Der Weihnachtsgast 1

 

Der Weihnachtsgast

1.

Eigentlich stand Holger nur noch der Sinn nach einem heißen Bad und der Matratze, die ihm zur Zeit in der Wohnung, die er für seinen Freund einhütete, als Bett diente. Doch als er die letzten Stufen des Altbaus erklomm, entdeckte er zu seiner Überraschung mitten im Treppenhaus einen Umzugskarton, aus dem sein Wanderstab von der dreijährigen Walz herausragte. Ein Blick auf den restlichen Inhalt bestätigte ihm, dass es sich um seine Sachen handelte. Nahezu komplett. Nach den drei Monaten der festen Anstellung hatte er noch immer nicht sonderlich viel angesammelt, und so waren hauptsächlich Werkzeuge und einige Klamotten in dem Karton.

Dass die Kiste einfach so auf dem Flur stand, wo jeder ran konnte, um ihm seinen wertvollen Besitz zu stehlen, stimmte Holger wesentlich besorgter als der Umstand, dass sein Zeug überhaupt rausgeräumt worden war. Er kam gar nicht dazu, aufzuschließen, denn Christiane, die Freundin seines Kumpels, kam aus der Tür geschossen, um eine Tüte mit Duschgel, Rasierzeug und eine Dose mit Gewürzen aus der Küche oben auf zu werfen.

"Aha! Da bist du ja! Das passt sich wunderbar, nimm bloß deinen Scheiß gleich mit und hau ab!"

Holger fuhr zurück und starrte die kleine Frau mit dem dunklen Pagenschnitt verwirrt an. "Darf ich vielleicht erst einmal erfahren, was ich verbrochen habe?"

"Dirk, diese dumme Sau! Er hat mich die gesamte Zeit im Ausland mit so einer Schlampe betrogen! Du hast ihn auch noch gedeckt, nicht wahr? Da will ich ihn überraschen und fahre vorbei. Und da erwische ich ihn natürlich auch gleich noch!" Sie begann zu weinen und rannte wieder in die Wohnung, knallte die Tür. "Ich will euch beide nie wieder sehen, kapiert?!"

Belämmert blinzelte Holger die Tür an, dann sagte er mit leicht erhobener Stimme, aber so ruhig er konnte "Du, Chrissi?" Stille. "Ich wusste da nichts von, ehrlich nicht." Eisiges Schweigen. Holger ließ sich auf dem Türvorleger nieder und begann zu betteln. Endlich, nachdem er ihr über eine halbe Stunde lang seine Unschuld versichert hatte, gab er seufzend auf, raffte den nicht gerade leichten Karton und brachte ihn zu seiner Arbeit. Seit der bestandenen Meisterprüfung war er in einer Behindertenwerkstatt als Meister angestellt und brachte den körperlich und geistig behinderten Lehrlingen den Tischlerberuf nahe oder sogar bis zur Gesellenprüfung bei.

Die Kollegen aus der Werkstatt waren alle schon fort, aber Arthur, der Pädagoge vom Team, saß noch über seinen Berichten zu den Neuzugängen. Holger blieb einen Augenblick lang vor der Tür mit dem Fenster stehen und starrte auf das attraktive Gesicht des anderen, sehr vorteilhaft von der Schreibtischlampe beleuchtet. Der andere war zum einen sicher hetero, und zum anderen sabberte Holger ihm hinterher, auch wenn er genau wusste, dass es keinerlei Zweck hatte.

"Scheiße", murmelte er unbewusst laut, dann trat er in das Büro, in dem auch das Schlafsofa stand.

Ächzend ließ er den Karton auf den Boden sinken und sah sich unzufrieden um, während er seine Lodenjacke auf das Sofa warf, auf dem sich etliche Papiere, vor allem die Führungsakten der Lehrlinge, stapelten. "Hallo, Art. Ich muss heute Nacht vermutlich hier pennen. Die Ex von Dirk hat rumgezickt und mich rausgeworfen, Kollektivstrafe vermute ich mal."

Arthur sah von den Papieren hoch und legte den Kuli beiseite, dann schob er die Akten zusammen. "Na klasse. Ex also sogar? Dann hat es offensichtlich richtig gekracht. Hast du ein blödes Timing! Ich würde dir gerne meine Schlafcouch zur Verfügung gestellt, aber du weißt ja, mein Bruder samt Frau und Kind sind zu Besuch, und die bleiben noch bis zum Wochenende. Damit ist meine Bude voll."

"Ist schon in Ordnung, Art. Ich werde mich gleich mal an der Uni umsehen, ob da wer kurzfristig einen Mitbewohner sucht. Aber das ist mir eine Lehre. Ich sollte wirklich langsam sesshaft werden." Als nächstes fiel Holger ein, dass er seinen Schlafsack noch holen musste, was ihn erneut zum Fluchen brachte. "Na ja. Ich werde dich man in Ruhe lassen und versuchen, meine Penntüte aus den Klauen der wilden Frau zu retten. Wir sehen uns ja morgen auf dem Weihnachtsmarkt." Die Werkstatt hatte einen Stand dort, wo sie kleine Spielzeuge, Puzzle und Kerzenständer verkauften, um ein wenig Geld in ihre Kassen zu bekommen. "Morgen ist der erste Tag, da können wir uns dann fein alles mal abfrieren den Tag über."

Arthur grinste. "Na, wir sind ja von Glühweinständen umgeben, da heizen wir uns dann kräftig auf." Er legte die Berichte in eine Mappe und steckte diese in seine Tasche. "Mach es dir bequem, ich muss eh nach Hause. Hab mich schon wieder viel zu lang festgesessen. Mein Besuch wartet schließlich. Viel Erfolg beim Kampf mit der wilden Bestie. Wenn's gar nichts wird, ruf mich an. Dann finden wir dir schon ein Plätzchen, und wenn's auf 'ner Luftmatratze bei mir im Schlafzimmer ist."

"Na, ich find schon was. Wäre doch gelacht." Holger grinste hinter Arthurs Rücken und machte sich noch einmal auf den Weg zu einer beschwerlichen Diskussion mit Christiane, nach der er dann schließlich den Schlafsack, sein Kopfkissen, seine Zahnbürste und zwei Handtücher, die ihm zwar nicht gehörten, die er aber gut brauchen konnte, ausgehändigt bekam. Er rollte die Sachen in den Schlafsack wie ein Bündel zusammen und kam sich auf dem Rückweg wieder einmal vor wie auf der Walz.

Fast hätte es ihm Spaß bereitet, wenn er nicht so gefroren und gewusst hätte, dass die Werkstatt sicherlich keine sonderlich gute Übernachtungsstätte sein würde. /Aber ich muss morgen erst um zwölf raus, der Weihnachtsmarkt fängt ja nicht vor drei am Nachmittag an. Ist das herrlich! Endlich mal vernünftige Arbeitszeiten!/

Er ging bei der Uni vorbei, wo ihm drei Studentinnen kichernd eine Pizza schenkten, weil er seine Tischlerkluft mit den Schlaghosen und der Weste aus schwarzem Cord sowie seinen Hut und den Stab dabei hatte. Artig bedankte er sich und war schon wieder eine Spur besser gelaunt. Dies änderte sich nur bedingt, als er nach Übersicht über die Zimmer im Angebot zunächst einmal auf Anfragen verzichtete. Die Leute hatten allesamt überzogene Vorstellungen, und die Wohngemeinschaften boten Zimmer zum Teil nur für Studenten, zum Teil nur für Frauen an, oder sie klangen nicht sonderlich ansprechend.

Der Tag war zu unrund gelaufen, um einfach so ins Bett zu gehen. Holger hatte schon Pizza gegessen und wollte sich nun noch ein oder zwei Bierchen genehmigen, bevor er auf dem Sofa versuchen würde, seinen Rücken nicht vollkommen zu zerstören. Die Studentenkneipe Harlekin an der Ecke war ihm sowieso schon bekannt, und deswegen fiel ihm die Wahl nicht schwer.

Er bekam dank der Kluft das erste Bier ausgegeben, und schon bald war er an der Theke in der Ecke häuslich eingerichtet und erzählte einigen Leuten, die ihn spontan in ihre Runde geschlossen hatten, von den Erlebnissen auf der Walz.

 

Es war mittlerweile das dritte Bier, das vor Klemens stand, aber seine Laune hob sich dennoch nicht sonderlich. Er war noch immer wütend, daran konnten auch der Alkohol und die fröhlichen Leute um ihn herum nicht viel ändern. Dabei war es ihm eigentlich als eine gute Idee erschienen, mit seinen Freunden loszuziehen und den Frust über seine Eltern einfach zu ertränken.

Warum konnten sie nicht einsehen, dass Jura nichts für ihn war? All die Anzugträger und Rechtsvorschriften hatten ihn angekotzt, und mit jeder Vorlesung war es schlimmer geworden. Natürlich trugen nicht alle Jurastudenten Anzüge, aber seine Eltern hatten darauf bestanden, dass er es tat. Schließlich hatte ihr Junge ordentlich auszusehen, denn angehende Juristen waren etwas ordentliches. Im Gegensatz zu Geschichts- und Amerikanistikstudenten. Das waren Fächer ohne Zukunft mit lauter Linksradikalen und Ökos. Nur Pädagogen waren schlimmer.

Klemens trank einen weiteren, großen Schluck Bier, dann noch einen, worauf er den Boden seines Glases sah und gleich ein neues orderte. Aber genau das war er seit Oktober, dem Beginn des neuen Semesters. Daraufhin hatte es einen riesigen Krach gegeben, der darin gegipfelt war, dass er sich vor zwei Wochen eine Wohnung gesucht hatte und bei seinen Eltern ausgezogen war. Seine gesamten Ersparnisse waren für die Einrichtung drauf gegangen, selbst wenn er kaum Neues gekauft hatte. Aber er hatte nichts mitnehmen können, nicht mal sein Bett, und heute morgen hatte seine Mutter angerufen und ihm gesagt, dass er von ihnen auch keine Unterstützung bekommen würde.

/Bis ich wieder Vernunft angenommen habe. Ha. Darauf können sie lange warten./ Warum konnten sie nicht einsehen, dass er seinen eigenen Weg gehen wollte und nicht dem folgen, was sie für ihn geplant hatten? Wie verbohrt konnte man sein? Immerhin hatte er jetzt erst einmal einen Job, mit dem er die Miete bezahlen konnte. Zwar war es nur über die Adventszeit, denn länger stand der Weihnachtsmarkt nun mal nicht, aber immerhin hatte er so Luft, um etwas Dauerhaftes zu suchen, das ihm auch Zeit zum Studieren ließ. Er würde nicht schlecht verdienen mit dem Verkauf von Honig, Bienenwachskerzen und Co, und da er dringend Geld brauchte, hatte er sich gleich Vollzeit einteilen lassen. Dieses Semester war ohnehin gelaufen. Durch Streit, Wohnungssuche und einige andere unerfreuliche Dinge hatte er schon vorher kaum Kurse besucht.

 

Die kleine Gesellschaft von Studenten, die offensichtlich alle aus einem Angilistik- oder Amerikanistikseminar zu stammen schienen, löste sich allmählich auf. Zwei Leute luden Holger spontan zu sich ein, aber er lehnte ab, weil sie weit draußen vor der Stadt wohnten und er so kaum eine Chance hatte, zum Weihnachtsmarkt zu gelangen.

Nach etwa zwei Stunden blieb Holger mit einem dumpf vor sich hinstarrenden Typen sitzen und beschloss, dass er genau wie der andere noch ein letztes Bier gebrauchen konnte, bevor er sich der Couch stellen wollte. Nach einem Blick auf den anderen musste Holger grinsen. Trotz lustiger roter Locken und einem sicherlich sonst fröhlichem Gesicht wirkte er wie der Inbegriff des Trübsals. Kurzerhand bestellte er nicht nur für sich, sondern auch für den anderen ein Altbier und einen Schnaps. "Hier, du schaust mir aus, als hättest du ein ordentliches Besäufnis geplant, bei deinem Tempo nehme ich das jedenfalls an."

"Huh?" Klemens sah auf und in das grinsende, freundliche Gesicht des Schreinermeisters, der schon den ganzen Abend seine Geschichten zum Besten gegeben hatte. Bestimmt wäre es besser gewesen, er hätte ihm zugehört und sich davon ablenken zu lassen, anstatt in seiner düsteren Laune zu versinken, was normalerweise so gar nicht sein Ding war. Aber es hatte sich in der letzten Zeit zu viel angestaut. Spätestens morgen würde er wissen, um wie vieles besser es gewesen wäre.

Verspätet registrierte er das neue Bier und den Schnaps vor sich und dass mittlerweile wirklich alle seine Freunde gegangen waren. Er erwiderte das Grinsen schief und fokussierte seinen Blick etwas schwerfällig auf den anderen Mann.

"Danke." Seine Zunge war ebenfalls schwerfällig, aber er lallte nicht, das war schon mal gut. "Eigentlich hatte ich geplant, meinen Frust wegzuspülen. Aber meine Pläne haben sich offensichtlich geändert." Er dachte darüber nach und fügte dann hinzu "So lange ich morgen um drei wieder geradeaus laufen kann, ist alles gut."

"Morgen um drei? Aber nicht in der Früh, hoffe ich mal. Prost!" Holger zog sich den Hocker zu dem anderen Mann heran und bemerkte, als er aufstand und auf den anderen Platz wechselte, dass der andere wirklich groß war, schlaksig und ein wenig tollpatschig wirkend, was vermutlich durch seine Größe kam.

"Prost!" Klemens kippte den Schnaps an einem Zug runter und hustete, weil er schärfer war als das Bier, wovon er gleich einen Schluck zum Nachspülen trank. Dann grinste er, das erste Mal an diesem Abend. "Nein, obwohl ich den Job vermutlich auch dann angenommen hätte. Aber so früh ist die Eröffnung des Weihnachtsmarktes zum Glück nicht."

Holger lachte auf, trank aber zuerst den Schnaps, der ihm die Kehle hinunter eine brennende Spur hinterließ, dann gab er zurück "Aber da muss ich doch auch morgen hin. Ist ja witzig. Ich muss in dem Stand von meinem Arbeitgeber aushelfen." Er warf einen schnellen Seitenblick auf den anderen. Ein netter, harmloser Typ. Ob der vielleicht eine Couch freihaben mochte? Er hielt seine Hand aus. "Ich bin übrigens Holger."

"Klemens." Klemens drückte die kräftige Hand, der man anmerkte, dass sie nicht allein an Tastaturen arbeitete. "Danke für das Bier, Holger. Ich werde Honig verkaufen. Honig für die Miete meiner Wohnung." Er lachte und wunderte sich fast darüber. Er hätte dem Mann definitiv vorher schon zuhören sollen, dann wäre er jetzt nicht so betrunken. "Ich habe sie jetzt seit zwei Wochen, und so sieht sie auch aus."

"Wieso das denn?" Mit einem Mal besser gelaunt orderte Holger noch zweimal das gleiche, dann lauschte er einer sehr typischen Geschichte von dem Wunsch nach Selbstständigkeit und dem Preis, der zu zahlen war. "Aha. Deine Eltern wollen dich gern als Juristen, aber nicht als Angilisten. Das ist natürlich nicht einfach zu lösen", fasste er nach bestimmt einer Stunde, in der sie sich hin und her über die Lage unterhalten hatten, zusammen. "Eine missliche Sache. Einerseits wäre es tödlich, jetzt nachzugeben, andererseits ist bald Weihnachten. An Weihnachten mit der Familie Krach zu haben, ist nicht schön." Er seufzte. "Fast so unschön, wie an Weihnachten keine Wohnung zu haben."

"Das zieht sich schon seit Anfang des Semesters und wird bestimmt auch noch eine Weile bleiben." Deprimiert starrte Klemens auf das volle Bierglas, und langsam wurde ihm bewusst, dass Holger schon wieder bezahlt hatte. Ebenso langsam drang zu ihm durch, dass der andere bereits vorhin davon erzählt hatte, dass er irgendwie von jetzt auf gleich aus seiner Wohnung geflogen war und nun in der Firma schlief. Oder so.

"Bei mir steht zwar noch nichts, nicht mal das Bett, weil das zu viele Schrauben hat, aber ich habe jede Menge Platz", sagte er leutselig. "Und wenn du morgen auch zum Weihnachtsmarkt musst... Magst du bei mir pennen, bis du was besseres gefunden hast?"

Holger legte den Kopf schief. Irgendwie putzig, wie unpraktisch der andere veranlagt schien. "Das ist ein nettes Angebot, Klee."

Klemens lachte. "Bin doch kein Grünzeug!" Vorsichtig ließ er sich von dem Barhocker herunter und hielt sich an der Theke fest, bis sein Gleichgewichtssinn begriffen hatte, wo oben und wo unten war. Zwischen links und rechts konnte er dennoch nicht gut unterscheiden. Er blinzelte ein wenig unsicher. "Wenn ich das Bier getrunken habe, werde ich nach Hause gehen. Bis dahin musst du dich entschieden haben, ob es nett genug ist und du mitwillst."

Holger grinste. Klemens hatte für seine Trinkerfahrung mit Sicherheit die Grenze überschritten. "Ich glaube fast, dass ich mitgehen muss. Allein kommst du sonst gar nicht mehr an", entschied er und schob die beiden halbvollen Gläser in Richtung der Aushilfe, die gerade am Aufräumen war. Und er sollte Recht behalten. Den doch deutlich größeren Mann untergehakt half er ihm in die angegebene Richtung, von der belebten Straße fort und in ein nettes Wohngebiet, das in der Nähe des Kanals lag. Etliche Häuser hatten Blick auf das Wasser oder die Wiesen.

Das Haus, vor dem Klemens unsicher schwankend anhielt, war modern und leider drei Stockwerke hoch. Sie mussten zum Glück nur in den zweiten Stock bis zu der kleinen Wohnung mit zwei Zimmern und Balkon. Klemens bekam die Tür nicht einmal mehr aufgesperrt, und Holger musste zugeben, dass es ihm mittlerweile egal war, wo er schlafen würde.

Nach einem schnellen Zähneputzen und einem ordentlichen Schluck aus einer in der noch ziemlich kahlen Küche herumstehenden Wasserflasche verkroch er sich in den Schlafsack und robbte auf eine Seite der großen Matratze, die im ebenso nackten Schlafzimmer mitten im Weg lag.

Klemens war auf dem Weg nach Hause schlecht geworden; nicht genug, um sich zu übergeben, aber das holte er mit einer neuen Übelkeitsattacke ausgiebig auf seiner Toilette nach. Danach ging es ihm deutlich besser, und er wankte in die Küche, um ein großes Glas Wasser zu trinken. Irgendwie fand er dann den Weg in sein Bett, wunderte sich einen Moment lang, woher sein Gast den Schlafsack hatte, kroch dann aber nur noch unter seine Decke und war kurze Zeit später bereits weggetreten.

 

Klemens war ziemlich flau im Magen, als er am nächsten Morgen erwachte; es war jedoch bei Weitem nicht so schlimm, wie er befürchtet hatte. Seine Erinnerung vom Vorabend war in weiten Teilen getrübt, aber nicht ausgelöscht, weswegen er sich nach einigen Minuten blicklos an die Decke Starrens vorsichtig zur Seite drehte, um herauszufinden, ob es Wirklichkeit war, dass er einen wildfremden Mann zu sich nach Hause eingeladen hatte.

Die in einen Schlafsack gehüllte Gestalt, von der man nur einen Schopf dunkelblonder, etwas längerer Haare sehen konnte, ließ den bis dahin eher wie einen alkoholbedingten Traum erscheinenden Gedanken Realität werden, und es bereitete Klemens ein gewisses Vergnügen. Seine Mutter würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen vor soviel Unvorsichtigkeit und auch wegen der Dummheit, sich davor noch so kräftig zu betrinken.

Sein Gast bewegte sich unruhig und gab damit den Blick auf ein energisches Gesicht mit kantigem Kinn und breitem Mund frei, das ihm mit Sicherheit einen recht ordentlichen Erfolg bei Frauen bescherte. Dazu kam der Dreitagebart, der an dem anderen im Gegensatz zu ihm sogar gut aussah.

Klemens beneidete ihn gleich ein wenig darum. Seine Erfolgsquote war nicht sehr berauschend; die wenigsten Frauen, die er näher kennen gelernt hatte, standen auf Männer über eins neunzig, die zudem nicht die Statur eines Schwarzeneggers hatten oder zumindest nahe dran kamen.

/Und wie lange habe ich ihm jetzt zugesagt, dass er bleiben kann?/, fragte er sich verwirrt und runzelte die Stirn, während er die ineinander fließenden Erinnerungen zu ordnen versuchte.

Holger gähnte und bewegte sich ein wenig, dann wurde ihm bewusst, dass er wach war und zugleich, dass er einen Kater hatte. Abschätzend öffnete er erst ein Augen, danach das andere. "Hm..." Gut, der Kater war von mittlerer Größe, nichts, was man nicht durch ein ordentliches Frühstück mit Brot, Ei und Speck vergraulen konnte.

Als nächstes wurde ihm bewusst, dass er neben seinem Gastgeber auf einer breiten Matratze lag. /Ach ja. Ich hab mich an den Feuermelder gestern angeklettet. Netter Typ, schüchtern./ Holger drehte sich um und fand das Pendant zu seiner Erinnerung vom Vortag neben sich. Allerdings in ein wenig zerzaustem und nicht gerade heiterem Zustand.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh