Der Weihnachtsgast 5

 

Der Weihnachtsgast

5.

Das Essen verlief nett. Sowohl Klemens als auch Arthur und Christiane erzählten von Praktika, von ihren interessanten Reisen, und erst als Holger mehr oder weniger versteckt gähnte, fiel ihm zum einen auf, dass er müde war und zum anderen, dass er gar nichts zur Unterhaltung beigetragen hatte. Das war sonst gar nicht seine Art. Schweigend hatte er Klemens angesehen, das Spiel des Kerzenlichts in dessen Haaren, die Färbung seiner Wangen, wie kleine Grübchen entstanden, wenn er lachte und wie er seine Erzählungen mit den Fingern der rechten Hand unterstrich.

Holger war erst einmal so verwirrt und unsicher gewesen, und das war, als er festgestellt hatte, dass er einen Mann im Bett attraktiver fand. Nun verwirrte ihn das Gefühl, dass er sich in einen Mann verlieben konnte. Entgegen aller Gesetze, entgegen aller persönlichen Ansichten und entgegen dessen Neigung.

Als Christiane sich erhob und nach einem Blick auf die Uhr stöhnend bekannt gab, dass sie zu einem Meeting am Morgen müsse, schreckte er ein wenig auf. Aber er reagierte kaum, als dann auch Arthur sich verabschiedete und ihm aufmunternd die Schulter drückte, bevor die beiden sich von Klemens zur Tür bringen ließen. Müde erhob Holger sich und räumte noch im Licht der Kerzen die Spülmaschine ein, die er am nächsten Tag anstellen wollte, wenn sie aus dem Haus gingen.

Klemens blieb in der Tür stehen und sah ihm zu. Er bekam ein nervöses Flackern im Bauch, weil ihm auffiel, wie das Kerzenlicht goldene Reflexe in Holgers Haare zeichnete, weil er dessen Figur mit einem Blick umfing, der ausgerechnet noch an dem Hintern hängen blieb, als Holger sich bückte. Rasch löste er sich davon und ging zu dem Tisch, um Holger die letzten Gläser anzureichen.

"Alles in Ordnung mit dir?", fragte er leise. "Du bist so still gewesen."

Es war schon krank, wie Holgers Herz schneller zu schlagen begann, nur weil Klemens sich Sorgen um ihn gemacht hatte. Der Alkohol hatte sich weitgehend verflüchtigt, aber kurz war Holger versucht zu sagen, dass er einfach zuviel getrunken hatte. Statt dessen setzte er sich wieder an den Tisch zurück und nahm die halbvolle Teetasse zwischen die Hände. "Nein. Leider nicht." Er seufzte. "So ziemlich nichts ist in Ordnung."

Erschrocken sah Klemens ihn an. So kannte er Holger gar nicht. Zugegeben, er kannte ihn noch nicht lange, aber dennoch... Er setzte sich zu ihm und schenkte sich selber Tee nach. "Was ist? Kann ich dir irgendwie helfen?"

"Na ja." Nervös starrte Holger auf die schlanken Hände des anderen Mannes. Wie kam es nur, dass er ihn vor wenigen Tagen noch zu dünn gefunden hatte? Jetzt, in diesen schwarzen Sachen zum Beispiel, machte der Anblick der Hände ihn heißer als der Anblick eines manchen komplett nackten Mannes.

Mühsam beherrscht hob er den Kopf. "Es ist so, dass ich, weiß Gott warum, ich konnte es nicht verhindern, begonnen habe, in dich verliebt zu sein. Das ist schlecht... so lässt sich das hier nicht weiter machen, und deswegen werde ich ab morgen bei Arthur wohnen, bis ich eine eigene Wohnung gefunden habe. Ist es okay, wenn ich noch die eine Nacht hier bleibe, Klee?"

Ungläubig starrte Klemens ihn an. Hitze stieg in seine Wangen, und sein Herz begann holprig, bis zum Hals empor zu schlagen, während sein Magen sich zu einem harten, kalten Klumpen zusammenzog. Das kleine, freudige Aufsprudeln in ihm wurde von einer eisigen Welle an Angst davon gespült. /Er ist in mich... das kann nicht sein. Das geht nicht. Das darf nicht sein. Oh Gott!/

Das Telefon klingelte und unterbrach seinen Gedankenfluss. Er stand auf und flüchtete regelrecht aus der Küche, klang atemlos, als er seinen Namen in den Hörer sagte. Es war seine Mutter, und im gleichen Moment verfluchte er, dass er abgehoben hatte. "Mama, das ist echt ungünstig im Augenblick..." Sie ließ sich nicht abwimmeln. Ein wenig kühl erklärte sie, dass es so nicht weitergehen konnte und sie noch einmal reden mussten. Natürlich wäre über Weihnachten die beste Zeit dafür.

Klemens hätte am liebsten aufgestöhnt. Das fehlte ihm gerade noch. Weihnachten, das Fest der Familie. Seine Eltern erwarteten mit Sicherheit, dass er da kooperativer sein würde. Andererseits würde es sie vielleicht auch friedlicher stimmen, und möglicherweise konnten sie sich damit anfreunden, ihn doch ein bisschen zu unterstützen. Schließlich stimmte er zurückhaltend zu, über die Feiertage zu ihnen zu kommen.

Doch als er den Hörer wieder aufgelegt hatte, dachte er schon nicht mehr an das Gespräch. /Oh Scheiße... Scheißescheißescheiße... Holger ist in mich verliebt. Und ich?/ Es brauchte einige Zeit, ehe er in die Küche zurückkehren konnte.

Holger hatte mit einem halben Ohr mitbekommen, dass Klemens mit seinen Eltern eine Verabredung traf. Er sah ihn deswegen geknickt an, als Klemens endlich wieder in die Küche kam. "Fährst du wegen mir zu ihnen? Klee, das will ich nicht. Mach dir um mich keine Gedanken, ich nutze deine Gastfreundschaft ohnehin viel zu sehr aus und bin selber Schuld, dass ich noch keine Wohnung gefunden habe. Außerdem, du und Christiane, ihr versteht euch so gut, da willst du dein Bett sicherlich für dich haben."

"Ich fahre zu meinen Eltern wegen der leidigen Sache mit dem Studium. Für meine Gastfreundschaft zahlst du Miete und baust mir tausend Möbel. Und was Christiane betrifft, ich verstehe mich mit ihr wirklich super." Klemens verstummte und dachte an den langen, schönen Nachmittag zurück. "Aber ich kann mir weder vorstellen, sie zu küssen noch irgendwie mehr zu machen. Sie ist eine klasse Frau, aber eher wie... eine Cousine oder so. Eine Freundin eben."

"Aha." /Umsonst zum Horst gemacht, na toll./ Holger wusste nichts mehr zu sagen. Deprimiert und voller Liebeskummer blickte er in seine Tasse. "Wie lange... wie lange bleibst du bei deinen Eltern? Über die Feiertage sicherlich, oder? Der Weihnachtsmarkt wird morgen abgebaut, und dann sind es nur noch vier Tage hin", rechnete er endlich.

Klemens schüttelte den Kopf und wünschte sich selber, dass es mit Christiane gefunkt hätte, so wie Holger es vermutet hatte. "Bis zum zweiten Feiertag wohl. Auf keinen Fall länger. Spätestens dann bin ich wieder hier." Als er Holger ansah, fühlte er sich elend. "Klar kannst du noch die Nacht bleiben. Auch länger, hast ja schon jede Menge getan dafür. Der Tisch und so..." Und vermutlich würde er sich noch elender fühlen, wenn der Mann plötzlich wieder aus seinem Leben verschwunden war. Christiane hatte nicht geholfen, Klemens hoffte nun inständig, dass der Besuch bei seinen Eltern seine verwirrten Gefühle wieder richtig rücken würde.

Holger nickte leicht und stand müde auf. "Ich gehe dann mal schlafen. Entschuldige bitte, dass ich alles so kompliziert gemacht habe für dich. Mach dir um die Wohnung keine Sorgen. Ich bin vorsichtig, und ich bin weg, wenn du von den Eltern wieder kommst, versprochen." Er wandte sich ab und schlief zum ersten Mal in dem kleinen Zimmerchen allein und wieder in seinem Schlafsack.

Am Morgen fuhr er sehr früh in die Werkstatt, wo er an den geplanten Möbeln für Klemens' Zimmer arbeitete, bis es Zeit wurde, zum Weihnachtsmarkt zu gehen. Dank seiner Schüler kam er mit den Sachen gut voran, auch wenn er dann auf dem Markt müde war. Die Stände waren so kurz vor dem Fest sehr gut besucht, und Holger war dankbar für den Stress, denn so musste er nicht zu oft zu Klemens hinüber sehen.

Arthur, der aus einem unerklärlichen Grund schrecklich gute Laune zu haben schien, machte ihm den Tag auch nicht unbedingt leichter. Er war am Abend wieder in der Werkstatt, ließ sich von Arthur dort absetzen. Erst als ihm die Augen fast zufielen, gab er auf und fuhr mit dem Nachtbus in die Nähe der Wohnung.

Sie lag kühl und dunkel da. Allerdings hatte Klemens etwas gekocht, Gemüseauflauf, und ihm einen Zettel geschrieben, dass er bloß im Bett schlafen solle, damit er nicht noch einmal krank wurde. Holger rieb sich die Augen und starrte eine ganze Weile auf die Nachricht, dann fügte er sich und ging zum Bett, in dem es überall nach Klee roch, nach seinem... /Der nie meiner sein kann und darf! Ich hätte nie gedacht, das diese hysterischen Trutschen in den Discos mit einem Mal auch in meinen Augen Verständnis bekommen würden. Liebeskummer ist scheiße!/

Es blieben noch drei Tage bis Weihnachten, und Holger rief einige Freunde an, erreichte endlich seinen Kumpel, den Exfreund von Christiane, den er erst einmal eine halbe Stunde lang beschimpfte, weil er ihn so hatte hängen lassen. Zum Ausgleich schickte sein Kumpel ihm dann die Schlüssel zu seiner neuen Wohnung zu, damit Holger ein Dach über dem Kopf haben würde.

Die restliche Zeit verbrachte Holger, nachdem der Weihnachtsmarktstand abgebaut war und ihre Werkstatt in die Feiertage gegangen war, mit den Möbeln für Klemens. Warmes Rotbuchenholz, in runden Formen an die Zimmer angepasst. Am Ende seiner Aktivitäten hatte er das Bett in das kleine Zimmer eingepasst, mit den Nachttischen und kleinen Lampen am Kopfende, mit einer passenden Verblendung der Heizung sogar. Auf einem Bord gegenüber des Bettes thronte der Fernseher, der Anschluss dafür war ohnehin in diesem Raum gewesen. Im großen Zimmer schwang sich ein Regal mit integriertem Schreibtisch einmal herum.

Unentschlossen ließ Holger die Kisten mit den Büchern erst einmal unangetastet stehen. Die Möbel hatte er in Zusammenarbeit mit seinen Schülern erstellt, die sich alle damit ihre Abschlussprüfung ersparten. Ansonsten hätte er sie aber nie so schnell hinbekommen und auch nicht allein das Bett im anderen Zimmer aufbauen können. Seine Schüler waren es auch, die ihm einen kleinen Tannenbaum samt dicker, buntbemalter Holzsterne und einer Lichterkette schenkten. Es sah wirklich gemütlich und weihnachtlich aus in der kleinen Wohnung, die einmal so kahl und unpraktisch erschienen war. Als er am Heiligen Abend aufstand, begann Holger dann endlich, nachdem er sich einige leckere Sachen gegönnt hatte, doch noch die Bücher einzuräumen.

Er wollte gerade eine Pause einlegen, als ihm ein Bild von Klemens in die Finger fiel. Der junge Mann stand mit verwehten Haaren am Meer und winkte der Person, die das Foto geschossen hatte, fröhlich zu. Grübchen, blitzende Augen, ein weich geschwungener Mund. Mit einem Mal begann das Stechen in Holgers Bauch wieder schlimmer zu werden.

 

Klemens war endlos froh gewesen, als der Weihnachtsmarkt vorbei gewesen war. Es war schwer gewesen, nicht immer und immer wieder zu Holger zu sehen und sich den Kopf über ihn zu zerbrechen. Die Anwesenheit des Standbesitzers, der den letzten Tag nicht hatte fern bleiben wollen, hatte ihm dabei geholfen, da er ihn mit lustigen Geschichten abgelenkt hatte, wenn sie sich nicht gerade den Besuchern gewidmet hatten.

Als der Stand am Abend leergeräumt war, bekam Klemens neben einem großzügigen Weihnachtsgeld, wie der alte Mann es nannte, noch sechs Flaschen Honigwein in einem hübschen Flaschenkorb geschenkt Als er zu Hause bei seinen Eltern ankam, wurde er gleich bekocht und verwöhnt, als sei er jahrelang nicht mehr daheim gewesen. Es tat ihm gut, selbst wenn es den dezenten Anklang von Bestechung hatte, und für den Abend konnte er Holger sogar vergessen, während sie über sein Studium redeten und redeten und das bis weit in die Nacht. Klemens musste versprechen, zumindest einen Magister zu machen, besser noch einen Doktor. Als er am Ende in sein altes Bett fiel, tat er das mit dem guten Gefühl, dass sie einen großen Schritt weiter gekommen waren, selbst wenn die Diskussion des öfteren in böse Vorwürfe abgedriftet war.

Die darauffolgenden Tage ließ sich Holger jedoch nicht mehr so einfach aus seinem Kopf verdrängen. Immer wieder und wieder musste er daran denken, dass der andere Mann ihm gesagt hatte, dass er in ihn verliebt war. Er erinnerte sich an sein Lächeln, an das warme Lachen, an seine ruhige gemütliche Art und seinen Geruch, auch wenn ihm gar nicht bewusst gewesen war, dass er ihn wahrgenommen hatte.

Seine kleine Schwester zog ihn damit auf, dass er bestimmt an ein Mädchen dachte, wenn er wieder so abgelenkt war, und es half nicht gerade, dass Klemens die ersten Male wie auf Kommando rot wurde, selbst wenn es nur der Wahrheit entsprach, wenn er abstritt.

Abends allein im Bett vermisste er den Atem neben sich und die kleinen Geräusche, die Holger machte, wenn er sich im Schlaf bewegte, und bekam jedes Mal gleich Angst davor. Er wollte nicht schwul sein, aber je mehr Zeit verstrich, um so mehr war er sich darüber im Klaren, dass er vielleicht nicht schwul, jedoch sehr wahrscheinlich in seinen so plötzlich aufgetauchten Mitbewohner verliebt und zumindest war. Das Prickeln, das bei Christiane nie eingesetzt hatte, überhaupt bei gar keiner Frau, kam auf, wenn er an ihn dachte. An die Nähe, die manchmal zwischen ihnen gewesen war, die Wärme, an all die Kleinigkeiten...

Es war ausgerechnet an Heilig Abend, dass er die Ungewissheit über seine eigenen Gefühle nicht mehr aushielt. Die Furcht, dass Holger weg sein könnte, wenn er wiederkam, so wie er es angekündigt hatte, ließ ihn seinen Eltern erklären, dass er nicht mit ihnen feiern würde. Fast hätte es wieder zu einem Streit geführt, vor allem, weil er nicht damit herausrücken wollte, warum er so dringend weg musste. Aber schließlich trennten sie sich doch im Guten, weil ihnen der vorsichtige Frieden zu empfindlich erschien, um ihn mit so etwas zu gefährden.

Eingedeckt mit einer großen Tasche mit Tupperdosen voll leckerem, eingefrorenem Essen, noch mehr Wein und seinen Geschenken kehrte er in seine Wohnung zurück. Sein Herz schlug bis zum Hals, als er vor der Tür stand und hoffte und betete, dass Holger nicht weg war, als er aufschloss.

"Hey, bin schon früher zurück!", rief er und trat ein, lud seine Taschen in der Diele ab.

Holgers Kopf zuckte unangenehm schnell zur Diele herum. Er zischte leise, dann rieb er sich seinen Nacken und trat verwundert aus dem Wohnzimmer. "Oh, ich... wusste nicht... jetzt bin ich noch hier", endete er endlich lahm.

Klemens' Herz machte einen kleinen Satz, als er Holgers Stimme hörte und ihn endlich wiedersah. Müde schaute er aus und niedergeschlagen, aber Klemens merkte noch viel mehr, dass er ihn vermisst hatte. Statt ihn zu umarmen und feste zu drücken, lächelte er nur erleichtert. "Das ist gut so, deswegen bin ich auch schon früher zurück. So will ich..." /... mich nicht von dir trennen. Aber eigentlich will ich mich ja gar nicht von dir trennen./ "Ich hab Essen mitgebracht. Jede Menge. Gutes Essen von Mama. Das können wir in die Mikrowelle stellen und haben ein ausgezeichnetes Menü zum Fest. So musst du nicht allein feiern. Und ich..."

Wieder verstummte er, dann nahm er resolut die Tasche mit den Tupperdosen auf, um sie in die Küche zu tragen. "Du hast die Wahl zwischen Wein und Honigwein dazu", erklärte er und zählte dann auf, was in der Tasche drin war, während er alles in der Tiefkühltruhe verstaute. /Oh. Mein. Gott. Was soll er nur von dir denken? Du benimmst dich gerade wie der allerletzte Idiot!/

"Klee? Ist alles okay mit dir? Haben deine Eltern dich rausgeworfen?" Besorgt folgte Holger seinem Vermieter, der wie ein Papagei allen mögliche und unmöglichen Unsinn erzählte.

"Nein, hätten sie aber bestimmt, wenn sie wüssten, warum ich meinen Dickkopf durchgesetzt habe und nicht mit ihnen Heilig Abend feiere." Klemens atmete tief durch, schob mit Schwung die letzte Schublade des Gefrierschranks zu, schloss die Tür und verharrte dann doch in der Hocke, um die weiße Lackierung anzustarren. "Ich hab nur noch an dich gedacht. Und an das, was du mir gesagt hast."

Holger stockte in der Bewegung. "Oh." Das hatte er nicht erwartet. Jedenfalls nicht mit der Betonung. Von seiner mit einem Mal aufgetauchten Unsicherheit irritiert starrte er auf Klemens' Lockenkopf hinunter. Dann hielt er ihm die Hand hin. "Und das bringt dich dazu, vor mir niederzuknien? Das war doch nicht nötig, Klee", scherzte er, um die Spannung zwischen ihnen endlich loszuwerden.

Klemens grinste ein wenig schief und schaffte es, zu Holger hochzusehen. Ohne wirklich darüber nachzudenken, griff er nach der Hand und erschrak fast, dass diese kleine Berührung, als sich Holgers kräftigen Finger um seine schlossen, eine noch immer ungewohnte Wärme in ihm weckte. Er ließ sich hochziehen, hielt Holger dann jedoch fest. "Du verwirrst mich", murmelte er und erwiderte den Blick der dunklen Augen. "Und ich habe Angst deswegen. Ich hab versucht, es wegzuschieben und auszulöschen, aber es geht nicht."

Mit einem Lächeln nickte Holger. "Das gleiche könnte ich dir anlasten, Klee." Es machte Spaß, diese schmalen Hände zu umfassen, zu berühren. So weiche Haut, die viel heller als seine eigene war. Überrascht bemerkte Holger, dass er Klemens bereits ohne es zu merken über die Fingerrücken streichelte.

Doch dann erwachte er aus der Starre und zupfte ein wenig an der Hand. "Komm mit, ich will dir etwas zeigen!" Er zog Klemens mit sich, führte ihm stolz das Wohnzimmer vor, schaltete sogar die Lichter am Weihnachtsbaum ein, obwohl es noch nicht wirklich dunkel draußen war. Dann schleifte er ihn an der Hand zum Schlafzimmer. "Ist alles so geworden, wie du es dir gewünscht hast, Klee?"

Klemens konnte nur verblüfft staunen, und für den Augenblick waren seine Unsicherheit und seine Angst vergessen. "Wow, das ist... das ist noch viel besser geworden! Gott, wie hast du das nur so schnell so gut hinbekommen? Ich hab 'ne Designerwohnung mit einem Mal. Wow!" Sogar einen Weihnachtsbaum gab es; es konnte ein richtiger Heilig Abend werden, mit Festlichkeit, mit Stimmung. "Du bist... großartig!"

"Autogramme gibt's später, vielen Dank", erwiderte Holger und ließ Klemens' Finger endlich los, auch wenn er ihn gern weiterhin gespürt hätte. "Mein Plan war, mir etwas zu kochen, ein wenig Düdelmusik zu hören und in deinem neuen Wohnzimmer unter dem Baum zu sitzen und zu essen. Was hattest du dir vorgestellt?"

"Ich hatte mir vorgestellt, dass du weg bist, wenn ich zurückkomme und ich nicht weiß, wie ich dich erreichen soll. Für den Fall, dass du da bist, hatte ich mir gar nichts vorgestellt." Klemens grinste ein wenig und fuhr sich verlegen mit beiden Händen durch die Haare. "Dein Plan klingt gut. Da kann ich mein neues Wohnzimmer gleich weiter bewundern." Er lugte durch die geöffneten Türen nach drüben und freute sich nur noch mehr über die schönen Möbel und den kleinen Baum. Holger hatte Weihnachten hierher geholt, was vor ein paar Tagen kaum denkbar gewesen schien. Dann zuckte er leicht zusammen. "Oh, Mist. Und ich habe nicht mal ein Geschenk für dich."

Holger schüttelte entsetzt den Kopf und ging in die Küche. "Du hast so viel zu Essen mitgebracht, Klee, das ist doch auch ein gutes Geschenk. Vor allem für einen Vielfrass wie mich." Er seufzte leise und inspizierte die Tupperdosen. /Und er ist hergekommen, er ist hier./ "Ich mach die Sachen heiß, du kannst in der Zwischenzeit ja nach deinen CDs suchen, die müssten noch in den Kartons versteckt liegen!", rief Holger hastig zum Wohnzimmer hinüber, um Klemens daran zu hindern, auch noch in die Küche zu kommen. Er war zu nervös, um jetzt schon alles richtig zu machen. Eher fühlte er sich, als würde er alles garantiert schrecklich falsch machen.

/An mich hat er gedacht und an das, was ich gesagt habe. Ich habe... ja, ich hab gesagt, dass ich mich verliebt habe. Wider jede Regel und wider Wissen und Gewissen. Und jetzt? Er ist allein zur Zeit, und er ist sensibel, will er es versuchen? Zum Versuchen bin ich nicht der richtige Mann./

Holger schob den ersten Teller mit Gänsebraten, Rotkohl und Kartoffelklößen in die Mikrowelle. Während er dem sich drehenden Teller zusah, huschten Erinnerungen an seine vorangegangenen Verliebtheiten und Bettgeschichten vor seinem inneren Augen entlang. /Ich bin nicht der Richtige für ein Ausprobieren, dazu bin ich zu wenig vorsichtig, zu direkt./


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh