Whispering Wind

7.

Noch acht Stunden. Aurel warf dem Zifferblatt der großen, altmodischen Uhr über der Theke einen erschöpften Blick zu. Die Zeiger bewegten sich quälend langsam und schienen dennoch zu rasen. In acht Stunden würde der nächste Interplan-Zug die Erde verlassen und ihn mitnehmen, weit weg von Amaiis und in Regionen des Alls, die ihm vertrauter waren, in denen er sich auskannte. Aurel hatte fast sein komplettes Geld für das Ticket ausgegeben, alles andere war im Palast der Winde zurückgeblieben. Doch es war ihm egal. An das Geld verschwendete er kaum einen Gedanken.

Acht Stunden noch...

Er konnte sich kaum erinnern, was er den Tag über gemacht hatte. Ein Gleiter hatte ihn in die Stadt gebracht; ein Vorteil dieses Palastes, man musste nicht erst auf ein Taxi warten. Dann war er stundenlang durch die Straßen geirrt, ohne zu wissen, wo er sich befand und ohne, dass es ihn interessiert hätte. Irgendwann hatte er den Interplanhafen erreicht. Das hatte ihn zumindest wieder so weit zu sich gebracht, dass er halbwegs darüber nachdenken konnte, was er eigentlich wollte.

Weg - nur so viel war ihm klar gewesen. So weit weg wie irgendwie möglich. Er hatte das Geld über den Schalter geschoben und gefragt, bis wohin ihn das bringen würde. Die nette Dame hatte ihm darauf ein Ticket ausgedruckt und ihm den Rest zurückgegeben. Den Rest, der noch gut dafür reichte, dass er sich in das nächste Interplancafé hatte setzen und etwas bestellen können. Dann hatte er angefangen zu trinken.

Es war nicht so, dass er in irgendeiner Weise damit gerechnet hatte, dass der Alkohol etwas Hilfreiches bewirkte oder ihn betäubte. Aber er hatte zumindest gehofft, dass ihm wieder wärmer werden würde. Vergeblich. Erschöpft starrte er die Flasche an, in der mittlerweile nur noch das zurückgeblieben war, was man als Nagelprobe bezeichnete. Schnaps, vollkommen klar, wie Wasser. Und viel mehr als dieses bewirkte es auch nicht.

Aurels Blick wanderte langsam zu dem Glas, das er sogar benutzt hatte, obwohl ihm mehr danach gewesen war, die Flasche einfach anzusetzen und auf einen Zug auszutrinken. Einzig die Revolte, die sein Magen daraufhin veranstaltet hätte, hatte ihn davon abgehalten. Er fühlte sich miserabel genug.

/Du hast das einzig Richtige getan/, versuchte seine innere Stimme ihm schon seit Stunden zu erklären, doch auch dieses Mal konnte er ihr nicht glauben. /Okay, das einzig Richtige, was jetzt noch möglich war/, argumentierte sie weiter, aber mit viel zu wenig Sicherheit. /Besser wäre gewesen, wenn du gleich gegangen wärst, nachdem du rausgefunden hast, wo du gelandet bist. Am allerbesten hättest du den verdammten Schlüssel natürlich sofort verkauft, aber ignorier' das doch einfach mal. Oder du hättest das verfluchte Pokerspiel nicht annehmen müssen. Oh ja, oder du hättest die Ware abgelehnt, die dich hierher geführt hat. Du hattest ohnehin ein schlechtes Gefühl bei der Sache./

Aurel vergrub das Gesicht in Händen und schloss die Augen. Seine Lippen bebten, er presste sie zusammen. Ja, aber das hatte nichts mit irgendwelchen Vorahnungen zu tun gehabt. Er war nur für seinen Geschmack viel zu nah an die Grenze des Systemlords herangekommen, dessen Reich er unter keinen Umständen jemals wieder betreten würde. Nicht, dass es in diesem Moment von Interesse gewesen wäre...

/Vro'hailit! - Verdammt! Warum geht er mir nicht aus dem Kopf?/ Er wollte nicht mehr an ihn denken. Nicht mehr den Schmerz in den Tiefen dieser blauvioletten Augen sehen, nicht mehr die glitzernden Tränen. Nicht mehr die Stimme hören, die so verzweifelt geklungen hatte. /Er hat sich in dich verliebt. Das ist es doch, was dir so Angst macht. Gib wenigstens das vor dir zu, Aurel. Er hat sich in dich verliebt. Verliebt.../

Das Wort schmerzte wie die Hölle. Vor so langer Zeit hatte er sich geschworen, niemals mehr zuzulassen, dass er für irgendjemanden wichtig wurde. Und jetzt hatte er diesen Schwur gebrochen und es war zur Katastrophe gekommen. /Er hat meinetwegen geweint... aber was hätte ich denn machen sollen?/

Die Frage war ein verzweifelter Aufschrei, auf den es niemals eine Antwort geben würde.

/So? Und wenn du es riskiert hättest? Wenn du einfach geblieben wärst?/ Aber er wusste, dass es unmöglich war. Der Junge hatte sich binnen zehn Tagen in ihn verliebt. /Es tut so weh.../ Was wäre erst am Ende dieses Jahres gewesen? Vorausgesetzt, die Herrin der Winde hätte ihm sein Recht zugestanden.

Aurels Hände wanderten über die Tischplatte und fuhren die Kerben und Risse in dem billigen Plastik nach. Rotbraun war es, und Holzmaserung nachempfunden. Doch weder fühlte es sich an wie Holz, noch sah es aus wie welches. Billig. Ein Abklatsch. Mit Narben.

"Im Grunde genommen bist du das gleiche Dreckstück wie ich", murmelte er kaum hörbar. "Ein billiges Imitat. Nicht hübsch, abgenutzt vom Dauerverbrauch, aber funktionstüchtig. Doch für dich empfindet wenigstens niemand Sympathie."

Er lachte humorlos und schenkte sich den letzten Rest aus der Flasche ins Glas. Die Schärfe des Fusels trieb ihm Tränen in die Augen und raubte ihm den Atem, als er ihn herunterstürzte. Für einen Moment war er in Versuchung, es als Ausrede zu benutzen und sie fließen zu lassen; doch dann schluckte er sie hinunter. Er hatte schon seit Jahren nicht mehr geweint. Er würde heute nicht wieder damit anfangen.

/Wieso solltest du auch weinen?/ Die Stimme in seinem Inneren klang mit einem Mal so müde, wie er sich fühlte. /Es ist doch alles egal.../

Aber das war es nicht. Und allein der Gedanke an die Gefühle, die Amaiis in ihm auslöste, machte ihm Angst. Panische Angst. /Es ist nichts/, versuchte er sich zu beruhigen. /Du fühlst dich verantwortlich für ihn, das ist alles. Immerhin wart ihr zehn Tage... zehn Tage hast du deine Zeit fast ausschließlich mit ihm verbracht./

Er hörte Schritte näher kommen, sah jedoch nicht auf. Sein Blick glitt über den feuchten Rand, den die Flasche auf der dunklen Tischplatte zurückgelassen hatte. /Warum tut es so weh?/

"...Herr?", fragte eine leise Stimme und ließ Aurel abrupt den Kopf heben; Hitze schoss durch ihn hindurch, ein gleißender Hoffnungsschimmer, ein Wunsch... und erlosch augenblicklich wieder, als er in braune, verwirrte Augen blickte, die ihm aus einem weichen Frauengesicht entgegensahen.

"Ist alles in Ordnung mit Ihnen, mein Herr?" Die Frage klang, als hätte sie sie schon mehrfach gestellt. Ihre Stimme war besorgt, und ihr Blick streifte kurz die leere Flasche. Die dunkelblaue Uniform, die sie trug, wies sie als eine Bedienstete dieses Interplancafés aus. Auf einem kleinen Schildchen an der rechten Seite ihres Jacketts war ihr Name zu lesen, einmal in Kat'chirai, der offiziellen allgemeinen Schrift, und einmal in den Erdenzeichen. Aurel konnte die ersten beiden Buchstaben erkennen. Am. Amy, verriet ihm der andere Schriftzug.

Er schüttelte stumm den Kopf und überlegte dann, dass er besser genickt hätte, als ihre Miene mit Besorgnis überschattet wurde. Eigentlich hatte er überhaupt keine Antwort geben wollen und nicht einmal richtig auf die Frage geachtet. Aber jetzt war es zu spät – mal wieder.

Doch sie setzte sich nicht, wie er für einen Moment befürchtet hatte.

"Soll ich Ihnen einen Arzt rufen?", fragte sie leise. "Oder kann ich Ihnen sonst irgendwie helfen?"

"Arzt?" Aurel verzog das Gesicht zu einer Grimasse. /Wenn er mir das Herz herausschneiden kann, dann gerne/, dachte er sarkastisch. "Der kann hier reichlich wenig tun. Nein, mir geht es soweit gut. Aber du kannst mir gerne noch eine zweite Flasche von dem Fusel hier bringen."

"Eine ganze?", fragte sie geschockt.

Aurel brachte seine widerstrebenden Gesichtszüge zu einem Grinsen. "Sehe ich so aus, als wäre ich betrunken? Nein, oder? Also, was spricht dagegen?"

Sie musterte ihn eine Weile, dann schüttelte sie den Kopf. "Nein, das werde ich nicht. Sie sehen miserabel aus. Und die Flasche war vor einer Stunde noch voll."

Aurel war nicht in der Laune für Spielchen und Nettigkeiten. Zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort wäre er vielleicht darauf eingegangen und hätte noch eine weitere halbe Stunde mit ihr darüber diskutiert, und es hätte ihm Spaß gemacht. Dass Alkohol auf ihn kaum eine Wirkung hatte, obwohl er sehr offensichtlich menschlich war, hatte schon so manchen zur Verzweiflung gebracht, in den Ruin getrieben oder für Erstaunen gesorgt. Aber jetzt war es ihm verdammt noch mal egal. Und er hätte jeden Rausch dieser erschreckenden Nüchternheit vorgezogen. Wenn wenigstens das für ihn Übliche geschehen würde und er in diese wohlige Wärme eintauchen könnte... Doch nichts war passiert. Gar nichts. In seinem jetzigen Zustand brauchte er mehr. Deutlich mehr.

"Ich brauche niemanden, der große Schwester spielt", knurrte er wütend. "Und erst recht nicht, wenn dieser Jemand eine so nette Interplanuniform trägt. Ich weiß, dass das zu der Firmenpolitik gehört, aber das juckt mich nicht. Bring mir einfach noch eine Flasche und lass mich ansonsten in Ruhe!"

Das besorgte Lächeln wich aus ihrem Gesicht, fast verletzt sah sie ihn an. Er seufzte und schloss müde die Augen. "Okay. Sorry, Lady. Bitte, bring mir einfach noch eine Flasche, ja? Ich bin nicht gut drauf. Und keine Angst, ich werde mich hier weder zu Tode saufen noch auf den gewienerten Boden kotzen."

"Wie Sie wollen", murmelte sie steif, und er hörte, wie sich ihre Schritte wieder entfernten. Er wusste nicht, ob sie wirklich das gesehen hatte, was er für einen Moment befürchtet hatte. Aber er hoffte, dass dem nicht so war. Mit einem Seufzen öffnete er die Lider wieder und sah ihr hinterher, wie sie geschäftig davoneilte.

Mittlerweile war es voller geworden. Nahezu jeder der runden Tische, die in geplanter Unregelmäßigkeit im Raum verteilt waren, war belegt. Geschäftsleute, die auf Anschlusszüge warteten. Familien, die in den Urlaub wollten. Zwei Kinder spielten zwischen den Tischen Fangen, bis ihre Mutter sie wieder zurückrief, nachdem sie einige böse Blicke geerntet hatten, weil sie im fröhlichen Entkommen auch unter Tischen und Stühlen hindurch geklettert waren.

Die Zeiger der großen Uhr über der Theke rückten unerbittlich vorwärts, und Aurel wandte den Blick hastig von ihnen ab und zu dem Bartender, einem vierarmigen, grünhäutigen Kalwechi mit großen, hervorstehenden Augen, die an einen Fisch erinnerten; die dunkelblaue Interplan-Uniform schien ihm nicht wirklich zu passen.

In einer Nische ähnlich der, in der Aurel saß, hatte es sich ein Liebespaar bequem gemacht, vielleicht auf dem Weg in die Flitterwochen, vielleicht auch einfach nur, um gemeinsam zu verreisen. Sie saß auf seinem Schoß, während er sie hingebungsvoll mit Eis fütterte. Sie schienen nur Augen füreinander zu haben, und manchmal unterbrachen sie ihr Spiel, um sich zärtlich zu küssen. Aurel beobachtete sie eine Weile und spürte, wie sich seine Kehle immer mehr verengte.

/Es war das einzig Richtige, was du tun konntest/, beschwor er sich erneut. /Ihn verlassen, bevor du mehr Schaden anrichten kannst... Jash-ces! - Himmel! Er hat geweint! Und er ist das erste Mal in den gesamten zehn Tagen laut geworden./

Die Stimme hallte in seinem Kopf wieder, als stünde er noch immer vor dem Whispering-Wind-Zimmer. 'Warum, Herr?!' In all ihrer Verzweiflung, mit all dem Schmerz, der darin gelegen hatte.

"Götter", murmelte Aurel erstickt. "Verschwinde aus meinen Gedanken!"

Die leere Flasche vor ihm wurde weggenommen und durch eine volle ersetzt. Er sah auf und in das berufsmäßig freundliche Gesicht der Bedienung, doch hinter ihrem Lächeln konnte er die distanzierte Professionalität erkennen. Die Besorgnis, die sie vorher gezeigt hatte, war wie weggewischt, und er konnte es ihr nicht verdenken. Trotzdem stieß ihm das Lächeln sauer auf. Vermutlich würde sie auch dann lächeln, wenn sie ihren Mann verloren hätte und eines ihrer Kinder im Koma läge, wenn sie welche hatte. Interplanpolitik. Immer freundlich zu den Kunden.

Sie nickte ihm zu und wandte sich dann ab, ohne einen weiteren Versuch, ihm zu helfen; und dafür war er ihr dankbar. Er warf der Flasche einen Blick zu und wusste mit einem Mal, dass es nicht reichen würden. An diesem Tag hätte er zehn Flaschen leeren können, und den einzigen Effekt, den das haben würde, wäre der, dass ihm das scharfe Zeug den Magen verätzen würde.

"Warten Sie", rief er leise hinter ihr her. Sie hörte ihn trotzdem, wandte sich wieder zu ihm um und kam zurück. "Ja? Wünschen Sie noch etwas?"

"Nehmen Sie die Flasche wieder mit und bringen Sie mir stattdessen ein Glas Brouzer", verlangte er müde. Er wusste, es war das Einzige, was helfen würde. Brouzer war der umgangssprachlicher Ausdruck für eine Frucht, deren richtigen Namen die wenigsten überhaupt nur kannten, geschweige denn in der Lage waren, ihn auszusprechen. Die Farbe des daraus gewonnen Getränks lag irgendwo zwischen Goldgelb und Karamell, und der Alkoholgehalt war kaum der Rede wert. Aber es enthielt einen anderen Stoff, der dessen Funktion ersetzte. Das einzige Problem war, dass es auf Menschen im Allgemeinen genauso wirkte, als würden sie Arsen trinken.

"Wie bitte?!" Ihre Augen weiteten sich, dann schüttelte sie entschieden den Kopf. "Hören Sie, wenn Sie sich umbringen wollen, dann tun Sie das woanders. Sie haben ohnehin schon zu viel getrunken. Kein Wunder, dass Sie auf solche Gedanken kommen."

"Hören Sie, wenn ich mich umbringen wollte, würde ich eine angenehmere Methode wählen", erklärte er ihr gereizt und griff dabei ihre Worte auf. Er verstand ihre Reaktion, was aber nicht hieß, dass es ihn geduldiger machen würde. "Ich hab 'ne Art Stoffwechselproblem. Das geht klar."

"Na sicher. Aber wenn Sie erst mal tot sind, kann ich schlecht nachweisen, dass Sie mir das erzählt haben. Ich habe keine besondere Lust, wegen Mordes angeklagt zu werden oder meinen Job zu verlieren", erläuterte sie mit ausgesprochener Höflichkeit, für die er ihr am liebsten den Hals umgedreht hätte. "Oder haben Sie eine ärztliche Bestätigung dafür?"

Aurel starrte sie an, dann schüttelte er erschöpft den Kopf. Das war der große Nachteil an Brouzer. Man bekam ihn entweder illegal oder gar nicht. Und es war irgendwie klar, dass Interplan keine – offiziellen – Ausnahmen machte. "Lassen Sie den Schnaps da..."

Ohne weiter auf die junge Frau zu achten, schraubte er die Flasche auf und schenkte sich ein. Doch er trank nicht. Stattdessen starrte er in die klare Flüssigkeit, als hätte sie die Antwort auf all seine Fragen, wenn es ihm nur gelang, sie zu entschlüsseln.

/Arschloch/, dachte er und ballte die Hand fester um das Glas. /Du bist ein echtes Arschloch. Das kannst du nicht machen. Einfach gehen... Er weint wegen dir./ Aber wenn er bliebe, würde es nicht besser werden, das wusste er. /Und ich habe nur noch vier Tage. Es ist das beste. Auch für ihn. Gerade für ihn. Er wird mich vergessen. In ein paar Tagen liegt er in den Armen eines anderen Mannes und gibt sich ihm genauso hin wie mir./

Der Gedanke schmerzte, und Aurel biss sich auf die Lippe, um keinen Laut von sich zu geben. /Ich brauche einen Brouzer. Acht Stunden reichen aus, um was aufzutreiben. Verdammt noch mal!/

Er kramte in der Jackentasche nach dem Heftchen mit dem letzten Geld, um zu bezahlen. Doch dann hielt er inne, als er auf kühles Metall stieß. Er erkannte die Form auf Anhieb. Seine Hand schloss sich um den Schlüssel, während eine neue Welle an Schmerz durch ihn hindurch flutete. /Warum quält es mich so? Es wird ihm gut gehen. Besser, als wenn ich da wäre. Besser, als wenn er mit mir kommen könnte.../

Mit ihm kommen. Was für ein närrischer Gedanke. Aurel verzog das Gesicht zu einer Grimasse und holte den Schlüssel aus der Tasche. Das Licht der Kneipe brach sich in dem Amethyst und warf violette Reflektionen auf die Tischplatte. Für einem Moment vermeinte er, Amaiis' Augen zu sehen, Augen, die ihn voller Tränen ansahen. Das Bild verschwamm, während er blicklos auf den Stein sah. Kälte. Ihm fehlte das Leben, das immer aus Amaiis' Augen gesprüht hatte.

Zitternd atmete er ein, als er merkte, dass sich seine Augen ebenfalls mit Tränen füllten. /Der Schlüssel zu seinem Zimmer. So lange ich ihn habe, kommt niemand zu ihm. Ich habe die Tür hinter mir geschlossen. Ob sie einen Ersatzschlüssel haben? Egal. Ich habe nicht zugeschlossen. Er muss nur die Tür öffnen. Und dann kann er einen neuen Herrn empfangen./

Ein neuer Herr.... wie würde er sein, der dann das Bett mit Amaiis teilte? Würde er ihn gut behandeln? Oder würde er ihn schlagen? Vielleicht Schlimmeres mit ihm anstellen? /Die Herrin der Winde wird ihm wohl den nächsten aussuchen. Was, wenn sie ihn durch mich als verdorben ansieht? Wenn sie ihm aus Zorn darüber nur noch Arschlöcher zuteilt?/

Der Schlüssel war genauso filigran und zart wie der Junge, zu dessen Zimmer er führte. Und genauso zerbrechlich. /Ich will nicht, dass ihm jemand weh tut/, dachte er abermals voller Verzweiflung. /Aber ich kann nichts dagegen tun. Und außerdem, was interessiert mich das überhaupt? Er gehört in diesen Palast. Er war da, bevor ich gekommen bin und er wird auch jetzt dort bleiben. Es hat sich für ihn gar nichts geändert. Es ist, als wäre ich nie da gewesen./

'In seinen Armen bin ich geborgen. Bei ihm fühle ich mich frei...'

Alles hatte sich geändert. Alles.

Er konnte nicht einfach gehen, als wäre nichts passiert!

/Aber ich kann nicht zurück/, schrie eine panische Stimme auf. /Ich ertrage es nicht. Seine Nähe. Diesen ganzen Palast! Es geht nicht! Es schnürt mir die Luft ab!!/

/Er berührt dich/, wisperte eine andere Stimme tief in seinem Innern. /Warum sonst wäre es so schwer, Abstand zu bewahren? Du bist ihm wichtig. Und das bewirkt, dass er mehr für dich ist als deine sonstigen Bettgeschichten. Du kannst es nicht machen wie sonst. Kannst nicht einfach aufstehen, duschen und gehen./

/Nein.... halt die Klappe! Verdammt, halt die Klappe!/, fauchte die erste Stimme.

/Du bist auch nicht besser als ER! In keiner Hinsicht. Egal, was du tust./ Unbarmherzig kalt erinnerte sie ihn an Dinge, die er nicht sehen wollte. Dinge, die er zu vergessen versuchte, noch verborgen und verschwommen hinter einem Schleier, den sie androhte, voller Grausamkeit zu zerfetzen. /Du kannst nicht weglaufen. Geh – und reiße ihm das Herz heraus. Kehre zurück und fessele ihn an dich, um ihm die Seele zu zerschneiden./

Er brauchte Brouzer. Sofort. Brouzer würde die Stimmen in seinem Kopf betäuben und wohlige Ruhe bringen. Zumindest so lange, bis er im Interplan-Zug saß und nicht mehr umkehren konnte.

"Ist hier noch frei?" Die Stimme jenseits seines Kopfes war fast angenehm, einfach, weil sie außerhalb war und ihm keine Erinnerungen bringen wollte.

Aurel nickte ohne aufzusehen. "Sicher. Der ganze Tisch. Ich bin so gut wie weg." Er schloss die Hand wieder um den Schlüssel und ließ ihn zurück in die Innentasche seiner Jacke gleiten.

"Oh, das wäre aber ausgesprochen schade. Ich hatte gehofft, wir könnten ein paar Worte miteinander wechseln."

Jetzt hob Aurel doch den Kopf. /Polizeikontrolle/, war sein erster Gedanke. /Das hat mir gerade noch gefehlt./ Nicht, dass er etwas dabei hätte, was ihm verfänglich werden könnte. Aber es würde ihn unnötig aufhalten und noch weiter von seinem Brouzer wegbringen.

Doch der Mann, der sich einen Stuhl vom Tisch abrückte und sich ihm dann gegenüber niederließ, sah nicht nach einem Polizeibeamten aus. Nicht, dass das viel zu sagen hatte. Sorgfältig zurückgekämmte Haare waren im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, der derart kurz war, dass einige Strähnen wieder zu entkommen versuchten, aber in akkurater Manier mit Gel am Kopf gehalten wurden. Braune Augen musterten Aurel amüsiert und mit leichtem Spott, ein Zug, der auch die schmalen, aber schwungvoll geschnittenen Lippen umspielte. Aurel war sich sicher, dass der dunkelgrüne Anzug des Mannes auch ohne ihn aufrecht stehen würde, so perfekt saßen der Kragen und sämtliche Bügelfalten. Vermutlich war er bei der Reinigung in irgendeinem Festiger getränkt worden.

"Kein Interesse", erwiderte er ausdruckslos und griff nach seinem Seesack.

"Warten Sie!" Der Mann beugte sich über den Tisch und legte die Hand auf Aurels Unterarm, während er ihm ein gewinnendes Lächeln schenkte. "Ich bin mir sicher, mein Angebot wird Sie interessieren."

Aurel erstarrte mitten in der Bewegung. Er sah auf die Hand, die ihn festhielt, dann ließ er den Blick langsam bis zu dem Gesicht des Fremden wandern. Ohne die Miene zu verziehen, sah er ihm in die Augen, den Blick bar jeder Emotion. "Finger weg", sagte er kalt. /Verdammt, hab ich ein Schild umhängen mit der Aufschrift 'Sprich mich an', oder was?/

"Oh, da ist wohl jemand streitlustig, kann das sein?" Der andere Mann grinste, ließ ihn aber los. Dann legte er die Fingerkuppen zusammen, die Spitzen der Zeigefinger berührten seine Lippen. "Darf ich Sie vielleicht auf etwas einladen?"

"Vielleicht auf 'nen Brouzer?", schlug Aurel sarkastisch vor und schlüpfte in seine Lederjacke. Genauso gut hätte er verneinen können. Es war lediglich eine etwas höflichere Form von 'Verpiss dich!' - Wenn auch nicht viel freundlicher.

Der andere seufzte auf eine Art, die Aurel nur als theatralisch empfand und die ihn aggressiv machte. "Wenn sie den hier anbieten würden, würden Sie Ihr Glas Brouzer bekommen. Aber das halte ich leider für ausgeschlossen. Da sie aber wild entschlossen scheinen, sofort zu gehen, komme ich lieber direkt zur Sache. Ich habe zufällig gesehen, dass Sie einen Key Ihr Eigen nennen. Ich wäre daran interessiert."

Aurel, der gerade Anstalten gemacht hatte, aufzustehen, ließ sich wieder zurück auf den Stuhl fallen. Seine Brauen zogen sich zusammen, sein Blick verfinsterte sich. "Key, ja?"

"Kommen Sie, ich habe ihn gesehen." Der Mann lachte auf und lehnte sich zurück. "Und ehrlich gesagt, es interessiert mich nicht, wie Sie in seinen Besitz gekommen sind." Er musterte ihn mit einem spöttischen Glitzern in den Augen. "Oder wie viele Kehlen Sie dafür durchgeschnitten haben. Tatsache ist, dass man nur äußerst schwer an einen herankommt, und ich wäre wirklich daran interessiert. Ich biete Ihnen auch einen guten Preis dafür."

/Das ist ihm egal?/ Aurel spürte, wie sich etwas in ihm zu einem Knoten zusammen ballte. /Wenn ihm das egal ist, dann ist es ihm auch egal, wie sich der Junge fühlt. Er wird nicht im Geringsten auf ihn achten. Es wird ihn einen Scheiß kümmern, wenn er ihm weh tut!/

"Und wie kommen Sie auf die Idee, dass ich ihn verkaufen möchte?", fragte er scharf. "Glauben Sie nicht, dass ich ihn vielleicht lieber selber behalten will?"

Der andere lachte wieder. "Spielen Sie doch keine Spielchen mit mir. Sie wissen genauso gut wie ich, dass Sie sich einen Key niemals leisten könnten. Außerdem können Sie sich im Palast kaum sehen lassen, ohne dass man sich fragen wird, wie Sie an ihn heran gekommen sind. Sie wissen das, und ich weiß das. Also machen Sie einen Preis."

Für einen Moment hatte Aurel das Bild vor Augen, wie dieser Mann im Whispering-Wind-Zimmer stand und mit diesem arroganten Ausdruck auf Amaiis hinabsah. Wie er den Jungen an sich zog. Wie seine Hände ihn überall berührten. Dieser Mann würde Amaiis nicht lieben. Nicht einmal annähernd zärtlich sein. Er würde ihn benutzen. Wie man einen Aschenbecher oder eine Toilette benutzte.

Der Knoten in ihm explodierte in heißem Zorn. Blitzschnell langte Aurel über den Tisch, packte den anderen Mann am Revers und zog ihn halb über die Platte zu sich. Seine Augen glühten in einem dunklen Feuer auf, als er in das erschrockene Gesicht des anderen sah.

"Hör zu", zischte er. "Ich habe diesen Key auf ehrlichem Weg erlangt, und ich werde ihn nicht verkaufen, verschenken oder sonst etwas. Und mit Sicherheit nicht an jemanden wie dich. Er gehört noch ein ganzes Jahr mir, und mindestens so lange werde ich ihn behalten."

Angewidert stieß er den Fremden von sich und stand auf. Er schnappte sich seinen Seesack, warf ihn über die Schulter und ging vor zur Theke. Auf dem Weg spürte er die Blicke der anderen Gäste auf sich ruhen; sein Auftritt war nicht unbemerkt geblieben, doch es berührte ihn nicht.

Während er zahlte, warf er der großen Uhr einen weiteren Blick zu. Noch sieben Stunden bis zur Abfahrt. Für einen Moment war er in Versuchung, doch dann schüttelte er stumm den Kopf. Er konnte nicht weglaufen. Es war nicht so, dass die Welt sich für ihn und Amaiis weiterdrehen würde, als wäre er nie hier gewesen.

Er holte das Ticket aus der Tasche und legte es neben dem Geld auf die Theke. "Hier, frag mal, ob das jemand brauchen kann." Interplan hatte die dumme Angewohnheit, Fahrkarten nur bis zu vierundzwanzig Stunden vor Abfahrt zurückzunehmen. "Ansonsten schmeiß es weg."

Prüfend musterte der Bartender erst ihn, dann das Ticket und nickte schließlich. Mit einer Hand sammelte er das Geld auf, während er mit zwei anderen die Karte an eine Pinnwand heftete. Aurel wartete nicht auf das Wechselgeld. Er drehte sich um und ging, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen.

Er hatte Angst davor, in den Palast zurückzukehren, Angst, Amaiis unter die Augen zu treten, während er gleichzeitig irgendwo tief in sich die Freude spürte, den Jungen wiederzusehen, ihn nicht verloren zu haben.

Und das versetzte ihn in fast noch größere Panik.

Doch er konnte Amaiis nicht im Stich lassen. Er konnte nicht zulassen, dass er einen Herrn bekam, der ihn nur benutzte. Er wollte nicht, dass er überhaupt jemals wieder einen Herrn bekam, nicht einmal oder erst recht nicht ihn.

/Ich hole dich da raus/, dachte er entschlossen, als er durch die Drehtür des Cafés trat. Frische Luft schlug ihm entgegen, einen Hauch wärmer als im Palast. /Ich habe zwar noch keinen blassen Schimmer wie, aber mir wird was einfallen. Als erstes werde ich der Lady klar machen, dass ich für ein Jahr ein durchaus ernst zu nehmendes Anrecht auf dich habe, und dann habe ich viel Zeit, um mir darüber Gedanken zu machen. Versprochen, Amaiis. Ich lasse dich nicht im Stich. Auf gar keinen Fall!/

Sein Blick glitt über das Netz an bläulich schimmernden Energiesträngen, die den Interplan-Zügen als Schienen durch das All dienten. In der Dunkelheit der beginnenden Nacht sah es richtig schön aus, und er wusste, dass es Amaiis gefallen würde. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, und mit einem Mal fühlte er sich wesentlich besser. /Ich bringe dich von hier weg, und dann wirst du wirklich wissen, was es heißt, frei zu sein./


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© by Meike "Pandorah" Ludwig