Das Weihnachtsspiel 3

 

Das Weihnachtsspiel

3.

Raine genoss es, die zweite Dezemberwoche herrlich zu vergammeln. Die Uni lief nur auf halber Tour, einige Lehramtssportler hatten Prüfungen, aber die Leute, die auf Diplom studierten, so wie er, hatten frei. Er hatte zuviel gearbeitet und durfte nicht noch mehr Überstunden in dem Buchladen sammeln, um nicht über die Verdienstgrenze für Studenten zu kommen. Also hatte er auch von der Seite Ruhe. Seine Mutter war auf eine Selbsterfahrungsgruppe zu einem indischen Guru in die Schweiz gefahren, so dass als einzige beide Nervensägen Dieter mit seinem Stück und seinen Plänen, Raine für das Bühnenbild und dessen Herstellung einzuspannen, und natürlich Marie überblieben.

Früher wäre Raine sicherlich mit Marie ins Bett gegangen, für beide mit Spaß verbunden und es dann ohne sonderlich große Gedanken wieder sein gelassen. Aber gerade mit den Lehramtsstudentinnen hatte Raine die Erfahrung gesammelt, dass das freie Liebe Konzept bei ihnen nicht sonderlich gut ankam, und auch Marie schien etwas mehr als nur Spaß vorzuschweben.

Raine hatte sich deswegen für die Theaterprobe am Mittwochabend vorgenommen, ihr zu sagen, dass er sich ganz und gar nicht für sie interessierte, auch wenn sie eine tolle Frau war. Der Plan fiel ins Wasser, weil Marie sich krank entschuldigen ließ. Sie hatte Fieber und kaum Stimme und wollte deswegen sogar zum Arzt.

Seine Hoffnung, dass er dann also um eine Probe an dem kalten Tag herum kam, wurde von Dieter sofort zunichte gemacht, als er mit der freudigen Nachricht zur Bühne kam, auf der fleißig von Waldorfschülern an dem Bühnenbild samt Kitschtannenbaum gepinselt wurde.

"Komm schon, Sommertraum, du hast viel mehr Text als Marie. Sie muss eigentlich mehr die Arme ausbreiten, dich anstrahlen und hin und wieder nicken."

Raine ließ sich neben Timo auf dem Bühnenrand nieder. "Ich find es nicht gut, mir mit meinem zweiten Vornamen zu kommen. Der Trick ist von Klara, und eigentlich steht ihre Geheimwaffe dir nicht zu", nölte er. "Was soll ich denn ohne Dialogpartnerin machen?"

Dieter strahlte und breitete die Arme aus. "Du übst mit Timo, ist doch klar!"

Timo hatte gerade mit einem Kichern gekämpft, als er begriffen hatte, dass der arme Raine wirklich mit 'Sommertraum' als Namen gestraft und das nicht nur ein Tick seiner Mutter gewesen war, als es ihm auch schon im Hals stecken blieb. "Mit mir?" Er starrte Dieter an und fürchtete sich mit einem Mal. Wie sollte er ausgerechnet diese Szene mit Raine üben? Sie wimmelte nur so vor romantischem Unsinn! Und dann stand auch noch ausgerechnet der Kuss an! "Aber ohne Küssen!"

Raine lachte laut los, warf sich auf Timo und presste seine Hand auf dessen Mund, um wiederum seinem Handrücken einen saftigen Kuss aufzudrücken. "Zu spät!", johlte er albern und hopste von der Bühne. "Gut, überredet", wandte er sich an Dieter. "Ich geh schnell noch pinkeln, dann können wir anfangen. Einverstanden, Timo?"

Timo hatte grollen wollen, musste aber dann doch lachen, selbst wenn die Berührungen ein sprudelndes Kribbeln wie von zu viel Sekt in seinem Bauch hinterlassen hatten. "Verschwinde schon, ich werde dich kaum zurückhalten und dann für ein Unglück auf der Bühne verantwortlich sein."

Raine genoss es, mit Timo zu proben, denn er verlieh der Rolle eine unbewusste Lebendigkeit. Maries Engel hatte immer platt und zuweilen sogar schier lüstern gewirkt, sie war viel zu drängelig auf ihn zugekommen. Timo hingegen sprach leise und legte an den richtigen Stellen die Sorte bittersüßes Bedauern in seine Stimme, die einigen älteren Damen sicherlich die Tränen in die Augen getrieben hätte.

Es fiel Raine gar nicht schwer, ihn wie vom Skript verlangt in die Arme schließen zu wollen, so liebens- und beschützenswert stand der dunkelhaarige Junge dort vor ihm. Natürlich ließ er es bleiben. Aber das helle Gesicht, die Art, in der Timos Augen suchend über ihn huschten, wie sie Raines Augen bewusst mieden und die Art, wie sofort eine Abwehrhaltung aufgebaut wurde, wenn Raine auch nur einen halben Schritt in Timos Richtung trat, reizte ihn auf eine Art, die er noch nicht kannte. Nicht freundschaftlich oder auf Sex aus, sondern mildes Verlangen begann in ihm. Verwirrt und sich nicht sicher, ob er das wollte, verwies Raine diese Gefühle und brach die Probe nach zwei Stunden ab.

Timo dankte allen Göttern und guten Geistern dafür, denn er war sich nicht sicher, wie lange er das noch ertragen hätte. Raine wirkte einfach zu ernst dabei, zu sehr, als würde er all das meinen, was er sagte, und Timo wusste doch nur zu genau, dass es einfach die Rolle war, die er spielte. Es machte es so schwer, dass er sich von Herzen wünschte, es wäre anders, dass er wirklich ein Engel für Raine sein könnte, dass Raine ihn so ansehen würde und nicht die Figur, die er darstellte. Auch wenn der Text anderes vorsah, konnte er nicht zu viel Nähe gestatten, denn wenn Raine ihn wirklich in die Arme schließen würde, wusste Timo, dass er sich viel zu sehr an ihn schmiegen würde, und wünschen und träumen, dort für immer bleiben zu können. Aber das ging nicht. Wenn Marie in all den vergangenen Proben genauso empfunden hatte wie er jetzt, konnte sie ihm nur leid tun, denn sie hatte das viel öfter über sich ergehen lassen müssen.

"Du bist gut." Unsicher sah er ihm kurz ins Gesicht, versuchte ein Lächeln, um seine Worte nicht zu schwer klingen zu lassen. "Man glaubt dir wirklich alles, wenn du es einem mit diesem Blick sagst."

"Das kann man dir auch vorwerfen, Timo", sagte Raine mit einem kleinen Seitenblick und schlang sich den Schal um den Hals. "Jedenfalls bist du engelhafter als Marie."

Dieter redete im Hintergrund mit den Leuten, die das Bühnenbild bemalt hatten und nun auch ihre Pinsel und Farbtöpfe zusammen räumten, dann winkte er Raine und Timo zu. "Bis Dienstag dann! Denkt dran, dass wir wie im letzten Jahr zum Weihnachtsmarkt gehen!"

Raine seufzte und streckte sich einmal, dann berührte er Timos Schulter kurz. "Danke, dass du eingesprungen bist, Timo. Wir sehen uns ja Dienstag." Rasch sprang er von der Bühne und half den Bühnenbildnern noch dabei, die breiten Sperrholzteile zur Seite zu tragen, bevor er zu seinem Fahrrad ging.

Timo fühlte sich ein wenig, als würde er schweben, als er mit einem Lächeln half, die Farbeimer in den Nebenraum zu bringen, bevor er selber zu seinem Fahrrad ging. Engelhaft hatte Raine ihn genannt. Das hieß zwar leider noch gar nichts, aber es reichte, um ihn glücklich zu machen. Mehr würde er von dem anderen Mann ohnehin wohl nie bekommen.

 

Das Gefühl hielt nicht lange, denn Timo musste noch vor Weihnachten ein Referat halten und war nervös deswegen. Zudem rief Martin mehrfach an, ohne sich davon beeindrucken zu lassen, dass Timo kurz angebunden war und beim dritten Mal einfach auflegte, nachdem er mitbekommen hatte, wer es war. Dafür freute er sich dann umso mehr auf die Chorprobe, die dieses Mal ja durch den Weihnachtsmarkt ersetzt wurde. Er würde Raine wiedersehen und konnte vielleicht ein wenig dieses Gefühls des Schwebens zurückholen.

Er schwänzte den Kurs vor der Probe und fuhr gleich nach Hause, um sich dick einzumummeln, mit einem Paar langen Unterhosen unter der schwarzen Jeans, einem blaugrauen Rollkragenpullover und seiner dicken, blauen Daunenjacke. Auf die Mütze verzichtete er, um ein wenig hübscher für Raine zu sein, aber er wickelte seinen gestreiften Schal mehrfach um seinen Hals und steckte die passenden Handschuhe in die Taschen.

Dieses Mal nahm er die U-Bahn zur Uni zurück, denn er wollte nicht angetrunken auf den zum Teil glatten Straßen Fahrrad fahren, und den einen oder anderen Glühwein würde es mit Sicherheit geben. Timo war nur froh, dass es dieses Jahr ein richtiger Winter war und kein verlängerter matschiger Herbst wie im Vorjahr.

Am Brunnen am Rand zum Weihnachtsmarkt hatten sich schon die meisten versammelt, auch Annette stand schon fröstelnd die Hände in ihrem braunen Mantel vergraben am Treffpunkt, und zu ihr gesellte sich Timo dann auch, nachdem er gleich gesehen hatte, dass Raine nicht anwesend war. Sie begrüßten sich mit einer Umarmung.

Raine ging zu Fuß, weil seine Wohnung nicht weit vom Glühweinmarkt entfernt in einer Seitenstraße der Altstadt gelegen war. Schon von Weitem sah er Timo mit Annette stehen und war nicht auf das freudige Sprudeln in sich gefasst, das in dem Augenblick begann, in dem Timo sich halb zu ihm drehte und ihm dann zuwinkte. Mit schnellerem Schritt ging er über den Platz zu ihnen, die Hände tief in die Taschen seiner grün und rot gestreiften Jeans vergraben. Seine dicke Jacke hatte er offen stehen lassen, um Platz für den schwarzen Rollkragenpulli zu lassen.

"Na? Noch gar nichts Heißes zwischen den kalten Flossen? Wollen wir nicht schon mal einen Becher von dem Zeug ergattern?" Zügig strebte er den Stand der Biobauern an, um sich heißen Met zu kaufen, wie er es am Wochenende zuvor schon mit Freunden vom Studium getan hatte.

"Wir haben auf die Nachzügler wie dich gewartet", neckte Timo ein wenig und zog Annette am Arm mit, als er Raine folgte. "Komm, ich spendier dir einen", sagte er leise zu ihr, weil er wusste, dass sie gerade jeden Cent fünfmal umdrehen musste. Dankbar drückte sie seine Hand, ehe sie ihn losließ und Timo zwei Becher Met orderte.

Die Runde wurde lustig und feuchtfröhlich, weil Dieter und zwei andere von den älteren Chormitgliedern jeweils etwas ausgaben. Nach zähen Verhandlungen bekam Dieter sogar einen Massenrabatt bei einem Stand, den Besitzer erfreuten sie dann auch gleich mit einem Lied nach Wunsch. Auf dieses folgten noch einige Wünsche und sogleich gab ein Spaßvogel einen Hut herum, worauf die Chorgemeinde sich von den Spenden noch einen Glühwein genehmigte, und im Folgenden fiel die Probe aus feuchtfröhlichen Gründen aus.

Raine genoss es, Timo einmal ausgelassen sehen zu können, und er fand es erfrischend, wie der androgyne Junge mit der weichen Singstimme immer selbstbewusster auf die Neckereien der anderen reagierte. Annette insbesondere schien er gern zu haben, so dass Raine schon dachte, aus den beiden könnte eigentlich ein gutes Paar werden. Der Gedanke weckte Eifersucht in ihm.

Allerdings fiel ihm der merkwürdige Typ wieder ein, der Timo bei dessen Wohnung abgefangen hatte. Hinterlistig fragte er bei passender Gelegenheit dann auch, ob Timo genau wie viele mit nervenden Mitbewohnern zu kämpfen hatte.

Durch den Alkohol mutiger geworden sah Timo Raine schon ein wenig zu direkt in die Augen, aber er mochte es so gerne, ihn anzuschauen, dass er die Bedenken beiseite schob. "Nein, ich habe zum Glück eine Wohnung für mich allein. Sie ist nicht groß, aber mit Badewanne und Balkon sogar. Wohnst du in einer WG?" Es würde zu Raine passen, eine große WG wie Annettes, aber eher gemischt, nicht nur Männer oder nur Frauen. Er musste grinsen. Obwohl, nur Frauen würde Raine bestimmt gefallen.

Raine studierte Timos Augen einen Moment lang und schüttelte dann den Kopf. "Nope. Ich bewohne die Dachwohnung über dem Aquarius, kennst du den Laden?"

Timo schüttelte den Kopf, während ihm bei dem direkten Blick genauso warm wurde wie von dem Glühwein. Es ging sogar noch tiefer, bis ganz weit in seinen Bauch und seine Brust. "Sagt mir nichts. Klingt nach irgendwas Esoterischem."

Raine lachte auf und stupste Timo mit der Schulter an. "Ein Buchladen, er gehört zur Hälfte meiner Mutter. Noch Fragen?" Er reckte den Hals, weil Dieter gerade begann, sich von allen zu verabschieden. Einige der anderen sprangen sofort auf die Abschiedsrunde auf, und ein allgemeines Drücken und Umarmen begann.

Timo grinste, als er an Klara dachte, die nun wirklich Hippie in Reinkultur war. "Nein, Euer Ehren."

Annette verabschiedete sich auch, und er befand, dass sie niedlich war, leicht beschwipst mit roten Wangen und ebenso roter Nase, was genauso von der Kälte wie vom Alkohol kam. Sie umarmten sich, und sie bedankte sich noch einmal für den Met, ehe sie bei einer Freundin untergehakt mit dieser zur nächsten U-Bahnstation ging. Timo sah ihr kurz hinterher, ehe er sich wieder zu Raine umwandte. "Gehst du jetzt auch nach Hause?"

Nach einem Blick über den noch immer recht überfüllten Weihnachtsmarkt nickte Raine und stülpte sich eine gehäkelte Mütze auf die Haare. "Hey, hast du Lust, noch auf ein Stündchen mitzukommen und eine Runde mit mir Gitarre zu spielen?" Hoffnungsvoll sah er in Timos Gesicht.

Einen Moment lang konnte Timo nicht antworten, so nahm ihn der Blick gefangen. "Aber ich hab meine Gitarre doch gar nicht dabei", antwortete er dann atemlos und ärgerte sich sofort darüber. Doch besser wäre es wohl, wenn er sich fern hielt. Er begann sich immer mehr und mehr zu verlieben, und das war nicht gut für ihn. Gleich schob er die Vernunft jedoch beiseite. Raine wollte mit ihm zusammen sein, und das war schön, egal auf welche Art. "Wir könnten uns höchstens abwechseln", sagte er und lächelte. "Oder ich singe nur."

"Timo!" Martins Stimme ließ ihn zusammenzucken und riss ihn aus diesem gerade einsetzenden Traum. Er zog ein wenig die Schultern hoch und drehte sich zu der angespannt fröhlichen Stimme um. Martin schob sich an einem diskutierenden Pärchen vor dem Glühweinstand vorbei und kam direkt auf ihn zu. "Schön, dich hier zu treffen." Er strahlte ihn an und umarmte ihn gleich, etwas vorsichtig wegen seines Glühweins, auch wenn Timo sich sträubte.

/Verdammt, muss das sein? Ausgerechnet jetzt?/, dachte er gepeinigt. Er biss sich auf die Unterlippe und wand sich sofort aus den besitzergreifenden Armen frei. "Lass das", zischte er leise und drehte sich mit einem schalen Lächeln zu Raine. "Raine, das ist Martin. Martin, Raine." Er warf Martin einen scharfen Blick dabei zu, den dieser jedoch vollkommen ignorierte, als er Raine zunickte.

Etwas kühles und irgendwie ekelig wütendes griff nach Raine und ließ ihn einen Schritt dichter zu Timo und dem blondierten Affen treten. Komischerweise hatte er doch wegen dem noch vor nicht allzu langer Zeit neugierig gefragt.

"Timo, willst du dann hier bleiben? Das fände ich natürlich schade", meinte er mit einem scharfen Blick, der sich zwischen dem gebräunten Gesicht von Martin und Timos dagegen noch bleicher wirkenden abweisenden Miene hin und her bewegte. Zugleich mit seinem Ärger fiel Raine auf, dass Timo verdammt hübsch war. Er fragte sich, wieso es ihn so dermaßen nervte, dass dieser Kerl Timo angrapschte und freute sich auch wieder darüber. Immerhin kam nun wider Erwarten heraus, dass Timo ebenfalls an Männern interessiert war. /Bestimmt ist er bi, von Martin zu Annette. Interessant./

"Frank und Matze sind auch da", sagte Martin drängend, und Timo wusste, was er damit bezweckte. Er wollte ihm das Gefühl der Sicherheit geben, dass sie nicht allein waren, und zudem mochte Timo die beiden. Die Hoffnung und gleichzeitig Besorgnis in Martins Augen rührten ihn an und regten ihn ebenso auf. Sehr offensichtlich war er doch mit Raine hier! Und warum hatte der so halb eingelenkt und ihn beinahe schon abgeschoben? /Hat er nicht! Er hat gesagt, dass er es schade fände. Wäre es dir lieber gewesen, er hätte dich gepackt und zu sich nach Hause mitgezogen?/ Martin hätte das getan, zumindest sehr deutlich die Besitzansprüche klargemacht. Aber Raine war nicht Martin, und außerdem… und außerdem wollte er nichts von ihm.

Beinahe ließ ihn der Gedanke schwanken, doch das Aufleuchten in Martins Augen, der wohl irgendetwas an seinem Gesicht davon hatte ablesen können, brachte ihn zur Besinnung. "Frank und Matze kann ich auch noch ein anderes Mal sehen. Ich bin mit Raine hier, und wir wollten gerade gehen." Er sah zu Raine hoch und bemerkte erst jetzt, dass dieser dicht zu ihm getreten war. Bei Timos Worten hellte sich zudem die gerade noch düstere Miene auf und brachte Timos Herz zu einem kleinen, aufgeregten Schluckauf. "Gehen wir, Raine? Mir ist kalt."

"Klar." Raine ging einige Schritte, bis sein Misstrauen und die Eifersucht abgekühlt waren, dann meinte er mit gewohnt fröhlicher Stimme "Am besten wir gehen gleich hier in die Nebenstraße. Das ist zwar ein Umweg, aber nicht so bevölkert. Ich denke, dass wir so schneller voran kommen." Unsicher warf er einen kleinen Seiteblick auf Timo, dann fügte er leiser an "Ich habe drei Gitarren, also kann ich dich sowohl spielen als auch singen hören. Hab ich dir den Abend mit dem Macker versaut, Timo?"

Timo schnitt eine unglückliche Grimasse, dennoch froh darüber, dass Raine sein Schwulsein so locker nahm, wie sein Aussehen es vermuten ließ. "Du hast mich eher gerettet. Martin ist mein Exfreund, aber er übersieht das Ex immer sehr gerne, auch wenn wir schon seit drei Monaten getrennt sind." Er zog den Kopf ein wenig zwischen die Schultern. "Ich mag ihn gern", versuchte er zu erklären. "Und hab versucht, ihn nicht noch mehr zu verletzen. Aber das klappt wohl nicht. Ein Nein hat er schon immer schlecht verstanden."

"Offensichtlich." Raine hatte gar nicht so sarkastisch klingen wollen und hielt den restlichen Weg bis zu dem alten Fachwerkhaus, in dem auf zwei Etagen der Buchladen und das kleine Künstlercafé untergebracht waren, die Klappe. "Hier arbeitet meine Mutter, genau wie ich gelernte Buchhändlerin. Mir hat das erst nicht gereicht, und ich dachte, dass ich studieren muss, um glücklich zu werden." Raine entriegelte die schwere Holztür. "Aber allmählich bin ich fast der Meinung, dass es mir doch reichen könnte. Die Studenten sind echt spießiger, als ich dachte."


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