Zwischen den Welten

2.

Niel hatte schon geahnt, dass es kein gutes Zeichen war, wenn das Transportschiff, in dem er in unglaublich spannenden Verstecken umher geturnt war, zu zischen und fauchen begann. Als es dann ruckelte, als alle Lichter im gesamten Rumpf erloschen, um genügend Energie für den Start zu sparen, wurde auch er ein wenig nervös. /Wenn ich jetzt gefunden werde, dann bringt mein Vater mich um. Ich hätte das hier nie tun dürfen! Verdammt!/

Er musste sich verstecken, in einem der Lagerräume in den Tiefen des vollkommen leeren Schiffes. Nicht irgendein Schiff. Es war die Laguna 3, das Sklaventransportschiff, das zu der sagenumwobenen Erde fuhr.

Niel war neugierig und viel zu frech, zudem respektlos. Eine Kombination aus diesen Eigenschaften hatte sich addiert und ihn dazu gebracht, sich im Gewühl eines Marktes in der Stadt von seinem Lehrer und Geliebten Jashuun zu trennen, ihm davonzulaufen, um einmal ein Abenteuer allein zu bestehen.

/Ich war so dumm, ich war so dumm.../ Das zu denken half nicht und deprimierte ihn, weswegen Niel damit aufhörte. Er hatte nach einigen Fehlversuchen einen Raum gefunden, in denen Maschinen summten, in dem es dunkel war und durch Rohrleitungen unübersichtlich, so dass er sich verstecken konnte.

Als nächstes hatte er den schwarzen Overall geklaut, was ihm ein gewisses morbides Vergnügen bereitete. Zu stehlen hatte immer einen gewissen Reiz für ihn gehabt, auch wenn er sich das Gesicht von Jashuun nicht dazu vorstellen wollte.

Niel musste die Fußenden des Overalls einige Male umkrempeln, bevor er seine Füße endlich zu Gesicht bekam. Grinsend wackelte er sich selber mit den vier Zehen zu und zog sich seine weichen Schnürschuhe wieder heran.

Er strich, bevor er den linken Schuh überstreifte, noch einmal sachte über den silbernen Ring, den er am zweiten Zeh trug. Jenen hatte Jashuun ihm geschenkt, als er einhundertdreiunddreißig geworden war. /Das ist schon über ein Jahr her, wie die Zeit vergeht./ Ein zartes Alter für einen Elf, aber Niel gedachte ja, auch noch einiges älter zu werden.

Unglücklich betrachtete er die gekürzten, nun arg beutelig aussehenden Hosenbeine. Wenn er nur noch ein wenig wachsen könnte. Mit seinem einem Meter und sechsundfünfzig war er selbst für seine Rasse arg klein. Und dann diese unglaublichen, viel zu langen Ohren. Man fragte sich im ganzen Land, mit wem er verwandt war. Sein Vater war stattlich groß, hatte zierliche Ohren und war kräftig, nicht so ein mageres Leichtgewicht wie Niel.

Niel zerrte den immer wieder klemmenden Reißverschluss bis an den Hals zu, schlug den Kragen hoch, um seinen Nacken zu bedecken, dann krempelte er verärgert schnaufend die Ärmel auch noch einige Male um, bis seine Finger erschienen.

Energisch strich er sich mit beiden Händen die blonden Haare hinter seine Ohren. Er seufzte und kroch in das Regal zurück, um einen Blick über die Kisten zu werfen, die so sauber gestapelt vor ihm standen.

/Nun habe ich ja mein Abenteuer. Ich hab es ja nicht anders gewollt./ Er hatte es gut genug gehabt, auch wenn Jashuun ihn manchmal viel zu sehr trainieren ließ, manchmal bis Niel am Abend keine Lust mehr hatte zu den Spielchen, die sich sein Geliebter und Lehrer für das Bett einfallen ließ.

In diesem Moment, in der Dunkelheit und Kühle des Frachtraums, wollte Niel nichts lieber, als all diese Muskelschmerzen von den geschickten, schlanken Händen wegmassieren lassen und sich niemals wieder in solch eine schrecklich dumme Lage bringen.

/Ich bin schon eine gute Woche weg. Hoffentlich überlebe ich die Strafe, die er sich dafür ausdenkt./ Niel war schon öfter einmal länger fort gewesen, aber nie ohne Jashuun und nie, wenn auch sein Vater abwesend war. Und schon gar nicht in einem Raumschiff, so dass er nicht auf dem Planeten zu orten war. /Jashuun wird mich umbringen! Mir tut jetzt schon alles weh, wenn ich nur daran denke./

Er wollte gerade so richtig in peinlichem Selbstmitleid zerfließen, als ein Mensch den Frachtraum betrat, in dem er sich versteckt hielt. Niel kroch weiter zurück in das Regal und fand seine mangelnde Größe mit einem Mal wieder sehr angenehm. Der Mensch ging einige Kisten durch und begann dann, die Deckel aufzustemmen, um einige Metallgeräte herauszuheben.

/Wir sind gelandet! Vielleicht soll ein Außenposten mit Maschinenteilen versorgt werden! Das ist meine Chance! Ich schleich mich raus und schaffe den Weg irgendwie zu Fuß./ Der Fußmarsch durch den Dschungel war allemal die bessere Idee als die andere Option, nämlich die, dass man ihn erwischte und Jashuun ihn dann abholen kommen würde.

Ein vernichtender Blick, dann ein leichtes, aber deutlich verächtliches Zucken um den schönen Mund, gleich darauf würde er Niel dann wieder mit zu viel Kraft im Nacken fassen und ihn abführen, oder schlimmer noch, ihn hochheben und wie eine Bündel über die Schulter geworfen raustragen und ihm womöglich währenddessen auf den Po klopfen. Was für eine Schande, aber Jashuun zuzutrauen. Erst recht, wenn man bedachte, dass der sonst so zurückhaltende Lehrer mit Sicherheit wütend sein würde.

Niel beobachtete den Menschen mit dem weißen Shirt eine Weile. Er mochte die Menschen. Er mochte ihre kräftigen Körper, und er war versessen auf diese runden Ohren, zu herrlich. Zudem waren die meisten dort sehr empfindlich. Außerdem fanden ihn viele niedlich und ließen zu, dass er sich ihnen näherte, wenn er Interesse an einer Nacht mit ihnen hatte. Jashuun natürlich war eine andere Sache. Er hatte es Niel am ersten Tag erklärt und Niel später recht schmerzlich noch einmal in Erinnerung gebracht.

/Er bringt jeden Menschen um, den er auch nur in meiner Nähe sieht, eifersüchtiger Tyrann./ Erschaudernd erinnerte er sich, wie Jashuun den einen jungen Mann mit seiner metallbespannten Peitsche erschlagen hatte, einfach so, ohne mit der Wimper zu zucken. Sein Mund zeigte lediglich eine Andeutung der Wut, die er empfand. Es war Niels Schuld gewesen, und er respektierte Jashuun ja trotzdem, aber musste ausgerechnet sein Liebhaber ein schlecht gelaunter, zynischer, brutaler Spaßvernichter sein?

Ein Geräusch riss ihn aus seinen Überlegungen. Ein weiterer Mensch kam in den Frachtraum. Zuerst wollte Niel den Blick abwenden, um weiter über Jashuun nachzudenken, doch dann fiel ihm etwas an der Haltung des schwarzhaarigen Mannes auf.

Er war durch und durch angespannt, sein nervöser Blick zuckte über die Regale und den anderen Mann, glitt unstet zur Tür zurück, dann wieder auf den Mann zu. Er war geduckt in den Schultern, wie zum Todeskampf bereit.

Eines der kühlen Lichter fing sich in seinen Augen, als er die Haare aus der Stirn schob, und Niel vergaß augenblicklich, was Jashuun auch ihm angedroht hatte, für den Fall, dass er sich noch einmal mit einem Menschen abgab.

/Was für ein Juwel! Diese goldenen Augen, Wahnsinn! Oh, den muss ich haben... Jashuun... egal. Er sieht so ängstlich aus. Bei der Größe verwunderlich; und kräftig ist er doch auch, was er wohl hat? Hmmm, was für eine Stimme. Ich wünschte, ich könnte die Menschensprache verstehen. Er ist der reinste Schatz! Außerdem lenkt er gerade den anderen ab. Schade... ich sollte besser flüchten. Jashuun hätte mich und ihn eh umgebracht. Ich muss meine Chance nutzen! Leb wohl, Goldaugenschönheit./

Geschmeidig duckte Niel sich hinter einige Kisten, dann kroch er durch eine Luke auf den Außengang und von dort durch das offene Tor in den feuchtwarmen Dschungel. Er orientierte sich rasch an den zwei Sonnen, die schon recht schräg standen, dann lief er einige Schritte in den Wald hinein, noch immer in Schwärmereien um den Mann vertieft.

Er beschloss, bis zum Start der Maschine keine Risiken einzugehen und versteckte sich hinter einigen Wurzeln in der Nähe, um die Wachen und Sklaven zu beobachten, die in der Tat einen selbsttätigen Außenposten neu ausstatteten, um dann wieder im Inneren zu verschwinden.

Die letzte Luke ging jedoch noch nicht zu, stattdessen sprang, noch immer so verloren und verwirrt aussehend, der junge Mann mit den Goldaugen heraus und lief dann, geduckt und ängstlich allen Pflanzenzweigen ausweichend, einige Schritte auf das Unterholz zu. Niel schwang sich von seinem Sitzplatz herunter und folgte ihm leise.

 

Milan hatte das Gefühl zu verzweifeln. Er stand mitten im kolumbianischen Urwald und hatte keine Ahnung, wohin er gehen sollte. Alles um ihn herum sah so erschreckend gleich aus. Wasser schillerte auf dunklen, grünen Blättern, tropfte überall herab und ließ Stämme und Zweige glitzern, brach das Licht der vereinzelten Sonnenstrahlen, die es durch das dichte Dach bis auf den Boden schafften. Um ihn herum summten und sirrten Tausende kleiner Insekten, er konnte verzerrt die fremdartigen Stimmen ihm unbekannter Tiere hören, Vogelschreie, Gezwitscher. Der Duft schwerer, nasser Erde und vermodernden Laubs hüllte ihn ein.

Für einen Moment schloss Milan die Augen, suchte Ruhe und verdrängte die Gedanken an Spinnen, Schlangen und Raubtiere, die ihm hier auflauern mochten. /Es hat keinen Zweck, wenn du auf gut Glück losmarschierst. Du wirst dich verlaufen und an Fieber oder sonst etwas sterben. Geh das ganze mit einem Plan, mit Logik an./

Er hielt inne, ließ Revue passieren, was er hatte. /Ein Messer. Eine Flasche. Etwas zum Anziehen und ein Halsband, das unter Umständen einen Sender enthält. Und.../ Unsicher sah er zurück, doch der dichte Wald hatte den Blick auf das Labor oder was auch immer es sein mochte, verschluckt. /Es muss Wege und Straßen von hier weg geben. Sie können doch nicht die ganze Versorgung über Luftwege aufrecht erhalten, oder? Nicht bei etwas derart Großem./

Die Idee gab ihm Mut, und er kehrte noch einmal um, um von dem Gebäude aus einen Weg zu suchen, der ihn von hier fortbringen würde. Doch schnell musste er feststellen, dass sein Orientierungssinn inmitten dieser grünen Eintönigkeit vollkommen versagte. Er erinnerte sich nicht, wo er hergekommen war, und die Versuche, zurückzufinden, endeten damit, dass er nur noch weniger Ahnung hatte, wo genau er sich jetzt befinden mochte.

Die Nervosität in ihm wuchs, und es kostete ihn immer mehr Anstrengung, sie nicht zur Panik werden zu lassen. /Es hilft nichts, wenn du anfängst zu schreien oder den Kopf zu verlieren. Alles, was du erreichst, ist, dass sie dich um so schneller wiederfinden/, sprach er sich selber Mut zu.

Unvermittelt blieb er stehen, als er unter einer Wurzel hinweg tauchte und plötzlich auf einem Pfad stand, den er noch Sekunden zuvor nicht gesehen hatte. Er war schlammig und schmal, kaum als solcher zu erkennen, doch inmitten des Urwaldes war er ein Geschenk, das Milan fast augenblicklich in gute Laune versetzte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die Erleichterung spürte, die ihm für einen Augenblick fast alle Kraft zu rauben drohte.

"Na siehst du", murmelte er und atmete durch. "Ab jetzt kann es ja nur noch besser werden."

Er zögerte, sah in beide Richtungen, ohne sich schlüssig darüber werden zu können, welche ihn jetzt weg von dem Labor bringen würde, und ging schließlich einfach auf gut Glück los. Im Zweifelsfall würde er eben wieder umkehren müssen. Er konnte nur hoffen, dass seine Flucht nicht zu schnell bemerkt werden würde.

 

Niels Mund wurde trocken. Dieser wunderschöne Mensch war so niedlich und er sah so verdammt sexy aus in den verschwitzten Sachen, und er war liebenswert tollpatschig, was Niel schon immer so gern gehabt hatte an den Sklaven, die er kannte. Eben gerade hatte der Mann Niel mit einem himmlisch unschuldigen Lächeln schier den Verstand geraubt.

Allerdings wurde dem faszinierten Elfen eines gleich darauf klar. Der Mann hatte keine Ahnung. Er schien nicht zu wissen, dass er dabei war, tiefer in den Wald zu irren. Er benahm sich nicht, als ob er wusste, dass es nicht auf seinem Heimatplaneten war, und er benahm sich auch nicht wie ein entschlossener Einzelkämpfer, der in diesem Wald vielleicht überleben konnte.

/Was für ein hübscher Mensch, aber wie ungeschickt... Da, er stolpert gleich schon wieder, oh je!/ Niel unterdrückte ein Lachen und schob ungeduldig an dem nun eher hinderlichen Overall, aber das Ausziehen wäre zu laut gewesen, und er wollte es nicht riskieren, seinen Menschen aus dem Augen zu verlieren.

Er hatte die schnellen Reaktionen und die Wendigkeit der Jumer, zudem war er gnadenlos trainiert worden in den letzten zwanzig Jahren. Deswegen traute er sich durchaus zu, dass er den jungen Mann mit den Goldaugen verteidigen konnte, auch wenn seine Größe dagegen sprach.

Mit seiner Waffe, derselben, die auch Jashuun führte, der Peitsche, konnte er mittlerweile schon sehr gut umgehen. Mit einem verzückten Lächeln beobachtete er die verschiedenen Unsicherheiten des Mannes und folgte ihm dennoch zunächst unsichtbar, da sein Objekt immerhin auf den Fluss zuhielt, an dem entlang es sich mit Sicherheit leichter zur Steppe finden ließ. Zu der mussten sie ohnehin, denn im Dschungel würden sie nicht schnell genug voran kommen.

 

Milans gute Laune schwand allmählich und wich einer lähmenden Müdigkeit. Die Sonne, die man von hier unten nicht sehen konnte, sondern die sich durch wenige Lücken und durch Blätter gefiltertes grünes Licht nur erahnen ließ, verriet ihm keine Himmelrichtung und keine Tageszeit. Lediglich, dass es dunkel wurde, konnte er irgendwann erkennen. Und mit dem Einbruch der Nacht setzten all die Geräusche und Stimmen ein, die Milan schon an dem einen Abend in Gesellschaft der Arbeiter so beängstigend gefunden hatte.

Er biss die Zähne zusammen und tastete nervös nach seinem Messer, wenn er auch nicht wusste, ob es ihm wirklich etwas bringen würde. Aber es verlieh ihm ein kleines Gefühl von Sicherheit, einen Hauch von Schutz. Er war nicht ganz so hilflos wie ohne.

Bevor es vollkommen dunkel wurde, musste er einen Platz gefunden haben, der ihn nicht allen Gefahren eines nächtlichen Urwaldes auslieferte und an dem er die Nacht verbringen konnte. Es stand vollkommen außer Frage, dass er weiterlaufen würde. Er stolperte jetzt schon oft genug, in der Nacht würde er höchstens den Pfad verlieren, der doch das einzige war, an das er sich halten konnte.

Unbehaglich sah er sich um, während seine Schritte immer schleppender wurden. Er wusste, dass er in der Nacht tausend Tode sterben würde. Denn bereits jetzt erschien ihm jedes Geräusch doppelt so laut und gefährlich wie noch vor wenigen Augenblicken, und mit dem Schwinden des Lichts wurde es immer schlimmer. Allmählich fragte er sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, aus dem Labor fortzulaufen und in den Urwald hinein. Vielleicht hätte er erst einmal versuchen sollen, so etwas wie eine Zentrale zu finden und von dort aus um Hilfe zu funken.

Seine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. /Du hast nicht die geringste Ahnung, wie man auch nur ein einfaches Funkgerät bedient. Erst recht nicht solche technischen Hochleistungsgeräte, die sie mit Sicherheit dort haben werden./ Das brachte die Erinnerung an die Plexiglasröhren mit all den schlafenden Männern zurück. Unbewusst tastete er unter dem Halstuch nach dem Band. Er schluckte. Nein, es war die einzige Möglichkeit gewesen.

Aus den Augenwinkeln meinte er, eine Bewegung zu sehen, doch als er sich erschrocken umdrehte, konnte er nur weitere Blätter, dunkle Schatten und dichtes Astgewirr entdecken. Er biss sich auf die Lippe und schluckte hart. /Wenn ich das hier überlebe, werde ich gläubig/, dachte er erschöpft. Doch dann sah er die kleine Höhlung in einem der dicken Bäume, die ihre Äste über den Pfad streckten. Sie befand ein wenig über dem Boden, war aber selbst für einen ungeübten Kletterer noch ganz gut zu erreichen.

Erleichtert atmete er auf und machte sich daran, den Baum zu ersteigen, ohne auf dem glitschigen Moos wieder hinab zu rutschen. Nach einer kurzen Prüfung stellte er fest, dass die kleine Höhlung auch unbewohnt war. Er löste das Messer und die Flasche von dem Gürtel und kauerte sich in dem sogar relativ trockenen Fleckchen zusammen. Sein Magen knurrte fordernd, doch er konnte ihn nur mit einigen Schluck lauwarmen Wassers betäuben. Die Hand fest um den Messergriff geschlossen, starrte er in den dunkler werdenden Urwald hinaus und versuchte, sein immer schneller schlagendes Herz zu ignorieren.

 

Niel machte es sich oberhalb des Menschen auf einem dickeren Ast bequem und begann ihn zu bewachen. Einige Male war der Mann schon sehr dicht an gefährlichen Schlingpflanzen und giftigen Schlangen einfach blind vorbeigelaufen. Zudem mal wieder fast im Kreis.

/Ich sollte ihm helfen. Er sieht müde aus... so schutzbedürftig, aber andererseits kann er das ja auch so vorspielen. Ich bin nicht leise, er kann mich gehört haben./ Nur kurz dachte Niel an Jashuun, der ihn mit Sicherheit schon gehört hätte, aber er verdrängte die Gedanken an den Lehrer wieder und versank statt dessen in den Anblick des nervösen jungen Mannes, dem er sich so gern nähern würde. Viel zu gern schon.

/Ob er mich... Er würde mich schrecklich hässlich finden. Meine Ohren allein. Wieso hat das Schicksal mich so hässlich sein lassen? Wenn ich doch nur so attraktiv sein könnte wie Jashuun. Wenn er die Straße runtergeht, dann hängt doch allen die Zunge am Boden./ Er lachte leise in sich hinein. /Mir ja auch, sonst hätte ich ihn doch nie verführt. Hey! Wenn ich es bei Jashuun schaffen konnte, dann kann ich es doch bestimmt auch bei dem Mann hier schaffen. Er wird vielleicht für meine Hilfe ein wenig dankbar sein, und dann kann er mich doch auch mal küssen. Wenn ich nur nicht so sehr von ihm geküsst werden wollte, wäre alles leichter!/ Er seufzte, dann stützte er das Kinn in die Hände und starrte seine Neuentdeckung verliebt an, während um ihn her der Lärm des nächtlichen Dschungels begann.

 

Es war Milan unmöglich, in der Nacht auch nur einigermaßen Schlaf zu bekommen. Kaum driftete er ein wenig weg, setzte ein neues, unbekanntes und beängstigendes Geräusch ein und riss ihn wieder heraus. Überall schnatterte und raschelte es, Äste brachen, es zischte, tropfte, summte. Er vermeinte Augen zu sehen, glühend, ihn anstarrend. Dann wieder schreckte er hoch, weil ihn etwas berührte. Und der einzige Grund, warum er nicht vor Angst schrie, war der, dass er panische Furcht hatte, dass es noch mehr Tiere anlocken könnte.

Als der Morgen mit grauen Fingern nach dem Dschungel griff, war er erschöpfter als am Tag davor. Müde rieb er sich das Gesicht, strich sich die zerzausten Haare aus dem Gesicht und kratzte gedankenverloren an einigen Stichen, die er abbekommen hatte, ohne es zu merken. Die Idee, den Rettungstrupp spielen zu wollen, kam ihm immer weniger verlockend vor, aber auch dieses Mal war es die beängstigende Erinnerung an die Plastikröhren, die ihn dazu brachte, aus der Höhlung zu klettern und zu dem Pfad zurückzukehren.

Er streckte seine steifen Muskeln und rieb sich die schmerzenden Stellen, an denen sich irgendwelche Unebenheiten in seinen Körper gebohrt hatten. /Wie groß sind die Chancen, dass ich lebend irgendwo ankomme? Wenn ich wenigstens schon die Tour mit dem Führer hinter mir gehabt hätte! Die erzählen doch immer ganz nützliches Zeug. Irgendetwas, das mir weiterhelfen könnte. Und wenn es nur wäre, wie ich mich hier orientiere. Und etwas zu essen finde, das nicht mich frisst./

Missmutig verzog er das Gesicht, als sein Magen wieder fordernd knurrte. "Schweig still", murmelte er. "Es gibt nichts."

Als er den Pfad entlang sah, spürte er für einen Moment Panik. Er konnte sich nicht daran erinnern, wo er hergekommen war. Es war ein schmerzender Stich in seiner Magengrube, der bewirkte, dass ihm fast schlecht wurde. /Himmel, ich will nicht zurücklaufen! Die haben bestimmt schon angefangen, mich zu suchen./

Doch dann entdeckte er eine besonders charakteristische Wurzel, über die er gestolpert war, eine spezielle Anordnung von seltsamen Pflanzen, die ihm aufgefallen war. Erleichtert lächelte er, trank ein paar Schluck aus der Flasche und machte sich wieder auf den Weg. /Wenn sie leer ist, werde ich trinken müssen, was kommt. Nicht, dass ich hier nicht genug Wasser hätte. Aber ob es so ungefährlich ist, es zu trinken?/ Und Hunger hatte er ohnehin schon.

Als er schlimmer wurde, begann er sich aufmerksam umzuschauen, ob es nicht irgendetwas gab, was ihm bekannt vorkam. /Kiwis? Mangos? Bananen? Irgendetwas in der Art?/ Schließlich entdeckte er etwas, was er erkannte. Ein Strahlen huschte über sein Gesicht, als er den Weg verließ, um zu dem Baum mit den gelblichen Früchten zu gelangen. "Papayas!"

Er musste sich strecken, um die untersten pflücken zu können, doch es reichte, um vier Stück zu ergattern. Erleichtert kehrte er zum Weg zurück und setzte sich im Schneidersitz auf einen umgestürzten Baumstamm, die gelben Früchte platzierte er im Schoß. Ihm lief bereits das Wasser im Mund zusammen, als er an das süße Fruchtfleisch auch nur dachte.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh