Der Weihnachtsgast 3

 

Der Weihnachtsgast

3.

In seinem Zimmer kramte Klemens unter dem Stapel an Ordnern nach dem Mietvertrag und warf ihn aufs Bett. Dann lief er noch einmal in die Küche, holte einen Schokoladenkuchen aus dem Schrank und befreite ihn vom Cellophanpapier, das er ordentlich in den Grünen-Punkt-Eimer entsorgte. Er schnitt ihn auf, wobei er gleich zwei Scheiben aß, und brachte den Teller mit ins Schlafzimmer.

"Bedien dich", bot er Holger an und futterte seine dritte Scheibe, während er überschlug, wie viel der Miete wohl umgerechnet auf das kleine Zimmer entfiel. "Hm, es ist wirklich winzig", murmelte er und sah zweifelnd zu der Tür, die er durch die noch viel winzigere Diele sehen konnte. Die Idee mit der WG erschien ihm mit einem Mal gar nicht mehr so großartig. Wer wollte schon in so einem Abstellraum wohnen? "Reicht dir das ehrlich, auch wenn es nur für einen Monat ist?"

"Klar. Ich darf doch die Küche auch benutzen. So wie der Job zur Zeit läuft, werde ich am Abend ohnehin froh sein, wenn ich mich einfach nur hinlegen kann." Er nickte noch mal rüber zu dem kleinen Zimmer, während er zuende kaute. "Ich hab es heute Morgen ausgemessen. Hm, der ist echt lecker, Klee! Es wäre sogar möglich, dein Bett dort einzupassen, wenn du auf diese ausladenden Nachtschränke verzichten würdest und dir einfach eine Lampe für die Wand besorgen könntest. Bevor ich ausziehe, könnte ich schaun, dass ich dir dort Borde einpasse, das Holz dafür liegt bei uns in der Werkstatt ohnehin rum."

"Ach, die Nachtschränke waren beim Bett mit dabei, haben mich nichts extra gekostet. Das wäre kein Verlust. Aber das würdest du machen?" Klemens strahlte. Diese Zufallsbekanntschaft war wirklich ein Glücksfall für ihn. Holger war nett, er war hilfsbereit, und Klemens bewunderte ihn für sein Geschick mit allem. "Danke. Aber dann bekommst du auch was dafür, sonst komme ich mir vor, als nutze ich dich aus. Und sag nicht, dafür wohnst du ja auch hier. Immerhin zahlst du dafür."

"Ich verdiene genug, Klee. Außerdem, ob du es glaubst oder nicht, ich bastele unheimlich gern rum. Mein Beruf macht mir Spaß!" Zufrieden blickte Holger auf seinen neuen Vermieter und Mitbewohner. "Für so nette Leute wie dich, mache ich das noch einmal so gern. Dann zeichne ich dir morgen früh mal ungefähr auf, wie ich mir das denke, und du sagst mir, was du möchtest, okay?"

Klemens nickte begeistert und wurde vor Freude ein bisschen rot, während er noch ein weiteres Stück Kuchen nahm. Das hieß zwar, dass er doch keinen Mitbewohner mehr aufnehmen würde, aber das war ohnehin wahrscheinlich zu blauäugig gedacht gewesen.

Nachdem sie die Miete für Holger ausgerechnet hatten, verließ Klemens die Wohnung, um den Schlüssel nachmachen zu lassen. Er fühlte sich gleich besser, nachdem er ihn dem anderen Mann gegeben hatte. Sie kochten zusammen, und Holger amüsierte sich darüber, dass Klemens seine Portion Spaghetti, die er in den Topf warf, erst einmal verdoppelte und dann auch wirklich nichts übrig ließ beim Essen.

Dieses Mal war Klemens allein im Stand, nachdem er den Besitzer und den anderen Helfer abgelöst hatte. Der ältere Mann kam später noch einmal vorbei, um ihm eine Pause zu gönnen, die er dazu nutzte, um zwei Bratwürste zu kaufen und zu Holger zum Stand zu gehen und ihm eine abzugeben. Holger klang heiser und wurde noch heiserer, während sie sich unterhielten. Klemens wollte gerade danach fragen, ob er Halsschmerzen hatte, doch ein Kollege von Holger unterbrach sie mit zwei seiner Schützlinge, so dass er wieder zurück zu dem Honigverkauf ging, um nicht zu stören. Als sie am Abend gemeinsam nach Hause gingen, hatte Holger kaum noch Stimme.

Noch vor allen anderen Dingen ging Klemens deswegen direkt in die Küche, um den Wasserkocher einzuschalten, kaum dass sie die Wohnung betreten hatten. Erst dann hängte er seine Jacke weg und zog die Stiefel aus. In seinen Kartons suchte er nach den Packungen mit Kräutertees, die seine Mutter ihm trotz des Streites eingepackt hatte. Er wählte ihren selbstgemischten Halsschmerztee aus, warf noch einen Beutel Erkältungstee dazu und brühte Holger gleich eine große Tasse davon auf, die er mit dem Honig von seinem Stand verfeinerte. Er brachte sie dem anderen ans Bett, auf das dieser sich gleich müde geworfen hatte, offensichtlich nur noch dazu in der Lage, den Fernseher einzuschalten.

"Danke, Klee. Du bist ein Schatz." Holger zwinkerte seinem Mitbewohner zu. Seine Stimme klang bereits herrlich verräuchert, weswegen er lachend meinte "Als hätte ich Whiskey getrunken." Doch er fühlte sich nicht wirklicht toll und war froh, dass er im Bett bleiben konnte und an diesem Abend einmal Klemens die Brote für sie beide schmierte und auf einem Teller anrichtete. Noch bevor Klemens das Licht gelöscht und sein Buch auf den Boden gelegt hatte, war Holger weggeschlummert.

 

Am nächsten Morgen konnte Holger zunächst einmal das unerwartete Ereignis genießen, verschlafen zu haben. Klemens war zumindest schon vor ihm auf und versorgte ihn mit heißer Milch mit Honig und irgendwelchen Tropfen. Allerdings war der Schmerz im Hals nach der Milch erträglicher, und Holger lehnte es ab, im Bett zu bleiben.

Er war zwar müde, aber die Aussicht auf einen Tag zusammen mit Arthur auf dem Stand bestärkte ihn in dem Gedanken, dass er arbeiten wollte. Wie erwartet war dieser auch schon am Platz und damit beschäftigt, die Holzluken von ihrem Stand zu entfernen.

"Hallo, Arthur", krächzte Holger angestrengt und hustete gleich erst einmal. "Das ist Klemens, mein neuer Vermieter."

"Ah, hallo!" Arthur stellte die Luke ab, drehte sich um und grinste Klemens an. "Hi, du bist also der Mann, der Holger davor bewahrt hat, auf dem ungemütlichen Werkstattsofa zu schlafen."

Sie schüttelten kurz die Hände, wobei Klemens sich fragte, wie attraktiv auf einer Skala von eins bis zehn Arthur wohl für Holger war. Und welchen Wert im Vergleich dazu er selber erreichen würde. Erst überraschte ihn der Gedanken, doch dann musste er noch breiter grinsen. Eigentlich lag er gar nicht so fern, denn auch Arthur hatte diese Ausstrahlung, die vermuten ließ, dass reihenweise Frauen auf ihn flogen.

"Aber offensichtlich hat dein hilfsbereiter Einsatz nicht viel genützt, Klemens." Arthur musterte seinen Kollegen kritisch. "Du klingst, als hättest du ein Reibeisen verschluckt, Holger. Ich hoffe, es hat geschmeckt. Wenn du dich zu mies fühlst, sag rechtzeitig Bescheid und geh nach Hause. Ich kann den Stand mit den Lehrlingen auch mal für 'nen Tag allein schmeißen."

"Nee, geht schon. Danke, Art. Ich langweile mich doch Zuhause im Bett viel zu sehr." Holger half bei den letzten Luken, dann ging er noch zu Klemens an den Stand hinüber, um sich einen Becher Honig für den Tee in seiner Thermoskanne zu holen. Als Klemens ihm das Glas reichte, nickte er zu Arthur rüber, der gerade gewissenhaft mit der Kasse beschäftigt war. "Leider ist er nur an Frauen interessiert, schade."

Klemens folgte dem Blick zu dem dunkelhaarigen Mann. /Hatte also recht. Er findet ihn attraktiv./ Es störte ihn und ließ ihn sich fragen, ob es mit seiner Toleranz, die gedacht hatte zu haben, doch nicht so weit her war. /So lange es nur theoretisch ist, ist es okay, und wenn er plötzlich konkreter wird, stört es dich? Na, so aber nicht, Klemens./ "Na ja, das muss es auch geben", scherzte er, um seine Unsicherheit zu überspielen. "Sonst gäbe es ja niemanden, der nette kleine Schwule in die Welt setzen könnte."

Holger lachte, auch wenn er den Eindruck hatte, dass Klemens mit dem Thema doch nicht so locker umzugehen wusste, wie er ursprünglich gedacht hatte. /Hab ich es übertrieben?/ Er starrte Arthur gegenüber ein wenig auf den Hintern, während er mit einem hölzernen Löffel Honig in seinen Kräutertee rinnen ließ. "Tut mir leid, ich hätte das nicht sagen sollen, Klee", meinte er endlich. "Ich wollte dich da nicht mit reinziehen." Er versetzte seinem Mitbewohner einen leichten Klaps auf die Schulter "Bis nachher, ja? Danke für den Honig." Mit schnellen Schritten ging Holger vom Honigstand weg und fühlte sich mit einem Mal, als hätte er sich Klemens' naives Vertrauen ruiniert.

Klemens öffnete den Mund, um ihm hinterher zu rufen, aber schloss ihn auch gleich wieder. Holger hatte es gemerkt, was er gar nicht gewollt hatte. Er setzte sich auf den Stuhl direkt neben dem Heizlüfter und sah dem anderen Mann hinterher, wie er zurück zu seinem Stand lief, um dort mit seinem Schwarm zu reden und mit ihm zu lachen. Klemens schämte sich, aber die beiden zusammen zu sehen, war ihm unangenehm.

Verärgert wandte er den Blick ab und begann, ein wenig an der Auslage herumzuräumen und sie ordentlich zu setzen, auch wenn es kaum notwendig war. Doch immer wieder schaute er zu Holger und Arthur, beobachtete argwöhnisch jede Bewegung Holgers, jedes Näherlehnen zu dem anderen hin, jede Geste, jedes Lachen. Als sich der Markt langsam füllte und die Menschen ihm die Sicht auf den Stand verstellten, war er regelrecht dankbar dafür.

 

Holgers Halsweh und seine Heiserkeit nahmen über den Tag mit den vielen Gesprächen am Stand deutlich zu, so dass er am Abend mehr als dankbar war, als Klemens ihn abholen kam und ihnen noch ein wenig beim Zuschließen half. Wieder daheim bekam er die Order, sich ins Bett zu legen, Klemens verpasste ihm dicke, geringelte Wollsocken und ein Seidentuch für den Hals. Als nächstes gab es Toast und Kräutertee. Hinterher musste Holger noch mit einer ekeligen, pinkfarbenen Lösung gurgeln.

Sie sahen noch einen Film an, aber Holger schlummerte, das Gesicht in Klemens' Richtung gewendet, schon während der ersten Werbepause ein. Lächelnd registrierte er, dass seine Nase wieder frei war. Sein Klee roch so nett, nach frischem Gras, vielleicht kam das von seiner Creme für Winterhaut. Noch während er sich fragte, wann und wie es kommen konnte, dass er überhaupt an 'seinen Klee' dachte, flüsterte er schon "Danke, Klee.", und umfasste im Einschlafen den Unterarm des anderen leicht.

Klemens erstarrte, doch dann ließ er sich mit einem leisen Seufzen tiefer in die Kissen sinken. Es war nicht unangenehm, und als er leicht grummelig an Arthur dachte, war ihm auch klar, dass für ihn keinerlei Gefahr bestand. Klemens wandte den Kopf zu Holger und musste grinsen. Im Moment wollte sein Mitbewohner ohnehin nichts außer schlafen. Nachdenklich betrachtete er das energische Gesicht mit den vor Hitze geröteten Wangen, dem man die Erschöpfung ansah. Er versuchte sich vorzustellen, wie Holger Arthur oder auch nur irgendeinen Mann küsste, doch vertrieb das Bild rasch wieder aus seinem Kopf.

/Bin ich wirklich so intolerant? Das kann doch gar nicht sein, verdammt. Nein, eigentlich bin ich sehr tolerant. Manch andere, die sich für tolerant halten, hätten Holger bestimmt für das Festhalten rausgeworfen. Oder ihn schon gleich nicht bei sich schlafen lassen./ Unsicher sah er die kräftige Hand auf seinem Unterarm an. Er wollte sie von sich lösen, doch stattdessen legte er seine darüber. Schlanker war sie, heller und auch wenn sie etwas größer war, wirkten Holgers Finger doch deutlich eher so, als könnte er sicher damit zugreifen.

/Also, wenn man mal nachfragen würde, hätte ich bestimmt eher schwule Hände als er/, dachte Klemens amüsiert. /In irgendwelche Klischees passt er auf keinen Fall rein./ Mit einem Lächeln angelte er nach der Fernbedienung und drehte die Lautstärke runter, dann schaltete er das Nachtlicht aus und ruckelte sich bequemer zurecht, ohne Holger von sich zu lösen. So schlief er schließlich auch ein, als der Film zuende war.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, galt sein erster Gedanke Holger. Er öffnete die Augen, sah in sein Gesicht und lächelte, um gleich darauf deswegen zu erschrecken. Rasch wandte er sich ab und starrte zur Decke empor, während sein Herz unverhältnismäßig schnell schlug und er einen nervösen Stich im Magen spürte.

/Du schenkst ihm zu viel Aufmerksamkeit! Was soll das? Er ist schwul, nicht du/, schimpfte er, um sich sofort wieder zu entschuldigen /Aber dass ich mich kümmere, ist klar; er ist krank, nicht? Und da er sonst niemanden hat, der sich kümmert.../

Einen Moment lang blieb er liegen, verweilte bei diesem Gedanken, dann schob er ihn unbehaglich beiseite und stand auf. Nach einer kurzen Dusche ging er in die Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Da er kein Tablett hatte, brachte er alles einzeln ins Schlafzimmer und bemühte sich dabei, so leise wie möglich zu sein, um Holger nicht wecken. Das letzte, was er nach drüben trug, waren die Kaffeekanne und eine große Tasse heiße Milch mit Honig, um sie auf den Nachttisch neben Holger abzustellen.

Holger erwachte mit Halsschmerzen aus der Hölle. Als er die Augen öffnete, gesellte sich sein Kopf dazu. Dumpfes Pochen hinter seinen Augen machte ihm das Erwachen zusätzlich schwer. Er registrierte Gliederschmerzen und Fieber als nächstes, und endlich, als er sich ein wenig aufgerappelt hatte, fiel sein Blick auf den Nachttisch, auf dem sich ein Frühstück angesammelt hatte.

Er rieb sich die Augen und schob sich an das Kopfteil des Bettes hoch. Während er damit beschäftigt war, Klemens' Fieberthermometer unter seiner Zunge zu halten und zugleich die Bettdecke um sich festzustecken, kam sein Gastgeber mit einem Teller mit Broten zu ihm hereingeschlichen. "Mmmhmmmhmm", brummte Holger als Begrüßung. Mit einem Schielen sah er die Digitalanzeige über 38 Grad klettern und verdrehte die Augen.

"Morgen." Klemens wagte es, das Licht anzuschalten, auch wenn Holger daraufhin die Augen zusammenkniff und überhaupt ein ganz und gar unleidliches Gesicht zog. Er stellte die Brote auf seine Seite, setzte sich auf seine Seite des Bettes und deckte sich wieder zu, was angenehm war, da sogar noch etwas Restwärme von der Nacht vorhanden war. Als sein Thermometer mit dem charakteristischen Piepen anzeigte, dass es fertig war, streckte er fordernd die Hand danach aus. "Zeig!" Nach einem kurzen Blick darauf runzelte er die Stirn. "Also heute gehst du mit Sicherheit nicht auf den Weihnachtsmarkt zum Arbeiten. Du bleibst schön im Bett, trinkst heiße Honigmilch und Tee und schläfst dich gesund. Keine Widerrede. Da zählt auch kein Arthur. Der schafft das schon allein. Was macht dein Hals? Kannst du überhaupt etwas essen?"

"Ja, Mama. Mach ich, Mama. Nein, essen will ich nichts, aber danke für die Milch." Holger grinste schwach und zwinkerte Klemens zu. Er nippte von der Milch, dann krächzte er hinterhältig. "Kein Arthur. Bist du etwa eifersüchtig auf meine alberne Schwärmerei?" Verwirrt wunderte er sich über das Gefühl, dass er sich freuen würde, wenn Klemens eifersüchtig war.

"Oh ja, wahnsinnig." Klemens grinste zurück und nahm sich eines der Brote, die selbst für ihn zu viel waren, wenn er sie allein essen wollte. Aber der Tag war ja noch lang. Holgers Neckerei machte ihm gute Laune, ebenso wie die Tatsache, dass er seine Schwärmerei als albern bezeichnete. Gleich darauf bekam er wieder Angst vor dem Gedanken und konzentrierte sich lieber auf den Geschmack von Honigbrot. Eine Weile schwieg er, doch irgendwie ließ sich seine Aufmerksamkeit nicht wirklich von Holgers Homosexualität ablenken. "Sag mal... Wie haben denn eigentlich deine Eltern darauf reagiert, dass du... schwul bist? Na ja, wenn es zu persönlich ist, dann vergiss, dass ich gefragt habe", fügte er eilig hinzu.

"Schon okay." Irritiert fragte Holger sich, was denn wäre, wenn Klemens diese Informationen für sich selber wollte. "Meine Eltern haben auf meinen Wunsch, nicht hetero zu sein, ebenso reagiert wie deine auf deinen Wunsch, nicht Jurist zu sein." Er grinste schief. "Sie haben mich rausgeworfen, und ich bin noch nicht soweit, zu ihnen zurück zu gehen, um zu reden."

Klemens schauderte ein wenig. Er war sich sicher, die Sache mit seinen Eltern in einiger Zeit klären zu können, auch ohne sein Jurastudium wieder aufzunehmen. Wenn dann aber noch etwas anderes dazu kommen würde, etwas, das ihr Bild von ihm endgültig auf den Kopf stellte... Das wollte er sich lieber nicht ausmalen. Er rutschte zum Kopfende des Bettes, um sich anlehnen zu können und beschäftigte sich erst mal wieder mit seinem Brot. Das Thema war sehr, sehr beunruhigend und noch weitaus mehr faszinierend. "Und wie lange ist das her?", fragte er leise.

Holger war gerade damit beschäftigt, Halsschmerztropfen zu zählen, als nach einer Weile der Stille Klemens sehr sanft und so überraschend dunkel etwas fragte. "Hm? Oh, zweiundzwanzig.... Moment... acht, neun, dreißig." Er schluckte die Tropfen, schüttelte sich ein wenig, dann erzählte er "Das ist noch nicht so lange her. Ich hab es auf der Wanderschaft mit einem Mal herausgefunden. Und als ich dann zur Meisterschule nach Hause zurückkehren wollte, war der Ofen dort aus, auch wenn ich gerade keinen Freund hatte."

"Meinst du, sie werden es irgendwann akzeptieren?" In Klemens' Kopf hallte ein 'Nein' wieder, das er gar nicht hatte hören wollen. /Zum Glück müssen sich meine Eltern mit so etwas nicht beschäftigen/, fügte er gleich bewusst hinzu und griff nach einem weiteren Brot, auch wenn in seinem Bauch mit einem Mal ein unangenehmer Druck zu spüren war. Als stünde er kurz vor einer wichtigen Prüfung, bei der er nicht wusste, ob er ausreichend dafür gelernt hatte.

Holger hob die Schultern. Endlich sah er Klemens nachdenklich an, bevor er ihm das Brot wegnahm. "Nein, aber ich, ich hab es akzeptiert und hab mich gern, wie ich bin. Das ist mir wichtiger, Klee. Das ist dein fünftes Brot. Ich glaube, ich esse das, bevor du vor Übelkeit auch im Bett bleiben musst."

Klemens grinste, auch wenn er sich nicht danach fühlte. "Och, fünf Brote sind nicht wirklich zu viel, wenn ich hungrig bin. Und das bin ich eigentlich meistens." Doch dann schlug er die Decke beiseite und stand auf. "Geh mal gerade Hände waschen. Bin gleich wieder da", murmelte er.

Er wusch sie sich ausgiebig und spritzte sich auch gleich noch Wasser ins Gesicht, als wäre er eben erst aufgestanden. Dann starrte er sich im Spiegel in die blauen Augen, entdeckte kleine Wassertröpfchen an seinen nassen, hellen Wimpern und blinzelte.

"Was wäre, wenn ich... wenn ich so wäre wie Holger?", flüsterte er. "Hätte ich mich dann auch noch gern? Ist es ihm schwer gefallen, das zu akzeptieren?" Gerne hätte er noch mehr gefragt, aber es wurde zu beängstigend und machte ihm Magenschmerzen, die ein paar Brote nicht auslösen konnten.

Sorgfältig trocknete er sich ab und verfluchte beinahe den Abend, an dem er sich betrunken hatte. Wenn er es nicht getan hätte, wäre Holger nicht hier, und er würde sich nicht mit komischen Vorstellungen herumplagen. Aber andererseits wollte er gar nicht, dass es Holger in seinem Leben nie gegeben hätte. Er strich sich mit beiden Händen durch die Locken, sah sich noch einmal im Spiegel an, dann verließ er das Bad und wechselte bei seiner Rückkehr das Thema auf sichereres Terrain, in dem er Holger zu seiner Arbeit ausfragte.

Holger rief Arthur an und meldete sich krank für den Tag. Er nannte ihm seine neue Adresse und Telefonnummer zur Sicherheit auch schon einmal. Nachdem Klemens gegangen war, schlief Holger nach zwei Tabletten gegen das Fieber erst einmal einige Stunden. Dann machte er sich jedoch daran, einige Pläne für das Schlafzimmer zu erstellen. Da er schon dabei war, plante er einen Schrank um die Waschmaschine und überlegte sich eine bessere Lösung für den Winkel in der Küche. Er war jedoch wieder eingeschlafen, bevor Klemens nach Hause gekommen war.


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh