Der falsche Arzt 5

 

Der falsche Arzt

5.

Aron war erleichtert, als die Hunde an einer Hütte anschlugen und nicht mehr nur eifrig vorwärts drängten. Jeden Moment hatte er damit gerechnet, dass sie an einem der Schneehaufen halten und sie einen starren Körper finden würden. Er sprang ab und warf die Zügel seines Pferdes einem der Diener zu, ehe er die kleine Kate betrat. Die Hunde stürmten an ihm vorbei ins Häuschen und schlugen hinter einem der Boote an. Ein scharfer Pfiff holte sie zurück, und Aron hörte sie freudig bellen, als sie belohnt wurden.

"Doktor Gouran? Sind Sie hier?" Er eilte hinter die Barke und hätte vor Erleichterung fast aufgejubelt, als er die zusammengekauerte Gestalt entdeckte. "Nick!" Ehe er noch darüber nachdenken konnte, war er bei ihm und kniete nieder. Er wollte ihn umarmen und an sich drücken, aber draußen warteten seine Leute, und er war bestimmt durch die offene Tür zu sehen. "Nick, was machen Sie nur für Dummheiten?!"

Nick hob den Kopf, dann flüsterte er beschämt "Ich bin doch kein Doktor. Haben Sie denn meinen Brief nicht gefunden?"

"Doch, aber ich fürchte, ich habe mich schon sehr daran gewöhnt." Aron seufzte und sah ihn an. "Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?" Doch die Frage war müßig, Nick hatte Angst gehabt, schämte sich und tat es auch jetzt noch. Aron stand auf und hielt ihm die Hand hin. "Ich habe nicht alles verstanden, was Sie mir geschrieben haben, aber es klang nicht, als wollten Sie weg. Kommen Sie wieder mit mir zurück, Nick."

Zögerlich ließ Nick sich von dem kräftigen Mann hochziehen. Er klang so freundlich und ganz und gar nicht, als wolle er ihn gleich als Betrüger einsperren lassen. Rasch entzog er Aron seine Hand und raffte den Umhang um sich.

"Ich konnte den Gedanken nicht ertragen", begann er unsicher.

Einer der Männer rief in dem Moment "Die Wolkenfront wird wieder dichter, Mylord! Wir sollten zum Haus zurückkehren, bevor der Sturm uns erreicht!"

Und so wurde Nick auf eines der schweren Pferde gesetzt, das von den Männern des Earls geführt wurde, während sie in zügigem Trab in Richtung des Gutes ritten. Immer wieder versuchte Nick durch verstohlene Blicke auf seinen Arbeitgeber herauszufinden, ob dieser wütend war. Doch die Miene des Mannes ließ keinen Rückschluss zu.

Als sie an den Ställen ankamen und Nick absitzen sollte, taumelte er und musste sich an dem Jäger festhalten, um nicht zu stürzen. "Na, Sie haben nichts gegessen seit gestern, nicht wahr, Doktor?", brummelte der Mann gutmütig und klopfte ihm eine Spur zu fest auf die Schulter.

"Richtig, und das werden wir jetzt ändern. Unser Doktor hat eine kalte Nacht hinter sich." Aron hatte einen Boten vorgeschickt, der Bescheid gegeben hatte, so dass alles für ihre Rückkehr vorbereitet werden konnte. "Erst bekommen Sie ein heißes Bad, Nick, dann etwas zu essen", bestimmte er, während er ihm den Arm um die Schultern legte, um ihn zu stützen und ihn ins Haus zu führen. "Reden können wir, wenn es Ihnen besser geht."

Die unerwartete Nähe schuf noch viel mehr Nervosität, und Nick brachte kein Wort mehr heraus. Er war direkt dankbar, dass Aron ihn gleich darauf dem Butler übergab. Die Nervosität verlor sich jedoch nicht, als er zunächst in die Badestube gebracht wurde, um unter Edwards Aufsicht im heißen Wasser aufgewärmt zu werden. Natürlich lagen bereits frische und vorgewärmte Kleider auf dem Bett für ihn bereit, als er in sein Zimmer kam.

Doch gleich folgte der dezente Befehl, sich in dem kleinen Speisezimmer zu einem Essen einzufinden. Und natürlich zu einer Befragung durch den Gutsherren. Nick band sich wegen seinem beginnenden Halsweh das Seidentuch, das Edward ihm reichte, auch wirklich um, ließ zu, dass der Butler mit ausdruckslosem Gesicht das Tuch erneut für ihn band, um ihn dann zum Speisezimmer zu führen.

Schüchtern trat Nick an den Tisch heran, an dem Aron bereits saß, den Blick zum Fenster gerichtet, vor dem erneut Schneewirbel entlang getrieben wurden.

"Setzen Sie sich, Nick." Aron wies auf den Stuhl ihm gegenüber. Die erste Euphorie und Erleichterung darüber, dass er ihn gefunden hatte, war abgeklungen, und die Nacht ohne Schlaf und voller Sorge machte sich bemerkbar. Er nippte an dem starken Kaffee, den Edward ihm gebracht hatte und sah den jungen Mann ihm gegenüber an. Noch blasser als gewöhnlich war er, und der gehetzte Ausdruck gefiel Aron nicht. Ebenso wenig gefiel ihm aber auch, was Nick ihm geschrieben hatte. "Was hat Sie nur dazu gebracht wegzulaufen? Ich bin Ihnen dankbar, was Sie für Oliver getan haben. Sie hätten zu mir kommen sollen."

"Ich weiß nicht." Unglücklich sah Nick auf den gedeckten Tisch. Im Hintergrund raschelte Edward ein wenig herum, und ihm stiegen die Tränen in die Augen. "Ich wollte das nicht... nicht, dass es so kommt", flüsterte er rau.

Aron machte eine kleine Geste zu seinem Butler hin, der sich darauf diskret entfernte. Dann schenkte er Nick Kaffee ein, gab reichlich Milch und Zucker dazu und schob die Tasse zu ihm hin. "Nehmen Sie einen Schluck, und dann beginnen Sie einfach von vorne."

Nick putzte sich die Nase mit seinem Taschentuch, dann trank er vorsichtig von dem aromatischen Getränk. Nach der halben Tasse fühlte er sich stark genug. Er begann damit, dass er nur Hauslehrer auf der Suche nach einer neuen Anstellung war und erzählte dann von einigen Fragen unterbrochen, wie er auf das Gut gelangt war. Endlich sank er, die leere Tasse zwischen den Fingern, ein wenig mehr in sich zusammen und endete "Und dann hatte ich Oliver auch noch so gern, und Sie waren auch so gut zu mir. Ich konnte den Gedanken, weiter zu lügen, nicht mehr ertragen."

Während der Erzählung hatte sich etwas in Aron zu verkrampfen begonnen. Es war, als würde ein kalter Knoten in seinem Bauch immer größer werden, als er begriff, was der Brief ihm nicht wirklich gesagt hatte. Der Doktor, in den er sein ganzes Vertrauen gesetzt, dem er das Leben seines Sohnes in die Hände gelegt hatte, hatte dafür gesorgt, dass Oliver nicht mehr gesund wurde. Er hatte ihn langsam vergiftet, und allein dadurch, dass Aron an ihn geglaubt hatte, war es seinem Sohn so schlecht gegangen.

Er stand auf und schenkte sich mit zitternden Händen einen großen Whiskey ein, den er auch an einem Zug austrank, um sich gleich noch einen zweiten zu nehmen. "Sie haben meinem Sohn das Leben gerettet, Nick, während ich ihn durch meine Naivität fast umgebracht habe!" Er glaubte Nick, genauso, wie er Joseph geglaubt hatte, aber selbst wenn er die beiden verglich und sich einen Narren schalt, konnte er dennoch nicht an Nicks Worten zweifeln. Nick war zu ehrlich, um ihm etwas vorzuspielen, er hatte es sogar vorgezogen, sich beinahe umzubringen, als entgegen der Wahrheit weiter bei ihm zu bleiben.

Der Umstand, dass der Earl ihm glaubte, stärkte Nicks Selbstbewusstsein. "Wenn ich es Ihnen einfach so gesagt hätte, dann hätten Sie mir keinerlei Glauben geschenkt, deswegen musste ich lügen. Aber zu lügen habe ich nie so gut gelernt. Ich glaube, dass Oliver mich schon längst durchschaut hat."

"Nein, natürlich hätte ich Ihnen nicht sofort geglaubt." Bitter starrte Aron in das Glas. "Ich habe Doktor Joseph immerhin jahrelang als Arzt beschäftigt und ihm vertraut." Unwillig schüttelte er den Kopf. Damit musste er allein fertig werden, das war nichts, bei dem ihm Nick helfen konnte oder mit dem er ihn belasten sollte. Doch es kostete ihn sehr viel Anstrengung, diese Gedanken für den Moment beiseite zu schieben. Ein wenig gezwungen lächelte er. "Ich glaube nicht, dass Oliver Sie durchschaut hat, Nick. Aber er mag Sie sehr gerne und will Sie weiterhin hier bei sich haben. Genau wie ich. Eigentlich wollte ich zu Weihnachten fragen, ob Sie gern bei uns bleiben möchten, doch nach dieser Entwicklung sollte ich es besser vorziehen. Wollen Sie Olivers Hauslehrer werden, wenn Sie auch nicht sein persönlicher Arzt sein können? Bisher haben Frances und ich ihn unterrichtet, aber einerseits kann sie auch ein wenig mehr Freizeit vertragen, und zum anderen erreicht sie langsam ihre Grenzen."

Aufgeregt stand Nick auf und ging hin und her. "Sie wollen mich auf diese Art auch noch belohnen?" Ihm wurde ein wenig schwindelig, und er umfasste die Stuhllehne rasch mit festem Griff, um nicht auch noch umzufallen. Die erneut in seine Augen steigenden Tränen waren ihm peinlich genug. Zudem fiel ihm gleich darauf ein, dass der Kutscher noch immer wusste, warum er als Hauslehrer nicht mehr bei dem anderen Lord arbeiten konnte. Es war in einem noch gar nicht so weit entfernten Bezirk, und auch der Earl würde auf einem Winterball davon erfahren.

"Ich... würde das gern annehmen, aber ich kann nicht. Ich würde Sie enttäuschen. Das will ich nicht", sagte er leise, den Blick auf seine Finger gerichtet. "Der Kutscher... er weiß, warum nicht."

"Sie haben meinen Jungen gerettet, Nick, vermutlich auf die einzig mögliche Art, die Ihnen zur Verfügung stand. Sie verdienen noch weitaus mehr als eine Anstellung als Hauslehrer. Der verdammte Kutscher ist im Moment eingesperrt und kommt nicht raus; ich werde mich später um ihn kümmern."

Aron musterte den jungen Mann, der so aufgeregt, so freudig und niedergeschlagen zugleich war. /Muss ich dich auch einsperren, damit du mir nicht davon fliegst wie ein Traum? Aber Träume kann man nicht festhalten, sie kommen und gehen nach eigenen Regeln./ "Natürlich kann ich ihn fragen, aber er wird übertreiben, um sich zu schützen. Sagen Sie es mir."

Nick schüttelte den Kopf, nachdem er den Earl erschrocken angestarrt hatte. Er war noch immer sehr hungrig, aber so hielt er es nicht mehr in einem Raum mit ihm aus. Mit einem kleinen Schreckenslaut lief er durch die nächste Tür davon. Leider brachte diese ihn nicht in den Flur, den er bereits kannte, sondern durch ein Anrichtzimmer für die Angestellten über eine kleine Stiege zum großen Wohnzimmer des Earls. Dort wurde Nick erneut schwindelig, Schweiß brach auf seiner Stirn aus, und er taumelte leicht.

Mit einem überraschten Ausruf war Aron aufgesprungen und Nick gefolgt. "Nick, bleiben Sie hier!"

Nick wartete nicht, und so lief er ihm hinterher, bis er ihn in seinem Wohnzimmer einholte. Die im Eisigen verbrachte Nacht hatte den jungen Mann offensichtlich mehr geschwächt, als er gedacht hatte. Er war bleich und wirkte, als würde er jeden Moment stürzen. Energisch trat Aron zu ihm hin und packte ihn bei den Schultern, um ihn zu stützen und zu verhindern, dass er gleich weiter floh. "Benehmen Sie sich nicht wie eine junge Dienstmagd!"

Ohne Widerspruch gelten zu lassen, dirigierte er ihn den Weg zurück ins Esszimmer, auch wenn Nick wahrlich jämmerlich aussah. Dort drückte er ihn auf seinen Stuhl, ehe er sich selber setzte. "Essen Sie in Gottes Namen, bevor Sie mir umfallen."

Edward hatte Bratenaufschnitt, Käse und geröstetes Brot dagelassen. Zögerlich aß Nick unter der strengen Aufsicht des Earls zwei Brote und trank noch eine Tasse Kaffee dazu. Er musste nicht reden, das tat ihm gut. Doch jeder Blick in das Gesicht seines Arbeitgebers machte die Situation schlimmer für ihn. Er wollte diesen Mann nicht betrügen und belügen, aber er konnte unmöglich erzählen, dass er mit einem Gärtnerburschen erwischt worden war, in enger Umarmung und dazu noch halbnackt.

Der Skandal und eine Anklage war ihnen beiden erspart worden. Nick hatte schnell behauptet, den Gärtner dafür bezahlt zu haben, damit dieser, der schon länger in der Anstellung des Lord gewesen war, keinen Ärger bekam. Doch Aron von Wrothston würde solche Vorlieben nicht in der Nähe seines Sohnes dulden. Die Stellung war also ein verschwendetes Geschenk. Traurig verschanzte Nick sich hinter der Tasse, obwohl sie nur noch eine kleine Pfütze kalten Milchkaffee enthielt.

Aron hatte die Zeit über, während Nick aß, schweigend gegrübelt, was er vor ihm verbarg. Es war angenehmer, als darüber nachzudenken, dass Doktor Joseph seinen Sohn vergiftet hatte. Als Nick sein Mahl beendet hatte und sich in seinem Stuhl so klein wie möglich zu machen versuchte, seufzte er leise. "Wollen Sie wirklich, dass ich eine verzerrte Version erfahre, wenn Sie mir doch einfach die Wahrheit sagen könnten?"

"Welche Wahrheit wollen Sie denn hören?" Lakonisch sah Nick den Mann kurz an, senkte rasch die Lider wieder, als ihre Blicke sich begegneten und das ihm schon viel zu bekannte Kribbeln in seiner Magengegend begann.

"Ihre natürlich. Aber da Sie sich so dagegen sträuben, lassen Sie mich doch einfach raten." Aron lehnte sich zurück und betrachtete Nick nachdenklich, während er gedanklich zusammen zählte, was er von ihm wusste. Scheu und versteckt, zart und sensibel. Er erinnerte sich an Blicke, die Nick ihm zugeworfen hatte, an die Male, wo er errötet war, wenn sie sich nah gekommen waren. Es würde ein Raten sein, aber es würde Gewissheit bringen. "Sie hatten eine Affäre mit der falschen Person?" Er sah Nick leicht zusammenzucken und fühlte sich mit einem Mal sicher. "Mit einem Mann vielleicht sogar?"

Nick ließ den Kopf hängen. "Sie haben es doch schon die ganze Zeit gewusst. Machen Sie sich doch bitte nicht mehr über mich lustig."

"Nein, habe ich nicht. Ich habe es vermutet." Fast hätte Aron gelächelt, als seine Vermutung bestätigt wurde. Er fühlte Glück. "Und ich würde mich niemals über Sie lustig machen. Sagen Sie, glauben Sie wirklich, ich würde Sie der Liebe wegen des Hauses verweisen?"

Nick blinzelte verblüfft und starrte sprachlos auf den Tisch vor sich. Fast war dies noch grausamer. Er würde bleiben dürfen, weil er Männer liebte, aber zugleich musste er dann mit ansehen, wie Aron, den er zu bewundern, vielleicht gar zu lieben begonnen hatte, mit anderen zusammen war. Er verkrampfte seine Finger um die Serviette und flüsterte schließlich "Das ist... Glück für mich, nicht wahr? Ich darf also Olivers Lehrer sein?"

Verwirrt über diese Reaktion runzelte Aron die Stirn. "Sie sehen mir nicht glücklich aus. Wollen Sie nicht? Spricht etwas dagegen?"

"Nein, nein... ich bin nur müde. Ich würde gern ein wenig schlafen." Bewusst entspannte Nick sich.

Aron hatte mit Freude oder zumindest Erleichterung gerechnet, aber bestimmt nicht mit dieser Distanz. Es enttäuschte ihn. "Sicher, gehen Sie nur. Ich bin selber erschöpft." Ein wenig schwerfällig erhob sich Aron, während ihm bewusst wurde, dass es stimmte. Die Nacht ohne Schlaf, die Sorge und der lange Ritt durch die Kälte hatten auch bei ihm Spuren hinterlassen. "Schlafen Sie gut, Nick."

"Gute Nacht." Nick fühlte sich fürchterlich. Mit schmerzendem Magen blickte er noch einmal zu dem Earl hinüber, auch er sah müde und ein wenig enttäuscht aus. "Das alles tut mir schreklich leid", sagte er leise von der Tür aus, dann huschte er hastig über den Flur und die Treppe in Richtung seines Schlafzimmers davon.

Einen Moment lang blieb Aron noch im Esszimmer und starrte zum Kamin hin. Morgen war ein neuer Tag, vielleicht war Nick einfach nur vollkommen erschöpft. Aron richtete sich auf und straffte die Schultern, ehe er das Zimmer verließ. Er musste noch mit Oliver reden, der sich Sorgen um seinen Arzt gemacht hatte und ihm erklären... ja, was? Die Wahrheit? Er konnte ihm doch nicht sagen, dass jemand ihn aus Geldgier hatte töten wollen!

Im Endeffekt verriet er gar nichts. Er blieb bei der Geschichte, dass Nick sich verlaufen hatte, jetzt aber in Sicherheit, jedoch müde war. Wie er die Sache auflösen wollte, dass der junge Mann kein Arzt war, verschob er auf den nächsten Tag, wenn er ausgeschlafen hatte.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh