Der Weihnachtsgast - Epilog

 

Der Weihnachtsgast

Epilog

Schnee fiel in großen Flocken vom Himmel herunter, verdunkelte das Licht der Straßenlaternen und verstärkte die bereits dicke Schneeschicht noch um einige Zentimeter. Klemens stapfte durch die kleinen Wehen, die sich vor der Haustür gebildet hatten, und war froh, das Gestöber hinter sich aussperren zu können. Er schüttelte seine roten Locken, klopfte seine Jacke ab und ließ es damit im Treppenhaus schneien, dann eilte er die Treppe empor, immer drei Stufen auf einmal nehmend.

Heute war ihr erster Jahrestag, weswegen Klemens sich aus dem Bett gequält hatte, kaum dass er aufgewacht war, um frische Croissants und Baguettebrötchen zu besorgen. Überhaupt versprach es, ein schöner Tag zu werden. Der zweite Tag seiner Wintersemesterferien, Urlaub in dem Betrieb, in dem er Post einscannte und comptergeeignet aufarbeitete, was zwar nicht spannend war, aber ganz ordentlich Geld brachte. Und eben Jahrestag.

Ein Jahr waren er und Holger nun schon zusammen, und noch immer konnte Klemens nicht genug von seinem Freund bekommen. Er huschte in die Wohnung, trat die Stiefel von den Füßen und hängte die Jacke auf, dann verschwand er leise in der Küche, um Frühstück zu machen, aufwendiger als sonst natürlich, mit Lachs und Sekt, aber natürlich auch mit Holgers geliebtem Kaffee, ohne den sein Freund morgens kaum ansprechbar war.

Während die Maschine leise vor sich hinblubberte und Klemens die Croissants aus ihrer Tüte befreite, dachte er daran, dass das Jahr nicht immer einfach gewesen war. Im Frühjahr war er das zweite Mal zu Hause rausgeflogen, einige seiner Freunde hatten vorgegeben, ihn nie gekannt zu haben, aber mit den anderen war er nun um so enger befreundet. Und besonders Arthur und Christiane gehörten zu Holgers und seinem engeren Freundeskreis. Seit letztem Silvester waren die beiden ebenfalls zusammen.

Es hatte bis zum Sommer gebraucht, bis Klemens mit seinen Eltern wieder einigermaßen hatte reden können, und jetzt hatte seine Mutter sogar für ihr Weihnachtsessen gesorgt, wenn sie auch noch nicht bereit war, seinen Freund kennen zu lernen. Aber damit waren sie schon deutlich weiter, als Klemens zu hoffen gewagt hatte, und mittlerweile war er zuversichtlich, dass sie es irgendwann ganz akzeptieren würden.

Er nahm das große Tablett auf, das sie sich extra für Frühstück im Bett gekauft hatten und trug es ins Schlafzimmer rüber, um es auf dem Bord auf seiner Seite abzustellen. Dann schlüpfte er aus der Jeans und kam zu Holger unter die Decke, um ihn mit leichten Küssen aufzuwecken.

Grummelig wehrte Holger erst einmal ab. "Du bekommst wohl auch nie genuhuug", gähnte er griesgrämig, dann setzte der Kaffeegeruch seine Sinne auf Empfang, und als nächstes erinnerte er sich an den Tag, den sie hatten. Es war gar nicht mehr Abend, und Klee war nicht nervig wie immer, wenn er noch immer schmusen wollte oder seine kalten Gräten an Holger aufwärmen, es war schon Morgen.

"Hm." Gemütlich brummend raffte Holger seinen langen Freund dichter an sich heran und wärmte ihn auf, während er den Kaffeeduft zunächst ausreichend fand, vermischt mit dem Geschmack von einem Frischluftklemens. "Warst du etwa Brötchen holen, mein Kleiner?" Holger gähnte noch einmal und war dann bereit, sich seinen Becher zu nehmen.

Noch immer musste Klemens grinsen, wenn Holger ihn Kleiner nannte, auch wenn er das schon seit einigen Wochen tat. Er küsste ihn auf den Hals, dann setzte er sich auf und schaltete eine der Lampen am Kopfende ein, um das Tablett vor sie zu stellen, nachdem auch Holger sich halbwegs aufgerichtet hatte. "Brötchen und Croissants, Süßer. Alles Liebe zum Einjährigen."

Holger lachte und streckte sich. "Der Tag fängt gut an, der fängt sehr gut an." Und es ging gut weiter. Sie räumten zusammen noch die Wohnung auf und hatten dann am Abend genügend Zeit, um sich wieder einmal mit ihren Tellern mit Gänsebraten vor den kleinen Tannenbaum zu setzen.

"Ich weiß noch genau vor einem Jahr", begann Holger lächelnd, als er seinen Schatz kurz betrachtete. "Du hast deine Eltern sitzen lassen an Weihnachten, hast die Fahrt in dieser eisigen Kälte auf dich genommen und mich vollkommen umgehauen. Ich glaube, du hattest denselben Pullover an wie heute. Hast du vor, mich wieder mit deinem Charme einzuwickeln, umzuwerfen und dann systematisch über die Feiertage auszulaugen? Ich warne dich, Klee. Wenn ich wieder an Silvester einpenne, so wie auf Chrissis Sofa letztes Jahr, weil der Herr, wenn er einmal Holgersex hatte, nicht genug bekommen konnte, dann zahle ich dir das gnadenlos heim. An Ostern vielleicht."

Vergnügt lachte Klemens in sich hinein. "Es ist nicht meine Schuld, wenn deine Kondition so schlecht ist", neckte er und ertrug den Knuff in die Seite mit einem leisen Ächzen. "Wobei ich finde, das klingt nach einem wirklich netten Versprechen. Ich werde mir Mühe geben, dass du es erfüllen musst." Er rutschte ein wenig näher an Holger heran, küsste ihn auf die Wange und war mit der Welt im allgemeinen und ihrer kleinen im Besonderen so glücklich, dass er sich kaum vorstellen konnte, dass es noch viel besser werden konnte. Glücklicher, als er vor einem Jahr gedacht hatte, jemals werden zu können. "Holgersexuell", sagte er zufrieden. "Ja, das bin ich definitiv. Und ich glaube, das bleibe ich auch noch eine ordentlich lange Zeit."


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh
~ Ende ~