Whispering Wind

2.

Mit jedem weiteren Schritt, der Aurel näher an das Tor heranbrachte, änderte sich der Eindruck, den er von den es einrahmenden Säulen gewann. Waren sie eben noch wie Wirbelstürme erschienen, hatte er nun das Gefühl, sich auf gigantische Wolkenbänke zu zu bewegen, die sich allein für ihn teilten.

Seine Schritte hallten nur leise von dem Pflaster wieder, als würde der Laut seiner Stiefelabsätze von irgendetwas gedämpft werden. Es war, als würde er auf Watte laufen. Doch ein vorsichtiger Blick nach unten bestätigte ihm, dass es nach wie vor das Pflaster war.

"Tashi'ito! - Heilige Scheiße!", murmelte er. "Wer auch immer das verbrochen hat, muss in irgendeiner Art wahnsinnig gewesen sein."

Das Tor war gigantisch. Aurel wurde fast schwindlig, als er den Kopf in den Nacken legte und an der schimmernden, glatten Fläche emporsah, auf der die Winde Fangen zu spielen schienen, sobald er sich bewegte.

/Na, hoffentlich ist das Innere nicht aus dem gleichen Material. Sonst werde ich verrückt!/, dachte er grummelig. /Ist zwar ein netter Effekt, aber wenn ich es noch ein wenig länger anschaue, macht es mich aggressiv.../

"Und wie in Tir'inatas Namen komme ich da rein?" Er grinste schief und sah sich suchend um. Kein Türklopfer, keine Klingel, nicht mal eine Ritze, wo er so etwas hätte vermuten können. Er zuckte mit den Schultern und hob die Hand, um mit der Faust gegen die glatte Fläche zu klopfen.

Doch noch bevor er sie berührte, glitt vor ihm ein Teil dessen, was nach festen Wolken aussah, wie Nebel beiseite. Unwillkürlich machte Aurel einen Schritt zurück. Helles, weißes Licht kam aus der Öffnung hervor und blendete ihn, so dass er die Augen zusammenkniff. Er hob die Hand vors Gesicht, blinzelte durch die Finger zu dem Tor hin und versuchte, irgendetwas zu erkennen, was ihm jedoch vollkommen misslang. Alles, was er ausmachen konnte, war ein Schemen, der sich hinter dem grellen Licht befand.

"Ich bin der neue Besitzer des Whispering-Wind-Keys", erklärte er mürrisch der unbekannten Person hinter der Öffnung. Ihm gefiel die Situation nicht. Er hasste es wie Syphilis, wenn er sein Gegenüber nicht sehen konnte. "Und jetzt mach das verdammte Licht aus."

Verwunderte, sanfte Stimmen drangen hinter dem Tor hervor. Es waren mindestens zwei, nein drei, erkannte Aurel. Aber auch wenn er sich anstrengte, konnte er nicht sagen, ob es nun Männer oder Frauen, Kinder oder überhaupt Menschen waren. Allerdings war es ihm auch ziemlich egal. Wegen ihm konnten es Affen sein, wenn sie ihn nur rein ließen und ihm sein Zimmer zeigten. Er griff in die Jackentasche, holte den filigranen Schlüssel hervor und hielt ihn ins Licht. "Hier, zufrieden?"

Von innen vernahm man ein leises, erschrockenes Aufkeuchen, dann wurde das Licht gedämpft, und Aurel hörte eine zaghafte, sehr unsichere Stimme, die er als zu einem jungen Mann zugehörig einordnete. "Herr, vergebt mir... habt Ihr auch die Urkunde?"

Als er sich an die Worte des Taxifahrers erinnerte, schnaubte Aurel missmutig, doch er nickte. Der Alte hatte recht gehabt. Er stellte seinen Seesack auf den schimmernden Boden und zerrte rücksichtslos das Dokument daraus hervor.

Eine blasse Hand mit sorgfältig manikürten Fingernägeln wurde auffordernd aus der Öffnung gestreckt. Es wirkte, als würde sie direkt aus dem Himmel hervorkommen. Silberne, zierliche Ringe schmückten jeden einzelnen der feingliedrigen Finger, selbst den Daumen, wie Aurel amüsiert feststellte. Eine Kette aus ovalen, blauen Edelsteinen wand sich einmal um das Handgelenk, um sich dann den schlanken Arm emporzuschlängeln und mit ihm im wolkigen Nichts zu verschwinden.

Als Aurel die Urkunde in die schmale Hand legte, streifte er samtweiche Haut. Die Hand zuckte zurück und hielt dann für einen Moment inne, als sei es ihrem Besitzer peinlich. Mit einem leisen Lachen lehnte sich Aurel mit einer Schulter gegen das Tor, auch wenn er insgeheim erwartete, dass es nachgab. Natürlich tat es das nicht. Es erwies sich im Gegenteil als sehr hart, aber unerwarteterweise lauwarm.

"Keine Sorge, Dreck ist nicht ansteckend", schmunzelte er.

"Vergebt mir, Herr", erwiderte der Besitzer der Hand kläglich, dann wurde das Dokument zur genaueren Begutachtung eingezogen.

Wieder wurde leise gewispert. Aurel wartete geduldig, während sein Blick zum Himmel hoch wanderte. Noch immer jagte der Wind dunkle Sturmwolken vor sich her, doch es waren weniger geworden. Die Luft war kalt und klar, als hätte der Regen sie gewaschen. Aurel verlor sich in der Betrachtung der eisigen Schönheit der Sterne, während seine Gedanken davondrifteten. /Es sind andere. Und doch so gleich. Andere Bilder, andere Sonnen./

Völlig ohne Vorwarnung glitt das Stück der Wand beiseite, an dem er lehnte und riss ihn damit aus seinen Erinnerungen. Er schrak zusammen und sprang fluchend einen Satz zurück; automatisch fuhr er mit der rechten Hand in seine Jacke, umfasste das kühle Metall des kleinen Lasers und zog ihn in einer geschmeidigen, schon tausend Mal geübten Bewegung hervor.

Er hatte mit allem gerechnet, aufgebrachten Türstehern, geifernden Bestien. Doch nicht mit einem jungen Mann, der ihm entgegentrat. Einem vollkommen harmlosen, aber sichtlich erschrockenen jungen Mann, der in den schmalen, zitternden Händen Aurels Urkunde hielt.

Warmes, goldenes Licht fiel durch den Spalt, der sich im Tor geöffnet hatte und fing sich in dem sanft über die Schultern fließenden, weißen Haar, um seine zarte Gestalt wie mit einem Heiligenschein zu umrahmen. Es schimmerte durch eine weiße, ärmellose Tunika aus hauchdünnem Stoff hindurch und bildete den Umriss des schlanken Körpers verlockend deutlich wie auf der Leinwand eines Scherenschnitttheaters ab. Zierliche Füße steckten in mit weißen Federn verzierten, hellen Sandalen, die bis zu den Knien in verschlungenen Knoten hochgeschnürt waren. Die großen, silbergrauen Augen waren vor Schreck geweitet, ihr Blick huschte ängstlich zwischen der Mündung der Waffe und Aurels Gesicht hin und her. Er wirkte wie ein zur Erde herabgestiegener Engel ohne Flügel.

Aurels Blick flog über die bebende Gestalt und kehrte zu den großen Augen zurück. Für einen Moment verharrte er reglos und verfluchte innerlich seine Reaktion. /Junge, du bist hier bei feinen Leuten. Die halten dir nicht sofort eine Knarre an den Schädel. Dafür bist du denen viel zu wenig wert. Krieg dich ein!/

Mit einem unwilligen Laut ließ er seine Waffe sinken und steckte sie zurück in die Jackentasche. Verlegen kratzte er sich am Bart. "Sorry, dumme Angewohnheit von mir. Ich wollte dich nicht erschrecken."

Der junge Mann hielt ihm bebend die Urkunde entgegen und versuchte zu lächeln. "Seid willkommen, Herr", hauchte er, doch Aurel konnte trotzdem das Zittern in seiner Stimme hören.

Seufzend nahm er das Dokument wieder an sich. /Na, da hast du dir was eingebrockt. Ein guter Anfang./ Aber was sollte es? Er würde vermutlich ohnehin nicht länger bleiben. Je nachdem, was ihn erwartete, würde er sich wohl wirklich an den Rat des Fahrers halten und das hübsche Stück Tand, das der Schlüssel darstellte, wieder verkaufen, um sich nach was passendem umzusehen.

Mit zwei Schritten war er bei seinem Seesack, stopfte das Schriftstück achtlos zurück und warf den Tornister dann mit einem kräftigen Schwung auf seine Schulter. Als er sich zu dem flügellosen Engel umdrehte, zwinkerte er ihm aufmunternd zu. "Ich tu dir schon nichts. Versprochen."

Die kurze Pause schien aber gereicht zu haben, damit sich der junge Mann wieder fassen konnte. Sein Lächeln war strahlend, wenn auch nicht wirklich echt, als er sich anmutig vor Aurel verneigte. "Ich danke Euch, Herr. Seid willkommen im Palast Der Winde. Tretet ein und fühlt Euch... wie zu Hause."

Aurel musste lachen, als er die kleine, kaum hörbare Pause bemerkte, die der andere unwillkürlich vor 'zu Hause' gemacht hatte. Dass eine so heruntergekommene Person sich hier daheim fühlen würde, hielt er wohl für sehr unwahrscheinlich. Doch Aurels Heim war überall dort, wo er sich befand. Es gab nichts, wohin er hätte heimkommen können.

Als der junge Mann eine auffordernde Geste machte und vorausging, folgte Aurel ihm ins Innere des Palastes. Die Tür schloss sich lautlos hinter ihm, und er fand sich in einer großen Empfangshalle wieder. Erleichtert stellte er fest, dass die Innenräume nicht aus dem gleichen Stein bestanden wie die Außenmauern.

Decken, Wände und der Fußboden waren aus hellem, nur schwach strukturiertem Marmor, der von verspielten Ornamenten um Türöffnungen und Säulen aufgelockert wurde. In der Mitte der Halle befand sich ein großer Springbrunnen; das Wasser fiel in unzähligen Kaskaden von einem in verschlungenen, abstrakten Formen modellierten Stein in ein rundes Becken. Die Kühle des Saals wurde von zahlreichen Pflanzen gemildert, die zu kleinen grünen Inselchen gruppiert worden waren. Efeu rankte sich an einigen Stellen die Wände hoch. An der dem Tor gegenüberliegende Seite wanden sich zwei gegenläufige Treppen zu einer säulengestützten Ballustrade in halber Höhe empor.

"Herr, bevor Ihr den Whispering Wind aufsucht, wollt Ihr Euch doch bestimmt ein wenig frisch machen?", fragte der junge Mann höflich und ein wenig zu eifrig.

Aurel wandte den Blick von dem Raum ab und sah zu ihm hin. Er grinste. "Nein danke", sagte er bestimmt. "Es sei denn, du willst mir erklären, dass das Zimmer kein Bad hat."

Die hellen Wangen des anderen färbten sich in einem zarten Rosa, als er den Kopf schüttelte. "Nein Herr, natürlich steht Euch dieses Bad zur Verfügung, aber..." Er verstummte verlegen und sah Aurel hilflos mit seinen großen, silbergrauen Augen an.

/Er hat sich die Wimpern getuscht. Anthrazitfarben/, stellte Aurel fest, doch der Gedanke verschwand so schnell, wie er gekommen war.

"Nun, wo liegt dann das Problem?" Er seufzte und zuckte mit den Schultern. "Hör zu, Junge. Ich habe einen langen Tag hinter mir." /Um genau zu sein, habe ich drei verdammt lange Monate hinter mir/, dachte er grimmig, doch er schaffte es, das Lächeln nicht aus seinem Gesicht verschwinden zu lassen. "Alles, was ich will, ist dieses Zimmer. Ein wenig Entspannung in einer heißen Badewanne. Und ein Bett. Okay? Wenn es irgendwelche Probleme damit gibt, dann sag es mir am besten jetzt."

Der junge Mann biss sich auf die volle Unterlippe, der Rotton seiner Wangen vertiefte sich noch um eine Spur, doch er schüttelte den Kopf. "Vergebt mir, Herr", flüsterte er.

Aurel zog eine Braue hoch. Allzu lange konnte der flügellose Engel den Job als Empfangsjunge noch nicht machen, so unsicher, wie er war. Immerhin war er ein Bediensteter dieses Palastes, eigentlich sollte er hochnäsig auf ihn herabsehen, so offensichtlich musste es sein, dass er nicht hierher gehörte. Selbst wenn er irgendwelche Urkunden anschleppte. Nun, zugegeben, es blieb nach wie vor die Frage offen, was genau eigentlich deren Inhalt war. Aurel unterdrückte ein Lachen, als er sich vorstellte, dass ihn dieses Stück Papier sowohl zum meistgesuchten Verbrecher wie auch zum Obersten der Systemlords machen konnte, ohne dass er davon wusste.

Amüsiert schüttelte er den Kopf. "Dann bring mich einfach hin."

Der junge Mann schluckte, dann zauberte er wieder dieses künstliche Lächeln auf seine Lippen und wandte sich um. "Folgt mir, Herr."

Erst jetzt, im hellen Licht der Eingangshalle, fiel Aurel auf, dass sein weißes Haar hüftlang war. /Verteufelt unpraktisch/, dachte er, als ein Erinnerungsfetzen durch seinen Kopf huschte.

Der Weg durch den Palast war lang; sie durchquerten Flure mit Mosaikböden, große Säle mit dicken Teppichen, liefen mit Statuen flankierte Treppen empor, andere wieder herunter. Zweimal benutzten sie einen Aufzug; einmal einen geräumigen, dessen Wände aus edlem, dunklem Holz bestanden, der sogar gepolsterte Sessel und Rankpflanzen über dem Spiegel aufwies.

Beim zweiten Mal war es einer, den Aurel ohne zu zögern geistig als Lastenaufzug deklarierte. Seine Lippen kräuselten sich zu einem unterdrückten Lächeln, er wollte seinen engelhaften Führer nicht schon wieder in Verlegenheit bringen. Aber er war sich sicher, dass es einen kürzeren Weg gab, den der junge Mann allerdings vermied, um die anderen Bewohner oder Gäste des Palastes nicht durch den Anblick eines Subjektes wie ihn zu stören.

Ziemlich unvermittelt blieb der junge Mann inmitten eines runden Raumes stehen, bei dem Aurel geschworen hätte, dass sie ihn nur durch eine weitere Tür wieder verlassen würden. Außer dem Torbogen, durch den sie eingetreten waren, gab es drei weitere bogenförmige Türen, deren dunkles, schweres Holz mit verschlungenen, geschmiedeten Ornamenten verziert war.

Und auch wenn Aurel noch nie hier gewesen war, wusste er doch sofort, welches die Tür war, zu der sein Schlüssel gehörte. In einer Variante konnte er das Muster des Whispering-Wind-Keys in den Ornamenten der mittleren Tür wiederfinden.

In dem Moment wies sein Führer auch mit einer anmutigen Geste auf eben jenen Torbogen. "Wir sind da, Herr. Das ist die Tür, zu der Euer Schlüssel gehört. Wünscht Ihr noch irgendetwas?"

Aurel grinste. Er konnte einfach nicht wiederstehen. "Hm. Morgen vielleicht. Ein bisschen... Gesellschaft?", schlug er mit einem anzüglichen Grinsen vor. /Einmal noch das zarte Rosa in sein blasses Gesicht treiben! Los, schnaub empört, beschimpfe mich oder spiele den unberührbaren Diener und versuche, deine Verlegenheit zu überspielen./

Belustigt registrierte er das leichte Zusammenzucken des jungen Mannes, doch seine Heiterkeit schwand abrupt, als sein flügelloser Engel sich geschmeidig verneigte. "Wenn Ihr das wünscht, Herr, stehe ich Euch morgen zur Verfügung", sagte er leise.

"Vro'hailit! - Verdammt!", brachte Aurel überrascht hervor. "Das sollte ein Scherz sein! Vergiss es, Junge."

Die Erleichterung in dem zarten Gesicht war nicht zu übersehen, auch wenn der junge Mann sich Mühe gab, es sich nicht anmerken zu lassen. "Wie ihr es wünscht, Herr", wiederholte er und lächelte. "Erlaubt Ihr, dass ich mich zurückziehe?"

Aurel nickte überrumpelt. /Palast, hm? Was für ein Palast?.../ Während er der schmalen Gestalt hinterhersah, wie sie anmutig den Gang entlang zurücklief, krochen mit einem Mal unwillkommene Gedanken durch seinen Kopf. Entschlossen scheuchte er sie davon, noch bevor sie sich wirklich manifestieren konnten. Er war einfach zu müde, um sich noch auf irgendeine Konfrontation einzulassen, selbst wenn es nur eine mit den eigenen Gedanken war.

Als die helle Gestalt um die Ecke bog und aus seiner Sicht verschwand, sackte Aurel regelrecht in sich zusammen. Er gähnte ausgiebig, während er in der Jackentasche nach dem Schlüssel kramte. Himmel, er freute sich wirklich auf ein weiches, warmes Bett. /Weißt du was, Mann? Egal wie du stinkst, der einzige, der das ertragen muss, bist du. Und du hast dich in den vergangenen Wochen daran gewöhnt. - Ich verschiebe das. Morgen ist auch noch ein Tag./

Müde schloss er die Tür auf, trat ein und ließ sie hinter sich wieder zufallen, fest entschlossen, nur noch nach dem Bett zu suchen. Doch dann blieb er reglos stehen.

"Tashi'ito! - Heilige Scheiße!", war alles, was er hervorbrachte.

Er stand in einer Art Eingangsbereich, der durch einen hohen Torbogen den Blick in einen großen Raum öffnete. Plätschern erfüllte die Luft, das aber nicht von dem winzigen Teich zu kommen schien, der sich nur drei Schritt von ihm entfernt befand. Hin und wieder konnte man das leise Klingen kleiner Glöckchen hören.

"Das ist nicht wahr", murmelte er geschafft. /Das ist wirklich ein verdammtes Palastzimmer! Mann, du hast das große Los gezogen./

Er drehte sich zur Tür um und schob erst einmal den Riegel vor, ehe er seinen Seesack von der Schulter rutschen ließ und ihn dagegenlehnte. Langsam ging er um den kleinen Teich herum, bemüht, nicht auf eines der in den unterschiedlichsten Blautönen gehaltenen Kissen zu treten. Die zartrosa Wasserlilien auf der glitzernden Oberfläche bewegten sich leicht in dem Wind, der durch den Raum wehte. Aurel konnte die Schemen von bunten Fischen ausmachen, die erschreckt davonstoben, als sein Schatten sie streifte.

Hinter dem Teich traten die Wände weit zurück und öffneten sich zu einem großen Raum, der durch kunstvoll verteilte, von der Decke herabhängende weiße Schleier optisch unterteilt wurde, welche die freie Fläche belebten. Wenn sie sich sacht bewegten, wirkte es, als würde der Wind mit ihnen tanzen.

Aurel zögerte, mit seinen dreckigen Stiefeln den runden, dunkelblauen Teppich zu betreten, der von der Raummitte aus den schneeweißen Marmorboden zu einem großen Teil bedeckte. Hastig schüttelte er sie von den Füßen, auch wenn seine löchrigen Socken nicht wirklich sauber waren, ehe er einen weiteren Schritt machte. Er lächelte unwillkürlich, als er in dem flauschigen Untergrund einsank.

Auf einem fremdartigen, niedrigen Tischchen, um das willkürlich, aber trotzdem auf seltsame Weise harmonisch weitere Beistelltischchen und cremefarbene Sitzkissen gruppiert waren, lag ein großes Saiteninstrument, das Aurel vage an eine Khir'chamek erinnerte. Unregelmäßig verteilte, dicke Kerzen spendeten ein sanftes, aber durch einen Luftzug flackerndes Licht.

Aurels Blick glitt weiter zu drei hohen, schlanken Spitzbogenfenstern an der gegenüberliegenden Wand des Raumes. Das mittlere, das vom Boden aus bis fast zur Decke reichte, war weit geöffnet, wie um den Wind einzuladen. Das Licht des Mondes zeichnete die verschlungenen Rahmen nach, die die Fenster in kleinere Segmente unterteilten, und warf ihre Schatten in zarten Mustern auf den hellen Boden.

Vor dem linken Fenster stand ein verspielter Schreibtisch aus dunklem Holz, dessen Platte über und über mit Schriftstücken bedeckt war; Schriftrollen, Bücher und lose Blätter stritten um die Vorherrschaft, einige verteilte Stifte wirkten, als habe man vergessen, sie wegzuräumen.

Vor dem anderen Fenster hingen an einem Messingständer zwei unförmige Gebilde, die Aurel als Vogelkäfige identifizierte, die man mit hellblauen Tüchern verhängt hatte.

Das leise Plätschern, das den Raum erfüllte, stammte von zwei Brunnen, die jeweils rechts und links am Rand der großen Fensterfront standen. Sie waren aus Amethyst wie der Stein des Schlüssels; und dank ihrer Größe waren sie bestimmt einiges wert.

Von den Brunnen glitt Aurels Blick weiter, die Wände entlang, über weiße Schleier...

Sein Herz machte einen erschrockenen Satz, als er die Gestalt entdeckte, die reglos vor einem von Vorhängen halb verborgenen Bett stand. Doch der Fluch blieb ihm auf halbem Weg in der Kehle stecken.

Tag und Nacht vereinten sich in vollkommener Harmonie in dem zierlichen Jungen, der ihn aus großen, klaren Augen ansah, Augen in einem hellen Blauviolett, in dem Aurel sich hätte verlieren können. Umrahmt von dichten, sanft geschwungenen Wimpern wirkten sie wie leuchtende Edelsteine. Darüber wölbten sich die zarten Brauen so ebenmäßig, als hätte man sie mit einem Pinsel gemalt. Ein unsicheres, ängstliches Lächeln umspielte die vollen, fein geschnittenen Lippen und verlieh dem schmalen Gesicht einen unglaublich verletzlichen Ausdruck.

Gleich einem dunklen Schleier floss ebenholzschwarzes, schweres Haar über den Rücken bis zur Mitte der Oberschenkel hinab. Zahllose, glitzernde Edelsteine funkelten wie Sterne, wenn der Wind nach einzelnen Strähnen griff und mit ihnen spielte - ein Stück Gestalt gewordener Nachthimmel. Das Licht der Kerzen schimmerte auf alabasterweißer Haut und verlieh ihr einen samtigen Glanz.

Um die schmalen Hüften hatte der Junge einen Sarong von der Farbe seiner beeindruckenden Augen gewunden, der aus so dünner Seide bestand, dass Aurel seinen Körper darunter erahnen konnte. Die knappe Weste war aus dem gleichen Stoff und bedeckte kaum seine glatte Brust und den flachen, perfekt modellierten Bauch. Um seine zierlichen Hand- und Fußgelenke trug er unzählige, mit winzigen Glöckchen verzierte Silberkettchen.

/Anmut hat einen Namen/, fuhr es Aurel durch den Kopf, als der Junge aus seiner Bewegungslosigkeit erwachte und sich ihm, vom leisen, hellen Klang der Glöckchen begleitet, näherte. /Ich kenne ihn nur noch nicht./

Als er noch zwei Schritt von ihm entfernt war, sank der Junge geschmeidig auf die Knie und neigte den Kopf. Sein Haar glitt über seine Schulter und floss bis zum Boden, wo es sich in einem nachtschwarzen Teich zu sammeln schien.

"Willkommen, Herr. Ich bin Amaiis, der Whispering-Wind-Key." Seine sanfte Stimme war so leise und zart, dass Aurel mit einem Mal wusste, wieso der Schlüssel ausgerechnet diesen Namen trug.

Doch als er auf die schlanke Gestalt zu seinen Füßen herabsah, krampfte sich sein Magen vor Abscheu zusammen. Es war kein Abscheu vor Amaiis, es war Abscheu vor der Situation, Abscheu vor sich selber. Unwillkürlich wich er vor ihm zurück.

Er stolperte über eines der Sitzkissen, verlor das Gleichgewicht und fiel.

Als er auf dem Boden aufschlug, hörte er das entsetzte Japsen des Jungen. Stechender Schmerz fuhr durch seine Schläfe und ließ gleißende Funken vor seinen Augen tanzen. /Diese gottverdammten Tische/, dachte er benommen. Teilnahmslos blieb er liegen und starrte zur Decke empor, während er darauf wartete, dass seine Lunge ihre Funktion wieder aufzunehmen gedachte.

"Herr", hauchte Amaiis' sanfte Stimme entsetzt, dann sah Aurel die leuchtenden Augen direkt vor sich. Kühle, tastende Finger fuhren über sein Gesicht, seine Brust, seine Arme. "Herr, Ihr seid verletzt!"

Mühsam holte Aurel Luft. Als die schlanken Hände zu seiner Schläfe zurückkehrten, griff er aus einem Reflex heraus zu und hielt den Jungen fest. Erschrocken zuckte Amaiis zusammen. Er sah ihn ängstlich an; seine Lippen teilten sich, doch er brachte keinen Ton hervor.

Sekundenlang erwiderte Aurel den Blick dieser klaren, großen Augen und bewegte sich nicht. Der Junge rührte etwas in ihm an, das er am liebsten herausgerissen hätte. Amaiis war so jung, so zerbrechlich, er konnte unmöglich älter als sechzehn sein; kaum älter als...

Erinnerungen stürmten auf ihn ein und ließen ihn schaudern. Niemals wieder, hatte er sich geschworen, doch jetzt war es erneut geschehen. Wegen einem gottverdammten Pokerspiel! Wegen einer Keycard. Weil er zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war.

Erst als er merkte, dass der Arm, den er hielt, zitterte, ließ er ihn los. Augenblicklich wich der Junge vor ihm zurück. Seine Augen waren geweitet vor Furcht, er bebte so heftig, dass das Licht, das die Edelsteine in seinem Haar reflektierten, unruhig flackerte. Mit einer Hand umklammerte er das Gelenk, das Aurel gehalten hatte.

/Scheiße! Scheißescheißescheiße!/ Aurel presste die Handballen auf seine mit einem Mal brennenden Augen und holte tief und zitternd Luft. /Was hast du jetzt nur wieder angestellt? Was willst du hier? Warum bist du nicht einfach in der Stadt geblieben? Du hättest auf den Fahrer hören sollen. Zurückfahren, Schlüssel verkaufen, gutes Leben führen./

Jetzt hatte er den Jungen doch verängstigt. Aurel musste ihn dafür bewundern, dass er den dreckigen, heruntergekommenen Mann, der da zu seiner Tür hereinspaziert war, überhaupt begrüßt hatte und nicht schreiend davongelaufen war. /Herr.../ Auf einmal ergab alles einen Sinn. /Ich bin in einem Hurenhaus gelandet! Diese sogenannten Schlüssel sind nichts weiter als Sklaven, die zur Entspannung ihrer Besitzer hier gehalten werden./ Alles in ihm verkrampfte sich. /Ich habe um einen Sklaven gepokert. Dieser Junge gehört mir. Er ... gehört mir... gehört mir.../

"Scheiße...", murmelte er und ließ die Hände sinken. Er drehte den Kopf und sah zu dem verängstigten Jungen hin, der ihn nicht aus den Augen gelassen hatte. /Wenn du das auch nur im Entferntesten geahnt hättest... Kein Wunder, dass der Engel dich gefragt hat, ob du dich frisch machen willst. - Halb tot vor Müdigkeit, stinkend wie eine Kanalratte, und dann siehst du den Jungen an, als hätte er versucht, dich umzubringen. Obwohl er dir nur helfen wollte. Jetzt sieh zu, dass du das wieder gerade biegst! Er gehört dir, er ist dir ausgeliefert... und er weiß es./ Allein der Gedanke bewirkte, dass ihm fast schlecht wurde.

Mit einem schiefen Grinsen, das nur dazu gedacht war, Amaiis zu beruhigen, setzte er sich auf und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Das Gefühl von klebrigem, warmem Blut an seiner linken Schläfe ließ ihn für einen Moment innehalten, dann beschloss er, es ebenso wie den leichten Schwindel, der ihn erfasste, zu ignorieren.

"Tut mir leid. Tut mir wirklich leid. Ich wollte dich nicht erschrecken. Und ich wollte dir mit Sicherheit nicht weh tun. Hab ich zu fest zugefasst?" Er beugte sich vor und streckte auffordernd die Hand nach dem Jungen aus. "Zeig mal."

Amaiis zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, dann hielt er ihm seinen schlanken, weißen Arm hin. "Vergebt mir, Herr... es ist nichts passiert. Ich habe mich nur so erschreckt", hauchte er scheu.

Die schmale Hand wirkte ungeheuer zerbrechlich in Aurels großer, schwieliger. Vorsichtig streifte der Mann die Ketten von Amaiis' Handgelenk und wunderte sich flüchtig, wie weich die helle Haut war. Schuldbewusst verzog er das Gesicht zu einer Grimasse, als er die roten Abdrücke der Glöckchen entdeckte.

"Scheiße", murmelte er erneut, dann sah er auf und in die klaren, violetten Augen des Jungen. "Ich wollte das nicht. Ich habe eine verdammt lange Reise hinter mir. Ich bin müde. Und es hat mich vollkommen überrumpelt, als du plötzlich vor mir auf die Knie gefallen bist." Sacht massierte er das schmale Gelenk mit den Daumen. "Versprich mir, dass du das nicht noch einmal tust, okay?"

Amaiis nickte überrascht und ließ durch diese kleine Bewegung die Sterne in seinen Haaren funkeln. "Ja, Herr."

Aurels dreckige Finger hinterließen dunkle Flecken auf seiner alabasterweißen Haut, Aurel grinste angespannt. /Junge, du veränderst meine Planung für heute Abend vollkommen. Ich wette, es gibt nur dieses eine Bett./ Er ließ seinen Blick noch einmal durch den großen Raum schweifen. /Warum sollte auch noch ein zweites hier stehen? Das wird bestimmt nicht im Sinne seiner vorherigen Besitzer gewesen sein./ Aber es gab noch einen großen Diwan auf der dem Bett gegenüberliegenden Seite, der von hohen, unglaublich vollgestopften Bücherregalen eingerahmt wurde.

Für einen Moment überlegte Aurel, ob er sich für die Nacht dorthin zurückziehen sollte, doch er verwarf den Gedanken sofort wieder. Dass das Liegesofa für seine Größe von knapp zwei Metern zu kurz wäre, um bequem darauf zu schlafen, war noch das geringste Problem. Aurel hatte schon in wesentlich unbequemeren Lagen hervorragend geschlafen. Aber er wollte den Jungen nicht noch einmal verletzen. Und seiner Erfahrung nach würde eine so offensichtliche Zurückweisung das auf alle Fälle tun. Was aber bedeutete, dass er auf jeden Fall noch unter die Dusche musste.

Aurel seufzte, ließ Amaiis' Hand los und stand mit einem schiefen Lächeln auf. Augenblicklich nahm das Pochen in seiner Schläfe, das etwas abgeflaut war, wieder zu und zog sich durch seinen gesamten Kopf. /Ich bin müde. Warum musste das sein, hm?/ "Der flügellose Engel, der mich hierher gebracht hat, sagte, dass das Zimmer ein Bad hat."

Geschmeidig erhob sich der Junge und wies in Richtung des Eingangs. "Hier entlang, Herr." Er wandte sich ab, um voran zu gehen. Trotzdem bemerkte Aurel den Schatten, der kaum merklich sein ebenmäßiges, zartes Gesicht verdunkelte. "Ihr meint bestimmt Fíonán, den Wind-Key. Er hat häufig Dienst am Tor."

"Ay, kann sein. Er war sehr hell. Weiße Haare." /Was war das? Trauer? Wut? Schmerz?/ Aurel konnte es nicht sagen. "Magst du ihn nicht?", versuchte er sich vorzutasten.

Amaiis führte ihn an dem kleinen Teich vorbei in den Vorraum zurück, wo er einen Vorhang beiseite schob, den Aurel beim Eintreten völlig übersehen hatte. Der Junge schien mit den Worten zu ringen, als sei er sich nicht im Klaren darüber, was er sagen wollte und was er sagen sollte.

"Doch, Herr. Gerne sogar", meinte er schließlich leise und sah ihn scheu an, nur um den Blick wieder abzuwenden und den Kopf zu senken, als habe er etwas verbotenes getan.

Aurel blieb vor ihm stehen und zog eine Braue hoch. Er konnte nicht behaupten, dass er das Verhalten des Jungen verstand. Andererseits hatte er aufgehört, die Dinge zu verstehen, seit der blonde Fremde sich zu ihm an den Tisch gesetzt hatte. /Vielleicht ist er in ihn verliebt und darf es nicht./ Mit einem innerlichen Seufzen zuckte er mit den Schultern und beschloss, nicht weiter nachzufragen.

Er trat an Amaiis vorbei ins Bad und stieß durch die Zähne einen leisen, anerkennenden Pfiff aus. Wie auch der große Raum, aus dem sie gekommen waren, war das kleinere, runde Zimmer in hellem Marmor gehalten. Es neigte sich zur Mitte hin leicht ab, auf die Wanne zu, die in den Boden eingelassen war. Umrahmt war sie von ebenfalls vertieften Mulden, die mit Palmen, Schilf und Büschen bepflanzt waren, von denen einer über und über mit zartvioletten Blüten bedeckt war. Über drei oder vier Stufen konnte man in das für eine Wanne recht tiefe Becken steigen, in dem auf halber Höhe ein Vorsprung verlief, der zum Sitzen einlud.

Auch an den Wänden standen zahlreiche, zum Teil ebenfalls zartviolett blühende Pflanzen, die einige Truhen und Schränkchen aus dunklem Holz halb verdeckten. Der hintere Teil des Raumes war durch einen hellen, schlichten Paravent abgeteilt, vermutlich um die Toilette zu verbergen.

"Soll ich Euch beim Auskleiden behilflich sein, Herr?", holte ihn die sanfte, schüchterne Stimme des Jungen aus seiner Betrachtung zurück. Trotz des leisen Klangs der Glöckchen, der ihn immer begleitete, war er nahezu lautlos hinter ihm eingetreten.

Mit einem warmen Auflachen wandte Aurel sich zu ihm um und schüttelte den Kopf. "Das schaffe ich gerade noch so allein. So alt bin ich auch nicht."

Amüsiert beobachtete er, wie Amaiis eilig die Hand vor den Mund hob, um ein kleines Lächeln zu verbergen. /Das werde ich ihm abgewöhnen müssen; es ist zu schön, um es zu verstecken/, dachte er und erschrak im selben Augenblick vor dem Gedanken. /Du wirst ihm gar nichts ab- oder angewöhnen!/ Sein Gesicht verdunkelte sich, als Zorn in ihm aufwallte; abrupt drehte er sich um. /Du wolltest das nicht; du wirst sehen, dass du das alles so schnell wie möglich wieder los wirst!/

Er zog sich das Hemd wütend über den Kopf und ignorierte, dass einige Knöpfe absprangen. /Niemals wieder!/

Als der Junge hinter ihm erschrocken aufkeuchte, hielt er inne. Er wusste, was Amaiis sah. Seinen Zorn beiseite schiebend, wandte er sich wieder zu ihm um und ließ das Hemd einfach auf den Boden fallen. Sein Blick begegnete entsetzten, weit aufgerissenen Augen.

Aurel seufzte leise und lächelte. "He, das ist lange her. Alles verheilt. Vergangen und vergessen." Es war eine Lüge, aber eine, die er sich schon so oft erzählt hatte, dass er sie fast selber glaubte. Doch wenn er es heraufbeschwor, konnte er noch immer jede einzelne der Narben spüren, die seinen Oberkörper bedeckten, ebenso wie den Schmerz, den es ihm bereitet hatte, als ihm die Wunden zugefügt worden waren; die seines Körpers, die seiner Seele. "Vergangen und vergessen", wiederholte er und zuckte mit den Schultern, um deutlich zu machen, wie wenig es ihn noch berührte.

Amaiis nickte, doch in seinen Augen glitzerte es verdächtig. "Ja, Herr", meinte er erstickt, dann wandte er sich hastig ab und trat zu einem der kleinen Schränkchen. Aus einer Schublade holte er ein paar Kämme hervor und steckte mit flinken, geübten Bewegungen sein Haar hoch.

Aurels Lächeln verschwand. Mitleid, das sich auf ihn bezog, verabscheute er, aber was ihn aus den Augen des Jungen angesehen hatte, war Unverständnis. Vollkommenes Unverständnis, wie jemand so grausam sein konnte, einem anderen das anzutun. Er ertappte sich dabei, dass er Amaiis trösten wollte, doch er schob es mit einem Schulterzucken beiseite. Der Junge würde ersticken, wenn er ihm zu nahe kam.

Der Gedanke ließ ihn schmunzeln und das Becken plötzlich wieder in den Vordergrund treten. Eilig zog er sich komplett aus, um dann langsam in das klare, erstaunlich heiße Wasser zu steigen. Mit einem wohligen Seufzer tauchte er ganz unter und genoss die Hitze, die seinen Körper und sein Gesicht umschmeichelte, das Gefühl von sauberem Wasser auf seiner Haut und um ihn herum. Er hatte viel zu lange darauf verzichten müssen.

Als er wieder auftauchte, stand Amaiis vor ihm. Er war vollkommen nackt und erschien Aurel unsagbar schön. Das hochgesteckte, dichte Haar gab zierliche Ohren frei, die in einer sanften Spitze endeten. Einige kürzere Strähnen hatten sich bereits wieder gelöst und schmiegten sich an den schlanken Hals, als seien sie lebendig. Sie glitten die nackte, blasse Brust herab, auf der sich die Brustwarzen wie kleine, zartrosa Perlen erhoben.

Aurels Blick wanderte den grazilen Körper hinab, streifte den flachen Bauch mit dem kleinen, tropfenförmigen Nabel, die Hüften, die langen, schlanken Beine. Durch das Wasser hindurch konnte er schwarzes Schamhaar schimmern sehen, ansonsten war die alabasterweiße Haut vollkommen glatt, wie die eines Kindes.

Der Anblick dieses delikaten, nackten Körpers machte Aurel unmissverständlich klar, dass er die vergangenen drei Monate vollkommen keusch gelebt hatte. /Handarbeit zählt nicht./ Sämtliche Müdigkeit schien von ihm abzufallen, als er auf den Jungen reagierte. /Shit! Der ist doch noch ein Kind! Hör auf, Aurel! - ...er ist deswegen in diesem Palast... - Rühr ihn an, und ich schneide dir anschließend die Kehle durch!/

Er konzentrierte sich auf das zarte Gesicht, nur um festzustellen, dass die Lippen verlockend weich aussahen. Sie verzogen sich zu einem scheuen Lächeln, während sich Amaiis' Wangen dunkler färbten. "Ich... wollte Euch waschen, Herr."

Erst jetzt entdeckte Aurel das kleine, neben ihm schwimmende Bambusfloß. Allerlei Fläschchen, die mit den verschiedenfarbigsten Flüssigkeiten gefüllt waren, teilten sich den Platz mit Bürsten, Schwämmen und Tüchern. Er nickte geistesabwesend und verfluchte sich gleich darauf dafür, als der Junge näher kam.

Doch Amaiis streckte nur die Hand nach etwas aus, und plötzlich schob sich aus der Wand des Beckens eine Art gepolsterter Arm, der in der Mitte eine Vertiefung aufwies. Amaiis musste seinen misstrauischen Blick bemerkt haben, denn er lachte leise und tippte mit einem feingliedrigen Finger auf die Vertiefung. "Das ist für den Nacken, Herr. Damit Ihr bequem liegen könnt, während ich Euch die Haare wasche."

Aurel zögerte einen Moment, dann gab er sich mit einem Seufzen geschlagen und legte sich auf den Absatz an der Wand, platzierte den Nacken auf dem eigenartigen Arm. Überraschenderweise war es sogar richtig bequem.

Als er den Jungen nicht mehr direkt vor Augen hatte, wich auch die Hitze wieder aus seinem Körper und machte erneut seiner Erschöpfung Platz. Mit geschlossenen Augen genoss er die sanften Finger, die seine Kopfhaut massierten, Shampoo in seinen Haaren verteilten, wieder massierten. Warmes Wasser, als es ausgespült wurde. /Du solltest das nicht zulassen/, dachte er träge und rührte sich nicht.

Die zärtlichen Hände wuschen sein Gesicht, seinen Bart. Glitten über seine Brust, seine Seiten. Seinen Bauch hinab. Dann verließen sie ihn, nur damit er sie kurz darauf an seinen Füßen spüren konnte. /Ich sollte ihm einen Orden für Tapferkeit vor dem Feind verleihen. Dass er es überhaupt wagt, mich anzufassen bei all dem Dreck.../

Die Hände wanderten seine Waden hoch, seine Knie entlang, über seine Oberschenkel. Abrupt öffnete Aurel die Augen und setzte sich auf. "Okay, das reicht, denke ich."

Amaiis war zusammengezuckt, erschrocken sah er ihn an. Vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, dass Aurel sich so plötzlich regen würde. Dann wich der Schreck Verwirrung. "Aber... Herr?"

Aurel kratzte sich verlegen in seinem nassen Bart und vermied es, den Jungen erneut anzuschauen. "Das mache ich selber. Heute Abend ist das keine gute Idee, glaub mir."

"Oh..." Amaiis klang etwas enttäuscht, und allein dieser Ton ließ Aurel fast seine Vorsätze vergessen. "Wie Ihr wünscht, Herr."

/Müdigkeit hilft einem nie!/, dachte er sarkastisch. /Wenn man sie braucht, ist sie plötzlich verschwunden und weit und breit nicht mehr aufzutreiben./

Doch als er etwas später sauber, wohlriechend und in einer ärmellosen, grünen Seidentunika, die Amaiis ihm gebracht hatte, neben dem Jungen in dem ewig breiten Bett lag und die Augen schloss, war er schneller eingeschlafen, als er geglaubt hatte.


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© by Meike "Pandorah" Ludwig