Zwischen den Welten

3.

Niel war verzweifelt. Er hatte sich nur kurz dem Fordern der Natur gebeugt und war ein wenig von dem Fremden fortgeschlichen. Als er zurückkehrte, war es, typisch für diese Gegend, blitzartig hell geworden, die zwei Sonnen schickten ihre schon eher brennende Strahlen durch das dampfenden Dickicht. Was jedoch schlimmer war, sein Mensch war fortgelaufen! Niel trat sich in Gedanken selbst und musste einige Pfade untersuchen, bevor er die Spuren von den Profilsohlen des Mannes endeckte. Als er sein Objekt jedoch wiederfand, schlug er fast die Hände über dem Kopf zusammen.

Der Idiot war dabei, Junkafrüchte zu essen! Diese würden ihm die nächste Zeit mindestens Magenkrämpfe, Erbrechen und Durchfall bescheren. /Menschen können davon sterben, sie sind so zerbrechlich! Das ist ein Zeichen. Ich muss ihm helfen!/

Entschlossen sprang Niel aus seinem Versteck hervor und rannte auf den Menschen zu. "Nicht essen! Die sind giftig, Mensch!" Nach einigen Schritten bemerkte er neben der leichten Panik auf dem Gesicht seines Menschleins auch eine beginnende Verwirrung. /Er muss ein Band haben, ob es verrutscht ist? Hat er deswegen fliehen können?/

Niel baute seine geringe Größe vor dem verwirrten Mann auf, ignorierte sein Herzpochen bei dem Anblick dieser wunderschönen Augen und erklärte sehr langsam mit Gesten unterstützt, deren Deutlichkeit er zwar bezweifelte, die aber immerhin verhinderten, dass der Mann aß "Du – darfst das nicht – nicht, nicht, nicht", er wedelte wild mit seinen Händen umher, "essen! Nicht - essen! Giftig!"

Milan war derart erschrocken, dass er die Papaya fallen ließ, die mit einem dumpfen Laut an dem Stamm abprallte, um dann irgendwo im Dickicht zu verschwinden. /Sie haben mich!/, war sein erster Gedanke. /Wenn ich Idiot doch die Rast nicht auf dem Weg gemacht hätte!/

Er wollte aufspringen und in das grüne Labyrinth des Dschungels fliehen, in der Hoffnung, seinen Verfolger dort abschütteln zu können, selbst wenn es hieß, sich dann vollkommen zu verirren. Doch in dem Moment registrierte er, dass das Wesen vor ihm alles mögliche sein konnte – aber mit Sicherheit kein Mensch. Regungslos blieb Milan, wo er war und starrte die kleine, zierliche Gestalt vor sich ungläubig an.

Es war ein Junge, der unmöglich älter als sechzehn oder siebzehn sein konnte, gekleidet in einen schwarzen, viel zu großen Overall, der an Armen und Beinen hochgekrempelt war und der doch nicht verbergen konnte, dass das Wesen sehr schlank, regelrecht grazil war. Die Ärmel waren durch die hektischen Gesten hochgerutscht und gaben die Sicht auf zierliche Handgelenke und schmale, vierfingrige Hände frei, die allein schon jede Aufmerksamkeit verdient hätten, weil der fünfte Finger nicht einfach fehlte, sondern schlicht nie vorhanden gewesen zu sein schien.

Doch gefesselt wurde Milans Blick von dem leicht eckig wirkenden Gesicht. Umrahmt von langen Wimpern schauten ihn unglaublich große Augen in einem leuchtenden Violett an, dessen Intensität Milan fast hätte übersehen lassen, dass die Pupillen nicht rund, sonder oval waren. Die kleine Nase endete in einem frechen, vorwitzigen Stups über dem Schmollmund mit betonter Unterlippe. Umrahmt wurde das Gesicht von dichtem, dunkelblondem Haar, das fransig in die Stirn fiel, aber nicht einmal bis auf die Schultern reichte. Und daraus hervor erhoben sich lange, schlanke Ohren, deren Außenkanten mit feinen, rötlichen Ohrringen verziert waren.

Mit seiner hellen, schönen Stimme, die mehr wirkte, als würde er singen, denn sprechen, sprudelte der Junge Worte oder Sätze hervor, die Milan nicht verstand. Aber er bezweifelte, dass er den Sinn erfasst hätte, selbst wenn ihm die Sprache bekannt gewesen wäre.

"Oh mein Gott", murmelte er fassungslos. "Du bist ein Elf!"

Doch sofort schaltete sich sein Verstand dazwischen, rechnete ihm vor, dass das unmöglich war und dass es keine Elfen gab. Die andere Möglichkeit, die er ihm ebenfalls sofort aufzählte, war realistischer und machte Milan weitaus mehr Angst. /Der Junge muss aus dem Labor davon gelaufen sein! Himmel, was haben die nur mit ihm gemacht? Kennen diese Genforscher denn überhaupt keine Skrupel?/

Der Mann hatte eine weiche Stimme, die selbst harsche Menschensprache freundlich klingen ließ. Niel seufzte verhalten und schlug seine Augen besonders überzeugend zu ihm auf. Treuherzig, unschuldig, ehrlich besorgt, alles, was er im Grunde nur selten war.

Dann näherte er sich dem Mann vorsichtig. /An seinem Hals ist der Transmitter. Damit könnte er mich verstehen./ "Sei lieb, ja? Lass mich an den Transmitter, schöner Schatz. Bist du so gut? Ja?" In Zeitlupe und dem Mann in die Juwelaugen blickend hob er eine Hand und ging noch einen Schritt auf ihn zu.

Milan erwiderte den Blick und wagte sich nicht zu rühren, aus Angst, den Jungen zu verschrecken. Er lauschte seinen fließenden Sätzen, versuchte, irgendeinen Sinn darin zu hören, einen Gleichklang mit Sprachen, die er kannte, zu finden und gab dann auf.

Ermutigend lächelte er den Jungen an, ließ zu, dass er ihm näher kam, wenngleich er auch nicht wusste, was er wollte. Angst schien er aber nicht zu haben; eher erschien er Milan von der unschuldigen Neugier eines Kindes erfüllt zu sein, die alles anfassen musste, um zu erkunden, zu begreifen.

Dann bemerkte er, dass das Ziel sein Hals war, was ihn wachsamer werden ließ, wenn er sich auch nicht vorstellen konnte, dass dieses zarte, schöne Geschöpf ihm etwas Böses wollen könnte. Nicht jemand mit solchen großen, unschuldigen Augen.

"Suchst du nach dem Band?", fragte er und griff langsam nach dem Halstuch, um den Knoten zu lösen. Der Junge würde ihn zwar nicht verstehen, aber das war Milan egal. Stimme war Kommunikation, allein durch den Klang, auch wenn man die Worte nicht kannte, und er bemühte sich, ruhig und sanft zu klingen. "Kennst du das? Hast du auch mal eines gehabt?"

In dem Moment fiel ihm das Messer ein, und er ärgerte sich, dass er nicht längst schon auf die Idee gekommen war, das Band zu zerschneiden. Doch er verzichtete für den Moment darauf, wollte den Jungen auf keinen Fall in die Flucht schlagen.

Niel lächelte und nickte leicht. Langsam und wachsam auf die Körpersprache des Mannes achtend stellte er sich auf die Zehenspitzen und fuhr mit den Fingern zwischen das Band und den Hals des Mannes. Bei ihm Zuhause gab es reichlich Sklaven, sie alle trugen diese Sender an ihrem Hals. Diese übertrugen die Elfensprache in ihr Gehirn und übersetzten die Menschsprache, so dass die Elfen sie verstehen konnten.

Niel ertastete, dass der Schalter klemmte und schaffte es mit einer leichten Bewegung, den Mode von Schlafen auf Übersetzung umzustellen. Der Schlafmode würde ihm hier in der Situation nicht weiterhelfen. Dann hopste er einen Schritt zurück und wiederholte freudig lächelnd "Ich bin Niel. Dieses Obst ist giftig, du darfst es nicht essen."

Milans Augen weiteten sich überrascht, seine schmalen Brauen wanderten in die Höhe. "Du sprichst ja doch die gleiche Sprache wie ich." Er lachte leise und schüttelte den Kopf. "Mann, bin ich froh, dass ich mich nicht zum Narren gemacht habe."

Verlegen strich er sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht und sah auf die Papaya in seinem Schoß hinab. "Giftig? Ich dachte..." Er nahm eine der Früchte auf und betrachtete sie wieder, strich mit dem Finger über die glatte, feste Schale. Als er genauer hinsah, entdeckte er die feinen, dunkleren Poren auf der Oberfläche, spürte Härchen unter seinen Fingerspitzen. "Oh", entfuhr es ihm, und nachträglich wurde er blass. „Die tun nur so, als seien sie Papayas!"

Missmutig ließ er die restlichen Früchte auf den Boden fallen und rutschte dann von seinem Stamm hinab. Wie klein der Junge wirklich war, fiel ihm erst jetzt auf, wo er vor ihm stand und auf den dunkelblonden Schopf hinabsah. "Danke, da hast du mich wohl gerade vor einer Dummheit bewahrt. Ich bin Milan."

Niel lächelte den Menschen an und freute sich einen Moment lang über dessen Vertrauen. Dann sickerten einige Informationen zu ihm durch, die ihm sagten, dass dieser hübsche Mann wirklich noch ahnungsloser war, als er aussah.

"Wir verstehen uns nicht der gleichen Sprache wegen, Milan. Es ist wegen des Transmitters an deinem Hals. Hast du großen Hunger?"

"Transmitter?" Milans Hand fuhr wieder zu seiner Kehle, betastete das kleine Metallstück. "Du meinst, wegen dem Ding hier?" Unruhig zerrte er daran, doch es löste sich nicht. Nein, Hunger hatte er in dem Moment nicht mehr. "Du meinst, dass dieses Stück Metall deine Sprache in meine übersetzen kann und umgekehrt?", versuchte er es erneut und sah den Jungen ungläubig an.

/Das ist zu bizarr und abgefahren, als dass es wahr sein könnte. Diese Gensache hat was bei dir durcheinander gebracht, oder?/ Wieder flog sein Blick zu den langen, schmalen Ohren, musterte verwirrt die großen, leuchtenden Augen.

Niel nickte und betrachtete den Menschen mit wachsendem Interesse. Er hatte noch keinen Sklaven zu Gesicht bekommen, der nicht schon in den Minen gewesen war. Dieser war so putzig in seiner Verwirrung und so sinnlich mit dem leicht geöffneten Mund.

"Der Transmitter wird allen Menschen angelegt, die sie mitnehmen. Er muss verrutscht sein, eigentlich warst du im Schlafmode", erklärte er und lächelte großzügig.

Wieder flog Milans Gesicht über die zierliche, fremde Gestalt des Jungen. Mit einem Mal erschienen ihm die Augen gar nicht mehr so unschuldig. /Von was redet der Kleine eigentlich?/ Ihm wurde bewusst, dass er deutlich mehr wissen musste als er selber, oder zumindest erfolgreich so tat als ob. /Komm, denk nach. Der Knirps spielt bestimmt nur ein Spiel. Pubertierende Kinder!/

"Okay. Alle Menschen tragen so etwas. Entweder schickt man sie damit schlafen oder es übersetzt deine Sprache in meine und umgekehrt." Nein, falsch, er hatte gesagt... "Das heißt, es wird allen Menschen umgelegt. Wer legt es ihnen denn um?" Ganz langsam machte sich wieder die Nervosität in ihm breit, und er dachte zurück an das Labor mit den schlafenden Männern.

Niel bemerkte das Misstrauen und vielleicht auch den Unmut des Menschen und beeilte sich, näher an ihn heran zu treten. Rasch versicherte er "Du bist in Sicherheit, keiner will dir etwas tun. Du bist sicherlich noch nicht registriert worden, das machen die Sklavenhändler erst nach dem Flug mit den Minenbesitzern aus."

"Sklaven... händler...?" Entsetzt starrte Milan den Jungen vor sich an. Ein Puzzleteil fügte sich ans andere und ergab plötzlich den kleinen Teil eines Bildes, das ihm gar nicht gefiel. Die Männer in diesen Röhren, die alle geschlafen hatten, das Band um den Hals, die Schläuche. "Sie werden alle... alle versklavt? Ruhig gehalten von diesen Transmittern, bis sie an ihrem Bestimmungsort sind, ernährt durch diesen Tropf im Arm?"

Ihm wurde fast schlecht bei dem Gedanken. "Ich muss hier weg! Verdammt!" Seine Hände zitterten, als er sich das Haar aus dem Gesicht strich. "Kennst du dich hier ein wenig aus? Weißt du, wie ich zur nächsten Stadt komme? Das ist... das ist... ich muss unbedingt der Polizei Bescheid sagen!"

Niel wusste zwar nicht, was eine Politz Ei sein mochte, aber das Wort Stadt klang doch ausgezeichnet. Sehr bereitwillig richtete er sich auf und deutete mit dem Arm durch das Dickicht. "Nicht weit von hier muss irgendwo der Fluss sein, der dann über die Steppe zum Strom wird und dem wir zur Stadt folgen können."

Dann erinnerte er sich an die Worte 'Ich muss hier weg', was mit der Stadt nicht unbedingt helfen würde, wenn Milan der Sklaverei entgehen wollte. Dem konnte er nicht entkommen, nicht auf diesem Planeten.

Niel beschloss, dem aufgeregten Menschen erst einmal ein wenig Ruhe zu gönnen und ging einige Schritte in die bezeichnete Richtung davon. "Gehen wir. Es wird bald regnen."

Zitternd atmete Milan durch und presste dann entschlossen die Lippen aufeinander. Wer oder was dieser Niel auch immer sein mochte, er schien sich hier auszukennen und ihn nicht gleich wieder zurückbringen zu wollen. /Du bist zu vertrauensselig. Er hat nichts von sich gesagt, und ihr redet seit fünf Minuten miteinander./Aber was für eine Wahl hatte er? Die Papayas zum Beispiel waren keine gewesen. Nachdem Niel ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, hatte er es auch erkennen können.

Er schloss zu dem Jungen auf und sah auf ihn hinab. Zwar konnte er nicht neben ihm laufen und so dessen Gesicht nicht sehen, aber daran war nichts zu ändern. Der schmale Pfad bot einfach nicht genügend Platz. "Du kennst dich hier aus?"

Niel nickte und erklärte optimistisch "Ich habe die Geographie dieser Gegend gut gelernt und weiß, dass der Fluss in der Nähe sein muss." Er grinste über seine Schulter zurück. "Ich hatte einen verdammt strengen Lehrer." Um weitere Fragen zunächst einmal zu vermeiden, ging Niel mit zügigen Schritten voran und summte eine Melodie.

Leider erwies seine Theorie sich als zu optimistisch. Nach einigen Stunden begannen die grauen Wolken eine zorniges Bleischwarz anzunehmen und schwer über den Baumwipfeln zu hängen. Milan wurde immer langsamer, und Niel blieb endlich an einem dicken Baum, unter dessen Wurzeln sich eine kleine Höhle gebildet hatte, stehen und schlug vor "Wir rasten hier erst einmal. Wenn du doch Hunger haben solltest, dann nimm das hier. Ich pflücke uns noch ein paar von den Sommerfeigen dort drüben, bin gleich zurück."

Milan ließ sich dankbar nieder und verfluchte seine schlechte Kondition. Er hatte schon zu Hause wenig Sport getrieben, war nur hin und wieder Joggen gewesen, wenn ihn eine ehemalige Kommilitonin dazu gezwungen hatte, aber in den letzten fünf Wochen hatte er gar nichts mehr gemacht.

Er seufzte lautlos und nahm das eingeschlagene Päckchen entgegen, das Niel ihm hinhielt. Seine Augen leuchteten auf, als ihm der Geruch von Gebäck in die Nase stieg. /Kuchen?/ Für Süßes aller Art war er fast bereit zu sterben. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, als er das Tuch beiseite schlug und wirklich auf mehrere Kuchenstücke blickte.

Beinahe hätte er gelacht. Er saß mitten im Regenwald, mit einem bizarren kleinen Elfen und bekam ausgerechnet Kuchen. Grinsend saß er zu Niel hin, der eigenartige Beeren pflückte, als er das erste Stück genießerisch abbiss.

"Danke", nuschelte er mit vollem Mund. Er war dankbar, ja, was aber nicht hieß, dass er sein Misstrauen, das erst so kürzlich erwacht war, jetzt einschlafen lassen würde.

Niel suchte die schönsten der bläulichen Früchte heraus und lud sich seine Arme voll. Er hatte Sommerfeigen zwar schon zum Frühstück gegessen, aber sie waren eine der besten Möglichkeiten, sowohl Flüssigkeit, als auch Zucker zu sich zu nehmen.

Milan war gegen die Wurzeln gesunken und sah fertig aus, ein wenig verloren, ein wenig misstrauisch, sehr geschwächt. "Du bist müde, Milan. Wieso schläfst du nicht ein wenig? Während des Regens kommen keine Tiere raus, und ich kann aufpassen."

Milan rieb sich die Augen und sah zu dem kleinen Elf hoch. "Ich weiß, das ist angesichts der Situation eine wirklich blöde Frage. Aber wer gibt mir die Garantie, dass du nicht fröhlich den netten Schalter umlegst, dann zurück zu dem Labor oder was auch immer das war, läufst und die Sklavenhändler verständigst, dass ich hier friedlich schlafe?", fragte er erschöpft, während draußen die ersten dicken Tropfen auf den Boden zu prasseln begannen.

Niel biss in eine der Früchte, nachdem er die harte Schale abgestreift hatte und kaute einen Moment lang. Er hockte sich gelenkig so dicht zu Milan wie möglich, dann murmelte er leise "Es liegt nicht in meinem Interesse, zu dem Außenposten zurückzukehren. Ich bin mehr dran als du, wenn sie uns finden, glaub mir."

Er reichte Milan eine der Früchte und richtete es so ein, dass ihre schweißfeuchten Finger sich leicht streiften, als dieser die Frucht annahm, dann rief er über den mittlerweile tosenden Regenguss hinweg "Ich kann dir keine Garantie geben, nur mein Versprechen, dass ich dir nicht schaden werde, niemals!"

Er näherte sich dem süßen Menschen noch ein wenig mehr und genoss dessen Anwesenheit, die Wärme seiner Haut, den Geruch; auch wenn er nicht der angenehmste war, so war er doch für diesen Mann so typisch und gefiel Niel deswegen schon.

Er konnte das schlanke, symmetrische Gesicht genauer betrachten, in dem die Augen nun wieder so misstrauisch auf seine Gesten gerichtet waren. Diese Augen. Niel verlor sich in einem Tagtraum, während er noch eine der Früchte pellte. Er schaffte es nicht, sich zurückzuhalten, als sein Körper ihn dazu brachte, die zerzausten, dunklen Haarsträhnen ein wenig nach hinten zu streichen, die Milan in die Stirn fielen, als er sich über seine Frucht beugte. Niel hätte beinahe vor Vergnügen gequiekt, als ein rundes, kleines Ohr zum Vorschein kam. So ein wunderschönes Ohr! Begeistert mit leicht geöffnetem Mund starrte er Milan an.

Irritiert wich Milan ein wenig zurück, bis er die Wand der kleinen Höhle ihn aufhielt, und erwiderte den begeisterten Blick des Elfen verwirrt. Er fühlte sich etwas unbehaglich, bis ihm einfiel, dass der Junge vielleicht noch nie Gelegenheit gehabt haben könnte, einen Menschen von Nahem zu sehen. Wahrscheinlich war es für ihn genauso interessant, wie Milan umgekehrt die großen Augen und spitzen Ohren so faszinierend fand.

Er musste grinsen, als er mit fruchtsaftbekleckerten Hand seine Haare hinter die Ohren zurück strich. /Er ist ja fast noch ein Kind, nicht älter als die Kinder, die ich unterrichte. Ein pubertierender Junge./ Gerade in dem Alter hatten die meisten Probleme einzuschätzen, was sich gehörte und was nicht. Waren sie auf der einen Seite unheimlich empfindlich, wurden sie auf der anderen wieder entsprechend unverschämt. Im Grunde war es eine ziemliche Gratwanderung, nicht die plötzlich so zerbrechlichen Gefühle zu verletzen.

Das Prasseln des Regens machte Kommunikation fast unmöglich, deswegen widmete sich Milan erst einmal seiner Frucht, die Niel ihm geschält hatte. Das Fruchtfleisch war süß und fest und sehr saftig; es war schwierig, sie zu essen, ohne dass einem der Saft das Kinn herunter lief. Eine Weile kaute er schweigend, dann rief er gegen das Rauschen an "Wie bist du eigentlich hierher gekommen?"

Niel senkte den Kopf und gestand "Die Transporter sind so faszinierend. Ich konnte sie schon als Kind vor vielen Jahren immer vom Pa... Haus aus sehen." Er ärgerte sich, dass er fast etwas verraten hätte und redete hastig weiter "Ich hab mich in den Transporter geschlichen." Verständnisheischend blickte er Milan ins Gesicht und fügte zerknirscht an "Ich wusste ja, dass es sein kann, dass ein Transporter dann auch losfliegt, aber muss denn ausgerechnet der zur Erde losfliegen, in dem ich bin?!"

Der donnernde, wütende Regen verebbte zu einem gleichmäßigen Plätschern und Rinnen über ihr weitgehend dichtes, grünes Dach und so musste Niel nicht mehr so schreien. "Außerdem waren wir dann nur so kurz dort. Ich hab nur gesehen, dass dort auch so ein Wald war wie hier. Vielleicht sollten die Menschen von der Ladung auf den großen Plantagen arbeiten."

"Transporter? Der... zur Erde fliegt?" Für einen Moment entglitten Milan alle Gesichtszüge. /Das meint er nicht so, wie er das sagt, oder?/ Er schluckte und hatte mit einem Mal überhaupt keinen Hunger mehr. Er starrte den Jungen vor sich an, musterte wieder dessen fremdes und doch hübsches Gesicht, die langen, spitzen Ohren, die vierfingrigen Hände. /Was, wenn er kein Genexperiment ist?/ Mit einem Mal hatte er das Gefühl, als würde der Boden unter ihm einfach wegrutschen. /Unfug, du benimmst dich, als sei das, was du dir da gerade zusammenreimst, eine reelle Möglichkeit./ Unsicher lachte er, doch er verstummte wieder, weil es selbst in seinen Ohren dünn klang. "Du willst mir erzählen, dass ich... auf einem anderen Planet bin?" /Milan! Das ist absurd! Vor dir sitzt ein kleiner Junge, den irgendwelche verrückten Biologen zusammen gebastelt haben, nach einem Bild, das ihnen von Elfen vorschwebte. Oder?/

Niel lehnte sich auf seine Knie nach vorn, sah Milan intensiv in die Augen und klatschte beide Handflächen gegen dessen Brust. Deutlich konnte er das Herz gegen seine rechte Handfläche schlagen spüren. Dann sagte er mit so tiefer Stimme und so sicher, wie er konnte "Milan, du bist nicht mehr auf der Erde, sondern auf Jume. Du hast lange geschlafen, bevor dein fehlerhaftes Halsband dich hat aufwachen lassen."

Er sah dem Menschen voller Mitgefühl in das verwirrte Gesicht und nahm seine Hände dann langsam zurück, bevor er vorschlug "Dreh bitte nicht jetzt schon durch. Wenn wir auf der Ebene sind, wird alles einfacher."

Er bemerkte, wie Milan um die richtigen Worte rang und sagte so harsch er konnte "Es hört zu regnen auf. Wir sollten den Fluss weitersuchen, ohne den finden wir Jumelaan nicht.", damit wendete er sich schnell ab.

Hastig sprang Niel auf und ging einige Schritte weiter, um Regenwasser aus einem kelchförmigen Blatt zu trinken und sein Gesicht zu waschen. Es tat weh. Er hatte noch nie mit einem ungeschulten Menschen geredet, geschweige denn mit einem, der nicht einmal von seiner Position auf Jume wusste. Und er musste feststellen, dass es ihn schnitt, tief und schmerzend, diesem Mann sagen zu müssen, dass er nie wieder nach Hause kommen würde.


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© by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh