Das Weihnachtsspiel 2

 

Das Weihnachtsspiel

2.

Raine brachte die letzte wichtige Woche in der Uni hinter sich, bevor es im Dezember wieder ruhiger wurde und er sich mehr auf seinen Nebenjob im Antiquariat einer großen Buchhandlung konzentrieren konnte. Eigentlich arbeitete er nur an Samstagen, aber gerade in der Vorweihnachtszeit freute sich der Besitzer, wenn er noch ein wenig mehr Verstärkung bekam, und Raine konnte immer nicht Nein sagen, wenn der alte Herr mit runden Augen hinter dickem Brillenglas so flehend aussah.

Aber zum Ausgleich für einige arbeitsreiche Tage vor allen Dingen an der Kasse im Erdgeschoss des Ladens, erreichte Raine einen freien Samstag und ließ sich sofort von Klara und Dieter zum Essen einladen. Dieter gab ihm immer noch hin und wieder Gitarrenunterricht und freute sich, dass sie vielleicht mal wieder als größere Gruppe spielen konnten.

 

Timo fragte sich, wie er Weihnachten verbringen sollte dieses Jahr, während er zu dem Hof radelte, wo Dieter ihm Stunden gab. Eigentlich hatte er wieder nach Hause zu seiner Mutter fahren wollen, aber die hatte seit einem halben Jahr einen neuen Freund und wollte gerne mit ihm wegfahren. Timo hatte ihr das schlechte Gewissen am Telefon angehört und ihr sofort versichert, dass er ohnehin zu einer Party eingeladen wäre und nun dort nicht absagen müsste. Es war gelogen, und er ärgerte sich darüber, aber immerhin hatte es den Erfolg gehabt, dass Mutsch beruhigt war.

Vielleicht sollte er wirklich zu irgendeiner Studentenparty gehen, um die Lüge im Nachhinein irgendwie wahrer zu machen. Aber allein? Die meisten seiner Freunde verbrachten Weihnachten im trauten Kreis ihrer Lieben, und wenn sie nur zu zweit Händchen halten wollten; er wollte auch nicht stören und sie fragen, ob er dabei sein konnte.

/Ob Annette wohl schon mit Raine feiert dieses Jahr?/, dachte er missmutig. Sie hatten sich bei den letzten Chorproben so überaus gut verstanden. Er radelte auf den Hof ein und stellte sein Fahrrad ab, um es gleich darauf abzuschließen. Mit einem kleinen Grinsen dachte er bei sich, dass es vielleicht auch ein Schutz gegen unerwünschte Farbattacken war, denn in dieser Althippiekommune war er bestimmt der einzige mit Schloss.

 

Trotz all der Streitigkeiten, die sich Klara immer wieder mit ihren Eltern geliefert hatte, nicht zuletzt um Raine und seine Schwester und ihre Erziehung, hatte sie den Bauernhof geerbt. Das, was davon übrig war. In einem der hellsten Momente ihres Lebens hatte die Großmutter das Land schnell verkauft, bevor sie mit ihrer Schwester in eine kleine Wohnung gezogen war. Raine würde das Geld einmal erben, wenn sie starb. Leider würde er erst dann profitieren, sein Studium finanzierte sie ihm nicht.

Ein großer Teil des Landes war an eine Waldorfgemeinschaft gegangen, die neben einer Schule und einem Kindergarten auch eine Siedlung Grasdachhäuser dort baute und einen Bioladen eröffnete. Es stellte sich als die perfekte Umgebung für Klara heraus, die sich sehr schnell in Dieter, einen der Lehrer und Hauptinitiatoren der Schule, verliebte hatte.

Auf dem Resthof selber lebten neben Klara und Dieter noch zwei weitere Familien oder Lebensgemeinschaften, von vor allem Frauen, die Klara aus ihrer Zeit in der Hippiegruppe in Frankreich kannte. Die Gebäude waren äußerlich noch immer die selben Backsteinbauten, nur dass in Scheune und den Ställen mittlerweile Bäder und Küchen eingebaut worden waren und auf den Dächer Solarzellen für Strom sorgten. Als Raine nach kurzer Fahrt mit der Bahn und dem Rad auf dem Hof ankam, sah er schon von Weitem, dass auch Timo, der schüchterne und hübsche Neuzugang im Chor, gerade sein Fahrrad abschloss.

Abschätzend sah Raine ihm auf den Hintern und fand diesen gar nicht mal so übel. /Der ist zum einen verklemmt wie eine alte Gartenpforte und zum anderen ist sicherlich hetero, bestimmt ist er mit Annette zusammen./ "Hey! Timo, kannst du mein Fahrrad mit an deines schließen? Ich will es nicht wieder suchen müssen, wenn sich das wer ausleiht!" rief er über den Hof, schob seine Gitarrentasche auf den Rücken zurück und zog mit den Zähnen an seinen Ringelhandschuhen.

"Hey, Raine." Timo lächelte unverbindlich und öffnete das Schloss wieder, während Raine sein Fahrrad neben Timos schob, um es dann um beide erneut zu schließen. Mit den von der Kälte geröteten Wangen sah der andere schon wieder viel zu gut aus. Besser noch als in der Wärme des Probensaals. "Bin aber nur zum Gitarrenunterricht hier, wenn du längere Sicherheit willst, ist das vergeblich."

"Ich bin auch nur zum Spielen hier und auf ein Mittagessen. Mal sehen, was es gibt."

Gemeinsam gingen sie in das Hauptgebäude des Hofes. Durch die Tür gelangte man durch eine Diele, in der sich Schuhe und Kinderjacken stapelten, gleich in die Küche und damit den Lebensmittelpunkt in dem Haus. Klara hatte eine Wand rausbrechen lassen, so dass sie zwar kein Esszimmer mehr hatten, aber dafür einen großen Tisch für sicherlich fünfzehn Personen mit einpassen konnten.

Auf einem Ende machten zwei Kinder ihre Hausaufgaben, von einer der Frauen beaufsichtigt, auf dem anderen Ende schnitt Dieter gerade Rotkohl für den Salat. "Ah, Timo! Du bist auch schon da. Dann musst du mit uns essen, bevor wir anfangen, ja?"

Klara steckte ihren langen Zopf erneut fest, dann küsste sie ihren um einen halben Kopf größeren Sohn auf die Wange. "Sommertraum, du kannst mir eigentlich mal die Saftflaschen mit dem Korb dort in den Keller bringen."

Raine verdrehte die Augen, aber seine Mutter, noch immer echte Hippie, nannte ihn so, wie sie ihn auch hatte eintragen lassen. Viele Menschen mit solch einem ungewöhnlichen Namen gab es sicherlich nicht. Nun, neben seiner Schwester vielleicht, die Opal Wolken hieß. Er stapfte die Treppe hinunter, während Klara Timo schon zum Tischdecken einspannte.

Timo mochte Dieters Familie; er hatte sich gleich in der zweiten Stunde mit dem Mann wohl gefühlt, während er in der ersten eher noch vorsichtig und ein wenig misstrauisch gewesen war, weil er ihn nicht hatte einschätzen können. Aber Dieter hatte es wirklich binnen kurzer Zeit geschafft, dass er ihn gern hatte. Er und seine Freundin hatten ihn schon öfter mal zum Essen genötigt, und es war immer lustig gewesen. Ein Wunder eigentlich, dass er noch nie über Raine gestolpert war. Doch gerade dessen Anwesenheit ließ ihn sich unbehaglich fühlen, während er Teller und Besteck auf dem Tisch verteilte, dem man ansah, dass er regelmäßig zu den verschiedensten Tätigkeiten genutzt wurde.

Es gab indisches Curry und zum Nachtisch Bratäpfel. Während einige aus der Gruppe dann abwuschen, gingen Dieter, Timo und Raine ins Wohnzimmer, um sich dort mit den Noten nieder zu lassen und ein wenig zu spielen.

Timo fühlte sich unbehaglich, hatte er doch gehofft, durch den Unterricht endlich von Raine erlöst zu werden. Aber da er ja schlecht darum bitten konnte, dass er Einzelunterricht haben wollte, zudem es eine der Stunden war, die Dieter ihm kostenlos gab, fügte er sich stumm und nicht wirklich glücklich in sein Schicksal.

Raine hatte ganz deutlich den Eindruck, dass Timo zurückgezogener als sonst sein musste. Als der junge Mann nach der Stunde dann noch mal zum Bad ging und Raine sich die dicke Jacke und seine Handschuhe überzog, fragte er Dieter "Ist Timo sonst eigentlich auch so still?"

"Nein. Eigentlich hab ich sonst nie solche Probleme, dass er aus sich heraus kommt. Jetzt, wo du es sagst... ich frage ihn gleich mal, ob es ihm vielleicht nicht recht war, dass wir die Stunde zusammen gemacht haben."

Klara unterbrach sie, weil sie ihren Sohn noch einmal kräftig drücken und küssen wollte. Raine ließ es über sich ergehen und versprach, dass er sich mal wieder zu ihrer Arbeitszeit unten im Buchladen Aquarius blicken lassen würde. Er wohnte immerhin in der Dachwohnung darüber. Im Hintergrund hörte er dann zu seinem Schrecken, dass Dieter Timo tatsächlich fragte, ob es ihm nicht so gut gefiel, mit Raine zusammen Gitarre zu spielen.

Timo wurde rot und schüttelte hastig den Kopf. "Nein, das war schon okay. Raine spielt gut, besser vielleicht sogar als ich. Es ist…" Er wollte sich auf seine Mutter rausreden und das Weihnachtsfest, aber das kam ihm falsch vor, und so fügte er nur an "Es ist privat, deswegen… war ich ein bisschen ruhig heute. Mach dir keine Gedanken darüber."

Rasch zog er sich die dicke, blaue Daunenjacke an und warf den Gitarrenkasten über die Schulter, dann drückte er Dieter die Hand. "Bis zur Probe dann." Flüchtig lächelte er noch einmal, bedankte sich höflich bei Klara für das Essen und kramte schon im Rausgehen nach seinen Handschuhen. Er seufzte, als ihn im Hof Schneeflocken empfingen; das würde einen nicht besonders netten Heimweg geben. Aber die kalte Luft tat gut.

Raine holte Timo ein und meinte, während er auf die Befreiung seines Fahrrades wartete "Dieter hat es mir vorweg genommen. Wenn du lieber allein mit ihm üben willst, hab ich da kein Problem mit, Timo. Aber es hat mir Spaß gemacht, du spielst wirklich schön. Hast du mal spanische Gitarre gelernt?"

"Danke." Timo verbarg, dass er wieder errötete, indem er sich zum Schloss runterbückte. "Es stört mich nicht, es liegt nicht an dir, dass ich heute so komisch drauf bin." Nun, gewissermaßen stimmte es. Es lag hauptsächlich an Timo selbst. Warum hatte er sich auch in diesen blöden Kerl verschießen müssen? "Und nein, spanische Gitarre hab ich nicht gelernt, nur drüber gelesen. Kannst du es?" Umständlich wickelte er das Schloss um das Gestänge seines Rads, ehe er wieder aufsah.

Timos helles Gesicht hatte eine Neigung zum Erröten. Offensichtlich war Raines Art ihm unangenehm, er wand sich so und sah permanent weg. "Nein, ich bin nicht schnell genug. Aber der Thorsten, der am Ende noch zum Essen dazu gekommen ist, der ist wirklich klasse, solltest mal abends hier vorbei kommen. Vielleicht im Sommer, wenn wir alle in der Scheune auf Matratzen schlafen." Er fuhr sich durch die Haare, bevor er sein Fahrrad von Timos weg nahm. "Na, erst mal werden wir uns nicht sehen. Ich habe nächste Woche wieder Probe, nicht wahr? Fährst du die ganze Strecke mit dem Rad, oder auch einen Teil mit der Bahn?"

"Ich fahr mit dem Rad. Die Bahn ist immer so voll." Timo zögerte und sagte dann "Aber wenn du magst, kann ich heut mal eine Ausnahme machen." Gleich darauf hätte er sich am liebsten auf die Zunge gebissen dafür, aber es war raus und ließ sich nicht mehr zurücknehmen. Möglichst unbeteiligt schob er den Gitarrenkasten zurecht und zog eine Mütze aus der Jackentasche, um sie über seine schwarzen Locken zu ziehen.

"Nein. Ich fahre mit dir mit dem Rad. Tut mir sicherlich mal wieder ganz gut." Timo begann Raine zu verwirren. Einerseits freundlich, gleich drauf wieder abweisend. Er errötete wie eine Jungfrau, aber konnte einen Augenaufschlag hinlegen, der seinesgleichen suchen musste. Entschlossen folgte Raine Timo über den Radweg, der im weiten Bogen durch Schrebergärten an der Universität vorbei zur Stadt führte.

Timo, so stellte es sich heraus, wohnte in dem Neubaugebiet gleich hinter der Uni. Raine wollte sich an der kleinen Stichstraße, in die Timo einbiegen wollte, gerade verabschieden, als er bemerkte, dass sich die Schultern des anderen versteiften. "Ist was?"

"Nein, nicht wirklich. Ist schon okay." Timo wünschte sich, dass sie langsamer gefahren oder länger bei Dieter geblieben wären. Vor seiner Haustür stand sein Exfreund Martin, der mal wieder unangemeldet vorbei gekommen war, und bestimmt auch, um ihn erneut damit zu bedrängen, dass er ihn noch immer lieben würde und dass er ihm noch eine Chance geben sollte. Leider hatte Martin ihn auch bereits gesehen und winkte ihm freudig zu, unübersehbar in seiner knallroten Jacke, Sonnenstudio gebräunt, die kurzen Haare blondiert, und durchtrainiert.

Timo mochte ihn, mochte ihn wirklich gerne, man konnte sich gut mit ihm unterhalten, er war nicht so oberflächlich, wie er auf den ersten Blick wirkte, absolut nicht, aber er war eifersüchtig ohne Ende, besitzergreifend… und na ja, Timo mochte ihn eben nur. Sie hatten es versucht, als Timo noch gedacht hatte, in ihn verliebt zu sein, aber schnell hatte er herausgefunden, dass er nur geschmeichelt von der Aufmerksamkeit dieses gut aussehenden Mannes mit den leuchtenden grünen Augen war. "Tschüss, Raine. Bis zur Probe dann."

Erst auf den zweiten Blick bekam Raine mit, dass die blondierte Knalltüte vor Timos Wohnung auf ihn wartete. /Aha. Das muss der private Ärger sein. Ob er in einer unglücklichen WG wohnt? Ich frage ihn beim nächsten Mal./ Er winkte Timo schnell zu und trat in die Pedale, um selber in seine warme Stube zu gelangen. Seine Oberschenkel und Hände fühlten sich erfroren an.

Timo sah ihm mit einem Seufzen hinterher, ehe er deutlich langsamer zu seiner Wohnung radelte. Eigentlich wollte er jetzt lieber ein wenig allein sein, etwas von Raine träumen und von dem fragenden Blick seiner Augen, der durch die kräftigen Brauen immer so intensiv schien, und sich nicht mit Martin herumärgern.

"Hey, wie geht's, Timo?" Martin strahlte ihn an und umarmte ihn rasch, kaum dass er abgestiegen war. "Ich war gerade in der Gegend und dachte, ich komm mal wieder vorbei."

"Gerade in der Gegend, so?" Timo zog die Brauen hoch und schloss die Haustür auf, um sein Rad in den Flur zu schieben. "Und was hat dich gerade so in die Gegend geführt?"

"Sei doch nicht so garstig, Timo." Martin lachte unbekümmert und folgte ihm, um die Tür langsam hinter sich zu gleiten zu lassen. "Oder habe ich irgendwie gestört? Hast du was mit diesem Hippie, mit dem du gekommen bist?"

Timo verdrehte die Augen, bei dem mit einem Mal schon wieder so eifersüchtigen Ton, und wandte sich zu ihm um, nachdem er das Rad angeschlossen hatte. "Dieser Hippie ist Raine. Er ist mit mir im Chor und in der Theatergruppe von der Uni. Zwischen uns ist gar nichts, aber selbst wenn er mein Freund wäre, könnte dir das egal sein. Wir sind kein Paar mehr, Martin. Wann begreifst du das endlich?"

Das fröhliche Gesicht seines Ex, das gerade noch Erleichterung gezeigt hatte, wurde traurig und ein wenig verschlossen. "Hab ich doch schon längst, sonst hätte ich dich ganz anders begrüßt, Süßer."

Mit einem Seufzen und einem kleinen, entschuldigenden Halblächeln zuckte Timo mit den Schultern. Wenn es ihm nicht selber so weh tun würde, Martin abzuweisen, wäre es vermutlich einfacher. Der große, kräftige Mann liebte ihn, und Timo wollte ihn nicht noch mehr verletzen. Das war auch ein Grund gewesen, warum er vor drei Monaten Schluss gemacht hatte. Spaß im Bett und die halbgaren Gefühle von seiner Seite aus reichten einfach nicht für eine Beziehung.

"Kann ich noch ein wenig mit hochkommen, um mich aufzuwärmen, oder störe ich?", unterbrach Martins dunkle Stimme leise, beinahe sanft seine Gedanken.

"Nein, kein Problem. Ich mach uns einen Tee", sagte Timo überrumpelt und seufzte dann erneut stumm. Warum nur konnte er ihm nichts abschlagen? Es machte es doch nicht leichter.

Schweigend gingen sie zu der kleinen Einzimmerwohnung im zweiten Stock hoch, hängten die Jacken an die Garderobe, und Timo lehnte den Gitarrenkasten an den Schuhschrank. Aus den Augenwinkeln registrierte er, dass Martin wieder eines dieser verboten eng anliegenden Oberteile trug, das seinen trainierten Körper so gut zur Geltung brachten.

Während Timo Wasser aufsetzte, Schwarztee löffelweise in den Teestrumpf abzählte und auf einem Tellerchen selbstgebackene Plätzchen arrangierte, unterhielten sie sich über Belangloses, und es blieb nicht aus, dass Timo Martin mehr von dem Theaterstück erzählte. Er wusste nicht, ob er dabei zu viel oder zu wenig von Raine gesprochen hatte, aber als sie schließlich in seinem Zimmer auf der weißen Couch saßen, fragte Martin ihn, was er von diesem Hippie wollte.

Verärgert stand Timo auf und ging die paar Schritte zu seinem PC hin, um ihn einzuschalten, mehr um von Martin Abstand zu bekommen, als weil er in dem Moment daran arbeiten wollte. "Ich will, dass er mein Freund wird und nur noch mich im Kopf hat, weil ich mich in ihn verliebt habe", knurrte er bissig und log dabei in keiner Weise. "Ist es das, was du hören willst?"

"Natürlich nicht." Martin zog die Brauen zusammen und lehnte sich ein wenig vor, die Ellbogen auf den Knien abgestützt. Angespannt sah er zu ihm hin. "Ist es das? Bist du wirklich in ihn verliebt? Verdammt, wieso? Er ist ein komischer Hippie, der nicht mal ein vernünftiges Rad hat und seltsame Jacken trägt!"

"Ich glaube, du bist aufgewärmt genug", gab Timo kühl zurück und schimpfte sich einen Volltrottel, dass er Martin mit hatte hochkommen lassen. "Du kennst ihn nicht und legst dir überhaupt alles immer nur so zurecht, wie du es willst."

"Das heißt, du bist nicht in ihn verknallt?"

"Das heißt, dass es verdammt noch mal keine Rolle spielt! Martin, du solltest wirklich gehen und am besten nicht mehr wiederkommen." Gleich taten Timo seine harschen Worte schon wieder leid, und sanfter fügte er hinzu "Wir sind nicht mehr zusammen und werden auch nicht mehr zusammen kommen. Du bist ein wunderbarer Mann, du solltest dich nach jemandem umsehen, der deine Gefühle erwidert. Ich bin das nicht."

Martins Schultern verspannten sich, dann stand er auf und lächelte angestrengt. "Ich will niemand anderen. Aber ich lass dich jetzt allein, nicht, dass du dich noch belästigt fühlst."

Timo brachte ihn noch zur Tür, wo Martin ihn erneut umarmte, um ihm dann ins Ohr zu sagen "Ich ruf dich an. Tschüss, Hübscher." Noch ehe Timo etwas erwidern konnte, hatte er ihn auf den Mund geküsst, losgelassen und war in den Hausflur getreten.

"Das tust du nicht!" Timo schloss die Tür zu heftig hinter ihm und lehnte sich dann frustriert gegen das glatte Holz. Martins Lippen hatten sich gut angefühlt, besonders weil er sich einsam vorkam und es auf Weihnachten zuging. Aber er durfte das nicht zulassen. Er liebte ihn nicht. Im Gegenteil musste er ihn das nächste Mal einfach abblitzen lassen. Auflegen, wenn er anrief, ihm die Tür vor der Nase zuschlagen, wenn er ungebeten vorbei kam. Es war besser. Für sie beide. Wie konnte man nur so stur sein?

Langsam ging er in sein Zimmer zurück, warf dem Tee und den Plätzchen auf dem niedrigen Glastisch einen missmutigen Blick zu und setzte sich dann an seinen Computer. Aber statt noch weiter über die ärgerliche Situation mit Martin nachzugrübeln, wanderten seine Gedanken zu Raine zurück. Träumend starrte er den Bildschirm an und sah die kräftigen Händen wieder so sicher über die Gitarrenseiten gleiten, hörte seine warme Stimme und fühlte das Erschaudern in sich, wenn er daran dachte, wie ihn die grünbraunen Augen hin und wieder angeschaut hatten.


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