Das Weihnachtsspiel 4

 

Das Weihnachtsspiel

4.

Raine führte Timo die schmale Holzstiege bis zum Dachgeschoss hoch und öffnete seine Wohnungstür, die er zum Schutz vor Zugluft von innen noch mit einem schweren indischen Teppich verhängt hatte. "Hier wohne ich. Es sind effektiv irgendwie sechs oder sieben Zimmer, aber alle so klein und winkelig, dass ich es immer als Einzimmerdachbodenwohnung bezeichne." Raine zog sich die Schuhe aus und bat Timo "Such dir Puschen raus, ich mag es lieber, wenn du die Schuhe hier draußen im Regal lässt."

Neugierig sah Timo sich um, während er die Jacke an einen Garderobenständer hängte und den Schal in einen Ärmel stopfte. Es war farbenfroh, genau wie Raine. Überall standen irgendwelche kleinen Gottheiten herum, die Einrichtung wirkte zusammengewürfelt und damit schon wieder passend, bunte Schals und Tücher und ebenso bunte Bilder verdeckten einen Teil der Wände. Timo schlüpfte aus den Schuhen und wählte dunkelblaue Samtpantoffeln mit einer bunten Sonnenstickerei. Glucksend wackelte er mit den Zehen. "Süß hast du es hier, wirklich."

"Ich mag es. Habe hier in meinem kleinen Gästezimmer sehr häufig auch mal Besuch, nicht selten hinterlassen die Leute ihre persönliche Note. Lass uns in das Wohnzimmer gehen, das ist der einzige wirkliche Raum." Raine ging vor und zeigte die Tür zum kleinen Bad und wies auf die zumeist offenen Durchgänge zu den zwei Zimmerchen hin, die kaum zu möblieren waren, weil die Schrägen so ungünstig lagen.

Das Wohnzimmer war mit zwei dicken Couchen unter buntbestickten Überwürfen und einem niedrigen Holztischchen aus Indien zwar ebenfalls fast voll, aber hier konnte man wenigstens überall gut stehen. "Hier sind die Gitarren, such dir einfach eine aus. Ich mach uns einen Tee... magst du Chai?"

Timo lächelte. "Keine Ahnung, aber lass es mich herausfinden. Warm und Tee ist auf jeden Fall schon mal gut." Er hob eine der Gitarren von ihrem Ständer, um die Seiten anzuschlagen und herauszufinden, ob er sie mochte, doch er war nicht ganz bei der Sache. Spießige Studenten, hatte Raine gesagt, und so, wie er eingerichtet war, zählte Timos Wohnung und er selber bestimmt mit dazu. Selbst wenn er also nicht hetero wäre, würde Timo wohl kaum eine Chance bei ihm haben.

Samt Gitarre setzte er sich auf das gemütliche, ausladende Sofa und stimmte nach. In Gedanken versunken spielte er improvisiert vor sich hin, während er auf die Geräusche lauschte, die Raine in der Küche machte, den ganz speziellen Duft genoss, in den sich Räucherstäbchen und irgendwelche exotischen Gewürze mischten, und einfach die angenehme Atmosphäre dieser Wohnung auf sich wirken ließ, in der er sich gleichermaßen willkommen und wie ein Eindringling fühlte.

Raine war nicht ganz bei der Sache, während er Milch mit Gewürzen und Teemischung aufkochte und Ingwer vorsichtig bemessen hinein raspelte. Timos Gesichtsausdruck, als er sich aus Martins Arm gewunden hatte, stand ihm deutlich vor Augen. /Ob er sich ungern in der Öffentlichkeit anfassen lässt? Wenn er mein Freund wäre... Sommertraum, du Idiot, wenn... als ob Timo so einen ausgeflippten Typen auch nur fünf Minuten aushalten würde!/

Fast wäre ihm die Milch übergekocht, und Raine versuchte, sich von den ungewohnten Gedanken an seine Wünsche Timo betreffend zu befreien. Er war nicht so ernsthaft, und er wollte Timo nicht verletzen. Das wäre aber sehr wahrscheinlich, wenn er im nächsten Sommer noch einmal reisen würde. Nach Indien vielleicht oder nach Australien und Neuseeland, in die USA, wo seine Mutter Kontakte aus ihren Hippietagen hatte. /Ich werde ihn einfach ein wenig um mich haben und genießen, dass ein so hübscher Junge mich mag, dann werde ich ihn irgendwann mit meiner direkten Art sicherlich vor den Kopf stoßen, und das war es dann./

"So, hier ist der Tee. Tut mir leid, dass es so lang gedauert hat, Timo." Vorsichtig stellte Raine die bauchige Tasse vor seinem schüchternen Besuch ab und ließ sich neben ihn nieder. "Diese Gitarre heißt Moonstar und gehörte meiner Mutter, weswegen sie so angeschrammt ist."

Timo strich einmal über das zerkratzte Holz und legte sie dann erst einmal beiseite. "Sie klingt, als hätte sie eine Geschichte zu erzählen. Danke für den... Chai. Riecht gut. Deine ganze Wohnung riecht so interessant." Er beugte sich vor, umfasste die Tasse und genoss die Wärme, die noch immer nicht wieder ganz in ihn zurückgekehrt war. Mit geschlossenen Augen sog er den Duft ein, ehe er einen vorsichtigen Schluck nahm und gleich darauf lächelnd zu Raine hinsah. "Und schmeckt auch gut."

"Schön, dass du ihn magst." Raine nippte einen Schluck, dann nahm er sich Moonstar und begann, einige der Lieder zu spielen, die er auswendig kannte. Ihm war danach, mit Timo zusammen zu sein, aber er hatte Angst davor, etwas falsches zu sagen oder zu tun. Gitarre zu spielen und zu singen, erschien ihm ungefährlich.

Als Timo eines der Lieder wiedererkannte, begann er erst leise, dann voller mitzusingen. Singen konnte er, dafür schämte er sich auch nicht, nicht einmal vor Raine. Und es machte Spaß, ihm zuzusehen, wie er spielte, bereitete ihm ein warmes Kribbeln im Bauch, wann immer der andere aufsah und ihre Blicke sich trafen, und ab und an konnte Timo nicht anders, als dann zu lächeln.

Nachdem er seinen Chai ausgetrunken hatte, stellte er die Tasse weg und angelte er sich selber eine Gitarre, um Raine zu begleiten, was manchmal etwas eigenartig klang, wenn er das Stück nicht kannte und improvisieren musste, aber es hörte sich eigentlich immer gut an. Bei etwas Anspruchsvollerem vergriff er sich schließlich jedoch mehrfach hintereinander in den Tönen und gab lachend auf.

Nach mehr als zwei Stunden war Raine sich sicher, dass er es einfach sagen musste, um nicht zu platzen. Bei Timo hatte er die Angst, dass er ihn verletzten könnte, überwunden, und so meinte er, nachdem er die Gitarren weggeräumt hatte "Weißt du, ich kann echt verstehen, wieso der blonde Typ so einen Aufstand macht. Du bist es wirklich wert, dass man sich für dich zum Trottel macht."

Unglücklicherweise konnte Timo rein gar nichts dagegen tun, dass ihm das Blut in die Wangen schoss und fragte sich im gleichen Moment, ob das hieß, dass Raine vielleicht doch zumindest bi und an ihm interessiert war. /Ach was, das sind nur die Nachwirkungen von Met und Glühwein und die nette Atmosphäre hier. Oder er meint es unschuldig, und ich hoffe auf zu viel. Und wenn nicht? Aber er hält dich für spießig und verklemmt. Wenn, dann will er bestimmt nur eine nette Affäre, aber dafür bin ich nicht der Typ, und... Hör auf zu versuchen, seine Gedanken zu denken!/

Mit einem verlegenen Lächeln, noch immer glühenden Wangen und zu schüchtern, um Raine anzusehen, murmelte er "Danke." Rasch rieb er sich mit beiden Händen über das Gesicht, was nicht viel half. /Außerdem will er bestimmt jemanden, der so gelassen ist wie er./

Unsicher stand er auf und zog den graublauen Rollkragenpullover zurecht. Das Wegräumen der Gitarren hatte auf einen sanften Hinweis hingedeutet, es wurde ohnehin spät, die U-Bahnen fuhren seltener. Und außerdem wusste Timo nicht, ob er jetzt noch so entspannt wie vorher bei ihm sitzen konnte.

Raine seufzte und legte den Kopf schief, um auf Timos zum Fußboden gewandtes Gesicht zu sehen. "Hey, tut mir leid. Ich bin immer so direkt, und du bist so... keine Ahnung. Ich wollte dir nicht zu nahe treten." Aber es war schon zu spät, Timo war verunsichert und schien mit roten Wangen auch nicht mehr zu einer Antwort bereit, die sich auf das Thema Exfreund bezog. Raine blieb nichts weiter übrig, als sich von ihm zu verabschieden und sich dann auf die nächste Probe mit Timo zu freuen.

Die Hände tief in den Taschen vergraben und mit einem Kopf, der sich anfühlte, als sei er mit Zuckerwatte gefüllt, trottete Timo durch das Schneetreiben zur nächsten U-Bahn-Station hin. Ganz sicher hatte er sich verhalten wie ein Idiot, aber ihm fiel auch jetzt nicht ein, wie er es hätte anders machen können. Ja, wenn er nicht diese dumme Angewohnheit hätte, bei jedem unerwarteten Kompliment rot zu werden, wäre es etwas anderes gewesen. Dann hätte er sich cool bedanken und lächeln können und... Aber er konnte nichts dagegen tun, und Martin hatte das süß gefunden. Raine hingegen... Wer wusste schon, was Raine dachte. /Oh Mann, ich würde eine ganze Menge dafür geben, um es zu erfahren. Das ist sicher./

 

Timo fürchtete sich vor der nächsten Theaterprobe und davor, dass Dieter ihn wieder als Übungspartner für Raine auf die Bühne schicken konnte. Doch halb zu seiner Erleichterung, halb zu seiner Enttäuschung hörte er bereits Maries Lachen, noch bevor er den Theaterraum der Uni betrat.

Er warf seine braune, fellgefütterte Cordjacke zu dem Stapel der anderen, die sich über ein paar Stühle im Eingangsbereich verteilten, stellte seine Tasche daneben und holte dann bedächtig das Skript heraus, um noch ein paar kostbare Momente zu gewinnen, ehe er sich Raine stellen musste. Seit dem netten Abend hatten sie sich nicht mehr gesehen, und Timo wusste nicht, wie er sich verhalten sollte oder wie Raine sich verhalten würde.

Schließlich richtete er sich mit einem tiefen Durchatmen auf und drehte sich entschlossen um. Raine stand bei einer Gruppe vor der Bühne, zu der auch Marie gehörte, die viel zu dicht zu ihm aufgerückt war, was Timo einen kühlen Stich bescherte. Doch dann trafen sich ihre Blicke, sofort fingen die Schmetterlinge in Timos Bauch aufgeregt zu flattern an, und er musste lächeln.

Es war schwer gewesen, das Bild von Timo, lächelnd in die Musik versunken, wieder zu vergessen. Wieso musste der Junge auch nur so unglaublich hübsch auf den zweiten Blick sein und dann auch noch so unverschämt schüchtern. Raine konnte mit so etwas nur schlecht umgehen, und als Timo ihm nach einem überraschend direkten Blick in die Augen auch noch zulächelte, ärgerte Raine sich, dass Marie wieder gesund war. Sonst hätte er Timo gleich dort auf der Bühne schlicht geküsst.

Etwas anderes kam ihm aber zugute. Sie probten eine Szene, in der Raine erst mit drei Hirten reden und dann von der Bühne verschwinden sollte. Anstelle von der Bühne zu hopsen, wand er sich zu Timo in den Souffleurskasten mit hinein, der dank einer kleinen Leselampe nett warm war. Was Raine, der nur ein T-Shirt trug, angenehm fand.

"Na?" Er stupste Timo leicht an und ließ sich auf dem Boden neben ihm nieder.

Timo fühlte, wie ihm schon wieder wärmer wurde, doch einerseits würde man das dank dem dämmrigen Licht nicht sehen und zum anderen war es nicht so schlimm wie in Raines Wohnung. Aber dass dieser auch zu ihm gekommen war! Eigentlich sollte er aufpassen, es war nicht mehr weit zur Aufführung hin, und... und die Hirten hatten ihren wenigen Text noch nie vergessen. Er grinste. "Selber na", sagte er leise und freute sich über die Nähe in dem engen Kasten.

"Ich hab überlegt, ob ich mich mal bei dir melden soll." Raine beobachtete, wie Dieter mit den Hirten und einigen Helfern diskutierte, ob sie Schafattrappen auf der Bühne brauchen konnten. "Hätte ich das machen sollen?"

"Oh." Timo lächelte sein Skript an und blätterte ein wenig nervös zwei Seiten vor und eine wieder zurück. "Das wäre nett gewesen. Aber ich war ja nicht gerade... ermutigend, das letzte Mal. Tut mir leid, dass ich... dass ich so empfindlich bin."

"War es nur das?" Raine betrachtete Timos Gesicht nachdenklich. "Du bist so verdammt..."

"Raine? Wo steckst du? Ah, dort. Willst du die Szene mit Marie noch mal üben? Nächste Woche ist die Aufführung immerhin schon." Dieter war in die Hocke gegangen und strahlte sie optimistisch an.

"Klar will ich. Hilf mir mal raus. Wenn man erst mal zu Timo in die Kiste hier reingefallen ist, kommt man nicht mehr raus." Lachend halfen Dieter und Marie Raine dabei, aus dem Graben hochzuklettern.

Es wurde merklich kühler im Souffleurskasten, als Raine wieder draußen war. Timo ruckelte sich bequemer zurecht und wusste nicht, ob er erleichtert oder unglücklich darüber sein sollte, dass ihr Gespräch unterbrochen worden war. Andererseits gehörten solche Themen nicht auf oder vor eine Bühne und unter lauter Menschen, wie er befand, selbst wenn der Kasten ihnen eine gewisse Abgeschirmtheit gegeben hatte.

Verträumt beobachtete er, wie Raine und Marie die Schlussszene probten, wünschte sich an Maries Stelle, ohne vor aller Augen zu sein, und stellte nur am Rande fest, dass Raine sich nicht wirklich an den Text hielt. Doch der Sinn blieb erhalten, und mit Raines Worten klang es viel schöner, was er sagte. /Ob er noch Zeit hat im Anschluss? Und wenn ja, will ich das überhaupt? Gerade scheint alles so wunderbar zu sein, er wirkt... interessiert. Will ich das kaputt machen?/

Als sie die Probe für diesen Tag beendeten, aber für in zwei Tagen eine weitere ansetzten, war es leider nicht Raine, der ihm aus dem Kasten half, sondern einer der Hirten. Timo rollte sein Skript zusammen, beschloss, dass er sich nicht wie ein Teenager anstellen sollte und trat zu Raine und Dieter, die noch wild über irgendwelche belanglosen Formulierungen diskutierten, die Dieter nicht gefallen hatten.

"Magst du mit zu mir kommen?", fragte er schließlich, als sich die beiden ausgemährt hatten, und er seinen Mut zusammen genommen hatte. "Ich hab Pizza vorbereitet, die muss nur noch in den Ofen. Und da die Backbleche so groß sind, reicht das auch für zwei. Dann frier ich nichts ein heute."

Raine nickte und rieb sich den Bauch. "Klasse Idee, Timo. Aber... ich hoffe, ich mache keine Umstände, aber ich bin Vegetarier."

"Oh. Ah." Timo nickte. Das passte zu Raine, aber von allein wäre er nicht drauf gekommen. "Macht nichts, dann nehmen wir von der einen Hälfte die Salami wieder runter. Stört es dich, dass sie draufgelegen hat?"

"Na ja, geht vermutlich. Aber meinetwegen musst du dein Essen nicht aufgeben, Timo."

Natürlich wollte Timo das, und so folgte Raine ihm auf dem Rad in Richtung des Neubaugebietes in der Nähe der Uni. Ekeliger Schneeregen begann, und Raine war sich sicher, dass sein Pulli und sein T-Shirt durchnässt sein würden, wenn sie ankamen. Ärgerlich dachte er daran, dass er doch lieber die Jacke hätte nehmen sollen, auch wenn es trocken gewesen war, als er losgefahren war.

Timo hatte durchgefrorene Finger und kalte Beine, als sie schließlich bei ihm ankamen. Die Wollhandschuhe mochte er zwar, aber nass hielten sie absolut nicht warm. "Was für ein blödes Wetter", murrte er, als er die Tür in den Hausflur aufstieß und Raines Rad zu seinem dirigierte, um beide gemeinsam anzuschließen. Raines mochte alt und bunt sein, und Timo hatte nette Nachbarn, aber es war keine Hippie-Kommune. Er musterte Raine besorgt, dann entschied er "Ich gebe dir oben einen von meinen Pullis; ich hab noch so ein altes Schlabberding, das müsste dir passen."

Er lief in den zweiten Stock vorweg, schloss die Wohnungstür auf und trat gleich im kleinen Flur seine Schuhe von den Füßen, um in seine fellgefütterten Schlappen zu schlüpfen, ehe er seine nasse Jacke auf einem Bügel aufhängte. "Sehr unspektakulär, wenn man eine Wohnung wie deine gewohnt ist", erklärte er mit einem kleinen Lächeln. "Rechterhand das Bad, linkerhand meine Winzküche und geradeaus schon das Wohnzimmer."

Er ließ die Tür offen, als er in eben jenes ging und einen raschen Blick durch den Raum warf, um nach peinlichen Dingen Ausschau zu halten. Doch der Vorhang vor der Bettnische war vorgezogen, der Schreibtisch unter dem Fenster auf der rechten Seite war halbwegs ordentlich, und auch auf dem hellen Sofa lag außer den vier Kissen in verschiedenen Blautönen nichts herum. Timo ging zu der wuchtigen Kommode, die er statt eines Kleiderschrankes nutzte, und holte seinen grünen Schlabberpulli heraus, um ihn Raine zuzuwerfen, als dieser das Wohnzimmer betrat.

Raine zog sich den Pullover und das T-Shirt über den Kopf und hängte beides auf die Heizung. "Hast du mal ein Handtuch oder einen Fön, Timo? Meine Haare sind noch triefig." Die Wohnung war eigentlich genau, wie er sie erwartet hatte. Unspektakulär und schüchtern, genau wie Timo auf den ersten Blick eben auch war.

"Sicher." Für einen Moment blieb Timos Aufmerksamkeit an einer Tätowierung auf Raines linker Brustseite hängen, einer stilisierten, verschnörkelten Schildkröte. Erst, als ihm bewusst wurde, dass er zu starren begann, wandte er sich hastig errötend ab, um ins Bad zu gehen und ihm ein Handtuch zu holen.

Ohne dem trainierten Oberkörper einen zweiten, zu langen Blick zu gönnen, ging er dann in die Küche, um den Ofen vorzuheizen und gleichzeitig die Salami von der einen Seite der Pizza zu picken, dafür aber noch einen zweiten Käse hinzuzufügen. Als alles zu seiner Zufriedenheit gerichtet und die Eieruhr gestellt war, kam er ins Wohnzimmer zurück. Er musste grinsen, als er sah, dass der Schlabberpulli Raine gerade so passte, und das Bauchflimmern kehrte heftig zurück, als er daran dachte, wie es wohl sein musste, unter dem Pullover durch die Haare auf Raines Brust zu streicheln. "Die Pizza ist in der Röhre, jetzt musst du dich nur noch ein bisschen geduldigen. Magst du Rotwein?"

"Jupp, sehr gern sogar." Raine hatte in der Zwischenzeit seine Hose und die Haare mit dem Fön auf ein erträgliches Maß getrocknet und schabte sich nach einem gemütlichen Strecken unter dem Pullover über den Bauch, dann fragte er "Soll ich mal Teller und Gläser decken, die Flasche aufziehen?"

"Die Teller sind in der Küche, ich dachte, wir nehmen uns da und gehen dann erst rüber. So groß ist mein Tischchen nicht, dass das ganze Pizzablech draufpasst." Von dem Regal gegenüber dem Sofa, auf dem auch sein Fernseher stand, holte Timo eine Flasche Merlot und reichte sie Raine mit einem Flaschenöffner, ehe er noch mal in der Küche verschwand. Zusätzlich zu den Weingläsern brachte er zwei weitere und eine Flasche Mineralwasser mit. "Riecht schon lecker", verkündete er vergnügt.

Bis die Pizza auf dem Tisch stand, schaffte Timo es, Raine immer wieder zu entwischen. Vermutlich wollte Raine selber auch noch ein wenig Zeit, um sich zu wappnen. Immerhin war Timo der bislang ernsthafteste Flirt, den er jemals gestartet hatte. Für gewöhnlich kam er den Frauen oder Männern, an denen er interessiert war, mit der Hippieart und fragte, ob sie nicht unverbindlich ins Bett gehen konnten.

Er hatte trotz dieser Art am Anfang jedes Kennenlernens schon zwei längere Beziehungen gehabt. Beide mit ziemlich verrückten Frauen. Noch nie so ernsthaft mit einem Mann und noch nie war er so nervös dabei wie mit Timo.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh