Zwischen den Welten

4.

Niel hatte sich selten in seinem Leben so schlecht gefühlt. An das einzige andere Mal erinnerte er sich in dem Moment jedoch deutlich. Es war als sein Lehrer den Menschen, den er zu sich in sein Bett genommen hatte, erschlagen hatte. Vor seinen Augen. Niel hatte um den Menschen geweint, und er hatte sich schlecht gefühlt, wie jemand, der etwas Unrechtes tat.

Doch in diesem Moment fühlte er sich weitaus schlechter. Es war diese Freiheit, die Milan noch fühlte. Es war sein Unwissen der Sklaverei gegenüber, in der er sich doch unweigerlich befand. /Und ich bin einer derjenigen, die daran Schuld tragen. Ich sollte mich schämen!/

/Nicht mehr auf der Erde?/ Fassungslos sah Milan dem kleinen Elf hinterher, der so plötzlich die Höhle verlassen hatte. /Ich bin nicht mehr auf der Erde? Das ist doch wohl ein Scherz!/

Achtlos ließ er die Frucht fallen und schlüpfte hinter dem Jungen her nach draußen. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er, Niel wäre gegangen, ohne ihn, oder hätte sich als Gespinst seiner Phantasie in Luft aufgelöst. Doch da stand er, in dem schwarzen, viel zu großen Overall, mit seinen spitzen Ohren und den großen, violetten Augen, düster in das grüne Dickicht starrend. /Auf Jume. Wir müssen nach Jumelaan. Das ist absolut unmöglich!/

Er packte Niel am Arm, zog ihn abrupt zu sich herum und sah ihm direkt in die Augen. "Okay, Kleiner. Und jetzt sag mir, wer dir diesen Mist erzählt hat. Waren es die Leute aus dem Labor?" Es konnte einfach nicht sein. Wenn er nicht mehr auf der Erde war... Er weigerte sich, die Möglichkeit ernsthaft in Betracht zu ziehen.

"Labor? Welches Labor? Meinst du den Transporter, Milan?" Niel hatte ihn nur kurz angesehen, während er sein Gesicht mit einem Ärmel des zu großen und mittlerweile wirklich nicht mehr angenehmen Overalls abtrocknete.

Während er weitersprach, zog er den Stoff von sich herunter, um den oberen Teil des Anzuges abzustreifen und die Ärmel um seine Hüften zu verknoten. "Ich lebe hier. Ich bin auf Jume geboren und aufgewachsen, und du kannst mir glauben, dass es Jume ist. Ich erkenne es sofort wieder. In diesem Wald bin ich schon oft gewesen. Ganz im Gegensatz zu dir. Du kommst aus einer Gegend, in der es kühler ist, nicht?"

Den Boden unter den Füßen weggezogen bekommen, war ein viel zu milder Ausdruck für das, was Milan empfand. Ihm war, als hätte man ihn in den luftleeren Raum geschleudert; er konnte Niel nur anstarren. Der Schlag seines Herzens war schmerzhaft hart, sein Atem ging flach und schien ihm nicht genug Luft zum Überleben zu geben. Wenn er wirklich auf einem anderen Planeten war, wenn er wirklich von irgendwem entführt worden war mit all den anderen Männern, wenn sie hier auf einem fremden Planeten gestrandet waren, dann konnte er keine Hilfe bringen, wenn er die nächste Stadt erreichte. /Falls ich sie erreiche.../

Er hatte keine Ahnung, an welche Behörden er sich wenden musste, ob sie überhaupt die Belange von Menschen interessierten. Was, wenn es Elfen waren wie der Junge vor ihm, und sie es normal fanden? Was, wenn sie ihn einfach nur ansahen, ihn als tauglich empfanden und doch wieder weiterverkauften? Was, wenn sie ihn einfach umbrachten, weil er geflohen war? "Oh mein Gott", flüsterte Milan tonlos. "Das kann nicht wahr sein."

Ihm schwindelte, und für einen Moment musste er sich abstützen, um nicht zu fallen. /Wenn ich das gewusst hätte... es nur geahnt hätte!/ Er erinnerte sich an den Mann, der ihm nach draußen geholfen hatte, an dessen schiefes Grinsen auf die Frage, wo er war.

'Das würde zu lange dauern, um es dir zu erklären. Es kann jeden Moment einer von ihnen reinkommen. Tatsache ist, dass ich es besser getroffen habe als viele andere und ganz besonders die diesmalige Fuhre.' Es ergab Sinn, grausamen Sinn. 'Glaub mir, es ist noch viel schlimmer, als du dir vorstellen kannst.' Ja, das war es. Niemals hätte er auch nur zu träumen gewagt, dass ihm so etwas geschehen würde. '...und ganz besonders die diesmalige Fuhre.'

Die Worte, an die er sich erinnerte, trafen ihn wie ein Schlag. /Was auch immer sie mit ihnen machen.../ Er drehte sich auf dem Absatz um. "Ich muss zurück", murmelte mehr an sich gewandt als an den Elfen. "Ich muss sie da raus holen! Verdammt, verdammt! Warum habe ich sie nicht gleich geweckt?"

Niel hatte die Gedankengänge zum Teil auf dem bleichen, nun wirklich bleichen Gesicht des jungen Mannes verfolgen können, dem er vielleicht etwas zu unsensibel von seiner Lage unterrichtet hatte. Er krallte sich rasch an den Arm des Mannes und hielt ihn auf, während er hektisch rief "Milan! Du verläufst dich und stirbst hier im Dschungel! Ich weiß, dass es ein Schock ist, aber das, was du Labor nennst, war ein Transporter. Kurz nachdem du zwischen den Bäumen verschwunden bist, ist der wieder gestartet. Die Männer, die du befreien willst, sind schon lange in den Minen oder auf den Plantagen einige Tagesmärsche weg von hier."

Milan erschlaffte ein wenig und starrte dumpf vor sich hin, was Niel noch viel mehr schmerzte als die nutzlose Entschlossenheit, die der Mensch zuvor gezeigt hatte. "Bitte. Vertrau mir doch. Ich kann dir helfen. Ich kenne den Weg zum Fluss und von dort nach Jumelaan, und ich kenne mich in der Stadt aus." Sachte zupfte Niel eine schwarze Haarsträhne des anderen zurück und streichelte ihm über die Schulter. "Ich weiß, dass du jetzt Angst hast, auch um die anderen, aber es wird ihnen gut gehen, glaub mir."

Milan lehnte sich gegen einen Baumstamm und atmete krampfhaft gegen seine enge Kehle an. /Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr, das ist nicht wahr.../ Wie konnte das sein? Vor ein paar Tagen oder vielleicht auch Wochen, je nachdem wie lange er geschlafen hatte war er noch Lehrer gewesen, für ein Jahr in Kolumbien, seine Familie war zu Hause in Deutschland, sie hatten erst vor wenigen Tagen telefoniert. Und jetzt sollte er auf einem anderen Planeten festsitzen. Entführt. Als Sklave.

Langsam sank er an dem Baumstamm auf den nassen Boden herab. Er schlang die Arme um sich, hielt sich selber fest und starrte in das grüne Blätterdach empor. /Sie sind weg... die Männer... in Minen... oder vielleicht auch auf Plantagen. Ich werde meine Familie nicht wiedersehen. Weiter weg als jeder Fleck auf der Erde. Meine Freunde... alle... Jens hat gesagt, dass es eine blöde Idee ist, nach Kolumbien zu gehen. Verdammt! Er hat recht gehabt. Scheiße.../

"Sie... sie fliegen regelmäßig zur Erde, oder?", fragte er mit gepresster Stimme und ohne den Elf anzusehen. /Vielleicht... er hat sich dort rein geschmuggelt. Warum soll ich das nicht auch können? Ich gehe rein, fliege mit, steige aus... und bin wieder zu Hause./

Niel seufzte und nickte leicht. "Aber kein Mensch kann da mitfliegen. Die Sensoren warnen bei jedem Menschen. Du kannst erst in fünf Jahren wieder mitfliegen, wenn der Transmitter an deinem Hals anzeigt, dass du deine Zeit hier warst. Der Preis für die Rückkehr wäre allerdings der komplette Verlust deiner Erinnerung. An alles. Alles, was zuvor war."

Niel wusste, dass es zu hart klang und keine besonders diplomatische Art war, aber er musste Milan dazu bringen, von seinen wilden Rettergedanken abzurücken und mit ihm zu kommen, denn das Fehlen der Nummer, des Transmitters, würde auffallen. Sie würden kommen und die Gegend absuchen und sie würden ihm den Ärger seines Lebens bereiten, wenn sie ihn mit dem Menschen hier fanden.

Mitleidig sah Niel auf den zusammengekauerten Mann herab und strich ihm dann einige Male mit den Fingerspitzen über die Haare. "Es tut mir leid, dass es so ist. Es tut mir leid, dass du so traurig bist. Ich war froh, als ich dich habe laufen sehen, ich habe mich auf deine Gesellschaft gefreut."

"Und wenn ich diesen verdammten Transmitter loswerde?", flüsterte Milan, als er seine letzte Hoffnung einfach verdampfen sah. Aber Niel hatte gesagt, dass die Sensoren bei Menschen warnten. Einfach nur, weil er ein Mensch war.

/Himmel, ich sitze hier auf einem fremden Planeten fest; ein Junge sagt mir, dass ich versklavt werden sollte; sie tun das regelmäßig, Menschen entführen.../ Und wenn er log? Wenn er sich das alles ausgedacht hatte? /Und der Mann in dem Lab... in dem Transporter? Und die Männer... Sie sind geschwebt in diesen Röhren! Ich kenne keine Technologie, die das ermöglichen würde./

Er schluckte, strich sich mit beiden Händen die Haare aus dem Gesicht und berührte dabei die Finger des Jungen, die ihn noch immer unmerklich streichelten. "Auf meine Gesellschaft gefreut? So?" Er verzog das Gesicht zu einem humorlosen Lächeln. Er sah auf, seine bernsteinfarbenen Augen trafen Niels.

/So dunkel, er sieht traurig aus... Er ist doch noch ein Kind, was kann er dafür?/ Wieder schluckte er, dann legte er eine Hand auf den Unterarm des Jungen und stand auf. "Nun, viel Wahl habe ich nicht, oder? Ich werde erst einmal mit dir kommen, mit nach... Jumelaan." /Und ich werde versuchen herauszufinden, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt... und wenn nicht, was ich machen kann. Es muss etwas geben. Irgendwas./

Niel hatte etwas sagen wollen, doch in dem Moment berührte Milan seinen nackten Unterarm und die Worte stockten, er brach ab, musst neu Luft holen und doch war seine Stimme heiser, als er erklärte "Die Transmitter sind mit einer Zeituhr versehen. In fünf Jahren fällt das Halsband ab." Er senkte den Kopf und erklärte "Folge mir einfach, wir werden bald da sein. Hier wachsen schon die Bäume, die eher in der Nähe des Flusses zu finden sind."

Ein wenig deprimiert, aber noch viel mehr verschossen in den hübschen Mann ging Niel vorneweg und folgte einem Pfad, der ihm am ehesten nach dem richtigen aussah. Er machte wenige Pausen, nur ab und zu zum Trinken oder um eine weitere Frucht zu essen. Denn er wusste, dass es bald dunkel würde. Er war müde, aber der Mensch war noch müder; und im Dschungel bei Nacht Schlaf zu finden, war nahe an unmöglich, es war einfach zu laut. Es dämmerte bereits ein wenig, als er das Gluckern vernahm. Gleich darauf traten sie aus dem Wald, der wie abgesägt einem Strand wich, dessen Sand nun rotgolden aufleuchtete, da er von den untergehenden Sonnen gebadet wurde.

Jetzt erst fiel es Niel auf. Der Beweis! Der Mann glaubte ihm doch bestimmt noch immer nicht so richtig, dass er nicht log. "Da drüben steht der Beweis, dass es sich hierbei um Jume und nicht die Erde handelt, Milan. Siehst du die zwei Sonnen? Sie gehen gleich unter. Wir sollten uns eine Art Zelt bauen. Dazu eignen sich die Blätter der Einblattpflanzen ganz gut. Ich mache es schon mal vor. Komm mit!"

Milan hörte ihn nicht wirklich, die helle Stimme strich an ihm vorbei wie ein Lufthauch, berührte ihn, ohne etwas zu bewirken. Er starrte in den sich rötenden Himmel empor, an dem zwei Sonnen ein beeindruckendes Farbspiel zauberten, Wolken in Flammen tauchten, in feuriges Rot, brennendes Orange und strahlendes Gelb.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh