Zwischen den Welten

1.

Die Sonne neigte sich dem Horizont zu und ließ das Licht unter dem Blätterdickicht des Regenwaldes rapide schwinden. Doch je näher das Ende des Tages rückte, um so aktiver schienen die Tiere zu werden. Um Milan herum herrschte ein Stimmengewirr, das seinesgleichen suchte. Vögel schrieen, Insekten summten. Irgendwo brüllten Affen. Der Wald an sich veranstaltete sein eigenes Konzert, überall hörte man das Plätschern und Tropfen von Wasser; leichter Wind ließ die Blätter zittern und rascheln, Tiere brachten das Unterholz zum Knistern.

Ein wenig unruhig ließ Milan den Blick seiner bernsteinfarbenen Augen über das undurchdringliche Blätterdickicht schweifen, das die Sicht auf alles jenseits des schlammigen Pfades verbarg. Er hatte nicht geglaubt, dass der Urwald so beängstigend sein würde, wenn die Nacht näher kam. Dabei war er noch nicht einmal allein, sondern nur einer in einer Reihe von endlos vielen Plantagenarbeitern, die über diesen Pfad zur Straße zurückkehrten, wo der Bus auf sie wartete.

Lange würde es nicht mehr dauern, zwei Stunden vielleicht noch, dann wäre er wieder zu Hause, in der Sicherheit seiner eigenen vier Wände. Aber es hatte sich gelohnt, der Tag war mehr als interessant gewesen. Seit fünf Wochen hatte er sich nur in der Stadt aufgehalten, hatte sich hierhin und dorthin führen lassen, war mit seinen neuen Kollegen weggewesen, die ihm alles hatten zeigen wollen; hatte über seine neuen Schüler gesprochen, die er jetzt für ein Jahr in Englisch und Deutsch unterrichten würde; hatte die Bars der kleinen Stadt gezeigt bekommen und hatte keine Zeit gehabt, auch nur einen Schritt vor die Stadtgrenze zu machen.

Heute war es ihm das erste Mal gelungen, mehr zu sehen, auch wenn es bei den meisten seiner Kollegen auf mildes Lächeln gestoßen war, dass er sich die nahe gelegenen Kaffeeplantagen hatte anschauen wollen. Und für den nächsten Tag hatte er sich schon mit einem Führer verabredet, der mit ihm einen ersten Schnuppertrip in den Dschungel machen würde.

Doch im Moment interessierte sich Milan hauptsächlich für eine Dusche, sein Bett und vor allem sein Zimmer mit der Klimaanlage. Mit einem unhörbaren Seufzen wischte er sich den Schweiß von der Stirn, was nicht viel brachte, da er binnen weniger Minuten wieder nass sein würde.

Die schwüle Hitze war das, was ihm nach fünf Wochen im Herzen Kolumbiens immer noch am meisten zu schaffen machte. Mit dem Jetlag war er recht schnell fertig geworden. Nach drei Tagen hatte er es größtenteils überwunden gehabt. Doch mit dem feuchten, heißen Klima kämpfte er nach wie vor. Zu Hause hüllte sich seine Familie bereits in dicke Jacken und Mäntel, während ihm das dunkelgrüne Hemd am Körper klebte und die Jeans wie eine zweite Haut an seinen Beinen saß. Mit jedem Schritt hatte er das Gefühl, durch einen Sumpf zu waten, weil die Nässe auch vor seinen festen Stiefeln nicht Halt machte.

Erneut wischte Milan sich den Schweiß ab und strich mit der gleichen Bewegung eine glatte, schwarze Strähne hinter sein rechtes Ohr. Noch vor wenigen Wochen hatte er sich nicht vorstellen können, sein Haar auch nur um ein paar Zentimeter kürzen zu lassen. Es hatte lange genug gedauert, bis es die jetzige Länge bis fast zur Mitte seines Rückens erreicht hatte. Doch langsam, aber sicher entdeckte er die Vorzüge von streichholzkurzen Stoppeln.

Er wechselte den Rucksack von der linken auf die rechte Schulter und zerrte die Haare unsanft unter dem Trageriemen hervor, die sich darin verfangen hatten. Grummelnd sah er auf den breiten Rücken des Mannes, der vor ihm lief. Schweiß zeichnete dunkle Flecken auf das ohnehin schon dreckige, ehemals schwarze T-Shirt. Die kurzen, schwarzen Haare waren nass, und auf der kupferfarbenen Haut des Nackens konnte Milan kleine Schweißtropfen erkennen. Trotzdem waren die Schritte des anderen wesentlich beschwingter als seine eigenen. Milan heftete den Blick wieder auf seine Füße, um in dem Schlamm des Weges nicht auszurutschen oder über irgendwelche Wurzeln zu stolpern, die sich hier und da aus dem Boden erhoben.

Er war mehr als erleichtert, als der Pfad sich endlich zu dem kleinen Platz erweiterte, auf dem der Bus wartete. Mit den Arbeitern zusammen stieg er ein und zwängte sich neben zwei andere Männer auf eine eigentlich für zwei Personen ausgelegte Bank, was hier aber niemanden störte. Stimmengewirr umgab ihn, das er nur schwer verstehen konnte. Sein Hochschulspanisch hielt nicht unbedingt immer den Anforderungen der Realität stand, doch sein Verständnis hatte sich in der Zeit, in der er hier war, schon deutlich verbessert. So viele Slangausdrücke, wie er die letzten Wochen aufgeschnappt hatte, hatte er in all den Jahren davor nicht gelernt.

Müde streckte er die Beine aus, als der Fahrer den Motor anließ und der Bus sich schwankend in Bewegung setzte. Sein Sitznachbar lachte und sagte etwas, das Milan nicht verstand, was nicht nur an seinem Spanisch, sondern auch an dem lauten Fahrgeräusch lag. Zudem hatte wieder einmal der nachmittags allgegenwärtige Regen eingesetzt und trommelte nahezu ohrenbetäubend auf das Blechdach. Milan grinste entschuldigend und zuckte mit den Schultern, worauf sein Nebenmann wieder lachte und gelbe Zähne offenbarte. Er hielt ihm eine Flasche vor das Gesicht und forderte ihn mit Gesten auf, einen Schluck zu nehmen.

Jetzt erinnerte Milan sich auch wieder an das Gesicht. Er hatte in der Plantage ein paar Worte mit dem Mann gewechselt, ihm Fragen gestellt und sich eine Weile über dessen Arbeit erzählen lassen, ehe die Mittagspause vorbei gewesen war und der Arbeiter zurück gemusst hatte. Dankend nahm er an und trank einen kräftigen Schluck. Nachdem er ob der Schärfe des Fusels kräftig gehustet, dadurch für Gelächter gesorgt und sich an den allgemeinen Lärm gewöhnt hatte, gelang es ihm auch, den Gesprächen einigermaßen zu folgen, die sich hauptsächlich um die Arbeit und Frauen drehten.

Doch sie verstummten allmählich wieder, als der Regen heftiger wurde. Das harte Stakkato der Tropfen auf dem Blech übertönte bald alles andere. Geistesabwesend sah Milan zum Fenster hin, durch das man nicht viel mehr sehen konnte als eine undurchdringliche Wasserwand. Flüchtig fragte er sich, wie der Fahrer überhaupt noch wusste, wo die Straße entlang führte, doch vermutlich war er die Strecke schon so oft gefahren, dass er sie auch im Schlaf finden würde. Ab und an konnte man dunkle Schemen erkennen, wenn ein Blitz die Gegend erhellte, aber selbst der Donner durchdrang das Prasseln kaum.

Milan war froh, dass er im Bus saß und nicht irgendwo zwischen dem Bus und der Plantage feststeckte. Trotzdem war ihm dieser Regenguss unheimlich. Zu Hause hatte er nie etwas vergleichbares erlebt, und in den Wochen, die er bis jetzt hier war, hatte er ähnliches immer nur in der Sicherheit eines Hauses hinter sich gebracht. Er hoffte inständig, dass die Straße nicht so überflutet werden würde, dass der Wagen nicht weiterkam.

Den wie mit dem Lineal gezogenen Übergang von Urwald zum baumlosen Weideland bekam er schlagartig mit, als der Wind einsetzte und der Bus heftig zu schwanken begann. Mit einem erschrockenen Aufkeuchen griff Milan nach der Rückenlehne des Sitzes vor ihm und hielt sich fest. Angst kroch in ihm empor, als ihm bewusst wurde, wie alt und klapprig das Fahrzeug war, in dem er saß. Wenn es umkippte? Wenn der Motor ausfiel? Wenn...

Für einen Moment wollte er es als seine normale Unruhe abtun, bestimmt hatte der Wagen schon ganz anderes mitgemacht, doch dann bemerkte er die Furcht in den Gesichtern der anderen. Einige der Männer schienen zu beten, er sah, wie Kreuze geschlagen wurden, jemand hatte einen Rosenkranz hervorgeholt. Der schwache Schein der Notbeleuchtung spiegelte sich auf schweißnassen Gesichtern, ließ weit aufgerissene Augen noch entsetzter erscheinen. Lippen bewegten sich, doch durch das Prasseln des Regens, das Knattern des Motors und das Ächzen des Wagens im Wind drang keine Stimme.

Milans Magen krampfte sich vor Furcht zusammen, sein Herz raste. Vergessen war seine Müdigkeit, vergessen die stickige Hitze im Wagen, vergessen die allgegenwärtige Feuchtigkeit. Er versuchte, einen Blick auf den Fahrer zu erhaschen, doch es waren zu viele Menschen im Weg. Wieder wurde der Bus heftig durchgeschüttelt, Milan entfuhr ein erschrockener Aufschrei, in den sich der von anderen Männern mischte, laut genug, um selbst das Tosen des Sturmes zu übertönen. Sein Sitznachbar rutschte gegen ihn, und Milan stemmte sich dagegen, klammerte sich wieder an die Rückenlehne, um nicht zu fallen.

Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen, dann fand der Bus sein Gleichgewicht wieder, und Milan begriff, dass sie kurz davor gestanden zu haben schienen, einfach umgeworfen zu werden.

"Oh mein Gott", keuchte er, ohne seine eigene Stimme zu hören. Er erinnerte sich an die Fahrt hierher, an die Strecke, die sie genommen hatten, und wurde kalkweiß. Mit geweiteten Augen starrte er zur Fensterscheibe, ohne mehr zu sehen als sein schwaches, verschwommenes Spiegelbild. Der Weg zur Stadt zurück führte außerhalb des Dschungels ein kurzes Stück über hügeliges Weideland, dann ging es in die Berge empor. Die Straßen waren schmal, steil und nicht das, was Milan unter befestigt verstand. /Der Fahrer wird doch nicht versuchen... das wäre lebensmüde!/

In dem Moment setzte der Motor aus. Das Tosen des Sturmes schien daraufhin noch lauter, nahezu greifbar zu werden, aber Milan empfand fast so etwas wie Dankbarkeit. Noch konnten sie nicht oder nicht allzu weit in den Bergen sein. Er fröstelte, als er daran dachte, dass er vielleicht die ganze Nacht in der Enge dieses stickigen Busses verbringen musste, inmitten des Sturmes, der aus den Höllen selber zu kommen schien. In dem Augenblick verstand Milan, wie alte Völker an den Zorn von Göttern hatten glauben können.

Ein Schlag erschütterte den Bus, als etwas Großes gegen die Karosserie geschleudert wurde. Metall knirschte derart schrill, dass es trotz des zornigen Gebrülls des Windes noch schmerzte. Jemand schrie auf, und Milan fiel mit ein, als zwei Bänke vor ihm eine Scheibe zerschmettert wurde. In dem dämmrigen Licht wirkten die Scherben wie glitzernde Sterne, als sie mit einer Böe ins Innere des Wagens prasselten. Schützend riss er die Hände vors Gesicht und kniff die Augen zusammen, nur um sie sofort wieder aufzureißen, als ein neuer Schlag das Fahrzeug erschütterte. Das Licht flackerte kurz, dann war es mit einem Mal vollkommen dunkel.

Wieder ertönte ein dumpfer Knall, Milan wurde erneut durchgeschüttelt. Sein Sitznachbar wich vom Fenster zurück und stieß Milan dabei von der Bank. Gerade so gelang es ihm, den Sturz abzufangen, dass er auf den Füßen landete. Er drehte sich zu dem Mann um, während sich sein Schreck in Ärger wandelte. Doch das Aufflammen des nächsten Blitzes enthüllte ein Gesicht blanken Entsetzens, das mit aufgerissenen Augen und bebenden Lippen zum Fenster starrte. Der Schrei übertönte alles, das Tosen des Sturms, das harte Prasseln des Regens. "El Diablo!"

Er wurde aufgegriffen, weitergetragen, voller Panik. Einige der Männer sprangen auf, Milan wurde angerempelt, beiseite gestoßen und verlor erneut das Gleichgewicht. Etwas Hartes bohrte sich schmerzhaft in seine Seite, als er fiel, Hände griffen nach ihm und stießen ihn wieder weg; er versuchte sich aufzurappeln, Angst durchflutete ihn, Angst, auf dem Boden zu landen, Angst, zertreten zu werden, Angst vor dem Unwetter, Angst vor den steilen Berghängen, die draußen vielleicht doch schon waren, Angst...

Mit einem Schlag war es still, jedes Geräusch schien verschluckt worden zu sein; ein kalter, trockener Lufthauch streifte Milans schweißnasses Gesicht, und er spürte, wie er das Gleichgewicht erneut verlor, als sein Bewusstsein davon glitt. /Himmel, ich will nicht sterben.../, war sein letzter Gedanke, ehe alles ausgelöscht wurde. Keine Gedanken, keine Geräusche, keine Angst, nur Ruhe und Wärme.

 

Licht blendete Milan und ließ ihn langsam wieder aufwachen. Es war still, nur ein leises Summen lag in der Luft, weit entfernt und unterschwellig. Ein Windhauch streichelte seine nackte Haut, ohne dass ihm kalt wurde. Er fühlte sich, als würde er schweben, gehalten und getragen wie von weichen, warmen Strömen aus Luft. Irgendwie hatte er erwartet, unter Schmerzen zu leiden, von seinem Sturz, von dem Aufprall auf die Sitzbänke, aber er fühlte sich gut.

Als er jedoch versuchte, die Augen zu öffnen, musste er feststellen, dass es ihm nicht gelang. Ebenso wenig konnte er sich bewegen, es war, als würde die Luft, die ihn trug, seinen Körper sowohl halten als auch fesseln. Allmählich kamen mehr Eindrücke in seinem noch immer wie in Watte eingehülltem Kopf an; er hörte leise Stimmen, die sich unterhielten, ohne dass er ein Wort verstehen konnte.

/Ich lebe noch/, war sein erster, bewusster Gedanke. Verschwommene Vermutungen huschten durch ihn hindurch. Krankenhaus... er lag auf einem Operationstisch... unter Narkose... Deswegen konnte er sich nicht rühren. Gleich würden sie anfangen zu operieren... ohne zu wissen, dass er bei Bewusstsein war.

Gerade, als die Panik begann, ihn weiter aus diesem halb weggetretenen Zustand zu lösen, huschte das Licht flackernd davon; die Stimmen entfernten sich langsam. Hielten inne. Surren ertönte. Wieder konnte er sie hören, immer leiser werdend, bis sie schließlich ganz verstummten.

Eine Weile noch trieb Milan in der gemütlichen Dämmerung dahin, ehe er entschied, dass langsam etwas geschehen musste. Erneut versuchte er, die Augen zu öffnen, und dieses Mal gelang es ihm. Der Anblick, der sich ihm bot, war derart bizarr, dass er die Lider wieder schloss und erst einmal überlegte, ob er nicht doch noch am Träumen war. Für einen Moment verharrte er regungslos, dann blinzelte er, nur um das gleiche Bild ein weiteres Mal vor sich zu haben.

Über ihm, so nah, dass er nur den Arm ausstrecken musste, um ihn zu berühren, schwebte ein nackter Mann. Milan hatte die Aussicht auf einen Hinterkopf, der mit kurzen, schwarzen Locken bedeckt war, auf breite Schultern, durchtrainierte Arme und einen muskulösen Rücken, dem ein Hintern und kräftige, behaarte Beine folgten.

Regungslos starrte Milan ihn an, registrierte den schmalen, transparenten Schlauch, der von der linken Armbeuge des Mannes ausging und über dem Körper aus seinem Sichtfeld verschwand. Er suchte unbewusst dessen Fortführung, fand ihn wieder zwischen den Beinen auftauchend und sich von dort bis zu einer Wand aus gebürstetem Metall entlang schlängelnd, um in dieser zu verschwinden. Erst dann bemerkte er, dass der Mann über ihm nicht einfach schwebte. Er schien in einer großen Plexiglashalbröhre zu liegen, deren einziger Halt ihre Schmalseite zu sein schien, die in die Wand eingelassen war.

Milan blinzelte erneut, und ohne den Blick von dem kräftigen Rücken abzuwenden, tastete er automatisch nach seiner eigenen, linken Armbeuge. Seine suchenden Finger fanden einen kleinen Schlauch, der mit einem Stück Klebstreifen oder etwas ähnlichem befestigt worden war.

Abrupt hob er den Kopf, um an sich herunter zu sehen. Es war keine wirkliche Überraschung, dass er nackt war. Nackt und vollkommen unversehrt. Seine Haut war blass und makellos, ohne blaue Flecken, Schnitte oder Schürfwunden.

/Entweder träume ich jetzt, oder ich habe mir die Sache mit dem Unwetter und dem Bus nur eingebildet/, fuhr es ihm durch den Kopf. Er versuchte, den Anflug von Panik zu unterdrücken, den er verspürte. /Okay, angenommen, ich träume nicht... wo bin ich und was mache ich hier?/

Langsam hob er den Arm und sah auf den kleinen Schlauch hinab, der unter einem grauen Klebstreifen in seiner Haut verschwand, ihn an Krankenhaus und Tropfe erinnernd. Bevor er darüber nachdenken konnte, hatte er den Klebstreifen entfernt und die Nadel herausgezogen. Ein Blutstropfen quoll aus der kleinen Wunde; in dem düsteren Zwielicht, das ihn umgab, wirkte er fast schwarz. Milan drückte den Daumen darauf und drehte sich auf die Seite, um sich ein Bild von der Situation zu verschaffen, in der er sich befand.

Seine Augen weiteten sich, ihm entfuhr ein erschrockenes Japsen, als er in ein Gesicht direkt neben sich blickte. Nur durch die Wände zweier Plexiglashalbröhren getrennt, lag ein weiterer Mann neben ihm. Auch er war nackt, die Augen hatte er geschlossen, das Gesicht entspannt, fast schien er im Schlaf zu lächeln. Und jetzt stellte Milan fest, dass er zwar in dieser Halbröhre lag, die Wände und deren Boden aber nicht berührte. Er schien mitten darin zu schweben.

Milan starrte ihn an, spürte den heftigen Schlag seines Herzens in seiner Brust, hörte sein Blut in seinen Ohren rauschen und in seinen Schläfen pulsieren. /Ich träume! Das ist nicht wahr, das kann unmöglich wahr sein!/, dachte er benommen, tastete wieder und wieder den anderen Körper mit Blicken ab, verglich dessen Lage mit der Gestalt der Röhre, zog optische Täuschung in Betracht und fühlte schließlich unter sich nach. Es war, als würde er mit der Hand wie durch festes Wasser fassen; er brauchte ein wenig Kraft, doch als er die Oberfläche durchstoßen hatte, konnte er mühelos weiter tasten, bis er schließlich auf die kühle Härte des Bodens stieß.

Eine Weile verharrte er, dann atmete er tief durch und drehte sich entschlossen auf den Bauch, um nach unten sehen zu können. Halb hatte er erwartet, unter sich einfach nur den Boden zu sehen, halb ein weiteres Gesicht. Nicht aber, dass er das Gesicht kannte. Unter ihm lag, nackt wie die beiden anderen auch, der Plantagenarbeiter, neben dem er im Bus gesessen hatte. Schlafend, schwebend, friedlich. Milan starrte ihn an, als würde es etwas ändern, doch nichts geschah.

Aber er war der erste, bei dem ihm auffiel, dass sie nicht ganz nackt waren. Der Mann trug um den Hals ein schmales, schwarzes Band, welches über der Kehle ein kupferfarbenes, metallisches Quadrat aufwies, das wie ein Schmuckstück wirkte. Als er bei sich nachfühlte, konnte er es ebenfalls ertasten. Er zerrte daran, konnte es aber nicht lösen und auch keinen für ihn in dem Moment ersichtlichen Verschluss finden, so dass er beschloss, es erst einmal zu ignorieren.

Endlich gab er sich einen Ruck und sah auf, versuchte, den ganzen Raum zu erfassen, um zu sehen, ob seine vagen Befürchtungen Wirklichkeit waren. Sein Herz begann fast schmerzhaft schneller zu schlagen, und für einen Moment blieb ihm die Luft weg. Unter ihm gab es nur noch die eine Röhre, in welcher der Plantagenarbeiter lag, doch über ihm waren weitere, zahllos weitere, in einer langen Reihe an der Wand angebracht. Links von ihm setzte es sich fort, bis die Röhren vom Dämmerlicht des großen Raumes verschluckt wurden. Soweit er sehen konnte, lag in jeder ein Mann, nackt und schlafend, mit dem Schlauch im Arm und dem Band um den Hals.

"Oh mein Gott", hauchte Milan und verstummte sofort wieder, als ihm seine leise Stimme viel zu laut vorkam in der fast vollkommenen Stille des Raumes, die nur von einem feinen Summen unterlegt war. Nicht einmal den Atem der Menschen konnte er hören.

/Verdammt, wo bin ich hier gelandet? Was ist das? Genversuche? Menschliche Versuche für Medikamente? Versuche mit Radioaktivität? Ich muss hier raus... ich muss sofort hier raus!/

Hastig kletterte er aus seiner eigenen Röhre und ließ sich vorsichtig auf den Boden hinab. Er war kalt und unangenehm unter seinen nackten Füßen, doch er kümmerte sich nicht darum. Aber es brachte ihn ein wenig zur Vernunft, ließ die Panik, die mit einem Mal von ihm Besitz ergriffen hatte, wieder etwas in den Hintergrund treten.

/Ganz ruhig, Milan. Du musst nachdenken. Als erstes brauchst du etwas zum Anziehen. Du musst herausfinden, wo du bist und wie du am besten hier weg kommst. Lauf niemandem in die Arme, pass auf, dass dich niemand sieht. Scheiße, das ist doch... verdammt... Wieso komme ich mir vor wie in einem schlechten Film?/

Außerhalb der Röhre war es insgesamt kälter, Milan schlang fröstelnd die Arme um sich. Suchend sah er sich um, während er überlegte, ob er versuchen sollte, einen der anderen zu wecken. /Erhöht das die Chancen, hier rauszukommen? Oder minimiert es sie?/

Als er die Tür direkt neben sich entdeckte, beschloss er, erst einmal vorsichtig Erkundigungen einzuziehen, ehe er irgendetwas entschied. /Im Zweifelsfall wecke ich sie alle und wir machen einen Ausfall./ Nervös biss er sich auf die Lippe und sah zu der Tür hin. /Und jetzt wirst du albern./

Er atmete tief durch, trat zu ihr hin und betrachtete sie erst einmal, als er feststellte, dass sie keinen Griff hatte. Doch schnell hatte er den Mechanismus gefunden, ein einfacher Schalter in der Wand, den man drücken musste wie bei den Türen eines Zugwaggons. Eilig ging er an der Wand in Deckung, als sie mit einem leisen Zischen beiseite glitt, und wartete ein paar Augenblicke ab, ehe er es wagte, den Kopf so weit vorzustrecken, dass er durch die Öffnung hinaus sehen konnte.

Ein kahler Gang erstreckte sich weit nach links und ein kurzes Stück nach rechts, erhellt von kaltem Licht aus kleinen, in die Decke eingelassenen Spotlights, die gegen die Dämmerung des anderen Raumes so hell waren, dass er blinzeln musste. Doch auch so konnte er erkenne, dass der Korridor menschenleer war. Das einzige, was das sterile Grau der wie gebürsteter Edelstahl wirkenden Wände unterbrach, waren drei Türen. Eine befand sich direkt gegenüber der, durch die er hinaus sah, zwei weitere an jeder Schmalseite.

Unruhig knetete Milan seine kalten Hände; es gab nichts, was darauf hinwies, welche der Türen ungefährlich für ihn zu öffnen wären. /Okay, probier es einfach. Schlimmer, als hier fest zu stecken, kann es eigentlich nicht mehr werden./ Prompt nannte ihm sein Kopf tausend Möglichkeiten, wie es definitiv noch schlimmer werden konnte, doch er schob die ungebetenen Bilder energisch beiseite, ehe sie ihm den Mut zu weiteren Schritten rauben konnten.

Er huschte auf den Flur und öffnete die Tür gegenüber, schlicht, weil es die nahste war. Als sie leise zischend beiseite glitt, spürte Milan, wie ihm das Herz tiefer zu sacken schien. Ihm offenbarte sich genau das gleiche Bild, das er gerade hinter sich gelassen hatte. Reihe um Reihe bedeckten halbe Plexiglasröhren die Wände, in denen regungslose Männer lagen. Nahezu selbständig betätigten seine Finger den Mechanismus erneut, um die Tür wieder zu schließen und ihm die Sicht darauf zu versperren.

Das Zittern, das seinen Körper schüttelte, kam nicht nur von der Kälte. Er musste einen Moment innehalten, um sich zu beruhigen, die Stirn gegen das kalte Metall der Tür gepresst. /Himmel, ich muss hier raus! Ich muss die Polizei, die Regierung, irgendwen verständigen! Das sind Hunderte, die hier gefangen gehalten werden für irgendwelche bizarren Versuche!/

Fahrig strich er sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht, ehe er entschlossen die Lippen zusammen presste. Er würde hier raus kommen. Wer auch immer dafür verantwortlich war, er würde sie aufhalten, indem er ihre illegalen Handlungen ans Licht brachte! Leise tappte er auf nackten Füßen zur nächsten Tür; seine Finger bebten, als er den Knopf drückte, halb und halb erwartend, wieder den gleichen Anblick vor sich zu haben.

Doch dieses Mal gab die Tür den Blick auf eine Art kleinen Lagerraum frei, in dem Regal an Regal stand, so dass mehrere Gänge gebildet wurden. Jedes dieser Regale war wiederum in kleine, quadratische Fächer unterteilt, die mit kleinen Schildchen beschrifteten waren, deren Zeichen Milan jedoch nicht entziffern konnte. Was er aber feststellte, war, dass die Regale exakt das enthielten, was er sich für den Moment am meisten wünschte. Kleidung.

Mit einem erleichterten Aufseufzen huschte er in den Raum, nachdem er sich versichert hatte, dass er wie die beiden anderen nicht bewacht wurde. Während er sich umsah, stellte er irritiert fest, dass die Kleidung grundsätzlich gebraucht und oft sogar ziemlich dreckig war, und er fragte sich, ob es die der Männer sein konnte, die hier gefangen gehalten wurden. Aber wenn ja, warum wurde sie hier so ordentlich aufbewahrt?

Er konnte sich keinen Reim darauf machen, doch für den Moment war es ihm auch ziemlich gleichgültig. Es dauerte nur kurze Zeit, bis er etwas in seiner ungefähren Größe entdeckte. Die Jeans war zwar ein wenig zu weit, rutschte ihm aber nicht von der Hüfte, und sie war relativ sauber, ebenso wie das dazugehörige, grob gewebte Hemd mit dem indianischen Folkloremuster. Um passende Schuhe zu finden, suchte er schon ein wenig länger, aber er wollte auf jeden Fall robuste Stiefel, die er im Regenwald sehr zu schätzen gelernt hatte. Ihm lag nicht viel daran, auf Schlangen zu treten und ihre Zähne plötzlich in den Waden zu haben.

Doch schließlich war auch passendes Schuhwerk gefunden, und Milan fühlte sich wesentlich wohler als noch vor wenigen Minuten. Den Abschluss bildete ein blaues Halstuch, unter dem er das verräterische Band versteckte, hoffend, dass es vielleicht ausreichen würde, um jemanden, der nur flüchtig auf ihn achtete, hinters Licht zu führen. /Scherzkeks. Wahrscheinlich tragen sie alle weiße Laborkittel; und allein deswegen wirst du auffallen wie ein bunter Hund./

Als er vorsichtig den Lagerraum verließ, musste er allerdings feststellen, dass das Geräusch der Schritte seiner neuen Stiefel sehr viel lauter auf dem kalten Boden widerhallte als vormals das seiner nackten Füße. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse und bemühte sich, einigermaßen lautlos aufzutreten. So leise wie möglich ging er zu der letzten Tür und hielt die Luft an, als er sie öffnete. Hier gab es keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Er brauchte Glück.

Der Raum dahinter war nicht besonders groß und, wie Milan feststellen musste, auch nicht leer. Mit dem leisen Zischen, mit dem die Tür beiseite glitt, drehte sich ein junger Mann in Jeans und weißem T-Shirt zu ihm um, der offensichtlich gerade noch hinter ein paar Kisten am Kramen gewesen war.

Milans Herz machte einen schmerzhaften Satz, als er direkt in die erschrockenen Augen blickte, die keinen Zweifel daran ließen, dass der andere ihn wirklich gesehen hatte. Und ziemlich offensichtlich nicht glaubte, dass er hierher gehörte.

/Und das, obwohl wir beide keinen Laborkittel tragen/, schoss es Milan absurderweise durch den Kopf, als er sich hastig umsah, um irgendeine Möglichkeit zu finden, hier rauszukommen, ohne dass der andere Alarm schlug. Zwei Türen führten von hier weg, jedoch zwischen ihm und ihnen befand sich der Mann.

Einige Holzkisten standen derart ungeordnet herum, dass es aussah, als hätte jemand sie kräftig durcheinander gewirbelt. Bei einigen war nur der Deckel geöffnet, bei anderen war der Inhalt über den Boden verteilt worden. Milan konnte neben jeder Menge Holzwolle einige technischen Geräte erkennen, von denen er beim besten Willen nicht sagen konnte, welchem Zweck sie dienen mochten, Tücher, in die Dinge eingeschlagen waren, doch nichts, was ihm auf dem ersten Blick irgendwie nützlich sein konnte.

/Scheiße!/ Entschlossen biss Milan die Zähne zusammen und ballte die Fäuste, musterte den anderen abschätzend. Der junge Mann war zwar größer als er, aber vielleicht konnte er es durch Geschwindigkeit wieder ausgleichen. /Ich muss hier raus! Egal wie! Ich muss es zumindest versuchen./

Doch anstatt, dass der Mann ihn zu überwältigen versuchte oder nach Hilfe rief, warf er einer der Türen einen nervösen Blick zu, dann legte er einen Finger auf die Lippen und sah ihn beschwörend an. Vollkommen überrascht fragte sich Milan, ob es dem anderen genauso ging wie ihm und ob auch er entkommen wollte. Dennoch zögerte er. /Und was, wenn nicht? Wenn er mich in Sicherheit wiegen will, um mich dann um so effektiver auszuschalten?/

Aber allzu viel Wahl hatte er nicht. /Ich riskiere es... Wenn ich merke, dass er ein falsches Spiel mit mir treiben will, kann ich es ja immer noch anders versuchen. Dann rechnet er vielleicht nicht mehr damit./ Außerdem schien die Nervosität des anderen echt zu sein. /Was aber nicht unbedingt darauf zurückzuführen sein muss, dass er Angst hat, entdeckt zu werden/, erklärte ihm seine innere Stimme gehässig.

Der junge Mann schob sich an zwei Kisten vorbei, stieg über das Chaos des Inhalts einer dritten hinweg und blieb dann zwei Schritte vor Milan stehen, hob kurz die Hände, wie um ihm zu zeigen, dass er unbewaffnet war. Unsicher grinste er ihn an.

"Hey", flüsterte er und fuhr in Englisch fort "Ich habe keine Ahnung, wie du da rausgekommen bist, aber hier kannst du nicht bleiben. Wenn du mich lässt, helfe ich dir nach draußen; von dort musst du dich dann aber allein durchschlagen."

Misstrauisch flog Milans Blick über ihn. "Wo bin ich hier? Und warum hilfst du mir, und kommst nicht selber mit? Das ist doch abartig, was hier abläuft!"

Der Mann schnitt eine Grimasse und zuckte mit den Schultern. "Es würde zu lange dauern, um es dir zu erklären. Jeden Moment kann einer von ihnen reinkommen. Tatsache ist, dass ich es besser getroffen habe als viele andere und ganz besonders die diesmalige Fuhre. Ich will nicht riskieren, dass sich das ändert. Also, was ist?"

"Fuhre? Scheiße, das sind nicht alle? Und wer sind 'die', die hier reinkommen können? Mediziner? Chemiker? Was machen sie?", wisperte Milan halb neugierig, halb entsetzt. /Wenn der mir noch ein wenig mehr sagen kann, dann ist es vielleicht einfacher, die Polizei davon zu überzeugen, dass das nicht einfach nur eine Spinnerei ist von mir./

Ohne weitere Umstände griff der andere Mann nach ihm und schob ihn in Richtung einer der Türen. "Ich sag doch, das braucht zu lange. Glaub mir, es ist noch viel schlimmer, als du dir vorstellen kannst."

Während der andere etwas in eine Art Zahlenfeld eintippte, fragte sich Milan benommen, was noch schlimmer sein könnte als ein Genlabor, das Menschen zu Forschungszwecken entführen ließ. Ihm fiel nichts ein, doch er hatte auch keine Zeit zum Nachdenken, als der Mann ihn in eine Art Schleuse schob, und zur gegenüberliegenden Tür bugsierte. Auch diese öffnete er mit einem Code.

Blätter, Äste und Lianen war alles, was Milan auf den ersten Blick zu Gesicht bekam, doch die Luft, die ihm entgegenschlug, war nicht so heiß und feucht, wie er erwartet hatte. Der andere Mann betätigte einen Schalter, was eine Leiter aus der glatten Wand herausfahren ließ. "So, ab jetzt bist du ganz auf dich gestellt. Ich wünsche dir viel Glück."

Milan starrte in das grüne Dickicht und musste schlucken. Wie sollte er hier je einen Weg zur nächsten Stadt finden? Würde er überhaupt überleben? Er hatte noch nie versucht, sich durch einen Urwald zu schlagen, sich auch nur allein mit Essen zu versorgen, das man nicht im Supermarkt kaufen konnte. Allein der Gedanke, in dem, was man auch als die grüne Hölle bezeichnete, ohne Hilfe zu sein, ließ ihm mit einem Mal in Angstschweiß ausbrechen. Doch als er daran dachte, was ihn hier erwarten würde, wusste er, dass er es versuchen musste.

"Du hast nicht zufällig eine Waffe für mich?", fragte er trotzdem und schluckte ängstlich.

Für einen Moment überlegte der andere, dann zuckte er mit den Schultern. "Ein Messer, mit mehr kann ich dir nicht dienen. Warte." Er löste seinen Gürtel, an dem neben eben jenem erwähnten, kaum handlangen Messer eine Reihe von Schraubenziehern und Zangen und eine Metallflasche hin. Das Werkzeug entfernte er, Flasche und Messer ließ er aber, wo sie waren. "Hier, nimm das. Viel Glück. Ich hoffe, du schaffst es."

"Danke... für alles." Milan schnallte den Gürtel um, dann atmete er tief durch und machte sich daran, die Leiter hinab in das Dickicht des Urwalds zu klettern.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh