Zwischen den Welten

6.

Milan erwachte ziemlich abrupt aus wirren Träumen. Noch im halb im Schlaf gefangen, dachte er für einen Augenblick, dass all das, was er erlebt hatte, auch nur ein Traum gewesen war. Der fremde Planet mit den zwei Sonnen, die versklavten Menschen, seine Flucht aus dem Transporter. Doch dann spürte er die schlanken Arme, die sich um ihn geschlungen hatten, den Kopf, der auf seiner Brust ruhte. /Es war kein Traum./

Er blinzelte, noch immer müde, und sah über sich große Blätter, durch welche die Sonnen ihr Licht in Grün gefiltert herein schickten. Es war heiß und stickig, und der zierliche Körper neben ihm, fast auf ihm, ließ es nicht kühler werden.

Wieder blinzelte er und sah auf den dunkelblonden Haarschopf hinab. /Niel... ein Jumer. Er schläft. Und er liegt auf mir, als sei ich seine Geliebte./ Ein Grinsen huschte über sein Gesicht, als er sacht an der Außenseite des langen Ohres entlang strich. "Aufwachen", flüsterte er neckend.

Niel erschauderte, und sein Körper überzog sich mir einer Gänsehaut, als jemand genau seine empfindlichen Stellen am Ohr streichelte. "Hm... Jashuhu... nicht jetzt...", murmelte er groggy und schmiegte sich dichter an den Hals des anderen, bevor er etwas wacher wurde und sich zu erinnern begann. Er gähnte, dann ließ er den anderen langsam los, um sich herumzurollen, bevor er die Hände auf den Boden stemmte und sich genüsslich streckte.

Noch immer nicht bereit seine Augen zu öffnen, streckte er sich erneut durch, dann ließ er sich wieder auf das Lager fallen und gähnte, bevor er aus schmalen Schlitzen in Richtung des anderen blinzelnd fragte "Gut geschlafen?"

Milan musste lachen, als er in das müde Gesicht des anderen sah, auf dessen Wange sich rot die Abdrücke vom Stoff und den Falten seines Hemdes abgebildet hatten. "Wesentlich besser als letzte Nacht, ich habe auch nicht im geringsten gefroren", schmunzelte er und streckte sich jetzt, wo er Platz hatte, ebenfalls kurz, bis seine Gelenke knackten. Dann sah er wieder zu Niel hin und zwinkerte ihm zu. "Aber was wird nur deine Jashuhu sagen, wenn sie erfährt, dass du dich einfach nachts an fremde Männer kuschelst?"

Niel wendete sich hastig ab, um die Röte zu verstecken, die ihm in die Wangen schoss, doch dann nahm er erst wahr, dass Milan 'deine' gesagt hatte und musste lachen. /Jashuun und weiblich? Das wäre der größte Witz!/ Dennoch machte ihm eine gewisse Angst, unangenehmes Herzklopfen. Es war Angst um Milan.

Er drehte sich wieder zu dem Menschen um und nahm sich eine der Früchte, um sie zu pellen... eigentlich, um etwas zu tun zu haben. Langsam erklärte er dann "Es handelt sich dabei um einen 'er' und sein Name lautet Jashuun, aber vergiss ihn und alles, was ich dazu sage, lieber gleich wieder, das ist besser für dich."

Düster blickte er auf den süßen Menschen vor sich, dessen Wärme er in der Nacht so sehr genossen hatte und versuchte, die Bilder des anderen Menschen zu verdrängen, des Menschen, der sein Zimmer damals nicht hatte lebend verlassen dürfen. Ungebeten kamen ihm Jashuuns Augen in den Sinn. Zu Schlitzen verengt, gefährlich leuchtend. Es hatte seinen Kopf aussehen lassen wie den eines Raubvogels.

Niel reichte Milan die Frucht rüber, dann wiederholte er leise "Vergiss den Namen bloß wieder." Erschaudernd dachte er dabei, dass er sich eigentlich Milan aus dem Kopf schlagen musste, wenigstens dann, wenn sie die Stadt erreichten, aber es war ihm nicht möglich. Er wollte viel zu gern mit dem traurigen Mann zusammen sein, wollte ihn lachen sehen, fröhlich, glücklich und das alles seinetwegen. /Ehrgeizige Ziele hast du, kleiner Niel/, dachte er in dem bissigen Tonfall seines Lehrers, bevor er die Gedanken niederkämpfen konnte.

"Jashuun", wiederholte Milan trotzdem leise und betrachtete den kleinen Elfen vor sich, der mit einem Mal so düster und traurig wirkte, was gar nicht wirklich zu dem fröhlichen Gesicht passen wollte. /Er ist... schwul!/ Und das schien ein Problem zu sein. Gerne hätte er nachgefragt, aber er wollte nicht indiskret sein. /Darf er nicht...? Ist diese Welt noch intoleranter als meine?/ Doch gleichzeitig war da diese andere kleine Stimme in seinem Hinterkopf, die, die nicht zu dem Lehrer gehörte, der er war. /Er hat sich heute Nacht an mich geschmiegt. Ob er was von mir will? Was mache ich, wenn er was von mir will?/

Ein leichter, kühler Schauder rann seinen Rücken hinab. Im ersten Moment spürte er Ablehnung. /Idiot! Willst du gleich mit jeder Frau ins Bett, die du siehst?/, schimpfte er gleich darauf ärgerlich, doch er unterdrückte den Impuls, Niel die Hand auf die Schulter zu legen.

Stattdessen lächelte er ihn aufmunternd an. "Was immer das Problem ist, es wird sich bestimmt wieder legen", erklärte er und ärgerte sich sofort darauf, als er merkte, wie nichts sagend es klang. Verlegen strich er sich über das Kinn, spürte die schwarzen Stoppeln unter seinen Fingern. "Okay, wenn ich dir helfen kann, kannst du es gerne sagen. Ich schulde dir etwas für deine Hilfe, und ich mag dich. Wenn nicht... ich werde nicht weiter fragen."

Niel nagte an seiner Unterlippe, dann biss er von der Frucht ab und kaute eine ganze, zugegeben recht unnötige Zeit lang, um zu überlegen. "Es ist... er ist sehr eifersüchtig. Seit wir offiziell zusammen sind, will er nicht, dass ich mich auch nur in die Nähe von anderen begebe. Ich muss immer ein wenig daran denken, obwohl ich ihm schon oft gesagt habe, dass es Unsinn ist, jemanden zwingen zu wollen. Das geht nicht, was ist schon Liebe wert, wenn sie nicht total freiwillig ist?"

"Oh." Jetzt war es an Milan, sich eine Frucht zu nehmen, um etwas in den Händen zu halten und sich beschäftigen zu können. Er drehte sie zwischen den Fingern, betrachtete intensiv die dunkelblaue Schale, ehe er begann, sie umständlich zu schälen.

/Nicht ganz das, was ich gedacht habe./ Schließlich sah er wieder auf und in die violetten Augen, die so bekümmert wirkten. "Ist er sehr schlimm? Macht er dir Szenen?" /Milan! Das geht dich einen feuchten Kehricht an! - Aber ich will ihm doch nur helfen./

Niel verschloss sein Gesicht, dann nickte er leicht. "Ja. Ja, er macht eine Szene." Rasch krabbelte er aus dem Zelt raus und streckte sich noch einmal, dann rief er "Wir sollten bald weitergehen, ich besorgen noch Wasser, iss du doch erst noch auf, Milan!"

Milan schnitt der grünen Blätterdecke eine Grimasse. /Das war einen Schritt zu weit, du Idiot./ Er verzehrte seine Frucht viel zu schnell, knotete dann das Tuch wieder zu und hängte es mit den Zipfeln über das Messer im Gürtel. Das hielt einigermaßen. Dann nahm er den Overall und krabbelte ebenfalls aus dem Zelt.

Blinzelnd im hellen Sonnenlicht streckte er sich noch einmal, ehe er sich nach Niel umsah. "Es tut mir leid. Ich wollte nicht aufdringlich sein." Er hielt ihm die mittlerweile leere Metallflasche hin und lächelte verlegen. "Hier, die können wir füllen, das ist immerhin etwas."

Niel erwiederte sein Lächeln schüchtern und nahm die Flasche an. "Nein, es ist nicht deine Schuld. Du wirst ihm nicht begegnen, denke ich, und es spielt keine Rolle. Ich mag nur nicht so gern an ihn erinnert werden, das ist alles." /Vor allem nicht von dir./

Schnell füllte Niel die Flasche mit Regenwasser aus einigen Kelchblättern auf und ging dann zu Milan zurück, der schon wanderbereit vor ihm stand. "Von nun wird es leichter, Milan. Wir folgen dem Flusslauf. Nach einer Weile müssten wir dann zur Steppe gelangen. Dann müssen wir uns nach den Bergen richten, an ihnen entlang, vielleicht zwei Tage noch, bis wir die Verkehrswege nach Jumelaan erreichen."

Milan nickte und beschloss, den geheimnisvollen und offensichtlich nicht sehr netten Jashuun nicht mehr zu erwähnen. Wenn Niel noch mal darüber sprechen wollte, sollte er das von sich aus tun. /Außerdem, was kann ich ihm schon helfen? Ich bin hier ja nicht mal als akzeptiertes Mitglied irgendeiner Gesellschaft. Ich sollte – Himmel noch mal! – Sklave sein!/

Andererseits hatte niemand gesagt, dass es hier keine freien Menschen gab. Normale, freie Menschen, die nicht als Sklaven hierher gekommen waren. /Und warum schleppen sie dann welche ein? Vielleicht haben sie nicht genügend./ Mit einem Seufzen sah er auf seine Füße hinab und freute sich, dass seine Stiefel nicht neu waren. Sie waren sogar sehr bequem, obwohl sie ursprünglich nicht ihm gehört hatten, und das würde ihn vor Blasen bewahren. /Aber wenn wir wo auch immer ankommen, werde ich so fit sein wie nie zuvor in meinem Leben./ Er lachte leise und sah Niel an. "Okay, auf geht's!"

 

Wenn der Fluss es zuließ, lief Milan neben Niel, um ihn über diese Welt auszufragen, über die politischen Gegebenheiten, die ansässigen Menschen, den Stand der Technik; alles, was ihm einfiel, alles, was ihn interessierte. Er konnte nicht behaupten, dass ihm alles gefiel, doch es war auch nicht so schlimm, wie er befürchtet hatte. Immerhin war er nicht im tiefsten Mittelalter gelandet. Wenn sie erst einmal die Zivilisation wieder erreicht hätten, würde er eine gründliche Rasur und eine heiße Dusche bekommen.

Wenn der Strand zu schmal wurde, ging er hinter dem kleinen Elfen, und er ertappte sich dabei, dass er ihn immer länger anstarrte. Die grüne, eng anliegende Hose zeichnete seine schlanken Beine und den festen Hintern nach, das bauchfreie Oberteil in der gleichen Farbe gewährte ihm den Blick auf ein Stück blassen Rücken. An der rechten Hüfte trug er locker seine Peitsche, mit der er sehr gut umgehen konnte, wie Milan feststellte, als sich ihnen eine wohl gefährliche Schlange zu sehr näherte. Milan bewunderte die geschmeidige Sicherheit seines Schrittes; der Elf stolperte im Gegensatz zu ihm nicht ein einziges Mal.

Schließlich wurde der Strand wieder breiter, und Milan beeilte sich, neben Niel zu kommen. Er sah auf den kleinen Elfen hinab und lächelte, als dieser den Blick mit seinen großen, unglaublich violetten Augen erwiderte. "Sag, haben alle Elfen... Jumer so schöne Augen wie du?", fragte er gedankenlos.

Niel war in Überlegungen daran versunken, wie er dem Menschen etwas Gutes tun konnte. Zu viele Pausen würden ihnen nicht helfen. Der Mann war noch immer müde, und er war das andere Klima nicht gewohnt, schwitzte sehr stark und stolperte nicht selten, was Niel als einen Hinweis auf seine Müdigkeit sah.

Er war gerade besonders tief in Gedanken, als Milan stehen blieb und er ihn deswegen fragend ansah. Statt einer Bitte um eine Pause oder etwas zu Trinken vernahm er dieses Kompliment, so dass Niel heiße Ohren bekam. Schüchtern senkte er den Blick wieder auf den Sandweg vor ihnen, dann murmelte er leise. "Danke, aber ich finde sie nicht gerade schön. Sie sind zu dunkel, irgendwie nicht so leuchtend wie bei den anderen."

"Zu dunkel?" Erstaunt sah Milan ihn an, dann legte er seine Finger unter Niels Kinn, um dessen Kopf anzuheben und erneut in diese schönen Augen sehen zu können. /Was tue ich da?/, dachte er überrascht, um den Gedanken gleich beiseite zu schieben. /Ist doch eh egal; niemand kennt mich hier, und ich tue ja nichts./

Leicht schüttelte er den Kopf. Er lächelte und strich flüchtig, aber doch spürbar mit dem Daumen über das kleine, energische Kinn, ehe er die Hand wieder wegnahm. "Nein, sie sind nicht zu dunkel", sagte er entschieden. "Ich habe niemals Augen von dieser Farbe gesehen, und sie sind wirklich wunderschön."

Niel öffnete und schloss den Mund einmal, dann spürte er, dass er errötete. Noch einen Moment lang blickte er gebannt in Milans Augen. Ohne dass er es wollte, murmelte er leise "Und ich finde deine Augen wunderschön, vielleicht sollten wir tauschen?"

Er senkte den Blick hastig und lächelte seine Schuhspitzen an, während er "Danke" hauchte. Er hätte nicht gedacht, dass jemand ihn außerhalb seiner Position in der Stadt schön finden könnte. Er war doch mit seinen einen Meter sechsundfünfzig so klein, seine Ohren waren zu lang, und die Augen hatten einen zu tiefen, gewöhnlich aussehenden Violettton.

Auch Milan reichte er mit dem Scheitel nur bis zur Brust rauf und musste ständig zu ihm aufsehen. Er seufzte noch einmal mit einem kleinen Seitenblick auf seinen angeschwärmten Menschen, dann ging er einige Schritte schneller weiter, um seine Schüchternheit niederkämpfen zu können, bevor er das Gespräch mit Erklärungen zum Aussehen der Jumer fortführte.

 

Niel hatte recht gehabt; es dauerte nicht mehr allzu lange zum Waldrand. Milan war sich sicher, dass er in die falsche Richtung gelaufen wäre und sich nur noch tiefer verirrt hätte, wäre der Jumer nicht bei ihm gewesen. Nicht mehr, nachdem er erst einmal am Fluss war, aber er zweifelte daran, dass er ihn allein gefunden hätte.

Wie auch in dem Teil Kolumbiens, in der er gewesen war, war die Trennung von Wald und Steppe wie mit dem Lineal gezogen. Milan fragte sich, ob es ein Zeichen der sogenannten Zivilisation war oder ob es schlicht am Dschungel an sich lag, als er auf die mit hüfthohem Gras bedeckte Weite hinaus starrte, durch die sich der Fluss zog. Lediglich an dessen Ufern wuchs noch reichlich Grün, jedoch waren es nur noch Büsche und Gestrüpp, keine hohen Bäume.

"Führt der Fluss nach Jumelaan?", fragte er und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. In der Ferne konnte er schemenhaft und verschwommen in dunstigem Graubraun die Bergkette erkennen, von der Niel gesprochen hatte. Sie sah endlos weit entfernt aus, und Milan überlegte, ob seine Füße das noch überleben würden. Nie in seinem Leben war er so viel gelaufen, zumindest kam es ihm so vor.

Niel nickte leicht. "Ja, aber er macht einen gewaltigen Schlenker, weswegen es für uns besser ist, wenn wir uns in Richtung der Berge halten und damit die Hälfte des Weges abkürzen." Er streckte einen Arm aus und deutete über die Steppe hinaus. "Das sieht so nah aus, aber ich denke, dass wir bestimmt den Tag noch brauchen, bis wir an den Berghängen mit den Weingütern sind und von dort vielleicht mit einem Transportschlitten mitfahren können zur Stadt."

Er warf Milan einen neckenden Blick zu. "Vielleicht gibt es dort ein Bad, das wäre auch nicht schlecht, oder?" Dann streckte er seine Schultern aus und gähnte. "Es wird bald dunkel. Wir sind schnell gelaufen und sollten uns überlegen, ob wir hier rasten oder noch so weit gehen, wie wir es mit dem schwindenden Licht schaffen. Was meinst du?"

Nachdenklich starrte Milan in die Steppe. " Ich kenne mich hier nicht aus, aber wenn du sagst, dass die Strecke weiter ist, als sie aussieht...“ Er verzog das Gesicht und kratzte seine Bartstoppeln, die ihn jetzt schon nervten. Doch er wagte es nicht, sich mit dem Messer zu rasieren. Und außer Niel sah ihn hier ohnehin keiner. „Nun, dann sollten wir vielleicht den Rest des Tages noch ausnutzen und schon weiterlaufen.“

In Gedanken schlug er sich für diese Idee, denn alles in ihm schrie nach Rast und Ruhe. "Je mehr wir heute noch schaffen, um so eher sind wir in Jumelaan, nicht wahr?" Er erwiderte den neckenden Blick mit einem breiten Grinsen. "Und ich nehme dich beim Wort. Ich bekomme mein Bad, sonst werde ich sehr ungehalten."

Niel lachte leise, dann murmelte er "Wenn du willst, kannst du dich in der Stadt dauerrasieren lassen. Das machen viele Menschen, die hier sind, die keinen Bart mehr haben wollen." Er stellte sich auf die Zehenspitzen, dann erklärte er "Dort drüben sind Tierpfade. Ich denke, dass es am besten sein wird, wenn wir diesen Pfaden folgen. Die Tiere wandern im Herbst eigentlich immer auf die Berge zu, wo es feuchter ist und das Gras dichter wächst."

Nach einem aufmunternden Seitenblick auf den schwarzhaarigen Mann neben sich ging Niel mit raschem Tempo auf den einen Pfad zu und stellte fest, dass das Gras ihm mal wieder bis an die Brust reichte. Wenigstens der Mann würde noch ein wenig Übersicht behalten. "Heute Nacht wird es jedenfalls kühler werden. Hier friert es sogar ab und zu."

Ein leichter Schauer rann Milans Rücken hinab, obwohl es so schwülwarm war, dass er schwitzte. Sein Blick glitt über den leicht gekleideten Niel, als er ihm auf den sogar für ihn deutlich erkennbaren Pfad durch das hohe Gras folgte. Plötzlich war er froh, den schwarzen Overall mitgenommen zu haben. Zwar trug er sich nicht sehr angenehm – Milan hatte ihn um die Hüfte geknotet und sich hin und wieder über den störenden Wulst geärgert, war auch ein paar Mal über ein herunterhängendes Hosenbein gestolpert – aber in der Nacht würde es sich vermutlich auszahlen, dass er sich damit herumgeplagt hatte.

"Wunderbar. Ich hätte erst mal den Transporter ausräumen sollen, bevor ich gegangen bin", meinte er trocken. "Ein paar Decken, Lebensmittel, Desinfektionsmittel, Verbandszeug, ein tragbares Zelt, einen Heizlüfter, ein kleines Stromaggregat, einen kleinen Packesel."

Niel lachte fröhlich auf, dann hob er die Hände über seinen Kopf wie ein Tänzer und rief zurück "Hast du doch. Immerhin bin ich klein, und ich trage die Früchte für unser Abendessen!" Er schwenkte das Bündel mit den Früchten, das er mittlerweile an sich genommen hatte, und kicherte noch eine ganze Weile, aber sah sich nicht mehr um, sondern konzentrierte sich darauf, ab und zu mit seiner metallbeschlagenen Peitsche durch die scharfkantigen Gräser zu schlagen, damit sie seine nackte Haut am Bauch und an den ungeschützten Armen nicht zu sehr verletzten.

Als die Sonnen langsam und im Dunst verschleiert hinter dem Horizont versanken und die Dunkelheit sie immer mehr einzuholen schien, hatte Niel trotzdem einige feine, dafür aber unangenehm brennende Schnitte an den Unterarmen und sogar am Rücken.

Er blinzelte und verlangsamte seinen Schritt. Ein kühler Wind kam auf, und er schauderte ein wenig, begann seine Hände zu reiben, während er sich zu Milan umsah. Er wusste, dass dieser schon länger müde war, aber der Mensch hatte eisern durchgehalten, war hinter ihm her gestolpert, sein dumpfer, schwerer Schritt hatte die Schlangen mit Sicherheit gut abgeschreckt, sie waren keiner einzigen begegnet.

Niel rief Milan zu "Bleib mal ein wenig zurück, ich mach uns eine Art Nest für die Nacht!" Er betrachtete einige Schritte weitergehend noch den Boden und fand dann eine leichte Senke, die neben dem Pfad lag, so dass sie nicht noch von einer nächtlich wandernder Herde Büffel umgerannt wurden. Dann holte er seine Peitsche hervor und kürzte das Gras in einem Umkreis, der ungefähr der Länge von Milan entsprach.

Zufrieden betrachtete Niel sein Werk, dann erklärte er Milan ein wenig zerknirscht "Wir haben nichts, um den Boden zu polstern. Das abgeschnittene Gras lässt sich zwar nehmen, aber so gemütlich wie in der letzten Nacht wird es nicht werden, tut mir leid." Er wollte noch etwas dazusetzen, als sein Auge noch einmal in Richtung der Berge schweifte und er freudig ausrief "Schau! Siehst du das dort, Milan?!"

Der zuvor von bläulichem Dunst verhängte Berghang erwachte mit einem Mal zum Leben. An mehreren Stellen leuchteten warme, gelbe Lichter auf, einige bewegten sich in langsamen, stetigen Bahnen den Berg hinauf und hinab. Niel runzelte die Stirn, während er das Bündel mit den Früchten auf dem Nest aus Gras ablegte. "Das ist der Ort, zu dem wir gehen sollten. Dort sind Gutshöfe, die von Menschen betrieben werden. Sie helfen uns sicherlich."

Milan sah kurz in die angezeigte Richtung und lächelte etwas gequält, als er feststellte, wie weit weg es wirkte. Dann ließ er sich mit einem aufatmenden Seufzen auf das Gras sinken. "Es ist mir vollkommen gleich, dass es nicht so weich ist wie gestern", stellte er mit einem Aufseufzen fest und grinste zu Niel hoch. „Es wird mir trotzdem vorkommen wie Daunenkissen, glaube ich."

Im schwindenden Licht konnte er die roten Striemen auf dem Bauch des Elfen erkennen, dort viel mehr als auf dem Rücken. Erst jetzt bemerkte er auch die Schnitte auf den Unterarmen, und er verzog unwillig das Gesicht. "Du hättest etwas sagen sollen, Niel. Du hättest den Overall anziehen können. Das hätte dich geschützt. Aber wenigstens jetzt zieh ihn an. Es wird kalt."

Er knotete ihn von der Hüfte los und warf ihn dem Elfen zu, ehe er aus den Stiefeln schlüpfte und seine müden Füße zu massieren zu begann. Auch seine Beine taten weh, doch dem konnte er nicht so einfach abhelfen. Er kam sich so müde vor wie noch nie in seinem Leben. Trotzdem zog er die Stiefel nach ein paar Momenten wieder an, um ein Stück auf dem Pfad zurückzulaufen und einem menschlichen Bedürfnis zu folgen.

Mit schlechtem Gewissen sah Niel dem Mann entgegen, als dieser wieder zu ihm trat. "Ich bin schuld, dass es dir so schlecht geht. Es tut mir leid. Ich hätte langsamer gehen müssen, ich hätte dir mehr erklären sollen, zu den Gräsern, zu der Strecke... Verzeihst du mir? Ich hab auch schon drei Früchte für dich geschält."

Er hatte das Nest in der Zwischenzeit ein wenig besser mit Gras gepolstert und seinen Overall als Kissen untergelegt. "Wir schlafen einfach wieder nebeneinander, dann frieren wir nicht", erklärte er nach einem fragenden Blick aus den schönen Juwelaugen von Milan.

Dieser ließ sich fallen und sah geschafft aus. Er flocht einen losen Zopf, um die Haare aus dem Gesicht zu haben, dann rieb er sich die Augen. Erst jetzt stellte er fest, dass seine Hände mindestens ebenso zerschnitten waren wie die Unterarme des Elfen. Er sah auf, als Niel sich neben ihn kniete und sich zerknirscht auf der Unterlippe herum kaute. "Tut mir leid... wird es gehen? Sind die Schnitte schlimm? Schau, ich habe auch welche!"

Milan lächelte und fuhr ihm einmal mit der Hand durch die Haare. "Du hättest mindestens die Hälfte vermeiden können, wenn du nur einen Ton gesagt und nach dem Overall gefragt hättest", erklärte er mit der tadelnden Stimme eines Lehrers, ehe er lachen musste. "Aber du solltest ihn jetzt wirklich anziehen. Du hast doch nichts an, was sich nennenswert als Kleidung bezeichnen lassen würde."

Niel spürte, wie seine Ohren sich erneut erhitzten. Er lachte nervös einmal auf, dann erklärte er "Ich fühle mich dann nur eingeengt, danke dir." Er schlug die Beine unter und kämmte sich mit der linken Hand durch die Haare, während er mit der anderen eine Frucht aufnahm, um etwas zu essen.

Im gleichen Moment griff Milan ebenfalls danach, und ihre Finger streiften sich kurz. Niel spürte ein elektrisierendes Kribbeln, das sich von den Fingern direkt bis zu seinem Magen fortsetzte. Hektisch erzählte er deswegen "Ich mag dieses Obst ja eigentlich ganz gern, aber mittlerweile könnte ich nichts gegen eine einfache Suppe einwenden, vermutlich brauche ich Salz, wir haben zu viel geschwitzt. Morgen aber sind wir dann da. Hältst du das noch einen Tag lang aus, Milan?" Als der Mensch ergeben nickte, ließ Niel sich auf den Overall fallen und aß auf der Seite liegend weiter. /Selbst ich bin fertig, und ich kann einiges vertragen, der arme Mann./

Milan sah ihn nachdenklich an, wieder fiel ihm auf, wie schmal und schlank der Elf war. /Da ist doch nichts, was ihn in der Nacht warm halten könnte.../ Er ließ sich neben ihn sinken und schaute in den dunkler werdenden Himmel empor, das erste Mal in dieser Welt, dass er wirklich darauf achtete.

Obwohl es noch nicht vollständig Nacht war, standen doch eine unendliche Anzahl Sterne am Firmament, mehr, als Milan je auf der Erde gesehen hatte. Einen Moment genoss er schweigend den Anblick und kaute eher lustlos auf der Frucht herum, ehe er sich zu Niel umdrehte. Fast Nase an Nase lagen sie da, er konnte die Wärme spüren, die von dem anderen ausging; die großen Augen reflektierten schimmernd das wenige Licht, hoben sich ein wenig heller vom dem dunklen Gesicht ab. "Muss ich wohl." Er lächelte. "So empfindlich bin ich auch nicht. Und langsam gewöhne ich mich daran."

Niel stockte der Atem, während er es nicht schaffte, den Blick von Milans wunderschönen Augen lösen, die ihn so intensiv betrachteten. Er fühlte, dass sein Herz schmerzend schnell und hart schlug. Die Aufregung, die er spürte, machte ihn noch unsicherer, weswegen er die Augen nach einer Weile schüchtern niederschlug, bevor er seinen Kopf dichter an Milan heran lehnte und seine Hand vorsichtig auf dessen Taille schob. "Darf ich wieder bei dir schlafen?", flüsterte er endlich heiser vor Aufregung und eher an den Boden, als an den Menschen gewandt.

Die schmalen Finger waren warm und ruhten nur leicht auf ihm. Milan konnte den sanften Duft riechen, der von dem Elfen ausging, unter den sich der herbe von tagelang unterlassener Körperpflege mischte. Doch es störte ihn nicht, und überrascht stellte er fest, dass ein sanftes Kribbeln durch seinen Magen fuhr und sein Pulsschlag sich ein wenig beschleunigte.

/Wieso das? Das ist ein Mann, der noch dazu aussieht wie ein Teenager./ Aber das war er nicht, und Milan konnte nicht umhin, ihn zu bewundern. Es gab vieles, was ihm an Niel gefiel. Die Art zu sprechen, wie er erzählte. Er schien über diesen Planeten einfach alles zu wissen. Nicht einmal hatte er gestockt, egal, was Milan auch gefragt hatte. Die Leichtigkeit, mit der er die metallbeschlagene Peitsche handhabte. Die Anmut seiner Bewegungen. /Ich bin ja vollkommen übergeschnappt! Und er könnte was vollkommen falsches denken. Er ist.../

Aber anstatt Abstand von ihm zu nehmen, rückte Milan näher an ihn heran, bis ihre Körper sich leicht berührten. Er legte seinen Arm um den schlanken Elfen, ließ die Hand lose auf dessen Rücken ruhen.

"Ist wohl besser so", antwortete er genauso leise und brachte sein Gesicht noch näher an die wuscheligen Haare des anderen. "Du wirst mir sonst heute Nacht erfrieren, da du ja den Overall nicht tragen willst."

"Damit du auch was davon hast. Ich will nicht, dass du frierst." Niel driftete in einen schönen, watteweichen Traum ab, ohne zuvor einschlafen zu müssen. Er schmiegte sich eng an Milan, bis er meinte, dessen Herzschlag zu spüren, so dumpf und doch kraftvoll erschien ihm das Geräusch, als er seine Wange an die Brust des anderen legte. Der Arm, der ihn umfing, die Handfläche auf seinem Rücken spendeten ihm schon zu viel Wärme.

Niel atmete einmal tief durch, dann beschloss er, diese womöglich letzte ihrer Nächte so sehr zu genießen, wie er konnte und hob sein Gesicht, bis seine Haut die von Milan unterhalb des Halsbandes leicht berührten. Zufrieden seufzte er auf und schloss dann die Augenlider, um den Traum im Schlaf fortzuführen.

Milan lächelte; er hatte noch etwas erwidern wollen, dass er nicht weniger frieren würde, bloß weil der Overall als Kopfkissen diente, doch er schwieg. Gerade fühlte er sich so wohl wie seit seiner Flucht aus dem Transporter nicht mehr, und er wollte Niel nicht aus seinem Arm lassen. Wenn der Elf wirklich zu frieren anfing, konnte man das ja immer noch tun.

/Es gefällt dir, so?/, fragte seine kleine, sarkastische innere Stimme. /Du weißt, was das heißt?/ Unwillig versuchte Milan, sie zu ignorieren, doch das war trotz seiner Müdigkeit und trotz der angenehmen Lage, in der er sich befand, nicht so einfach möglich. /Angenehm, ja? Es gefällt dir, einen Mann im Arm zu haben?/

Milan seufzte lautlos und vergrub die Nase noch ein wenig mehr in dem dichten Haar, streichelte kaum merklich den schmalen Rücken des anderen. /Nur der Wärme wegen... und es wird niemand erfahren. Niemand, der mich kennt. Außerdem hat Niel einen Freund, einen eifersüchtigen noch dazu. Und ich werde wieder auf die Erde zurückkehren. Ich werde eine Möglichkeit finden... und er riecht so gut... und ist so anschmiegsam... weil er schwul ist?... na und.../

Die Gedanken drifteten langsam in einen Traum über, bis er ganz in tiefen Schlaf sank. Er war zu erschöpft, um ihm zu widerstehen, wollte es auch gar nicht. Er würde seine Kraft am nächsten Tag noch brauchen.


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
© by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh