Unverhofft lebenslänglich

I - 14.

Daniel streifte durch den Frachter mit keinem anderen Ziel, als Adiva zu finden. Er hoffte sehr, dass die Anwältin es geschafft hatte, ihm die Reise so kurzfristig zu ermöglichen, immerhin hatte er dafür eine ordentliche Summe gezahlt. Immer wieder jedoch wanderten seine Gedanken auch zu Cedric, und er fragte sich, wie sehr es sein Freund mittlerweile bereute, nicht mit Devi gefahren zu sein. Hoffentlich genug, um nicht in das Shuttle zu steigen, das ihn zu dem Schiff nach Vash'esi bringen würde. Er fragte sich, ob er ihn mehr hätte drängen sollen, weil er wusste, wie sehr Cedric leiden würde. Aber wieder kam er zu dem Schluss, dass sein bester Freund wahrlich alt genug war, um auf sich selber aufzupassen und seine eigenen Entscheidungen zu fällen.

Schließlich fiel ihm in einem der unteren Gänge die schlanke, helle Gestalt des Arztes ins Auge, und unwillkürlich musste er lächeln und blieb für einen Moment stehen, um ihn einfach nur zu bewundern, die elegante Art, wie er sich bewegte, wie anmutig er den schlanken Schwanz hielt und wie aufmerksam die Ohren sich mal hierhin, mal dorthin drehten. Wieder trug er das Rosa und helle Grün seiner Göttin, in dem er so umwerfend niedlich aussah.

Leider kam nun der Part, auf den Daniel sich nicht wirklich freute, das Vorspielen und kleine Lügen verbreiten, aber es führte kein Weg daran vorbei. "Adiva? Wie schön, dich wiederzusehen!" Immerhin das war nicht gelogen, dachte Daniel zufrieden bei sich, als er mit schnellen Schritten und einem herzlichen Lächeln auf den zierlichen Abd Jabir zueilte.

Adiva schreckte auf, als er seinen Namen hörte, dann breitete sich ein Lächeln über sein Gesicht aus. Er verneigte sich leicht vor dem Mann, den zu treffen er in den letzten Tagen immer wieder vergebens gehofft hatte. "Daniel, schön, dass auch du die Fahrt nach Caley unternimmst."

"Das hatte ich dir doch erzählt", meinte Daniel mit einem kleinen, freudigen Zwinkern. "Du warst es, der sich nicht sicher war. Was ist geschehen, dass es so überraschend möglich gemacht hat?"

"Die Forschungsgesellschaft Interplanet brauchte noch einen Arzt in ihrem Team, das Caley erforschen soll. Ich bin ja ohnehin für eine längere Zeit im Palast beurlaubt und wollte ein wenig weg von allem, daher bin ich mehr als froh, dass ich nun all den Einladungen der Caley folgen kann." Adiva wandte sich unsicher ein wenig zurück in Richtung des Zwischendecks. "Ich wollte gerade nach Cedric sehen, kommst du von ihm?"

"Cedric!?" Daniels Augen weiteten sich. "Er ist... hier?" Dann fiel ihm auf, wie Adiva es formuliert hatte, und unterdrückte einen unhöflichen Fluch. "Dieser dumme, dumme Caley! Das war ein Fehler, Adiva, das kannst du mir glauben."

"Oh." Adiva hob seine Finger erschrocken an den Mund. "Dann hätte ich das nicht sagen dürfen?" Innerlich fragte er sich, was in Daniel gefahren sein mochte, der ihm zuvor als so belesen, gerade was die Caley anging, erschienen war. Adiva nahm seinen Weg wieder auf und fragte den ihm aufgeregt folgenden Mann "Aber wieso denn dummer Caley?"

"Glaubst du wirklich, dass Cedric großzügig erfreut sein wird, wenn er aufwacht, nachdem man ihn an den Ort entführt hat, an dem er am wenigsten sein will, seiner Meinung nach? Ich habe es Devi gesagt und wieder gesagt. Er soll ihn ziehen lassen!" Daniel schüttelte sorgenvoll den Kopf. "Natürlich hat er nicht auf mich gehört, aber ich kenne Ceddy schon so viel länger als er, und ich weiß einiges von den Caley und ihren Verbindungen – natürlich nur aus Büchern. Ced ist stur, aber er hätte sich dem nicht widersetzen können. Er wäre dickschädelig, wie er ist, aufgebrochen, aber hätte von ganz allein eingesehen, dass es so nicht geht. Er wäre zurückgekommen. Aus eigenem Antrieb, mit ein wenig verletztem Stolz vielleicht, aber ruhiger und dankbar, bei Devi sein zu können. Jetzt kann sich Devi auf einen Krieg gefasst machen." Hilflos versuchte er es mit einer anderen Beschreibung, um das Ausmaß zu verdeutlichen. "Stell dir vor, dass eine Abd Jabir gegen ihren Willen betäubt und verschleppt worden wäre, möglicherweise noch von einem anderen Weibchen, das es sich in den Kopf gesetzt hat, sie als Gefährtin zu bekommen. Würde die Entführte aufwachen und freudig ausrufen 'Heirate mich!'?"

"Das kann man nicht vergleichen, sie sind nicht für einander bestimmt. Ohnehin wundert es mich, dass Cedric Devi verlassen wollte, bevor sie die Puppe haben großziehen können. Danach lässt der Drang, beieinander bleiben zu müssen, ein wenig nach. So oder so konnte Devi nicht mehr warten, er hat derart schnell und heftig auf Cedric reagiert, wie ich es lange nicht mehr gesehen habe." Adiva bog um eine Ecke und blinzelte auf den Schlüssel in seinen Händen. "Hm, ich glaube, hier müsste es sein." Er zählte die Türen ab und entdeckte den Code. Rasch schloss er auf und trat ein.

"Das kann man sehr wohl vergleichen. Cedric glaubt nicht daran, für jemanden bestimmt zu sein", meinte Daniel mit einem Seufzen und folgte dem Arzt. Eine Fensterattrappe, die statt dem All eine Insellandschaft vorgaukelte, spendete warmes Licht. Bekümmert sah er auf seinen Freund, der auf dem Bett fürsorglich zugedeckt worden war, und zog die Tür hinter ihnen zu.

Adiva ließ sich in einen der Sessel nieder und meinte liebenswürdig "Die Caley sind nun einmal so. Sei doch froh, dass Devi auf diese Art auf Cedric Acht gibt, anstelle ihn in der Ferne leiden zu lassen, sobald er die Puppe durch ihn erhalten hat. Denn technisch ist es nun Cedric, der ihn viel mehr braucht."

Forschend betrachtete er Daniels Gesicht. Die ungewöhnlich blauen Augen wurden durch das Hemd sogar in diesem dämmerigen Raum zum Leuchten gebracht, und der Anzug sah für eine solche Reise eigentlich fast schon zu edel aus. "Du musst hier nicht rumsitzen und dich langweilen, Daniel. Ich passe auf Cedric auf, bis Devi sich von den anderen Caley verabschieden konnte."

Daniel würde sich mit Adiva weder über Cedrics Dickschädel streiten, noch über die Gefühle, die Devi für ihn hegte. Stattdessen lächelte er, zog das helle Jackett aus und hängte es ordentlich über einen Stuhl, ehe er sich setzte. "Wenn ich mit dir reden kann, langweile ich mich mit Sicherheit nicht. Du hast eine so faszinierende Art, die Welt zu sehen, dass es keine Langeweile geben kann. Und zudem ist Cedric mein Freund. Wenn du für Devi auf ihn Acht gibst, kann ich das erst recht für ihn selber tun, nicht? Es sei denn natürlich", fügte er hinzu, "du würdest darauf bestehen, dass ich gehe." Cedric würde mit Sicherheit noch so lange schlafen, bis er auf Caley war, und bei Adiva war er in guten Händen.

"Aber natürlich nicht. Ich freue mich, wenn wir uns wieder unterhalten können. In den letzten Tagen war ich immer so beschäftigt." Adiva schob seine Tasche hinter den Sessel und lehnte sich zurück. "Hafila wollte unbedingt, dass ich mich bei einigen Weibchen vorstelle, die mich heiraten würden, wenn ich aus Caley zurück bin. Aber ich..." Er seufzte. "Ich bin undankbar, das weiß ich, aber ich will noch nicht wieder heiraten. Frei bin ich so zwar nicht, aber wenigstens muss ich noch nicht nach Jabir zurück. Dort hätte ich zu viel Angst vor der Familie meiner Frau." Er lächelte schüchtern. "Aber was rede ich da für einen Unsinn! Erzähl mir doch lieber noch ein wenig mehr über die Erde!"

Daniel fand den zarten Mann bezaubernd in seiner Unsicherheit, und gewiss hätte er ihm noch viel länger zugehört. Aber um ihn abzulenken von seinen beunruhigenden Gedanken, entsprach er seiner Bitte. Es machte ihm Freude, wenn Adiva interessiert und fasziniert nachfragte, wenn er sich Zusammenhänge erklären ließ, wenn er mit nur einer winzigen Veränderung seiner zierlichen Züge deutlich machte, dass er etwas nicht verstanden hatte, aber ihn nicht unterbrechen wollte. Schließlich unterbrach sich Daniel selber lachend. "Ich rede und rede. Ein Wunder, dass dir noch nicht die Ohren abgefallen sind. Hast du Durst? Dann hole ich uns etwas zu trinken."

Adiva blickte auf die Flugzeitanzeige über dem Bett. "Vielleicht können wir beide etwas zu essen und zu trinken holen, wenn es nicht zu lange dauert. Ich will vorher nur noch einmal schnell nach Cedric schauen." Er stand auf und strich seine Tunika glatt, dann trat er ans Bett und stellte fest, dass der Mann noch immer tief und fest schlief. "Nun, es sei denn, du wärst so nett und würdest mir etwas vom Verkaufsstand mitbringen. Der Stand für die Abd Jabir ist nämlich gleich im nächsten Flur über diesem. Oder magst du eben hier warten und ich hole etwas?" Zwischen seinem leichten Hunger, den er erst jetzt bemerkte und seinem Versprechen, auf Cedric aufzupassen, hin und her gerissen, sah Adiva zwischen Daniel, Cedric und der Tür zur Kabine umher.

Daniel erhob sich und zog das Jackett wieder über, dann deutete er mit einem neckenden Lächeln eine kleine Verneigung zu Adiva an. "Da du dich so freundlich um meinen besten Freund kümmerst, kann ich unmöglich zulassen, dass du mir hier verhungerst. Ich hole uns etwas. Gibt es was, das du gar nicht magst oder habe ich freie Auswahl?"

Adiva gab sogar seine Lieblingsspeise preis und schämte sich hinterher ein wenig, weil es nicht unbedingt das billigste Gericht war. Kaum hatte Daniel die Zimmertür hinter sich geschlossen, als Adiva auch schon in das Bad lief, um zu sehen, ob die Steinchen und Farben um seine Augen noch in gutem Zustand waren.

Hastig umrandete er seine Augen mit der goldenen Farbe und legte die zartgrünen und rosafarbenen Steinchen an den Augenwinkeln neu nach. Er striegelte sich noch einmal leicht über das Kopffell und schalt sich einen wirklich dummen Jungen, weil er sich für einen Menschen so viel Mühe machte.

Daniel war einigermaßen beschwingt, als er das Zimmer verließ, um den Stand mit den Abd Jabir Spezialitäten zu suchen. Bis auf die Kleinigkeit, dass er sich hatte erklären lassen müssen, warum Adiva hier war, obwohl er es gewusst hatte – sogar besser als dieser – war es zu keinen Lügen gekommen, und er gedachte, diesen auch weiterhin auszuweichen. Das sollte nicht allzu schwer sein, denn eigentlich gab es nun keinen Grund mehr. Zudem hatte sich Adiva gefreut, ihn zu sehen, hatte gesagt, dass er an einer Heirat mit einer Frau kein Interesse hatte...

Das einzige, was seine Laune ein wenig trübte, war die Tatsache, dass Devi Cedric gegen dessen Willen hierher geschleift hatte. Er freute sich nicht auf Ceds Aufwachen und hoffte, dass sein Freund ihm keine Schuld an seinem Hiersein gab.

Mit einem Seufzen wählte er reichlich von dem Angebot des Standes, ließ es sich verpacken und nahm noch zwei große Becher eines Getränks dazu, dessen Namen ihm nichts sagte, von dem er aber probieren durfte und dessen säuerlich prickelnder, leichter Geschmack ihm zusagte. Zurück in dem Zimmer packte er seine Beute auf dem kleinen Tisch aus und reichte Adiva einen der Becher. "Ich hoffe, das ist ausreichend. Wenn nicht, laufe ich auch gern noch ein zweites Mal."

"Ach du meine Güte! Das ist doch viel zu viel, Daniel!" Und es waren mehrere Dinge dabei, die Adiva sehr gern aß. Rasch half er Daniel alles auf dem Tischchen auszubreiten und hob den Becher in Richtung des anderen Mannes. "Dann trinke ich darauf, dass dein Besuch auf Caley ein Erfolg wird und du keinen Ärger mit deinem schlafenden Freund bekommen wirst."

Daniel lachte und antwortete unbesorgt "Ich bin nicht Schuld daran; ich habe mir reichlich Mühe gegeben, aber jetzt sollen sie sich alleine streiten." Er hob seinen Becher ebenfalls. "Und ich trinke auf deinen Erfolg bei der Forschung, und dass du noch viel mehr gute Aufträge erhältst, die dich erfreuen." Er sah Adiva in die Augen, als er einen Schluck nahm, und lächelte, während er den Becher absetzte. "Und jetzt sag mir, was genau was ist, damit ich weiß, was ich esse. Ich bin neugierig; das ist das erste Mal, dass ich neben den Jasminküchlein in dem Café Abd Jabir Küche genießen kann."

Adiva erklärte die Gerichte und wie sie hergestellt wurden. Er erwähnte dabei die traditionellen Festtage, zu denen gerade zum Beispiel Jasminkuchen von einem guten Männchen für die Tafel erwartet wurden. So verging die Zeit sehr schnell, und Adiva war fast ein wenig traurig, als Devi in das Zimmer kam, um sich wieder zu seinem Schatz setzen zu können. Zuvor vernichtete Devi natürlich die reichlichen Reste und auch die Gerichte, die er für den kleinen Arzt mitgebracht hatte.

Glücklich sah Adiva zu, wie Devi Cedrics Kopfkissen ein wenig besser richtete und ihm dann schon einmal die Schuhe wieder anzog, weil eine Ansage die baldige Ankunft auf Caley durchgab. "So, Devi. Ich will mich dann mal verabschieden und mich um mein Gepäck kümmern. Ich habe mich auf dem Raumhafen mit den anderen Caley verabredet, ich glaube aber, dass wir die selbe Insel als Ziel haben werden."

Devi umarmte und küsste Adiva einmal sachte auf den Mund. "Das hoffe ich auch! Wenn nicht, dann hoffe ich, dass du mich und meinen Schatz in einigen Tagen besuchen kommen wirst."

Adiva verbeugte sich und versuchte, die Röte aus seinem Gesicht zu vertreiben, die der doch eigentlich bekannte Kuss gebracht hatte. Vor Daniel war es ihm irgendwie peinlich, dass Devi sich so vertraut verabschiedet hatte. Er drehte sich zu eben diesem Mann und verbeugte sich noch einmal.

"Vermutlich werden wir uns hier oder dort wieder über den Weg laufen, das würde mich freuen, Daniel", sagte er leise.

Daniel verneigte sich ebenfalls und ärgerte sich mit einem Mal über diese schrecklich förmliche Art, die zwischen ihnen herrschte, nachdem die Wärme zwischen Devi und Adiva schon wieder den bekannten Stich in seinem Bauch ausgelöst hatte.

"Ich hoffe es sehr", antwortete er und überspielte seine Missstimmung. Dann wandte er sich Devi zu. "Sei mit meinem Freund in Zukunft vorsichtiger." Damit wandte er sich ab und verließ das Zimmer.

Devi blinzelte Daniel hinterher und zuckte dann mit den Schultern. "Ich wusste nicht, dass auch Freunde von menschlichen Gefährten eine Anpassungsstörung haben können, aber irgendwie hat der Blonde eine", murrte er.

Adiva stupste ihn an. "Er hat Recht. Du musst mit deinem sturen Kleinen ein wenig Acht geben. Ich weiß, dass er dir auf Caley nicht so leicht davonlaufen kann, aber er kann es innerlich noch immer tun."

"Ach was. Er wird glücklich sein, wenn er bei mir aufwacht. Seine letzten Worte waren, dass er mit mir fahren will. Eigentlich hatte er es sich gerade überlegt, und er hat es eingesehen, als er das Betäubungsmittel getrunken hat." Zufrieden küsste Devi Cedric auf den Mundwinkel. "Mein armer, sturer Kleiner. Ich freue mich so sehr auf die glücklichen Tage auf Caley."

Adiva streckte seinen zarten Körper und nickte. Dann nahm er seine Tasche auf, um sich ebenfalls zu verabschieden. "Ja, ich freue mich auch."

Devi hatte nicht mehr viel Zeit, um sich zu erholen, denn er wollte mit seinem schlafenden Schatz, so schnell es ging, von der kargen Insel herunter, auf der sich neben dem Raumhafen eigentlich nur noch ein kleiner Hafen für die Passagierschiffe befand, die alle Inseln stetig miteinander verbanden.

Er und einige andere Caley bestiegen das rotgestrichene Holzschiff mit den von Sonnenenergie betriebenen Schaufeln an beiden Seiten. Mit dem schlummernden Cedric auf dem Schoß und einem nicht sonderlich froh gelaunten Daniel an seiner Seite genoss Devi seine erste Bootsfahrt als Meta in der Heimat. Sehr bald würden Cedric und er noch viel mehr reisen, aber bis dahin hatten sie etwa fünf Jahre Zeit, damit Cedric sich mit ihm einleben konnte.

Lächelnd nahm Devi die Hand auf, die mittlerweile deutlich schmaler war als seine eigene und zudem einiges heller. Während er sein Gesicht gegen die noch schlaffen Finger schmiegte, erzählte er Cedric mit leiser Stimme, wie die Fische hießen, die fröhlich mit dem Schiff schwammen, wie die kleine Insel hieß, die sie nicht anliefen und wie sich die Insel nannte, auf der sie eine ganze Weile leben würden.

Nach einer Weile meinte er an den Menschen gewandt "Daniel, wenn du seinetwegen so trübsinnig bist, wieso bittest du Adiva nicht zu uns? Er wird sicherlich genau wie du mit Arkay reden wollen, nicht wahr? Lade ihn doch mal zu einem Essen ein, oder geh hin und küss ihn. Er mag das gern, ich hab es dauernd gemacht, und es macht einen glücklich, so einen süßen Arzt zu küssen." Pragmatisch nickte er zur Reling auf der Seite, wo Adiva mit den anderen Wissenschaftlern der Gesellschaft stand und mit einigen Caley diskutierte, die sich offensichtlich darum stritten, wer den Arzt als erster beherbergen durfte.

Daniel musste über die unkomplizierte Art des Caley lachen und wünschte sich, dass Cedric bald einsah, dass er bis auf diverse besitzergreifende Anfälle und den viel zu muskulösen Körper einen wunderbaren Geliebten hatte. Die Gedanken um Cedric waren aber nicht das einzige, das ihn beschäftigte, doch das würde er Devi nicht sagen. Vielmehr hatte er mit seinem Magen zu kämpfen, dem das sanfte Schaukeln der Fähre weitaus mehr zusetzte als es das leichte Schwanken des Gartens im Palast der Schätze getan hatte.

"Ich kann ihn fragen, was er von deinem Vorschlag hält." Er erhob sich und schlenderte gemächlich zu Adiva hin, um sich ein wenig von all dem abzulenken. "Gefällt es dir hier?", fragte er und hielt das Gesicht mit halb geschlossenen Augen in den Wind. "Ich gestehe, ich genieße die Ruhe und Einfachheit nach dem Palast."

Adiva hatte das Problem, dass der Wind seine viel zu leichte Kleidung an seinen Körper presste, so dass er sie beinahe schon hätte fortlassen können. Zu allem Überfluss kam auch noch Daniel auf ihn zu und sah mit dem blauen Hemd im Sonnenlicht noch fantastischer aus als sonst. Unglücklich wandte er sich mit dem Rücken zum Wind, was die leichten Tücher um ihn her aufwehen ließ.

"Adiva?" Verwirrt sah Daniel den Mann an, der sich mit einem so unsicheren Blick von ihm wegdrehte, ohne auch nur einen Ton zu sagen. "Habe ich unwissentlich etwas Beleidigendes gesagt?"

"Nein... ich bin nur, der Wind..." Adiva umschlang seinen Körper mit den Armen, um die Tücher zu bändigen, bevor er schwach meinte "Ich muss mir andere Kleidung für das Reisen zulegen."

"Du siehst bezaubernd aus", sagte Daniel ehrlich und fürchtete im gleichen Moment, dass es vielleicht nicht das war, was Adiva hören wollte. Rasch zog er das Jackett aus und hielt es dem zierlichen Mann hin. "Aber wenn es dir unangenehm ist – darf ich es dir anbieten?"

"Oh." Adiva nickte leicht und drehte sich, damit Daniel ihm das Jackett umlegen konnte. "Danke." Das Wort bezaubernd hatte ihn aus der Bahn geworfen.

Daniel war erleichtert und sah es als Erfolg an, dass sich der zierliche Arzt trotz dieses offensichtlichen Kompliments nicht von ihm entfernt hatte. Und mit dem zu großen, hellen Jackett sah er noch einmal so niedlich aus, vor allem, weil es nicht zu den fließenden Gewändern in Hellrosa und Zartgrün passte. Statt ihm zu erzählen, dass Devi vorgeschlagen hatte, dass er ihn küssen sollte, sagte er vorsichtig "Ich werde bei Devis Anverwandten Jann und dem Forscher Richardson unterkommen. Ich habe Richardson geschrieben, und er scheint mir sehr nett und aufgeschlossen zu sein. Hättest du vielleicht Interesse, ihn kennen zu lernen?"

Adiva lächelte Daniel nun direkt an. "Ich bin bereits bei Arkay eingeladen, wir schreiben einander schon länger Briefe. Aber dann werden wir uns sicherlich demnächst auf dem großen Abendessen zu Cedrics Ehren sehen." Er lachte auf. "Sobald der zu Ehrende erwacht ist." Im Hintergrund liefen einige Caleypuppen zusammen und winkten und riefen, weil sich die Insel als grüner Flecken am Horizont näherte.

"Wenn ich das dann noch erleben darf und er mich nicht umbringt." Daniel lachte. "Aber unter diesen Umständen freue ich mich natürlich um so mehr, dich wiederzusehen." Kurz noch war er versucht, ihm von Devis Ansichten über das Küssen zu erzählen, nur um zu sehen, wie der zierliche Mann reagierte, doch er unterließ es. Er wollte ihn nicht in Verlegenheit bringen. Vielleicht ergab sich irgendwann eine unverfänglichere Situation; an diesem Tag hatte er ihm genügend Komplimente gemacht.


© by Jainoh & Pandorah