Das Weihnachtsspiel 5

 

Das Weihnachtsspiel

5.

Endlich saß der dunkelhaarige Junge neben ihm, und die Pizza war in großzügigen Stücken auf ihren Tellern verteilt. "Gut, dann lass uns anstoßen. Worauf? Hast du einen Vorschlag?"

"Auf ein gutes Gelingen des Stücks, in das wir gerade so viel Arbeit reinstecken?", schlug Timo vor, was ungefährlich war.

Raine blickte auf den Wein, dann meinte er "Weißt du, ich mach da eigentlich nur so gern mit, weil du auch immer dort bist. Guten Appetit jedenfalls und vielen Dank für die Einladung."

Offensichtlich war es doch nicht ungefährlich, und Timo wurde wieder rot. Ob Raine aus allem ein Kompliment machen konnte? Aber auf jeden Fall war es eines, und warum sollte Raine derart oft so etwas sagen, wenn er nicht doch ein wenig interessiert war? Irgendwie war Raine ein Abenteuer, und Timo war sich mit einem Mal sehr sicher, dass es eines war, das sich zu erleben lohnte, selbst wenn es nicht zu dem Ausgang führte, den er sich erträumte. Auch wenn er noch immer rotgesichtig war, sagte er mit einem Lächeln "Dann sollten wir vielleicht darauf trinken, dass wir uns gegenseitig motivieren. Ich freu mich auch immer, vor den Chorproben und vorm Theater."

Das zu hören, machte Raine Mut, dass Timos Erröten genau wie seine Einladung am Abend Hinweise darauf waren, dass der schüchterne Kerl vielleicht doch einen leidenschaftlichen Menschen in sich versteckte, den er nur nicht zu zeigen wagte. Fraglich blieb natürlich, ob er ihn Raine einmal vorstellen würde.

Mit einem Mal wünschte Raine sich mehr und mehr, Timo einmal nicht errötend die Augen niederschlagen zu sehen, wenn sich ihre Blicke trafen. Aber sie beendeten das Essen, ohne die Unterhaltung auf Beziehungen oder dergleichen zurückzulenken. Stattdessen ging es um Fragen der Organisation an der Uni und in der Studentenvertretung. Langweilig, aber ein sicheres Pflaster, Timo wagte es sogar, Raine wieder einmal anzusehen.

Nach dem Essen füllte Raine sofort Timos Glas noch einmal und fragte "Und? Musst du nach der Aufführung dann nach Hause hetzen, um unter den Familienbaum zu kommen?"

Timo hatte sich wieder entspannt, wenngleich er das sichere Terrain bestimmt zum ersten Mal in seinem Leben bedauerte. Er schüttelte den Kopf. "Nein. Ich weiß noch nicht, was ich mache. Meine Mutter hat einen neuen Freund, und sie haben spontan beschlossen wegzufahren, was man ihnen nicht verdenken kann. Deswegen fahre ich halt nicht nach Hause." Nach einem kleinen Schluck Wein fügte er hinzu "Ich habe Weihnachten fast immer daheim verbracht. Irgendwie scheint das nicht meine Zeit für Freunde zu sein, was eigentlich schade ist. Und du? Feierst du wilde Parties außerhalb oder wilde Parties bei euch in der Kommune?"

Raine lachte und schüttelte den Kopf. "Nein. Wir stellen in der Scheune, wo wir unseren Gemeinschaftsraum eingerichtet haben, eine fette Tanne auf. Die wird im Forst zusammen geschlagen und am Dreiundzwanzigsten mit den Kindern der Kommune geschmückt. Meine Schwester Opal kommt bestimmt aus München hoch zu uns. Sie ist extrem unhippie geworden. Tja, dann essen wir ganz viel und trinken noch mehr und beschenken uns. Klingt ausgeflippt, gell?" Er studierte den Gesichtsausdruck von Timo, der schon wieder so viel Verletzlichkeit zeigte. "Willst du zu uns kommen, Timo? Wir haben genug Platz, du kannst sogar auf einem richtigen Bett übernachten. Meine Mutter und Dieter freuen sich über jeden Gast. Ich würde mich sowieso freuen."

Das Lächeln begann irgendwo in Timos Bauch und zog sich schließlich bis in sein Gesicht hoch, als er nickte. Alles, aber auch alles, was ihn Raine näherbrachte, machte ihn so glücklich, dass er es nicht beschreiben konnte. /Ich glaube, ich bin noch nie derart heftig verliebt gewesen/, erkannte er fast erschrocken. "Das wäre... wirklich schön. Mein größtes Weihnachten hat vier Personen umfasst. Meine Mutter und ihren Ex-Freund, dessen Tochter und mich. Da war ich sechzehn, und sie haben noch gehofft, dass ich mich vielleicht für das Mädchen begeistern könnte."

"Oh, da wirst du mit mehr Leuten rechnen müssen. Bis auf Nicole, die immer rumzankt, dass Weihnachten so bigott sei und deswegen mittlerweile irgendwie weg fährt, sind alle da. Das wären..." Die Augen verdrehend rechnete Raine nach. "Ach, mit den Kindern mehr als zwanzig Leute. Ich freu mich, dass du mit machen willst. Wünsch dir was."

Timo lehnte den Kopf nach hinten an die Lehne, schloss die Augen und zählte stumm für sich auf /Einen Kuss von dir, eine Umarmung, dass du mir lange in die Augen schaust und wir beide dieses wunderbare Kribbeln haben, dass ich mit dir morgens aufwachen kann, dass wir uns über die Zahnpastasorte zanken können, aber nichts ernsteres, dass wir einen Mittelweg finden können zwischen deiner und meiner Art zu leben.../ Er lächelte und sah zu wieder zu Raine hin. "Ein bisschen mehr Verrücktheit, glaube ich. Krieg ich die zu Weihnachten?"

"Ich pack sie dir in rosa Holzwolle ein." Timo hatte für einen Moment lang sehr intensiv nachgedacht, mit geschlossenen Augen und ganz offensichtlich waren auch ganz andere Dinge durch seinen Kopf gegangen, aber Raine spürte, dass er bestimmt noch nicht bereit war, sich wirklich preiszugeben. Mit einem Mal spürte er auch, dass er Timo viel zu gern hatte, um ihn zu erschrecken, um ihn zuerst im Bett und dann im restlichen Leben kennen zu lernen.

Timo lachte und trank noch einen Schluck Wein. "Und was willst du?"

"Einen Kuss." Das war natürlich schnell entschieden. Raine legte den Kopf schief. "Ich wünsche mir immer einen von Opal, weil sie so zickig ist. Dann wünsche ich mir auch einen von dir, weil du so schüchtern bist."

Erst war da wieder diese wunderbare Hitze, die durch Timo hindurch prickelte, doch dann kühlte sie ab, als Raine den Gedanken beendete. Irgendwie klang das falsch, als gäbe es keinen anderen Grund. Andererseits mochte das auch eine unverfängliche Art sein, Raine küssen zu können. Nur wollte er das gar nicht so. /Maaaaan, warum muss ich so kompliziert sein! Selbst wenn er sich für mich interessiert, hat er bestimmt bald die Nase voll von mir/, dachte er unglücklich. "Ist das dann ein Ritual von dir?" Er versuchte, sich die ungewünscht trübe Stimmung nicht anmerken zu lassen und sie zu verdrängen.

"Nein. Nur ein Wunsch. Du bist so hübsch anzusehen. Ich glaube, dass du auch gut zu küssen sein wirst." Raine lächelte, weil Timo schon wieder so misstrauisch blickte, als würde er eine Falle vermuten. Dann erhob er sich und nahm seine mittlerweile trockenen Sachen von der Heizung. "Ich geb dir mal den Pulli zurück, bevor ich aus Versehen damit nach Hause fahre", meinte er nach einem Seitenblick auf die angespannte Haltung seines Gastgebers. Vermutlich war es sehr gut, dass er achtsam war. Mit Timo konnte man sicherlich sehr leicht Fehler machen. Rasch zog er sich den Pulli über den Kopf und faltete ihn zusammen, bevor er sein T-Shirt auf links anzog, weil es ihm egal war, wie rum er es anhatte.

"Das wäre nicht schlimm. Und wenn dein Pullover bis nachher nicht trocken ist, kannst du ihn auch gerne mitnehmen. Nicht, dass du krank wirst, weil du in nassen Sachen fahren musst." Rasch schenkte Timo den letzten Rest des Weins in Raines Glas, weil er nicht wollte, dass der andere schon ging. /Immerhin findet er mich hübsch. Das ist doch schon mal etwas. Was erwartest du? Dass er dir hier und jetzt seine unsterbliche Liebe gesteht?/ Fast hätte er gelacht. Schade aber, dass er nicht mutig genug war, um ihm vorzuschlagen, dass sie das mit dem Küssen auch gleich hier ausprobieren könnten.

Als Raine sich wieder setzte, stand Timo auf, um die Rollläden vor den Fenstern runterzulassen, langsam, um für eine andere Frage Zeit zu gewinnen. "Sag... hm... bist du... schwul?" Hastiger fügte er hinzu "Oder einer von den idealdenkenden Hippies, denen das Geschlecht eigentlich ziemlich egal ist?"

Raine hob die Schultern. "Bis zu meiner längeren Reise dachte ich, dass ich beides mag und war mit ein paar Frauen zusammen. Auf Samoa hab ich dann einen Jungen kennen gelernt, in den ich mich verschossen hab und mit dem ich gern im Bett war. In die Frauen war ich jedenfalls nicht so verschossen wie in den. Aber ich habe mir nie wirklich Gedanken darüber gemacht. Klara hat sich immer gefreut, wenn ich mit einer Freundin nach Haus gekommen bin und sie hat sich gefreut, wenn es ein Freund war. Sie hat keinen Unterschied gemacht, ich mach das auch nicht. Sicher für das eine oder andere bin ich nicht. Aber du bist dir sicher, gell?"

/Noch nicht sicher? Oh nein... Also zum Ausprobieren möchte ich dann aber doch nicht herhalten. Aber er war in einen Mann verliebt, und nie in eine Frau./ Timo nickte zögerlich und drehte dann die Heizung um eine halbe Stufe herunter und gleich wieder herauf, ehe er sich erneut zu Raine setzte. "Ich war noch nie in eine Frau verliebt, hatte auch nie das Bedürfnis, einer näher zu kommen. Annette zum Beispiel ist eine ganz Liebe, und ein paar haben mich auch gefragt, ob da was zwischen uns ist. Aber ich bin nur mit ihr befreundet, ich kann mir nicht mal vorstellen, sie zu küssen und das irgendwie... nett zu finden."

Raine trank noch einen Schluck Wein und meinte "Das kann ich nachvollziehen. Es muss schon kribbeln, oder? Mit Annette ist es sicherlich nicht kribbelig genug für mehr als Freundschaft." Er stellte sein Glas ab und hakte einen Finger unter Timos Kinn und lehnte sich dichter. "Anders als bei dir übrigens. Aber du bist so schüchtern und... zerbrechlich. Bist sicherlich schnell beleidigt, oder?"

Das Kribbeln, von dem Raine sprach, setzte sofort wieder ein. Einen Moment lang war Timo versucht, den Kopf wegzudrehen oder sich ihm ganz zu entziehen, aber dann widerstand er dem Drang, denn es war so gar nicht das, was er wollte. Stattdessen erwiderte er den Blick, während sein Herz Salti schlug und irgendwelche verrückten Dinge mit seinem Magen anstellte.

"Ich weiß nicht, was du als schnell bezeichnest", flüsterte er. "Ich meine, ich bin es nicht schnell und nur, wenn ich wirklich Grund dazu habe."

Raine lachte. "Du bist vielleicht süß! Wirklich kein Wunder, dass der Typ dir noch immer nachstellt." Er schob seine Hand über Timos Wange und strich das Ohr entlang, dann beugte er sich vor und küsste ihn leicht auf den Mund, bevor er sich ein wenig zurückzog, um Timo die Gelegenheit zu geben, sich zu wehren, wenn er wollte.

Es war noch viel schöner, als Timo es sich erträumt hatte. Raines Lippen fühlten sich anders an, aber besser, und sein Geruch so nah war herrlich. Allerdings war es auch viel kürzer als in seinen Träumen; Raine war unerwartet rücksichtsvoll und seine grünbraunen Augen wachsam und beinahe besorgt. Mit einem kleinen Lächeln lehnte Timo sich wieder dichter, bis sich ihre Lippen fast erneut berührten, und legte ihm vorsichtig die Hände auf die Schultern, während er den Blick noch immer erwiderte. "Aber was schenke ich dir denn jetzt zu Weihnachten?", fragte er leise und erschauderte wonnig, weil Raines Atem ihn streifte.

Da er keine Lust mehr zum Reden hatte, strich Raine mit seinen Händen um Timos Arme herum und zog ihn zu sich heran, um ihn noch einmal richtig zu küssen. Er richtete es so ein, dass er so dicht zu Timo aufrückte, dass dieser schon fast bei ihm auf dem Schoß saß. So etwas hatte Raine entschieden zu lange nicht mehr gemacht, es machte Spaß und erregte ihn auf eine angenehme und nicht allzu drängende Art. Mit ihm schlafen würde Timo vermutlich nicht wollen. Obwohl, ein Versuch war es vielleicht wert. Während er mit einer Hand das Gesicht streichelten und Timo mit den Lippen neckend zu einem tieferen Kuss aufforderte, schob er seine andere Hand um den süßen Hintern herum, auf den er schon so einige Male nicht ohne Verlange gestarrt hatte.

Timo wurde schwindelig vor Freude und von der Nähe, und ohne nachzudenken folgte er der Bewegung, die Raine vorgab. Erst, als er auf seinem Schoß saß und Raines Zunge in seinem Mund spürte, wurde ihm bewusst, was sie taten. Es erfüllte ihn mit Glück und brachte ihn auf Raines Lippen zum Lächeln, selbst wenn die Hand auf seinem Hintern ganz schön frech war.

Sich eng an den kräftigen Körper schmiegend und ihn fest umarmend ließ er mit geschlossenen Augen eine Weile zu, dass Raine forsch seinen Mund erkundete. Allein der Geschmack unter dem Wein und das seidig raue Gefühl der Zunge in ihm machten ihn ein wenig trunken. Dann begann er jedoch selber mutiger zu werden, kam Raines Zunge entgegen, forderte sie auf und schlängelte sich schließlich an ihr entlang zu Raine hin, um ihn selber zu entdecken.

Nur kurz wunderte Raine sich darüber, wie der schüchterne Timo nach nur so kurzer Zeit und durch diesen kleinen Anstoß aufblühte. Die Küsse, die sie austauschten, wurden immer leidenschaftlicher, und es war Raine, der es schließlich abbrach. "Meine Güte, Timo. Wir müssen leider sofort aufhören, sonst komme ich bald in meiner Hose und deine passen mir absolut nicht", sagte er grinsend.

"Oh." Zum Glück war Timos Gesicht ohnehin schon von Aufregung und einer gewissen Leidenschaft gerötet, so fiel der neuerliche Hitzeschub gar nicht mehr auf. Für einen kurzen Moment dachte er beinahe schalkhaft daran, dass Raine seine Hose ja ausziehen könnte, aber dafür war es noch deutlich zu früh, zumindest für seinen Geschmack. Wie Raine empfand, wusste er durch ein bisschen Knutscherei nicht wirklich, und sich ihm zu öffnen und ihm zu erzählen, was er fühlte, war es deswegen auch nicht an der Zeit. Dafür brauchte er mehr Sicherheit. Er rutschte von Raines Schoß herunter, kuschelte sich dann aber wieder an ihn und grinste ebenfalls. "Du küsst aber auch zu gut! Darüber kann man alles vergessen."

Raine konnte das Kompliment voll und ganz erwidern. Zudem hatte er dem schüchtern verklemmten Timo keine solche Begeisterung beim Küssen zugetraut. Obwohl Raine nichts dagegen gehabt hätte, die Knutscherei zu mehr und umfangreicherem im Bett hinter dem Vorhang werden zu lassen, machte Timo durch sein Abrücken sehr deutlich klar, dass er dies noch nicht vor hatte. Ganz offensichtlich war er zudem unsicher, ob und was er von Raine wollte, auch wenn er es noch nicht laut aussprach.

Als Raine sich verabschiedete und Timo ihm das Fahrrad aufgeschlossen hatte, küsste er ihn deswegen nur kurz zum Abschied. "Ich freu mich auf Weihnachten mit dir. Das wird bestimmt schön, und anstelle des Kusses fällt mir sicherlich was Nettes ein, das ich von dir haben will."

Bei diesen Worten drückte er ihn noch einmal an sich, dann machte er sich auf den nicht gerade kurzen Weg durch die halbe Stadt, der dank noch immer eisig niederprasselndem Regen noch länger erschien.

Mit einem glücklichen Lächeln kehrte Timo in seine Wohnung zurück und schlüpfte dort erst mal in eine bequeme Jogginghose und den Schlabberpulli, der ein wenig nach Raine roch. Dann kuschelte er sich mit einem Kissen auf dem Bauch auf sein Sofa, lehnte den Kopf gegen die Lehne und starrte träumend ins Nichts. Sie hatten sich geküsst, lange, ausgiebig und sehr leidenschaftlich; seine Lippen brannten noch immer davon. Raine machte ihm Komplimente mit fast jedem zweiten Satz. Eigentlich war es nicht so abwegig, davon auszugehen, dass er mehr als nur eine Affäre wollte, selbst wenn Hippies die Sache mit der Liebe recht freizügig sahen. /Ich will mehr, das ist sicher. Viel mehr. Aber ob er das will? Egal, ich werde es herausfinden. Und bis dahin... können wir dieses nette Herumgeknutsche noch so einige Male ausprobieren./ Er lachte leise auf. 'Nett' traf es nicht annähernd.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh