Whispering Wind

6.

Was war gestern gewesen? Was davor? Die Tage waren einer in den anderen übergegangen, ohne Anfang, ohne Ende, verschwommen und doch klar. Aurel blinzelte schläfrig und tastete nach dem warmen Körper neben sich, nur um festzustellen, dass der Platz leer war. Fast sofort war er wach. In den vergangenen zehn Tagen hatte er sich derart daran gewöhnt, neben Amaiis aufzuwachen, dass es jetzt unangenehm war, allein zu sein.

Er verstand nicht ganz, wie es dazu gekommen war und wieso er noch immer in dem Palast war. Oder eher, er wollte es nicht verstehen. Es war einfach geschehen. Eines hatte zum anderen geführt, der Abend war gekommen und zum Morgen geworden. Und erneut zum Abend. Wieder und wieder.

Seit zehn Tagen das gleiche Spiel. Waren es wirklich schon zehn Tage?

Aurel rollte sich auf den Rücken und sah zu der Decke der Bettnische empor. Heller Stoff, der mittlerweile viel gesehen hatte. Zärtlichkeiten, Küsse. Liebevolles Streicheln. Leidenschaft. Umarmungen. Ekstase. Aurel schloss die Augen; er konnte Amaiis' Lippen auf seinen fühlen, seine Nähe spüren. /Nah, viel zu nah./

Warum hatte er das zugelassen?

Erschöpft rieb er sich die Augen und streckte sich. Sein Blick wanderte über seine Hände. Hände mit Schwielen und eingekerbten Fingernägeln, die groß und ungelenk wirkten, wenn sie die zarten, feingliedrigen Finger von Amaiis umfassten. Hände, die den nachgiebigen, geschmeidigen Körper des Jungen schon so oft liebkost, die jede Stelle der samtweichen Haut erkundet und mit Zärtlichkeiten bedacht hatten. Dunkle Hände auf heller Haut. Raues Leder auf fließender Seide.

/Ich passe nicht hierher. Passe nicht zu ihm. Warum tue ich das? Warum bin ich noch immer hier? Halte ihn, küsse ihn, lache mit ihm, liebe ihn./ Augenblicklich schaltete sich seine Vernunft dazwischen. /Nein, du liebst ihn nicht. Du hast Sex mit ihm./ Als ob es einen Unterschied machen würde...

Amaiis war ihm in den wenigen Tagen so nahe gekommen wie niemand zuvor in den vergangenen Jahren. Und ganz allmählich begann Aurel die Auswirkungen zu spüren. Er war nicht mehr allein gewesen, seit er diesen Palast betreten hatte. Immer war der Junge um ihn, und wenn es nur im Zimmer nebenan war. Manchmal hatte er das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Und doch konnte er ihn nicht von sich weisen. Wann immer sich die schlanken Arme um seinen Hals legten, wann immer ihn diese strahlenden, lebendigen Augen ansahen, wann immer er die leise, sanfte Stimme hörte, in einem liebevollen Wispern, egal was sie sagte, wollte er ihm nahe sein. Wollte nicht mehr gehen. Nie mehr?

/Zehn Tage sind vorbei; seit zehn Tagen bin ich hier./ In einer fließenden Bewegung klappte er einen Finger nach dem anderen ein, bis er auf geballte Fäuste sah. /Zehn Tage sind mindestens neun zu viel. Vierzehn hat sie mir gegeben. Ich habe noch vier. Und dann?/

Langsam ließ er die Arme sinken und starrte blicklos zur Decke empor. Danach wäre er wieder allein. Mit genügend Luft zum Atmen, Stille um ihn herum. Kein Vogelgesang, kein Plätschern. Kein beständiges Klingen kleiner Glöckchen. Kein sanftes Lachen. Ruhe. Keine Hände, die ihn zärtlich berührten. Keine Lippen auf seinen. Keine leuchtenden Augen, die sobald sie ihn erblickten, noch strahlender zu werden schienen.

/Du bist albern, Mann. Ihm ist es doch egal, welchem Herrn er dient. Ob er jetzt mit dir ins Bett geht oder einem anderen./ Der Gedanke ließ ihn sich ein wenig besser fühlen, selbst wenn er schmerzte wie die Hölle. /Er wird dich nicht vermissen./

Deswegen war die Frist gut, die er gestellt bekommen hatte. Vierzehn Tage waren erträglich, und fast spürte er so etwas wie Dankbarkeit. /Ein Jahr wäre zu viel. In einem Jahr hätte er zu viel Zeit, sich an mich zu gewöhnen. Entweder hätte ich ihm weh getan oder wir wären .... uns zu nah gekommen. Es ist besser, jetzt zu gehen./ Auch wenn der erste Tag die allerbeste Wahl gewesen wäre. /Ich will ihm nicht weh tun. Am allerwenigsten ihm./

Mit einem lautlosen Seufzen richtete Aurel sich auf und schlug die Decke beiseite. Die Vorhänge vor dem Bett waren zugezogen, wie mittlerweile jeden Morgen, damit er lange schlafen konnte und das Licht der Morgensonne ihn nicht störte. Es war eigenartig, mit welch kleinen Gesten Amaiis ihm das Gefühl vermittelte, einfach nur für ihn da zu sein.

Doch heute war Aurel früher aufgewacht als sonst. Das Morgenlicht war anders, und Amaiis war noch nicht wieder zurück ins Bett gekommen. Das tat er eigentlich immer; erst das Frühstück richten, dann zurückkommen, um seinem Herrn einen süßen Morgen zu bereiten, einfach indem er sich anschmiegte und für einen Guten-Morgen-Kuss da war.

/Herr. Er nennt mich noch immer so./ Vermutlich war es der gleiche Grund, aus dem viele Huren ihre Freier nicht auf den Mund küssten. Abstand wahren. Grenzen ziehen. /Selbst dieser Junge kann es. Aber wo sind deine Grenzen hingekommen, Aurel?/

Er streckte die Hand aus und wollte den schweren Stoff gerade beiseite schieben, als er das leise Lachen hörte. Amaiis. Eine zweite Stimme fiel ein, tiefer, in einem angenehmen Tenor. Auch diese kannte er, wenn er sie auch noch nie wirklich so gehört hatte. Fíonán. Sie lachten fast lautlos, wie um ihn nicht zu stören, ihn nicht zu wecken.

Vorsichtig öffnete er den Vorhang einen winzigen Spalt und lugte hindurch. Waren sie allein oder hatte Amaiis den halben Palast morgens da? Er musste schmunzeln bei dem Gedanken. Doch so weit er den Raum überblicken konnte, waren nur die beiden anwesend. Fíonán hatte das Tablett mit dem Frühstück gerade auf einem der Tischchen abgestellt und richtete sich wieder auf. Sein Blick flog über Amaiis, der wie meistens nur den dünnen, blauvioletten Sarong und die Weste trug; dann lächelte er.

"Du siehst glücklich aus. Ist dein neuer Herr gut zu dir?", fragte er und streckte die Hand nach dem Jungen aus, um ihm eine schwere Strähne über die Schulter zurückzuschieben.

Amaiis erwiderte das Lächeln; fast verlegen senkte er den Kopf, dann nickte er. "Oh ja. Du hättest dir niemals Sorgen zu machen brauchen. Er ist... besonders."

"Besonders?" Fíonán schmunzelte. "So kann man das auch nennen. Ja, dass er besonders ist, habe ich auch mitbekommen."

"Nein, so meine ich das nicht." Amaiis wurde rot; er sah zu Fíonán empor, dann warf er dem Bett einen Blick zu, und für einen Moment dachte Aurel, er hätte ihn entdeckt. Doch es huschte nur ein unendlich zärtlicher Ausdruck über sein Gesicht, ehe er sich wieder dem anderen Mann zuwandte. "Fíonán, er ist so ganz anders als alle anderen Männer hier im Palast. Als alle Herren und alle Diener und Keys. Er ist so stark. In seinen Armen bin ich geborgen. Und gleichzeitig ist er... sanft." Der Junge umarmte sich selber, als würde er etwas an die Brust drücken und schloss für einen Moment die Augen. "Richtig zärtlich, weißt du? Er würde mir niemals weh tun."

Seine Stimme verlor sich in einem Flüstern, während Aurels Herz einen schmerzhaften Satz machte und sich dann zusammenzuziehen schien. /Nein.... das klingt... bitte nicht! Er meint das nicht so/, dachte er erschrocken. Er ließ den Spalt wieder zugleiten, was zwar das Licht erneut dämpfte, jedoch die Stimmen nicht aussperrte, egal wie leise sie waren.

"Er benimmt sich nicht, als würde er mich besitzen, Fíonán." Amaiis klang unendlich glücklich, als er leise lachte. "Ich kann tun, was ich will. Er nimmt so viel Rücksicht; ich darf lesen, obwohl er da ist, nur für mich. Und schreiben. Einfach alles. Bei ihm fühle ich mich..." Er stockte, ehe er kaum hörbar fortfuhr. "... frei."

/Narr!/ Alles in Aurel schrie dieses Wort voller Entsetzen hinaus, während er regungslos auf den Stoff starrte, der ihm die Sicht nahm. /Du verdammter Narr! Was hast du getan? Was wird er tun, wenn du weg bist? Es sind doch nur noch vier Tage!/

"Amaiis." Fíonáns Stimme klang sanft, als er den Namen des anderen aussprach, doch der besorgte Unterton war nicht zu überhören. "Er ist dein Herr, das darfst du nicht vergessen. Niemals. Und noch nicht einmal einer mit allzu viel Geld, so wie er aussah. Ich weiß nicht, wieso er hier ist und wie er in den Besitz deines Schlüssels gekommen ist. Aber eines ist sicher. Er wird wieder gehen, eher früher als später."

Von dem Jungen kam keine Antwort; nach ein paar Sekunden anhaltender Stille hielt Aurel es nicht mehr aus. Behutsam öffnete er erneut den Vorhang, um nach ihm zu sehen. /Lass das/, raunte etwas in ihm. /Er denkt, dass du schläfst, das ist nicht fair. Sonst würde er das niemals erzählen..../ Doch er konnte einfach nicht anders.

Amaiis hatte den Kopf gesenkt und sich halb von Fíonán abgewandt. Das schwarze Haar verbarg sein Gesicht vollständig vor Aurel; die zu Fäusten geballten, schmalen Hände zitterten und ließen ihn einfach nur hilflos wirken, als würde er verzweifelt um Selbstbeherrschung kämpfen. Fast hätte Aurel alles vergessen; er wollte ihn in den Arm nehmen, ihn trösten, doch in dem Moment trat Fíonán näher zu dem Jungen und legte ihm die Hände auf die Schultern.

"Hast du dich in ihn verliebt?", fragte er leise.

Als Amaiis den Kopf hob, sah Aurel, dass seine Augen voller Tränen waren. Entsetzt zuckte er zurück, der zufallende Vorhang verbarg ihm erneut die Sicht. Sein Herz raste, es hämmerte schmerzhaft gegen seinen Brustkorb und schien die qualvolle Enge sprengen zu wollen. In seinem Magen breitete sich eisige Kälte aus und zog sich von dort durch seinen gesamten Körper. /Nein, er ist nicht verliebt. Das geht nicht. So nah ist er mir nicht gekommen. So nah... nicht so nah!/

Er hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Mit einem Mal schien sich die Welt auf den kleinen, abgegrenzten Raum der Bettnische konzentriert zu haben und ihn hier einsperren zu wollen. Angst pulsierte mit jedem Herzschlag durch seine Körper und ließ ihn unkontrolliert zittern. /Nein/, wimmerte eine panische Stimme in seinem Innern, doch kein Laut verließ seine Lippen; seine Kehle war wie zugeschnürt.

Fíonáns Frage hatte etwas zum Einstürzen gebracht, irgendeine Mauer, die er sorgsam aufgerichtet und in Stand gehalten hatte, um nicht sehen zu müssen, dass- ja, was? Und warum? Um länger bleiben zu können? Um noch ein wenig den Luxus dieses Apartments genießen zu können? Auf Kosten des Jungen...?

Als seine Lungen zu schmerzen begannen, merkte er, dass er aufgehört hatte zu atmen. Es kostete Anstrengung, erneut Luft zu holen. Anstrengung, aus- und wieder einzuatmen. Langsam ließ Aurel sich zurück auf das Bett sinken und zwang sich, seine Konzentration nur darauf zu richten. Ein... und aus... ein... und wieder aus...

Schließlich spürte er, wie sich sein Körper entspannte, seine geballten Fäuste sich lockerten und sein rasender Puls sich beruhigte. Die eisige Panik, die ihn umklammert hatte, war von ihm gewichen; zurückgeblieben war drückende Angst und ein Gefühl der Leere.

/Du hast doch gewusst, dass es besser wäre, gleich zu gehen. Warum nur hast du nicht darauf gehört? Du weißt ganz genau, dass es immer in einem Desaster endet, wenn du deine innere Stimme ignorierst, Mann! Verdammt noch mal, warum hast du es so weit kommen-/

Abrupt wurden seine Gedanken unterbrochen, als der Vorhang zurück geschoben wurde. Licht durchdrang seine geschlossenen Lider. /Er weiß, dass ich es mitbekommen habe/, schoss es ihm durch den Kopf. /Was sage ich ihm? Was.../

"Herr..." Amaiis' Stimme war nur ein Hauch, kaum zu hören, und Aurel wusste mit einem Mal, dass er ihn für schlafend hielt. Sanfte Fingerspitzen berührten federleicht seine Lippen, fuhren deren Schwung nach und hinterließen ein warmes Prickeln, das Aurel zumindest einen Teil dessen aufzeigte, warum er nicht gehen wollte. Sie strichen über seine Wangen, zeichneten seine Augenbrauen nach, immer so leicht, als könnte er sich in Luft auflösen – oder aufwachen.

Dann verschwanden die weichen Finger, doch Aurel spürte, dass der Junge ihn noch immer beobachtete. /Mach die Augen auf; zeige ihm, dass du wach bist. Sag ihm, dass du gehört hast, was er und Fíonán besprochen haben/, befahl er sich, doch er tat nichts dergleichen. /Du weißt, dass es das nur noch schlimmer machen würde. Und außerdem, vielleicht hast du es alles nur falsch verstanden... du hast ja nicht mal mitbekommen, wie er geantwortet hat. Seine Tränen.../ Himmel, wie er es hasste, ihn weinen zu sehen!

Das Licht verdunkelte sich; Aurel hörte das leise Rascheln von Seide, als Amaiis sich setzte. Die Matratze gab ein wenig nach, dann spürte er den Atem des Jungen über sein Gesicht streifen, ehe die weichen Lippen scheu seine berührten. Es war nur ein winziger Augenblick, doch er ließ Aurels Herz stocken.

Fast sofort zog Amaiis sich wieder zurück.

"Ich bin gleich da, Herr", wisperte er nahezu lautlos. "Habt nur noch ein wenig Geduld."

Erneut fiel Licht durch Aurels Lider, bis der Vorhang wieder zugezogen wurde. Das Zwielicht in der Bettnische erschien ihm schwarz wie eine wolkenverhangene Nacht, als er die Augen öffnete und doch nichts wirklich sah.

/Du musst gehen. Jeder Moment, den du länger hier verbringst, macht es nur schwerer. Jeder Moment verletzt ihn tiefer. Geh jetzt, auf der Stelle. Lass ihn allein. Es ist besser für ihn. Und für dich./

Als er sich aufsetzte, hörte er die Tür ins Schloss fallen. Er zuckte zusammen; der Laut hatte etwas Endgültiges. Während er entschlossen den Vorhang beiseite schob, bemerkte er, dass seine Hand zitterte. Für einen Moment blieb er sitzen, als könne er das Unvermeidliche ändern, doch schließlich stand er auf.

Wie suchend sah er sich in dem großen Raum um, obwohl er sich sicher war, dass Amaiis nicht hier war. Und mit einem Mal wusste er nicht mehr, was ihm größere Angst machte. Zu bleiben – oder zu gehen.

"Vro'hailit ... - Verdammt", flüsterte er.

Er schluckte, dann drehte er sich um und stürzte wie gehetzt ins Bad. Mittlerweile hatte er herausgefunden, wo Amaiis seine Sachen verstaut hatte; viel Zeit blieb ihm nicht mehr, bis der Junge zurückkam, wohin auch immer er gegangen war. Doch er wollte weg sein, bevor er wieder hier war. Denn ob er es schaffen würde zu gehen, wenn ihn diese großen, blauvioletten Augen ansahen und sich mit Tränen füllten, war eine Frage, die er sich nicht stellen wollte.

"Er wird nicht weinen. Nicht wegen dir, du eingebildeter Narr", schimpfte er mit tauben Lippen, während er seinen Seesack aus einer Kommode zerrte. Fahrig stopfte er den Inhalt einer Schublade hinein, ohne wirklich zu sehen, was es war.

Erst, als ihm sein altes, aber mittlerweile sauberes und ordentlich geflicktes Jeanshemd in die Hände fiel, wachte er wieder halbwegs auf. Dankbar suchte er seine eigene Kleidung zusammen und zog sich hastig an. Bluejeans und Jeanshemd, dazu seine vertretenen Stiefel und die schwere, zerschlissene Lederjacke, in deren Tasche noch immer der kleine Laser steckte.

Für einen Moment schloss Aurel die rechte Hand um das kühle, glatte Metall, doch es brachte ihm nicht die erhoffte Ruhe. Die Jacke drückte schwer auf seine Schultern und umgab ihn wie ein schützender Panzer, aber gleichzeitig schien sie ihm die Luft abzuschnüren.

"Verdammt, verdammt, verdammt", murmelte er gepresst, während er weiter wahllos seine Sachen in den Seesack stopfte. /Jetzt noch der verfluchte Papierkram; die Wertpapiere und der ganze andere Dreck... die waren irgendwo im Schreibtisch, nicht wahr?/

Er warf sich den Tornister über die Schulter und stolperte in den großen Hauptraum zurück. Die Sohlen der Stiefel klapperten unvertraut laut auf dem Marmorboden, bis sie durch den weichen, dunkelblauen Teppich gedämpft wurden.

Sein Blick huschte über die überladene Schreibtischplatte, auf der sich auch nur Amaiis zurechtfand. Zum Glück musste er nicht in diesem Chaos nach den Papieren suchen, fuhr es ihm durch den Kopf. Es war eine der Schubladen gewesen, in denen der Junge seine Sachen untergebracht hatte, auch wenn er sich nicht mehr erinnern konnte, welche genau es gewesen war.

Hastig zog er die oberste auf und überflog den Inhalt. Nein, die war es nicht. Doch als er sie schwungvoll wieder schloss, geriet ein Papierstapel ins Wanken, und noch ehe Aurel danach greifen konnte, wurde er vom Wind erfasst, der durch das wie jeden Tag geöffnete Fenster ungehindert ins Zimmer gelangen konnte. Erstarrt beobachtete Aurel, wie die Blätter aufgewirbelt wurden, empor tanzten und dann langsam zu Boden segelten.

"Scheiße! Das hat mir gerade noch gefehlt." Er ließ den Seesack von der Schulter gleiten und bückte sich nach ein paar Seiten, die direkt vor seinen Füßen zum Liegen gekommen waren. "Aber wenn ich das jetzt alles aufsammle, ist er unter Garantie wieder da! Shit! Egal, dann bleibt es eben liegen."

Er warf die Blätter zurück auf den Schreibtisch und wollte gerade die nächste Schublade öffnen, als sein Blick auf ein dickes Pergament fiel. Es war eine einfache Tuschezeichnung, bei der der Schwung der Linien selbst für Aurel erkennen ließ, dass sie mit dem Pinsel gezeichnet worden war.

Durch eine hügelige Landschaft schlängelte sich ein kleiner Fluss. Bäume wuchsen an dessen Ufern, Blütenblätter wirbelten durch die Luft. Zwei Personen standen auf einer Hügelkuppe, die kleinere in den Armen der größeren.

Erst wusste er nicht, warum das Bild seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, doch je länger er es betrachtete, um so vertrauter kam es ihm vor. Dann weiteten sich seine Augen.

Es waren die Symbole seines Namen, die er dort lesen konnte. Amaiis hatte ihm gezeigt, wie man ihn in den Erdenschriftzeichen schrieb; und der Junge hatte es geschafft, ihn überall in dieses Bild einfließen zu lassen. In den Blättern der Bäume, dem Ufer des Flusses, selbst in den Personen war er zu finden. Und daneben der des Elfen.

Amaiis.

Aurel.

Wieder und wieder.

Aus dem gleichen Anfangsbuchstaben herausfließend oder ineinander verschlungen, umeinander gewoben, einander ergänzend.

Die ganze Zeichnung bestand nur aus diesen beiden Namen.

Die Worte verschwammen vor seinen Augen, als er das Bild fassungslos ansah. Er wusste, dass Amaiis sich mit Kaligraphie beschäftigte, auch wenn er sich zum Bedauern des Jungen nicht hatte dafür erwärmen können. Doch er hatte nicht geahnt, dass er so etwas damit tun würde.

Seine Hände umklammerten die Rückenlehne des Stuhles derart fest, dass das Blut aus seinen Fingern wich und seine Knöchel weiß hervortraten. /Scheiße! Nein. Neinneinneinnein! So was ist... Nicht einmal du kannst das ignorieren, Aurel! Du hast... er ist... Warum!?/

"Herr!" Die erschrockene Stimme von Amaiis riss ihn abrupt aus seinen Gedanken und ließ ihn zusammenzucken, doch er konnte sich nicht nach ihm umdrehen. "Was... was macht Ihr da? Wollt Ihr in die Stadt gehen?" Der Junge klang regelrecht ängstlich. "Wartet, das könnt Ihr doch nicht tragen. Ich werde... werde Euch etwas Passendes heraus suchen."

Aurel rührte sich nicht. Warum hatte er sich mit den Papieren aufgehalten? Er brauchte sie doch nicht wirklich. Gut, seinen Ausweis vielleicht schon, aber den ganzen Rest? Und was hatte er mit dem verdammten Stapel zu schaffen, der herunter gefallen war? Wenn er den einfach ignoriert hätte, wäre er jetzt wahrscheinlich bereits weg. /Und dem Jungen vermutlich auf dem Gang in die Arme gerannt. Himmel, warum ist er schon zurück?!/ Ohne wirklich etwas zu erkennen, hob er den Kopf und sah zum Fenster hinaus, auf das ruhige, blaue Meer, auf das die Sonne eine glänzende Straße aus Licht zeichnete.

"Ich will nicht einfach nur in die Stadt", murmelte er und fühlte sich dabei, als würden seine Lippen springen, so spröde waren sie; seine Stimme klang fremd in seinen Ohren. "Ich werde gehen, Amaiis. Komplett. Ich passe nicht hierher. Es ist nicht gut... nicht gut für uns beide..."

Einen winzigen Moment war es still, dann ließ ihn ein lautes Klirren erneut zusammenfahren. Er wirbelte herum. Mit geweiteten Augen starrte Amaiis ihn an; seine vollen Lippen bebten. Zu seinen Füßen lagen die Scherben einer Kristallschale, blaue und grüne Trauben verteilten sich malerisch dazwischen. Während er langsam in die Hocke ging, füllten sich die großen Augen mit Tränen. Sie hinterließen glitzernde Spuren auf dem zarten Gesicht, als sie die Wangen hinab rannen. Der Junge schluchzte nicht, er sah ihn einfach nur stumm an, bis er schließlich doch den Blick abwandte. Mit zitternden Händen begann er nach den Scherben zu tasten, ohne sie wirklich zu sehen.

"Herr, es tut mir leid, dass ich sie habe fallen lassen", flüsterte er tonlos. "Es wird nicht wieder vorkommen, das verspreche ich. Bitte, verzeiht mir. Ich wollte das nicht. Bitte, Herr. Seid mir nicht böse. Es tut mir leid."

Es schnürte Aurel die Kehle zusammen, er brachte keinen Ton heraus. Genau in dem Moment tat er das, was er sich geschworen hatte, nie wieder zuzulassen. Und erst recht nicht bei diesem Jungen. Er tat ihm weh. Unendlich weh.

Jede Träne, die sich von dem zarten Gesicht löste und zu Boden fiel, schien sich schmerzhaft in seine Seele zu brennen. Jede Träne zerfraß etwas in ihm, als wären sie alle aus Säure. Amaiis' kaum hörbare Stimme hallte in seinem Kopf wieder, ohne dass er wirklich verstand, was der Junge sagte. Wieder und wieder schien er nur die selben Worte zu stammeln, doch Aurel konnte keinen Sinn darin erkennen. /Böse? Warum soll ich ihm böse sein?/

"Es ist okay", brachte er heiser hervor; er hörte die Worte nur gedämpft durch das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. "Ich bin dir nicht böse. Es macht nichts. Wirklich." Er wollte zu ihm, wollte ihn in den Arm nehmen und ihm sagen, dass er ihm nie böse sein konnte, wegen gar nichts. Und erst recht nicht wegen einer zersplitterten Schüssel. Dass es nicht seine Schuld war. Dass es ihm leid tat. Doch er konnte sich nicht rühren; die Angst fesselte ihn an die Stelle, an der er stand. Er wollte ihm nicht näher kommen, nicht näher, als er ohnehin schon war.

Die Welt schien sich nur noch auf den Jungen zu konzentrieren, der dort vor ihm auf dem Boden hockte, inmitten von kristallenen Scherben, deren scharfe Kanten im Sonnenlicht funkelten wie ein zerbrochener Traum. Die in dem gleichen Licht schimmerten wie die Tränen, die zu Boden fielen, dort zerplatzten und sich schließlich mit rotem Blut vermischten.

Fassungslos starrte Aurel auf die kleinen Tropfen, die versprengt auf dem hellen Marmor verteilt waren. Er sah die schmale Hand des Elfen, die nach einer weiteren Scherbe griff, um sie aufzuheben, zitternd und ungeschickt. Blut rann von einem Schnitt im Handballen ein Stück den weißen Unterarm entlang, sammelte sich an den Kettchen und tropfte von dort aus zu Boden.

"Amaiis", wisperte er entsetzt.

Der Junge hob den Kopf und sah ihn an. Die großen Augen waren tränennass und gefüllt mit verständnislosem Schmerz. Sie baten, flehten um etwas, von dem Aurel wusste, dass er es ihm nicht geben konnte. Er wich zurück, als hätte der Elf nach ihm geschlagen. Es ging nicht! Er konnte nicht!!

Ohne weiter nachzudenken, packte er seinen Seesack, warf ihn sich über die Schulter und stürzte auf die Tür zu. Er bekam kaum noch Luft; das Zimmer schloss sich um ihn und schien ihn ersticken zu wollen. Als er den Riegel beiseite schob, hörte er Amaiis aufschluchzen.

"Herr, bitte", flüsterte der Junge.

Aurel konnte jedes Wort hören, und wenn es noch so leise war. Und auch wenn der Junge nicht weitersprach, wusste er doch, um was dieser bat. /Nein! Ich kann nicht! Es ist unmöglich! Ich kann es nicht!!/

Jeder Herzschlag war mühsam geworden und schmerzte in seiner viel zu engen Brust, als er mit zitternden Händen die Tür aufzog. Er spürte den Blick dieser großen, klaren Augen auf sich, als würde er sich in seinen Rücken brennen. Das Schluchzen schien von den Wänden widerzuhallen, sich an ihnen zu brechen und um ein Vielfaches verstärkt zurück geworfen zu werden.

"Bitte, Herr!"

Aurel versuchte, die Ohren zu verschließen, als er nach draußen stolperte; es gelang ihm genauso wenig, wie die Mauer aus Gleichgültigkeit wieder aufzurichten. Seine Finger klammerten sich schmerzhaft um den Türknauf, als er sie zu zog. Doch kurz, bevor sie komplett geschlossen war, konnte er von drinnen den gellenden Aufschrei hören, einen Schrei voller Schmerz und Verzweiflung, der sich in seine Seele fraß und sie blutend zurückließ.

"Herr, warum?!"

Das Schloss rastete ein; reglos stand Aurel in dem runden Vorraum, die Stirn gegen die Tür gelehnt. Das kalte Metall der Ornamente presste sich in seine Haut. Es war vollkommen still, das massive Holz hielt jeden Laut von drinnen zurück.

/Das erste Mal./ Der Gedanke war so verschwommen, dass er ihn kaum erfassen konnte. /Es ist das allererste Mal, dass er nicht gewispert hat. Dass er laut geworden ist. Amaiis.../


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© by Meike "Pandorah" Ludwig