Der Weihnachtsgast 4

 

Der Weihnachtsgast

4.

Klemens langweilte sich. Um die Mittagszeit war kaum etwas los auf dem Weihnachtsmarkt, und er konnte noch nicht mal zu Holger gehen, um sich mit ihm zu unterhalten oder zumindest mal ein paar Grimassen mit ihm austauschen. Er seufzte, rieb sich die klammen Finger und hielt sie dann dichter vor den Heizlüfter. Es war öde, und er wäre jetzt lieber zu Hause, um nach seinem kranken Mitbewohner zu sehen.

Eine zierliche Frau mit dunklem Haar kam von dem Tischlerstand, wo sie sich kurz mit Arthur unterhalten hatte, direkt auf ihn zu, derart zielstrebig, dass sich Klemens wunderte, ob er sie kennen sollte. Aber er lächelte gleich, als der Blick ihrer großen hellbraunen Augen ihn traf. Sie war hübsch. "Hallo."

"Hallo, ich bin Christiane. Ich hab gerade erfahren, dass ich mich an dich wenden soll, wenn ich etwas über den Verbleib von Holger erfahren möchte." Sie sah zu ihm hoch und raffte ihren dunkelbraunen Mantel nach einem Windstoß enger um sich.

Klemens musterte das kleine korrekte Persönchen überrascht, das so gar nicht seiner Vorstellung der Furie entsprach, die Holger aus der Wohnung geschmissen hatte. "Hi, ich bin Klemens, wie Arthur dir bestimmt gesagt hat. Holger liegt mit Fieber und Halsschmerzen zu Hause, was im Moment bei mir heißt, bis er etwas neues gefunden hat." Ihr herzförmiges Gesicht war niedlich, umrahmt von einem asymmetrischen Pagenschnitt, der zu ihr passte, und die Tatsache, dass er so empfinden konnte, erleichterte Klemens derart, dass er, als sie fröstelte, gleich fragte "Magst du einen heißen Honigwein haben?"

"Oh, das ist aber nett. Danke sehr." Sie lächelte ihm zu, was Klemens Blick auf ihren kräftig geschminkten Mund lenkte, der gut zu ihrer dunklen Haut passte, dann meinte sie "Ich wollte mich bei ihm entschuldigen, habe überreagiert und sein Kollege dort drüben meinte, dass er bei dir wohnt."

Klemens erwiderte das Lächeln fröhlich, während er einen der dicken Pappbecher von dem Türmchen neben der Heizplatte nahm. Er öffnete den Topf, legte den Deckel beiseite und füllte den Becher vorsichtig, um nichts zu verschütten, was Christiane klebrige Finger bescheren könnte. Sie wirkte nicht so, als würde sie das schätzen. Rasch trocknete er einen entfleuchten Tropfen, ehe er ihr den Wein reichte.

"Ja, tut er. Und du siehst gar nicht so aus, wie ich mir dich nach Holgers Erzählung vorgestellt habe." Er lachte und winkte ab, als er ihren empörten Gesichtsausdruck bemerkte. "Nein, er hat nicht viel erzählt, nur dass er bei dir rausgeflogen ist. Aber einen Mann wie Holger vor die Tür zu setzen... Ich hatte eine Walküre vor Augen." Christiane blinzelte ein wenig indigniert. "Holger vor die Tür zu setzen ist nicht schwer. Wenn man sagt 'geh', geht er auch. Ich hab noch nie wen erlebt, der sich so leicht kommandieren lässt. Bist du nur sein Mitbewohner?", testete sie vorsichtig.

"Ja." Klemens' Antwort kam sehr entschieden, während er gleichzeitig daran dachte, dass sie in einem Bett schliefen. Zum Glück wusste Christiane davon nichts, sonst hätte es bestimmt einen zweifelnden Blick gegeben. "Aber ich weiß es auch; er ist nicht gerade der Typ, der ein großes Geheimnis um etwas macht."

Er riss einen Zettel von dem Block ab, den er als Rechenhilfe benutzte und schrieb seine Telefonnummer drauf. "Hier, wenn es ihm wieder besser geht, kannste da anrufen. Momentan krächzt er ziemlich rum, da ist es schwer zu telefonieren." Gleichzeitig dachte er darüber nach, wie er von dem Thema Holger wegkommen konnte, ohne dass die hübsche Frau gleich wieder ging. "Soll ich ihm etwas von dir ausrichten?", fragte er dennoch erst mal nur. Mit Holger ins Gespräch zu kommen, war einfacher gewesen.

Christiane stutzte ein wenig, dann meinte sie lachend "Ich hatte eigentlich gedacht, dass du Holger von irgendwo her kennst. Ich kenne alle seine Freunde eigentlich, dich noch nicht, daher die Frage." Sie runzelte die Stirn. Während sie den Zettel weg steckte, fragte sie "Wo und wie habt ihr euch denn kennen gelernt? Arbeitest du in der Werkstatt?"

Klemens grinste breit, dankbar dafür, dass sie so mühelos geschafft hatte, was ihm nicht gelungen war. "Nein, bei solchen Dingen habe ich zwei linke Hände. Holger hat mir auch gleich erst einmal beim Aufbauen meiner Möbel geholfen, weil ich dafür kein Talent habe." Er stockte, als er merkte, dass er schon wieder Holger mit reinbrachte. "Ich studiere Geschichte und Amerikanistik. Na ja, zumindest auf dem Papier. Wirklich anfangen werde ich damit erst nächstes Semester, wenn sich das Chaos deswegen ein bisschen gelegt hat. Was machst du?"

"Chaos? Ich bin im Textilhandel. Zur Zeit in Asien. Wie bist du denn auf Amerikanistik gekommen?" Bereitwillig hielt sie ihm ihren Becher hin, als er noch einen Wein anbot.

Nur zu gerne erzählte Klemens ihr von seiner Jugendliebe zu den Indianerromane von Karl May, die sich später ausgeweitet hatte, erzählte davon, dass seine Eltern kein Verständnis für dieses Studienfach hatten und von seinem einen Amerikaurlaub, der viel zu kurz gewesen war. Sie berichtete dafür von ihrem Indienaufenthalt und all den großen und kleinen Abenteuern, die sie dort erlebt hatte. Jetzt, wo sie sich erst einmal unterhielten, war es einfach und schön, und sie wurden erst unterbrochen, als nicht nur vereinzelte Leute zum Stand kamen, um sich etwas anzuschauen, sondern das Gedränge zunahm.

Bevor Christiane einfach sang- und klanglos verschwinden konnte, lud Klemens sie zu sich zum Essen ein, und es freute ihn maßlos, dass sie an dem Tag, an dem er vormittags arbeiten musste, nachmittags Zeit und zudem Lust hatte. Er schenkte ihr ein kleines Glas seines Lieblingshonigs, das er am Abend, als er den Stand schloss und bevor der Besitzer kam, rasch bezahlte. Auf dem Weg nach Hause war er ausgesprochen guter Laune, die auch nicht davon gedämpft wurde, dass es Holger noch immer nicht wirklich besser ging. Er schenkte ihm eine Mischpackung mit Weihnachtsknuspersachen, die er in seiner Pause für ihn gekauft hatte.

"Süß hilft immer", erklärte er grinsend. "Im Übrigen hättest du ruhig mal erwähnen können, dass die Frau, die dich aus ihrer Wohnung geworfen hat, einfach nur hinreißend ist. Selbst wenn du keine Augen dafür hast. Sie war heute auf dem Markt und hat nach dir gefragt; hab ihr die Telefonnummer gegeben und sie zum Essen eingeladen."

Holger blinzelte Klemens verschlafen an, dann meinte er "Sie ist niedlich, aber kann ganz schön heftig sein, vor allen Dingen, wenn etwas nicht nach ihrer Nase läuft." Verwirrt bedankte er sich erst einmal für die Kekse, dann fragte er "Zum Essen eingeladen?" Es versetzte ihm einen unerklärlichen Stich, dass Klemens' hübsche Augen so sehr zu strahlen begannen, wenn er von Christiane redete.

"Ja, wir hätten noch stundenlang weiterreden können, wenn nicht diese lästigen Kunden gekommen wären." Klemens lachte leise. "Sie hat Anglistik studiert, das ist ja ziemlich verwandt mit meinem Studienfach. Und wenn sie von Indien erzählt, ist man fast selber da. Kaum zu glauben, was dieses zierliche Persönchen dort schon so alles gemacht hat." Er knuffte ihn in die Seite und zwinkerte ihm zu. "Natürlich kein Vergleich zu deiner Walz. Musst also gar nicht eifersüchtig sein."

Holger seufzte. "Bin aber eifersüchtig. Auf dich. Ich will hier nicht mehr festsitzen. Morgen gehe ich auch wieder zum Markt." Grummelnd wurde er sich darüber im Klaren, dass er sehr wohl eifersüchtig war, auf das Strahlen in Klemens, auf die Freude in seinem Gesicht und darauf, dass er ein Date hatte und zwar mit einer Frau. /Hatte ich gedacht, dass ich einen kleinen Tollpatsch... na ja, einen großen Tollpatsch unter meine Fittiche nehmen darf?/ Missgelaunt stierte Holger auf den Fernseher und fragte endlich "Hierher zum Essen eingeladen?"

"Na, wohin denn sonst? Ich habe nur die eine Wohnung." Etwas irritiert sah Klemens Holger an. "Komm, so schlimm ist es nicht. Klar, sie hat dich rausgeworfen, aber du schienst nicht nachtragend zu sein. Und vor allem, sie will sich ohnehin entschuldigen. Bestimmt ruft sie allein schon deswegen hier an."

"Nein, ich meinte nur, dass ich mich dann beeilen sollte, den Küchentisch fertig zu bekommen. Schau dir mal meine Pläne an. Hier, das hatte ich für die Küche gedacht, die Tischplatte ist Buche, wenn dir das gefällt, sie kann zu einem Teil in das Regal hochgeklappt werden. Der andere Teil enthält eine Schublade für deine ganzen Tischtücher und Sets und kann dafür rangeschoben werden. Soll ich hier noch Rollen drunter setzten? Was meinst du?"

Nach und nach verdrängte Holger seine miese Stimmung und schob sie auf die Grippe, während er mit Klemens die Pläne für die Wohnung durchdiskutierte. Als das Thema Kosten aufkam, meinte Holger lediglich "Betrachte es als Mietanzahlung. Ich zahl wirklich wenig Miete, und ich schlafe bei dir im Bett, du kochst Tee für mich, da muss ich mich doch revanchieren."

Klemens zog ein Bein an, schlang die Arme darum, stützte das Kinn auf dem Knie ab und sah Holger an. Er wollte ihn einfach nur umarmen, aber natürlich ließ er das, auch wenn die Worte Wärme in ihm hervorriefen. "Weißt du, dass du viel zu gut für diese Welt bist?" Lächelnd schüttelte er den Kopf. "Das, was ich mache, kostet mich kaum Zeit und gewiss kein Geld. Und du willst beides in meine Wohnung investieren. Aber dann betrachte ich es nicht als Anzahlung, sondern als gesamte Miete. Danke."

Holger verdrehte die Augen und konterte "Ich mache das, weil es mir Spaß bringt. Das ist nicht nur meine Arbeit, sondern mein Hobby. Dann verrechnen wir nur das Holz und die Arbeitsstunden der Gesellen, die mir helfen. Basta!" Lachend sah er Klemens an. "Zudem fütterst du mich, okay?"

Klemens wollte gerade noch hinzufügen, dass Holger ja selber schon eingekauft hatte, aber er ließ es und fiel in das Lachen ein. Es war unmöglich, dem zu widerstehen, warm und voll und mitreißend.

"Okay", gab er sich geschlagen und lehnte sich ein wenig in Holgers Richtung, um ihn mit der Schulter anzustoßen. "Dann muss ich zusehen, dass ich dich in nächster Zeit besonders gut füttere."

 

Es gelang Klemens am nächsten Tag sogar, Holger davon zu überzeugen, noch mal zu Hause zu bleiben, was seiner eigenen Meinung nach nur gut für seinen Mitbewohner war. Dafür hatte dieser die Pläne für die Möbel noch verfeinert und sie wirklich so gerichtet, dass sie einerseits Klemens' Vorstellungen entsprachen und andererseits realisierbar waren. Klemens bewunderte ihn auch dafür grenzenlos.

Am dritten Tag hatte er keine Chance mehr, Holger ans Bett zu fesseln, versuchte es aber auch nur noch halbherzig, weil das Fieber weg war und die Stimme langsam wiederkam. Am Abend war er dann eifrig im Internet nach einfachen, aber leckeren Rezepten am Stöbern, denn schließlich wollte er Christiane keine aufgewärmten Ravioli präsentieren. Es hatte zur Folge, dass Holger wirklich die nächste Zeit richtig bekocht wurde, weil er einiges ausprobierte. Und jedes Mal, wenn es seinem Mitbewohner schmeckte und er ihm das auch sagte, fühlte sich Klemens richtig gut.

Seine Laune sank bis zu dem Tag, an dem Christiane zu Gast kam, kein einziges Mal. Mit Holger verstand er sich super, und wann immer er an sich selber zweifeln wollte, dachte er einfach an die hübsche Frau. Er fand sie einfach zu niedlich, als dass er hätte schwul sein können.

Er hatte sich für Lasagne und zum Nachtisch Tiramisu entschieden, nachdem er sich bei Holger versichert hatte, dass sie beides auch bestimmt mögen würde, und dazu einen guten Rotwein gekauft. Der neue Tisch war ordentlich gedeckt, selbst an Servietten hatte er gedacht. Ein wenig irritierte es ihn, dass er kaum nervös war, mehr so, als würde ihn eine Freundin besuchen, für die er es schön gerichtet hatte, als eine Frau zu einem romantischen Date. Aber irgendwie war es schon immer so gewesen, wenn er sich mit Frauen traf.

Im Spiegel überprüfte er ein letztes Mal sein Aussehen, schwarze Jeans, ein schwarzer, eng anliegender Rollkragenpullover, der auch definitiv kein Hochwasser hatte. Die Farbe betonte seine Augen und die Haare, und er fand, dass er gut aussah damit. So gut, wie er eben aussehen konnte. Er grinste ein wenig, als er daran dachte, dass eine seiner Freundinnen total darauf abgefahren war, wenn er das getragen hatte. Das fröhliche Grinsen blieb, als er das Bad verließ.

"Na, meinst du, so kann ich mich vor Christiane sehen lassen?", fragte er und drehte sich einmal vor Holger, der sich für den Weihnachtsmarkt fertig machte.

Holger hob eine Augenbraue und nickte, zu überrascht von dem Anblick, um etwas anderes sagen zu können als "Klar, schaust klasse aus." Klemens tanzte in die Küche hinüber. Die schwarze Kleidung brachte seine Haare förmlich zum Leuchten, um von den blauen Augen gar nicht zu sprechen. Sie strahlten, wenn man sie erst einmal bemerkt hatte, eigentlich immer wie das Mittelmeer. Holger schlang den Schal um seinen Hals und rief ihm ein wenig ätzend und seiner Stimmung entsprechend hinterher "Du solltest mir auch mal diesen Anblick gönnen und nicht immer diese Ringelsachen tragen, die dir zu kurz sind!" Bevor er sich dafür schämen konnte, türmte er aus der Wohnung.

Klemens lachte nur, auch wenn er spürte, dass seine Wangen sich wegen des Lobes erhitzten. Er ertappte sich dabei, dass er überlegte, ob er seinen Kleiderschrank wirklich mal durchsortieren sollte, aber vermutlich war es besser, er ließ es, so lange er mit einem Schwulen zusammenwohnte. Der Gedanke ärgerte ihn gleich darauf, weil er abwertend klang und er das bei Holger bestimmt nicht sein wollte. Er hatte ihn gern.

Rasch suchte er noch einige CDs raus, entschied sich für ein instrumentales Stück, weil man das gut im Hintergrund laufen lassen konnte und es nicht aufdringlich war, aber ließ die anderen beim CD-Player liegen, falls es Christiane nicht zusagte. Als es schließlich klingelte, stellte er fest, dass er doch etwas nervöser war, als er gedacht hatte. Er atmete einmal tief durch, ehe er öffnete. Christiane war genauso hübsch, wie er sie in Erinnerung hatte und genauso korrekt gekleidet wie auf dem Weihnachtsmarkt.

Nach einer noch etwas steifen Begrüßung half er ihr aus dem Mantel, entspannte sich aber wieder, als ihr der Duft der Lasagne und auch die Weinsorte zusagten. Es dauerte nicht lange, und alle Förmlichkeit war von ihnen abgefallen, während sie sich angeregt unterhielten. Christiane lobte seine Lasagne, was ihn feststellen ließ, dass es ihn zwar freute, aber ihm nicht das nötige Kribbeln im Magen bescherte. Auch als sie ein wenig flirteten, war es mehr spaßhaft als wirklich ernst gemeint. Sie konnten darüber lachen, und Klemens fühlte sich, als ob er sich mit einer Schwester oder Cousine neckte. Aber es war ein wirklich angenehmer Nachmittag, der zu einem ebenso angenehmen Abend wurde, während sie Plätzchen knabberten und von Wein auf Tee umstiegen. Angenehm genug, um sie auch noch zum Abendessen einzuladen, wobei er gleich erklärte, dass es nur aus belegten Broten bestehen würde.

 

Holger hatte keinen so tollen Tag. Im Geiste sah er immer wieder, wie sich Klemens' Wangen fröhlich röteten, wie dieser einige Tage nacheinander in Kochrezepten wühlte, um Christiane beeindrucken zu können, wie er in diesen schwarzen Sachen ausgesehen hatte. /Wirst du denn komplett bescheuert? Dein Typ Mann ist klein, zierlich, kompliziert und dunkelhaarig. Nicht etwa groß, rothaarig und unkompliziert bis zum Abwinken./

Es stimmte ihn noch sauerer, dass er nicht einmal mehr auf Arthur stehen konnte, sondern von dessen umständlicher Art sogar ein wenig genervt war. Am Ende begann er, Glühwein vom Nachbarstand zu konsumieren und war ganz gut angetüdelt, als sie den Stand abschlossen und die teuren Sachen und die Kasse zu Arthurs Wagen brachten.

Zweifelnd betrachtete Arthur seinen Kollegen, dann schüttelte er grinsend den Kopf, als dieser sich ein wenig schwankend an der Motorhaube abstützte. "Ich fahre dich heute wohl besser mal nach Hause, nicht dass du mir im Schnee landest und liegen bleibst", schmunzelte er. "Was ist es? Stress mit deinem neuen Vermieter? Du hast schon den ganzen Tag schlechte Laune."

Holger rieb sich die Augen und seufzte. "Nein, ich... hab nur heute bemerkt, dass ich ihn netter finde, als ich wollte. Komisch, er ist nicht im Geringsten mein Typ." Es laut zu sagen, machte es schlimmer.

"Hm, dann kannst du auf jeden Fall schon mal sicher sein, dass es nicht nur sein hübsches Gesicht ist, auf das du abfährst, sondern wirklich er, ne? Steig ein." Arthur setzte sich auf den Fahrersitz und klopfte den Schnee von den Schuhen, ehe er die Beine einzog und die Tür schloss. Er ließ den Motor erst an, als auch Holger saß. Im Schritttempo fuhr er los und lenkte den Wagen vom Marktplatz runter auf die Straße. "Und er? Hast du Chancen?"

"Er hat Christiane zum Essen eingeladen." Holger seufzte. "Ich muss mit ihm reden."

Arthur runzelte die Stirn und kniff den Mund ein wenig zusammen, dann glättete sich seine Miene wieder, auch wenn seine Augen etwas dunkler schienen. "Wenn es zu stressig wird, mein Bruder samt Familie ist weg. Das Schlafsofa ist wieder frei."

"Danke, das ist lieb. Ich hoffe, dass Klemens mich nicht gleich ganz rauswirft. Ich hab ja in der Werkstatt schon das Holz für die restlichen Möbel in seiner Wohnung rausgesucht und zugeschnitten. Habe mir da ein paar echt tolle Sachen einfallen lassen für sein kleines Zimmerchen."

Holger verfiel in Schweigen, und auch Arthurs Laune schien nicht mehr so gleichbleibend gut zu sein wie am Tag. "Komm doch noch mit rauf, Art. Ich gebe dir was zu Essen aus. Vielleicht hat Klemens vom Galadiner ja noch etwas übrig. Lasagne."

"Wenn ich einen Parkplatz finde..." Arthur hatte den Satz noch nicht beendet, als er die Parklücke direkt vor dem Haus entdeckte und sie auch gleich in Besitz nahm. "Okay, danke. Dann muss ich nicht mehr kochen."

Holger war eigentlich wieder ganz gut drauf, weil er sich entschlossen hatte, einmal mit Klee zu reden. Durch Arthur fühlte er sich ein wenig gestärkt, nicht nur, weil dieser ihn stützte, als er den Schlüssel vor der Tür fallen ließ. Doch all diese neugewonnene Stärke rann einfach aus ihm heraus, als er die Wohnung betrat und dort an dem neuen Tisch bei Kerzenlicht Christiane mit Klemens sitzen sah.

"Scheiße", flüsterte er leise. Lauter rief er jedoch "Hallo! Ich hab mal den Arthur mitgebracht, in der Hoffnung, dass von der Lasagne noch eine Portion übrig ist! Ich gehe mir mal die Hände waschen." Er schob Arthur zur Küche hin. "Mach es dir doch schon mal gemütlich bei den beiden."

Hastig schloss Holger die Badezimmertür hinter sich und atmete einmal tief ein. Dann ging er zum Waschbecken und kämpfte die nun definitiv auf Klemens ausgerichtete Eifersucht und das Gefühl von biestigem Liebeskummer in seinem Magen nieder. "Scheiße, verdammte. Das war nicht geplant und auch schon gerade nicht so und das an Weihnachten!"

Klemens sah auf und grinste Arthur fröhlich an, der ein wenig angespannt in der Tür stehen geblieben war. "Hey, Arthur. Komm rein, Essen ist noch reichlich da."

Arthurs Lächeln erschien ihm etwas zu bemüht, als er seinen Mantel auszog und gleichzeitig Christiane mit einem Blick streifte. "Hallo, ihr zwei. Ich hoffe, wir stören nicht."

Klemens schüttelte den Kopf. "Ach i wo, gar nicht. Wenn dich Gespräche über Amerika und Indianer nicht stören... Setz dich." Er stand auf, holte die Lasagne aus dem Ofen und gab eine ordentlich große Portion auf einen Teller, um diesen in die Mikrowelle zu stellen. "Wein ist leider keiner mehr da. Ich frag mal schnell Holger, ob er auch was will." Er überließ Christiane und Arthur kurz sich selber und lief in den Flur, um nicht durch die Wohnung rufen zu müssen. In den Zimmern war Holger nicht, also klopfte er kurz an die Badezimmertür. "Willst du auch was zu essen?"

"Danke. Ich brauch noch 'ne Basis für meinen Glühwein." Holger begann erst in dem Moment, seine Jacke und die schweren Stiefel auszuziehen. Unglücklich sah auf die dreckigen Fußspuren auf dem weißgekachelten Boden. "Ich wische morgen früh hier durch, ja?"

"Sicher, kein Problem." Klemens lächelte, als Holger die Tür öffnete und so betrübt aussah. Ihm wurde klar, dass er sich trotz Christiane den ganzen Tag darauf gefreut hatte, dass der andere am Abend heimkam. "Ich mache dir gleich was warm, sobald Arthurs Teller aus der Mikro draußen ist. Soll ich noch mehr Tee aufsetzen oder magst du Saft dazu?"

"Ein Tee wäre nett. Danke, Klee."

Christiane trat zu Holger in den Flur, als dieser sich endlich aus dem Badezimmer heraus bemühte. "Holger, ich wollte mich entschuldigen. Ich hätte dich nicht einfach rauswerfen sollen. Meine Sicherungen sind mir durchgebrannt, glaube ich."

Holger nickte leicht. "Das ist mir aufgefallen. Glaubst du mir jetzt denn wenigstens, dass ich keine Ahnung hatte?"

Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ach was, selbst wenn! Ich hätte doch nicht erwarten dürfen, dass du petzt. Er hat dir übrigens eine Nachricht auf den AB gesprochen, hier ist seine Handynummer. Wenn du ihn über Weihnachten erreichen willst, dann versuch es erst mal bei seinen Eltern."

Holger umarmte sie einmal schnell. "Danke, Chrissi. Wie geht es dir denn jetzt? Alles im Lot?"

Sie gingen zusammen zu Klemens und Arthur in die Küche zurück, und voller Stolz führte Holger dort vor, wie der Tisch sich durch seitliche Wangen von eckig und schmal zu rund und für eine größere Gruppe geeignet umbauen ließ.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh