Whispering Wind

4.

Zum wiederholten Male fuhr sich Aurel mit der Hand über das Kinn und wunderte sich, wie vollkommen glatt es war. Wenn er sich selber rasierte, konnte er nach spätestens einer Stunde wieder die ersten Stoppeln spüren. Allerdings hatte Amaiis auch wesentlich mehr Zeit darauf verwandt, als er es für gewöhnlich tat. Schmunzelnd überlegte Aurel, ob der Junge mit jedem seiner Barthaare ein ernsthaftes, stummes Gespräch geführt hatte, damit es sich fürs erste nicht mehr nach draußen wagte.

Aber nicht nur seinem Gesicht war eine derart ausführliche Behandlung zuteil geworden. Amaiis hatte sich viel Zeit genommen, um ihn für den Besuch bei der Herrin der Winde herzurichten – und Aurel hatte es geschehen lassen.

Amaiis hatte darauf bestanden, dass er noch einmal in die Wanne stieg und sich einseifen ließ, mit einer Waschlotion, die nach einer frischen Meeresbrise duftete und deren Geruch noch immer an seiner Haut haftete. Sein Haar war erneut gewaschen und dann trocken gebürstet worden. Zum Glück war es zu kurz, als dass der Junge irgendetwas Gewagteres damit hatte anstellen können. Nach einigen Überlegungen und vergeblichen Versuchen mit einer Haarspange hatte er es nur zurecht gezupft, so dass die welligsten Strähnen Aurels Gesicht umspielten. Amaiis hatte ihn eine Weile abwesend und mit einem Lächeln betrachtet und dann fast erschrocken seine Arbeit fortgesetzt.

Aurel fragte sich, wo er die passende Kleidung für ihn hernahm, immerhin war seine Statur nicht derart gewöhnlich, als dass man so etwas mal eben auf Vorrat da hatte. Schon gar nicht in Farben, die ihm standen. Er war am Vermuten, dass sie wirklich und wahrhaftig in der Nacht etwas für ihn genäht oder gekauft hatten. Schließlich war das hier die absolute Luxusvariante eines Bordells und wohl auch dementsprechend teuer, da konnte man solchen Extraservice schon erwarten.

/Bordell.../ Der Gedanke ließ ihn die Stirn runzeln. Mit düsterem Blick sah er sich in dem Raum um, in den ihn Fíonán gebracht hatte. Hier sollte er auf das Treffen mit der Herrin der Winde warten. Mit der großen, allmächtigen Puffmutter, wie er sie in Gedanken langsam verächtlich zu nennen begann. Denn mehr war sie nicht – außer vielleicht noch eine gerissene Geschäftsfrau.

Das Zimmer war in dunklen Blaugrautönen gehalten, seine Größe wurde von zahlreichen Spiegeln mit aufwendigen, prunkvollen Silberrahmen noch unterstrichen. Man hatte hauchzarten, blaugrauen Seidenchiffon als Vorhänge für die hohen Fenster benutzt, der durch seine unregelmäßige Färbung ein wenig wie Nebel wirkte. Bis auf mehrere Sitzbänken mit blaugrauem Samtbezug, eine Kommode unter einem der Spiegel und einige wuchtige, schmiedeeiserne Kerzenhaltern war der Raum unmöbliert. Die geschwungenen, abstrakten Intarsien der wenigen Möbelstücke setzten sich im Muster des grauen Marmorbodens fort.

Aurel streckte die langen Beine aus, lehnte sich gegen die gepolsterte Rückenlehne und sah zur Decke empor. Warum musste er sich dieser Prozedur unterziehen? Er würde ohnehin noch heute hier verschwinden. Warum also hatte er sich dazu überreden lassen, der Herrin der Winde trotzdem seine Aufwartung zu machen?

Er schluckte und strich sich müde über das Gesicht. Ja, er wusste warum. Es waren Amaiis' Tränen gewesen. Die tränenverschleierten Augen, die ihn angesehen hatten nach dem Versprechen, ihm nicht weh zu tun. Und das zarte, atemberaubende Lächeln, das über das wunderschöne Gesicht gehuscht war. Er hatte es nicht vertreiben wollen, indem er ihm sagte, dass er ihn verlassen würde. Dass er ihm deswegen nie mehr weh tun konnte.

Nur zu deutlich erinnerte er sich an die schlanken Arme, die sich um seinen Nacken geschlungen, an die weichen Lippen, die sich auf seine gepresst hatten. An den zärtlichen, langen Kuss. An die sanfte Stimme, die ihm Dankesworte ins Ohr gehaucht hatte.

Rastlos stand Aurel auf und begann durch den großen Warteraum zu tigern. Es störte ihn nicht, dass man ihn vermutlich beobachtete und sich über ihn lustig machte. Er konnte nicht ruhig sitzen bleiben. Dass er hier warten musste, war ohnehin eine Farce. Gedacht, um ihn nervös zu machen, in Erwartung auf die Audienz bei ihrer 'ach so Hochwohlgeborenheit'. Er kannte das. Den Pöbel einschüchtern, dann tat er ohne Widerrede, was man verlangte. Doch das war bei ihm vergeblich. Erst recht, wenn seine Gedanken hauptsächlich mit dem Jungen beschäftigt waren, der zu dem gewonnenen Schlüssel dazugehörte.

/Schlüssel.../ Jeder dieser sogenannten Schlüssel war einmalig. Jeder führte in ein bestimmtes Zimmer, das keinem anderen in diesem Palast glich. Jeder trug einen anderen Namen, der zu dem jeweiligen Raum passte. Schlüssel nannte man auch die Sklaven, die in diesen Zimmern gefangen gehalten wurden. Man hatte sie nach Winden benannt, jeden anders. Eiswind-Schlüssel. Morgenwind-Schlüssel. Taifun-Schlüssel... tausend Namen, tausend Sklaven. Und einer davon war Amaiis, der Whispering Wind.

Sechzehn Jahre war er alt, in vier Wochen würde er siebzehn werden; zumindest hatte er ihm das erzählt, während er Aurels Kleidung gerichtet hatte. Immerhin nicht ganz so jung, wie Aurel befürchtet hatte. Aber es änderte nicht viel. Er begehrte ihn. Er wollte es nicht. Und er konnte rein gar nichts dagegen tun. 'Danke, Herr.' Diese Worte, gehaucht in sein Ohr, hatten ihn dazu gebracht, ihn nur noch fester in die Arme zu schließen und ihn an sich zu drücken.

Zornig warf er einem der Spiegel einen Blick zu, starrte die große Gestalt darin an, die in dem fließenden, goldbraunen Hemd, das in der Taille von einem dunkeln Ledergürtel mit geometrischem Prägemuster gehalten wurde, und der cremefarbenen Hose aus Wildseide fast jede Ähnlichkeit mit dem verlotterten Raumschiffpiloten verloren hatte, der er noch am Tag davor gewesen war. /Warum lässt du das mit dir machen? Fehlt nur noch, dass er dir Perlen oder ähnliches ins Haar geflochten hätte./

'Perlen, mein süßer Schatz. Nichts schmeichelt deiner vollkommenen Schönheit mehr als das elegante Creme von Perlen.'

Die Stimme seiner Erinnerung ließ ihn zusammenzucken; die goldenen Härchen auf seinen Unterarmen richteten sich auf, als er plötzlich zu frieren begann. Mitten im Raum blieb er stehen, schlang die Arme um sich und schloss die Augen. /Die Umgebung macht mich verrückt. Ich muss hier weg!/

Die Herrin der Winde würde ihm sowieso nur sagen, dass er hier unwillkommen war und seine Sachen packen sollte. Und genau das würde er tun. Wie er es ohnehin vorgehabt hatte. /Und der Junge? Was wird aus ihm?/ Gereizt öffnete er die Augen und starrte auf einen graublauen Vorhang, der sich sacht im Wind bewegte. /Was geht mich der Junge an? Er wird einen anderen Herrn bekommen und das tun, wofür er hier ist!/

Ruhelos nahm er seine Wanderung durch das Zimmer wieder auf. Und wenn der neue Herr ein sadistisches Arschloch war? Wenn er nichts lieber tat, als zu quälen, zu vergewaltigen? /Narr. Sie werden darauf achten, dass so etwas nicht passiert. Dafür sind ihnen ihre Sklaven bestimmt zu wertvoll. Immerhin sind sie für den Dienst her ausgebildet worden und damit teuer./

'Mit mir könnt Ihr wirklich machen, was Ihr wollt. Alles. Wenn es Euch gefällt, könnt Ihr mich schlagen. Benutzen. Töten. Es wird Euch keiner dafür zur Rechenschaft ziehen. Ich gehöre Euch. Ganz und gar.' Amaiis' Stimme hallte in seinem Kopf wieder, tonlos, ängstlich, hoffnungslos.

/Dafür bekommen sie hier vermutlich eine ganze Stange Geld. Geld, mit dem sie neue Sklaven kaufen können. Es muss höllisch teuer sein, hier einen Sklaven zu mieten. Ich kann doch nicht.../ Gereizt ballte Aurel die Fäuste. /Was kannst du nicht? Gehen und ihn hier lassen? Warum nicht? Wenn du nicht gekommen wärst, wäre er auch hier. Na und? Was zur Hölle soll das, Aurel?/

Definitiv, er musste hier weg. Je eher, desto besser. Der Junge schaffte es, dass seine ganze Ruhe beim Teufel war. Irgendwie berührte er ihn, auf eine Art, die Aurel nicht gefiel, die ihm Angst machte. Er wollte sich keine Gedanken um ihn machen. Er wollte sich nie wieder Gedanken um irgendjemanden machen. Und er wollte mit Sicherheit niemandem mehr weh tun. Und das war am einfachsten zu erreichen, wenn niemand da war, den man verletzen konnte.

"Herr, die Herrin der Winde erwartet Euch", unterbrach Fíonáns Stimme seine Gedanken und ließ ihn sich abrupt zu dem hellen Mann umdrehen, der die blaugraue, zweiflüglige Tür am anderen Ende des Raumes geöffnet hatte und ihn nun erwartungsvoll ansah. Ein hübsches Bild, diese helle, schlanke Gestalt vor dem dunklen, matten Metall.

Aurel glättete seine Miene und zwang sich, seinen Körper zu entspannen. Sehnlichst wünschte er sich die löchrigen Jeans und das zerfledderte Jeanshemd zurück, darin fühlte er sich wesentlich wohler. Doch er grinste nur und nickte. "Klar. Hat ja auch lange genug gedauert."

Als er an dem flügellosen Engel vorbei trat, verneigte dieser sich vor ihm, so dass ihm die Haare über die Schultern glitten und wie ein weißer Vorhang sein Gesicht verbargen. "Bitte, Herr, Ihr müsst höflich sein", flüsterte er kaum hörbar, ehe er sich wieder aufrichtete, die Miene zu seinem unpersönlichen Lächeln verzogen, als hätte er nichts gesagt. Dann zog er sich zurück und schloss die Tür hinter sich.

Der Raum war gigantisch, weitaus größer als der Wartesaal, und Aurel fragte sich, was die Frau damit bezweckte. Wollte sie im Zweifelsfall genug Platz für Publikum haben, oder war dies auch nur ein weiterer Versuch, überwältigend zu wirken, nicht nur auf den gemeinen Pöbel wie ihn? Andererseits war es dafür wiederum nicht groß genug. Er entschloss sich zu der Vermutung, dass es der Empfangsraum für das gemeine Volk und in Ungnade gefallene Reiche war, und musste fast lachen. Er wusste nicht viel von ihr, doch etwas sagte ihm, dass sie sich wirklich das Erscheinungsbild einer absolutistischen Herrscherin geben wollte – und innerhalb dieser Palastwände war sie das auch mit Sicherheit.

Sein Blick glitt über Schleier in den verschiedensten hellen Blautönen, die in scheinbarer Schwerelosigkeit die Wände verbargen. Großzügige Fenster ließen Licht und Luft in den Raum, luden den Wind ein, mit den Tüchern zu spielen und sie in flatternde Bewegung zu versetzen. Über den weißgrauen Marmorboden führte von der Tür aus ein blaugrau melierter Läufer bis zum hinteren Teil des Raumes, wo sich ein Podest erhob, auf das man über fünf Stufen gelangen konnte. Auch hier versperrten hauchzarte Tücher die direkte Sicht, doch hinter ihnen konnte Aurel eine Art Diwan erkennen, auf dem sich eine Gestalt räkelte. Zwei weitere standen stumm und reglos daneben.

Aurel zuckte innerlich mit den Schultern und schlenderte näher, weder übermäßig schnell oder langsam, noch mit besonderem Respekt. Vor den Stufen blieb er stehen und sah neugierig nach oben, trotz allem gespannt darauf, was für eine Person die Herrin der Winde sein mochte. /Die Puffmutter eines derart exklusiven Bordells./

Die Gestalt auf dem Diwan erhob sich anmutig, und Aurel stellte fest, dass sie nicht besonders groß war. Als sie einen Schritt nach vorne machte, frischte der Wind im Raum auf und wirbelte die Tücher vor ihr beiseite, so dass sie ungehindert hindurch treten konnte.

/Nicht schlecht gemacht/, befand Aurel trocken, während er seinen Blick über die Allmächtige dieses Palastes wandern ließ. Stünde sie neben ihm, würde sie ihm vermutlich gerade einmal bis zur Brust reichen, schätzte er.

Weich umspielte ein durchscheinendes, weißes Kleid ihre schlanke, jedoch überaus weibliche Gestalt, verbarg und offenbarte ihren schönen Körper in perfekter Art und Weise. Als sie einen weiteren Schritt nach vorne trat, gewährte ein Schlitz an der Seite für einen Moment einen Blick auf schlanke, wohlgeformte Beine. Ihre langes Haar war dicht und von einem derart leuchtenden Goldblond, dass die Natur es unmöglich in dieser Art bei einem Menschen hervorbringen konnte. Es ringelte sich in weichen Locken um ihr zartes, rundliches Gesicht, das mit der ebenmäßigen, blassen Haut, der kleinen Stupsnase und den vollen, roten Lippen an eine sinnliche Porzellanpuppe erinnerte – ein gelungener, eigenartiger Kontrast. Große, tiefblaue Augen, die von langen, dichten Wimpern umrahmt waren, musterten Aurel kühl.

Für die meisten Männer war sie wohl die Erfüllung ihrer Träume, wenn sie lächelte.

Eingedenk Fíonáns Warnung beschloss er, es zumindest mal mit Höflichkeit zu versuchen, auch wenn er ihr von Anfang an nicht besonders viel Sympathie entgegen brachte. Höflichkeit, aber nicht mehr. Er würde bestimmt nicht bei ihren Spielchen mitspielen und auf die Knie fallen oder ähnliches. Knapp nickte er ihr zu. "Ich bin Aurel, der neue Besitzer des Whispering-Wind-Keys. Freut mich, Sie kennen zu lernen, Lady."

Ihr kalter Blick änderte sich nicht, und er wusste, was sie sah. Einen Raumschiffpiloten, den man gebadet, rasiert und in feine Kleidung gesteckt hatte. Mehr nicht. "Und wie, Aurel, bist du in den Besitz dieses Schlüssels gelangt?"

Er hatte nicht gedacht, dass ihre Stimme derart eisig wäre. Und dass sein Name wie ein Schimpfwort oder etwas wirklich Widerwärtiges klingen konnte. Unwillkürlich zog er die Augenbrauen hoch. Nein, er war hier nicht willkommen. Trotzdem lächelte er entwaffnend zu ihr empor. "Beim Pokern. Fünf Runden, und er gehörte mir."

"Beim Pokern", wiederholte sie ohne Wertung, eine einfache, emotionslose Feststellung, wie die Bestätigung einer vagen Vermutung. Mit einer schlanken, zierlichen Hand strich sie sich in einer präzisen Geste eine Locke aus dem Gesicht, dann legte sie ihren feingliedrigen Zeigefinger an das Kinn. "Und was gedenkst du mit deinem Gewinn zu machen, Aurel?"

Mit einem Mal erkannte Aurel den Ton, mit dem sie seinen Namen aussprach. /Es ist dieser nur-Aurel-kein-Titel-kein-gar-nichts-Ton/, dachte er amüsiert. Nachdenklich runzelte er die Stirn, als würde er überlegen, während sein abschätzender Blick hinter sie glitt und hin zu den beiden noch immer reglosen Gestalten neben dem Diwan.

Zwei junge Männer, in die gleiche Art Tunika gekleidet wie Fíonán, nur dass diese hier wie das ganze Zimmer blaugrau waren. Glattes Haar in der gleichen Farbe fiel glänzend bis zu ihren Schultern hinab, und irgendetwas sagte Aurel, dass es keine Menschen waren. Zwar hatte er keinen wirklichen Anhaltspunkt dafür, aber er war sich verdammt sicher, dass es Tamar'hi waren.

"Nun, ich habe ein Jahr Zeit, mir das zu überlegen, nicht?", grinste er und sah wieder zu der goldblonden Frau zurück, auch wenn er genau wusste, dass das nicht die Antwort war, die sie hören wollte. "Immerhin hab ich verdammt viel dafür riskiert, ich werde das alles hier erstmal genießen, ehe ich mir weitere Gedanken mache."

"Zwei Wochen sollten ausreichen, damit du dir darüber ins Klare kommen kannst", erwiderte sie unbewegt. Sie drehte sich in einer perfekten Bewegung um, die ihre Locken schwingen ließ. "Und sei vorsichtig mit dem Whispering Wind, er ist sehr zerbrechlich. Es würde mich betrüben, wenn du ihm Schmerzen zufügst."

/Innerhalb von zwei Wochen hast du das Weite zu suchen. Und wehe dir, wenn der Key an Wert verliert! Audienz beendet/, meldete sein Hirn prompt die Übersetzung. Aurel sah auf ihren makellosen Rücken und verspürte mit einem Mal Ärger. /Dir ist es doch verdammt noch mal egal, was ich mit dem Jungen mache. So lange keine bleibenden Schäden entstehen, jedenfalls. Bei Narben wirst du sauer, hm? Aber wenn ich ihn vergewaltige oder besinnungslos prügle, ist dir das scheißegal!/

"Nein, ich denke nicht. Zwei Wochen sind ziemlich kurz", antwortete er, ehe er sich besinnen konnte. "Aber das kann Ihnen doch schnuppe sein, Lady. Ist ja auf ein Jahr bezahlt, der Key."

Sie blieb stehen, dann wandte sie sich erneut halb zu ihm um. Die unberührte Kälte ihrer Augen war unmissverständlicher Verärgerung gewichen. Ihre goldenen Augenbrauen waren zusammen gezogen, so dass eine kleine, steile Falte auf ihrer weißen Stirn entstanden war. "Gut, da du es offensichtlich nicht zu verstehen scheinst, sage ich es dir jetzt deutlicher. Du hast zwei Wochen Zeit, deinen Gewinn zu genießen. Das ist mehr als großzügig in Anbetracht der zweifelhaften Art, wie du in seinen Besitz gekommen bist. Lass dich so wenig wie möglich sehen und verkaufe oder verschenke ihn in dieser Zeit. Aber minderst du in irgendeiner Weise seinen Wert, wirst du mir den Schaden ersetzen, und zwar in vollem Umfang. Deine Gegenwart ist hier unerwünscht."

/Den Schaden ersetzen./ Er konnte lebhaft sich vorstellen, was sie damit meinte. Doch es war nur ein winziger Bruchteil der Wut, die in ihm aufstieg. "Lady, ich habe ehrlich um ihn gepokert. Der Key ist für ein Jahr bezahlt. Ich denke nicht daran, ihn vorher aufzugeben. Er gehört mir, und zwar für exakt dieses Jahr." In dem Augenblick, in dem er es aussprach, spürte er, wie sich ihm vor Abscheu der Magen zusammenzog. /Das ist so falsch! So verdammt falsch! Und trotzdem.../

Sie presste die vollen Lippen zusammen, ihre Augen wurden schmaler. Doch von einem Moment auf den anderen war ihr Gesicht wieder das der Porzellanpuppe, der er zu Beginn gegenüber gestanden hatte. "Nun, wir werden sehen. Ich habe dir die zwei Wochen zugesagt, mehr nicht. Wenn du nicht zu ausfallend wirst, kannst du sie genießen."

Aurel starrte ihr hinterher, als sie sich endgültig abwandte und langsam zurück hinter die Schleier schritt. Doch sie setzte sich nicht mehr auf ihren Diwan, sondern ging weiter; ihre beiden stummen Schatten schlossen sich ihr an, dann schienen sich die drei mit jedem Schritt mehr aufzulösen, bis sie schließlich verschwunden waren. Wie versteinert blieb Aurel mitten im Raum stehen und sah auf die Stelle, an der sie verschwunden war.

"Herr?"

Erst die fast zaghafte Stimme von Fíonán holte ihn aus der Erstarrung. Er zwang sich zu einem tiefen Atemzug, lockerte seine Schultern und stellte ein wenig überrascht fest, dass er die Hände zu Fäusten geballt hatte. /Dieser verdammte Palast! Der macht mich fertig! Dieser verdammte, eingebildete Haufen reicher Spinner! Haben die nichts besseres zu tun, als sich hier mit Sklaven zu vergnügen? - Na und? Sollen sie doch. Was geht dich das an?/ Die Antwort war simpel, und er weigerte sich, sie zu Kenntnis zu nehmen.

Er drehte sich um und schenkte dem weißhaarigen Mann ein breites Grinsen, das sowohl seinen Zorn überdecken, als auch seine Unsicherheit überspielen sollte. "Schön, dass du wieder da bist. Allein hätte ich durch dieses Labyrinth bestimmt nicht zurück gefunden."

Verdutzt sah Fíonán ihn an, dann huschte ein Lächeln über seine Miene, und Aurel war sich sicher, dass es das erste echte war, das er von ihm zu sehen bekam. "Immer zu Euren Diensten, Herr."

Während Aurel ihm durch die unzähligen Gänge und über genauso viele Treppen und Hallen hindurch folgte, fragte er sich, was ihn so zornig hatte werden lassen. Viel hatte die Lady nicht von sich gegeben, und es war nichts dabei gewesen, mit dem er nicht gerechnet hatte. Er wusste, dass ihr nicht wirklich etwas an den Sklaven hier lag. Sonst hätte sie nichts derartiges aufgebaut wie diesen Palast. Er wusste, dass er unerwünscht war. Es war schließlich etwas für die Reichen und Berühmten. Er gehörte nicht dazu. Passte nicht hierher. Wollte es auch gar nicht. Und die zwei Wochen waren mehr, als er hier hatte verbringen wollen. Warum also hatte er sich mit einem Mal dagegen gewehrt, gehen zu müssen?

/Weil ich mir nicht vorschreiben lasse, was ich wie zu machen habe/, gab er sich selber die Antwort und wusste im gleichen Augenblick, dass es nur ein Teil der Wahrheit war. Und ein sehr geringer noch dazu. Und während er auf Fíonáns sich im Rhythmus seiner Schritte bewegendes Haar sah, wusste er, was er tun würde. Das, was er sich ohnehin vorgenommen hatte. Mochte die sogenannte Herrin der Winde von ihm denken, was sie wollte. Mochte sie ihn für einen Feigling halten, es berührte ihn nicht. Er würde gehen. An diesem Abend. Sobald er seine Sachen gepackt hatte.

 

Als er leise die schwere Tür des Whispering-Wind-Zimmers hinter sich schloss, atmete er unhörbar auf. Melodisches Vogelgezwitscher und das Plätschern der Brunnen empfingen ihn. Irgendwie fühlte er sich in Amaiis' Räumen wesentlich wohler als im Rest des Palastes. Den konnte er hier einfach ausschließen. Als würde er verschwinden, sobald das Schloss eingerastet war. Aurel schlüpfte aus den unbequemen Schuhen und spürte erleichtert den glatten, kalten Marmor unter seinen Füßen.

Während er an dem kleinen Teich vorbeilief, löste er den Gürtel und knöpfte anschließend sein Hemd auf, um es von seinen Schultern gleiten zu lassen. Die Seide floss weich an seinen Armen hinab und streichelte seine bloße Haut, ehe sie leise knisternd zu Boden fiel.

Suchend strich sein Blick durch den Raum, nur um festzustellen, dass der Seesack nicht mehr da war, wo er laut seiner Erinnerung stehen sollte. Dafür entdeckte er Amaiis, der in der Mitte des Zimmers auf dem Bauch lag, eines der cremefarbenen Sitzkissen unter der Brust, den Kopf in die linke Hand gestützt, während seine rechte dafür sorgte, dass das dicke Buch vor ihm aufgeschlagen blieb. Er hatte die Beine übereinander geschlagen und angewinkelt und wippte zu einem Aurel nicht ersichtlichen Takt damit. Auf dem dunkelblauen Teppich wirkte seine helle Haut fast schneeweiß und unterstrich die Zartheit seiner Statur noch. Das schwarzes Haar, das wie Tinte über seinen Körper zu Boden floss, hatte sich malerisch um ihn verteilt. Die vollen, geschwungenen Lippen waren leicht geöffnet, seine Wangen vor Aufregung gerötet.

Aurel ertappt sich dabei, dass er lächelnd stehen geblieben war. Er erinnerte sich daran, dass der Junge ihm erzählt hatte, dass er Bücher liebte und beim Lesen die Welt um sich herum vergessen konnte. Ganz offensichtlich hatte er nicht übertrieben.

In dem Moment lachte Amaiis auf, ein wunderschönes, glockenhelles Lachen, das Aurels Lächeln noch vertiefte. Er beobachtete, wie der Junge umblätterte und selbstvergessen mit der Zungenspitze seine Lippen befeuchtete. Aurel spürte ein wie von Sekt herrührendes Prickeln durch seine Magengrube rinnen und konnte mit einem Mal wieder den Geschmack dieses süßen Mundes schmecken.

Er wollte ihn küssen, wollte die weichen Lippen auf seinen spüren, die schlanken Arme, wie sie sich um seinen Hals schlangen, den geschmeidigen Körper, wie er sich an seinen schmiegte... doch er blieb reglos stehen und sah auf den Jungen hinab.

Wieder schlug Amaiis eine Seite um, verlagerte sein Gewicht ein wenig, so dass er sich auf beiden Ellbogen abstützen konnte. Dann hielt er plötzlich inne und hob den Kopf. Aurel konnte den Weg seines verschleierten, noch halb in einer anderen Wirklichkeit gefangenen Blickes verfolgen, wie er über seine bloßen Füße glitt, die cremefarbene Hose empor, dann langsam über seinen nackten Oberkörper, bis er endlich das Gesicht erreichte. Ihre Augen trafen sich, und das Rot von Amaiis' Wangen wurde unmerklich dunkler.

Wärme pulsierte mit jedem Herzschlag durch Aurels Körper, ließ ihn sich leichter fühlen. Er hatte das Gefühl, in die Tiefen dieser klaren Augen gezogen zu werden, in dem hellen Blauviolett zu versinken, zu fallen, zu schweben...

Dann wurde Amaiis mit einem Schlag feuerrot. Als er hastig aufstand, klingelten die Glöckchen seiner Silberkettchen leise.

"W-Willkommen, Herr", stotterte er verlegen. "Vergebt mir, ich habe Euch nicht kommen hören. Ich... das Buch..."

Er verstummte und sah beschämt zu Boden. Sein Haar schien wie zum Leben erwachte Nacht über seine helle Haut zu fließen, schmiegte sich an die schlanke Gestalt, nur um im nächsten Moment von einem leichten Lufthauch ergriffen und aufgewirbelt zu werden.

Aurel schüttelte regelrecht benommen den Kopf, dann zog sich ein breites Grinsen über sein Gesicht, und er lachte leise auf. Die schlechte Laune, die ihn gerade noch geplagt hatte, war vollkommen verschwunden. Er trat zu Amaiis und zauste ihm spielerisch durchs Haar. "Mach dir da mal keine Gedanken, Junge. Ich brauche niemanden, der pausenlos um mich herumwuselt. Gönne dir ruhig dein kleines Lesestündchen."

Mit noch immer rotem Gesicht sah Amaiis zu ihm auf und lächelte schüchtern. "Danke, Herr. Aber ich werde später weiter lesen. Ich hatte das Kapitel eh gerade beendet. Wie war Euer Besuch bei der Herrin der Winde?"

Irrte er sich oder waren die blauvioletten Augen, die seinen Blick suchten, mit einem Mal ängstlich geworden? Ängstlich und gleichzeitig voll fragender Hoffnung... Aurel antwortete nicht sofort, versuchte die geheimnisvollen Tiefen zu erkunden, die sich vor ihm auftaten, ihn einzuladen schienen. Verwirrt stellte er fest, dass die Antwort wichtig war. Wichtig für diesen Jungen. /Warum?/

"Oh, sie ist hübsch", hörte er sich sagen, spürte, dass er wieder grinste. "Hübsch und kalt wie eine Hundeschnauze. Ich frage mich, was durch ihre Adern fließt. Blut kann es eigentlich nicht sein. Kühlmittel vielleicht."

Amaiis kicherte und hob prompt die Hand vor den Mund, um es zu unterdrücken. Doch seine Augen funkelten vergnügt, und Aurel genoss dieses Funken sprühende Leben in ihnen. Sein Blick wurde sanft, als er mit einem Finger über die Nase strich und ihr einen kleinen Stups versetzte.

"Versteck es nicht, hm?", bat er weich. "Ich mag es, wenn du lachst."

Langsam nahm Amaiis die Hand herunter. Er hatte aufgehört zu lachen, doch noch immer umspielte ein Lächeln seine Lippen. "Danke, Herr", wisperte er.

/Was tust du?/, fragte sich Aurel, als er seine Hände auf die schmalen Hüften des Jungen legte und ihn näher an sich zog. Die schlanken Finger fanden seine nackte Brust, hell gegen seine goldbraune Haut, glitten zärtlich daran empor und hinterließen prickelnde Feuerspuren. Sie erreichten seinen Hals, Aurel spürte ihre Bahnen, als sie zu seinem Nacken wanderten und dort liegen blieben.

Das feine, schöne Gesicht näherte sich seinem, der Blick der blauvioletten Augen verschleierte sich, ehe sich die zarten Lider schlossen. Federleicht berührten sich ihre Lippen, trennten sich und fanden sich erneut. Zärtlich liebkosten sie einander, wieder und wieder, ehe sich Amaiis' Mund einladend öffnete. Aurel ließ seine Zunge in die verlockende Wärme gleiten, schmeckte selbstvergessen die frische Süße, die sich ihm offenbarte. Sanft umwarb er Amaiis, bis dieser auf sein Spiel einging und ihm entgegenkam. Ihre Zungen umtanzten einander, streichelnd, liebevoll, erkundend.

Erst, als ihnen die Luft ausging, lösten sie sich wieder voneinander. Aurel spürte das Kribbeln, das durch seinen Körper rann und ihn wie schwebend zurückließ. Sein Blick war gefangen von Amaiis' tiefen Augen, von dem Leuchten, das sie ganz zu füllen und das keine Trauer zu kennen schien. Keine Trauer, keinen Schmerz.

/Was soll das?/, fragte er sich wie durch Nebelschwaden. /Ich will doch gehen... was mache ich hier? Wieso küsse ich ihn? Halte ihn... eng, so eng... so weiche Haut..../ Unvermittelt hielt er inne, als er begriff, dass seine Hände eine zärtliche Wanderung über den Rücken des Jungen begonnen hatten. /Je mehr ich zulasse, um so mehr enttäusche ich ihn, wenn ich gehe. Hör auf, Mann! Das ist nicht fair./ Aber enttäuschte er ihn wirklich? Es war doch nur das Pflichtgefühl, das Amaiis dazu trieb, seine Küsse zu erwidern, seine Nähe zu suchen. Immerhin war er dafür ausgebildet worden. Ausgebildet, auf die Wünsche seines Herrn einzugehen und ihm Vergnügen zu bereiten. /Aber diese Augen... das Leuchten in ihnen.../

Zitternd atmete er tief durch, ehe er Amaiis losließ, nicht ohne ihn noch ein letztes Mal zu küssen. Er konnte einfach nicht anders. "Sag mal, Junge, hast du meinen Seesack gesehen?", fragte er wie beiläufig und zwang ein Lächeln auf sein Gesicht. Er wandte sich ab und sah sich wie suchend um; er konnte Amaiis nicht länger ansehen.

"Ich habe ihn ausgeräumt", gestand Amaiis schüchtern ein, und Aurel hätte geschworen, dass er schon wieder rot geworden war. Doch er wandte sich nicht um. /Ausgeräumt. Alles an einen Platz. Ein gepackter Koffer sieht so aus, als würde man bald wieder auf Reisen gehen. Ist es das?/

"War das nicht recht?", fragte der Junge nach einer Weile kläglich, als Aurel sich nicht rührte. "Ich dachte, Ihr würdet es verlangen. Mein alter Herr hat es immer erwartet. Es tut mir leid, wenn ich etwas Unrechtes getan habe, Herr."

Mit einem schiefen Grinsen, das seine Augen nicht erreichte, wandte Aurel sich zu ihm um. "Wie fest hast du eigentlich damit gerechnet, dass mich die Herrin der Winde nicht rauswirft?"

Für einen winzigen Moment erwiderte Amaiis seinen Blick, dann wandte er ihn scheu zu Boden. "Ich hatte es gehofft", gestand er kaum hörbar, und seine Wangen färbten sich tiefrot.


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© by Meike "Pandorah" Ludwig