Whispering Wind

3.

"...aufwachen." Dieses eine Wort durchdrang langsam, aber sicher die wohlig warme Dunkelheit, die Aurel umhüllte und ließ es heller werden. Unangenehm hell. Er knurrte, rollte sich zusammen und vergrub den Kopf unter einem Arm, was die Nacht zurückzubringen schien und ihm einen zufriedenen Laut entlockte.

"Bitte, Herr. Ihr müsst der Herrin der Winde Eure Aufwartung machen." Die Stimme wurde deutlicher, klarer, blieb dabei aber sanft und weich; sie unterwanderte alle Abwehrsysteme und drang direkt zu ihm vor.

Verdrossen tastete Aurel nach dem Kissen und zog es sich über den Kopf. Das Plätschern von Wasser, Vogelgezwitscher und das leise Klingeln irgendwelcher Glöckchen aus dem Hintergrund, die er vorher gar nicht bemerkt hatte, erreichten ihn nur noch gedämpft, was eindeutig ein Fortschritt war.

"Die Herrin der Winde kann mich mal", grollte er. "Ich muss gar nichts."

Zufrieden stellte er fest, dass die störende Stimme verstummt war, und sackte langsam wieder weg ins Dunkle. Für ein paar Sekunden hatte er Ruhe.

"Bitte, Herr... es ist Mittag."

Da konnte jemand wirklich hartnäckig sein! Grummelnd zog Aurel das Kissen von seinem Gesicht und blinzelte angesichts der plötzlichen Helligkeit, die ihn überfiel, als er die Augen öffnete. "Ies'ka Shita! - Mögen die Götter dich verfluchen! Warum kannst du mich nicht einfach schlafen lassen?", murrte er, ohne genau zu wissen, mit wem er da eigentlich sprach.

Ein Moment lang herrschte Stille.

Dann erklang die Stimme wieder. Sanft, zart, fast liebevoll und ein wenig amüsiert. "Die Herrin der Winde erwartet Euch. Und Ihr wollt vorher bestimmt noch etwas essen und Euch herrichten lassen."

Langsam hatten sich Aurels Augen damit abgefunden, wieder sehen zu müssen. Müde versuchte er, den Ursprungsort der beharrlichen Stimme auszumachen, um herauszufinden, ob er das Kissen danach werfen konnte, ohne Gefahr zu laufen, dass irgendetwas Wichtiges zu Bruch ging. Sein Blick glitt über cremefarbene Seidenbettwäsche mit einem dezenten Prägemuster, über ein Stück Matratze, das von einem zerknitterten Bettlaken bedeckt war, und traf unvermittelt auf ein zartes Gesicht, das sich irgendwie aus seinem Traum hierher gerettet haben musste. Aurels Herz setzte einen Schlag aus und schien dadurch einen Atemzug lang die Zeit anzuhalten.

Weißer Alabaster, gefangen in ebenholzschwarzem Haar. Funkelnde Tautropfen auf der schimmernden Schwärze. Blauviolette, mandelförmige Augen, unendlich klar und leuchtend - Edelsteine, umrahmt von einem dichten, schwarzen Wimpernkranz. Eine kleine, gerade Nase. Fein geschwungene Lippen, die sich zu einem scheuen Lächeln verzogen.

/...so schön.../ Ohne nachzudenken streckte Aurel die Hand aus, berührte samtweiche Haut mit den Fingerspitzen. Sacht fuhr er die Linie des Wangenknochens nach, ertastete das kleine spitze Ohr und strich daran entlang weiter, bis er das nachtschwarze Haar erreichte und seine Hand darin vergrub. Es glitt seidig durch seine Finger, schwer und warm, als wäre es lebendig.

Aurel rollte auf die Seite, ohne den Blick von dem engelhaften Gesicht lassen zu können. /...wunderschön./ Sein Griff wurde fester, er zog den Kopf zu sich heran, ohne Widerstand zu spüren. Volle, feucht schimmernde Lippen teilten sich für einen Augenblick; er konnte den Atem fühlen, der seine Haut streifte. Süß, frisch und warm.

Und immer waren da die klaren, großen Augen, die seinen Blick erwiderten. Ruhig, ein wenig verschleiert, erwartungsvoll? Sacht zog Aurel ihn noch näher an sich, beobachtete fasziniert, wie die Lider langsam herabsanken, um das helle, leuchtende Blauviolett zu verbergen.

Dann berührten sich ihre Lippen.

Weich, unendlich weich. Wie Seide. Sich nachgiebig auf seine schmiegend. Selbstvergessen öffnete Aurel den Mund und fuhr die Lippen mit der Zunge nach, schmeckte einen Hauch von Salz und Zitronen, schwach, aber angenehm. Als sie sich für ihn teilten, knabberte er zärtlich an der vollen Unterlippe und saugte sacht an ihr, ehe er seine Zunge in den warmen, süßen Mund gleiten ließ.

Die andere Zunge kam ihm entgegen, berührte ihn und umkreiste ihn spielerisch. So schön... zu schön... Aurel erkundete versonnen die Mundhöhle, jede Falte, jeden Winkel, glitt über glatte Zähne, ertastete den Gaumen. Die weichen Innenseiten der Lippen. Die empfindliche Unterseite der anderen Zunge...

Ein leiser wohliger Laut ließ ihn innehalten. Abrupt riss er die Augen auf und zuckte zurück. /Amaiis./ Schlagartig war er hellwach. /Uhhhh Shit!/

Doch das sanfte, regelrecht verträumte Lächeln, das auf den Lippen des Jungen lag, blockte erfolgreich jede Entschuldigung ab, die ihm auf der Zunge lag. /Es hat ihm gefallen? Wow./ Trotzdem oder vielleicht auch deswegen ließ der Kuss ein unangenehmes Gefühl bei ihm zurück. Aurel setzte sich auf und grinste schräg. "Guten Morgen."

Das Lächeln auf Amaiis' Gesicht vertiefte sich. "Guten Morgen, Herr." Geschmeidig glitt er vom Bett herunter; die Bewegung ließ die unzähligen, kleinen Edelsteine in seinem Haar aufblitzen. Mit einer anmutigen Verneigung wies er auf das fremdartige Tischchen in der Mitte des Raumes. "Das Frühstück steht bereit. Wollt Ihr am Tisch essen? Oder soll ich es Euch ans Bett bringen?"

/Er sieht im hellen Tageslicht noch immer so atemberaubend aus wie am Abend zuvor/, stellte Aurel fest und spürte das unwillkommene Kribbeln, das allein bei dem Gedanken durch seinen Körper raste.

Sein Blick folgte der Geste zu dem niedrigen Tisch, auf dem gestern das ihm fremde Instrument gelegen hatte. Jetzt war es auf eines der Beistelltischchen umquartiert worden, um Platz für ein aufwendiges Frühstück zumachen; hauchzarte Schalen mit Obst und Cremes, garniert mit den Blättern fremder Kräuter; Platten mit Käse und Wurst, mit Blüten dekoriert; Körbchen mit Gebäck; zwei schlanke Kannen auf durchbrochenen, filigranen Messingstövchen; eine Glaskaraffe mit goldgelbem Saft. In der Mitte des Tisches stand in einem Kerzenleuchter aus Messing eine einzelne, schlanke Kerze, die offensichtlich gerade eben erst angezündet worden war.

Aurel konnte den aromatischen Duft von frischem Kaffee riechen. Ein wonniges Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. Kaffee hatte von der Erde aus das ganze Universum erobert, einschließlich ihn. "Mach dir nicht noch mehr Mühe, ich komm gleich an den Tisch. Muss nur noch mal wohin."

Er schlug die Decke beiseite und streckte sich gähnend, bis seine Gelenke knackten. Dann schwang er die Beine aus dem Bett, stand auf und verschwand erst mal ins Bad.

Er hatte recht gehabt. Hinter dem Paravent befand sich neben einem Waschbecken, einem mannshohen Spiegel und einer weiteren Kommode aus dunklem Holz die Toilette, umgeben von verschiedenen Pflanzen, die ihm zum größten Teil unbekannt waren..

Aurel schlurfte zum Klo und warf im Vorbeigehen einen Blick in den Spiegel. Der Mann, der ihm daraus entgegensah, war gleichzeitig fremd und vertraut. Vertraut durch den wirren Vollbart und das zerzauste, längere goldbraune Haar, das ihm jedoch nicht einmal bis zu den Schultern reichte; fremd die seidene, grüne Tunika, die mit seiner hellen, goldbraunen Haut und den grünen Augen harmonierte, als sei sie für ihn gemacht worden. /Amaiis hat einen guten Sinn für Farben/, dachte er, ehe der Gedanke dem an seine drückende Blase wich. /Okay, einmal Klo, dann kurz ab in diese geniale Wanne. Und dann Kaffee!/

Er streifte die Tunika über den Kopf und ließ sie achtlos auf den Boden fallen. Ungeniert kratzte er sich im Schritt, nur um festzustellen, dass er es lieber gelassen hätte. Die Berührung verursachte ein unangenehm drängendes Kribbeln in ihm und rief damit unwillkürlich wieder das Bild dieses schlanken, zerbrechlichen Jungen vor seine Augen; er konnte ihn schmecken, erneut die nachgiebigen Lippen auf seinen fühlen. Sah die nackte Brust mit den rosigen, kleinen Brustwarzen, um die sich schwarze Haarsträhnen schlängelten. Das Schimmern von Schamhaar durch Wasser.

Ein Zittern lief durch Aurels Körper; er biss die Zähne zusammen, als er augenblicklich reagierte.

/Gottverdammte Scheiße!/, fuhr es ihm durch den Kopf. /Hör auf! Er ist ein halbes Kind!/ Es half nicht. Es half nie. Es machte alles nur noch schlimmer. Und er wusste, dass er unmöglich so zu ihm zurück konnte. Für einen Moment lauschte er in den Raum. /Wenn er jetzt nur nicht auf die Idee kommt, mir etwas bringen zu müssen.../

Doch alles war still. Aurel stützte sich mit einer Hand an der Wand über der Toilette ab, mit der anderen umschloss er sein hartes Glied. Die Berührung ließ ihn aufkeuchen; ärgerlich presste er die Lippen zusammen, um jeden weiteren Laut zu unterdrücken. Mit schnellen, harten Bewegungen begann er, sich auf den Höhepunkt zuzutreiben, während er Amaiis vor sich sah. Seinen schönen Körper, nackt wie im Bad, den Ausdruck seiner Augen nach dem Kuss. Er stellte sich vor, wie der Junge unter ihm lag, unter seinen Berührungen erbebend, kleine lustvolle Schreie ausstoßend, nach mehr verlangend.

Es war schnell vorbei. Aurel stöhnte erstickt auf und schloss die Augen, wie jedes Mal, wenn er kam. Schwer atmend hielt er einen Moment still, wartete, bis die Erregung abgeklungen war und sich sein Atem wieder beruhigt hatte. Dann stieß er sich von der Wand ab und starrte teilnahmslos auf sein Sperma, das in der Kloschüssel Schlieren zog.

/Und? Fühlst du dich jetzt besser?/, fragte eine ätzende Stimme in seinem Inneren. Aurel biss die Zähne so fest zusammen, dass es schmerzte, und betätigte die Spülung. /Ich will ihn nicht begehren./ Als das Wasser gurgelnd verschwand, hob er abrupt den Kopf. Ihm war, als hätte er das leise Klingeln von Glöckchen gehört.

Mit zwei schnellen Schritten war er am Paravent und sah in den Raum hinein. Leer. Aurels Blick wanderte zur Türöffnung, in der sich der Vorhang leicht bewegte. Doch er konnte nicht sagen, ob es der Wind war oder ob jemand den Raum verlassen hatte.

"Scheiße", murmelte er leise. Für ein paar Sekunden verharrte er regungslos, dann kehrte er zur Toilette zurück, um zu verrichten, wofür er eigentlich gekommen war.

Als er das zweite Mal hinter dem Paravent hervorkam, bemerkte er das Badetuch und den Morgenmantel aus grüner Seide, die neben dem Becken auf einem zierlichen Tischchen lagen. Er war sich sicher, dass es noch leer gewesen war, als er das Bad betreten hatte. Aber er konnte auch nicht sagen, ob die Sachen schon dort gelegen hatte, als er die Glöckchen zu hören gemeint hatte.

Grübelnd betrachtete er beides noch einen Moment, dann zuckte er fast gleichgültig mit den Schultern und trat zu dem großen Becken. Sollte der Junge hier gewesen sein, konnte er es jetzt auch nicht mehr ändern. Und im Grunde genommen war es auch ziemlich egal.

Er stieg die Stufen hinab und blieb stehen, als das heiße Wasser ihm bis zur Hüfte reichte. Die unruhige Oberfläche reflektierte sein verzerrtes Spiegelbild. Aurel starrte sich an, ohne sich wirklich zu erkennen. /Ja, Mann, wer ist das? Du? Er? Irgendjemand, der dir noch nie begegnet ist, der aber jeden Moment auftauchen kann?/

Er ließ seine Finger über die Wasseroberfläche gleiten und verwischte damit das Bild vollkommen. /Weg./ Doch als die Wellen sich beruhigten, wurde die Spiegelung wieder deutlicher. /Verschwindet niemals... es gibt nur einen Weg, doch den will ich nicht gehen./

Aurel ließ sich einfach vornüber fallen und tauchte unter. Ruhe... Das Wasser umschloss ihn warm und schmeichelnd, streichelte seinen Körper, sein Gesicht. Irgendwie war die Welt hier unten still. Still und sanft, einsam. /Was tust du eigentlich an diesem Ort? Du solltest nicht hier sein. Du hättest gewarnt sein sollen. Spätestens, als der Taxifahrer das Wort 'Palast' in den Mund genommen hat, hättest du vernünftig genug sein sollen, um ihn umkehren zu lassen. Wieso bist du hierher gekommen? - Warum nicht? Hier hat immerhin ein kostenloses Zimmer auf mich gewartet. Und ich war so müde.../

Wasser war wie das All. Und das All liebte er. Man war allein. Niemand konnte kommen, niemand war da. Nur er und die Stille.

/Warum bleibst du? Du begehrst den Jungen. Aber du willst ihn nicht verletzen... geh einfach. Niemand zwingt dich, in diesem Palast zu bleiben. Niemand. Geh einfach. Geh und vergesse.../ Die Welt unter Wasser war so schön unkompliziert, so schön klar. Sie trug ihn, hielt ihn, umarmte ihn, umfing ihn mit ihrem sanften, unentrinnbaren Griff.

Aurels Herz begann schneller zu schlagen, als sein Körper den Sauerstoffmangel irgendwie auszugleichen suchte. Das Blut rauschte in seinen Ohren, das Geräusch schien von den Wänden des Beckens widerzuhallen, ein seltsam beruhigender Laut.

Doch irgendwann wurde sie zu einsam, diese stille, ruhige Welt. Irgendwann musste er wieder raus. Weil sie ihm die Luft abschnürte. Es war wie im All. Wundervolle, vertraute Einsamkeit, die ihn zu ersticken drohte. Doch so lange es ging, hielt er durch. So lange es irgendwie möglich war, blieb er dort, wo es nichts und niemanden gab, der ihn verletzen konnte. Den er verletzen konnte.

Treiben. Wie schwerelos. Gliedmaßen, die müde wurden, zu kribbeln begannen. Eine Lunge, die nach Luft schrie. Sterne vor den Augen. Wundervolle, bunte Sterne. Sterne, die explodierten, Übelkeit hervorriefen und ihn in Schmerz tauchten.

Aurel riss den Kopf aus dem Wasser und schnappte keuchend nach Luft, während seine Füße Halt suchten. Schwer atmend richtete er sich auf.

Und sah in Amaiis' entsetztes, blasses Gesicht. Der Junge stand schon halb im Wasser, noch vollkommen angezogen. Sein schwarzes Haar verteilte sich auf der hellen Oberfläche wie Risse auf einem unscharfen Spiegel. Die großen, violetten Augen leuchteten wie Edelsteine aus dem weißen Gesicht. Für einen Moment konnte Aurel die Angst spüren, die von dem Jungen ausging, hörte seinen beschleunigten Herzschlag, seinen Atem...

...dann war der Moment vorbei. Amaiis' Augen füllten sich mit Tränen, seine Lippen bebten. Er stand einfach reglos da, sah ihn an, und Aurel fühlte sich mit einem Mal unheimlich schuldig, auch wenn er keine Ahnung hatte, wieso.

"Amaiis? He. He, Junge. Nicht weinen. Warum weinst du denn?" Er versuchte ein schiefes Lächeln, was ihm vollkommen misslang, während er noch immer nach Atem rang. "He, na komm, hör auf." /Verdammt, ich kann niemanden trösten. Ich kann das nicht. Und erst recht nicht, wenn ich nicht mal weiß, wieso!/

Amaiis schluckte mühsam und nickte, doch in dem Moment löste sich die erste Träne von den dichten Wimpern und lief die blasse Wange hinunter, blieb für einen Moment schillernd an seinem Kinn hängen und fiel dann wie ein glitzernder Edelstein ins Wasser. Aurel wollte nicht, dass der Junge weinte. Er wollte ihn lächeln sehen, dieses Lächeln, das ihn zu einem unerreichbaren Traum machte. Ohne weiter darüber nachzudenken, was er konnte und was nicht, öffnete er einfach die Arme und hielt ihm die Hände entgegen.

Mehr Aufforderung brauchte Amaiis nicht. Mit einem Aufschluchzen schmiegte er sich an Aurels breite Brust und schlang die Arme um den Mann, der ihn sacht umfing.

"Schhhh", murmelte Aurel sanft. /Ist es wegen mir? Habe ich etwas getan?/ "Schhhh, nicht weinen. Warum weinst du überhaupt? Ist was passiert? He, Kleiner, ganz ruhig."

"Es tut mir leid, Herr", flüsterte Amaiis erstickt, während sein schmaler Körper von Schluchzern geschüttelt wurde. "Es tut mir so leid, bitte vergebt mir..."

Hilflos drückte Aurel ihn an sich, er hatte nicht die geringste Ahnung, was er tun sollte. Er wusste nicht, weswegen der Junge weinte und mit Sicherheit auch nicht, warum er sich entschuldigte. "Ist okay. Ist vergeben und vergessen, ja?", versuchte er ihn zu beruhigen. /Was auch immer! Ist egal. Du kannst nichts getan haben, was mich treffen könnte./

Amaiis nickte wieder und vergrub sein Gesicht an Aurels Brust. Doch es dauerte eine ganze Weile, bis sein Schluchzen nachließ und schließlich vollkommen verebbte. Die ganze Zeit über hielt Aurel ihn einfach im Arm, streichelte sanft seinen Rücken und wartete. Erst als auch das letzte Zittern verklungen war, hob er ihn hoch. Er wollte ihn bei sich haben, wollte sichergehen, dass es- /...ihm gut geht?/

Amaiis japste erschrocken auf und klammerte sich an ihn, ehe er seinen Griff verlegen wieder lockerte. Die kleine Geste ließ Aurel warm auflachen. "Nur keine Panik. Aber weißt du, dort draußen wartet mein Frühstück auf mich, an das werde ich mich jetzt langsam und unauffällig anpirschen." Zufrieden hörte er das leise, wenn auch noch etwas zittrige Lachen, das er dem Jungen damit entlockte.

Er trug ihn aus dem Becken, ließ ihn neben dem Tischchen, auf dem Handtuch und Morgenmantel lagen, langsam von seinem Arm gleiten und stellte ihn wieder auf die eigenen Füße. Sein Blick wanderte über den schlanken Körper, an dem der seidene Sarong klebte und durch das Wasser so durchsichtig geworden war, dass er nichts mehr verbarg.

/Schön... wunderschön..../ Die Gedanken taumelten wie Schmetterlinge durch Aurels Kopf, und mit einem Mal war er froh über das kleine Zwischenspiel auf der Toilette. Denn trotzdem spürte er schon wieder die erregende Wärme, die ihn durchflutete. Er zwang sich, den Blick abzuwenden und Amaiis ins Gesicht zu sehen. Seine Augen trafen die klaren des Jungen, der den Blick unverwandt erwiderte, ruhig wie in einem Traum, wartend, aber ohne Verlangen.

/Worauf?/ Aurel schob ihm sacht die Weste von den schmalen Schultern, spürte, wie seine Fingerkuppen die Arme hinab über samtweiche Haut glitten. Das leise Rascheln, als die Seide zu Boden fiel, schien den ganzen Raum zu füllen. Zaghaft strich er mit den Fingerspitzen über die glatte Brust, wanderte den flachen Bauch hinab, bis er auf den nassen Sarong traf. Tastend fuhr er den Rand entlang, bis er den Knoten fand. Ohne den Blick des Jungen loszulassen, öffnete er ihn; die nasse Seide widersetzte sich seinen Bemühungen nur minimal.

Amaiis bewegte sich nicht; Aurel sah keine Ablehnung in seinen Augen, keine Abscheu, keine Angst. /Er gehört mir... und er vertraut mir./

Als der Sarong fiel, tastete Aurel blind nach dem Handtuch. Er lächelte und wischte mit einem Zipfel liebevoll die Tränen aus Amaiis' Gesicht, ehe er den Jungen komplett in das weiche Frottee einhüllte. Zärtlich strich er ihm über eine Wange, dann fiel ihm plötzlich auf, dass er selber noch nackt war. Hastig griff er nach dem Morgenmantel und warf ihn sich über die Schultern, wobei er sich ein wenig albern vorkam. /Er hat dich gestern nackt gesehen, Idiot./ Aber irgendwie ließ ihn der dünne Stoff über seinem Körper Amaiis' Nähe leichter ertragen. Die Seide klebte auf Aurels nasser Haut und machte es ihm schwer, in die Ärmel zu schlüpfen; als er den Morgenmantel endlich halbwegs zurecht gezogen hatte, schlang er den Gürtel zu einem losen Knoten und wandte sich erleichtert wieder dem Jungen zu.

In dem großen Badetuch erschien ihm Amaiis noch kleiner und zerbrechlicher, als er es ohnehin schon war. Die blasse Haut wirkte noch weißer gegen das dunkle Grün, das Gesicht noch zarter und verletzlicher. Aurel schluckte, als er die Wärme spürte, die langsam erneut in ihm emporstieg. /Ich will nicht.../, dachte er und stockte, ehe es sich ungebeten in seine Gedanken schlich. /Ich will nicht, dass er weinen muss. Nicht wegen mir./

Für den Bruchteil eines Augenblicks zögerte er, dann nahm er den Jungen erneut hoch und trug ihn ins Zimmer zurück. Er setzte sich an den gedeckten Tisch, schlug das linke Bein halb unter und zog Amaiis in die dadurch entstandene Kuhle, so dass dessen Beine über seinem rechten Oberschenkel lagen.

Während er ihn mit einem Arm an sich drückte, beugte er sich vor und goss Saft in ein Glas. "So, Kleiner. Jetzt trinkst du das, danach sieht die Welt schon wieder besser aus. Ich nehme mir noch einen Kaffee, und dann kannst du mir erzählen, was dich so erschreckt hat, okay?"

Amaiis befreite einen Arm aus dem dicken Frottee, griff nach dem Glas und schenkte Aurel ein scheues Lächeln. "Danke, Herr", sagte er leise und nippte an dem gelben Saft.

Zufrieden nickte Aurel. Er hob die Deckel der beiden Kannen an und linste erst in die eine, dann in die andere hinein. Tee in der ersten, grün, zart duftend... und sein ersehnter Kaffee in der zweiten, schwarz wie die Sünde. Mit einem Aufseufzen füllte er das viel zu kleine Tässchen und sog den aromatischen Duft genießerisch ein. "Ahhh, es gibt nichts besseres als Kaffee am frühen Morgen."

Amaiis kicherte. Er hatte den Kopf an Aurels Brust gelehnt und hielt sein Saftglas jetzt mit beiden Händen. "Es ist Mittag, Herr."

Ein breites Schmunzeln zog sich über Aurels Gesicht. /Na, siehst du, geht doch. Jetzt kannst du wieder lachen./ Er nahm einen Schluck des fast schon dickflüssigen Getränks und ließ es langsam die Kehle herunterrinnen, genoss die Bitterkeit auf seiner Zunge, ehe er wieder zu dem Jungen auf seinem Schoß herabsah und ihm zuzwinkerte. "Du hast mich geweckt, folglich ist früher Morgen. Und jetzt sag mir, warum du geweint hast."

Mit einem Schlag kehrte die Angst in Amaiis' Gesicht zurück. Er biss sich auf die Unterlippe und sah blicklos auf das Glas in seinen Händen. "Wenn ich Euch sage, ich habe mich um Euch gesorgt, werdet Ihr mir glauben, Herr?", wisperte er, ohne den Blick zu heben.

Verdutzt zog Aurel beide Brauen hoch und nahm einen zweiten Schluck Kaffee, nur um festzustellen, dass es auch der letzte war. /Viel zu klein, diese Tassen!/ "Gesorgt? Du hast dir Sorgen um mich gemacht? Warum?"

"Ich dachte... ich hatte Angst, Ihr wäret tot...", flüsterte Amaiis, und seine Hände zitterten mit einem Mal so stark, dass Aurel ihm das Glas abnahm, bevor sich der Saft über ihn ergießen konnte. Er stellte es zusammen mit seiner leeren Tasse auf den Tisch zurück und umfasste die bebenden Finger mit seiner großen Hand. "He, Junge. Junge! Das ist doch kein Grund, Angst vor mir zu haben! Und außerdem wieso überhaupt?!"

"Es hat so lange gedauert... ich wollte nachsehen, ob Ihr etwas braucht, Herr." Amaiis' Stimme war nur ein Hauch. Noch immer wagte er nicht zu ihm aufzusehen, doch Aurel konnte die Tränen sehen, die sich in seinen dichten Wimpern verfingen. "Und... und da lagt Ihr ganz reglos im Wasser. Ich dachte, Ihr seid ertrunken. Und ich hatte Angst... solche Angst..."

"Hm." Aurel wischte sie ihm sanft mit dem Daumen ab, ehe er mit einem Finger die kleine Nase nachzeichnete und ihr lächelnd einen Stups versetzte. "Das ist kein Grund, Angst zu haben. Erst recht nicht jetzt, nicht, wo ich noch lebe. Und glaub mir, so schnell sterbe ich nicht. Ich, hm, tauche nur gerne. Ich mag es, unter Wasser zu sein."

"Ihr wart ganz weiß um den Mund!" Abrupt hob Amaiis den Kopf und sah ihn mit seinen klaren Augen fast anklagend an.

"Oh, das..." Verlegen kratzte Aurel sich am Kopf. "Ich übertreibe manchmal vielleicht ein wenig. Aber ich tauche immer wieder auf." Er lachte, auch wenn ein eigenartiges Gefühl sein Herz ergriff, weil der Junge sich um ihn Sorgen machte. /Warum interessiert ihn das überhaupt?/ Es schnürte ihm die Kehle zusammen. "Mich kriegt nichts unter. Und das war schon alles?"

"Herr.... ich habe... bitte, glaubt Ihr mir, dass ich mich um Euch gesorgt habe?" Wieder sahen die violetten Augen zu ihm auf, voll Angst, flehend, hoffnungsvoll.

Aurel nickte und kämpfte die sinnlose Furcht herunter, die nach ihm griff. "Sicher. So wie du zitterst. Wer könnte daran zweifeln?"

"Ihr wisst nicht viel von Keys", wisperte Amaiis und schmiegte sich enger an ihn, als würde er Schutz suchen. "Ich habe nicht nur an Euch gedacht, Herr. Ich habe auch an mich gedacht. Wenn sie Euch so gefunden hätten, im Wasser treibend... sie hätten mich hier eingesperrt. Sie hätten den Raum versiegelt. Ich hätte nie mehr hinaus gedurft. Niemand hätte zu mir herein gekonnt. Kein Sonnenlicht. Überhaupt kein Licht. Keine frische Luft. Kein anderer Mensch. Nichts und niemand. Nur ich..."

Aurels Arme umfingen ihn fester, behütend, tröstend, schützend. Er verstand ihn. Verstand die Furcht, verstand den Grund. Und es ließ ihn schaudern.

"Du erwartest jetzt, dass ich dir böse bin? Warum? Weil du auch an dich gedacht hast? Erwartest du, dass ich wütend werde? Vielleicht sogar, dass ich dich schlage?", fragte er sanft. Er wollte nicht, dass der Junge Angst hatte. Nicht davor, nicht vor ihm und erst recht nicht deswegen.

Amaiis erwiderte seinen Blick für eine Ewigkeit, wie es ihm schien. Es war Aurel, als würde er ihm bis ins Herz sehen. Dann zog sich plötzlich ein so zartes Lächeln über das schöne Gesicht, dass Aurel der Atem stockte. Sein Herz begann schneller zu schlagen, und es sagte nur eines. /Weg hier! Verschwinde so schnell, wie du kannst!/

"Nein, Herr", erwiderte Amaiis leise mit glänzenden Augen. "Das würdet Ihr nicht."

"Dummkopf." Aurel merkte, wie liebevoll seine Stimme klang, hörte sich lachen. "Wenn du nicht wenigstens ein bisschen an dich denken würdest, das würde mir Sorgen machen. Es ist... nun, auch wenn du ein Elf bist... es ist menschlich." Er zog die feingliedrigen Hände an seine Lippen und küsste sie gegen den entsetzten Aufschrei seines Verstandes.

Amaiis kicherte auf und zuckte zurück; dann färbten sich seine blassen Wangen dunkler und er sah ihn ein wenig verlegen an, als er ihm die Hände wieder hinhielt.

Verdutzt erwiderte Aurel den Blick, während sein Verstand sich krampfhaft, aber erfolglos darum bemühte, die Oberherrschaft zurückzuerlangen. "Was war das?"

"Es..." Amaiis versuchte, ernst zu bleiben, doch dann musste er wieder kichern. "Es hat gekitzelt, Herr. Euer Bart."

"Oh." Mit einem Schmunzeln fuhr Aurel sich über den Urwald, der in seinem Gesicht wucherte. "Ich sollte mich wohl endlich mal rasieren, hm?" Er lachte auf, griff erneut nach der Hand des Jungen und drehte sie um. "Ich kam noch nicht dazu."

Ohne ihn aus den Augen zu lassen, drückte er seine Lippen auf die empfindliche Innenseite, streichelte sie zart mit dem Bart und musste wieder schmunzeln, als er sah, wie sehr sich der Junge bemühte, weder zu lachen noch die Hand erneut zurückzuziehen. Die violetten Augen glitzerten vor Vergnügen. Dann presste Aurel seine Lippen fester dagegen, öffnete sie und saugte leicht an der weichen Haut. Als er sie mit der Zunge berührte, schwand das Lächeln aus Amaiis Gesicht und er schnappte hilflos nach Luft. "Herr..."

Aurel ließ die Hand los, als hätte er sich verbrannt, als das Japsen wie ein Stich durch seinen Magen fuhr. /Mann, beherrsch' dich!/ Fassungslos starrte er den Jungen an, ehe es ihm gelang, sich zu einem breiten Grinsen zu zwingen, um seine mit einem Mal massive Unsicherheit zu überspielen. "Ich scheine die Rasur nötiger zu haben, als ich dachte."

Amaiis sagte nichts, doch das Lächeln kehrte auf sein Gesicht zurück, und Aurel spürte, wie sich die Hand, die er gerade noch geküsst hatte, sacht auf seine Brust legte. Sie war kühl und brannte dennoch wie Feuer. Das Badetuch war mittlerweile vollkommen von den schmalen Schultern gerutscht und soweit zur Seite geglitten, dass der tropfenförmige Bauchnabel frei lag; Aurel konnte die ersten Spitzen der Schamhaare sehen.

/Nicht.../, dachte er, als sein Herz wieder heftiger zu schlagen begann. /Er ist von dir abhängig. Er denkt, er muss das tun. Vielleicht will er gar nicht... Natürlich denkt er, er muss das tun. So wie du ihn mit den Augen verschlingst, kann er gar nicht anders als wissen, dass du ihn willst. Aber wenn du ihn jetzt zurückweist... ich will ihm nicht weh tun./

"Du hattest etwas von der Herrin der Winde erzählt", versuchte er mit belegter Stimme abzulenken und gleichzeitig den schlanken Körper in seinen Armen zu ignorieren. /Mann, sei froh, dass er dir nicht in den Kopf schauen kann. Dein Samenkoller ist ja schon peinlich./

"Jeder neue Keyholder, also jeder neue Besitzer eines Schlüssels, muss sich ihr vorstellen", erklärte Amaiis leise, und sein warmer Atem streifte über Aurels nackte Brust. "Sie begrüßt ihn. Aber vor allem macht sie sich ein Bild von ihm. Ebenso, wie sie sich jeden neuen Key, also den Sklaven, persönlich anschaut und einschätzt. Ob er Schwierigkeiten machen wird. Wie kooperativ er sein wird. Ob man ihn leicht beeinflussen kann. Wie viel er wert ist."

/Geschickt./ Aurel lächelte angespannt, als sich die Hand auf seiner Brust ein wenig bewegte. /Er sagt mir, was sie einschätzt, bezieht es aber auf die Keys. - Junge, bitte... lass mich los./ "Und was macht sie, wenn ich vor ihren Augen nicht bestehe?"

"Herr, ich kenne keinen Holder, der nicht vor ihren Augen bestanden hätte." Amaiis schauderte und wandte sein Gesicht ein wenig näher zu Aurel hin. "Aber es gab einige, die den Palast der Winde nach sehr kurzer Zeit wieder verlassen haben."

Aurel zog die Augenbrauen hoch. /Wenn sie ihr nicht gepasst haben, hat sie sie rausgeworfen, hm?/ "Und haben sie ihre Keys mitgenommen?", fragte er, bevor er sich davon abhalten konnte.

Amaiis Stimme wurde noch leiser, als sie es ohnehin schon war. "Nein, Herr. Das geht nicht. Der Key gehört seinem Holder nur so lange, wie er sich in diesem Palast aufhält. So lange Ihr die Miete für dieses Zimmer bezahlt, so lange könnt Ihr mit mir machen, was Ihr wollt. So lange gehöre ich wirklich Euch. Manchen Keys ist es nicht gestattet, ihre Zimmer zu verlassen. Nicht, weil man fürchtet, dass sie weglaufen könnten, sondern weil ihre Holder sie sonst vielleicht mitnehmen würden."

Blicklos sah Aurel auf den Frühstückstisch vor sich. /Das bedeutet, in spätestens einem Jahr bin ich dich ohnehin los, selbst wenn ich den Wahnsinn begehen sollte, hier zu bleiben./ "Also gehörst du doch nicht deinem Besitzer, sondern der Herrin der Winde, die dich vermietet. Das hier ist nur ein gigantisches Hurenhaus für Stinkreiche im großen Stil", sagte er hart.

Amaiis zuckte zusammen, die Hand auf Aurels Brust ballte sich zu einer kleinen Faust. "Nicht ganz, Herr", hauchte er. Aurel musste sich wirklich anstrengen, um ihn zu verstehen. "Huren haben Rechte. Mit mir könnt Ihr wirklich machen, was Ihr wollt. Alles. Wenn es Euch gefällt, könnt Ihr mich schlagen. Benutzen. Töten. Es wird Euch keiner dafür zur Rechenschaft ziehen. Ich gehöre Euch. Ganz und gar."

Obwohl er so leise gesprochen hatte, konnte Aurel den Schmerz in seiner Stimme hören. /Weil er ist, was er ist? Weil ich das gesagt habe? So geringschätzend? So verletzend?/ Der letzte Gedanke traf ihn härter, als er vermutet hätte. Aurel presste Amaiis an sich, schlang die Arme fester um ihn und vergrub das Gesicht in seinem schwarzen, duftigen Haar. Er zitterte genauso wie der schlanke Körper, der sich an ihn schmiegte.

"Es tut mir Leid", flüsterte er tonlos. "Ich wollte das nicht sagen. Ich wollte dir nicht weh tun." /Warum tue ich dir weh, wenn ich nur versuche, Abstand zu gewinnen?/ "Ich wollte das nicht... es tut mir so Leid. Amaiis, ich verspreche dir, ich werde dich nicht benutzen. Ich werde dich zu nichts zwingen, was du nicht willst und ich werde dir nicht weh tun." /Denn heute Abend bin ich hier weg./

Und dann würde er die zwei Tage aus seiner Erinnerung streichen, als hätte es sie nie gegeben.


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by Meike "Pandorah" Ludwig