Unverhofft lebenslänglich

I - 17.

Der Plan war nicht perfekt, aber er funktionierte. Cedric hatte auf weiten Teilen der Strecke das Gefühl, Devi würde ihn beobachten, doch wahrscheinlich waren es nur seine angespannten Sinne, die ihm einen Streich spielten, weil es halb und halb das war, was er sich wünschte. Deswegen sah er sich stur nicht um, selbst wenn er die Zeichnung auf seiner Brust unangenehm deutlich im Rhythmus seines Herzens pochen spürte.

Als er schließlich wieder das Haus erreichte, war er kaum noch in der Lage, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er taumelte ins Bad und nahm eine schnelle Dusche, dann fiel er, ohne sich abzutrocknen, ins Bett. Die Luft war warm genug dafür, und Cedric zog nur noch kraftlos die Decke über die Hüfte. Jetzt schmerzte wirklich alles, Körper und Seele, in vollkommenem Einklang. Doch als er die Augen schloss, konnte er ihn vor sich sehen, in jeder verdammten Einzelheit. Sein kantiges Gesicht, die warmen, goldbraunen Augen, die ihn meistens freundlich anlachten, der breite Mund, der so warm und weich sein konnte. Der kräftige Körper mit den Zeichnungen auf Brust, Armen und Rücken – Cedric konnte jede Spirale, jeden Schnörkel erkennen, wusste nur zu genau, wie es sich anfühlte, wenn sich ihre Bilder ergänzten.

Er drehte sich zur Seite, zog das Kissen an sich heran und schlang die Arme darum. Das Gesicht in dem weichen Stoff vergraben weinte er.

 

Wütend auf die schrecklichen Gefühlswirbel, die Cedric durchmachen musste, verfolgte Devi ihn, bis er sah, dass sein Schatz sicher in Vinns Haus angekommen war. Dann ging er mit langsamen Schritten zu seinem Heim zurück, wo er sich allein auf das Bett legte und an die Decke starrte, wo ein kleines Windspiel sich leicht drehte und schimmernd und funkelnde Lichter durch das Zimmer schickte.

Erneut vergrub er sein Gesicht in dem Hemd von Cedric, das seinen Geruch doch nur noch ganz wenig an sich trug. Es schmerzte ihn nicht mehr wie zuvor, das Gefühl der Unvollständigkeit war kein scharfes Reißen, eher wie eine dumpfe, düstere Sicherheit, die mit jedem Herzschlag mehr Dunkelheit über ihn brachte. Es war sehr früh am Morgen, aber Adiva machte sich Sorgen um Cedrics Wohlbefinden und huschte leise aus dem Gästezimmer, um sich gründlich zu duschen und hübsch zu machen. Er zog zwar die leichte Hose der Caley an, aber das bauchfreie Oberteil sagte ihm nicht zu, stattdessen nahm er sich eine Tunika, die er sonst immer nur zur Arbeit getragen hatte. Sie lag recht eng an, aber hatte weite Ärmel. Er schmückte sich sorgfältig in den Farben der momentanen Geburtsgöttin Neferte mit Weiß und Gold, dann schlich er auf Zehenspitzen durch das Zimmer zur Küche, in der noch niemand war. Dort wollte er einen schnellen Tee trinken, bevor er zu Vinns Haus gehen und ein wenig mit Cedric reden wollte.

Bei Vinn im Haus waren schon die Puppen mit ihren Vätern auf, weil sie am Nachmittag die Insel in Richtung einer kleineren Kette verlassen wollten, die sich die Sieben Perlen nannte. Aufgeregt und für eine kurze Weile von Cedric abgelenkt ließ Adiva sich von ihnen erzählen, wie man zu den Perlen hingelangen konnte, und sie versprachen, ihn schon einmal anzukündigen. Angesichts seines anstehenden Berichtes für die Forschungsgesellschaft wollte Adiva jedoch zunächst über Cedrics Anpassungsstörung schreiben und abwarten, ob ihn die Gesellschaft auch weiter für sie schreiben und nachforschen lassen wollte.

 

Cedric fühlte sich erschlagen, als er am nächsten Morgen aufwachte. Er quälte sich aus dem Bett, spürte eine unangenehme Steifheit in jedem Glied und wankte erst einmal ins Bad, um unter der Dusche halbwegs wieder zu einem Mensch zu werden. Abwechselnd heißes und eisig kaltes Wasser halfen ihm dabei, aber als er beim Abtrocknen einen Blick in den Spiegel warf, konnte er nur eine Grimasse schneiden. Er sah fast so schlimm aus, wie er sich fühlte. Blass, mit Ringen unter den matten Augen und irgendwie insgesamt ungesund.

Er verdrängte die Gedanken an Devi durch den Wunsch nach einem heißen, starken Kaffee und zog sich nach einer Rasur etwas mühsam Shorts und T-Shirt über, ehe er sich die verwuschelten, nassen Haare aus der Stirn strich und auf nackten Füßen in die Küche tappte.

Auf dem Weg dorthin wurde er von mehreren fröhlichen Puppen mit ihren Vätern und deren Gefährten begrüßt, und das Bild dieser zufriedenen, ausgelassenen Familien war nicht dazu angetan, Cedrics Laune zu heben. Dennoch blieb er stehen, als der schwarzäugige Junge vom Vortag ihm einen fast ängstlichen Blick zuwarf. Cedric gelang sogar ein Lächeln, als er sich entschuldigte. Als der Kleine ihm erleichtert um den Hals fiel, mit der gleichen Unbekümmertheit, wie die Caley es ständig taten, umarmte Cedric ihn, aber schob ihn gleich wieder von sich.

"Ich brauche Kaffee, um wach zu werden", unterbrach er das aufgeregte Geplapper des Kleinen, in das sich beunruhigend oft das Wort Devi mischte, ebenso wie er ihm die verdammte Kette wieder aufzuschwatzen versuchte.

Schließlich kam er in der Küche an und zog sich dort in die hinterste Ecke der Sitzbank zurück, nachdem er von Vinns Gefährten einen großen Pott des kaffeeähnlichen Getränks bekommen hatte.
Adiva erhob sich, um nach einem Moment des Abwartens mit einem Teller, auf den er kleine Brote mit Käse und Tomaten angerichtet hatte, zu Cedric zu gehen. Leise ließ er sich in seiner Nähe nieder, um ihn aus großen Augen forschend anzusehen.

Cedric mochte den Blick nicht, aber da ihm klar war, dass er an diesem Morgen gar nichts mochte, sagte er nichts dazu. "Morgen", grummelte er in seine Tasse hinein.

"Wie geht es dir, Cedric?" Adiva betrachtete die gereizte Miene seines Patienten. "Hast du Schmerzen?"

"Ich hab mich gestern überanstrengt. Bin etwas zu viel gelaufen, mehr nicht." Cedric fiel ein, dass Adiva lediglich ein Forschungsobjekt wollte. Und dass er nach wie vor nicht bereit war, als ein solches herzuhalten. Abweisend widmete er sich seiner Kaffeetasse.

"Ah. Du musstest ein wenig zu viel Energie los werden? Wie hast du geschlafen, Cedric?" Adiva rückte vom Tisch ab, aber schob zugleich den Teller mit den Broten dichter zu Cedric hin.

"Danke." Cedric griff nach einem Tomatenbrot und biss einmal ab, obwohl er keinen Hunger hatte. Dann runzelte er die Stirn und sagte leise, aber bestimmt "Ich will keine Grundlage für irgendwelche Forschungsberichte sein, Adiva. Und ganz gewiss kein Versuchskaninchen. Ich bin wirklich, wirklich nicht in der Laune für so was."

"Cedric, ich mache mir Sorgen. Ich habe dich und Devi zuvor betreut, vor allem ihn. Jetzt brauchst du mich, und ich werde da sein." Adiva lächelte. "Wenn ich hinterher Erkenntnisse ziehe, die anderen in deiner Lage helfen können, wäre es doch nicht so schlimm, oder?"

Cedric sah Adiva einen Moment lang missmutig an, der in seiner schneeweißen Tunika grausam frisch aussah. Wieder trank er einen Schluck Kaffee, dann noch einen, ehe er zugab "Ich bin miserabel gelaunt, ich habe höllisch schlecht geschlafen, mir tut alles weh." Mürrisch kaute er auf einem Bissen Brot herum. "Ich gebe zu, ich bin nicht wirklich freundlich. Mir fällt es gerade schwer, mich selber zu ertragen, das macht es mit anderen nicht leichter. Tut mir leid."

Adiva nickte und nahm seinerseits einen Schluck von seinem Tee. Es war eine zähe Unterhaltung, aber nach und nach bekam er heraus, wie melancholisch sich Cedric zu fühlen begann, und er bekam heraus, dass Cedric sich abgeschlagen und zugleich aufgekratzt fühlte, dass seine Lebensfreude schwand.

Endlich wurde Cedric ungehalten und fühlte sich ausgehorcht, bezichtigte Adiva sogar, dass er dies für Devi tat, und das war der Moment, zu dem er sich erhob, um sich zu verabschieden. "Devi macht sich Sorgen, und er hat ein Auge auf dich, auch wenn er dich nicht belästigen will. Ich will dir auch nichts böses, aber werde sicherlich am Abend noch einmal zu dir kommen. Kann ich dir vielleicht das Versprechen abnehmen, dass du den Tee trinken wirst, den ich dir dann mitbringe, Cedric?"

"Nein", antwortete Cedric spröde. Wer wusste schon, was Adiva dort reinmischen würde? Immerhin hatte er zugegeben, dass er Devi Betäubungsmittel gegeben hätte. "Aber komm, wenn du es nicht lassen kannst. Und sag Devi, er soll seine Augen bei sich behalten."

"Das kann er nicht und das weißt du, Cedric. Es kostet ihn sehr viel Überwindung, dich nicht zu berühren, wenn er sehen muss, wie du dich quälst. Aber er hat deinem Freund Daniel versprochen, dass er dich nicht anspricht und dir auch nicht in die Quere kommt, und ich glaube, dass er das Versprechen halten wird." Adiva strich die Tunika glatt und verneigte sich einmal förmlich, da er Cedric als seinen Patienten ansah. "Bis heute Abend."

Cedric erinnerte sich daran, dass Adiva ihm das Zimmer hier gegeben hatte, so dass er nicht in einem Haus mit Devi wohnen musste; das war der einzige Grund, warum er ihn nicht anfuhr, weil er Devi und dessen herrschsüchtige Art schon wieder verteidigte. Er krampfte die Hände um die Tasse und beschloss, dass es an der Zeit war, seine Reportage über das etwas andere Bild Caleys zu beginnen.
Vinn und die abreisenden Puppen passten Adiva an der Tür ab und küssten ihn zum Abschied, dann eilte er mit schnellen Schritten durch die bereits recht heißen Gassen zum Haus von Jann zurück, wo er Devi und seinen Vater gemeinsam im Gemüsegarten arbeiten sah. Die beiden waren sich mit ihren schmalen braun-goldenen Augen und den haselnussfarbenen Mähnen sehr ähnlich. Devi war jedoch noch eine Spur kräftiger und größer, vermutlich durch die Furcht um seinen Gefährten, und man sah Devi die augenzwinkernde Schläue von Arkay ein wenig an, auch wenn er sonst nicht viel Ähnlichkeit mit dem Forscher hatte.

Ohne auf die Nachfrage zu warten, sagte Adiva "Es geht ihm ganz gut, mach dir nicht zu viele Gedanken. Ich werde heute Abend wieder zu ihm gehen." Dann verabschiedete er sich und ließ sich mit seinem Schreibbrett und einer Kanne Limettentee auf der kleinsten und schattigsten Dachterrasse nieder, um den Bericht zu schreiben, bevor die Details seiner Beobachtungen an dem Fall Cedric zu sehr verwischten.

Daniel hatte ihn zurückkommen sehen, und nur weil Arkay ihm berichtet hatte, dass der Abd Jabir zu Cedric gegangen war, war er überhaupt noch hier. Er sorgte sich um seinen Freund, aber da der kleine Arzt bei ihm gewesen war, hatte er zuerst gefrühstückt, um nicht zu stören. Er kam zu ihm auf die Terrasse und beobachtete ihn eine Weile, wie er emsig Notizen niederschrieb. Niedlich sah er aus, wie er sich über das Brettchen beugte und die Schwanzspitze vor Konzentration im Takt der Worte mitwippte. Endlich klopfte er leicht an den Türrahmen an. "Guten Morgen, Adiva. Darf ich dich einen Moment stören? Nicht allzu lange. Du bist beschäftigt, wie ich sehe."

Adiva zuckte zusammen und blickte hoch. "Oh, Daniel. Ich... eigentlich wollte ich dies schnell zu Ende tippen, aber... na gut, aber wirklich schnell, bevor ich meine Eindrücke nicht richtig erfasse."

Adiva wirkte abwesend, und Daniel seufzte innerlich. Cedric machte seine Werbung schwieriger, als sie ohnehin schon schien. "Ich gehe gleich zu Cedric. Zwei Fragen nur. Muss ich mich in eine Rüstung packen oder ist er noch normal ansprechbar? Und zum zweiten, hast du einmal wieder Zeit für mich?" Er lächelte hilflos. "Ich vermisse unsere Gespräche. Gegen Abend vielleicht?"

Adiva lachte auf und sah kurz hoch in Daniels Augen. "Nein, eine Rüstung brauchst du nicht, aber er ist reizbar. Das scheint eines der vornehmlichen Symptome der Anpassungsstörung zu sein." Die zweite Frage bejahte er natürlich, da er nichts lieber tat, als sich in der Sonne der Aufmerksamkeit dieses schönen Mannes zu wissen. Daniel hatte ihm schon am Vorabend bei einer langen Unterhaltung das Gefühl gegeben, der Mittelpunkt der Welt zu sein, was Adiva wirklich heiße Ohren beschert hatte. Und zudem, wie er für sich zugab, machte er sich allein für den blonden Mann mit den himmelfarbenen Augen so sehr zurecht. "Ich denke, dass wir uns beim Abendessen sehen werden."

Daniel neigte zustimmend den Kopf, auch wenn er mehr an etwas Privateres gedacht hatte. Aber das konnten sie am Abend immer noch besprechen. 'Nichts überstürzen', mahnte er sich und erfreute sich an dem Nachhall von Adivas Lachen in ihm. "Ich freue mich. Dann will ich dich nicht weiter stören bei deiner Arbeit und hoffe, dass ich Ceds Laune ein wenig aufhellen kann." Doch statt gleich zu gehen, trat er einen Schritt vor, beugte sich zu Adiva und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, ehe er sich verneigte und die Terrasse verließ.

Devi fand Adiva wenig später auf der Terrasse vor. Noch immer hatte der zierliche Arzt der Abd Jabir eine Hand an seine Wange gehoben und lächelte leicht. Devi redete kurz mit Adiva und stimmte dann zu, dass Cedric in Daniels Aufsicht den Tag über sicherlich überstehen würde. "Am Abend schaust du nach ihm, und ich werde aufpassen, bis er ins Bett geht. Das ist gut. Sitz nicht so lang hier in der Hitze, Adiva, du hast ein wenig rote Ohren", warnte Devi ihn noch und küsste ihn rasch auf den Mund, bevor er dem Rufen seines Vaters folgte.

Verblüfft überlegte Adiva daraufhin, dass er sich aus einem gehauchten Küsschen auf die Wange viel mehr machen konnte, wenn Daniel derjenige war, der es verschenkte, als aus jedem der vielen Küsse der Caley. So versank er in Überlegungen und bekam seinen Bericht nur zögerlich zu Ende geschrieben. Seufzend beschloss er am späten Nachmittag dann, dass er sich gleich nach dem Besuch bei Cedric duschen und umkleiden sollte, um nicht zerknittert und unansehnlich zum Essen und damit vor Daniel zu erscheinen. Er meldete sich bei Arkay ab und ging den Schatten der Häuser ausnutzend zum Haus von Vinn zurück, um Cedric zu suchen.

 

Cedrics Tag war lang. Nachdem Adiva gegangen war, setzte er sich an seinen Computer, um den Artikel anzufangen, doch nicht einmal er mochte, was dabei entstand. Verbittert, verärgert, zornig und ganz gewiss nicht im Mindesten das, was er normalerweise schreiben konnte. Es machte ihn noch viel aggressiver, und als Daniel kam, fauchte er diesen auf ein freundliches Hallo derart heftig an, als wäre es seine Schuld. Daniel zog überrascht die Brauen hoch, doch er nahm es ihm nicht übel, was Cedric wieder etwas beruhigte.

"Es sind noch keine zwei Tage, dass ich ihn nicht gesehen habe, aber ich fühle mich wie Scheiße", brachte er schließlich hervor, als sich Daniel zu ihm setzte. "Das ist schlimmer als jeder Zigarettenentzug. Warum kann es nicht einfach vorbei sein? Warum kapiert mein verdammter Körper nicht, dass ich den Kerl nicht will, nicht ausstehen kann, nicht..."

Er verstummte und drückte Daumen und Zeigefinger gegen die Augenwinkel, als er merkte, dass er schon wieder den Tränen nah war. Wie er das hasste! Wie er diese ganze Situation hasste! Wie er sich für seine Schwäche hasste! Wie er Devi verabscheute dafür, was er getan hatte. Daniels Hand legte sich auf seine Schulter und drückte ihn tröstend. Cedric lehnte sich gegen ihn, aber es gelang ihm, nicht zu weinen.

Daniel gab sich wirklich Mühe, ihn abzulenken. Er berichtete ihm, wann die Fähre fahren würde, schleppte ihn an den Strand zum Schwimmen, erzählte von Adiva und von seinem letzten Urlaub auf Vash'esi. Energisch brachte er ihn dazu, sich massieren zu lassen, aber es erinnerte Cedric an den Morgen in der einsamen Bucht und Devis Hände auf seinem Körper, weswegen er sich nach nur wenigen kräftigen und eigentlich sehr angenehmen Griffen dagegen sträubte. Leider blieb die unfreundliche Begrüßung nicht das einzige Mal, an dem er Daniel wegen Nichts oder Kleinigkeiten anpflaumte, aber sein Freund harrte stoisch bei ihm aus, während sie zurück ins Haus kehrten, ein leichtes Mittagessen genossen und sich auf eine der schattigen Terrassen zurückzogen, um dort zu reden.

Erst, als Cedric ihn gegen Abend lachend zurück zu Richardson schickte, damit er nicht vermisst wurde und weil er sich dachte, dass Daniel gern bei Adiva wäre, ging er. Doch anstatt sich an die Leere zu gewöhnen, wurde es nur noch schlimmer, kaum dass sein Freund das Haus verlassen hatte. Cedric war beinahe dankbar, als er von seinem Zimmer aus Adiva den schmalen Weg entlang kommen sah.

Cedric sah schlecht aus, aber Adiva lächelte ihn nur freundlich an wie am Morgen schon und ließ sich nicht anmerken, dass seine Sorge um seinen Patienten stieg. Sie redeten kurz und durch Cedrics gereiztes Aufbegehren immer wieder unterbrochen, dann ließ Adiva seinem Patienten einen milde beruhigenden Tee sowie zwei Kristallträger der Abd Jabir da, die ebenfalls beruhigend wirken sollten. Geduldig zeigte er Cedric, wie die Träger über die Stirn gelegt werden sollten.

"Sie brauchen nicht befestigt werden, sondern können ruhig im Schlaf abfallen, mach dir darüber keine Sorgen, Cedric." Adiva erhob sich, als die anderen Bewohner des Hauses zum Abendessen riefen. "Ich verabschiede mich jetzt und komme morgen früh wieder. Wenn du irgendwelche Probleme hast, möchte ich, dass du mich holen lässt. Schick einfach Vinn zu mir, ja?" Förmlich verneigte Adiva sich erneut.

Cedric war sich bewusst, dass die Worte freundlich gemeint waren, dass Adiva ihm helfen wollte, und er verkniff sich die bissige Antwort, die ihm eigentlich auf der Zunge lag. 'Du möchtest, dass ich dich holen lasse, ja? Und wenn ich das nicht möchte?' Nein, im Moment konnte er sich wirklich selber nicht ausstehen. Er war unerträglich, aggressiv, launisch, er wusste das und konnte nichts dagegen tun, weil seine Welt wie in Nebel gehüllt war, weil alles, was durch diesen Nebel durchdrang, spitz und scharf und glühend heiß war, weil er sich fühlte, als würde er in ein schwarzes Loch fallen, bodenlos und ohne Sonne.

Es gelang ihm, Adiva zu verabschieden, ohne noch einmal unhöflich zu werden. Da er keinen Hunger verspürte, ging er statt zum gemeinsamen Abendessen in die Küche, wo er sich helfen lassen musste, den Tee aufzubrühen, weil seine Hände zu zittern begannen. Es war ein Alptraum, und in diesem Alptraum lockten Bilder von Devi und seine dunkle Honigstimme, versprachen Linderung und einen Himmel auf Erden, den er nicht wollte. Er war erleichtert, als er endlich wieder in seinem Zimmer war, erleichtert auch, dass das Beben erst dort auf seinen ganzen Körper übergriff. Es war schwierig, den Tee zu trinken, ohne etwas zu verschütten, aber er half, ebenso wie die Kristallträger, die er gewissenhaft auf der Stirn platzierte, als er sich in sein Bett legte, um irgendetwas wie Ruhe zu finden.


© by Jainoh & Pandorah