Whispering Wind

10.

Aurels ganzer Körper, seine Seele fühlten sich taub an, als er beobachtete, wie sich Kachmal der Herrin der Winde zuwandte, sich verneigte, ihr schöne Dankesworte für ihre Gerechtigkeit und ihre Freundlichkeit sagte, wie er sich erneut verneigte. Wie er nach einer entlassenden Geste ihrerseits ging und Amaiis mit sich nahm. In der Tür wandte der Junge noch einmal den Kopf und sah Aurel an, das Gesicht tränennass und den Blick voller Angst, Schmerz und Verzweiflung.

Dann schloss sich die Tür hinter ihm.

/Amaiis ... Wie soll ich dir helfen, wenn ich hier gefangen bin? Wenn ich ein Key bin wie du?/ Der Gedanke lähmte Aurel. /Ein Schlüssel. Ein Ding ohne Rechte. Wie soll ich.../

Erinnerungsfetzen taumelten durch seinen Kopf und raubten ihm die Luft. Er sah nicht mehr, was um ihn herum geschah, bemerkte nicht, dass ein Teil des Publikums langsam aus dem Saal strömte, tuschelnd und über den neuen Schlüssel diskutierend, hörte nichts mehr außer den Stimmen seiner Vergangenheit.

'Jashkenai, mein süßer Schatz...' Haut wie Elfenbein, goldene, pupillenlose Augen, die ein Kind wie ein hübsches Schmuckstück betrachteten. Eine helle Jungenhand, die goldenes Haar streichelte. Das Kind sank auf die Knie, und Aurel spürte, wie seine eigenen Beine nachzugeben drohten. 'Geliebter Herr...' Das Lachen eines Jungen, Hände, die es aufrichteten. Zwei Knabenkörper, die sich aneinander schmiegten.

'Liebst du mich, mein süßer Schatz?' - 'Ja, geliebter Herr.'

"Nein", wisperte er und hob ruckartig den Kopf. Sein Blick traf den der Herrin der Winde, die ihn amüsiert erwiderte. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, das genauso puppenhaft wirkte wie die ganze Frau, doch es war echt.

"Aurel, Aurel...." Bedächtig schüttelte sie den Kopf, die goldblonden Locken, die ihr Gesicht umspielten, wippten sacht in der Bewegung mit. "Es hat keinen Sinn, dass du dich wehrst, das solltest du einsehen. Nur du allein bist jetzt dafür verantwortlich, wie deine Behandlung aussehen wird. Du bist ein Key, und als solcher wirst du mir den gebührenden Respekt erweisen. Und allein an dir wird es liegen, was dann kommt." Sie legte einen schlanken Finger an ihre roten Lippen, als würde sie nachdenken. "Du wirst ausgebildet werden... und anschließend entweder ein eher dominanter Key für sanfte Herren sein... oder du wirst jenen Herren dienen, die einen... nennen wir es mal ausgefalleneren Geschmack haben. Aber das ist allein deine Entscheidung."

/Einen Herrn haben? Bei jedem Wink springen? Ein Key sein...?/ Er hörte ihre Worte kaum, sein Verstand weigerte sich beharrlich, einen wirklichen Sinn darin zu erkennen. /Ein Ding? Ein Gegenstand?.../

"Natürlich kannst du nicht weiter Aurel heißen. Du brauchst einen neuen Namen, als Zeichen deines neuen Lebens." Sie lachte leise und wandte den Blick von ihm ab, um zu den wenigen Männern und Frauen zu sehen, die noch zurückgeblieben waren. "Ich würde etwas bevorzugen, was Gold beinhaltet, auf die eine oder andere Art. Golden ist alles an ihm. Es würde sein Wesen unterstreichen."

Aurels Augen folgten ihr, als sie sich erhob und anmutig von ihrem Thron stieg, die wenigen Stufen des Podestes hinunterlief und dann zu ihm trat. Sie sah zu ihm auf, unvermindert spielte ein Lächeln um ihre vollen Lippen. "Du bist zu groß, mein lieber Key", sagte sie weich.

Langsam löste sich Aurels Verstand aus seiner Starre. /Knie nieder/, übersetzte er unbarmherzig, doch Aurel rührte sich nicht. Er schaute auf die kleinere Frau hinab, auf ihre blonden Locken, in ihr Porzellangesicht und ihre blauen Augen. /Vor dir? Niederknien? Was tust du, wenn ich es nicht mache?/

Die Antwort kam prompt und wie auf Bestellung, als ihm plötzlich jemand von hinten in die Kniekehlen trat. Seine Beine gaben unter ihm nach und er fiel auf die Knie. Der weiche Läufer dämpfte den Aufprall, so dass sich der Schmerz in Grenzen hielt; trotzdem keuchte er unterdrückt auf.

"Du wirst es noch lernen, Aurel", versicherte ihm die Herrin der Winde sanft und tätschelte seinen Kopf. "Hm, vielleicht bleibe ich auch bei Aurel. Aber den Namen eines Schlüssels brauchst du trotz allem."

Starr sah Aurel auf den Boden, auf ihre nackten, schmalen Füße, um deren zarte Knöchel sich silberne Kettchen wanden. Es waren längst nicht so viele wie bei Amaiis, doch die helle Haut, das Silber ließen ihn an den Jungen denken. Er biss die Zähne zusammen und versuchte, den Gedanken zu verdrängen. Nie wieder hatte er vor irgendjemandem knien wollen. Nie wieder jemanden vor sich knien lassen. Nie wieder lieben, nie wieder geliebt werden. Vergeblich. Denn hier, in diesem verdammten Palast war sein ganzes Leben auf den Kopf gestellt worden.

/Ich habe ihm versprochen, ihn nicht im Stich zu lassen. Ich habe ihm gesagt, ich lasse nicht zu, dass ihm noch mal jemand weh tut./ Der Gedanke hämmerte durch seinen Kopf, nur um immer wieder von dem anderen unterbrochen zu werden. /Key. Ich bin ein Key.../

Aber war das so schlimm? Er wusste, dass sie ihm nicht wirklich etwas antun konnte. Sie konnten ihn nicht berühren, nicht in seinem Inneren, wenn er es nicht zuließ. Er konnte sie aussperren. Konnte seinen Stolz weitgehend vergessen und tun, was sie verlangten. Mit Fremden ins Bett zu gehen. Fremden zu gehorchen. So lange, bis er eine Möglichkeit gefunden hatte zu fliehen. Im schlimmsten Fall hätte er am Ende ein paar Narben mehr, die auch nicht weiter auffallen würden. Wem auch?

Amaiis. Er konnte ihn doch nicht einfach allein lassen. Der Junge war wegen ihm in den Händen dieses Mannes. In den Händen eines Mannes, der in ihm nur ein Ding sah, um sein Prestige zu erhöhen. Um ein neues Statussymbol ausstellen zu können. Ein Mann, der seinen Amaiis benutzen würde. Der ihm weh tun würde, einfach dadurch, dass er für ihn nur ein Gegenstand war.

'Bei ihm fühle ich mich... frei.' Die scheue, sanfte Stimme in seinem Kopf hallte wieder wie ein Echo, das lauter und lauter zu werden schien, bis es in einem verzweifelten Aufschrei endete. 'Warum?!'

"Monsunkey, Herrin", schlug eine männliche Stimme vor und lachte dröhnend. "Denn er wird bald in Tränen aufgelöst sein, wenn er so weiter macht."

Andere Stimmen fielen in das Lachen mit ein, Aurel konnte auch das glockenhelle der Herrin der Winde heraushören. /Sie findet es amüsant. Sie sonnt sich in der Aufmerksamkeit ihrer Anbeter, die ihr bestätigen, wie schön und toll sie doch ist. Und merkt nicht, wie erbärmlich das ganze eigentlich ist!/ Aber warum auch nicht? Sie hatte ohne viel Aufwand einen neuen Key und einen zahlenden Kunden bekommen und zusätzlich ihren Whispering-Wind-Schlüssel behalten. Das konnte durchaus übermütig machen... /Warum?!/

"Nein, es passt trotz allem nicht zu diesem hier." Lächelnd zauste die Herrin der Winde ihm durch das Haar, ließ eine goldbraune Strähne durch ihre Finger gleiten. Ihre Hand wanderte tiefer, strich sacht über seine Wange, über den Kiefer bis unter das Kinn. Unnachgiebig brachte sie ihn dazu, den Kopf zu heben und sie anzusehen. "Ich denke, ich werde dich den Wüstenwind nennen. Du bist golden wie die Wüste, mein Schlüssel. Deine grünen Augen sind die Oasen in der Einsamkeit, die dich umgibt. Ja, Wüstenwind ist eine gute Wahl."

Teilnahmslos starrte Aurel zu ihr empor. Er wusste nicht, was sie jetzt von ihm erwartete und es war ihm auch egal. Noch immer konnte er Amaiis' Stimme in seinem Inneren hören. Wie sie ihm leise erzählte, dass Keys keine Rechte hatten. Fíonán fiel ihm ein, erinnerte ihn daran, dass sie sich niemals verweigern konnten. Wieder sah er vor sich, wie Amaiis zusammen gezuckt war, als der dunkelhaarige Mann, der sein neuer Besitzer sein sollte, den Arm um ihn gelegt hatte.

/Er wird ihn benutzen. Er wird ihm weh tun, nur um ihm zu zeigen, dass er sein neuer Herr ist. Um seine Macht zu demonstrieren./ Aurels Hände ballten sich zu Fäusten. /Er wird ihn anfassen. Er wird ihn küssen. Und Amaiis kann sich nicht wehren. Selbst wenn er will. Er ist doch so schwach. So zart. Er braucht jemanden, der auf ihn aufpasst./

/Und das sollst ausgerechnet du sein?/, höhnte seine innere Stimme. /Ausgerechnet du, du Versager? Du verdammter Feigling!? Alles, was du kannst, ist weglaufen. Das hast du doch nun mehrfach bewiesen. Wenn es Probleme gibt, bist du weit weg. Oder du duckst dich, wartest, bis sie vorüber gezogen sind, und kommst erst dann wieder heraus./

Er konnte es fast vor sich sehen, wie der dunkelhaarige Mann Amaiis an sich zog. Wie seine Hände über den schlanken Körper glitten, den Aurel mittlerweile fast besser kannte als seinen eigenen. Wie Amaiis erzitterte, doch nicht vor Lust, als der andere den Knoten des Sarongs löste. Wie sich eine Hand in das schwarze, schwere Haar grub und den Kopf des Jungen in den Nacken zwang.

/Ja, das wird er tun. Natürlich. Amaiis gehört ihm. Er hat das Recht dazu. Und Amaiis weiß das./

Er vermeinte zu sehen, wie die schmalen, spöttischen Lippen sich über Amaiis' legten, fordernd dessen Mund eroberten. Aurel konnte die Tränen erkenne, die in den großen, klaren Augen glänzten, sich sammelten und schließlich lösten, um die Wangen hinab zu rinnen.

/Das bildest du dir ein. Er würde niemals deswegen weinen. Er weiß, was er zu tun hat. Er kennt seine Pflicht. Und er ist daran gewöhnt./

Aber er war nicht zusammengezuckt, als Aurel ihn berührt hatte. Nicht mal das allererste Mal. Ja, er war zurückgeschreckt, weil Aurel ihn überrascht hatte. Aber niemals war er unter seiner Berührung auf diese Art erschaudert, wie er es bei dem Mann getan hatte. /Niemand hat ihm weh getan. Sein erster Herr nicht, ich nicht. Nur als ich gehen wollte..../

Aber was sollte er tun? Wie sollte er ihn befreien, wenn er selber Key war? Sein ganzer Plan hatte darauf aufgebaut, dass er die Herrin der Winde davon überzeugen konnte, das ihm zustehende Jahr zu gewähren. Dann hätte er die Zeit gehabt... dann...

Schön, es hatte nicht sollen sein. /Also halte dich nicht daran fest!/ Er brauchte einen neuen Plan. Einen Plan, der sich derart schnell umsetzen ließ, dass der andere Mann nicht die Zeit fand, Amaiis zu berühren. Nicht die Zeit fand, ihm weh zu tun. /Nicht die Zeit findet, ihn zu nehmen. Ihn zu vergewaltigen!/ Mit einem Mal war er sich sicher, dass der Junge sich verweigern würde. Das erste Mal in seinem Leben. Und wenn es nur innerlich wäre, während der andere seinen Körper...

Aurel drehte sich allein bei dem Gedanken der Magen um.

/Du weißt, was du tun könntest/, wisperte eine leise Stimme in ihm, sanft und verführerisch; sie ängstigte ihn fast zu Tode. Seine Nackenhaare richteten sich auf, eisige Schauer rannen seinen Rücken hinab.

"Na na na na, so schlimm ist das doch auch nicht, mein kleiner Wüstenwindkey. Schhh." Ein schmaler Finger legte sich auf seinen Mund. "Deine Lippen beben." Sacht fuhr die Fingerkuppe die geschwungene Form nach, glitt dann über seine Wangenknochen, bis die Herrin der Winde ihre Hand zurückzog. "Geweitete Augen, kalkweiß... Aber nicht doch." Sie lachte leise. "Hast du wirklich gedacht, du könntest es mit mir aufnehmen, Aurel? Nun weißt du es besser. Und jetzt möchte ich, dass du mir den mir zustehenden Respekt erweist."

/Tu es/, hauchte die Stimme, betörend kalt und beängstigend warm zugleich, die Frau vor ihm vollkommen ignorierend.

Wie erstarrt kniete Aurel vor ihr; er konnte sich nicht rühren, selbst wenn er vorgehabt hätte, ihrem Befehl Folge zu leisten. /Die einzige Möglichkeit..../, hämmerte es durch seinen Kopf. /Bei allen Göttern, ich habe Angst! Ich kann das nicht! Ich kann es nicht. Ich.../

Phrasen... so oft gesagt, so oft gedacht. Und so wenig wahr, wie dass er nicht mehr lieben konnte. Er dachte an Amaiis, dachte an seine wunderschönen Augen, an sein Lächeln. An seine sanfte Stimme. /Ich habe keine Wahl. Ich komme hier raus. Auf jeden Fall. Ich werde nicht daran sterben, ich werde mich vermutlich nicht mal groß verändern, wenn sich erst in zwei oder drei Jahren eine Möglichkeit zur Flucht ergibt. Aber was ist mit Amaiis? Ich kann ihn nicht im Stich lassen. Ich darf es nicht! Ich will nicht, dass er sein Lächeln verliert,... weil ich zu feige war./

Aurel biss die Zähne zusammen, sein Blick klärte sich. Er konnte spüren, wie das Blut in seine Wangen zurückkehrte, wie das erbärmliche Zittern nachließ. Tief holte er Luft und straffte seine Schultern, dann stand er geschmeidig auf.

Ein Raunen ging durch die wenigen Anwesenden; er hörte, wie sich hinter ihm jemand bewegte. Beinahe unmerklich spannte er sich an, bereit auszuweichen, bereit zu tun, was immer er tun musste, doch die Herrin der Winde machte eine herrische Geste, während ihr Puppengesicht sich vor Wut verzog. Ihre blauen Augen verdunkelten sich, zwischen ihren goldenen Brauen bildete sich wieder diese steile Falte, die die Ebenmäßigkeit ihrer Stirn aber kaum beeinträchtigte.

Ruhig sah Aurel auf sie hinab, versiegelte den Teil seines Selbstes, der vor Angst schrie. "Lady, der Whispering Wind gehört mir. Sie wissen das genauso gut wie ich. Und Sie wissen ebenso, dass das Ganze hier nur ein falsches, wenn auch gut inszeniertes Theater war. Geben Sie mir, was mir gehört und ich bin bereit, das alles zu vergessen."

Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. Für einen Moment presste sie die Lippen so fest zusammen, dass ihr Mund nur noch ein Strich in ihrem Gesicht war. "Das wird Folgen haben, Wüstenwind", fauchte sie. "Ich habe dir jede Möglichkeit gegeben, dich..."

"Eine letzte Chance, Lady. Du hast nur noch diese eine", unterbrach er sie leise, bewusst auf das unhöfliche Du ausweichend, während alles in ihm flehte, dass sie die Möglichkeit wahrnahm, die er ihr anbot. Dass sie ihm gab, was er verlangte. Dass sie ihm ersparte, was er unweigerlich würde tun müssen.

Einen Augenblick lang schien sie unsicher, zögerte, etwas an seiner Art schien sie zu beunruhigen. Doch dann lachte sie auf, kalt und höhnisch. "Glaubst du, ich falle auf diesen Bluff rein, Wüstenwind? Du wirst es bereuen, mehr denn je." Ihre Stimme wurde zu einem Zischen. "Ich werde dich brechen, Aurel. Zerbrechen. Und du wirst auf Knien vor mir liegen und mich um Gnade anflehen."

/Gebrochen... Zerbrochen.../ Fast hätte er gelacht. Sie kam um Jahre zu spät.

"Du hast es so gewollt", wisperte er, spürte die Kälte in ihm hochkriechen, schleichend und lähmend. "Ich habe dich gewarnt..."

Er schloss die Augen und gab sich ihr hin, die durch seine Glieder floss wie Eis, die panische, verzweifelte Stimme seiner Seele zu einem erstickten Wimmern dämpfend. Er ließ zu, dass sie jeden Winkel von ihm in Besitz nahm, sein Herz umschloss und einfror. Seine Gefühle schienen zu erstarren, zu sterben und hinterließen Leere, die das Tor seiner Erinnerungen aufstieß. Mit aller Macht stürzten sie auf ihn ein und er wehrte sich nicht. Erinnerungen in Elfenbein und Gold...

Er öffnete die Augen.

Die Frau vor ihm verlor jede Farbe, ihre Lippen öffneten sich, bebten, doch kein Ton verließ ihre Kehle. Sie taumelte zurück, Unglauben und blankes Entsetzen in ihrem Puppengesicht. Dann sank sie auf die Knie, als hätte man ihr jede Kraft aus den Gliedern gesaugt, und presste die Stirn gegen den Boden.

Der Blick seiner goldenen, pupillenlosen Augen glitt durch den Raum, streifte bebende, zitternde Gestalten, die alle vor ihm am Boden lagen, erfasste die Tamar'hi, die sich vor seiner Macht, seiner Erhabenheit verneigten. Maschinen, programmiert, ihren Herren zu gehorchen. Doch keiner der ihren würde sich einem Jarachnish widersetzen.

"Wir wollten hier nur ein wenig verweilen", sagte er leise. Seine volle, seidenweiche Stimme erfüllte den Raum. "Du hast sehr unklug gehandelt, Kind." Erinnerungen... Seine elfenbeinfarbene Hand beschrieb eine kleine Geste, sofort standen die Tamar'hi neben ihm, die ihn hierher gebracht, ihn gerade noch in die Knie gezwungen hatten. Jetzt waren sie bereit ihm zu dienen. Maschinen, die keine Reue kannten.

Gemächlich schritt er auf die Frau zu, die vor ihm auf dem Boden lag, ihr blondes Haar, bleich und farblos gegen das seine, hatte sich halb aus der Frisur gelöst und umgab ihren Kopf wie ein zerstörter Heiligenschein. Goldene, schwere Strähnen glitten nach vorne, als er den Kopf neigte, um auf sie hinab zu sehen. "Kind", formten seine schmalen, geschwungenen Lippen das Wort seiner Erinnerung nach, das eine andere Stimme so oft gesagt hatte, wenn jemand auf Knien am Boden gelegen hatte. "Du hast versucht, Uns zu betrügen. Du wolltest Uns zu einem Schlüssel machen."

Leise, trügerisch sanft.

"Allmächtiger, vergebt mir!", wimmerte sie kaum hörbar, ihre Stimme versagte fast. "Ich wusste nicht, wer Ihr seid! Ich konnte es nicht ahnen. Vergebt mir, hoher Herr! Bitte, ich flehe Euch an!"

"Du hast Unsere Gesetze nicht respektiert. Hast Unsere Gebote gebrochen, Unsere Befehle missachtet", flüsterte er mit einem leichten Lächeln, das niemand sah, denn keiner im Raum wagte es, die Augen zu ihm zu erheben. "Wir sind enttäuscht, Kind. Sehr... enttäuscht."

"Vergebt mir, hoher Herr!" Ihre Stimme wurde schrill und überschlug sich vor Panik. Nichts erinnerte mehr an die überlegene Herrin der Winde, an die perfekte Porzellanpuppe auf ihrem hohen Thron. "Gebt mir noch eine Chance, bitte, ich bitte Euch, ich..."

"Ah... haben Wir dir erlaubt zu sprechen?", unterbrach er sie sanft, was sie augenblicklich zum Verstummen brachte. Er konnte die Angst förmlich spüren, die von ihr ausging und die mit diesen Worten noch um ein Vielfaches anstieg. Etwas in ihm rebellierte, aber er unterdrückte es erbarmungslos. Schwäche war nichts, was ein Jarachnish jemals zugeben würde. Doch als er erneut die Hand hob, sah er sie zittern. Er ballte sie zur Faust. Sein Innerstes war nach außen gedreht worden, und er wünschte sich nichts mehr als zu schreien. Dann sah er wieder Amaiis vor sich, in den Armen dieses Mannes, und sein Blick verdunkelte sich.

"Wir sind nicht glücklich darüber, wie Wir heute morgen geweckt wurden. Wir sind auch nicht erfreut über die Behandlung, die Uns zuteil geworden ist. Wir werden den Palast noch an diesem Tag verlassen und wünschen, dass Unser Aufenthalt hier nicht bekannt wird. Deswegen sehen Wir vorerst von einer Strafe ab. Aber Wir werden nicht vergessen..." Trotz der nur geringen Lautstärke, trotz des Klangs nach Samt war seine Stimme kalt und unnahbar. Er ließ seinen Blick durch den Raum gleiten, erfasste alle Anwesenden. "Wir werden Unseren Schlüssel mitnehmen, wenn Wir gehen. Alles, was zu ihm gehört, wird in diesem Zimmer sein, bevor Wir dorthin zurückkehren."

Er drehte sich um und ging, und die Tamar'hi folgten ihm, eine stumme Ehrengarde, die er eigentlich nicht bemerken sollte, so selbstverständlich wäre sie für den, der er zu sein vorgab. Doch sie ließ kalte Schauer seinen Rücken hinablaufen. Trotzdem sah er sich nicht nach ihnen um, als sei er Anwesenheit gewohnt. Und in gewisser Weise war er das auch...

Mit starrem Blick sah er auf die Tür, sie verschwamm vor seinen Augen. Sein ganzer Körper verkrampfte sich, während er versuchte, die immer lauter werdenden Stimmen in seinem Kopf zu ignorieren. Er wollte mit ihnen schreien, wollte irgendetwas tun, dass die vor ihm liegenden Leute wieder aufstanden.

Für einen Moment hatte er geglaubt, es unter Kontrolle zu haben, doch es war ein Fehler. Diese bedingungslose Unterwürfigkeit bereitete ihm Übelkeit. Er presste die Lippen zusammen und ging mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der wusste, dass man ihm öffnen würde, auf die geschlossene Tür zu. Und der in diesem Wissen definitiv dagegen rennen würde, wenn sie geschlossen blieb, weil er eben dieses nicht erwartete. Der Gedanke heiterte ihn ein wenig auf.

Obwohl die beiden Türhüterinnen genauso wie alle anderen am Boden lagen, so entwickelte die eine doch genug Mut – oder Selbsterhaltungstrieb – um aufzustehen und in tiefer Verbeugung das Tor zu öffnen.

Aurel wandte sich ein letztes Mal zu der Herrin um. Mit einer kleinen Geste ließ er die Tamar'hi halten und wunderte sich flüchtig über ihre perfekte Programmierung. "Wir wünschen, auch weiterhin unerkannt zu bleiben. Und dafür wirst du Sorge tragen, Kind." Unterschwellig schwang eine Drohung in seiner Stimme, für die er sich hasste.

Als er sich umdrehte, schwang sein goldenes Haar wie ein Schleier hinter ihm her und verwandelte sich noch in der Bewegung zurück, verlor die Schwere, kringelte sich wieder in goldbraunen Wellen um seinen Kopf. Seine Elfenbeinhaut wurde dunkler, und Aurel musste alle Kraft aufwenden, um zu verhindern, dass er haltlos zitterte. Mit schnellen Schritten eilte er davon.

Er merkte nicht, wohin er lief, wollte nur noch weg. Wollte vergessen, das Chaos in seinem Kopf auslöschen, seine Erinnerungen wieder verbannen, die erneut geweckt worden waren. Erinnerungen in kaltem Gold, Einsamkeit und Leid, in Schmerz und Tränen, tiefster Verzweiflung, in Elfenbein, das in seinem sanften Schimmer doch schwärzer war als jede Nacht und rot vor Blut.

"Gebieter, bitte, vergebt mir", hauchte eine leise Stimme hinter ihm und riss ihn aus seinen Gedanken. Abrupt drehte Aurel sich um, nur um sehen, wie ein junger Mann vor ihm auf die Knie sank. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er bemerkte, dass die schlanke Gestalt wie Espenlaub zitterte.

/Okay, ich dreh durch. Gleich dreh ich durch. Ich will hier weg! Verschwindet alle, lasst mich allein! Ich hol Amaiis und dann.../ Stattdessen atmete er tief durch und zwang seine Fäuste dazu, sich zu öffnen. Doch die Anspannung wich nicht aus seinem Körper Mit seinem typischen, schiefen Grinsen sah er auf den knienden, jungen Mann zu seinen Füßen hinab. "Wie wäre es, du stehst als allererstes wieder auf, hm? Oder seh ich aus wie jemand, vor dem man auf dem Boden herumrutschen muss?"

"Wie Ihr wünscht, Gebieter", flüsterte der junge Mann. Es fiel ihm sichtlich schwer, sich zu erheben und nicht sofort wieder auf die Knie zu sinken, und er sah nicht auf, hielt den Kopf weiterhin gesenkt. Eine Weile stand Aurel abwartend da und schaute ihn fragend an, bis er begriff, dass der andere nichts ohne seine Erlaubnis sagen würde. Er hatte viel zu viel Angst, und dass er ihn angesprochen hatte, war schon fast als ein kleines Wunder zu werten.

"Okay... was willst du?", fragte er gepresst.

"Die Herrin hat mir aufgetragen, Euch zu Diensten zu stehen. Ihr wolltet zu Eurem Zimmer zurück, Gebieter?" Der junge Mann schluckte, seine Hände verflochten sich, um sie am Zittern zu hindern, was nicht viel brachte. "Das ist nicht der kürzeste Weg", fuhr er dann kaum hörbar fort. "Wenn Ihr es wünscht, Gebieter, werde ich Euch führen."

/Er wagt nicht einmal, mir zu sagen, dass ich vollkommen falsch bin./ Aurel atmete mühsam durch und sah sich flüchtig um, nur um festzustellen, dass er tatsächlich keine Ahnung hatte, wo er sich befand. /Und Gebieter klingt noch viel schlimmer als Herr. Jash-ces! - Himmel! Was habe ich nur getan?/

"Das ist nett von dir", sagte er erschöpft. "Und bitte, hab keine Angst. Ich beiße nicht."

Der junge Mann nickte, doch er hörte nicht auf zu zittern, als vor ihm her huschte, um ihm dem Weg zu zeigen. Aurel folgte ihm wie schlafwandelnd. Eindrücke seiner Umgebung drangen bis zu ihm vor, um sich mit Bildern aus seiner Vergangenheit zu mischen. Ehrfurcht, gemischt mit Angst sah ihn aus tausend Augen an. Stimmen, die ihm schmeichelten, Stimmen, die ihn verdammten. Und über allem diese eine eisige Stimme, die noch immer sein Herz zum Erstarren bringen konnte. Es schmerzte nach wie vor jenseits alles Erträglichen.

Er erwachte erst wieder aus diesem nebelhaften Albtraum, als er direkt vor der Tür zum Whispering-Wind-Zimmer stand und der junge Mann erneut vor ihm niederkniete. Aurel schwieg; der Junge sah so aus, als könnte er sich nicht mehr auf den Beinen halten, so sehr bebte er. Vermutlich hatte er das kleine Spektakel mitansehen müssen und glaubte zu wissen, wer er war.

Aurel nahm den Whispering-Wind-Schlüssel aus den ihm entgegen gestreckten Händen, versuchte aufmunternd zu lächeln, doch es misslang vollkommen. Nicht, dass es etwas gebracht hätte; der junge Mann wagte ohnehin nicht, zu ihm aufzusehen.

"Danke", murmelte er müde. "Du darfst gehen."

Noch während der Junge aufstand und sich rückwärts unter tausend Verbeugungen zurückzog, schloss Aurel die Tür auf, trat ein und ließ sie hinter sich wieder zufallen. Für einen Moment lehnte er sich dagegen und presste die Handballen auf die geschlossenen Augen. /Nur ein paar Narben, he? Das ist schlimmer.../ Er hätte es tausendmal vorgezogen, ein paar Monate als Key hier zu verbringen als das zu tun, was er getan hatte. Doch er hatte nicht wirklich eine Wahl gehabt.

Mühsam drängte er die Erinnerungen beiseite, ignorierte die höhnischen, wispernden Stimme, die ihn hinter diesem nur noch dünnen Vorhang bedrängten, quälten. /Amaiis. Wo steckst du? Ist alles okay? Hat er dir was getan?/ Er stieß sich von der Tür ab, hastete an dem kleinen Teich vorbei und blieb mitten im Torbogen abrupt stehen, der sich zu dem großen Hauptraum hin öffnete.

Sie hatten die kurze Zeit genutzt, die er von der Herrin der Winde hierher gebraucht hatte, um das Zimmer auf ihn vorzubereiten. Zartviolette und weiße Blumen waren gebracht worden, um die Tische zu schmücken, man hatte Kerzen angezündet. Auf den Tischchen stand ein Frühstück, das alles übertraf, was er in den vergangenen Tagen hier bekommen hatte; die Platten, Teller und Schalen, jede für sich schon ein eigenes Kunstwerk, bildeten zusammen eine atemberaubende, abstrakte Kreation an Farben und Formen. Um das in der kurzen Zeit bewerkstelligen zu können, hatten vermutlich etliche andere Gäste auf ihr Frühstück verzichten müssen und warteten jetzt ungeduldig.

Doch Aurel hatte keine Augen dafür, denn davor kniete Amaiis. Er trug das Kostüm, in dem er vor ihm getanzt hatte, den Lendenschurz mit dem goldenen Gürtel und den breiten, goldenen Halsschmuck. Selbst der Amethyst in seinem Bauchnabel fehlte nicht. Sein Haar war sorgfältig frisiert worden. Man hatte feine Strähnen von der Stirnpartie und den Schläfen genommen, sie gedreht, mit Edelsteinchen geschmückt und zu einem einfachen, aber effektvollen Geflecht über seinen Kopf gelegt, während das restliche dichte Haar schwarz und glänzend seinen Rücken hinabfloss. Kajal umrahmte die großen Augen, Mascara ließ die Wimpern dichter erscheinen, Rouge verlieh den blassen Wangen einen Hauch an Farbe. Seine Lippen schimmerten in einem dunkleren Perlmutt. Amaiis sah zu Boden, den Blick seltsam leer, die Hände ruhten auf seinen Oberschenkeln.

Sekundenlang verharrte Aurel regungslos. Sie hatten den Jungen zurecht gemacht für seinen Herrn. Das war nicht einfach nur Amaiis. Sie hatten einen Schlüssel herausgeputzt, damit er einem Jarachnish gerecht werden konnte, so gut das in der Kürze der Zeit möglich gewesen war. Doch Aurel bemerkte kaum den Schlüssel; er sah nur Amaiis, sah ihn mit einer Deutlichkeit vor sich, die den Rest des Zimmers vollkommen ausblendete.

Bemerkte das Zittern der Lippen. Die nur mühsam zurückgehaltenen Tränen in den vom Weinen geröteten Augen, die dunkleren Ringe darunter. Die Fingerkuppen, die das weiche Fleisch der Oberschenkel eindrückten, um die Hände ruhig zu halten. Die angespannten Schultern. Den flachen Atem. Er sah die Ader unter der zarten Haut des Halses schnell und unregelmäßig pulsieren.

/Sie haben ihm gesagt, wer kommt. Was kommt./ Mit einem Mal schmerzte sein ganzer Körper, sein Herz zog sich krampfhaft zusammen. /Diese Narren! Nein, du bist ein Narr, Aurel! Er wird... wird... dir nie mehr vertrauen. Wer vertraut einem Jarachnish? ... Wer vertraut einem, in dessen Adern das Blut der Systemlords fließt...?/

Die perlmuttschimmernden Lippen bewegten sich stumm, ehe kaum hörbar die zarte Stimme zu Aurel durchdrang. "Gebieter... ich... gehöre Euch...."

"Nein", flüsterte Aurel. Er konnte die Angst nicht ertragen, die den Jungen einzuhüllen schien; sie bohrte sich wie ein kalter Stachel in sein Herz. Nicht den Schmerz, den ihm das ganze Theater hier angetan haben musste. "Nein! Amaiis... das nicht!"

Ehe er wusste, was er tat, hatte er die letzten Schritte zurückgelegt, die zwischen ihnen gewesen waren. Er sank vor ihm auf die Knie, streckte die Hände nach ihm aus und zog ihn in seine Arme. "Du gehörst mir nicht, Junge! Jash-ces! - Himmel! Verdammt, das tust du nicht!"

Er spürte, wie Amaiis erschrocken zusammenzuckte, hörte das entsetzte Aufjapsen, fühlte das Beben, das den gesamten schmalen Körper erzittern ließ. Aurel drückte ihn an sich und vergrub das Gesicht in dem duftenden Haar. Tränen liefen aus seinen zusammengekniffenen Augen, rannen warm seine Wangen hinab und tropften auf die nackte Haut des Jungen. "Amaiis, bitte... ich bin es nur... einfach nur ich... du gehörst nicht mir..."

"Aurel?" Die zarte Stimme war ungläubig und doch voller Hoffnung, voller Verzweiflung und Freude zugleich. "Mein Aurel?..." Sie erstickte in einem Aufschluchzen, dann schlangen sich die schmalen Arme um ihn und Amaiis schmiegte sich an ihn.

Es schien eine Ewigkeit zu sein, in der sie sich einfach nur hielten. Schließlich hob Amaiis den Kopf und sah ihn an; sein Kajal war verlaufen, das Rouge verschmiert, doch er sah wieder mehr nach sich selber aus, und das ließ Aurels Herz leichter werden. Sacht strich er ihm die Tränen von den Wangen und erwiderte den Blick der vom Weinen geröteten und doch so schönen, klaren Augen, in die das Leben zurückgekehrt war.

Sekundenlang sahen sie sich an, dann hob Amaiis ihm sein Gesicht entgegen; ihre Lippen berührten sich voller Sehnsucht. Aurels Zunge glitt in die feuchte Wärme, die sich ihm so bereitwillig öffnete, streichelte jeden Grat, jede Vertiefung. Der Geschmack des Lippenstifts war fremd und störte ihn, doch die Süße des Jungen überlagerte ihn und bewirkte, dass er sich nicht von ihm trennen konnte, immer mehr und mehr wollte. Erst, als ihnen die Luft knapp wurde, lösten sie sich atemlos voneinander. Und endlich kam das scheue Lächeln in Amaiis' Gesicht zurück, als er ihn erneut anschaute.

"Ich dachte, ich würde dich nie wieder sehen", wisperte der Junge, hielt die Arme fest um Aurels Nacken geschlungen, als würde er sich auflösen, wenn er ihn losließ. "Ich... was ist... wieso bist du hier? Sie sagten mir, ein Systemlord würde kommen."

Aurel schluckte hart und wich dem Blick aus. Seine Erleichterung wich wieder Angst, als er registrierte, dass Amaiis die Schlüsse noch nicht gezogen hatten, die nur zu offensichtlich waren. "Haben sie das, ja?", fragte er tonlos. /Er weiß es nicht... er wird wieder Angst bekommen! Er wird sich von mir abwenden. Vielleicht will er gar nicht mehr mitkommen, wenn er es weiß. Vielleicht.../

Die weichen Lippen unterbrachen seine Gedanken, als sie sich sacht auf seine legten, nur kurz, aber voller Wärme und Liebe. "Aurel", flüsterte Amaiis. "Er wird kommen und mich nehmen? Wird mich dir wegnehmen?" Seine Stimme zitterte und wirkte doch eigenartig fest. "Ich will bei dir sein... aber das kann nicht sein, nicht wahr? Ich bin nur ein Key... und du..." Seine Augen füllten sich wieder mit Tränen. "Du bist es jetzt auch. Aber eines... eines muss ich dir sagen, mein Aurel. Ich will, dass du es weißt, egal, wo du bist, egal, was du bist. Ich bin so froh, dich kennen gelernt zu haben. So glücklich, dass du mein Herr warst. Aurel... Ich liebe dich."

/Liebe.../ Aurels Blick fand den des Jungen und hielt ihn fest. Das Wort hallte in seinem Kopf wieder und ließ ihn sich schwindlig fühlen, löste ihn und ließ ihn schwerelos zurück. Es war keine leere Phrase, er fand die Bestätigung in den klaren, blauvioletten Tiefen vor sich. Und etwas in ihm antwortete darauf.

Er hatte sich geschworen, es nie wieder zuzulassen. Nie wieder für jemanden wichtig zu werden, nie wieder jemanden an sich herankommen zu lassen. Doch in dem Moment erkannte er, dass das Kind, das er gewesen war, als er diesen Schwur getan hatte, Unmögliches versprochen hatte.

Und noch etwas wurde ihm mit einem Mal bewusst; es stand so klar und deutlich vor ihm, als hätte jemand einen Scheinwerfer darauf gerichtet. Er selbst war kein Kind mehr. Er war ein Mann. Und er konnte den beschützen, den er liebte. Gerade hatte er es getan, und er würde es wieder tun können. Er war nicht hilflos, niemandem ausgeliefert, auf niemandes Gnade angewiesen. Er konnte verhindern, dass jemand Amaiis verletzte.

Sacht legte er eine Hand an Amaiis' Wange und wischte ihm sanft mit dem Daumen die Tränen ab, verschmierte dabei Kajal, Mascara und Rouge noch mehr. "Niemand wird dich jemals wieder zu irgendetwas zwingen", sagte er leise. "Du bist kein Schlüssel mehr, und ich war nie einer. Niemand wird uns trennen. Es gibt keinen Systemlord, Amaiis. Ich habe es sie glauben gemacht, aber es gibt keinen. Alles, was es gibt, ist ein Bastard. Ein halber Jarachnish, der tot ist, sobald einer der ihren erfährt, dass ich existiere."

Denn sie mochten keine Bastarde, die ihr Blut verunreinigten. Er war ein Unfall gewesen, dann ein Spielzeug... und schließlich... Er schauderte und verdrängte die Erinnerungen, entschlossen, sich nicht diesen Augenblick von ihnen nehmen zu lassen. Entschlossen, sich niemals wieder von ihnen beherrschen zu lassen, auch wenn es schwer werden würde und er heute erst einen kleinen und doch so entscheidenden Schritt auf diesem Weg getan hatte.

"Alles in allem bin ich nur eines. Ich bin Aurel." Er zögerte und sein Lächeln verschwand, als er Amaiis unsicher ansah, in dem Wirbelsturm der Gefühle in den Augen des Jungen nach Halt suchte, nach Verständnis, trotz allem nach dieser Wärme in ihm und nichts fand außer Verwirrung und Chaos. "Ich will bei dir sein. Mehr nicht", sagte er schließlich kaum hörbar.

"Jarachnish", wisperte Amaiis. Die zartgliedrigen Finger ertasteten jede Kurve, jede Linie, als würde er ihn das erste Mal berühren, sanft, liebkosend, forschend. "Ich habe noch nie einen Jarachnish gesehen. Nur von ihnen gehört, gelesen. Und es hat mir nicht gefallen. Es hat mir Angst gemacht. Aber nicht alles, was auf Papier steht, ist wahr. Nicht alles, was erzählt wird, ist Wirklichkeit. Und du bist immer nur zärtlich zu mir gewesen. Du hast mir nie weh getan. Du bist... du..." Ein unsicheres Lächeln huschte über sein Gesicht, vertiefte sich und wurde dann unendlich strahlend. Die schlanken Arme schlangen sich wieder um Aurels Nacken, der Junge schmiegte sich an ihn, bedeckte ihn mit unzähligen kleinen Küssen. "Mein Aurel... ich bin so froh... so unendlich froh... Ich liebe dich! Ich liebe dich. Ich liebe dich..."

Aurel hielt ihn fest, drückte ihn an sich. Er fühlte sich, als würde er schweben, die Welt war unwirklich geworden, nur der Junge in seinen Armen war real. Sein Atem, sein Herzschlag, seine Wärme. Die sanfte, scheue Stimme in seinem Ohr, die ihm von Liebe erzählte. Die Arme, die ihn hielten. Der schlanke Körper, der sich an ihn presste. Sein zarter Duft. Die weiche Haut. Das Gefühl von Nähe...

"Und ich liebe dich", hauchte er.

Er hätte ewig so sitzen und ihn halten können, doch die Realität holte ihn wieder ein. Später... später würden sie alle Zeit der Welt haben, alle Zeit, die sie brauchten, die sie wollten. Jetzt mussten sie machen, dass sie hier weg kamen. Doch eines gab es noch, was er unbedingt wissen musste... "Hat er dir etwas getan? Hat er dir weh getan?"

Amaiis schmiegte sich enger an ihn und vergrub das Gesicht in seiner Halsbeuge. Sanft streichelte er seinen Nacken, und Aurel konnte spüren, wie er die Lippen zu einem Lächeln verzog. "Nein, mein Aurel. Er hat mich nur einmal geküsst. Wir sind noch auf dem Weg zurück zu dem Zimmer gewesen, als plötzlich jede Menge Leute kamen, uns trennten und mich hierher brachten, um mich so schnell wie möglich vorzubereiten." Er kicherte leise. "Er ist nicht einmal halb so gut wie du, beim Küssen. Ich bin froh, dass ich ihn nicht öfter küssen musste. Du schmeckst auch viel besser."

Aurel lachte auf, ihm war plötzlich unglaublich leicht ums Herz. Mit einem Grinsen sah er auf Amaiis hinunter und in diese atemberaubend blauvioletten Augen, die ihn voller Glück anstrahlten. "Ich schmecke auch besser, ja?" Schmunzelnd schüttelte er den Kopf. "Du bist süß... " Er konnte nicht widerstehen und kostete die verlockenden Lippen erneut, die Amaiis so offen darbot.

Doch schnell trennte er sich wieder von ihm und verzog kläglich das Gesicht. "Du bist süß, wenn dieser Lippenstift mich nur nicht so stören würde." Er lachte und gab Amaiis' Nase einen kleinen Stups, was diesen wieder zum Kichern brachte. "Aber wir sollten uns jetzt sowieso nicht mehr zu lange hier aufhalten. Ich weiß nicht, wie lange sie mir glauben werden, dass ich ein Jarachnish bin. Momentan sind sie gelähmt vor Schreck, und während sie das sind, sollten wir machen, dass wir weg kommen."

"Ich... ich kann wirklich mit? Ich kann mit dir mitkommen?", fragte Amaiis plötzlich wieder leise und scheu und wandte den Blick ab. Seine Hände vergruben sich in Aurels Hemd, als versuchten sie, ihn festzuhalten. Er schmiegte sich an ihn und presste sein Gesicht an seine Schulter. "Aus dem Palast? Nach... draußen? Mit... in deine Welt?"

Ein warmes Lächeln huschte über Aurels Gesicht, als er nickte. "Ja, mein Schatz. Du wirst mit mir kommen. Diesen Palast verlassen. Die Welt sehen. Ich werde dir die schönsten Plätze des Universums zeigen, die ich kenne. Amaiis ... ab heute bist du frei."


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© by Meike "Pandorah" Ludwig