Der falsche Arzt 1

 

Der falsche Arzt

1.

Müde stützte Aron Eustace, Earl of Wrothston, das Gesicht in die Hände. Durch die gespreizten Finger sah er auf den grünen, bestickten Teppich hinab, der Szenen einer Jagd zeigte. Oliver mochte ihn, deswegen lag er hier in seinem Schlafzimmer. Eigentlich wollte sein kleiner Sohn ein großer Jäger werden, mit den Hunden um die Wette reiten, die schnellsten Hirsche stellen, und Aron hätte es ihm so gerne ermöglicht. Aber Oliver war zu krank dafür. Er konnte nicht einmal reiten.

Aron warf einen liebevollen Blick auf das blasse, junge Gesicht, in dem die dunkelblonden Haare klebten, die seinen so ähnlich waren. Endlich schlief Oliver, der Anfall war wieder abgeklungen, der den geschwächten Körper mit viel zu heftigem Husten geschüttelt hatte. Seit der Doktor weg war, wurde es wieder schlimmer. Dabei hatte der alte Arzt nur ins nächste Dorf gewollt, um ein paar Dinge zu besorgen und einmal etwas anderes als den großen Landsitz am Meer zu Gesicht zu bekommen. Doch jetzt schneite es schon seit Tagen, und bald war kein Durchkommen mehr auf den schmalen Wegen.

"Mylord? Ihr solltet Euch zurückziehen. Ich achte auf den jungen Herrn."

Die Stimme von Frances, die Amme und Kindermädchen für Oliver war, unterbrach seine Gedanken. Erst wollte Aron abwinken und sie fortschicken, um bei seinem Sohn zu bleiben, doch dann besann er sich anders. Er nickte, stand auf und küsste vorsichtig die schweißnasse Stirn, ehe er sich zu der älteren Frau mit dem strengen Dutt umwandte. "Ich will, dass mir sofort Bescheid gesagt wird, wenn er aufwacht oder wenn es ihm schlechter geht, Frances."

"Natürlich, Mylord."

Aron warf einen letzten Blick auf seinen Sohn, der in dem riesigen Himmelbett so erschreckend klein wirkte, ehe er das Zimmer verließ, in dem gleichmäßigen Schritt, der verbarg, dass er seit seinem Reitunfall leicht humpelte. Er rief nach seinen Butler und trug ihm auf, einen Mann nach dem Arzt zu schicken und ihn zurück nach Leadon Hall zu bringen. Unglücklicherweise trank der Doktor gerne, aber das war das einzige, was Aron ihm vorwerfen konnte. Nun, das und vielleicht seinen Hang zum Glücksspiel. Aber solange er seinem Sohn half, war Aron durchaus bereit, darüber hinweg zu sehen und ihn weiterhin so großzügig zu bezahlen.

 

"... großzügigst bezahlen. Das schwöre ich." Ein Husten unterbrach den vierschrötigen Mann.

Nick duckte sich ein wenig tiefer hinter die Treppe. Er wollte nicht schon wieder auffallen und wohlmöglich in die schneidende Kälte hinausgeworfen werden. Gleich vor ihm blieben ein dicker Edelmann und ein nicht sonderlich freundlich aussehender Geldeintreiber stehen.

Im Verlauf der Unterhaltung hörte Nick heraus, dass der Dicke Arzt war, mit einer Spielleidenschaft, die ihn in hohe Schulden gestürzt hatte. Allerdings schien er eine Art Goldesel, wie er es nannte, gefunden zu haben. Einen Lord mit offenbar höchst empfindlichen Söhnchen.

"Der Kleine ist sehr oft krank, nervöses Blut. Ich helfe natürlich mit meinen Tropfen aus Eigenproduktion auch immer ein wenig nach. Ihre Lordschaft wird mir gleich morgen, wenn ich auf dem Gut war, einen gehörigen Batzen auszahlen. Das Geld gehört dann nur dir, ich versprech's."

"Das will ich dir auch geraten haben."

"Keine Sorge, ich mache das schon. Jetzt will ich mich aber hinlegen, der Tag war lang, und morgen muss ich durch den Sturm reisen."

Die beiden Männer trennten sich. Der Dicke ging die Stiege hinauf in das Gästezimmer, der andere begab sich zurück an die Spieltische, die in einem Hinterhaus untergebracht waren.

Auch Nick legte sich hin. Zwischen Kaminholz, Mäusen und Ratten und in seinen Umhang eingewickelt verschlief er die Nacht in der Wärme des nahen Kaminrohrs. Sein Erwachen war unangenehm, jemand polterte die Stiegen hinauf, dann wieder hinunter, Rufen war zu hören.

Nick schlich sich in der allgemeinen Aufregung ebenfalls hoch, nachdem er vor der Tür ausgetreten war. In der ersten Kammer am Flur wusch er sich verstohlen das Gesicht, kämmte sein Haar und putzte den Staub von seinem Umhang. So einigermaßen hergerichtet ging er dem Rufen nach und fand, dass der dicke Arzt verstorben sein musst. Im Schlaf, vermutlich am geldgierigen Herzen.

Seine Tasche stand gleich neben der Tür, und Nick nahm sie vorsichtig an sich, während der Wirt und zwei Mägde noch miteinander redete. "Da ist wohl nichts mehr zu machen, oder? Hey! Sind Sie Arzt? Kommen Sie doch mal her! Ist er wirklich tot?"

Nick, der als kleiner Junge viel mit einem Arzt gereist war, auch wenn er selber niemals diese Ausbildung hätte bezahlen können, trat furchtlos an die Liege heran und nickte, nachdem er sich kurz dichter gebeugt hatte.

"Er ist tot", verkündete er mit sicherer Stimme und fand Gefallen an seiner Darbietung. Er hoffte natürlich, dass der Wirt ihn aus Dank zu einem Schmalzbrot einladen würde.

Dummerweise kam ihm ein Stallbursche in die Quere, der von dem kranken Jungen zu lamentieren begann. "Ihr seid Arzt! Ich soll den Arzt wieder mit mir bringen. Bitte, kommt wenigstens Ihr mit mir, damit der Lord nicht die Hoffnung verliert!"

"Welcher Lord ist denn dein Herr?", erkundigte Nick sich von dieser Wendung erstaunt.

"Der Earl of Wrothston. Kommt Ihr mit mir?"

Der Sturm war zwar abgeflaut, aber die Alten in der Gaststätte hatten am Abend zuvor davon gesprochen, dass sie es in den Knochen hatten wie nie zuvor. Nick blickte hin- und hergerissen von dem toten Dicken zum Boten. Nebenbei fiel ihm auf, dass der Bursche nicht unbedingt der hässlichste Mann war. Dies gab den Ausschlag, dass er ein wenig weicher wurde und zugleich übermutig.

Der andere Grund war, dass er einfach nicht wusste, wohin er sich wenden sollte. Seine letzte Anstellung war aus nicht gerade angenehmen Gründen beendet worden, und er hatte kein Zuhause mehr. Wenn er nicht erfrieren wollte, musste er sich etwas einfallen lassen.

"Ich komme mit und sehe, was ich für den Sohn des Earls tun kann", hörte er sich selber mit einem Mal sagen.

Wenig darauf kämpften sich die vier starken Pferde durch Schneewehen, um den Schlitten, in dem Nick von oben bis unten eingewickelt fror, in Richtung der Küste zu zerren. Auf einer Anhöhe inmitten eines recht lichten Buchenwaldes, der zur Steilküste hin in eine Kiefernschonung überging, kam ein düsterer Schatten in Sicht.

Schon bald konnte Nick einzeln erleuchtete Zimmer erkennen. Genau wie bei dem Lord, dem er gedient hatte, ein prächtiges Herrenhaus mit drei Etagen, hohen Fenstern und Zierbalkonen überall. Im Sommer war dies sicherlich ein wundervoller Ort. Nun heulte der Wind um die Giebel und Ecken, und Nick konnte gar nicht schnell genug in die Wärme der Eingangshalle flüchten.

Drinnen verließ ihn schon fast wieder der Mut. Schwere Teppiche, goldene Kerzenhalter und adrett gekleidetes Personal, das ihm die nassen Überkleider abnahm. Der Butler brachte einen steifen Grog, aus dem mit dem Dampf auch schweres und lockendes Aroma stieg. Schon das Glas zu halten, wärmte Nick auf.

 

Aron bedauerte den Tod des Doktors, als man ihm davon berichtete. Zwar waren sie nicht befreundet gewesen, ihre Bekanntschaft hatte auf rein beruflicher Ebene stattgefunden, aber der Arzt hatte sich seit so vielen Jahren um Oliver gekümmert, dass eine gewisse Vertrautheit zwischen ihnen entstanden war. Welch ein Glück, dass jedoch ausgerechnet jetzt ein weiterer Arzt das kleine Dorf erreicht hatte und dass der Diener geistesgegenwärtig genug gewesen war, ihn mitzubringen! Sehr jung sollte er sein, aber vielleicht wusste er dadurch von neue Methoden, die besser anschlagen würden. Aron betete darum.

Er warf einen kurzen Blick in den Spiegel, um zu überprüfen, ob er einem Fremden gegenüber treten konnte und befand, dass der dunkelblaue Tuchrock zu der etwas helleren, silbergrau bestickten Brokatweste und der hellgrauen Hose durchaus passend war. Mit beiden Händen fuhr er sich noch einmal rasch durch das Haar, dann verließ er sein Arbeitszimmer.

Über die breite Mahagonitreppe schritt er in die Eingangshalle hinunter, während er den Arzt bereits beobachten konnte. Regelrecht verloren wirkte er in seiner schäbigen Kleidung, die zudem von Schnee durchnässt war, und wirklich erschreckend jung. Ein Diener hatte den Arztkoffer herein gebracht und nahe der Eingangstür abgestellt. Aron musste lächeln. Für ihn unterschied sich die Tasche nicht von der des alten Doktors, und das flößte ihm Vertrauen ein. Offensichtlich mussten Arzttaschen ein wenig abgetragen sein.

"Willkommen in Leadon Hall, Doktor. Ich danke Ihnen, dass Sie trotz des Wetters gekommen sind."

Das schmale, blasse Gesicht des Arztes wandte sich ihm zu, und die großen Augen, die wie der Sturmhimmel am Mittag wirkten, sahen ihn erschrocken an. Aron zog die Brauen kaum merklich zusammen. Die Nervosität des jungen Mannes sprach nicht für ihn.

Nick starrte den Mann an, der die Treppe herunter geschritten kam. Er war nicht nur sehr edel angezogen, sondern auch stattlich, groß und kräftig. Das dunkelblonde Haar war sorgfältig geschnitten, und der Blick der grauen Augen richtete sich klar und leider auch misstrauisch auf ihn. Ein wenig geduckt und unterwürfig blieb Nick am Fuße der Treppe stehen und sagte, sobald er nicht mehr schreien musste "Mein Name lautet Nick Gouran. Ist es Ihnen Recht, wenn ich die Untersuchung vornehme, Sir?" Unglücklich versuchte er, seine halb erfrorene Hand an dem Umhang ein wenig zu trocknen, um die Tasche besser greifen zu können, die er dem Butler nicht hatte aushändigen wollen.

Aron verbarg sein Unbehagen hinter einem Lächeln. Gouran war der einzige Arzt, der in erreichbarer Nähe war. "Ich weiß Ihr Pflichtbewusstsein zu schätzen, aber Oliver das wird Ihr kleiner Patient sein geht es gerade relativ gut. Ich denke, Sie sollten sich erst mal aufwärmen und etwas Trockenes anziehen. Eine Schlittenfahrt bei dem Wetter ist nicht angenehm." Kurz ließ er seinen Blick durch die Halle gleiten und fing eine kleine Geste seines Butlers auf. "Man wird Ihnen frische Kleidung geben, ein heißes Bad und etwas zu essen richten. Wenn Sie sich erholt haben, können wir uns treffen, damit ich Ihnen von Oliver erzähle, bevor Sie ihn sehen. Sagen wir in zwei Stunden, wäre Ihnen das genehm?"

Mit großen Augen konnte Nick nur stumm zustimmen. Er hatte eigentlich vorgehabt, dem Lord, den er sich als alten Kauz ausgemalt hatte, unter vier Augen von der belauschten Unterhaltung zu unterrichten, aber mit einem Mal wollte er dort bleiben und wollte nicht, dass der attraktive Mann nunmehr den Hauslehrer ohne Anstellung in ihm sah. Endlich brachte er hervor "Danke, das ist sehr freundlich von Ihnen."

Der Butler, der ebenfalls nicht gerade klein war, geleitete Nick über eine Seitentreppe in den Westflügel des Hauses, in dem sich etliche vermutlich unbenutzte Zimmer befanden. Am Anfang des Flures im ersten Stock, gleich neben einem Kaminzimmer und gegenüber von einer Badestube, sollte sein Zimmer liegen.

Ein großes Bett mit schweren Vorhängen, Jagdszenen an den Wänden und zwei Kaminöfen, da der Raum über Eck gelegen war, taten sich auf. Die Sitzecke mit den Seidenbezügen würde Nick nicht einmal zu berühren wagen. Seine letzten Arbeitgeber hatten lange nicht den Reichtum gehabt, über den dieser Earl augenscheinlich verfügte.

Der Butler dirigierte Nick in das Bad und half ihm dabei, sich zu säubern und anschließend in warme Kleider aus schwerem Samt und dicker Baumwolle zu kleiden. Nick hatte in seinem Leben noch nie so gute Sachen getragen, aber fühlte sich nicht schuldig, da er sich dachte, dass er den Sohn dieses Mannes gerade rettete, wenn auch nur indirekt vor den Auswirkungen der Gifte vom Dicken. So wie die Dinge standen, war der Earl ein leichtgläubiger Mann, sonst hätte er nie soviel Vertrauen in den Dicken gehabt, der höchstwahrscheinlich auch nur ein Bader gewesen war, kein richtig studierter Arzt.

Nachdem er sich angezogen hatte, wurde ihm ein heißer Tee mit Zitrone gebracht, den Nick wegen seines Hungers mit reichlich Zucker versetzte. Dies stellte sich als Dummheit heraus. Gerade als er den Tee zu trinken begonnen hatte, brachte ein Mädchen mit gestärkter Haub und raschelnden Röcken unter neugierigen Blicken einen Teller mit aufgeschnittenem Braten und Brot. So gestärkt wurde Nick zwar müde, aber begann sogleich, sich die Tasche näher anzusehen und fand sehr rasch zu seinem Erstaunen den eindeutigen Beweis, dass der Dicke den kleinen Sohn von seinem Wohltäter vergiftete.

Er verwendete Brechnuss, was den Jungen schwächte, und verabreichte es in einer Lösung für den Husten. Da der Kleine also vornehmlich unter Krampfhusten litt, was Nick bekannt vorkam bei den schwachen Kindern der Lords und Ladies, verbrachte er die restliche Zeit damit, aus seinem Notizbuch das Rezept für den hustenlösenden Tee abzuschreiben, damit der Earl diesen gleich in Auftrag geben konnte. Zudem musste Nick versuchen, allein mit dem Jungen sein zu können, um die giftigen Flaschen entfernen zu können.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh