Whispering Wind

8.

Amaiis hatte mit seiner Behauptung wohl recht gehabt, als er Aurel erzählt hatte, Fíonán würde häufig Dienst am Tor tun. Denn es war wieder der blasse, schlanke Mann, der ihm öffnete, dieses Mal sogar, bevor er anklopfen konnte. Die silbergrauen Augen weiteten sich überrascht, auch wenn Aurel nicht wusste, womit er dieses Erstaunen auslöste. Dann wurde das zarte Gesicht wieder zu einer Maske.

"Willkommen, Herr", sagte Fíonán höflich und lächelte nichts sagend, während er einen Schritt zurücktrat, um Aurel an sich vorbeizulassen.

Doch dieser schüttelte den Kopf und grinste verlegen. Er wies mit dem Daumen hinter sich auf das wartende Taxi. "Er hat mich bis hierher gefahren, aber mein Geld reicht nicht. Und verständlicherweise glaubt er nicht, dass er jetzt überhaupt noch was bekommt. Kannst du ihm mal gerade versichern, dass er nur ein wenig warten muss, bis ich zum Whispering-Wind-Zimmer und zurück gelaufen bin?"

Fíonán hob seine schmalen, weißen Brauen, und für einen kurzen Moment meinte Aurel, so etwas wie Belustigung in seinen Augen zu lesen, ehe sich wieder Spiegel über sie senkten und sie jeder Emotion beraubten. "Ich werde mich darum kümmern, Herr. Wartet einfach nur hier, dann bringe ich Euch zum Whispering Wind."

"Danke." Aurel lehnte sich gegen das Tor und warf einen kurzen Blick in die Eingangshalle. Sie war genauso leer wie bei seiner ersten Ankunft; ihm fiel auf, dass er verdammt wenig der Räumlichkeiten überhaupt zu Gesicht bekommen hatte. Nachdenklich runzelte er die Stirn. Das musste er ändern. Denn eine der Möglichkeiten, Amaiis aus dem Palast zu bekommen, war die, ihn schlicht zu entführen. Und dafür sollte er sich besser auskennen.

Er sah zu Fíonán hin, der gerade seinen Seesack aus dem Wagen hob. Der Fahrer hatte ihn als Pfand behalten, was Aurel mit einiger Belustigung erfüllte. In dem Ding war nichts, was ihm wirklich wichtig war. Doch es überraschte ihn, dass der flügellose Engel ihn einfach so ausgehändigt bekam. /Er hat doch nicht etwa bezahlt?/

Fíonán schloss die Wagentür und kam mit dem Seesack zum Tor zurück, während das Taxi wendete und langsam über den großen Platz davon fuhr. Offensichtlich hatte er es doch getan.

"Ähm, das war..." Verlegen kratzte Aurel sich am Kopf, ehe er die Hand nach dem Tornister ausstreckte und ihn Fíonán abnahm. "Ich dachte eigentlich... - Ich geb's dir oben wieder. Danke."

Fíonán musterte ihn einen Moment, dann zuckte er scheinbar leichthin mit den Schultern und lächelte sein künstliches, aber nettes Lächeln. "Nein, Herr. Das ist nicht notwendig. Es war nicht mein Geld. So etwas gehört zum Service dazu. Wenn Ihr mir folgen wollt?" Er machte eine auffordernde Geste in Richtung der Eingangshalle.

Als Aurel eintrat, schloss sich das Tor lautlos hinter ihm und hinterließ ein beklemmendes Gefühl in seiner Brust. Er schluckte trocken und fragte sich, wo die Angst plötzlich wieder herkam. Im Taxi war ihm alles noch so schön klar und einfach erschienen...

"Praktisch. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich einen Gleiter genommen", scherzte er, eher um sich selber aufzuheitern, als dass er eine Reaktion von Fíonán erwartete. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass der junge Mann nicht mehr besonders gut auf ihn zu sprechen war, was daran liegen konnte, dass Amaiis etwas zu viel für ihn empfand. /Eifersucht? Oder nur die Sorge um einen Freund?/

"Es wäre die angenehmere Fahrt gewesen", erwiderte Fíonán freundlich und wandte sich ab, um voran zu gehen und ihm die Richtung zu weisen. Aurel folgte ihm mit einem lautlosen Seufzen.

Es war nicht der gleiche Weg, den sie beim letzten Mal genommen hatten; er hatte ein ganz gutes Gedächtnis für Strecken, selbst wenn sie noch so verwirrend sein mochten. Und eigentlich hatte er vorgehabt, acht zu geben, wohin der andere ihn führte, doch seine Gedanken glitten schnell davon.

Immerhin schien Amaiis noch keinen neuen Herrn zu haben, offensichtlich war seine Flucht nicht als solche aufgefasst worden. Man hatte damit gerechnet, dass er wiederkam. Oder sie hatten lediglich so schnell keinen neuen Herrn auswählen können. Sonst hätte Fíonán ihn bestimmt nicht in den Palast gelassen.

Aber wie würde Amaiis reagieren, wenn er zurückkam? Aurel fühlte, wie sich etwas in ihm verkrampfte, als er darüber nachdachte. Der Junge hatte ihm vertraut. Was, wenn er das jetzt nicht mehr tat? Er hatte ihn enttäuscht. Er hatte ihn verletzt. /Dann musst du das Beste daraus machen und die Konsequenzen tragen. Verdammt noch mal! Lass nicht zu, dass es dich berührt. Du bist verantwortlich für ihn, du wirst ihn da rausholen. Du wirst tun, was richtig ist. Was das Beste ist für ihn. - Aber ich will nicht... ich will, dass er... Vro'hailit! - Verdammt!/

Als Fíonán anhielt, wäre er fast in ihn hineingelaufen. Es gelang ihm gerade noch rechtzeitig abzubremsen und stehen zu bleiben.

"Wir sind da, Herr", erklärte der schneehaarige Mann und verneigte sich.

Leicht verwirrt sah Aurel sich um und stellte fest, dass der Andere recht hatte. Sie standen in dem runden Raum mit den drei bogenförmigen Türen, von denen die mittlere zu Amaiis führte. Aurels Herz begann schneller zu schlagen, doch ob es vor Angst oder Freude war, konnte er nicht sagen.

Er grinste schief. "Danke. Ich glaube, ab hier finde ich es allein."

Ein winziges Lächeln huschte über Fíonáns Züge, doch es war sofort wieder verschwunden. Der junge Mann verneigte sich tiefer, bis sein weißes Haar sein Gesicht verbarg. "Herr?", fragte er leise, in der gebeugten Haltung verharrend.

Unwillkürlich zog Aurel die Brauen zusammen. Er wich einen Schritt zurück, ohne es wirklich zu merken. "Bitte, lass das, ja? Was ist?"

"Vergebt mir, Herr." In den silbergrauen Augen konnte Aurel lesen, dass Fíonán verwirrt war, doch ansonsten war das hübsche Gesicht nach wie vor eine glatte Maske, als er sich aufrichtete. "Ich habe eine Bitte. Darf ich sie Euch vortragen?"

"Eine Bitte? An mich?" Einigermaßen verblüfft sah Aurel ihn an.

Fíonán nickte. Er hatte die Augen niedergeschlagen und schaute zu Boden. "Ja, Herr."

"Natürlich. Klar." Aurel grinste wieder schief, während sein Blick über die schlanke Gestalt glitt. Der flügellose Engel wirkte unsicher, und er konnte sich nicht viel vorstellen, was er von ihm wollen könnte. Dann erinnerte er sich an das Gespräch, das er am Morgen belauscht hatte. Seine Miene verdunkelte sich. "Es sei denn, es ist ein genialer Vorschlag in der Richtung, dass ich Amaiis allein lassen soll, weil ich nicht hierher passe oder so."

Fíonáns blasse Wangen färbten sich zartrosa, doch er schüttelte den Kopf, was Aurel aus einem unbestimmten Grund erleichterte. "Nein, Herr. Ich weiß, dass ich nicht das Recht habe, so etwas auch nur zu denken. Ich wollte Euch lediglich um eines bitten. Tut ihm nicht weh."

Aurel musste schlucken, als er den Stich im Herzen spürte. "Oh", sagte er leise und wandte den Blick ab. "Ich glaube, dafür ist es schon zu spät." Fahrig kramte er in seiner Jackentasche nach dem Schlüssel. "Du magst den Kleinen, hm?"

Wieder nickte Fíonán. "Ja, Herr", murmelte er, und es klang wie ein Geständnis. Wie er da so stand, mit gesenktem Kopf, dem weißen, feinen Haar, das halb versuchte, sein Gesicht zu verbergen, die silbergrauen Augen zu Boden gerichtet, wirkte er einsam und verloren.

"Ich bin hier, um es wieder gut zu machen. Ich wollte ihm nie weh tun", hörte Aurel sich sagen und fragte sich im gleichen Moment, warum er es ihm erzählte. /Warum nicht?/, fragte seine innere Stimme achselzuckend. /Er ist mit Amaiis befreundet, irgendwie. Er macht sich Sorgen./

"Ich danke Euch, Herr." Ein kleines Lächeln huschte über Fíonáns Gesicht und ließ ihn sehr verletzlich aussehen. Doch dann war es verschwunden und wieder der normalen, höflichen Maske gewichen. "Habt Ihr noch Wünsche oder darf ich mich entfernen?"

"Nein, keine Wünsche." Verwirrt schüttelte Aurel den Kopf. Dieser Mann schien seine Stimmungen schneller zu wechseln als jeder wetterfühlige Alte.

Fíonán verneigte sich erneut, ehe er sich umdrehte und den Gang zurück lief. Aurel sah ihm nach, bis er hinter der Biegung verschwunden war, dann erst drehte er sich zu der Tür um. Seine Hand zitterte, als er den zierlichen Schlüssel in das Schloss steckte, und er verfluchte sich dafür. /Wovor hast du Angst? Vielleicht sitzt er einfach nur an seinem Schreibtisch und zeichnet. Oder er liest wieder. Oder übt schlicht auf seiner Zither. Oder er schläft bereits.../ Aber er konnte nicht recht daran glauben.

Er trat ein, schloss die Tür fast lautlos hinter sich und schob den Riegel vor. Dann ließ er den Seesack zu Boden gleiten. Als er aus der Jacke schlüpfte und die Stiefel von den Füßen streifte, fühlte er sich, als würde er nach Hause kommen. Allein der Gedanke jagte ihm einen Schauer den Rücken hinab. /Dieser Palast ist alles, aber kein Heim/, grollte er innerlich. Doch Amaiis machte zumindest diese Räume dazu. Irgendwie. /Nein, hör auf mit solchen dummen Gedanken!/

Er streckte sich und drehte sich um. Die wenigen Male, die er das Zimmer verlassen hatte, war ihm der Junge bei seiner Rückkehr eigentlich immer entgegengekommen, um ihn zu begrüßen; dass er es dieses Mal nicht tat, bereitete ihm Unbehagen. Fast lautlos ging er an dem kleinen Teich vorbei; aus den Augenwinkeln sah er die Silhouetten der bunten Fische, die erschreckt davon stoben.

Der große Hauptraum war nur spärlich erleuchtet, die meisten der hinter Tüchern verborgenen Lampen brannten nicht; nur drei oder vier spendeten gedämpftes Licht. Das einzige Geräusch war das leise Plätschern der Brunnen.

Unsicher sah Aurel sich um. Auf dem Tischchen in der Mitte des Zimmers stand noch immer unberührt das Frühstück; die zur Dekoration verwendeten Blüten und Kräuter sahen zum Teil ziemlich welk aus. Auf dem Boden lagen nach wie vor die Blätter, die er am Morgen heruntergeworfen hatte, nur hatten sie sich jetzt noch mehr im Raum verteilt. Unwillkürlich wanderte sein Blick zu der Stelle, an der Amaiis die Obstschale hatte fallen lassen. Die Scherben glitzerten im spärlichen Licht, als würden sie ihn anklagen.

Aurels Unbehagen wuchs, er schluckte hart. Es war so gar nicht die Art des Jungen, alles herum liegen zu lassen. Mit einem Mal fiel ihm auf, dass das Fenster weit offen stand. Zwar war es in den zehn Tagen, die er hier verbracht hatte, nie geschlossen gewesen, doch plötzlich schien das eine andere Bedeutung zu bekommen.

/Narr!/, schalt er sich. /Das würde er niemals tun!/

Andererseits war die Unordnung im Zimmer auch nicht gerade typisch. Panisch flog sein Blick durch den Raum, streifte die sich sacht bewegenden Tücher, den Schreibtisch, den Diwan. Natürlich befand sich der Junge nicht dort, nicht, dass Aurel ernsthaft damit gerechnet hätte. Trotzdem zögerte er, sich umzudrehen. Wenn die Bettnische leer wäre, bliebe nur noch das Bad, kein besonders geeigneter Ort, um sich dorthin zurückzuziehen. Es war ziemlich unwahrscheinlich, dass sich Amaiis dort befinden würde. Die Furcht bescherte ihm mit einem Mal Übelkeit. Mit zusammengepressten Lippen wandte er sich um.

Der Vorhang vor der Bettnische war zurückgezogen, und ganz hinten, dicht an die Wand gedrückt, lag Amaiis. Er hatte die Arme um seinen Körper geschlungen und die Beine angezogen. Sein wirres Haar war glanzlos und stumpf, die Edelsteine, die das wenige Licht reflektierten, wirkten wie scharfe Eissplitter. Er hatte die Augen geschlossen und die Lippen zusammengepresst, wie um sie am Beben zu hindern. Trotz der Schatten, die die Nische verschleierten, konnte Aurel erkennen, dass das Gesicht des Jungen tränennass war.

Die Erleichterung, dass Amaiis hier war und keine Dummheiten gemacht hatte, wich schnell einem schmerzhaften Schuldbewusstsein. So, wie es aussah, hatte der Junge den ganzen Tag so verbracht, in der festen Überzeugung, dass sein Herr nicht zurückkommen würde. /Es tut mir leid, es tut mir so unendlich leid. Ich wollte das nicht. Ich wollte dir nie weh tun, Amaiis. Was mache ich jetzt nur? Ich kann doch nicht einfach... ich hätte irgendetwas mitbringen sollen, um mich zu entschuldigen. Warum mache ich nur immer alles falsch? Und wenn ich nicht die richtigen Worte finde? Wenn ich alles nur noch schlimmer mache? - Mann, es gibt im ganzen Universum keinen größeren Feigling als dich! Sag was! Egal was! Du kannst ihn doch nicht so da liegen lassen. Er denkt bestimmt, es ist seine Schuld. Du weißt doch, wie so etwas läuft! Du als allererster.../

In diesem Moment öffnete Amaiis die Augen. Aurel verharrte reglos, seine Gedanken waren wie weggewischt, als der Junge ihn einfach nur ansah; in Amaiis' Blick mischten sich ungläubige Hoffnung, Verzweiflung, Schmerz und Angst. Aurel konnte nicht reden, sich nicht bewegen, seine Kehle war wie zugeschnürt. /Tu was!/, schrie ihn seine innere Stimme an, doch es war vergeblich.

"Herr..." Die Stimme war kaum zu hören, fast mehr ein Gedanke als ein gesprochenes Wort. Dann richtete Amaiis sich mit einem Aufschluchzen auf, glitt aus dem Bett und war mit ein paar schnellen Schritten bei ihm. Doch anstatt ihm in die Arme zu fallen, was Aurel halb erwartet und inständig gehofft hatte, sank der Junge vor ihm auf die Knie und senkte den Kopf. Sein schlanker Körper wurde von Schluchzern geschüttelt, als er die Hände zu kleinen Fäusten ballte und sie gegen seine Oberschenkel presste.

"Es tut mir leid, Herr... Ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe. Bitte, vergebt mir", bat er unter Tränen. "Ich weiß es einfach nicht, aber wenn Ihr es mir sagt, werde ich es nie wieder tun, das verspreche ich! Aber bitte, Herr, bitte, geht nicht..."

Fassungslos starrte Aurel auf den Jungen zu seinen Füßen. Er fühlte sich, als habe er einen Schlag in den Magen bekommen; das Blut rauschte in seinen Ohren, und mit einem Mal fiel ihm das Atmen schwer. Es war, als wäre er untergetaucht, umgeben von Wasser, gehalten, getragen, erstickt. Es schmerzte unendlich.

"Amaiis", wisperte er tonlos. Er dachte nicht nach, als er niederkniete, ihn in die Arme zog und an sich drückte. Der Junge schien für einen Moment zu erstarren, doch dann schmiegte er sich widerstandslos an ihn. Tränen durchnässten Aurels Hemd. "Du wolltest doch nicht mehr vor mir niederknien. Warum tust du das?"

Amaiis presste sein Gesicht fester gegen Aurels Brust, seine Hände klammerten sich in den Stoff des zerschlissenen Hemdes. "Und Ihr habt mir versprochen, dass Ihr mir nicht weh tut", antwortete er kaum hörbar. "Ich habe etwas falsch gemacht, sonst hättet Ihr das nicht getan. Ich weiß nicht, was es ist. Aber irgendwas muss es sein... Ich will doch nur... will doch nur für Euch... alles richtig machen... und das ist alles, an was ich denken kann. Ich frage mich immer und immer wieder, ob ich zu aufmüpfig war... zu unverschämt. Was ich falsch gemacht habe.... Irgendwas... Ich weiß nicht was... bitte, vergebt mir..." Seine Stimme erstickte in Schluchzern, die den ganzen Körper beben ließen.

Stumm hielt Aurel ihn fest und wiegte ihn sanft in seinen Armen. Er hätte wissen müssen, was er ihm damit antat. Aber er war kopflos davongelaufen. Wie immer. Das war alles, was er konnte. Weglaufen. Doch dieses Mal hatte er damit das erreicht, was er auf jeden Fall hatte vermeiden wollen. Dieses Mal hatte er jemanden verletzt. Sacht streichelte er den Jungen, ließ seine Finger tröstend über dessen Rücken gleiten, hielt ihn. Er hatte es nicht gewollt, nichts von alledem, und wenn er gewusst hätte, was ihn erwartete, wäre er niemals auf das Angebot des blonden Fremden eingegangen, als der um die Schlüssel hatte spielen wollen. Doch er hatte es nicht gewusst. Und ganz egal, was er versuchte, er konnte es nicht mehr rückgängig machen. Er war in das Leben dieses Jungen getreten, hatte es auf den Kopf gestellt, und ganz gleich, was geschehen wäre, wenn sie sich nie begegnet wären, war er jetzt für ihn verantwortlich.

Zärtlich berührte er Amaiis' Stirn mit den Lippen, ehe er seine Wange an dessen Kopf lehnte. "Es tut mir leid", sagte er rau und schluckte, um seine Kehle frei zu bekommen. "Ich habe großen Mist gebaut, das ist mir klar. Es war nicht dein Fehler, ist es nie gewesen. Du hast nichts falsch gemacht."

Er spürte, wie sich Amaiis langsam beruhigte, sich mit jedem Wort mehr zu entspannen schien und ihm zuhörte, ohne sich jedoch zu bewegen. Er konnte den schnellen Herzschlag des Jungen an seiner Brust fühlen, die Wärme, die durch den Stoff drang. "Es lag an mir", fuhr er leise fort. "Ich habe einfach Angst bekommen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die andere gerne an sich ran lassen. Und dann habe ich gemerkt... habe ich gemerkt, dass du... mich mehr magst, als gut für dich ist." Amaiis lag vollkommen regungslos in seinen Armen, während Aurels Hände auf seinem Rücken langsam zur Ruhe kamen.

"Du hast mich gefragt, wie es bei der Herrin der Winde war. Tja... ich habe dir nicht alles gesagt. Um genau zu sein, nur den kleinsten Teil." Aurel drückte den Jungen fester an sich, als er das Zittern spürte, das Amaiis durchlief. Er würde ihn beschützen. Vor der Herrin der Winde, vor neuen Herren. Und der Entschluss fühlte sich überraschenderweise einfach nur gut an. "Sie hat mir vierzehn Tage gegeben, die ich mit dir verbringen darf. Sie mag mich nicht, und ich muss zugeben, ich war auch nicht wirklich geschickt bei dem Gespräch mit ihr. Sie hat mich wütend gemacht."

"Vierzehn Tage nur?", hauchte Amaiis erschrocken. "Mehr nicht? Dann geht Ihr wieder, Herr?"

"Nein." Verwundert hörte Aurel, wie entschlossen seine Stimme klang, und ein winziges Lächeln huschte über sein Gesicht. "Ich habe für ein ganzes Jahr ein Anrecht auf dieses Zimmer, und das gebe ich nicht so einfach her." Er rutschte von seinen Fersen herunter, so dass er auf dem Boden zu sitzen kam. Dann löste er eine Hand von Amaiis' Rücken, um dessen Gesicht sanft zu sich zu drehen. Er sah ihn an, während er ihm zärtlich die Tränen von den Wangen wischte. "Ich werde morgen zu ihr gehen und ihr das klar machen. Ich habe den Vertrag, ich habe den Schlüssel. Ich habe verdammt viel dafür aufs Spiel gesetzt."

/Doch es ist nichts gegen das, was ich verlieren würde, wenn ich jetzt einfach gehe/, führte er den Gedanken zu Ende, aber die Worte blieben ihm in der Kehle stecken. "Ich lasse dich nicht allein", endete er schwach, sich dessen nur zu bewusst, dass der Junge ihn vermutlich vollkommen falsch verstehen würde.

"Herr", flüsterte Amaiis und seine Kehle bewegte sich, als er weitere Tränen hinunterzuschlucken schien. "Das ist alles, was ich mir wünsche..." Er streckte sich und schlang die Arme um Aurels Hals.

Aurels Augen weiteten sich, doch bevor er etwas sagen konnte, bedeckten Amaiis' Lippen seinen Mund, weich, nachgiebig und warm. /Das ist Irrsinn/, schoss es ihm durch den Kopf, als er merkte, wie sehr er ihn vermisst hatte. /Es war doch nur ein Tag.../ Ein Tag, an dem er gedacht hatte, Amaiis nie wieder zu sehen. Er öffnete sich der suchenden Zunge des Jungen, kam ihr mit seiner entgegen. Der Kuss war anders als alle zuvor. Verzweifelter, verlangender, sehnsüchtiger. Inniger.

Als Aurel salzige Feuchtigkeit schmeckte, unterbrach er den Kuss. Er hob den Kopf, um den Jungen anzusehen. Erneut bedeckten Tränen das zarte Gesicht, und hinter dem Lächeln konnte er die Trauer sehen.

"He", wisperte er hilflos und berührte wieder flüchtig die weichen Lippen mit den eigenen. "Warum weinst du? Ich bin doch da...."

"Aber nicht mehr lange." Das Lächeln wich nicht aus Amaiis' Zügen, als würde er verzweifelt versuchen, es beizubehalten. "Wenn sie gesagt hat, Ihr müsst gehen, dann müsst Ihr gehen, Herr. Ihr dürft nicht bleiben. Es ist in Ordnung. Ich weiß jetzt, dass Ihr nicht wegen mir gegangen seid. Nicht, weil ich etwas falsch gemacht habe. Dann bin ich glücklich."

"Kleiner Narr", murmelte Aurel und wischte ihm erneut die Tränen ab. "Du schwindelst. Und ich werde nicht gehen. He, ich hab's versucht, es war ganz und gar keine gute Idee." Er grinste schief in dem Versuch, ihn aufzuheitern. "Und jetzt sag nicht, du hättest gerne, dass ich aus deinem Leben verschwinde. Das glaube ich dir nämlich nicht."

Der Junge lachte auf, um unvermittelt in Schluchzen auszubrechen. Er drückte sich an Aurel und verbarg das Gesicht an dessen Schulter. "Herr", wimmerte er. "Ich will nicht, dass Ihr geht. Niemals. Aber Ihr müsst weg, wenn sie es gesagt hat. Ich will nicht, dass Euch etwas passiert. Aber das wird es, wenn Ihr ihr nicht gehorcht."

"Schhhh, nicht weinen, Junge." Aurel drückte ihn fester an sich. Amaiis mochte ihn definitiv mehr, als gut für ihn war. Wärme breitete sich in ihm aus, die seine wieder aufflackernde Angst in Schach hielt. "Ich werde nicht gehen. Oder zumindest nicht ohne dich." Er stockte, plötzlich von Unsicherheit befallen. "Möchtest du überhaupt mit mir kommen? Weg von hier? Weg von diesem Palast?"

"Es ist mir gleich, wo ich bin, so lange ich nur bei Euch sein kann", flüsterte Amaiis kaum hörbar und ließ damit sowohl die Wärme, als auch das Unbehagen gleichermaßen in Aurel anwachsen.

"Und wenn ich nicht da wäre? Was wäre dir dann am liebsten? Würdest du lieber hier sein oder lieber weg gehen?", fragte er leise. /He, irgendwann werde ich dir leid sein, Kleiner./

Amaiis lächelte schwach. "Oh Herr, ich habe doch keine Wahl. Aber wenn ich eine hätte, dann würde ich so gerne das sehen, von dem ich gelesen habe. Alles."

Sacht legte Aurel ihm eine Hand an die Wange und brachte ihn dazu, ihn anzusehen. Er hielt den Blick der blauvioletten Augen fest, während er ihn sanft mit dem Daumen streichelte. "Ich werde dich hier rausbringen, Junge, das verspreche ich dir. Auf die eine oder andere Art. Ich werde zu der Herrin der Winde gehen und ihr erklären, dass ich noch für ein Jahr ein Anrecht auf dich habe. Dann habe ich Zeit zu überlegen. Und entweder finde ich einen Weg oder ich nehme dich einfach mit. Entführe dich. Ich lasse dich nicht hier, wenn du nicht hier bleiben willst. Versprochen. Du musst mir einfach nur vertrauen." /He, Kleiner, was ist ein Schmuggler wert, wenn er keinen Schatz aus einem Palast schmuggeln kann? Ich schaffe das, keine Angst./ Es war eigenartig, doch in dem Moment hatte er das Gefühl, alles erreichen zu können. Einfach, weil der Junge sich auf ihn verließ. Er konnte ihn nicht enttäuschen.

Amaiis sah ihn stumm an, dann wurden seine Augen hell; ein zaghaftes, wunderschönes Lächeln, das Aurels Herz schneller schlagen ließ, zog über sein noch immer nasses Gesicht, und er nickte. Seine Lippen öffneten sich, doch er brachte keinen Ton heraus.

Aurel beugte sich zu ihm herab und küsste ihn erneut. "Es tut mir wirklich leid, dass ich dir weh getan habe." /Mehr denn je.../ "Ich wollte das nicht. Eigentlich wollte ich exakt das damit verhindern. Aber ich werde es nie wieder tun, wenn ich es irgendwie vermeiden kann." Sanft begann er, die Tränen weg zu küssen, bis Amaiis den Kopf leicht drehte und ihm wieder die weichen Lippen darbot. Aurel konnte nicht widerstehen und eroberte sie liebevoll.

/Ich weiß nicht, ob dir das aufgefallen ist/, murmelte eine Stimme in seinem Hinterkopf. /Aber du benimmst dich nicht so, als wolltest du ihm einfach nur so helfen. Es gibt eine Bezeichnung für den Zustand, in dem du dich befindest. Dieses ständige küssen wollen und so.../

Aurel zog den Jungen enger an sich und ignorierte die Stimme, als er den Kuss vertiefte. Es war ihm egal, er wollte ihm einfach nur nahe sein. Gerade jetzt, in dem Augenblick. So nah wie irgendwie möglich...

/Narr/, wisperte die Stimme, doch sie war schon wesentlich leiser geworden, und sie verstummte ganz, als Amaiis sich ohne den Kuss zu unterbrechen auf seinen Schoß setzte und sich eng an ihn schmiegte. Als sie sich wieder voneinander lösten, waren sie beide außer Atem.

Sanft zeichnete Aurel mit einem Finger Amaiis' Brauen nach, die kleine Nase, die vollen Lippen, während er seinen Blick beständig erwiderte. Er spürte die weiche Haut unter seinen Fingerspitzen, den warmen Atem, so nahe waren sie sich. Sein frischer Geruch hüllte ihn ein, die Wärme in den Augen des Jungen ließ sein Herz schneller schlagen. Aurels Finger wanderte über die Wange, den Hals hinab, um dem Schlüsselbein zu folgen und von dort aus tiefer zu gleiten, bis er die Hand über die Stelle legte, unter der das Herz des Jungen schlug. Für ihn schlug...

Amaiis löste einen Arm von Aurels Nacken; er legte seine Hand auf die des Mannes, seine Finger glitten zwischen Aurels. Seine leuchtenden Augen verrieten weitaus mehr, als Worte ausdrücken konnten.

/Er hat sich in mich verliebt. Wie konnte ich das übersehen?/ Die Frage war falsch, Aurel wusste, wie er es hatte übersehen können. Und er kannte auch den Grund. Doch jetzt war er nichtig, denn es war geschehen. Er konnte es nicht rückgängig machen, nicht ungeschehen. Aber er konnte nicht einmal sagen, ob er das überhaupt wollte. /Warum?/ Er kannte die Antwort, doch sie war zu beunruhigend, um sie sich einzugestehen.

Stattdessen beugte er sich wieder herunter und küsste den Jungen erneut. Bilder wirbelten durch seinen Kopf, als Amaiis' Zunge suchend in seinen Mund glitt; Erinnerungen, lange verdrängt, doch nie vergessen. Aurel kam ihr entgegen, umschmeichelte sie, berauscht von dem süßen Geschmack, der ihn empfing. /Vergiss die Vergangenheit. Sie wird sich nicht wiederholen. Niemals mehr./ Amaiis' Zunge drang tiefer in seinen Mund, erkundete sanft und doch schüchtern jede Stelle, liebkoste ihn, streichelte ihn voller Zärtlichkeit.

Aurel schloss die Augen. Langsam bewegte er den Daumen, streichelte die weiche Haut von Amaiis' Brust, während seine andere Hand sanft den Rücken des Jungen nach oben wanderte, bis er dessen Nacken erreichte. Unter seinen Fingerspitzen konnte er spüren, wie Amaiis' Herz schneller zu schlagen begann.

Ihre Lippen trennten sich, und Amaiis atmete tief ein, als Aurel den Mund über seinen Hals wandern ließ, immer wieder innehaltend, um mit der Zunge kleine Kreise zu zeichnen oder sanft an der empfindlichen Haut zu saugen. Langsam glitt er tiefer, bis er ihre miteinander verschlungenen Hände erreichte, die noch immer über Amaiis' Herz ruhten. Er küsste den schmalen Handrücken des Jungen, ehe er seine Hand von der Brust hinab wandern ließ, die des Jungen mit sich nehmend. Voller Zärtlichkeit berührte er die Stelle über dem Herzen mit den Lippen, blies seinen warmen Atem darüber.

Amaiis' Hand schloss sich fester um seine, als sie auf dem flachen Bauch zum Liegen kamen. Seine andere Hand vergrub sich in Aurels dichtem Haar und drückte ihn näher an seine Brust. Aurel hob den Kopf und lächelte, als er seinen Blick erwidert sah. Seine Lippen fanden den Weg zurück, und er küsste Amaiis erneut auf den Mund, ihre Hände noch immer zwischen ihren Körpern gefangen.

Langsam ließ Aurel sich zu Boden sinken, wo er halb auf Amaiis zu liegen kam. Er stützte sich mit einem Arm ab, um ihn zu entlasten, während er die andere Hand von Amaiis' löste. Behutsam begann er, mit einem Finger die Rippenbögen des Jungen nachzuzeichnen, während er das zarte Gesicht mit leichten Küssen bedeckte.

Amaiis schloss die Augen, ein sanftes Lächeln umspielte seine Lippen. "Ich bin so froh, dass Ihr wieder zurückgekommen seid, Herr", flüsterte er. Seine Hände wanderten über Aurels Rücken, fuhren die Nähte seines Hemdes nach.

Aurel konnte es nicht verhindern, er lächelte ebenfalls. "Ich auch", sagte er leise, während er die Weste beiseite schob, um ungehindert Amaiis' Brustwarzen streicheln zu können, die augenblicklich hart wurden. Und froh war er wirklich. /Habe ich mich... verliebt? Ist das möglich? Ich kenne ihn doch kaum.../ Es war nicht wirklich die Wahrheit. Er hatte ihn in den vergangenen zehn Tagen besser kennen gelernt als jeden anderen in den vergangenen Jahren. Er hatte so viel Zeit mit ihm verbracht wie mit niemandem sonst.

Sanft umkreiste er die harten Brustwarzen mit der Zunge, saugte an ihnen und entlockte Amaiis ein leises Stöhnen, während seine Finger den Knoten des Sarongs lösten. Er streifte den Stoff von den schmalen Hüften, dann richtete er sich halb auf, um Amaiis einfach nur anzuschauen. Der Junge war wunderschön, wie er da lag, die alabasterweiße Haut scharf abgegrenzt von dem dunkelblauen Teppich, umgeben von seinem dichten, schwarzen Haar, in dem die kleinen Edelsteine im schwachen Licht leuchteten und in Aurel wieder das Bild des Himmels bei Nacht hervorriefen. Er war unendlich zart, zerbrechlich und schützenswert.

Amaiis' Arme schlangen sich um seinen Hals, und er zog ihn wieder zu sich hinab, um seine Lippen sehnsüchtig auf Aurels zu pressen. Aurel hielt ihn fest und drehte sich auf den Rücken, um das Gewicht von dem Jungen zu nehmen, ohne ihn loslassen zu müssen.

Erst, als ihnen der Atem langsam knapp wurde, löste Amaiis sich von ihm, ein weiches Lächeln huschte über sein Gesicht. Rasch streifte er sich die Weste von den Schultern, ehe er sich wieder zu Aurel hinab beugte.

Die schlanken Finger öffneten die obersten Knöpfe von Aurels Hemd, während Amaiis' Atem seinen Hals streifte. Dann berührten ihn die weichen Lippen so zart, dass er sie kaum spüren konnte, doch sie jagten heiße Schauer über seinen ganzen Körper.

Amaiis' Mund wanderte tiefer, seine Zunge strich über Aurels Kehle, weiter hinab, bis er die Haut erreichte, die er soeben entblößt hatte, um sie ausgiebig zu liebkosen. Der nächste Knopf folgte, und wieder neckte der Junge die nackte Haut mit Lippen und Zunge.

Er schien eine Ewigkeit zu brauchen, bis er das Hemd komplett geöffnet hatte. Aurels Atem ging schneller, sein ganzer Oberkörper prickelte von den Zärtlichkeiten auf eine Art und Weise, die nur Amaiis bei ihm je so hervorgerufen hatte.

Amaiis glitt von seinen Beinen herab, auf denen er die ganze Zeit gesessen hatte, dann öffnete der Junge Aurels Hose und zog sie ihm aus. Aurel richtete sich kurz auf, um auch das Hemd komplett von den Schultern zu streifen, ehe er sich wieder von Amaiis zurück auf den Boden drücken ließ.

"Du bist ja heute ganz forsch." Er lächelte verschmitzt und streichelte ihm sanft über die Wange. Fast sofort zog sich tiefe Röte über Amaiis' Gesicht, verschreckt senkte er den Blick. "Vergebt mir, Herr", hauchte er und verharrte regungslos.

"Nein, entschuldige dich nicht. Ich mag das", erwiderte Aurel leise, und sein Lächeln vertiefte sich. "Und außerdem hab ich dir doch gesagt, ich sage dir, wenn ich etwas nicht mag. Hab keine Angst."

Amaiis nickte und hob scheu den Blick, um dann Aurels Lächeln zu erwidern. Er legte seine linke Hand auf Aurels, drehte den Kopf und küsste sie sanft. Lange betrachtete er den Mann, als könne er sich nicht sattsehen.

Aurel hatte das Gefühl, als würde er jedes Detail seines Körpers mit den Blicken abtasten, streicheln und tief in sich aufnehmen. Sein Herz schlug schneller, sein ganzer Körper sehnte sich nach Amaiis, und doch wollte er den Zauber des Augenblicks nicht brechen. /Wunderschön, atemberaubend, begehrenswert. Sanft. Zärtlich. Dein wundervolles Lachen. Deine Augen... deine Stimme... Wer bist du, Junge? Was machst du nur mit mir?/

Amaiis ließ ihn los und begann forschend, Aurels Körper mit den Händen zu liebkosen. Zart fuhr er jeden Muskel nach, folgte jeder Linie, zeichnete die alten Narben entlang, weich und liebevoll, als wolle er sie wegwischen.

Und das erste Mal in all den Jahren hatte Aurel das Gefühl, als könnte jemand Erfolg damit haben. Er schloss die Augen und ergab sich ganz den sanften Fingern, die ihn streichelten, liebkosten, verwöhnten.

Dann spürte er den warmen Atem an seinem Ohr, als sich Amaiis zu ihm hinabbeugte. "Ich bin sofort wieder da, Herr", hauchte er.

Die Hände entfernten sich, und Aurel öffnete die Augen, um Amaiis mit den Blicken zu verfolgen, wie er hastig zum Bett lief, etwas holte und damit zurückkam. Es war ein kleines Kristalldöschen. Als Aurel es erkannte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht, was sofort wieder die Röte in Amaiis' Wangen trieb. Aber diesmal entschuldigte er sich nicht, er schenkte ihm nur ein weiteres scheues und unendlich kostbares Lächeln.

Aurel konnte nicht verstehen, wie er einerseits in diesem Palast hatte aufwachsen und sich gleichzeitig diese Unschuld bewahren können. Und andererseits trotzdem genug beherrschte, um jeden Herrn zufrieden zu stellen. /Er macht mehr, als dich einfach nur zufrieden zu stellen. Vielleicht liegt es daran, dass er mich mag? ...sehr mag? - Ich wünschte wirklich, du hättest genügend Mut, um nicht immer um den heißen Brei herumzureden! Er...! - Ja, ich weiß./

Amaiis stellte das Döschen neben ihn, ehe er sich wieder an ihn schmiegte und seinen Hals mit kleinen, federleichten Küssen zu bedecken begann. Aurel zeichnete mit den Fingerspitzen die geschwungene Linie seines Rückgrats nach, bis er den kleinen, festen Po erreichte und ihn mit beiden Händen umfasste. Mit einem leisen Aufseufzen schob Amaiis ein Bein über ihn und legte sich auf ihn; ihre Hüften berührten einander, und Aurel konnte die Erregung des Jungen heiß auf seiner Haut spüren. Es war wie Feuer und Eis zugleich, Aurel keuchte auf.

Die weichen Lippen des Jungen wanderten seinen Kiefer entlang, streiften über sein Kinn und fanden seine Lippen, während seine Hände selbstvergessen die Schultern des Mannes streichelten. Seine Zunge lockte ihn, verführte ihn, den Mund wieder zu öffnen und ihn einzulassen. So unwiderstehlich süß... Bei ihm hatte Aurel nie das Gefühl, einen Kampf auszufechten, wenn sie sich küssten. Nie war es ein Ringen, kein Duell der Zungen. Amaiis gab und nahm, doch er nahm alles, als wäre es ein kostbares Geschenk. Und Aurel wollte ihm mehr und mehr geben.

Während er sanft den empfindlichen Punkt am Ende des Rückgrats streichelte, tastete er mit der anderen Hand nach dem kleinen Döschen. Ein Knopfdruck genügte, um es zu öffnen; seine Finger tauchten in das kühle Gel.

Als er Amaiis berührte und mit einem Finger vorsichtig in ihn eindrang, stöhnte der Junge in seinem Mund auf. Der lustvolle Laut jagte heiße Schauer durch Aurel; er pulsierte wie Feuer in seinen Adern und weckte die Erinnerung an das erste Mal, als Amaiis sich ihm vollkommen geschenkt hatte. Die großen, klaren Augen waren voller Vertrauen gewesen und dunkel vor Lust. 'Bitte, Herr. Nehmt mich.' Die Stimme hallte noch immer in seinen Ohren wieder. 'Ich gehöre Euch.' Worte, die mit einem Mal eine ganz andere Bedeutung erhielten. Die ihm vor ein paar Tagen noch den Magen umgedreht hatten. Amaiis hatte jedes Wort ernst gemeint. Aber vielleicht war es schon da nicht mehr der bloße Besitz gewesen, um den es gegangen war.

Ein zweiter Finger tauchte in die Wärme des schlanken Körpers ein und ließ ein Beben durch den Jungen laufen. Er keuchte auf, und für einen Moment trennten sie sich voneinander. Aurel nahm den Anblick des zarten Gesichts in sich auf, die geröteten Wangen, die schweißnasse Stirn. Die glänzenden Lippen. Die halb geschlossenen Augen, die seinen Blick verschleiert erwiderten. Amaiis bewegte sich seiner Hand entgegen, seine glühende Haut strich über Aurels und schickte pulsierende Erregung durch ihn hindurch.

Als der dritte Finger den beiden anderen folgte, entwich Amaiis ein jammernder, lustvoller Laut. "Herr", wisperte er, "bitte, jetzt..."

Aurel küsste ihn, ehe er sich aus ihm zurückzog und den Jungen sich aufrichten ließ. Seine Hände ruhten auf den schmalen Hüften, dunkle Schatten auf der hellen Haut, als Amaiis langsam auf ihn herab glitt. Die Hitze, die ihn umfing, ließ ihn aufstöhnen.

Für einen Moment verharrten sie regungslos, gefangen im Blick des anderen. Aurel spürte seinen fliegenden Atem, sein rasendes Herz. Die Glut, die ihn von Amaiis ausgehend durchfloss. Die samtweiche Haut, die ihn berührte. Den schnellen Puls des Jungen. Das schwere Haar, das auf seinen Beinen lag und seine Finger, seine Unterarme streifte.

Amaiis lächelte sanft, seine Hände fanden Aurels und legten sich sacht darüber, hielten ihn fest. Langsam begann er sich zu bewegen. Es war mehr als Leidenschaft, mehr als nur Lust, die Aurel gemeinsam mit dem Jungen fortzutragen begann. Ihre Blicke hielten einander fest, und es war Aurel, als könnte er allein dadurch spüren, was Amaiis fühlte. Seine Sehnsucht... Amaiis' Bewegungen wurden unkontrollierter. Seine Hingabe... Er spannte sich an. Seine Leidenschaft... Seine Hände schlossen sich fester um Aurels. Seine....

"Aurel!!" Amaiis bäumte sich auf, als er kam. Die dunkleren Hände hielten ihn sicher, verhinderten, dass er das Gleichgewicht verlor, während Aurel die Augen schloss, den Blickkontakt unterbrach, als sich die gleißende Hitze in ihm sammelte, sich rasend schnell ausbreitete und dann explodierte.

Als die Ekstase nachließ, spürte er, wie Amaiis die enge Verbindung zwischen ihnen löste und sich dann nach vorne sinken ließ, um sich an ihn zu schmiegen. Die Haare streiften sanft Aurels Körper, als sie an ihm hinab glitten. Aurel legte die Arme um den Jungen, fühlte die schlanken Hände auf seiner Brust, die ihn langsam streichelten. /Amaiis. Das eben..... hast du.../

"Herr?" Die Stimme war so leise, dass Aurel mehr den Atem auf seiner feuchten Haut spürte, als dass er wirklich hörte, dass der Junge gesprochen hatte. Trotzdem erkannte er das Wort, und in dem Moment begann er es zu hassen.

Als er nicht antwortete, hielten die Finger mit dem Spiel auf seiner Brust inne, dann ballten sie sich zu kleinen Fäusten. "Herr?"

Aurel öffnete die Augen und sah auf Amaiis' dunklen Schopf hinab. Die Edelsteine in seinem Haar glitzerten bei jedem Atemzug. "Du hast mich bei meinem Namen genannt", sagte er leise. "Warum...."

"Es tut mir leid, Herr", wisperte Amaiis erstickt. Er wollte sich aufrichten, doch Aurel hinderte ihn daran und hielt ihn fest, so dass er nur den Kopf heben und ihn ansehen konnte. Die großen Augen füllten sich schon wieder mit Tränen, und Aurel verfluchte sich dafür.

"Nein. Keine Entschuldigungen", bat er und lächelte schief. "Amaiis, bitte, ich mag es, wenn du mich bei meinem Namen nennst. Ich mag das 'Herr' nicht. Ich will nicht dein Herr sein. Ich will... einfach nur... ich bin Aurel. Mehr nicht. Und ich will bei dir sein. Einfach nur... bei dir... Ich..." Er verstummte; er konnte die Hitze in seinen Wangen spüren, doch er wandte den Blick nicht ab, konnte es nicht. Nicht, wenn er dafür etwas von dem verwirrenden Kaleidoskop der Gefühle verpassen musste, das durch Amaiis' eindrucksvolle Augen wirbelte. Scham und Angst wandelten sich ungläubige Freude und übersprudelndes Glück. Amaiis' Lippen bewegten sich stumm, und die Tränen begannen doch zu fließen.

"Aurel", wisperte er. "Aurel..."

Niemand hatte seinen Namen je so ausgesprochen. Es klang wie etwas Kostbares, etwas unendlich Wertvolles, wie ein Kosewort. Aurel drückte den Jungen an sich, hielt ihn fest und spürte die Nässe auf seinen Wangen, die nicht von Amaiis' Tränen kam.


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© by Meike "Pandorah" Ludwig