Der falsche Arzt 4

 

Der falsche Arzt

4.

Die Müdigkeit konnte Nicks Glück nicht mindern. Er schlief lächelnd ein und träumte von dem Ausdruck in Arons Augen. Wie üblich wurde er durch Edwards dezentes Rascheln mit den Vorhängen geweckt. Er bedankte sich für das warme Wasser in seiner Waschschale und die aufgebügelten Kleider und machte sich an seinen in den letzten Tagen zu einer Routine gewordenen Tagesablauf. Es war natürlich noch finster vor dem Fenster, und der Sturm war zwar nicht mehr auf der Höhe seiner Macht, aber trieb noch immer ungemütlich dichte Schneeschauer vor sich her.

Zunächst zog Nick sich an und nahm in der Küche mit dem Personal zusammen eine Tasse Tee ein. Er richtete gleich danach den Tee für Oliver und brachte diesen zusammen mit dessen Frühstück auf das Zimmer des jungen Herrn. Frances war mittlerweile dabei, dem Jungen beim Waschen und Ankleiden zu helfen und verabschiedete sich dann mit den Kleidern vom Vortag. Nick frühstückte mit Oliver an einem kleinen Tisch vor einer Tür zum ausladenden Balkon, der den ersten Stock umfasste. Sorgfältig trug er seine Beobachtungen zu Hautfarbe, Atmung, Herzschlag und Zungenfarbe des Jungen in sein Notizbuch ein.

Im Anschluss begab er sich mit Oliver in die Bibliothek, wo sie beide eine Weile lang lasen und er verstohlen ein wenig zu unterrichten begonnen hatte. Dies gab Frances die Zeit, dem Jungen das Zimmer zu richten und zu lüften.

Aron stellte sich meist in dieser Stunde bei ihnen ein und redete mit Oliver über seine Lektüre oder darüber, was sich auf dem Gut ergeben hatte. Nick hatte sich angewöhnt, erneut zum Personal in die Küche zu verschwinden, um Vater und Sohn Zeit allein einzuräumen und den Tee frisch aufzubrühen.

An diesem Morgen waren die Männer aus den Stallungen damit beschäftig, eine riesenhafte Tanne zu trocknen und in einer mächtigen gusseisernen Verankerung in der großen Halle aufzustellen. Die Zimmermädchen trugen derweilen Schachteln mit Schmuck herbei, der von der verstorbenen Lady noch in den Haushalt mit eingebracht worden war.

Der zweite Kutscher, der zwar nicht den Earl und seine Familie fahren durfte, aber dafür sonst stets ausfuhr, wenn etwas eingeholt werden musste, stapfte in die Halle und schwenkte eine Bestellliste. Frances und Edward traten zu ihm und fügten der Liste noch Artikel hinzu, Nick erbot sich, sie aufzuschreiben. Die anderen waren gerade wieder aus der Halle zum Dachboden gegangen, um mehr weihnachtliche Dekoration zu holen, und Nick hatte zwei Zutaten für den Tee, die zur Neige gingen, mit auf den Zettel geschrieben, als die Hand des Kutschers sich schmerzhaft fest um seinen Ellenbogen legte.

"Ich weiß, was für ein Spiel du hier treibst, Bürschchen", knurrte er dunkel.

Nick starrte ihn sprachlos an. Er spürte, wie er blass wurde, als er die Befriedigung im Gesicht des Kutschers sah.

"Es ist mir gleich, wer diesen gutgläubigen Narren ausnutzt, aber mein Schweigen kostet. Der Doktor hat gut gezahlt. Mein Preis ist bei dir ist natürlich höher, Bücherwurm. Ich weiß, warum du dich nicht mehr bei deinem alten Herrn blicken lassen kannst! Ja. Solche schmutzigen Geschichten kommen rum. Zahlst du nicht bis heute Abend, werd ich meinem Herrn nicht nur sagen, wer du bist, ich werde es auch zu beweisen wissen." Der Kutscher krakelte eine Zahl auf den unteren Teil der Liste und riss das Ende heraus, um es Nick in die Westentasche zu stopfen. Dann grinste er noch einmal und stapfte rasch davon.

Nick blieb mit zitternden Knien an der Kommode stehen und konnte sich erst rühren, als die anderen schwatzend wieder in die Halle kamen und von oben Frances rief, dass Aron seine Zeit mit Oliver beendet hatte und der Junge für den Tee bereit sei.

Aron nahm den Weg über die große Halle aus keinem anderen Grund, als dass er Nick dort wusste und er ihn einfach sehen wollte. Das Gespräch mit seinem Sohn hatte ihn ohnehin schon in gute Laune versetzt, denn Oliver hatte ihn gebeten, ja regelrecht angebettelt, dass Nick auch nicht gehen sollte, wenn er wieder ganz gesund war. 'Ich will auch sonst nichts zu Weihnachten, Papa! Er kann mein Lehrer sein, nicht? Er weiß so viel!' Aron lachte noch immer in sich hinein. Er hatte Oliver das Versprechen abgenommen, Nick erst einmal nichts zu sagen, als Weihnachtsüberraschung wollte er ihm eine Festanstellung bieten.

Doch als er Nick in der Halle sah, erschrak er. Der Arzt wirkte, als benötigte er selber einen, bleich wie er war, die Augen geweitet, als hätte er einen Geist gesehen. Aron eilte die Treppe hinab, ohne auf sein Hinken zu achten. "Doktor Gouran, ist Ihnen nicht gut?"

Erschrocken hob Nick den Kopf und bemerkte neben seiner Furcht vor Entdeckung und einem schrecklich schlechten Gewissen, dass Aron von Wrothston leicht hinkte. Verwirrt fragte er sich, ob der kräftige Mann sich den Fuß vertreten hatte und seine Hilfe benötigte, als dieser der Frage nach eher in Sorge um ihn zu sein schien.

"Nein, es ist nichts!" Eilig mit abwehrend gehobenen Händen zog Nick sich in Richtung der Küche zurück. "Ich muss den Tee aufsetzen."

Befremdet sah Aron ihm hinterher. Nick wirkte mit einem Mal noch nervöser als bei seiner Ankunft hier, und das war seltsam. Für einen Moment überlegte Aron, ob er ihm hinter gehen und auf eine Antwort bestehen sollte, aber dann entschied er sich dagegen. Wahrscheinlich war es harmlos, und wenn nicht, so war es doch Nicks Sache, ob er ihn einweihen wollte oder nicht. Immerhin kannten sie sich erst knapp zwei Wochen.

 

Nick konnte sich nicht wieder beruhigen. Er hatte Oliver so lieb gewonnen, seinen Gefühle für dessen Vater wollte er gar nicht erst nachgehen. Gerade hatte er sich eingelebt und begonnen, sich sicher zu fühlen und dann kam dieser Kutscher und machte genau in dem Augenblick, in dem er selber gern alles in das richtige Licht gerückt hätte, kaputt. Der Mann hatte ihm gedroht, dass er den Grund für seinen Rauswurf bei dem vorhergehenden Arbeitgeber kannte. Woher? Vom Droschkenkutscher, der ihn in das nächste Dorf gefahren hatte? Vermutlich hatte es sich herum gesprochen.

Abwesend gab er Oliver den Tee und entschuldigte sich dann mit Kopfschmerzen, um in seine Kammer zu flüchten. Dort wanderte er erregt und ängstlich im Kreis. Endlich fasste er seinen Entschluss. Als Edward ihn an den Ruf zum Mittagessen erinnern wollte, entschuldigte er sich erneut und gab vor, schlimme Kopfschmerzen zu haben. Er machte eine Bemerkung zum Wetter und zum Wein vom Vorabend und brachte ein Lächeln zustande, das Edward zufrieden stellte.

Hastig packte er dann seine wenigen Toilettenartikel und das Notizbuch, sowie seine alten Kleider mit in die Arzttasche, die er von den unbrauchbaren leeren Glasflaschen befreit hatte. Dann setzte er sich an den kleinen Tisch und schrieb in einem zum Teil durch seine Furcht und Scham sicherlich konfusen Brief, wie er dazu gekommen war, sich als Arzt vorzustellen, warum er nicht früher die Wahrheit gesagt hatte und wie er von der Vergiftung des Jungen erfahren hatte. Er fügte an, dass der Kutscher ihn erpressen und zur Zahlung von Geldern entsprechend denen vom alten Arzt zwingen wollte und gab beschämt zu, dass es in seiner vorhergehenden Anstellung eine unehrenhafte Episode gegeben hatte, die ihn nun dazu zwingen würde, so weit wie möglich fort zu gehen. Er weinte und gab schließlich das Schreiben auf, um nicht alles zu verwischen.

Sorgfältig legte er alles Geld, das er erhalten hatte in den versiegelten Umschlag und schrieb auf das Couvert, dass er hoffe, den Schaden wieder gut gemacht zu haben. Dann nahm er sein Cape über den Mantel, presste die Tasche eng an sich und schlich sich über den Seitenausgang zum Wintergarten nach hinten zu den Ställen. Von dort lief er zu Fuß an dem Weg, der dem Dorf entgegen gesetzt in Richtung der kleinen Fischerhütten an der Küste verlief.

Kaum Wagenspuren waren zu sehen, und der Schneesturm nahm Nick schon bald die Sicht. Seine Finger fühlten sich taub an, aber er presste die Tasche mit den Erinnerungen an Oliver und Aron an sich und ging langsam, aber stetig weiter und weiter fort.

Endlich, nachdem es schon dunkel geworden war, machte er einen Schatten aus. Es war ein Fischerschuppen, in dem die Netze und kleinen Barken vor dem Eis geschützt werden sollten. Dort hinein rettete er sich und kauerte sich traurig und erschöpft zwischen den Fischreusen zusammen.

 

Aron sorgte sich ein wenig, als Nick weder zum Mittag- noch zum Abendessen erschien. Offensichtlich ging es dem Doktor wirklich nicht besonders gut. Es war zwar vielleicht nicht ganz passend, aber darum kümmerte sich Aron nicht, als er beschloss, ihm noch einen kurzen Besuch abzustatten und sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Er schob den Teller von sich, tupfte sich mit der Serviette den Mund ab und stand dann auf. "Edward, ich bin fertig, danke. Sag dem Koch, es war gut wie immer, aber ich habe nicht viel Hunger. Wenn du abgeräumt und mir noch einen Tee ins Arbeitszimmer gebracht hast, kannst du dich zurückziehen."

Er ließ sich von seinem Butler die Tür öffnen und ging auf direktem Weg zum Flur, in dem Nicks Zimmer lag. Höflich klopfte er an und wartete einen Moment, doch es kam keine Antwort. Erneut klopfte er, lauter dieses Mal. "Doktor Gouran? Ich bin es, kann ich eintreten?"

Als wieder keine Antwort kam, zögerte Aron. Wahrscheinlich schlief Nick schon; er sollte ihn nicht stören. Dennoch öffnete er nach einem dritten Klopfen die Tür. Das Feuer war herunter gebrannt, und die Glut erhellte das Zimmer nur schwach, jedoch deutlich genug, um zu erkennen, dass es leer war. Das Bett war ordentlich gemacht, die Kissen auf dem Sofa befanden sich exakt in dem Zustand, in den das Zimmermädchen sie richtete, wenn es am Putzen war, und das Tischchen war gar zu aufgeräumt. Nicks Sachen waren verschwunden, einig ein einsamer Brief lag noch auf der Arbeitsplatte.

Verwirrt hob Aron die Brauen, während seine leise Besorgnis anwuchs und zu einem unbehaglichen Gefühl im Bauch wurde. Er trat zum Fenster, nahm den Umschlag auf und las die kurze Zeile. /Schaden? Gut machen? Was... Verdammt! Er ist doch nicht etwa.../

Hastig riss Aron das Kuvert auf und zog einen Brief heraus. Es war zu dunkel, um ihn zu lesen, und so kehrte er auf den Flur zurück, wo ausreichend kleine Lämpchen brannten. Während er die leicht krakeligen Zeilen überflog, wurde ihm kalt. Er verstand nicht alles, was Nick ihm schrieb, zu konfus waren manche der Sätze, doch einige Dinge wurden ihm sehr klar. Nick war kein Arzt, Doktor Joseph hatte laut seiner Meinung Oliver vergiften wollen, und wegen der Erpressung durch einen Kutscher war Nick nun auf und davon.

/Auf keinen Fall war es George, aber... verdammt! Wo ist Nick?/ Statt in sein Arbeitszimmer zu gehen, kehrte Aron mit großen Schritten in seine Zimmer zurück und läutete energisch nach Edward. Er erklärte ihm nicht, was geschehen war, aber gab Anweisungen, einerseits auf der Stelle Nick Gouran zu finden und zum Anderen den zweiten Kutscher sofort einzusperren, sobald er zurück aus dem Ort war. Edward hob nur indigniert eine Braue, ehe er sich aufmachte, um die Befehle auszuführen.

Während er wartete, lief Aron nervös in seinem Arbeitszimmer auf und ab, hoffend, dass Nick das Haus noch nicht verlassen hatte, sondern sich vielleicht bei den Dienstboten versteckte. Aber als nach einer ganzen Weile Edward zu ihm kam, um Bericht zu erstatten, sah er schon an der irritierten Miene des Butlers, dass der Arzt nicht aufzutreiben war.

Aron gönnte sich einen Whiskey, ehe er Edward über sein sonderbares Verhalten aufklärte, mit dem deutlichen Hinweis, dass kein Wort davon zu Oliver dringen durfte. Er wollte nicht, dass sich sein Sohn Sorgen machen musste. Leider überzeugte ihn ein Blick aus dem Fenster auch davon, dass es absolut aussichtslos war, Nick noch jetzt zu suchen.

Aron verbrachte eine schlechte Nacht, in der er keinen Schlaf fand. Die ganze Zeit, während er sich ruhelos von einer auf die andere Seite wälzte, musste er an Nick denken, sah ihn leblos im Schnee liegen, sah ihn von Klippen stürzen und von fallenden Ästen erschlagen werden. Abwechselnd schimpfte er auf ihn, dass er so eine Dummheit begangen, und auf den Kutscher, der ihn dazu getrieben hatte.

Früh am Morgen, noch ehe das erste Licht des Tages graute, war er schon wieder auf den Beinen, kleidete sich in robuste Kleidung, die zudem der Witterung angemessen war und stellte dann fest, dass auch Edward schon auf den Beinen war. Er hatte eine Suchmannschaft zusammen gestellt, ohne ihnen die Wahrheit zu sagen. Die offizielle Version lautete, dass Nick von einem Spaziergang nicht zurückgekehrt war. Aron war überrascht davon, wie besorgt seine Leute um den Arzt waren und wie gern ihn bereits nach den wenigen Tagen alle hatten. Kaum graute der Tag in nur noch leichtem Schneefall, als die verschiedenen Grüppchen auch schon aufbrachen.

 

Nick hörte Stimmen rufen und kroch weiter in sich zusammen. Er hatte nichts zu Essen mitgenommen und sein Magen knurrte schrecklich. Er fühlte sich auch so nicht kräftig genug, um schon wieder durch die Schneewehen zu stapfen. Zum Glück war der Tag deutlich milder, der Wind war noch immer schneidend, aber es schneite nicht mehr, wie er nach vorsichtigem Blick durch die Tür des Verschlags sehen konnte.

Hunde kläfften aufgeregt, dann tauchten Reiter am Horizont auf. Mit einem erschreckten Laut ließ Nick die Bretter wieder zurückfallen und kauerte sich erneut hinter die Barken, hoffte, dass er verschont bleiben mochte. Er zitterte bereits am gesamten Leib, als er hörte, dass die Beagel an den Brettern kratzten. Rasch senkte er den Kopf und kniff die Augen zusammen.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh