Cedric blinzelte, steckte sich abgelenkt ein Melonenbällchen in den Mund und blinzelte wieder, während er zu begreifen versuchte, was Daniel mit seinem Klartext sagen wollte. Es passte. Mit einem Mal passte alles zusammen. Daniel hatte nie von Frauen geschwärmt, und obwohl sie beste Freunde waren, hatte er nie seine Freundinnen vorgestellt bekommen. Cedric hatte immer gedacht, dass es daran lag, dass er sich immer am anderen Ende des Universums befand, wenn Daniel eine neue Liebschaft gefunden hatte. Aber er hatte ja nicht mal Bilder gesehen. Oder doch? Aber zumindest nie eindeutige! Wie viele Ausreden er sich ausgedacht hatte, um seinen besten Freund nicht schwul zu sehen!

Er wollte noch ein Melonenbällchen in den Mund stecken und stellte fest, dass er das letzte noch nicht mal geschluckt hatte. Das nachholend murmelte er "Oh Mann, ich bin wirklich blind." Dann sah er Daniel anklagend an. "Aber du bist nicht besser! Ein einfaches 'Ich bin schwul, Ced' hätte es nicht getan, nein? Irgendwann zwischendrin mal?"

"Ich habe es nie versteckt. Ich dachte, du wolltest es einfach nicht so genau wissen, und dass du trotzdem mein bester Freund warst, hat mir eigentlich immer gereicht." Daniel strich die Knopfleiste seines hellblauen Hemds glatt, eine Geste aus Unsicherheit heraus, wie er sich bewusst wurde und beendete sie deswegen auch gleich.

Cedric schwieg eine Weile und starrte auf seine Finger. "Dieser Aufenthalt im Palast spart auf jeden Fall nicht mit Überraschungen", sagte er schließlich und sah mit einem schiefen Grinsen zu Daniel hin. Sein Zorn war verraucht. "Ich mag es lieber, wenn ich es bin, der meinem Leben Wendungen verleiht, aber gerade muss ich mich umgewöhnen, scheint mir." Nach einer weiteren Pause fügte er hinzu "Es ändert aber nichts zwischen uns, oder?"

Leise lachte Daniel auf, erleichtert über diese Frage, auch wenn er eigentlich nichts anderes erwartet hatte, und stieß sich von dem Geländer ab, um sich eine weitere Tasse Tee einzuschenken. "Nein."
Cedric wollte gerade in das Lachen einfallen, als sich sein Blick misstrauisch verengte. "Du bist aber nicht in mich verliebt oder so?"

Ungerührt antwortete Daniel "Du bist mir viel zu dick."

"Dick?!" Empört sah Cedric an sich herab, konnte keine einzige Speckrolle erblicken und starrte wieder zu Daniel hin. "Wo bin ich dick?"

Daniel grinste breit und reichte ihm ein Glas Orangensaft. "In den Schultern. Und jetzt setz dich und iss was."


© by Jainoh & Pandorah