Der Weihnachtsgast 2

 

Der Weihnachtsgast

2.

"Morgen..." /Klemens... Ach ja./ "Gut geschlafen?" Holger entwühlte seinen Körper. "Wenn du mich zuerst duschen lässt, dann mache ich dir zum Dank ein Komplettfrühstück la Holger der Schreckliche. Wie ist das Angebot?"

Klemens war weder nach Aufstehen, noch nach Essen, deswegen nickte er, nachdem er beides gegeneinander abgewogen und dann beschlossen hatte, dass er nach dem Aufschub vielleicht besser aus den Federn kommen würde. "Wenn der Inhalt meines Kühlschranks deinen Erwartungen entspricht, kannst du gerne zuerst ins Bad." Er hörte sich selbst und musste lachen. "Na ja, du weißt, was ich meine. Handtücher liegen in dem Schränkchen." Und er war sich sogar ziemlich sicher, dass noch mindestens zwei saubere da waren.

"Ich hab mein eigenes dabei."

Holger besah sich das geräumige, helle Badezimmer. Auch hier lehnte ein Bord noch an der Wand, anstelle über dem Spiegel angedübelt zu sein, der Handtuchhalter war von Anno Knips und ein neuer lag noch in seiner Packung neben den Handtüchern im Schrank. In Unterhose und seine Haare trocknend kehrte er nach einer erfrischenden Dusche zu Klemens zurück und fragte, während er sich ein frisches Hemd aus dem Bündel nahm und seine schwarze Arbeitshose anzog "Sag mal, wie lange wohnst du hier schon?"

Klemens setzte sich noch ein wenig mühsam auf und strich sich mit beiden Händen durch die roten Locken, während er spürte, wie ihm Röte ins Gesicht stieg. Mit ziemlicher Sicherheit bezog sich Holger auf all die Möbelteile.

"Zwei Wochen", nuschelte er schließlich. Es war nicht so, dass er nicht versucht hätte, die Möbel selber zusammenzubauen, aber da er kaum neue hatte, gab es keine Gebrauchsanleitungen. Mit Erschrecken hatte er feststellen müssen, dass das, was am Anfang eigentlich recht einfach ausgesehen hatte, für ihn zu einem großen Hindernis wurde. Der Kleiderschrank schien nicht zusammenzupassen, und beim Bücherregal fehlten ihm Teile, zumindest war das seine Erkenntnis nach mehreren frustrierenden Stunden. Lediglich der Schreibtisch samt Computer stand bereits und das Badschränkchen und zwei Hängeschränke in der Küche, die er an einem Stück hatte transportieren können. "Übernächstes Wochenende wollte ein Freund vorbei kommen und mir helfen. Wusste ja nicht, dass ich so schnell Besuch bekomme."

Holger lachte einmal auf. "Aber du hast Glück. Du hast einen Tischler zu Besuch bekommen. Wenn du Lust hast, helfe ich dir heute schnell mit den paar Möbeln. Das Bett zum Beispiel, das ist schnell aufgebaut, und dann musst du bei der Arschkälte nicht auf dem Fußboden schlafen." Er betrachtete das gerötete Gesicht des anderen munter. "Ich glaube, ich zuckel mal eben zum Supermarkt an der Ecke und kauf ein wenig für das Frühstück ein. Du kannst dich ja derweilen herrichten."

Klemens nickte verlegen. "Danke." Er stand jedoch erst auf, als er die Wohnungstür hinter Holger zufallen hörte. Die Dusche belebte ihn einigermaßen wieder, und als er in seine ausgebleichte Jeans und den Ringelpullover mit den leider etwas zu kurzen Ärmeln geschlüpft war, fühlte er sich wieder fast wie ein Mensch.

Gähnend schlurfte er in die Küche und trank von der Milch direkt aus der Tüte, weil ohnehin nicht mehr viel drin war, während er sich erneut fragte, wie lange er Holger jetzt eigentlich eingeladen hatte. Aber es erschien ihm ein ganz ordentlicher Tausch, ihm für einige Nächte ein Dach über dem Kopf anzubieten und dafür die Möbel aufgebaut zu bekommen. /Sogar Frühstück macht er. Der kann bleiben./ Klemens grinste und steckte die Kaffeemaschine ein. Er selber mochte Kaffee kaum, dementsprechend war sie auch das Geschenk einer kaffeesüchtigen Freundin. Er hatte sie eigentlich nur für Besuch. Aber an diesem Morgen fühlte er sich selber danach, und bestimmt trank auch Holger welchen.

Holger musste schon wieder lachen, als er den Tisch sah, der offensichtlich mit Klees essbaren Besitztümern gedeckt worden war. Butter, eine Zuckerdose und eine Packung Müsli fragwürdigen Alters. Rasch lud er den Inhalt der Jutetasche, die er für diesen Zweck von seinem Gastgeber entliehen hatte, auf den Küchentisch. Schon bald saß er vor einem angenehm starken Kaffee und sah dem großen Mann mit den hübschen roten Locken dabei zu, wie dieser sich zaghaft an das Essen heran tastete.

Ein Gedanke entstand in Holgers Kopf, und bevor er es hätte verhindern können, begann er schon zu planen. /Er ist ein netter Typ, still, unpraktisch veranlagt, und er hat ne große Wohnung./ Beim Gang zur Dusche war Holger das zweite Zimmer aufgefallen, in dem sich die Einzelteile von einem Regal und von einem Kleiderschrank und Umzugskartons stapelten.

"Du hast gestern erzählt, dass du Geld brauchst, Klee. Deine Eltern würden dir nicht mehr genug Unterstützung geben", fing er vorsichtig an und biss in sein Brötchen.

"Sie geben mir gar nichts, bis ich wieder zu Jura gewechselt habe. Also werde ich mein Studium ohne elterliche Unterstützung durchziehen." Klemens schnitt eine Grimasse, aber die Situation sah heute schon wesentlich besser aus als noch am Vorabend, selbst wenn sich eigentlich nicht geändert hatte. Dann fiel ihm auf, dass der andere ihn schon wieder Klee genannt hatte, wie in der Kneipe. Belustigt grinste er, sagte aber nichts dazu. Stattdessen trank er vorsichtig einen Schluck Kaffee und schüttelte sich, gab dann noch mehr Zucker dazu und kippte Milch nach. "Andere Studenten schaffen das schließlich auch."

"Also willst du die Wohnung wieder aufgeben?"

Klemens schüttelte den Kopf. "Mit Sicherheit nicht. Aber einen festen Job suchen. Sie ist nicht allzu teuer, man kann zur Uni laufen, ich brauche also kein Auto. Na ja, je nachdem, wie es aussieht, werde ich mir vielleicht einen Mitbewohner suchen. Das zumindest dürfte nicht allzu schwer werden."

"Stimmt. Wenn du wen für die Übergangszeit suchst, bis du einen festen Mitbewohner hast, wie fändest du den Gedanken, mich hier ein paar Tage wohnen zu lassen? Ich bin auf der Suche und mach keine Zicken." Holger versuchte, einnehmend zu lächeln, so gut er konnte.

Überrumpelt starrte Klemens ihn an. "Dich?" Dann wurde ihm bewusst, dass es keine schlechte Idee war. Er hatte Holger ohnehin eingeladen, der andere wäre begrenzt bei ihm und konnte ihm damit über die erste Zeit hinweg helfen, in der er nur den Job auf dem Weihnachtsmarkt hatte. Danach konnte er sich dann entscheiden, ob er die Wohnung allein halten konnte oder nicht. Holger suchte eine Unterkunft und würde nicht... wo eigentlich? Wäre er sonst im Hotel untergekommen? Er erinnerte sich, dass etwas darüber gesagt worden war, konnte sich aber nicht mehr erinnern und fragte lieber auch nicht nach. Er trank einen weiteren Schluck des schrecklichen Kaffees, der ihm half, wacher zu werden und die Übelkeit zu vertreiben, dann erwiderte er das Lächeln. "Ja, warum eigentlich nicht? Damit wäre uns beiden geholfen."

"Danke, das ist nett von dir. Ich verspreche dir auch, dass du es nicht bereuen wirst, Klee." Holger zwinkerte Klemens ausgelassen zu. "Außer gleich, wenn du mir mal eben schnell beim Möbelzusammenbauen helfen musst. Ich fahre rasch mit der Bahn zur Arbeit rüber und hol mein Werkzeug und meine paar Sachen. Viel ist es nach der Wanderschaft noch nicht geworden."

Er beeilte sich, weil er sich dachte, dass Klemens und er selber sicherlich keine Lust haben würden, nach der Steherei auf dem Weihnachtsmarkt noch an Möbeln zu schrauben. Schon bald war Holger mit seinen Sachen wieder bei Klemens angekommen, und dieser half ihm innerhalb der nächsten Stunden beim Zusammenbau des Bettes und seines Regals. Zusätzlich dübelte Holger noch das Bord im Badezimmer, eine Garderobe und einen Spiegel an.

Als sie zur Arbeit beim Weihnachtsmarkt losgehen mussten, auch diesen konnten sie von der Wohnung aus gut zu Fuß erreichen, sah die Wohnung schon um einiges netter aus. Vor allem das Bett stand, und darum beneidete Holger seinen neuen Mitbewohner.

Klemens grinste fröhlich. "Jetzt sieht es schon fast so aus, als würde ich dort wirklich wohnen. Danke dir. Sonst hätte ich noch über eine Woche diese Großbaustelle gehabt. Bei dir sah es ganz einfach aus." Um genau zu sein hatte er Holger ziemlich dafür bewundert, mit welcher Sicherheit er sagen konnte, welches Teil wohin kam und welche Schrauben und Streben Klemens verwechselt und auf den falschen Haufen gelegt hatte. Gelernt war halt gelernt. Aber Holger wirkte, als ob er sich auch ungelernt nicht dieselben Probleme wie Klemens gemacht hätte. "Der Rest von deinen Sachen, ist der noch bei deinen Eltern oder bei Freunden?" Er konnte sich kaum vorstellen, dass der Karton, den Holger angebracht hatte, alles war.

"Nee. Ich besitze nicht viel mehr. Als ich ausgezogen bin von Zuhause, hab ich nichts mitbekommen, es ist dir ja auch nicht erlaubt, unterwegs viel Besitz zu haben. Ich habe noch eine Kommode, die ich als Geselle mal angefertigt habe, in der Wohnung stehen, auf die ich bis gestern aufgepasst habe. Ich denke, dass ich morgen noch einmal dort vorbeischauen werde, um sie abzuholen." Er hob die Schultern. "Das ist aber ansonsten alles. Ein paar Klamotten, ein Schlafsack und die Kluft natürlich. Ich wollte mir aber ein Bett zulegen, wenn der Weihnachtsstress abgeklungen ist."

"Oh wow", murmelte Klemens beeindruckt. Was er sich definitiv nicht vorstellen konnte, war ohne seine Bücher zu sein. Seine Geschichtsbücher, seine Rollenspielregelwerke und seine Romane. "Und ich bin am Grummeln, weil ich gern noch mehr Einrichtung hätte. Ich sollte mir was von deiner spartanischen Art abschauen. Aber bis Weihnachten kannst du dann gern auch die zweite Hälfte meines Bettes haben. Bin grad ohne Freundin, da störst du niemanden." Er grinste.

/Freundin?/ Ein wenig verwirrt sah Holger zu Klemens auf, der ellenlang vor ihm stand. Er hatte den anderen Mann zwar nie unter diesem Aspekt betrachtet, weil er nicht unbedingt seinem Typ Mann entsprach, aber er war sich schon irgendwie sicher gewesen, dass Klemens nicht auf Frauen abfuhr. Ein Gefühl, die Art, wie der andere Dinge tat und dem hübschen Mann an der letzten Kreuzung hinterher geblickt hatte, genau wie er selber. Dann zuckte er innerlich mit den Achseln. "Ich habe nur noch keine Einrichtung, weil ich sie mir gern selber bauen will, wenn ich mal Urlaub habe."

Sie kamen nach einem kurzen Spaziergang durch eiskalte, trockene Luft auf dem Rathausplatz an, in dem der eigentliche Hauptteil des Weihnachtsmarktes sein sollte. Holger wusste vom Aufbau seines Standes schon, dass dieser auf dem kleinen Nebenplatz lag, auf dem die Buden rund um einen Brunnen aufgestellt waren. Hier waren die Leute, die Kunsthandwerk anboten, angesiedelt.

Es freute ihn, dass Klemens' neue Arbeitsstätte ebenfalls dort sein würde. Auf die Art konnten sie sich einfacher treffen, wenn sie am Abend nach Hause gehen würden. Noch hatte Klemens ihm keinen Zweitschlüssel für die Wohnung gegeben, und so beschloss Holger, dass er ihm gleich am nächsten Tag das Geld für seinen Teil der Miete überweisen wollte.

Zum Abschied meinte er enthusiastisch "Gleich morgen können wir ja den Papierkram meiner Untermiete mal regeln, damit ich weiß, wie viel ich dir so schuldig bin, okay?" Klemens schien trotz eines dicken Pullis, seiner wattierten Jacke, trotz der Handschuhe, des Schals und der langen Unterwäsche zu frieren. "Meine Güte, hoffentlich haben die einen Heizlüfter für dich, Klee. Du zitterst ja schon fast."

"Das hoffe ich auch." Klemens schob die Hände unter die Achseln und wünschte sich einen Nasenwärmer. "Ansonsten muss ich mir wohl einen kaufen oder so. Na ja, mal sehen. Wegen der Untermiete... ach, da müssen wir noch ein paar Dinge regeln. Ich muss dem Vermieter wegen der Nebenkosten Bescheid sagen, und ob er das überhaupt erlaubt. Vielleicht bist du besser erst mal auf Besuch bei mir." Er grinste. "Aber jetzt muss ich zu meinem Stand. Wir sehen uns nachher. Bis dann!"

 

Als Klemens bei dem Stand der Imkerei angekommen war, stellte er erleichtert fest, dass sie einen Heizlüfter hatten und er nicht darauf angewiesen war, sich über Glühwein warm zu halten. Nach Alkohol war ihm im Moment ganz und gar nicht. Sein Magen schwappte von dem Exzess noch immer ein wenig, trotz Kaffee und des leckeren Frühstücks. Er wurde von dem Standbesitzer noch einmal kurz eingewiesen, wobei er ganz froh war, dass er den ersten Tag nicht allein bleiben musste, sondern der ältere Herr bei ihm blieb.

Was er auch irgendwie erfreulich fand, war, dass er den Stand, an dem Holger arbeitete, von seinem aus sehen konnte. Er winkte seinem unverhofften Mitbewohner fröhlich zu und machte das Daumen-hoch-Zeichen, ehe er von einem Kunden beansprucht wurde.

Der Weihnachtsmarkt wurde gerade eröffnet, als es hauchfein zu schneien begann. Zugleich stürmten Schulklassen, Angestelltengruppen und Rentner auf den Markt, als sei es der letzte Tag. Am Anfang hatte Holger noch ein Weilchen Muße, konnte beobachten, wie Klemens sich zu einem Ömchen herunterbeugte und wie er sich von einem Bein auf das andere tretend mit einem Aufschlag seiner babyblauen Augen vom Nachbarstand eine Suppe zum Mittagessen organisierte. Am Abend mussten die beiden Lehrlinge, die Holger den Rücken frei gehalten hatten, nach Hause zurück, und so blieb er allein mit dem Stand und langweilte sich schon ein wenig, wenn nicht gerade Kundschaft um den Stand stromerte, so dass er Angst hatte, dass etwas geklaut wurde.

Alles in allem war er froh, als die ersten Budenbesitzer ihre Holzläden hervorholten und die letzten schon angetrunkenen Leute fortjagten. Er verschloss den Stand sorgfältig, nachdem der andere Meister in der Werkstatt mit dem Lieferwagen gekommen und etliche Teile für die Nacht abgeholt hatte. Immerhin waren diese handgearbeiteten Sachen nicht gerade billig. Dann half er Klemens und dem älteren Standbesitzer noch mit deren Holzläden und mit dem Verladen der kostbareren Honigweine in den Lieferwagen zurück. Dafür bekam er eine Halbliterflasche davon geschenkt.

Klemens winkte dem alten Mann fröhlich, als er davonfuhr. "Er ist am Überlegen, ob er morgen eine Herdplatte mitbringt, damit wir auch noch heißen Honigwein verkaufen können", erzählte er gut gelaunt, während sie durch den feinen Schnee nach Hause liefen. "Letztes Jahr wäre es dafür zu warm gewesen, das hätte sich nicht gelohnt, aber die Temperaturen jetzt sind durchaus vielversprechend. Was glaubst du, wie froh ich über den Heizlüfter bin!" Froh war er auch über die zwei Klappstühle im Stand, denn mittlerweile spürte seine Beine ganz schön. Es tat gut zu laufen und nicht nur zu stehen. "Und wie war's bei dir?"

"Es hat meinen Erwartungen voll entsprochen. Kalte Füße, leerer Magen, und ich kann die meisten Weihnachtslieder schon heute auswendig. Mir ist jetzt nach einer schönen heißen Tasse Tee."

In der Wohnung angekommen verschwand Klemens unter die Dusche. Holger machte dafür einen Teller mit Broten für sie beide und kochte eine Kanne Früchtetee, beides aus seinem Einkauf vom Morgen. Mit dem Teller und den Teebechern begab er sich zu Klemens ins Zimmer, wo er den Fernseher gegenüber vom Bett einschaltete. Als der andere mit einem Handtuch auf dem Kopf und einem etwas zu knappen Schlafanzug bekleidet zu ihm kam, meinte er "Ich hab mal für Abendbrot gesorgt. Darf ich mich noch ein wenig bei dir verblöden, bevor ich mich auf die Isomatte nach nebenan zurückziehe?" Wobei er noch einige Kartons aus dem kleineren Zimmer räumen musste.

"Ich hab das ernst gemeint, dass du hier schlafen kannst, solange du kein Bett hast." Klemens schnupperte kritisch an dem Tee und beschloss, dass er besser war als kalter Saft oder Cola. Mit vier Löffeln Zucker machte er ihn trinkbar und nippte dankbar daran. Die Dusche hatte ihn zwar schon wieder ordentlich aufgewärmt, aber irgendwie war immer noch ein Frösteln in ihm zurückgeblieben. "Isomatte ist doch unbequem, und noch eisiger als Matratze auf Boden."

Zu Holgers Überraschung ging sein neuer Mitbewohner offensichtlich fest davon aus, dass er bei ihm mit im Bett schlafen sollte. Ein wenig ungemütlich überlegte er zunächst, ob er ihm erzählen sollte, dass er schwul war, aber erst als Klemens aus einem der Kartons sein zweites Bettzeug hervorzog und Holger bereits das Kopfkissen zu beziehen begann, kam er zu dem Entschluss, dass die Information besser gleich rausgehen sollte.

"Ich müsste dir noch eine wichtige Kleinigkeit zu mir sagen, Klee. Nur für den Fall, dass du irgendwelche Vorurteile haben solltest."

"Huh?" Klemens zog den Reißverschluss am Deckenbezug zu. "Bist du schwul oder was?" Er lachte, konnte sich das bei ausgerechnet Holger gar nicht vorstellen. Der war zu sehr in Richtung Frauentraum.

Holger blinzelte. "Ja, genau das wollte ich dir gerade sagen."

Klemens stockte, dann grinste er jedoch und warf das Federbett nach dem anderen Mann. "Klar. Wahrscheinlich genauso sehr wie ich." Doch Holgers Gesicht war trotz des Lächelns in den dunklen Augen irgendwie ernsthaft und sah nicht so aus, als würde er ihn veralbern. Unsicher erwiderte er den Blick, während er die kalten Füße wieder unter die Bettdecke steckte. "Wirklich?"

'Falls du Vorurteile hast', hatte der andere gesagt. Hatte er die? Vermutlich. Die Idee, mit Holger in einem Bett zu schlafen, erschien plötzlich nicht mehr so harmlos. Er öffnete den Mund, um einen Kommentar wie 'Fass mich bloß nicht an, dann ist alles okay' abzugeben, schloss ihn dann aber wieder, weil er sich an seine Mutter erinnert fühlte. Er trank einen großen Schluck süßen Früchtetees, griff dann nach einem Brot, um es einen Moment lang grübelnd anzustarren. Holger hatte das Essen gemacht. Holger hatte das Bett aufgebaut. Und den Kleiderschrank. Und er hatte ein Bord angedübelt. "Jupp, ich habe Vorurteile", sagte er und biss von dem Brot ab, dann grinste er zu Holger rüber. "Du bist der erste Schwule, den ich kennen lerne. Und du entsprichst nicht gerade dem Klischee."

"Na, ein Glück, was?" Es stimmte Holger fröhlich, dass Klemens nicht gleich ausgetickt war, auch wenn er es zunächst für einen Scherz gehalten haben musste. "Ich bin jedenfalls nicht sauer, wenn du sagst, dass es dir lieber ist, wenn ich nebenan penne. Das würde ohnehin mein Zimmer werden, oder?"

Klemens trank noch mehr von dem süßen Früchtetee, den Holger gekocht hatte, während er darüber nachdachte. "Ja, dein Zimmer ist dann das drüben", meinte er nach einer kleinen Weile. "Aber du kannst trotzdem hier bleiben. Dadurch, dass du schwul bist, wird es auch nicht wärmer und bequemer mit der Isomatte." Dass Holger aufdringlich werden würde, glaubte er kaum. Letzte Nacht war er es auch nicht gewesen, und bestimmt stand ein Kerl wie er wenn schon nicht auf Frauen, so doch wohl eher auf kleine, zierliche Männer, nicht auf fast zwei Meter lange Bohnenstangen.

Lächelnd nickte Holger einmal zum Dank, dann widmete er sich den Broten. Es war schon spät, und die vorhergegangene Nacht saß ihm noch in den Knochen, so dass Holger auch klaglos nach dem Essen ins Bett ging und nicht einmal an seinen allabendlichen Aufräum- oder Bastelanfall denken wollte.

Am Morgen war er natürlich wieder vor Klemens wach und schlich sich leise aus dem Zimmer. Er kochte Kaffee, dann vermaß er das kleinen Zimmerchen, in dem sicherlich ein Arbeitszimmer für seinen Vermieter hatte entstehen sollen. Kurz dachte Holger daran, dass es eigentlich geschickter war, wenn man aus dem kleinen Zimmer ein Schlafzimmer machte und in dem großen ein Wohnzimmer. Ein kurzes Ausmessen später hatte er die Gewissheit, dass es knapp hinkommen würde mit dem Bett von Klemens, wenn er auf beiden Seiten ein von Holger gefertigtes Bord als Nachttisch nehmen würde.

Über sich selber lachend verwarf Holger diese Idee wieder, denn immerhin wollte er ein Zimmer für den Dezember haben, und er nistete sich schon genug bei Klemens ein, den er sicherlich ein wenig überrannt hatte damit. Statt dummer Pläne bereitete er deswegen zunächst erst mal ein Frühstück, dann baute er die Schubladenteile von Klemens' Bücherregal zusammen, bevor er sich in Richtung der alten Wohnung aufmachte, um Christiane zu bitten, ihm die Matratze heraus zu geben.

Er hatte natürlich das Pech, dass sie nicht daheim war. Darum hinterließ er ihr einen Zettel mit der Telefonnummer von seiner Werkstatt und dem Hinweis, dass er vom Nachmittag bis zum Abend auf dem Weihnachtsmarkt arbeiten würde. Als er dann bei der Wohnung wieder anlangte und klingelte, hoffte Holger, dass er Klemens nicht weckte, oder dass dieser nicht ebenfalls schon zum Einkaufen gegangen war.

Klemens war gerade aus der Dusche gestiegen. Hastig wickelte er sich ein Handtuch um die tropfnassen Haare und schlang sich eines um die Hüfte, um dann in den Flur zu spurten und Holger aufzumachen. Er war sich zumindest ziemlich sicher, dass es Holger sein musste um die Uhrzeit; immerhin war der andere Mann nicht mehr da gewesen, als Klemens aufgewacht und in die Küche geschlurft war, um zu frühstücken.

/Schlüssel nachmachen lassen/, notierte er sich als ersten Punkt seiner geistigen To-Do-Liste für den heutigen Tag. /Das geht so nicht, dass er immer klingeln muss. Ist weder für ihn noch für mich so grandios./

Er hatte die Tür anlehnen wollen, doch sie fiel wieder zu, kaum dass er das Bad erreicht hatte, so dass er fröstelnd im Flur wartete, bis er Holgers Schritte im Hausflur hören konnte. Dann erst öffnete er. Holger sah unverschämt wach aus, mit von der Kälte geröteten Wangen und seinem üblichen, fröhlichen Grinsen, was Klemens überlegen ließ, ob er eigentlich auch jeden Mann bekam, den er wollte. "Guten Morgen, Frühaufsteher. Heute Nachmittag bekommst du deinen eigenen Schlüssel, versprochen."

Holger grinste verlegen, als er Klemens lediglich mit einem Handtuch bekleidet vorfand. "Mensch, tut mir leid. Ich hatte gehofft, dass du auch schon auf bist." Er schlug sich den schmelzenden Schnee von der schwarzen Jacke. "Christiane war nicht da, so dass ich meine Matratze vorerst noch nicht bekommen konnte." Er sah Klemens hinterher, der sich in das warme Bad flüchtete. Bei seinen schlanken Gliedern war es nicht verwunderlich, dass er schnell fror. Diskret blickte er ihm hinterher und auf den Hintern. Gleich darauf erschrak Holger als er zu seiner Verwirrung feststellte, wie sexy Klemens' Rückseite war. Hastig verdrängte er diesen Gedanken.

"Dann schläfst du halt noch eine weitere Nacht bei mir", rief Klemens zu ihm rüber. Er zog sich rasch an und rubbelte die Haare durch, überlegte, ob er föhnen sollte, befand aber, mit warmem Wollpullover, langer Unterhose unter der Jeans und dicken Socken ausreichend gewappnet zu sein, um die Haare an der Luft trocknen zu lassen.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh