Zwischen den Welten

8.

Es war schon spät und wurde rasch dunkel und unangenehm kalt, als sie endlich an den Mauern aus unregelmäßigen Steinen, in deren Ritzen etliche Geckos und Schlangen sowie andere Tiere Unterschlupf fanden, anlangten.

Mit mühsamen Bewegungen kletterte Niel hinüber und half Milan, damit er sich nicht auch noch etwas verrenkte oder brach. Im Gegensatz zu einem Jumer war ein Mensch sehr zerbrechlich, das wusste Niel.

Dann blieb er erstaunt stehen, denn vor ihnen tat sich, sanft dem Berghang im Anstieg folgend, ein Weinfeld auf. Die Reben wuchsen an sauber aufgestellten Gittern, die sie wie ein Zeltdach überragten. Unter dem Gitterdach, in dem man die schweren, roten Trauben hängen sah. Erntemaschinen glitten von leisem Summen begleitet hin und her, prüften die Trauben, schnitten und sammelten die besten darunter, um sie gleich zu entsaften. "Das waren die Lichter, die wir in der letzten Nacht haben wandern sehen. Das sind Erntegleiter. Der Besitzer muss ein reicher Mensch sein, er wird uns bestimmt übernachten lassen."

Eine Weile starrte Milan staunend zu den schwebenden Maschinen hoch. Sie sahen nicht so aus, als seien sie für das Fliegen gemacht, und doch hatten sie keinerlei Halt, weder zum Boden hin noch hingen sie irgendwo. Er hatte niemals etwas Vergleichbares gesehen.

"Wow!", brachte er hervor und grinste, als er sich endlich wieder Niel zuwandte. "Das ist Wahnsinn! Unsere Winzer würden einiges dafür geben, wenn sie Hand an so ein Maschinchen legen könnten."

Er hätte die Erntegleiter noch sehr viel länger beobachten können, doch der Gedanke an ein warmes, weiches Bett, etwas Vernünftiges zu essen und ein heißes Bad war zu verlockend. Außerdem würde es bald derart dunkel sein, dass sie sich nur noch tastend fortbewegen können würden. Und das wollte Milan vermeiden.

Als sie den Berghang hinauf liefen, griff er nach Niels Hand und nahm sie in seine, warf seinem kleinen Elfen einen verliebten Blick zu. Was auch immer kommen würde, er hoffte, nicht so schnell von ihm getrennt zu werden. Vielleicht, weil irgendjemand die Beziehung von Jumern und Menschen als unpassend ansah.

Bald hatten sie Sicht auf ein großes Gebäude, das sich schwarz vom bereits dunklen Himmel abhob. Außer ein paar hell erleuchteten Fenstern konnte man nicht viel erkennen. Lediglich eine von einer Außenlaterne aus der Nacht hervor gehobene, schwere Holztür mit schmiedeeisernen Beschlägen und ein Stück heller Bruchsteinmauer, die diese umgab, war noch zu sehen.

Erleichtert seufzte Milan auf und drückte die schmale, vierfingrige Hand. "Wir haben es so gut wie geschafft. Bist du dir sicher, dass sie uns aufnehmen werden?"

Milan hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als ein dunkles Knurren ganz aus der Nähe erklang. Niel erschrak und wirbelte herum, ließ jedoch die warme Hand nicht los, während er seine Peitsche herauszog.

Dann konnte er in den Schatten etwas erkennen. "Oh, verdammt! Ein Wachhund! Er scheint nicht nur bellen zu wollen, sondern eher auch auf das Zubeißen getrimmt worden zu sein. Komm mit!"

Milan hatte nicht das Verlangen stehen zu bleiben, um etwas in der Dunkelheit zu finden, was zu dem bedrohlichen Knurren und dem leisen Klirren, dem schnellen Schlag von Pfoten auf hartem Boden gehörte. Ein eisiger Schauer rann seinen Rücken hinab, sein Herz raste, als er Niel folgte, der obwohl er bestritten hatte, mehr in dieser Dunkelheit erkennen zu können als ein Mensch, offensichtlich doch etwas vom Weg sah.

Sie rannten vom stetigen Knurren und Geifern begleitet um das Haus herum, bis sie an dessen Rückseite zu einem Winkel kamen, wo das Haus an einen Stall anschloss. Milans Atem flog vom schnellen Lauf und von seiner Angst, als sie schlitternd zum Stehen kamen. Panisch warf er einen Blick zurück, halb und halb erwartend, den Schemen des Hundes hinter sich und vielleicht im Sprung zu sehen. Doch da war nichts, nichts was er erkennen konnte. Trotzdem machte er sich von seinem kleinen Elfen los, um nach seinem Messer zu tasten. Zwar glaubte er nicht wirklich, damit eine Chance zu haben, aber es war besser als nichts. Und wenn Niel mit seiner Peitsche...

Die helle, klare Stimme des Jumers unterbrach seine Gedanken. "Der Hund war an einer Kette, hier auf der Rückseite sind wir sicher. Eigentlich müsste doch jemand aufgewacht sein in der Zwischenzeit, vielleicht sind die für die Nacht in der Stadt, und der Hund soll aufpassen. Was meinst du, wollen wir versuchen... hey, schau mal, das Fenster hier steht auf Kipp!"

Mit einem erleichterten Aufseufzen ließ sich Milan mit dem Rücken gegen die Hauswand sinken und schloss für einen kurzen Moment die Augen. Die rauen Bruchsteine waren kühl unter seinen Handflächen. Ein leichter Wind streichelte sein Gesicht, den er jetzt als angenehm empfand, von dem er aber wusste, dass er später kalt und beißend werden würde, sollten sie keine Aufnahme in dem Weingut finden. Er stieß sich wieder von der Wand ab und sah zu Niel hinunter, der vor einem Fenster in Bodennähe hockte und lediglich als dunklere Silhouette vor der hellen Wand zu erkennen war.

Niel schob seine Finger durch den schmalen Spalt eines der Kellerfenster. Er konnte den Riegel und die zusätzliche Sicherung ertasten. Nach einigem Gefummel und verhaltenem Fluchen konnte er das schmale Fensterchen aufschieben und steckte den Kopf in den Raum, der sich ihm auftat. "Ein Wäschekeller, ich klettere rein und schau mal umher. Passt du durch das Fenster, Milan?"

"Natürlich, so breit bin ich nun auch nicht." Zumindest hoffte Milan es. Zwar behagte ihm der Gedanke gar nicht, einfach in ein Haus einzubrechen, aber der an eine weitere Nacht in eisiger Kälte gefiel ihm noch viel weniger. Und die Haustür wurde zudem von einer geifernden Bestie bewacht, bei der Milan kein tieferes Bedürfnis hatte, sie näher kennen zu lernen, nur um anzuklopfen und dann herauszufinden, dass wirklich niemand zu Hause war.

Als er sich hinter Niel durch das Fenster schlängelte, wusste er mit einem Mal auch, wie sein kleiner Elf trotz der Dunkelheit hatte erkennen können, was für ein Raum es war. Der Duft von frisch gewaschener Wäsche schlug ihm entgegen und ließ ihn sich gleich noch viel verschmutzter und stinkender vorkommen.

Kaum spürte er wieder Boden unter seinen Füßen, flammte Licht auf. Erschrocken zuckte Milan zusammen, blinzelte in der plötzlichen Helligkeit, die in seinen Augen schmerzte. Wieder begann sein Herz panisch zu rasen, doch dann sah er Niel, den das offensichtlich überhaupt nicht störte. Der Jumer drehte sich nur kurz um, bedeutete ihm zu warten und schlüpfte zur Tür hinaus. Vermutlich war das Licht an einen Bewegungsmelder, aber nicht an eine Alarmanlage gekoppelt.

Trotzdem beruhigte sich sein Herz nur langsam wieder, als er sich in dem großen, kahlen Raum umsah. Doch außer einigen Leinen mit Betttüchern, einigen gefüllten Wäschekörben und ein paar Maschinen befand sich hier nichts, kein Mensch und kein Jumer und auch keine geifernden Hunde. Der Gedanke ließ ihm einen Schauer den Rücken hinablaufen, und er drehte sich rasch um, um das Fenster wieder zu schließen.

Niel huschte auf Zehenspitzen durch den Keller und stellte fest, dass die Tür zur Treppe in das Erdgeschoss verschlossen war. Als nächstes stieß er jedoch auf die Speisekammer und jubelte innerlich, bevor er sich wahllos Brot, Käse und Wurstenden auf die Arme lud. So bepackt kehrte er zu Milan in den Wäschekeller zurück.

Dieser hatte derweil aus einigen Tüchern und ein paar Polstern, die an die Wand gelehnt wohl darauf gewartet hatten, dass ihre Bezüge gewaschen und getrocknet waren, ein einigermaßen bequemes Lager gerichtet. Zur Not würde er die Laken mit der Hand wieder sauber schrubben, wenn die Besitzer des Gutes darauf bestanden.

Es kam ihm wie Luxus vor, als er seine Stiefel auszog und sich darauf setzte, ignorierend, dass der Geruch seiner Füße nicht gerade der von Veilchen und Rosen war. Himmel, er würde so gut schlafen wie seit Tagen nicht mehr! Ein kleines Grinsen huschte über sein Gesicht. So lange es Niel nur nicht einfiel, dass die fehlende Kälte ein Grund war, von ihm abzurücken.

Als sich die Tür öffnete, zuckte er wieder erschreckt zusammen, doch dann ging ein Strahlen über sein Gesicht, als er sah, dass es Niel war mit einer Menge an Essen, die ihm fast göttlich vorkam. Zudem war es richtiges Essen, keine Beeren, keine Früchte. Er sprang auf, obwohl er gerade noch überlegt hatte, dass er sich am liebsten nie wieder erheben würde, und lief Niel entgegen, um ihm etwas abzunehmen.

Niel lachte leise, als er das Lager sah und stellte fest "Du hast damit gerechnet, dass wir hier bleiben müssen. Leider müssen wir das auch. Die Tür zur Treppe ist abgeschlossen. Ich lauf eben aber noch mal und hole was zu trinken für uns. Ich komme um vor Durst!"

Rasch lief er die Gänge erneut entlang, die durch eine dämmrige Notbeleuchtung erhellt wurden. Genug Licht, um ihm den Weg zu zeigen. Er prüfte einige Keller und fand einen, in dem Weinflaschen in Holzregalen lagerten. /Der private Weinkeller des Gutsbesitzers. Hier müsste sich schon etwas Trinkbares finden lassen./

Niel vergeudete nicht viel Zeit mit Auswählen, sondern blickte nur kurz auf die silbrigen Etiketten auf den schwarzen, schlanken Flaschen. "Herbstsonne. Wenn das nicht schön klingt. Den nehmen wir!" Er beeilte sich auf dem Rückweg noch mehr, denn sein Magen knurrte schon und seine Füße schmerzten ihn, er wollte sich zu Milan setzten, essen und trinken und dessen ruhige Gesellschaft genießen. /Hoffentlich kommen wir bald mal zu unserem Bad./

Milan hatte währenddessen das Brot in dicke Scheiben geschnitten, was mit dem nicht dafür ausgerichteten Messer ein interessantes und nicht ganz einfaches Unterfangen gewesen war. So sahen die Scheiben dann auch aus, aber es störte ihn nicht. Allein der Geruch ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Er musste sich wirklich zusammenreißen, um nicht einfach jetzt schon mit dem Essen zu beginnen.

Als Niel zurückkam, rutschte er ein Stück beiseite, um ihm Platz zu machen. Er musste lachen, als er sah, was sein kleiner Elf zu trinken organisiert hatte; und sein Lachen steigerte sich noch, als es sich als ungeahnt schwierig gestaltete, die Flasche aufzubekommen. Es dauerte einige Zeit, bis der Jumer mit Hilfe des Messers und seiner schlanken Fingern den Korken heraus gepult hatte, während der ihn Milan beobachtete und es einfach nur niedlich fand, wie er dabei konzentriert die schmalen Brauen zusammenzog, wie er manchmal die Zunge zwischen die Lippen schob.

Das Strahlen, als Niel endlich fertig war, ließ Milans Herz schneller schlagen. /Er ist wirklich zu süß. Und diese Augen! Ich verstehe nicht, wie sie irgendjemand nicht mögen kann!/ Er beugte sich zu ihm und küsste ihn spontan auf die weichen Lippen, kurz nur, und lächelte ihn an. "Super, dann können wir ja anfangen, nicht? Mein Magen ist sowieso schon die ganze Zeit am Schimpfen, weil er meint, es grenzt an Folter, vor all den leckeren Sachen zu sitzen und nichts zu essen."

Milan lachen zu hören war ein schönes Erlebnis für Niel. Als er ihn dann schnell küsste, hüpfte sein Herz vor Freude, und er merkte, wie seine Finger begann nervös zu zittern. /Hab ich mich so sehr schon in ihn verschossen? Oh, wenn wir nur ein Bad hätten und dann ein ordentliches Bett, das wäre... Schluss! Erst mal wird getrunken und gegessen!/

Er sah auf, dem Mann in die schönen Goldaugen und verlor sich in deren Schimmern, der Freude und Zuneigung, die er dort entdeckte. "Ich habe es geschafft! Immerhin. Vermutlich wäre es einfacher gewesen noch einmal loszulaufen, um einen der mit Sicherheit im Weinkeller liegenden Korkenzieher zu holen, aber so macht es ja auch mehr Spaß", erklärte er grinsend und nahm einen kleinen Schluck aus der Flasche, um sie dann Milan zu reichen. "Recht hast du, essen wir. Vielleicht haben wir Glück, und die Besitzer des Gutes kommen bald zurück!"

Müde lehnte Niel sich an Milan und begann, wahllos vom Käse und Brot abzubeißen oder vom Wein zu trinken, der recht stark war, denn er ließ schon nach einigen Schlucken einen merkwürdige Leichtigkeit in seinem Kopf entstehen.

Schon bald begann der zierliche Jumer, sich enger an seinen Gefährten zu kuscheln und mit leicht unstetem Blick auf die Wäsche um sie her unter dessen Kleidung zu streicheln. Ohne es zu merken, summte Niel ein Schlaflied, das seine Mutter ihm immer gesungen hatte, an das er sich nur selten erinnerte. Der Raum begann um ihn herum zu driften, die Wäsche wiegte sich leicht, und als das Licht sich automatisch ausschaltete, stellte Niel die Flasche gerade noch rechtzeitig ab, bevor sie seinen kraftlosen Fingern entglitt, während er neben Milans Beinen zusammengerollt einschlief.

Milan lächelte und räumte die Reste des Essens von dem improvisierten Lager, ehe er sich neben Niel ausstreckte und einen Arm um ihn legte. "Gute Nacht, mein kleiner, süßer Elf", murmelte er und küsste zart dessen langes Ohr. Viel vertrug sein Geliebter nicht; Milan spürte den Alkohol auch, aber er stieg ihm nicht so zu Kopf wie offensichtlich Niel.

/Geliebter./ War er das wirklich? Sie hatten sich geküsst, mehrfach. /Aber er hat einen Freund... und ich... ich will wieder weg. Er bleibt hier. Er ist wunderschön, und ich bin verliebt./ Milan vergrub die Nase in dem zerzausten Haar und atmete den Geruch des Jumers ein. /Verliebt genug, dass ich das selbst nach ein paar Tagen ohne Dusche noch mag/, stellte er fest, während sein Bewusstsein langsam in den Schlaf driftete. /Ich bin... wirklich... verliebt... in einen Mann.../

 

Jeremis setzte sich ruckartig in seinem Bett auf und lauschte auf den Klang, auf die Art, mit der seine Hündin Schnapper anschlug. Sie war wütend, auf eine energische und wirklich aufgeregte Art. Sie bellte eine ganze Weile lang, zu lang für ein Kaninchen oder etwas in der Art.

Doch dann hörte er Hames raue Stimme. "Schnapper, du dummes Vieh! Was soll das denn? Hast du ein Karnickel gesehen, oder was?! Halt die Klappe!" Genau das tat Schnapper nach einem laut starken Gähnen auch.

Lächelnd lehnte Jeremis sich zurück und ließ sein Licht aus. Wenn er es anschaltete, dann würde er zugeben, dass er gestört worden war, und Hame würde ihm einen neuerlichen Vortrag halten, wie bescheuert sie es fand, in jeder Nacht einen Wachhund an einer Kette vor der Tür lauern zu lassen. Hame konnte seine Vorsichtsmaßnahmen nicht verstehen, aber Hame war eine wilde, mutige Frau, die zudem weder die Minen noch die Plantagen je gesehen hatte und deswegen auch viele von Jeremis' Ängsten nicht verstehen konnte.

Das Dumme an der Bellerei und Jeremis' Stolz war, dass er nun nicht in die Küche gehen konnte, um sich ein Glas Milch zu holen, denn Hame würde ihn hören. Sie war mit Sicherheit selber dort und machte sich Kräutertee, um wieder zum Schlafen zu kommen. Das andere, das dumm war, war jedoch, dass Jeremis sich immer sicherer wurde, dass er nun wach war und nicht mehr würde schlafen können.

Er grummelte ein wenig und stand dann langsam auf, um sich den dunkelbraunen Morgenmantel über den blauen Schlafanzug zu ziehen. "Verflucht sei Hames große Klappe, dann geh ich in den Keller und hol mir ein Glas von dem Weinbrand aus dem letzten Jahr." Es war sehr befriedigend, wenn man einen Schuldigen und eine Ausrede parat hatte.

Mit wenigen Schritten ging Jeremis in sein Bad hinüber, von wo man noch in sein Gästezimmer sehen konnte, das er für Freunde und Händler vorhielt. Bedächtig schloss er die Tür, bevor er sich umsah. Die hellgrünen Fliesen mit den aufgemalten Weinranken waren neu, ein Geschenk von einem Händler, und er sah sie noch immer gern an.

Als nächstes blickte er in den großen, holzgerahmten Spiegel über dem Waschbecken. Sein Gesicht wirkte müde, die Erntezeit war zum Glück fast vorüber. Die Maschinen hatten in dieser Saison nicht so häufig gestreikt, und die Hilfe von seinem Haushälterpaar Hame und Kees hatte ihn weitgehend vor dem Zusammenbruch bewahrt.

Kees war der ordentlichste Halbling, den er je gesehen hatte, ein Putzteufel, und seine Frau Hame war die beste Maschinistin, die ihm je untergekommen war. Lediglich das Mischblut, zur Hälfte menschlich, zur Hälfte jumenisch, hatte sie zu Verstoßenen gemacht. Er war froh, dass sie bei ihm arbeiteten, aber für sie war es die einzige Möglichkeit, überhaupt zu existieren. Hier, in den Bergen, weit weg von der Stadt, den Gesetzen und den Jumern und Menschen, die sie nicht einmal anzusehen wagten, weil es sie nicht geben durfte.

Jeremis klatschte sich Wasser in sein Gesicht und strich sich einige der dunklen Haarsträhnen aus der gebräunten Stirn. Im fahlen Licht der Badezimmerlampe sah man die silbernen Strähnen an den Schläfen und auch im übrigen Haar umso besser, wie es schien. Und er bemerkte die Fältchen um die grünen Augen, als er sich angrinste. Hastig wendete er sich ab und trocknete sein Gesicht, bevor er sich zur Tür wandte.

Er steckte den Kopf vorsichtig zum Flur hinaus, aber der andere Flügel, in den er über die Galerie in der Eingangshalle hinweg ein wenig hineinsehen konnte, lag dunkel und verlassen da. Hame schien wieder zu schlafen, Kees konnte ohnehin nicht einmal ein Erdbeben wecken. Leise schlich Jeremis sich die schwere Holztreppen hinunter und schloss die Tür zum Keller auf. Unten am Treppenende hatte er noch eine Tür, auch diese stellte eine Vorsichtsmaßnahme von ihm dar.

Als er die zweite Tür geöffnet hatte, flackerte das Licht im Keller überall automatisch an, und er ging nun lauter den Gang hinunter, um in seinem privaten Weinkeller nach dem guten Weinbrand zu sehen, von dem er sich einen Schluck gönnen wollte. Er hatte die Hand schon auf der Klinke, als er ein weiches Schnarchgeräusch aus dem Wäschekeller weiter hinten hörte.

Erschrocken wirbelte Jeremis herum, verhedderte sich ein wenig mit den Kordeln seines Morgenmantels und schimpfte sich dann einen Idioten, bevor er das Geräusch noch einmal hörte, dieses Mal unverkennbar ein Schnarchen. Weich und wie aus dem Tiefschlaf.

Er ging entschlossen zur Tür seines Wäschekellers und erstarrte. Dort, auf den teuren Polstern seiner Verandagarnitur, die er erst letztens erstanden hatte, lagen die dreckigsten, stinkendsten zwei Gestalten, die er seit den Tagen in den Minen jemals erblicken durfte.

Sie sahen müde aus, erschöpft, als hätten sie doch tatsächlich die Steppe bei der Gluthitze der letzten Tage überquert, und ihre Kleidung war zerschlissen. /Strauchdiebe? Rebellen? Entlaufene Minensklaven?/ Der eine drehte den Kopf ein wenig, und Jeremis zuckte zurück und kratzte sich dann überlegend am Kopf. /Ein Jumer? Ein reicher zudem, wenn man die Zahl der Ringe am Ohr bedenkt. Einer der kleinen mit den langen Ohren. Nicht diese arroganten silberblonden mit den hochnäsigen Gesichtern. Ob er aus den Bergen kommt? Ob er und der Mensch ein Paar sind?/

Ein schwarzhaariger Mann mit einem von Müdigkeit und nicht wenig Dreck gezeichnetem Gesicht lag an den kleinen Jumer gelehnt da und hatte einen Arm um den schlanken Körper gelegt. Jeremis kratzte sich am glatten Kinn. Er brauchte sich nicht zu rasieren, das hatte eine Dauerrasur vor einigen Jahren in der Mine ein für alle Male erledigt, doch der Mensch hatte schon reichlich dunklen Bartschatten. Jeremis blickte in das schlanke, ernste Gesicht und wagte sich endlich einige Schritte dichter. Als nächstes erblickte er, dass sie wahllos von seinem Brot und Käse, von der Sommerwurst und von seinem natürlich teuersten Wein gegessen und getrunken hatten.

"Diebe. Aber vollkommen übermüdet und ausgelaugt." Jeremis wusste, wie es sich anfühlte, wenn man Hunger hatte, und er kannte den Anblick von vollkommen erledigten Wesen nach einer langen, nutzlosen Wanderung. Er kam zu dem Schluss, dass die beiden geflüchtet waren.

Vorsichtig beugte er sich dichter und runzelte die Stirn. "Hey, Stinktier. Wach auf, du bist hier in meinem Keller und das ist mein Wein, den ihr da..." Jeremis Blick fiel auf den Transmitter. Er stand auf Übersetzermode, aber trug noch kein Datum. Ein Mensch mit einem leeren Transmitter? /Wie ist das möglich? Das hieße ja, dass er vor dem Handel zwischen Sklavenschiff und Minenbetreiber geflohen ist. Davon habe ich ja noch nie gehört!/ Ungeduldig stupste Jeremis den Mann an und sagte lauter "Ich tue euch nichts, aber ihr könnt nicht auf meiner Wäsche schlafen, dafür hab ich Betten, wacht auf!"

Milan schreckte aus dem Tiefschlaf empor und wusste erst einmal nicht, wo er war. Um ihn war es hell, doch er war nicht zu Hause, ebenso fehlte das Schnattern, Zwitschern, Zischeln und Tröpfeln des Regenwaldes oder das Summen des Windes im harten Gras der Steppe. Dann sah er den großen Schatten eines weiteren Mannes über sich und blinzelte müde, ehe ihm einfiel, wo er und Niel eingeschlafen waren. Die Erinnerung reichte, um ihn schlagartig wacher zu machen. Erschrocken keuchte er auf, halb und halb erwartend, dass der Mann seinen Wachhund auf sie hetzen oder ihnen auf andere Art heimzahlen würde, dass sie hier eingebrochen waren.

Doch die grünen Augen waren zwar ernst, aber nicht unfreundlich auf ihn gerichtet. Vorsichtig löste sich Milan von Niel und setzte sich auf, für einen Moment fehlten ihm die Worte. Sein Kopf war noch zu schläfrig, um wirklich zu denken. "Der Hund hat uns nicht klopfen lassen, und die Tür war zu", erklärte er schließlich, während er versuchte, Schlaf und die Wirkung des Alkohols unter Kontrolle zu bekommen.

Jeremis lachte leise. Dies waren also wirklich so harmlose kleine Ausreißer, wie er gehofft hatte. "Na, da ihr beiden schon gegessen habt und ich meine Wäsche nun vielleicht noch mal waschen sollte, bevor Kees einen Anfall bekommt, wollt ihr den Rest der Nacht nicht in meinem Gästezimmer schlafen, um mir morgen früh dann alles zu erklären? Der Jumer wacht nicht auf, hm?" Er grinste und reichte dem verwirrt blinzelnden Mann eine Hand.

/Gästezimmer? Er will uns nicht rauswerfen? Ist nicht wütend?/ Noch immer nicht ganz bei sich, griff Milan automatisch nach der ausgestreckten Hand. "Es tut mir leid, das Chaos hier... und der Wein und das Essen."

Jeremis deutete umher. "Morgen könnt ihr zwei dann ja noch immer hier aufräumen, bevor Kees das sieht. Ich nehme den Jumer, die vertragen Alkohol nicht besonders gut, musst du wissen." Jeremis hob das geringe Gewicht des dunkelblonden Jumers ohne Schwierigkeiten. Auch dieser roch ganz so, als bräuchte er sehr dringend ein Bad. "Schaffst du es, oder bist du zu betrunken? Wie heißt ihr beiden denn?"

"Ich bin nicht so betrunken. Nur noch nicht ganz wach." Milan rieb sich die Augen, und anschließend war seine Welt schon wesentlich klarer. Er musterte den Mann genauer, der ihn so unvermutet geweckt hatte. Braune, kurze Haare mit einigen grauen Strähnen fielen zerzaust in seine Stirn und umrahmten ein freundliches Gesicht, in dem sich bereits die ersten Falten zeigten. Besonders die um die Augen und den Mund wirkten, als würde er gerne lachen, was Milan irgendwie erleichterte. "Ja, wir werden aufräumen, auch waschen, wenn es nötig ist. Es tut mir wirklich leid. Ich bin Milan, das ist Niel."

"Na, dann ist es ja gut. Kannst du leise sein, bitte? Ich will die anderen Bewohner dieses Hauses nicht wecken." Mit dem Jumer auf dem Arm und dem verschwitzen jungen Mann im Schlepp schlich Jeremis sich zu seinem Zimmer und dem Gästezimmer in den ersten Stock hoch. Er schloss die Türen alle sorgsam hinter ihnen und schob den schwarzhaarigen Mann gleich in das Bad.

"Du stinkst wie eine acht Tage alte Leiche. Ohne Dusche oder Bad kommst du mir nicht in mein schönes Gästebett. Und er hier auch nicht. Am besten, ich lasse euch ein Bad ein, und du hilfst mir, ihn zu baden. Zieht euch schon mal aus."

Er bemerkte den verwirrten und ein wenig ablehnenden Blick des jungen Mannes und rief sich in Erinnerung, dass es sich komisch anhören mochte. "Es ist nur so, dass ich nicht will, dass meine Haushälter euch morgen so sehen, wie ich euch jetzt sehe. Die beiden sind den Anblick von Leuten, denen ein Bad verwehrt wurde, nicht gewohnt und könnten sich erschrecken."

Er kratzte sich einmal durch die bestimmt schon wieder wirren Haare und erklärte dann "Ich suche mal Rasierzeug zusammen, das Wasser fliesst sehr schnell. Schau, dass es nicht überläuft bitte. Bin gleich wieder da."


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh