Whispering Wind

Epilog

Aurel sah in die leuchtenden Augen von Amaiis, betrachtete die vor Aufregung geröteten Wangen und musste lachen. Sacht legte er ihm eine Hand auf die Schulter und schob ihn aus dem grauen Flur des Interplanzuges in den kleinen Raum, der für die nächsten drei Wochen der ihre sein würde. Ein schmuckloser Kleiderschrank stand linker Hand an der Wand, an der Schmalseite gegenüber der Eingangstür eine kleine Kommode. Ein großes Doppelbett mit Nachttisch und ein Tisch mit zwei Stühlen nahmen die andere Wand ein. Die zweite Tür führte vermutlich ins Badezimmer. Die einfache Variante eines Replikators, der nur auf Getränke ausgerichtet war, war zwischen Badezimmertür und Schrank in die Wand eingebaut.

Die Möbel waren in einem dezenten, unauffälligen Hellgrau gehalten, von dem sich nur dunklere Borten ein wenig abhoben. Kleine, in die Decke eingelassene Spotlights spendeten Licht, das man jede gewünschte Farbe annehmen lassen konnte. Der einzige Schmuck war ein großer Rahmen über dem Bett, dessen Innenfläche noch matt grau war, so lange, bis man sich ein Motiv ausgesucht hatte, das gefiel, der einzige Luxus das im Moment nicht sichtbare Fenster.

Aurel hatte es sich nicht nehmen lassen, dieses Zimmer zu buchen, als er erfahren hatte, dass noch eines mit Ausblick auf das All frei war. Er hatte Geld genug dafür, und er wusste, dass es Amaiis gefallen würde, was Grund genug war.

Er ließ den großen Hartschalenkoffer, in dem Amaiis' Zither sicher untergebracht war, vorsichtig auf den Boden gleiten, stellte dann seinen Seesack und die Tasche mit Amaiis' Sachen daneben. Mit einem Aufseufzen streckte er sich, bewegte die Schultern, um sie zu lockern, und gähnte ausgiebig. In zwei Stunden würde der Interplan die Umlaufbahn der Erde verlassen, und dann wären sie endgültig sicher.

Zärtlich glitt sein Blick über Amaiis, der neugierig den Schrank geöffnet hatte und sich das unspektakuläre Innenleben, bestehend aus mehreren Fächern, einer Kleiderstange und einigen Bügeln, betrachtete, als sei es etwas ganz Besonderes. Seit sie den Palast verlassen hatten, war der Junge aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen, er hatte versucht, alles gleichzeitig zu sehen, zu begreifen und sich zu merken. Wie ein kleiner, neugieriger Vogel hatte er gewirkt, als er seinen Kopf hierhin und dorthin gedreht hatte, um nur nichts zu verpassen. Aber er hatte sich nie weiter als einen Schritt von Aurel entfernt, meistens hatte er sich sogar verschüchtert an ihm festgehalten.

Der Junge trug nicht mehr den Sarong und die Weste, sondern hatte versucht, sich passend zu dem zu kleiden, was er von der Außenwelt gelesen hatte. In Aurels Augen sah er nach wie vor einfach nur umwerfend aus. Amaiis trug eine Schlaghose aus fließendem, blauen Stoff mit violettem Einsatz, der sich als Bordüre bis zum Hosenbund fortsetzte. Sie saß ihm knapp auf der Hüfte und ließ seinen schönen Bauchnabel frei, in dem ein kleiner Amethyst glänzte. Das Oberteil endete knapp unter der Brust; es bestand aus einem glänzenden, hauchdünnen, jedoch blickdichten Material in der Farbe seiner Augen, dessen lange Ärmel ihm bis über die Handgelenke reichten und nach unten weiter wurden. Sein schwarzes Haar war das erste Mal ohne die kleinen, glitzernden Sterne, eine dichte, schwarze Fülle, die Aurel nur zu gerne berührte und durch die Finger gleiten ließ. Was ihn einige Mühe gekostet hatte, war, Amaiis davon zu überzeugen, dass es besser war, Schuhe zu tragen. Sein Leben lang war der Junge barfuß gelaufen, und entsprechend schwierig war es gewesen, ihn wenigstens zu Sandalen zu überreden.

Amaiis drehte sich um, und sein Haar folgte der Bewegung wie ein dunkler Schleier. Seine Augen leuchteten vor Glück. "Ist es nicht wunderschön, Aurel? Und das bleibt jetzt erst mal unser Zimmer, ja? Es ist uns?"

Aurel lachte warm auf und ließ sich auf das Bett fallen. Er liebte es, Amaiis von 'uns' sprechen zu hören. "Ja, das hier gehört für eine Weile uns. Es ist nicht im Geringsten mit deinem vergleichbar, aber es freut mich, dass es dir gefällt."

Amaiis kicherte und bückte sich, um die Riemen der Sandalen zu lösen und sie von den Füßen zu streifen. Dann kam er auf ihn zu und kniete sich über ihn, setzte sich auf seine Beine. "Es ist schöner. Viel schöner als meines, mein Aurel", sagte er leise und beugte sich vor. Sein Haar glitt über seine Schultern und fiel weich und schwer auf Aurel Brust herab.

Aurel hob die Hand, um sie in der schweren, dichten Fülle zu vergraben und Amaiis zu sich herunter zu ziehen. Der Junge gab nur zu bereitwillig nach und ließ sich auf ihn sinken, schmiegte sich an ihn. Ihre Lippen fanden sich zu einem sanften, kurzen Kuss, ehe sich Amaiis neben ihn rollte, sich in seinen Arm legte und zur Decke empor sah. "Es ist alles noch viel aufregender, viel bunter, als ich es mir vorgestellt habe... und so groß... alles ist so... viel..." Er kuschelte sich enger an Aurel und schloss die Augen.

Aurel tastete nach seiner Hand und umfasste sie, drückte sie aufmunternd. "Das Schlimmste hast du hinter dir, mein Schatz. Von hier aus kannst du in Ruhe alles erkunden; und ich bin bei dir. Ich passe auf dich auf. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten." Er zog die schmale Hand an die Lippen und lächelte, als er einen Kuss darauf hauchte. "Ich hole mir einen Kaffee, möchtest du auch was?"

Amaiis sah auf, und in dem Moment bemerkte Aurel, wie müde der Junge wirkte. Es war aber auch kein Wunder, so viel wie an diesem Tag geschehen war. Die sogenannte Gerichtsverhandlung. Das Entsetzen, als Aurel zum Key gemacht und Amaiis Kachmal zugesprochen worden war. Die Angst vor einem Systemlord, der dann doch keiner gewesen war. Die Aufregung des Aufbruchs; der Schmerz des Abschieds von Fíonán, den Aurel gar nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Er hatte nur die Tränen gesehen, als Amaiis von ihm zurückgekehrt war. Der Flug in dem Gleiter, der Interplanraumhafen, die vielen Wesen der verschiedensten Rassen...

"Heiße Schokolade", bat Amaiis und gähnte verhalten. "Ganz süß, mit viel Kakao."

"Okay." Aurel nickte und strich ihm eine dunkle Strähne aus dem Gesicht. Dann zog er seinen Arm vorsichtig unter ihm hervor und stand auf, um zu dem Replikator zu gehen. Es war ein veraltetes Gerät, das nicht einmal Spracheingabe hatte, sondern noch über Nummerncodes funktionierte. Die lange, alphabetisch geordnete Liste mit den Getränken und deren Codierungen hing darüber. Er suchte kurz, tippte die Zahlenfolgen ein, wartete, bis sich das etwas altersschwache Gerät ausgemärt hatte und kam dann mit den dampfenden Tassen zurück zum Bett.

Amaiis hatte die Augen wieder geschlossen, und trotz seiner Aufregung schien seine Erschöpfung groß genug zu sein, dass er einfach eingeschlafen war. Er sah wunderschön aus, wie er da lag. Sein zartes Gesicht war entspannt, die vollen Lippen leicht geöffnet. Das Oberteil war hochgerutscht und offenbarte nicht nur den flachen Bauch, sondern auch ein Stück der glatten Brust. Mit einem kleinen Schmunzeln stellte Aurel die Tassen auf dem Nachttischchen ab und beschloss, dass er seinen Kaffee genauso später trinken konnte. Ein paar Stunden Schlaf würden ihm ebenfalls gut tun.

Er überprüfte, ob die Tür abgeschlossen war, dann zog er sich aus und legte seine Kleidung über die Lehne des einen Stuhls. Vorsichtig zog er die Decke unter dem Jungen hervor, der nur leise Laute von sich gab, die Aurel nicht verstand. Doch als er ihm die Hose aufknöpfte und sie ihm von den Beinen streifte, flatterten Amaiis' Lider und er sah ihn müde an. "Bitte... nicht jetzt...", murmelte er.

Aurel wusste, wie viel Kraft ihn diese Bitte kostete; dank seiner Erziehung fiel es dem Jungen schwer, sich zu verweigern, und es war ein Vertrauensbeweis, dass er es bei ihm allein aus Müdigkeit tat. Er lächelte weich. "Keine Sorge, ich wollte dich nur ausziehen, damit du besser schlafen kannst."

Dankbar erwiderte Amaiis das Lächeln und ließ es sich widerstandslos gefallen, dass Aurel ihm auch noch sein Oberteil über den Kopf streifte. Als Aurel sich neben ihn legte und die große Decke über sie beide zog, kuschelte er sich eng an ihn und legte den Kopf auf die Brust des Mannes. Er gab einen kleinen Laut des Wohlbehagens von sich, als Aurel einen Arm um ihn schlang und ihn liebevoll und kaum merklich streichelte.

Aurels Lächeln vertiefte sich. "Licht aus", befahl er leise, was die Lampen zum Erlöschen brachte; Dunkelheit senkte sich über das Zimmer. Er hob den Kopf und küsste Amaiis sanft auf die Stirn. "Gute Nacht, Schatz..."

"Gute Nacht, mein Aurel", wisperte der Junge schläfrig.

Aurel seuftze wohlig und starrte in die Dunkelheit. Seit sie den Palast hinter sich gelassen hatten, fühlte er sich sehr viel besser, entspannter. Amaiis an seiner Seite zu haben, war wie ein Traum, und er konnte sich nicht vorstellen, glücklicher zu sein.

"Fenster auf", flüsterte er. Die komplette Wand, an der das Bett stand, wurde durchsichtig und gab den Blick in das All frei. Unzählige Sterne glitzerten in der samtigen Schwärze und erhellten den Raum minimal. Aurel sah hinaus in die unendliche Weite und fühlte, wie der letzte Rest Anspannung von ihm abfiel, um einer friedlichen Ruhe zu weichen.

In dem Moment bewegte sich Amaiis leicht und hob den Kopf; Aurel konnte die schwarze Silhouette schemenhaft gegen die sternenübersähte Dunkelheit erkennen. Eine Weile war es vollkommen still. Dann hörte Aurel, wie er tief durchatmete.

"Oh...", hauchte der Junge überwältigt. "Wir sind mitten im Himmel."


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© by Meike "Pandorah" Ludwig
~ Ende ~