Whispering Wind

9.

Der Vorhang vor dem Bett war in dieser Nacht nicht zugezogen worden, so dass Aurel von hellem Morgenlicht geweckt wurde, das durch seine Lider drang. Allmählich erreichten die Eindrücke des neuen Tages sein noch schläfriges Bewusstsein.

Er spürte die Wärme von Amaiis' schlankem Körper, der sich auf ihm liegend an seinen schmiegte. Den gleichmäßigen Schlag des Herzens an seiner Brust, Atem, der seinen Hals streifte. Die weiche Haut von Amaiis' Rücken unter seiner linken Hand. Ein Bein des Jungen war zwischen seine geglitten, das andere berührte ihn auf der ganzen Länge seines rechten Schenkels. Amaiis' Hand ruhte entspannt auf seiner nackten Schulter, die Finger der anderen waren mit seinen eigenen verflochten, so wie sie am Abend zuvor eingeschlafen waren.

Ein weiches Lächeln überzog Aurels Gesicht, als sich die ersten Erinnerungen an den Abend und die Nacht wie kleine Lichtflecken aus dem noch müden Dunkel seiner Gedanken abhoben und ihn wacher werden ließen. Wärme durchflutete ihn; es war nicht bei dem einen Mal geblieben, stundenlang hatten sie nicht genug voneinander bekommen können. Und es war anders gewesen als davor... Er hatte keinen Sex mit Amaiis gehabt. Sie hatten nicht miteinander geschlafen. Sie hatten sich geliebt.

/Was hast du mit mir gemacht, Junge?/, fragte er sich wieder, doch das erste Mal ohne Angst oder auch nur dem Gefühl der Beklemmung. Es fühlte sich so gut an, unendlich gut. Geborgen. Geliebt. Amaiis' Atem bewegte sich im Einklang mit seinem und erfüllte ihn mit dem ihm fremden Gefühl von vollkommenem Frieden. /Ich weiß nicht, was du getan hast. Und nicht wie./

Aber er wusste, was es war. Und in diesem Moment der Ruhe konnte er sich das Offensichtliche eingestehen. Er schloss die Hand ein wenig fester um die schmale des Jungen, drückte den schlanken Körper kaum merklich enger an sich. Er öffnete die Augen, sah auf das im Schlaf so entspannte, friedliche Gesicht herab, das sich hell von seiner goldbraunen Haut abhob, und spürte, wie sein Herz schneller schlug. /Du bist nicht der Einzige, der sich verliebt hat.../

Nur zehn Tage hatte es gebraucht, und vielleicht nicht einmal die. Er erinnerte sich an das erste Mal, als er Amaiis gesehen hatte, diese zarte, feenhafte Gestalt aus Licht und Dunkelheit, der erste Blick in diese atemberaubenden Augen. Er wusste, den Anblick hätte er nie vergessen können – und würde es auch jetzt nicht.

Der Junge räkelte sich und gab einen leisen Laut des Wohlbehagens von sich. Dann blinzelte er, und ein Lächeln glitt über sein Gesicht. Verschlafen streckte er sich, hob den Kopf und sah auf Aurel hinab.

"Guten Morgen." Aurel erwiderte das Lächeln mit einem Grinsen und streichelte sanft den Rücken des Jungen. "Ist ja auch eine Seltenheit, dass ich vor dir aufwache."

Amaiis lachte leise auf; seine Augen wurden heller, als er sich endgültig aus der Umarmung des Schlafes befreite. "Guten Morgen", erwiderte er glücklich und beugte sich hinunter, um Aurels Lippen mit den seinen zu berühren. Zärtlich liebkosten sie sich, spielten miteinander, trennten sich, nur um sich erneut zu finden.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, ehe sie wieder voneinander lassen konnten. Aber auch danach sahen sie sich für einen langen Moment einfach nur an. Aurels Herz schlug schneller, und er fragte sich, wie er es so lange vor sich hatte verleugnen können, dass der Junge ihm verdammt viel bedeutete. /Ich lasse dich nicht hier. Hm, wer weiß, vielleicht kann ich dich sogar kaufen? Immerhin habe ich das Geld von der Keycard und dem Kreuzer, das ist ein ganz schönes Sümmchen. Dazu noch der Erlös vom letzten Geschäft und dem davor.../

Er löste die Hand von Amaiis', um ihm das Haar zu zausen und die schweren Strähnen durch seine Finger gleiten zu lassen, deren Glätte nur von den kleinen Edelsteinen gestört wurde. "Weißt du, wie spät es ist? Ich will den Besuch bei der Herrin der Winde nicht aufschieben, damit ich im Notfall noch ein wenig länger diskutieren kann und nicht gleich an die frische Luft gesetzt werde."

Amaiis richtete sich halb auf und drückte irgendwo im Dunkel der Nische auf einen Knopf, der das verschnörkelte Zifferblatt einer Uhr aufleuchten ließ. Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht.

"Du..." Er stockte, schien das ungewohnte Wort auszukosten, wie er es am Abend schon getan hatte, ehe er leise und mit einem Lächeln fortfuhr. "Du bist heute früher aufgewacht als sonst. Das heißt, du hast noch sehr viel Zeit. Es ist gerade mal neun." Sacht küsste er sein Kinn, knabberte daran und kehrte zu Aurels Lippen zurück. "Was meinst du?", hauchte er, ohne sie wirklich zu berühren.

Ein leichter Schauer rann durch Aurel und verstärkte die Spannung, unter der er stand, seit er aufgewacht war. Sein Körper reagierte sofort auf die offensichtliche Einladung und gab Amaiis bedingungslos Recht. Federleicht ließ er seine Hände über die Seiten des Jungen gleiten, genoss das Gefühl der weichen Haut unter seinen Fingerspitzen.

"Du kennst die Gegebenheiten des Palastes besser als ich", erwiderte er verhalten, ohne seinen Kopf zu bewegen und spürte den Jungen unter seiner Berührung erzittern. "Wenn du meinst, dass sie mich jetzt ohnehin noch nicht empfangen wird..."

Amaiis' Atem beschleunigte sich. Sanft begannen seine Finger, Aurels Schultern zu liebkosen, während er weiterhin unverwandt seinen Blick erwiderte. "Auf jeden Fall. Es ist viel zu früh", wisperte er und legte seine Lippen leicht auf die des Mannes.

Lautes Hämmern an der Tür unterbrach sie jedoch fast im selben Moment. Ruckartig hob Amaiis den Kopf, dann sah er verwirrt auf Aurel hinunter. "Soll ich öffnen?"

Aurel seufzte leise, als sich das Hämmern wiederholte, und nickte. "Aber warte, bis ich mir was angezogen habe. Und du dir auch." Er zwinkerte ihm schelmisch zu. "Du bist viel zu schön, um deinen Anblick solchen Banausen zu gönnen, die einen mitten in der Nacht aus den Federn schmeißen."

Errötend nickte Amaiis und lächelte. Der Anblick war so süß, dass Aurel nicht widerstehen konnte. Er drückte ihm einen letzten Kuss auf den Mund, ehe sie übereilt aufstanden, um sich hastig anzuziehen. Wer auch immer draußen wartete war verdammt ungeduldig; es klang fast, als würde jemand versuchen, die Tür einzuschlagen. Aurel bezweifelte zwar, dass das so einfach möglich war, aber man konnte ja nie wissen.

"Ies'kaillit! - Verflucht!", grollte er. "Schneller geht es nicht. Macht mal 'ne Pause."

Nervös sah Amaiis zu ihm hin, während er sich den Sarong um die Hüften wickelte und gleichzeitig versuchte, eilig mit den Fingern sein Haar zu richten. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Aurel grinste. Er trat zu ihm, griff nach seinen Händen und drückte sie an seine Brust. "Glaub mir, du siehst auch zerzaust atemberaubend aus."

Amaiis wurde wieder rot, doch als erneut an die Tür gehämmert wurde, zuckte er zusammen. "Das ist nicht normal", wisperte er ängstlich. "Man ist sonst immer ungestört; das gehört dazu. Ruhe. Keine Störungen. Es sei denn, es ist wirklich wichtig. Aber..."

Aurel zog die Hände an seine Lippen und küsste sie kurz, während er sich in Gedanken einen Narren schalt, das ausgerechnet jetzt tun zu müssen. "Hm. Nun, dann sollten wir wohl aufmachen. Vielleicht brennt es."

Verschreckt sah der Junge ihn an. "Ich öffne!"

Er entzog ihm die Hände, drehte sich um und eilte davon. Mit einem Seufzen schlüpfte Aurel in sein Hemd und knöpfte es hastig zu. Er wünschte wirklich, dass 'Wer-auch-immer' ein oder zwei Stunden später gekommen wäre.

Der erschrockene Aufschrei von Amaiis ließ ihn herumwirbeln. Seine Augen weiteten sich. Es war kein Feuer, was durch die Tür hereinkam - es waren Tamar'hi.

Vier Tamar'hi in schlichten, graublauen Tuniken, deren Säume mit kleinen, schillernden Perlen bestickt waren. Das graublaue, vollkommen glatte Haar, das ihnen allen bis auf die Schultern reichte, schimmerte ein wenig wie Perlmutt. Sie trugen Sandalen aus hellgrauem, weichem Leder, die bis zu den Knien geschnürt waren. Aufgestickte Perlenschnüre schmückten sie; von allen Knoten hingen sie herab und wippten bei jedem Schritt.

Selbst wenn sein Leben auf dem Spiel gestanden hätte, wäre Aurel nicht in der Lage gewesen, sie auseinander zu halten. Mit einem Mal war seine Kehle trocken; sie erinnerten ihn an die beiden, die hinter der Herrin der Winde gestanden hatten, als sie ihn empfangen hatte. /Das kann nichts gutes bedeuten.../

Amaiis wich zurück, bis er gegen Aurel stieß. Tröstend umfing dieser den Jungen mit den Armen und drückte ihn schützend an sich. Er spürte, dass Amaiis am ganzen Körper zitterte, und das ließ sein Unbehagen nur weiter anwachsen.

"Schhhh", murmelte er leise und sah in die unberührten Gesichter, von denen er wusste, dass sie niemals Gefühle würden offenbaren können. "Hab keine Angst. Wer sind die?"

"Die Garde der Herrin", wisperte Amaiis ängstlich und bestätigte damit seine Vermutung.

Die Tür wurde geschlossen, dann umrundeten die Tamar'hi den Teich und betraten den Hauptraum, eine wohlgeordnete Gruppe in perfekter Harmonie, voll tödlicher Eleganz.

"Keine Angst. Ich bin bei dir", versuchte Aurel leise zu trösten, obwohl er vermutete, dass genau das das Problem war. Fast unmerklich streichelte er die Oberarme des Jungen, während seine Gedanken rasten. Was wollten sie? Es konnte eigentlich nicht sein, dass sie mitbekommen hatten, was er plante. Nein, unmöglich. Denn noch hatte er viel zu viele Möglichkeiten offen, bevor er eine Entführung ernsthaft in Erwägung ziehen würde. Und die vierzehn Tage waren auch noch nicht vorbei. Warum also schickte die Herrin der Winde ihre Wachhunde zu ihm? Er spannte sich an, bereit, Amaiis sofort hinter sich zu schieben und sich ihnen in den Weg zu stellen, wenn sie einen Angriff wagen sollten. Doch er wusste, er hätte keine wirkliche Chance gegen sie. Nicht unbewaffnet. Nicht gegen vier von ihnen. Es sei denn.... doch er verdrängte den Gedanken fast schneller, als er gekommen war.

Einer der Tamar'hi trat einen Schritt vor und machte eine herrische Geste. Seine graublauen Augen fixierten Aurel kalt. "Wir sind gekommen, um dich und den Key mitzunehmen. Ihr werdet der Herrin der Winde vorgeführt werden. Macht euch fertig."

Aurel zog die Augenbrauen zusammen und musterte ihn finster, während er Amaiis schützend enger an sich drückte. "Und warum?" Es gefiel ihm nicht, wie sie von dem Jungen sprachen, und noch weniger mochte er es, dass er mitkommen sollte. Wenn es Ärger geben sollte, wollte er ihn so weit wie nur irgend möglich davon entfernt wissen.

Abrupt wandte Amaiis sich in seinen Armen um; er hob den Kopf und sah ihn mit seinen großen, verschreckten Augen an. Seine Lippen bebten, sie hatten fast jede Farbe verloren, so sehr schien er sich zu fürchten. "Herr, Ihr dürft Euch nicht widersetzen", wisperte er. "Wir müssen mitkommen, wenn die Herrin es befiehlt."

Aurel erwiderte seinen Blick einen Augenblick lang. Der Junge hatte ihn wieder Herr genannt. Unhörbar seufzte er auf. Vermutlich würde es noch eine Ewigkeit dauern, ehe er sich wirklich an seinen Namen würde gewöhnen können. Vielleicht war es für ihn aber auch etwas derart Privates, dass... Ärgerlich schalt er sich einen Narren. Für solche Gedanken war nun wirklich nicht die Zeit.

Entschlossen wandte er sich wieder den Tamar'hi zu. "Der Junge bleibt hier." Er legte alle Entschiedenheit in seine Stimme, die er aufbringen konnte, obwohl er wusste, dass es nicht viel bringen würde.

"Der Key kommt mit", erwiderte der Sprecher auch wie erwartet emotionslos. Kurz musterte er Amaiis, der sich daraufhin noch enger an Aurel presste.

Es war sinnlos, ihnen zu widersprechen. Sie hatten ihre Befehle bekommen, und sie würden sie ausführen. Sacht drückte er Amaiis von sich. "Hab keine Angst, es sind nur Maschinen. Die werden erst dann gefährlich, wenn sie dumme Befehle bekommen. Noch sollen sie uns nur wegbringen, also werden sie uns nichts tun, wenn wir uns nicht widersetzen." Er warf den Tamar'hi einen mürrischen Blick zu. "Wir kommen mit."

Er würde einen Teufel tun und versuchen, sich mit den Tamar'hi anzulegen. Er hing nicht an viel, aber doch an seinem Leben. Sein Blick streifte den Jungen und wurde weich. Es gab nur eine Sache, die ihm mittlerweile noch wichtiger war... Er schlüpfte in seine Stiefel, ging zu Amaiis zurück und legte einen Arm um seine Schultern; ein warmes Gefühl floss durch ihn hindurch, als sich der Junge wieder an ihn schmiegte. /Er vertraut mir. Er denkt, dass ich ihn schützen kann und werde./ "Lass uns gehen."

Amaiis nickte stumm. Es war offensichtlich, dass er Angst hatte. Doch er würde sich nicht wehren. Eben weil er Angst hatte. Und weil er es nie gelernt hatte.

Die Tamar'hi gruppierten sich um sie, so dass sie von jeder Seite bewacht waren. Aurel spürte, wie er sich verspannte, als er den in seinem Rücken zu ignorieren versuchte. Seine bisherigen Erfahrungen hatten ihm immer gezeigt, dass es besser war, niemals einen außerhalb des Blickfeldes kommen zu lassen. Doch er hatte wenig Wahlmöglichkeiten.

Der Weg durch den Palast, den sie diesmal nahmen, war wohl der direkteste, der möglich war. Aurel vermutete, dass es auch der offizielle war, denn wenn er schon gedacht hatte, er hätte auf dem Weg zum Whispering-Wind-Zimmer Prunk gesehen, so wurde er hier eines besseren belehrt. Es war nicht so, dass es übertrieben oder aufgesetzt gewirkt hätte, er konnte der Herrin der Winde nicht absprechen, dass sie Geschmack besaß. Aber er sah in jedem Detail den Reichtum, den sie ihr Eigen nannte.

Die Gänge waren breit und großzügig angelegt, trotz des eher spärlichen Mobiliars wirkten sie jedoch nicht leer. Aufwendige Wandbehänge zogen die Blicke auf sich, um nur kurz darauf schlichten Farben zu weichen. Spiegelglatter Marmorboden wechselte sich ab mit dicken Teppichen und aufwendigen Mosaiken. Statuen bildeten sämtliche ihm bekannten Windgottheiten nach und noch einige mehr; je näher sie dem Herz des Palastes kamen, um so höher war der Rang der entsprechenden Götter. Überall gab es geöffnete, großzügige Fenster, durch die der Wind ins Innere des Gebäudes gelangen und sich in Tüchern, Mobiles und anderen Windspielen fangen konnte, die atemberaubend schöne Muster aus Licht, Schatten und Farbe warfen oder filigrane Melodien erklingen ließen, die perfekt miteinander harmonierten, gleichgültig, wann welche erklangen.

Es war längst nicht so menschenleer wie der Eingangsbereich, und Aurels Unbehagen wuchs, als er die Blicke spürte, die ihn immer wieder streiften, neugierig, verächtlich, irritiert. Er versuchte, sie zu ignorieren und sah gerade aus. Nicht, dass sie ihm Angst machten, doch er fühlte sich nicht wohl. Er passte nicht hierher, und er wusste es. Erst recht nicht jetzt, wo er seine eigene Kleidung trug. Er hob sich zu deutlich von den kostbaren Stoffen, aufwendigen Bordüren und Stickereien ab, von den Juwelen und den Edelmetallen, mit denen sich die Reichen schmückten, die längst nicht ausschließlich der menschlichen Rasse angehörten. Aus den Augenwinkeln sah Aurel die Vertreter der unterschiedlichsten Völkern des Universums versammelt.

Für einen Moment überlegte er, ob er den Jungen loslassen sollte; wenn er so mit ihm gesehen wurde, war das nicht unbedingt eine Empfehlung für ihn. Doch er verwarf den Gedanken sofort. Amaiis schmiegte sich derart schutzsuchend an ihn, dass er ihn schon allein deswegen halten wollte, um ihn zu trösten. Außerdem war sein Ruf in diesem Palast vollkommen gleichgültig, denn er würde niemals wieder einen Herrn haben.

Die vier Tamar'hi bogen vom Hauptgang ab und führten sie zu einer Seitentür, die eher schon die Bezeichnung Tor verdiente. Zwei junge Frauen, ähnlich gekleidet wie die Tamar'hi, jedoch mit aufwendigeren Verzierungen der Tuniken, öffneten die beiden Torflügel. Aurel spürte ihre neugierigen Blicke auf sich und wandte den Kopf, um der einen schelmisch zu zu zwinkern. Kurz konnte er die Verblüffung auf dem hübschen Frauengesicht sehen, dann waren sie auch schon an ihnen vorbei.

Die Tamar'hi blieben stehen und scherten aus, was Aurel jedoch nur flüchtig mitbekam. Sein Blick flog durch den Raum; er war dem ähnlich, in dem er der Herrin der Winde schon einmal gegenüber getreten war, nur war er noch ein Stück größer. Und heute war er nicht mit ihr allein. Nervosität kroch durch ihn hindurch und ließ unangenehme Kälte in seinem Magen zurück.

Anstelle des Diwans erhob sich auf dem Podest an der gegenüber liegenden Seite ein großer Thron, der aus dem gleichen eigenartigen Material bestand wie die Außenmauern des Palastes. Seine weichen, fließenden Formen glichen Gestalt gewordenem Wind und Wellen; es wirkte, als würden sie die Herrin der Winde, die dort reglos saß, tragen und empor heben, während sich die Rückenlehne weiter nach oben schwang, um von dem Blaugrau zu einem golden schimmernden, filigranen Gewebe zu werden, das genau um den blond gelockten Kopf eine Art Heiligenschein bildete. Rechts und links von ihr standen zwei weitere Tamar'hi, und Aurel fragte sich, wie viel Geld sie besitzen musste, um sich eine derartige Menge leisten zu können.

Die Herrin trug auch dieses Mal ein schneeweißes Kleid, das sich hauteng an ihren Körper schmiegte, jedoch ansonsten keinerlei Verzierungen aufwies und sich dadurch von dem unruhigen Thron wohltuend abhob. Ihr goldblondes Haar war in einer komplizierten Frisur hoch gesteckt und mit Perlen durchwirkt worden; einzelne Strähnen hatte man bedacht ausgelassen, so dass sie ihr puppenhaftes Gesicht weich umspielten. Die großen, blauen Augen erwiderten Aurels Blick kühl.

Einer der Tamar'hi trat hinter ihn und gab ihm einen unsanften Stoß in den Rücken. "Geh zur Herrin und grüße sie angemessen", zischte er.

Aurel presste die Lippen zusammen, seine Miene verhärtete sich. Doch er sparte es sich, zu protestieren und sich zu ihm umzudrehen; es hatte keinen Sinn. Während er langsam über den Läufer ging, immer noch Amaiis an seiner Seite, musterten ihn unbekannte Gesichter; fremde Augen verfolgten seinen Weg. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet, und er hasste es. Er versuchte, seine Lage einzuschätzen, auch wenn er nach wie vor keine Ahnung hatte, warum er sich in dieser offensichtlich misslichen Situation befand.

Was er sah, ermutigte ihn nicht gerade. Zusätzlich zu den Tamar'hi befanden sich vier vermutlich zum Sicherheitsdienst gehörige Männer im Raum. Sie trugen ihre schlanken, armlangen Lasergewehre mit einem Riemen über die Schulter, doch er wusste, wie schnell man sie zum Einsatz bringen konnte. Jenseits des Läufers hatten sich einige Schaulustige versammelt und starrten sowohl ihn als auch Amaiis an. Aurel war sich sicher, dass eine feine, kleine Lasersperre verhindern würde, dass er sie erreichen konnte, auch wenn er nichts sah.

Wieder sah er nach vorne und fragte sich wohl zum hundertsten Mal, was er falsch gemacht hatte. Warum er hier war. Und plötzlich wusste er es. Seine Augen weiteten sich, als er ein vage bekanntes Gesicht erblickte.

Braune Augen musterten ihn amüsiert und mit leichtem Spott, ein Zug, der auch die schmalen, aber schwungvoll geschnittenen Lippen des jungen Mannes umspielte, der lässig an eine schlanke Säule gelehnt neben dem Thron stand. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt, und sein Blick war Herausforderung und Triumph zugleich. Genau wie am Vortag trug er grün, dieses Mal jedoch ein fließendes, knielanges Seidenhemd, dessen Säume mit dunkler Goldborte besetzt waren, und eine passende Hose. Sein Haar war wieder im Nacken zusammengebunden und jede übermütige Strähne streng mit Gel gebändigt worden.

Abrupt blieb Aurel stehen und starrte ihn an. "Vro'hailit! - Verdammt! Der Kerl aus dem Café!"

Er hatte nicht laut gesprochen, und die Frau auf dem Thron konnte ihn unmöglich gehört haben, aber sein Mienenspiel war unübersehbar. Sie musterte ihn herablassend, als er sich wieder in Bewegung setzte und näher heran trat. Direkt vor den Stufen blieb er stehen und sah zu ihr hoch.

"Herr", wisperte Amaiis kaum hörbar, doch Aurel konnte das Zittern in seiner Stimme spüren. "Ihr müsst Euch verneigen."

Er machte Anstalten, sich aus seinem Arm zu winden, um auf die Knie zu fallen, doch Aurel drückte ihn entschlossen fester an sich. "Vergiss es", erwiderte er leise. /Er gehört ihr/, schoss es ihm durch den Kopf. /Egal, ob ich diesen Vertrag habe oder nicht. Und wenn ich jetzt Ärger mache und sie es an ihm auslässt? Sie sitzt am längeren Hebel. Ruhe bewahren, Mann. Das fällt dir doch sonst nicht schwer./

Widerstrebend ließ er Amaiis los, doch zu mehr als einem grüßenden Nicken konnte er sich nicht bringen, während Amaiis augenblicklich neben ihm auf die Knie sank und den Kopf neigte.

Die Frau schien den Jungen vollkommen zu ignorieren, ihre kalten Augen ruhten ausschließlich auf Aurel. Er konnte in ihnen lesen, wie sehr ihr sein Verhalten missfiel, und er musste sich zusammenreißen, um ihr nicht breit ins Gesicht zu grinsen. Sie hatte eine Art an sich, die ihn dazu reizte, ihr zu zeigen, wie wenig sie ihn beeindruckte.

Aber es ging nicht nur um ihn. Es ging auch um den Jungen an seiner Seite, und das machte ihn vorsichtig. Sich würde er fast überall wieder herausmanövriert bekommen, vielleicht mit ein paar Narben mehr, aber ohne wirkliche Schäden. Doch Amaiis war verletzlich, in jeder Hinsicht. Körperlich wie seelisch.

"Warum bin ich hier?", fragte er ruhig und erwiderte ihren Blick.

Sie sah ihn an, als hätte er nichts gesagt, rührte sich nicht, sprach nicht. Aurel fiel auf, dass es still war in dem großen Raum. Stiller als gewöhnlich bei so vielen Menschen. Ab und zu raschelte Stoff, wenn sich jemand bewegte. Ein leises Klirren von Geschmeide. Doch niemand sprach. Kein Tuscheln, kein Flüstern. Als würden sie warten.

Erinnerungen durchfluteten Aurel und ließen ihn schaudern, als er endlich erkannte, was es werden würde. Eine Art Gerichtsverhandlung. Streitpunkt, der Whispering-Wind-Key. Richterin, die Herrin der Winde. Ankläger aus welchem Grund auch immer, der Mann aus dem Café. Er hatte den Key gewollt, er hatte ihn nicht bekommen. Seine eigenen Worte waren gewesen, dass es ihm egal war, wie viele Kehlen dafür durchgeschnitten worden waren. Möglicherweise war jetzt seine dran, Aurels. Denn der Angeklagte war eindeutig er, was auch immer sie ihm vorwerfen würden.

Aurel schluckte trocken. Er kannte den Mann nicht, aber was er von ihm gesehen hatte, gefiel ihm nicht. Egal, was sonst bei der Sache hier rauskam, Amaiis durfte nicht in seine Hände fallen. /Die Lady mag dich nicht. Vergiss das nicht. Die ist von Anfang an schon mal gegen dich. Ruhe bewahren. Sei einfach logisch. Keine Gefühlsdinge reinbringen. Mag sie Sklaven haben, so viel sie will. Ignorier' das. Und wenn du es noch so sehr hasst. Soll sie hier Gott spielen, bitte. Sei logisch. Überlege. Alles fällt nur auf den Jungen zurück. Dir kann sie nichts anhaben. Nichts, mit dem du nicht fertig wirst. Du kommst hier immer raus. Du hast Übung damit./

Er merkte, dass er sie immer noch anstarrte, genauso unbewegt, wie sie ihn. Mit einem innerlichen Achselzucken schob er seinen Stolz beiseite, wandte den Blick ab und senkte den Kopf, gab ihr das Gefühl, gewonnen zu haben. Es war ein lächerliches Spiel.

"Aurel, vor elf Tagen bist du in den Palast gekommen und hast den Whispering-Wind-Key als dein Eigentum beansprucht." Die kühle Stimme der Frau ließ ihn wieder aufsehen. /Himmel, die hat wirklich nur darauf gewartet, dass ich wegschaue. Das ist albern!/

"Du hast gesagt, du hättest ihn rechtmäßig erworben. Bleibst du bei dieser Behauptung?"

Aurel atmete tief durch. /Verdammt, die hätten mich wirklich vorher warnen können. Aber das liegt wohl kaum in ihrem Interesse.../ Er nickte. "Sicher. Es ist die Wahrheit."

Sie wandte den Kopf und sah zu dem dunkelhaarigen Mann hin, der seine lässige Haltung mittlerweile aufgegeben hatte und sie aufmerksam beobachtete. "Und du, Kachmal Devron-Tarr, sagst, du hättest den Schlüssel rechtmäßig erstanden von Jintael Oreal. Dieser Mann, Aurel, hätte dir sowohl die Urkunde als auch den Schlüssel entwendet, und zwar vor zwölf Tagen. Bleibst du bei dieser Behauptung?"

Der braunhaarige Mann verneigte sich leicht in Richtung des Thrones. "Es ist die Wahrheit, Herrin der Winde."

Aurels Augen weiteten sich. /Darauf läuft das also heraus. Verdammt! Na klasse. Und wie soll ich jetzt beweisen, dass ich gegen den Kerl in der Kneipe Poker gespielt und gewonnen habe? Ich kenne nicht mal seinen Namen!/ In diesem Moment verfluchte er sich dafür, dass er den Dokumenten nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Alles, was ihn interessiert hatte, war, ob sie gültig waren, und das waren sie gewesen.

"Nun gut, in dem Fall steht Aussage gegen Aussage. Jintael Oreal, der letzte Besitzer dieses Schlüssels, ist leider nicht verfügbar, so dass man ihn nicht hinzuziehen kann, auf dass er seine Aussage macht", erklärte die Herrin der Winde gelassen. "Deswegen werde ich versuchen, Licht in die Dunkelheit zu bringen und dem zum Recht verhelfen, der Recht verdient."

Aurels Brauen zogen sich zusammen, düster sah er zu ihr empor. "Haben Sie überhaupt das Recht dazu, Lady? Diebstahl gehört immer noch in den Zuständigkeitsbereich der örtlichen Polizei." Nicht, dass er mit der viel zu schaffen haben wollte, aber die waren bestimmt unparteiischer als der Haufen hier. Andererseits – vielleicht auch nicht. Dieser Kachmal hatte vermutlich Geld genug, um jeden Beamten bestechen zu können.

Das erste Mal an diesem Tag zeigte sie eine deutliche Reaktion, die ihn begreifen ließ, dass es keine gute Idee war, offen an ihr zu zweifeln. Auf ihrer glatten Stirn bildete sich eine kleine Falte, als sie die goldenen Brauen zusammenzog. Aber verdammt noch mal, sie maßte sich zu viel an! Die Erde gehörte zu den Planeten mit demokratischer Regierung, und so war sie von Grund auf organisiert. Einzig der Systemlord, zu dessen Reich sie gehörte, hatte ein Recht darauf, dieses zu umgehen.

Doch anstatt wütend zu reagieren, zog sich ein feines Lächeln über ihr Puppengesicht. "Zweifle nicht an meiner Macht, Aurel. Innerhalb dieser Mauern habe allein ich die Gewalt über Leben und Tod."

Etwas in ihrer Stimme, in ihrem Blick ließ ihn frösteln; er nickte mechanisch. Irgendetwas hatte die Puppe mit einem Mal zum Leben erwachen und zu einer kalten Frau werden lassen. Einer Frau, die auch die Macht ausstrahlte, von der sie sprach.

Erinnerungen kamen zurück, an einen Saal, weitaus größer als dieser. Einen Thron in Gold und Elfenbein. Eine Menge an Menschen, Elfen und unzähligen anderen Rassen, die sich davor versammelt hatten, einen Gang bildend, durch den er geführt wurde. Er konnte sich an kein Gesicht mehr erinnern, außer eines. Elfenbein und Gold, goldene, pupillenlose Augen, kälter als das Blau der Herrin der Winde. Eine schmale, zierliche Hand, die sich kaum bewegte und doch vollkommene Ruhe brachte. Goldene Augen, die sich auf ihn richteten. Auf ihn allein...

Er biss die Zähne zusammen. Das war vorbei. Und damals hatte er gewusst, warum er vor Ihm gestanden hatte. Damals war er Schuld gewesen. Heute war er im Recht, und die Frau auf dem Thron war nicht Er. Nicht einmal ansatzweise. Aurel spürte die sachte Berührung an seinem Bein, als Amaiis sich bewegte. /Und heute stehe ich nicht nur für mich hier. Heute darf ich nicht verlieren./

"....deine Version der Geschichte, Aurel." Die sachliche Stimme riss ihn endgültig aus der Vergangenheit. Er hatte nicht gehört, was sie davor gesagt hatte, und das war ein Versäumnis, das ihm besser nicht noch einmal passierte. Er atmete tief durch und ließ seinen Blick über das zufriedene Gesicht Kachmals streifen, ehe er sich der Herrin der Winde zuwandte und das tat, wozu er aufgefordert worden war. Er erzählte von dem Abend in der Kneipe, vom Pokerspiel – und ließ lediglich ein paar Kleinigkeiten aus, die niemanden etwas angingen. Zum Beispiel den Besitz der Keycard.

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Es zog sich hin. Eines musste Aurel der Herrin der Winde trotz allem Widerwillen lassen; sie arbeitete gründlich. Sie hörte sich beide Seiten an, stellte tausend Fragen und lauschte geduldig den Antworten. Was er weniger erbaulich fand, waren die Zeugen, die Kachmal aufrufen durfte, von denen angeblich zwei dabei gewesen waren, als er den Schlüssel gekauft hatte. Aurel hatte weder Zeugen, noch würde er welche bekommen. Selbst wenn sie ihm die Zeit gegeben hätten, welche zu suchen. In Kaschemmen wie denen, in der er den Schlüssel gewonnen hatte, neigte man dazu, alles möglichst auf der Stelle zu vergessen, was irgendwie Ärger bringen konnte.

Schließlich zog sie sich mit ihren Beratern zurück, und Aurel wurde es - zwangsweise unter der Beaufsichtigung zweier Tamar'hi - gestattet, sich mit Amaiis auf eine Bank am Rand des Raumes zu setzen.

Eine Weile starrte er blicklos auf die Tür hinter dem Podest, durch das die Herrin der Winde das Zimmer verlassen hatte, ehe er sich Amaiis zuwandte. Der Junge war blass; er sah auf den weißen Marmorboden, doch seine Augen waren leer. Obwohl er die Finger miteinander verschränkt hatte, zitterten sie.

Sacht legte Aurel eine Hand darüber, spürte, wie kalt sie waren. "Frierst du?", fragte er leise.

Amaiis zuckte zusammen, als hätte er ihn aus tiefen Gedanken gerissen. Er biss sich auf die Unterlippe und nickte, sah ihn aber nicht an. Aurels Blick verdunkelte sich. "Junge, was ist los?"

Amaiis schluckte und schien noch mehr in sich zusammen zu sacken. "Herr, ich habe Angst, dass ich zu ihm muss", wisperte er kaum hörbar. "Ich will nicht von Euch weg. Aber... aber... was er gesagt hat, klingt so überzeugend..."

Aurel erstarrte. Seine Hand schloss sich fester um Amaiis' bebende Finger. Für einen Moment presste er die Lippen zusammen, ehe er sich mit Gewalt wieder halbwegs entspannte. Amaiis' Worte schmerzten. "Glaubst du, dass ich gelogen habe?"

Erschrocken sah Amaiis auf. "Nein, Herr!" Er schüttelte den Kopf so heftig, dass seine Haare flogen; doch dann füllten sich seine Augen mit Tränen, die er nur mühsam zurückhalten konnte. "Aber ich denke, dass sie dem anderen Recht geben wird."

Ohne ihn wirklich zu wahrzunehmen sah Aurel zu dem leeren Thron hin und schwieg, während er Amaiis' Hände streichelte. /Selbst er glaubt, dass ich keine Chance habe./

"Ich war nicht besonders überzeugend, hm?", murmelte er schließlich leise. "Vro'hailit! - Verdammt! Ich hätte aber auch nie mit all dem hier gerechnet."

Mit einem Aufschluchzen lehnte Amaiis den Kopf an seine Schulter. "Oh Herr, ich glaube Euch. Aber sie wird es nicht! Und selbst, wenn sie mir gestattet, etwas zu sagen, wird man nicht auf mich hören. Ich bin doch nur ein Key."

Aurel legte einen Arm um ihn und wischte mit der anderen Hand die Tränen aus dem nassen Gesicht. "Schhh, Kleiner. Nicht weinen." Mit seinem typisch schiefen Grinsen, hinter dem er seine Gefühle zu verbergen versuchte, beugte er sich zu ihm und brachte seinen Mund direkt neben Amaiis' Ohr, damit die Tamar'hi ihn nicht hören konnten. Himmel noch mal, er wollte nicht, dass der Junge Angst hatte! "Egal, wie das hier ausgeht, ich werde dich nicht allein lassen. Ich hole dich raus, vertrau mir."

Ein Schauer rann durch den zarten Körper, während ein zaghaftes Lächeln auf Amaiis' Lippen zurückkehrte. "Ja, Herr. Das tue ich."

Erleichtert seufzte Aurel auf. Er hatte zwar nach wie vor keine Ahnung, wie er das anstellen sollte, aber es würden sich Möglichkeiten finden. Und vorerst war ja noch nichts entschieden. Düster sah er zu dem Thron hin. Es war eine Unverschämtheit, was sich diese Frau hier leistete, aber er hatte keine Chance. Er war allein, und der einzige, der auf seiner Seite stand, war ein kleiner Sklavenjunge, der noch hilfloser war als er.

Sein Blick wanderte zu dem dunkelhaarigen Mann, der wieder selbstzufrieden an seiner Säule lehnte und sich mit einem der Männer unterhielt, die er als Zeugen mitgebracht hatte. Aurel spürte ohnmächtige Wut in sich. Wenn es nicht ausgerechnet um Amaiis gegangen wäre, wäre ihm das ganze Theater hier ziemlich egal gewesen. Aber es ging um den Jungen! Und der wollte nicht zu dem anderen Mann!

Als der dunkelhaarige Mann aufsah, trafen sich ihre Blicke für einen kurzen Moment, und Kachmals Mund verzog sich zu einem spöttischen Lächeln; seine Augen blitzten triumphierend. Dann wandte er sich wieder seinem Gesprächspartner zu, doch Aurel konnte ihm ansehen, dass er sich seiner Aufmerksamkeit trotzdem noch sehr bewusst war – und sie genoss. /Ein Spiel. Für ihn ist es ein Spiel. Ich wette, er verliert nichts, wenn die Wahrheit rauskommt. Verdammt noch mal! Aber ich verliere alles, was mir wichtig ist... Und Amaiis? Was verliert er? Er ist.../

Er kam nicht dazu, weiter darüber nachzudenken, denn die Herrin der Winde kehrte mit ihren Beratern zurück, und die Tamar'hi forderten ihn und Amaiis auf, ihren Platz vor dem Thron wieder einzunehmen. Widerwillig leistete Aurel ihnen Folge, während Amaiis sich immer einen halben Schritt hinter ihm hielt, als wollte er sich verstecken.

Aurel wusste, was sie sagen würde, noch bevor sie den Mund öffnete. Er konnte es in ihrem Blick sehen, an ihrer Haltung. An der Art, wie Kachmal sie ansah. An der spöttischen Zufriedenheit in dessen Augen. An dem leisen Triumph in der Kälte des Blaus. Er hörte die Worte kaum, die sie aussprach, als ihm Amaiis aberkannte, den Key Kachmal zusprach.

Aber was er hörte, war das erschrockene Aufkeuchen von Amaiis, sein fassungslos gehauchtes "Bitte nicht..." Eine Ewigkeit lang schien er wie erstarrt, hatte das Gefühl, keinen Muskel mehr bewegen zu können. Hilflos. Ausgeliefert. Machtlos.

Mit einem kalten Lächeln sah die Herrin der Winde auf ihn herab. Ihre schmale Hand machte eine befehlende, anmutige Geste. "Geh zu deinem Herrn, Whispering-Wind-Key, und bringe ihm den Schlüssel mit." Ihre Stimme war genauso eisig wie ihr Lächeln, wie ihre Augen, erinnerte ihn an ein anderes Gesicht, das ihn genauso angeschaut hatte, in Elfenbein und Gold. /Sie ist nicht Er!/

Der Hass ließ ihn aus seiner Erstarrung erwachen. Als Amaiis bittend vor ihn trat, um den Schlüssel zu bekommen, legte er ihm die Hand auf die Schulter. Sein Blick wurde hart, als er spürte, wie der Junge zitterte. "Der Whispering-Wind-Key gehört mir! Und nur, weil jemand ein paar Freunde mitbringt und angebliche Zeugen besticht, ändert das gar nichts an der Tatsache", erklärte er zornig und zog Amaiis an sich. /Ich lasse nicht zu, dass ihn mir irgendjemand wegnimmt! Dass ihm irgendjemand weh tut!/ "Ich erkenne dieses sogenannte Gericht nicht an. Ich..."

Die Frau auf dem Thron schnitt ihm mit einer herrischen Bewegung das Wort ab; plötzlich waren die Mündungen mehrerer Laserwaffen auf ihn gerichtet. "Du hast hier gar nichts anzuerkennen, Aurel", sagte sie kalt. "Der Whispering Wind wird zu seinem Herrn gehen, und wenn du dich widersetzt..." Sie sprach nicht zu Ende, doch es war offensichtlich, was sie sagen wollte.

Aurel spürte eisigen Zorn in sich, doch er war machtlos. Reglos verharrte er, bis er die schlanken, zitternden Finger bemerkte, die sich auf seine Hand legten, um sie sanft von der schmalen Schulter zu schieben. Als er zu Amaiis herunter sah, blickte er in die großen, klaren Augen; sie waren tränennass. Ihm krampfte sich das Herz zusammen. Es musste doch etwas geben, was er tun konnte! Irgendetwas! Aber ihm fiel nichts ein. Nichts, was irgendwie akzeptabel gewesen wäre. Brennend wünschte er sich, bei seiner ersten Begegnung mit der Herrin der Winde diplomatischer, höflicher gewesen zu sein, doch Diplomatie war nicht seine Stärke. Und jetzt war es zu spät.

Er schluckte hart. Es gab nichts, was er tun konnte. Nichts, um dem Jungen zu helfen, nichts um ihn bei sich zu behalten. Eine einzige Möglichkeit blieb ihm noch. Nur eine. "Ich lasse dich nicht im Stich", flüsterte er so leise, dass nur Amaiis ihn verstehen konnte. "Ich habe dir etwas versprochen, das halte ich auch. Vertrau mir."

Aber wie? Er hatte keine Ahnung. Doch vielleicht machte es Amaiis genügend Mut, tröstete ihn genug, dass die nächste Zeit für ihn leichter werden würde. Bis ihm etwas eingefallen war. Bis er ihn rausgeholt hatte.

"Oh, zerstöre ich da eine Romanze?", drang die spöttische Stimme Kachmals voller Hohn an sein Ohr, und Aurel wusste nur zu genau, was er ihm zusätzlich sagen wollte. /'Ich habe dir versprochen, ich bekomme den Schlüssel. Egal, um welchen Preis.'/ Er hatte nur nicht gedacht, dass er soweit gehen würde. Er hatte überhaupt nicht mehr an diese flüchtige Begegnung aus dem Interplan-Café gedacht. "Da bin ich ja gerade noch rechtzeitig gekommen. So etwas ist weder akzeptabel noch passend für einen ... Key."

Aurel biss die Zähne zusammen, als er die Abfälligkeit in dem Wort hörte. Ein Gegenstand, mehr war Amaiis nicht für diesen Mann. Er würde ihn benutzen, nichts anderes. Für einen Moment noch hielt er Amaiis' Blick fest, während er ihm mit tauben Fingern den Schlüssel aushändigte, dann senkte der Junge die Augen zu Boden und ging langsam zu seinem neuen Herrn. Aurel folgte ihm mit dem Blick und wünschte sich hilflos, etwas tun zu können. Doch er war sich der Waffen, die auf ihn gerichtet waren, nur zu bewusst.

Amaiis sah nicht auf, als er den dunkelhaarigen Mann erreichte; anmutig sank er vor ihm auf die Knie, wie er auch schon Aurel begrüßt hatte, und dieser war sich sicher, dass es dem anderen gefiel. Er konnte nicht hören, was Kachmal sagte, doch er sah die sich bewegenden Lippen. Amaiis reichte ihm den Schlüssel und erhob sich wieder, worauf der andere einen Arm um die schmalen Schultern legte, eine besitzergreifende Geste, die nichts mit Schutz und Nähe zu tun hatte.

Und er sah Amaiis schaudern.

"Aurel, du bist für schuldig befunden worden im Sinne der Anklage. Du hast dir einen Key unrechtmäßig angeeignet, und du hast einen beklagenswerten Mangel an Respekt gezeigt." Die klare, kalte Stimme der Herrin der Winde zog seine Aufmerksamkeit wieder auf sich und brachte ihn dazu, sie aus wie blinden Augen anzusehen. Er kam sich vor, wie in einem seiner Albträume gefangen. Etwas lief hier falsch, vollkommen falsch, und er konnte nichts dagegen tun.

"Du wirst die Möglichkeit bekommen, deine Fehler einzusehen und dich zu bessern", erklärte sie mit kühler Freundlichkeit. "Und allein du wirst bestimmen, wie das aussehen wird. Denn du wirst sein, was du mir nehmen wolltest. Du wirst zeigen, was du mir verwehrt hast. Denn von diesem Moment an bist du ein Key."


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© by Meike "Pandorah" Ludwig