Whispering Wind

1.

Einen Schlüssel gegen einen Schlüssel hatte der fremde Mann gesagt. Seinen Whispering-Wind-Key gegen Aurels goldene Keycard. Wahrscheinlich war es Wahnsinn. Aber wen scherte das? Aurels Blick wanderte zu dem Glas mit der goldgelben Flüssigkeit, das nach wie vor halb voll war. Sein Gegenüber versäumte nicht, ihm nachzuschenken, wenn sich der Inhalt dem Boden zuneigte. Der Fremde selbst aber trank nicht. Auch das war Aurel nicht entgangen. Doch er hatte wenig Probleme mit Alkohol. Er stieg ihm zu Kopf und hinterließ ein angenehm warmes Gefühl, behinderte ihn jedoch nicht wirklich.

Whiskey nannten sie es, und es war einer der besseren, den der Fremde mit an den Tisch gebracht hatte. Das Gebräu, was Aurel zuerst getrunken hatte, hatte ihm fast die Kehle zerfressen. Dieses hier hingegen rann weich und warm seinen Hals herunter, schien seine Zunge in flüssige Seide und sein Hirn in Watte zu hüllen.

Aurel blinzelte, um seine vor Müdigkeit verschwommene Sicht zu klären und starrte auf das Kartenblatt in seiner Hand. Poker hieß das Spiel, und es spielte sich fast genauso wie Panto'chai, lediglich die Bilder und der Wert ihrer Reihenfolge waren ein anderer.

Eigentlich hatte Aurel in dieser verrauchten, schummrigen Kaschemme nur einen trinken wollen, um sich zu entspannen, ehe er sich ein Zimmer hatte suchen wollen. Doch dann war der blonde Fremde zu ihm an den Tisch getreten. Er hatte ihn mit seinen sturmgrauen Augen unbewegt angesehen und ihn gefragt, ob er mit ihm um seine Keycard spielen wollte. In dem Moment war Aurel klar gewesen, dass Ärger auf ihn zukommen würde. Woher wusste der Mann davon? Schließlich trug er sie nicht an einer Kette um den Hals. Doch es kümmerte ihn nicht.

Mit einem Nicken hatte er sich einverstanden erklärt und nach dem Spiel und dem Gegenpreis gefragt.

"Poker. Dein Schlüssel gegen meinen", waren die Worte des Fremden gewesen.

Aurels verständnisloser Blick hatte ihm ein breites Lächeln entlockt; er hatte ganz selbstverständlich einen Stuhl herangezogen und sich gesetzt, während er erklärt hatte, dass es wirklich einfach sei. Er hatte das Kartenspiel auf die zerkratzte, von übergelaufenen Getränken und Rauch klebrige Tischplatte gelegt und einen anderen Mann heran gewunken, der mischen, austeilen und die Karten eintauschen sollte.

Aurel hatte es nicht für nötig gehalten, den Fremden darüber aufzuklären, dass er nicht die Spielregeln, sondern den Wert des Whispering-Wind-Keys meinte. Reglos hatte er ihm zugehört und ihn dabei beobachtet und einzuschätzen versucht. Ihm war fast sofort klar gewesen, dass der Mann nicht hierher gehörte. Zwar hatte er sich der schmierigen Kneipe angepasst, indem er sich halbwegs passend gekleidet hatte mit seiner schwarzen Lederhose und dem ebenfalls schwarzen T-Shirt. Doch er war nicht halb so verkommen wie die meisten hier, und seine Hände waren einfach zu perfekt. Trotz des Drecks zu sauber; zu gepflegte Fingernägel.

Aurels Blick wanderte von den schönen Händen zu den beiden Schlüsseln, die in der Mitte des runden Tisches lagen.

Flach, golden schimmernd, unscheinbar und von kaum der Größe zweier Daumen - seine Keycard. Das gottverdammte Ding, das er brauchte, um sein Geschäft auch weiterhin so problemlos fortzuführen wie bisher. Die kleine Karte, die ihm Grenzen des Universums öffnete, die man sonst nicht passieren durfte. Ohne Kontrolle, verstand sich. Und das war für einen Schmuggler von mehr als nur unschätzbarem Wert.

Daneben ein filigraner Silberschlüssel. Hübsch anzusehen mit dem verzahnten Bart und dem verzierten Oberteil, in dessen Mitte in die fließenden Muster ein heller, violetter Stein eingelassen worden war. Ein Amethyst von erstaunlicher Klarheit und Reinheit, was ihn aber trotzdem kaum wertvoller machte als gefärbtes Glas. Und er wog bei weitem nicht den Wert einer Keycard auf!

Auch nicht dadurch, dass die Miete schon für ein Jahr im Voraus bezahlt worden war, wie der Fremde ihm erklärt hatte. Aurel hatte keine Ahnung, von welcher Miete der Mann sprach. Selbst wenn es ein Jahr in dem Zimmer eines Palastes war, was er hier zu gewinnen versuchte, wäre es umgekehrt kaum den Verlust der Keycard wert. Vermutlich nicht einmal, wenn er diesen Palast ausräumen dürfte.

Was also hatte ihn dazu bewogen, auf diese verrückte Idee einzugehen? Ein träges Lächeln glitt über seine Lippen, als er aus halb geschlossenen Augen zu seinem Gegenüber sah. Das Risiko. Ein Leben ohne Probleme war nichts für ihn.

Er hatte nicht gezählt, wie oft er sich aus diesem Grund schon am absoluten Ende wiedergefunden hatte. Wie oft er sich von ganz unten wieder hatte hocharbeiten müssen. Aus dem dunkelsten Winkel des Alls, von dem verdrecktesten, abgelegensten Planeten, aus der tiefsten Scheiße heraus zu etwas, was man Leben nennen konnte.

Ein anderer Raumschiffpilot, der so nah wie möglich an das heran kam, was Aurel noch als Freund zuließ, hatte ihm einmal an einem langen, weinseligen Abend ausführlich erklärt, dass er der größte Narr des ganzen Universums sei. Aber es gab nichts, wirklich nichts in seinem Leben, das ihm wertvoll genug gewesen wäre, um es nicht mit einem Schulterzucken wegzuwerfen. Auch oder erst recht nicht eine Keycard.

Aurels grüne Augen glitten über das schmale Gesicht seines Gegenübers. Der Fremde wirkte angespannt. Es war nicht viel, an dem man es überhaupt bemerken konnte. Er hielt die Karten locker in seiner hübschen Hand, ein leichtes Lächeln schien seine Lippen beständig zu umspielen. Seine Bewegungen waren weich und flüssig, wenn er eines der Plättchen, die sie anstelle von Geld benutzten, in die Mitte des Tisches zu den Keys warf, um eine Karte gegen eine andere tauschen zu lassen.

Doch Aurel entging nicht, wie er die schmalen, goldenen Brauen kaum merklich zusammenzog, wie sich seine grauen Augen verdunkelten, während das Lächeln in seinem Gesicht noch einen Hauch breiter wurde, gerade genug, dass man es bemerken musste. Ein netter Versuch.

Fragend sah der Mann mit den Karten Aurel an. "Tauschen?", fragte er halblaut.

Aurel schob seine Karten zusammen und legte sie als sauberes, kleines Häufchen vor sich verdeckt auf den Tisch. Bedächtig schüttelte er den Kopf und sah aus den Augenwinkeln mit Genugtuung, wie der Blonde schluckte.

Der Fremde tauschte wieder, das dritte und somit letzte Mal. Diesmal war sein Lächeln echt, die grauen Augen wurden heller. Aurel musste zugeben, er spielte gut. Immerhin war es das fünfte Spiel, aber dank Panto'chai hatte er einen minimalen Vorsprung. Doch jetzt verlor er langsam die Lust. Er war müde, hundemüde und schon eine ganze Ecke länger hier, als er ursprünglich geplant hatte.

Sein träges Lächeln wurde breiter, als er bis auf vier seinen kompletten Plättchenhaufen in die Mitte des Tisches schob exakt so viel, wie der Fremde besaß. "Ziehst du mit?"

Der Blonde hob seine feinen, geschwungenen Brauen ein wenig in die Höhe, dann lächelte er; es war ein sonniges, selbstsicheres Lächeln. Er schob seinen Chiphaufen ebenfalls zu den beiden Keys und lehnte sich zufrieden auf seinem Stuhl zurück. "Ich will sehen."

Aurel kratzte sich über seinen verklebten, verfilzten Bart, strich sich das fettige, goldbraune Haar aus dem Gesicht und nahm sein Blatt wieder auf. Sorgfältig ordnete er die Karten.

Dann legte er seine erste Karte offen auf den Tisch. "Herz Acht." Eine kurze Pause. Durch seine dichten Wimpern hindurch warf er dem anderen Mann einen kurzen Blick zu, ehe er den Rest in schneller Folge auf dem Tisch ausbreitete. "Neun, Zehn, Bube, Dame."

Den Fluch, den der andere ausstieß, hatte nicht einmal Aurel bisher gehört. Und er kannte eine Menge. Der Fremde knallte seine Karten derart heftig auf den Tisch, dass sie über die halbe Platte schlitterten. Drei Asse, zwei Zehner. Sehr gute Karten. Eigentlich.

Aurel lachte tief und griff nach seinem Whiskeyglas, um einen großen Schluck der weichen, geschmeidigen Flüssigkeit zu nehmen. Langsam und genüsslich ließ er sie die Kehle herunterrinnen. "Sieht so aus, als hätte ich gewonnen, mein Freund."

In den grauen Augen des Fremden sammelten sich Sturmwolken wie in einer Gewitternacht. "Verdammter Bastard!", zischte er. Jegliche Ruhe war von ihm abgefallen. Die Hände, die er zu Fäusten geballt hatte, zitterten. "Du hast gesagt, du hättest keine Ahnung von Poker!"

Aurel schmunzelte träge. "Habe ich auch nicht. Aber Panto'chai spielt sich fast genauso. Ich habe meinen kleinen Kreuzer beim Spielen gewonnen." Er lehnte sich nach vorne und griff nach dem Whispering-Wind-Key. "Ist das alles? Da gehört doch bestimmt noch etwas dazu, nicht wahr?" /Eine Adresse vielleicht? Ein Mietvertrag? Eine Besitzurkunde? Irgendetwas?/ Er drehte ihn zwischen den Fingern, beobachtete das Licht, das sich in dem glänzenden Stein brach und violette Muster auf die schmierige Tischplatte warf.

Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, dass sich ein paar Neugierige zu ihnen umgedreht hatten, vielleicht in der Hoffnung auf eine Schlägerei. Der Mann, der die Karten ausgeteilt hatte, schob unauffällig seinen Stuhl ein Stück zurück, stand auf und verschwand im Halbdunkel der Schenke. Aurel war sich sicher, dass er möglichst schnell möglichst viel Strecke zwischen sich und diesen Tisch mit den beiden Kontrahenten brachte.

"Ich vergesse die Urkunde schon nicht, keine Angst." Die Miene des Fremden glättete sich, ohne jedoch ihren Zorn zu verlieren; es schien ihn eine fast unmenschliche Anstrengung zu kosten. Er machte eine kleine, befehlende Geste in den Raum, die sofort jede Alarmglocke in Aurel losschrillen ließ.

Aus dem rauchgetränkten Zwielicht trat eine schlanke, hoch gewachsene Gestalt, die einen flachen Koffer trug. Aurel taxierte sie aus halb geschlossenen Augen durch das filigrane Muster des Schlüssels hindurch. Geschmeidig und anmutig hatte sie eine Art sich zu bewegen, die ihm vage vertraut vorkam. Lange, ebenmäßige Gliedmaßen, die sich in perfekter Harmonie bewegten, langsam, wie einstudiert. Dunkles, vollkommen glattes Haar, welches das schmale Gesicht in Schatten tauchte. Feingliedrige, schlanke Finger, die den Koffer hielten.

Erinnerungen huschten durch Aurels Kopf, versuchten ein Muster auszumachen, das passte, und wurden schließlich fündig.

Als die Gestalt den Metallkoffer auf den Tisch stellte und einen wie unbeabsichtigten Schritt auf Aurel zumachte, erwachte er aus seiner scheinbaren Lethargie. Er ließ den Schlüssel los und griff blitzschnell in seine schwere, dunkelbraune Lederjacke. Und noch bevor der Schlüssel die Tischplatte berührte, hatte Aurel seine Hand wieder hervorgezogen.

Die androgyne Gestalt erstarrte, als sie die kleine Laserwaffe sah, deren Mündung auf den blonden Mann gerichtet war. Klirrend landete der Schlüssel auf dem Tisch. Aurels Lächeln, das die ganze Zeit nicht aus seinem Gesicht gewichen war, wurde breiter. "Aber nicht doch, Freunde. So nicht. Ich bin nicht hierher gekommen, um die vergangenen dreißig Jahre meines Lebens wegzuwerfen."

Das Gesicht des anderen Mannes war weiß vor Zorn, als er der schlanken Gestalt einen weiteren Wink gab, worauf sie sich zwei Schritte hinter ihn zurückzog. Aurel lächelte weiterhin, als würde er sich in bester Gesellschaft befinden. Tamar'hi. Mal Mann, mal Frau, mal keines von beiden. Künstliche Geschöpfe mit künstlicher Intelligenz, aber ohne Seele, die ihren Herren bedingungslos gehorchten. Schnell, wendig, unglaublich geschickt. Meistens eingesetzt als Leibwächter oder als Assassinen, im Zweifelsfall erledigten sie beide Aufgaben. Aber sie waren nicht billig, was dazu führte, dass nur wirklich Reiche sich einen Tamar'hi leisten konnten. Aurel fragte sich, warum jemand, der einen sein Eigen nannte, es ausgerechnet auf seine Keycard abgesehen hatte.

Vielleicht war er bei einem Systemlord in Ungnade gefallen? Fast verspürte er Mitleid mit dem Fremden. Er wusste, was es hieß, vor einem der Männer auf der Flucht zu sein, die einen großen Teil der bekannten Sonnensysteme unter ihrer Herrschaft hatten. Für den Moment hatte er die Oberhand. Er hatte die Waffe, die den Fremden ins Jenseits befördern konnte, sollte er sich rühren. Aber er hatte auch die Keycard, an die der Fremde wollte. Mit dem Pokerspiel hatte dieser einen harmlosen Weg gesehen, sie ihm abzuknöpfen. Aurel zweifelte jedoch keine Sekunde daran, dass er auch zu anderen Methoden greifen würde.

Und es bedeutete auch, dass sein Gegenüber wirklich verzweifelt sein musste. Jemanden, der sich in einer nahezu auswegslosen Situation befand und die Chance sah zu entkommen, jemanden, der nichts mehr zu verlieren hatte und in ihm eine Möglichkeit sah, vielleicht doch noch die eigene Haut zu retten, wollte er sich eigentlich nur ungern in den Weg stellen. Nicht, wenn dieser Jemand auch noch über Macht und Geld verfügte. In Bruchteilen von Sekunden ging Aurel die Möglichkeiten durch, die ihm blieben.

Er war fremd in dieser Stadt, auf diesem Planteten. Wer wusste schon, wie viele Beziehungen der andere haben mochte? Zwar hatte er nicht die geringste Ahnung, wozu der Whispering-Wind-Key gut und wie viel er wert war. Aber es war besser als nichts. Und vor allem sehr viel besser, als am nächsten Morgen eiskalt in einer dunklen Gasse gefunden zu werden.

Natürlich könnte er auch auf der Stelle zu seinem kleinen Kreuzer zurück, hoffen, dass die Ware gelöscht und das Schiffchen durchgecheckt worden war, so dass er sich unverzüglich wieder auf den Weg machen konnte. Aber wenn er ehrlich war, hatte er keine Lust darauf.

"Ich habe den Wind-Key gewonnen." Langsam hatte er das Gefühl, dass seine Wangenmuskeln von dem dauerhaften Grinsen einfroren. Auch die wohlige Wärme, die der Whiskey in ihm hinterlassen hatte, floh von ihm. "Den behalte ich. Gib mir die Urkunde. Und dann lass uns aushandeln, was du mir für die Keycard zu geben bereit bist." Er ließ sein Grinsen schief werden. "Mir wird das ohnehin zu heiß. Ich wollte nur noch ein oder zwei Fuhren machen und mir dann was anderes suchen. Etwas, wo ich mein Geld auch ausgeben kann."

Der Blonde musterte ihn abschätzend, sein Gesicht entspannte sich wieder. Dann rutschte er ein Stück vom Tisch zurück und schlug die Beine übereinander, ehe er langsam nickte.

 

Die Scheibenwischer des alten Taxis waren kaum in der Lage, den strömenden Regen zu durchdringen. Das laute Prasseln machte die Kommunikation mit dem Fahrer schwierig, aber Aurel war auch nicht nach Reden zumute.

Er hatte keine Ahnung, wohin ihn die Straße führte, die er durch den Wasserschleier ohnehin kaum ausmachen konnte. Bei einem der Scheinwerfer war die Birne zerbrochen, der andere erhellte maximal fünf Meter vor dem Wagen noch die Nacht. Nicht, dass es viel zu sehen gegeben hätte. Spritzender Schlamm und Regentropfen, mehr war da nicht.

Aurel streckte seine langen Beine aus und starrte auf die fleckige, abgenutzte Jeans, die ihm um bestimmt fünf Zentimeter zu kurz war. Wo immer das Zimmer mit dem Key dazugehörte, er hoffte inständig, dass eine heiße Dusche oder besser noch eine Badewanne aufzutreiben war.

Nachdem er mit dem Blonden handelseinig geworden war und nicht nur seine Keycard, sondern auch sein Kreuzer den Besitzer gewechselt hatten, hatte er sich mit seinem schweren Seesack, der jetzt zusätzlich noch einiges an Wertpapieren enthielt, an die Straße gestellt und das erstbeste Taxi angehalten, das vorbeigekommen war. Er hatte dem Fahrer kurzerhand den Schlüssel unter die Nase gehalten. Der hatte ihn schief angeschaut, dann genickt.

Alle außer ihm schienen zu wissen, was es damit auf sich hatte. Er beugte sich vor, öffnete den Seesack und zog die dekorative Urkunde heraus, die der Blonde ihm gegeben hatte. Sie war aus schwerem Pergament; handgeschriebene Zeichen bedeckten sie, die Aurel nicht lesen konnte. Das Erdensiegel war als Wasserzeichen im Hintergrund zu erkennen.

Er ärgerte sich, dass er sich nie die Mühe gemacht hatte, die Erdenschriftzeichen zu erlernen. Er konnte zwar Englisch, was die am weitesten verbreitete Sprache hier war, doch die Schriftzeichen waren ihm fremd. Normalerweise hielt er sich in einem vollkommen anderen Teil des Universums auf. Er beherrschte annähernd acht Sprachen fließend, in weiteren neun konnte er sich verständlich machen. Schriften las er dreizehn, zum Teil mehr schlecht als recht, aber irgendwo hörte es auf. Er war dreißig, keine dreihundert.

Aus den Augenwinkeln betrachtete er den Taxifahrer. Graues, strähniges Haar hing unter einer braunen, verwaschenen Kappe hervor, die irgendwann vielleicht sogar mal eine Form gehabt hatte. Seine schlaffen Wangen waren mit grauen Stoppeln bedeckt, er mümmelte ununterbrochen vor sich hin, als würde er Kaugummi kauen. Sein dunkelblauer Pullunder war mindestens so dreckig wie Aurels Jeanshemd, und die Hemdsärmel, die darunter hervorsahen, waren noch um einiges zerschlissener.

"Wo liegt es denn?", versuchte Aurel das Dröhnen des Regens auf dem Blechdach zu übertönen und stopfte die Urkunde wieder in den Seesack zurück. /Das Gebäude, zu dem der Schlüssel dazugehört, was auch immer es ist./ Aurel lachte, lehnte sich in dem durchgesessenen Sitz zurück und betrachtete sein verschwommenes Spiegelbild in der Fensterscheibe. Er hätte sich selbst auch keine drei Meter über den Weg getraut, wenn er ein anderer gewesen wäre. Heruntergekommen und verdreckt, in derart zerschlissener Kleidung, dass sie eigentlich nur noch vom Schmutz zusammengehalten wurde. Der einzige Grund, warum er sich nicht vor sich selber ekelte, war der, dass er sich kannte und dass es sein eigener Dreck war.

Der Fahrer warf ihm einen abfälligen Blick aus wässerigblauen Augen zu. "Hast doch eh keine Ahnung, Fremder", nuschelte er. "Ist noch 'ne Ecke hin. Weiß sowieso nicht, wie jemand wie du an 'nen Key drangekommen ist. Haste wohl gefunden, was? Bei 'ner Leiche, wie?"

Seit bestimmt drei Monaten hatte er keine Dusche mehr gesehen. Zu wenig Wasser, weil die Ware den größten Teil der Tanks belegt hatte. Er stank zum Himmel. Seine goldbraunen Haare waren verfilzt und fettig, in seinem Bart hingen noch die Überreste diverser Mahlzeiten. Unter seinen grünen Augen lagen Ringe, die danach schrien, dass er schon seit Wochen keine Nacht mehr ruhig durchgeschlafen hatte. Allein ein Raumschiff zu steuern, das im Normalfall drei Mann Besatzung brauchte, forderte seinen Tribut. Dazu die ständige Wachsamkeit, um Patrouillen schnell genug aus dem Weg zu gehen, bevor sie aufmerksam wurden. "Gewonnen. Beim Pokern", gab er bereitwillig Auskunft.

Außerdem war seine stattliche Größe von über einsneunzig auch nicht gerade dazu angetan, bedingungslos Vertrauen zu erwecken. Selbst wenn er nicht unbedingt das Kreuz eines Lagerarbeiters hatte, sondern recht schlacksig war, was seine dicke Lederjacke jedoch gut verbarg. Aurel sah auf den filigranen Schlüssel hinunter, der in seiner schmutzigen Hand mit den eingekerbten Fingernägeln vollkommen fehl am Platz wirkte, und wusste beim besten Willen nicht, worauf der Fahrer hinauswollte. Einen Schlüssel genießen?

Der Alte lachte meckernd. "Willste 'nen Rat? Genieß ihn und verkauf ihn wieder. Weil 'nen Key kannste dir eh nicht leisten."

Er ließ ihn in die Innentasche seiner Jacke gleiten, fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und rieb sich die brennenden Augen. Er hätte doch besser ein Zimmer für die Nacht nehmen und erst am nächsten Morgen aufbrechen sollen, um herauszufinden, was er da eigentlich gewonnen hatte. Alkohol beeinträchtigte ihn zwar kaum, Müdigkeit hingegen schaffte das ganz hervorragend.

Nach einem kurzen, inneren Kampf entschied er nachzufragen. So erschöpft wie er war, hatte er keine Lust, in irgendetwas unvorbereitet hineinzustolpern. "Was weißt du von dem Whispering-Wind-Key?" Wenn er Glück hatte, bezog der Alte seine Frage auf diesen speziellen Schlüssel und nicht auf das Phänomen Key überhaupt. Und mit noch mehr Glück konnte er aus der Antwort irgendetwas herausholen, was ihm helfen würde.

Binnen weniger Sekunden stellte er fest, dass das zu viel gehofft gewesen war.

Der alte Mann wandte ihm den Kopf zu, legte ihn schief und betrachtete ihn mit seinen wässerigen Augen so lange, als würde er davon ausgehen, dass sein Wagen ohne Fahrer auskommen und die Spur von allein halten würde. Dann verzog er seinen faltigen Mund zu einem Grinsen, das ein paar braune Zahnstümpfe offenbarte, und lachte keckernd.

"Du bist nicht nur fremd, Fremder, du bist verdammt fremd, was? Pokerst um Dinge, von denen du keine Ahnung hast, wie? Aber macht nichts. Wirst nicht enttäuscht werden."

Aurels Gesicht verdunkelte sich für einen Moment, dann zuckte er resigniert mit den Schultern. "Und? Was hat es damit auf sich?"

Der Alte griente, dann wandte er sich wieder der Straße zu. Er klopfte mit seinen runzligen, gichtigen Fingern einen schrägen Takt auf das Lenkrad, doch er antwortete nicht. Mürrisch starrte Aurel ihn noch eine Weile an, wandte schließlich den Blick ab und sah wieder zum Fenster raus. Dann eben nicht. Er hatte keine Lust auf Spielchen dieser Art.

Der Regen hatte etwas nachgelassen, so dass er zumindest ungefähr erkennen konnte, wo sie entlangfuhren. Die schlammige Straße war einer asphaltierten gewichen, die von hohen Bäumen gesäumt war. Ihre Kronen bogen sich im Wind, und vermutlich war es ihnen zu verdanken, dass der Wagen nicht mehr mit voller Kraft vom Regen getroffen wurde. Stetig wand sich die Straße in weiten Kurven bergauf, doch allzu viel konnte Aurel noch immer nicht sehen.

Das Prasseln des Regens, das Knattern des alten Motors und das leichte Ruckeln des Wagens wiegten ihn in einen Dämmerzustand, in dem er nicht mehr richtig wahrnahm, was um ihn herum geschah; als würde sein Kopf völlig geleert und mit einer warmen, weichen Flüssigkeit gefüllt werden, die nicht einmal mehr genügend Platz für auch nur einen Gedanken ließ.

Die Straße schien sich endlos zu ziehen, Kurve folgte auf Kurve; Motorenbrummen. Blitze am Horizont, das Grummeln des Donners. Das nachlassende Rauschen des Regens. Windstöße, die das Auto erschütterten. Das gleichmäßige Quietschen der Scheibenwischer. Irgendwann das Donnern von Brandung, das selbst bis zu ihm durchdrang.

Aurel sah blicklos auf weiße Gischt hinab, die gegen hohe Felsen schlug, auf das tosende, aufgewühlte Meer. Die Wolken waren aufgerissen, der Wind jagte sie am Himmel entlang. Wie kalte Augen starrten die Sterne durch die Löcher hindurch, ein unberührter, weißer Dreiviertelmond schien unbeteiligt über ihnen zu thronen.

Weißer Mond, kalter Mond. Unberührbare Schönheit. Schönheit, die Zorn weckte.

Es war dieser Zorn, der Aurel aus dem Halbschlaf weckte. Für einen Moment fühlte er noch den dumpfen Nachhall des verhassten Gefühls, dann gelang es ihm, es in die hintersten, dunkelsten Ecken seiner Seele zu verbannen.

"Sind fast da", informierte ihn der Taxifahrer nuschelnd, Aurel erriet die Worte mehr, als dass er sie verstand. "Halt den Key und den Papierfetzen bereit. Lassen dich sonst nicht rein, Jungchen."

Aurel rieb sich die Augen, streckte sich und gähnte herzhaft. Er konnte nicht behaupten, dass er genug Schlaf bekommen hätte, doch er war nicht mehr ganz so erschöpft wie noch zuvor. Neugierig sah er aus dem Fenster.

Es hatte aufgehört zu regnen, und der immer wieder durch die Wolken fallende Mondschein erhellte die Landschaft genügend, dass man sich zurechtfinden konnte. Die Bäume waren vom Rand der Straße verschwunden; auf dem kargen Felsboden, der in jeder Kurve von dem einen Scheinwerfer erfasst wurde, konnten sie sich nicht halten. Steil fielen die Felsen direkt neben der Straße ab; wenn Aurel das Gesicht an die Scheibe presste, konnte er das tosende Meer weit unter sich erkennen. Die Wellen wurden gegen die Klippen gepeitscht, die aufschäumende Gischt leuchtete unheimlich im fahlen Licht des Mondes.

Ein flaues Gefühl machte sich in Aurels Magen breit, als er an den Zustand des Wagens und die Nässe auf dem glänzenden Asphalt dachte. Er schluckte trocken und lehnte sich wieder zurück in seinen Sitz. /Fast da... wo da?/, dachte er.

In diesem Moment sah er es.

Auf der Spitze der Klippe, an der sich die Straße emporschlängelte, erhob sich die Silhouette eines Schlosses. Im Licht des Mondes schimmerten die Mauern wie Perlmutt, jedoch nicht hell genug, um wirklich etwas erkennen zu können; eher in einer Art, die die Augen noch mehr irritierte, ablenkte und den Eindruck von ständiger, fließender Bewegung hervorrief, solange man nicht selber vollkommen still hielt.

Aurel konnte Türme ausmachen, Giebel, zwiebelförmige Dächer. Auskragungen, die jeder Physik zu trotzen schienen. Bögen. Brücken. Fenster in den verschiedensten Formen und Größen, aus dem Dunkel gehoben von Licht, mal flackernd wie von Feuer, mal ruhig und unbewegt, in den unterschiedlichsten Farben.

"Nicht wahr!", entfuhr es ihm. "Das ist ein Schloss."

Der Alte lachte wieder sein meckerndes Lachen. Eine seiner gichtigen Hände fand den Weg zum Schaltknüppel, der Motor heulte auf, als er einen Gang hoch schaltete. "Der Palast der Winde. Nichts für Leute wie mich und dich, wie? Das ist nur was für die ganz hohen Tiere."

"Vro'hailit! - Verdammt!", fluchte Aurel in seiner Muttersprache und lachte. "Na, da pass ich hervorragend dazu. Das verspricht spaßig zu werden."

Unvermittelt mündete die Straße hinter der nächsten Kurve in einer großen, freien Fläche, die von hohen Felswänden eingegrenzt und nur zum Meer hin offen war. Aurel fühlte den Schwindel, der ihn überfiel, als er den Platz zu erfassen versuchte, ehe sich seine Augen daran gewöhnt hatten.

Der Boden war in einem verwirrenden Mosaik mit Pflaster bedeckt, das in Spiralen, Schlieren und Bögen verlegt war. Es bestand wohl aus dem gleichen Material wie die Wände des Schlosses, denn wenn man sich nicht direkt darauf konzentrierte, entzog es sich dem Blick und schien sich mit jeder Bewegung zu verändern, ohne wirklich eine Form zu haben.

Aurel fühlte sich, als würden sie mitten in den Himmel hineinfahren, während der Wagen langsam auf den Platz rollte. In einen Himmel, in dem die Winde sich bemühten, Gestalt anzunehmen und feststofflich zu werden.

Und daraus erhob sich auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes ein schimmerndes Tor, eingerahmt von verschlungenen Pfeilern, die in den Fels übergingen, mit ihm in einer Art verschmolzen, dass es wirkte, als hätten sie ihn gespalten und würden den Blick auf einen weiteren Teil des Himmels freigeben.

Der Alte kicherte in sich hinein, als er das Auto auf dieses Tor zu lenkte. "Das hätteste nicht erwartet, was? Die feinen Pinkel kommen nicht mit so alten Karren her. Die haben ihre modernen, verpissten Gleiter. Die brauchen kein Taxi, wie?"

"Du magst keine Gleiter", stellte Aurel überflüssigerweise fest. Er beugte sich vor und legte den Kopf in den Nacken, um die oberste Spitze des Tores im Blick behalten zu können. Je näher man kam, um so mehr hatte man das Gefühl, sich zwei Wirbelstürmen zu nähern, die das Tor, den Eingang zum Himmel, umtanzten.

"Die haben keine Seele. Die sind tot." Der Fahrer trat auf die Bremse, und Aurel stellte fest, dass sein Sicherheitsgurt nicht besonders sicher war, als er mit der Stirn leicht gegen die Scheibe prallte. Mit einem Zischen stieß er die Luft aus und warf dem alten Mann einen schrägen Blick zu. "Dafür schwebt man bei ihnen auch nicht in Gefahr, sich den Schädel einzuschlagen."

Unbeeindruckt erwiderte der Alte den Blick mit seinen wässrigen Augen. "Dann bleib vernünftig sitzen." Er tippte auf das Taxameter. "Vierzig in Bar oder sechzig mit Cashcard. Du hast die Wahl, Jungchen."

Aurel grinste und angelte in seiner Jackentasche nach dem Heft, zwischen dessen Seiten er sein Scheingeld aufbewahrte. Die Taxameter ließen sich manipulieren, zurückdrehen, so dass der Fahrer das Geld würde selber einstecken können. Bei den netten Geräten für die Karten war es zu riskant; meistens fiel es auf. Es gab Dinge, die änderten sich nie, egal auf welchem Planeten man sich gerade befand. Er reichte dem Fahrer einen Fünfziger, den dieser in die Brusttasche seines Pullunders stopfte und in der Hosentasche nach Wechselgeld zu suchen begann.

"Lass stecken, Alter." Aurel öffnete die Tür und wuchtete seinen Seesack nach draußen. Die Luft war kühl und frisch, schmeckte nach Algen und Salz und weckte seine Lebensgeister. Er nahm einen tiefen Atemzug, ehe er ausstieg und seine verspannten Glieder streckte.

Der Fahrer beugte sich über den Beifahrersitz und zwinkerte ihm zu, während sich sein faltiges, verquollenes Gesicht zu einem anzüglichen Grinsen verzog. "Viel Spaß. Und stoß den Key rechtzeitig ab, bevor du ihn aufgebraucht hast." Dann knallte er die Tür zu.

Aurel zog verwundert die Augenbrauen hoch. Für einen Moment sah er dem Wagen hinterher, wie er holpernd zurückfuhr. Dann schulterte er seinen Seesack und ging mit ausgreifenden Schritten auf das Tor zu.


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by Meike "Pandorah" Ludwig