Zwischen den Welten

10.

Jeremis schreckte durch einen Gedanken aus seinen Tagträumen auf und fluchte verhalten, bevor er mit raschen Schritten zur Tür ging, um nach Kees zu rufen. Der Halbling kam gleich aus der Küche hervor und wischte seine Hände an einem Tuch ab, sah ihn fragend an.

"Mir ist eingefallen, dass ich die vollkommen verdreckten Sachen der beiden ja in den Wäschekeller geworfen habe, Kees. Kannst du eine Hose und ein Hemd von Hame raussuchen, das müsste dem Jumer passen. Dazu ein paar Sachen von mir, die dem Menschen passen könnten? Er ist etwas kleiner als ich, aber das müsste gehen." /Außerdem kannst du sie dann gleich mal wecken, langsam werde ich auch neugierig./ Das sprach er nicht aus, aber er fügte noch hinzu "Sage ihnen gleich, wann es Essen gibt, damit sie sich noch darauf einstellen könnten."

Kees' rundes Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen, als er nickte. Seine blauvioletten Augen blitzten vergnügt auf. "Wenn sie noch lange schlafen, verhungern sie, ohne es zu merken." Er warf sich das Tuch über die Schulter und strich sich eine Strähne aus der Stirn. "Ich mach noch den Abwasch fertig, dann suche ich ihnen frische Sachen raus und werfe ihre alten in die Maschine – wenn sich das überhaupt noch lohnt. Die beiden Vagabunden werden unbarmherzig aus dem Bett geschmissen und runter gejagt, damit deine und Hames Neugier endlich befriedigt wird."

Er richtete seine geringe Größe auf, die nur wenig über der von Hame lag, und versuchte, ernst zu wirken, was ihm vollkommen misslang. "Mich interessiert natürlich überhaupt nicht, was sie hierher getrieben hat." Leise lachte er auf und blinzelte unschuldig. "Und anschließend mache ich mich direkt ans Kochen. Sonst noch was, Jer?"

Jeremis lachte über die eifrige Art seines Haushälters und schüttelte den Kopf. "Ich hole mir noch Tee rüber, du weißt ja, wie sehr ich das Rechnungsschreiben liebe." Er streckte seine Schultern durch und ging langsam in die Küche, füllte seinen Becher erneut und kehrte dann nach einem Blick die Treppe hinauf wieder zu seinem Ledersessel und zu den Rechnungen zurück.

 

Nur ungern befreite Milan sich aus den Armen seines kleines Elfs. Er hätte noch stundenlang weiter kuscheln können, ihn küssen, anschauen, wieder küssen. Den geflüsterten Koseworten lauschen, selber welche wispern. Ihm sagen, was er an ihm alles wundervoll fand, wie schön er war. Doch sie hatten schon viel zu viel des Tages verschlafen; es war mehr als unhöflich, ihren so großzügigen Gastgeber noch länger warten zu lassen.

Mit schlechtem Gewissen erinnerte sich Milan daran, dass Jeremis von Frühstück gesprochen hatte, und auch wenn er die Uhrzeit nicht anhand der Sonnen bestimmen konnte, wusste er dennoch sehr genau, dass die Zeit dafür schon lange vorbei sein musste.

"Wir sollten uns langsam anziehen, Liebling", sagte er mit einem verlegenen Grinsen und setzte sich auf. "Jeremis wartet mit Sicherheit schon ungeduldig auf uns. Unser Gastgeber. Er ist in den Keller gekommen, du wirst dich nicht an ihn erinnern." Milan lachte leise. "Obwohl du zumindest nicht ganz geschlafen hast, als er dich aus dem Bad getragen und ins Bett gelegt hat."

/Liebling.... Ich bin glücklich, denn er hat Liebling ge.../ "Wer hat mich getragen? Jeremis?" Niel hatte sich nur für Milan interessiert, für dessen Körper, seine Stimme, seinen Geschmack und das überwältigenden Gefühl der Liebe, die ihn zu ihm trieb. "Der Besitzer des Gutes? Ist es ein Mensch?"

"Ja, und er ist nett." Eine zweite Sache fiel Milan siedend heiß ein und ließ ihn das Gesicht zu einer Grimasse verziehen. "Shit, und ich habe ihm versprochen, wir räumen vor dem Frühstück noch seinen Keller auf. Verdammt! Das dürfte schon ein paar Stunden her sein. Wir..."

Er unterbrach sich, als es an die Tür klopfte. /Oh Shit, und wir sind nicht angezogen, haben nicht geduscht... nichts!/ Mit beiden Händen fuhr er sich durchs Haar, während er Niel einen Blick zuwarf und prompt rot wurde. /Nicht jetzt! Mist! Wir sehen aus! Als hätten wir... Haben wir ja auch!/

Hastig sah er sich im Raum um, entdeckte die Hose, die vorhin so unbeachtet aus dem Bett geflogen war und angelte sie heran, um sie anzuziehen. Dann fiel ihm auf, dass es nicht viel bringen würde; auf seinem Bauch spürte er noch die klebrige Feuchtigkeit von sich und Niel.

"Oh Scheiße", murmelte er, während er den Raum nach einem Oberteil absuchte, was aber nicht zu finden war. Wieder klopfte es, energischer dieses Mal.

"Hallo? Seid ihr schon wach?", erklang eine fremde Männerstimme von draußen.

/Wir könnten uns schlafend stellen/, dachte Milan hoffnungsvoll, doch dann atmete er tief durch, grinste schräg und zuckte mit den Schultern. /Er wird ja nicht gleich das Zimmer stürmen, wer immer es sein mag./

"Ja. Wir sind gerade aufgewacht. Wir kommen gleich."

Durch die Tür erklang ein warmes Lachen. "Ich habe frische Kleidung für euch Langschläfer hier." Ehe Milan noch etwas erwidern konnte, wurde die Klinke herunter gedrückt. Automatisch rutschte er tiefer ins Bett zurück und zog die Decke höher über sich und den Elfen.

/Shit, wieso kommt der gleich rein? Kann der nicht wenigstens fragen?/ Doch die Tür wurde erst einmal nicht geöffnet. Der Mann draußen rüttelte ein wenig, dann hörte Milan ihn grummeln und das Geräusch eines sich im Schloss drehenden Schlüssels. Ungläubig weiteten sich seine Augen. /Hat Jeremis uns eingesperrt?/ Gleich darauf jedoch schimpfte er sich einen Idioten. Ihr Gastgeber hatte mit Sicherheit nur vergessen, aufzuschließen, immerhin hatten sie das Zimmer ja vom Bad aus betreten.

Er konnte den Gedanken nicht weiterverfolgen, denn in dem Moment wurde die Tür aufgestoßen, und ein kleiner, mollig wirkender Mann betrat das Zimmer. Blauviolette Augen strahlten Milan und Niel aus einem runden Gesicht an, als er einen Arm voll Kleidung auf einem Stuhl ablegte. Das nächste, was Milan auffiel, war, dass die Ohren, die aus dem dunklen, kurzen Haar hervorsahen, längst nicht so lang und spitz waren wie die von Niel.

"Guten Morgen", grüßte der Mann fröhlich, "obwohl ich eigentlich einen guten Tag wünschen sollte. Ihr habt einen gesegneten Schlaf. Ich bin Kees. Jeremis hat mich gebeten, euch frische Kleidung zu bringen; eure muss erst mal gewaschen werden. Wenn ihr fertig seid hier, kommt ins Esszimmer, ja? Einfach den Flur nach links, dann die Treppe runter und geradeaus durch. Es gibt in einer Dreiviertelstunde Mittagessen."

Überrumpelt konnte Milan nur nicken, als der kleine Mann ihnen noch einmal zulächelte. Doch das Lächeln verschwand abrupt. Kees zog die Brauen kurz zusammen, presste die Lippen aufeinander, dann drehte er sich hastig um und verließ das Zimmer so schnell, als wollte er flüchten.

Verdutzt sah Milan ihm hinterher. /Was war denn das? Habe ich plötzlich Hörnchen bekommen und Dämonenflügel? Hätte ich etwas sagen sollen? Aber er hat mir ja gar keine Zeit gelassen!/

Niel hatte sich abgewendet und atmete einige Male ein und aus, dann hatte er sich wieder gefasst. /Halblinge! Wieso verstecken sie sich nicht? Wieso sah der Kerl so fröhlich aus? Werden sie nicht überall verfolgt?/ Er hatte es so gelernt und deswegen auch gemacht. Von Halblingen wendete man sein Gesicht ab, das sollte man in der Stadt jedenfalls besser machen.

Er wusste, dass Jashuun davon nichts hielt, aber all seine anderen Lehrer hatten es ihm so erzählt und gesagt, also hielt Niel sich an ihre Regeln. Nachdem die Tür sich geschlossen hatte, stand er auf, wendete sich wieder der Kleidung zu und grinste. Sie sah nett aus, weite Hemden, feste Hosen. "Der Gastgeber ist ein mutiger Mensch. Es war ein Mensch, nicht wahr?" /Shaa mag verhüten, dass es ein Halbling ist, dem all das hier gehört./

"Ja, habe ich dir doch vorhin gesagt. Und mutig? Weil er zwei Herumtreiber wie uns aufnimmt? Einen entlaufenen Sklaven", Milan verzog das Gesicht, er hasste das Wort, mehr als jemals zuvor, "und einen kleinen, frechen Jumer?" Jetzt musste er lachen. "Ich glaube, vor uns muss man nicht allzu viel Angst haben. Auch wenn wir uns als gefährlicher hätten entpuppen können, als man es uns auf den ersten Blick angesehen hat."

Er warf der Tür einen irritierten Blick zu. "Weißt du, was der Kerl gerade hatte?" /Mutig. Vielleicht.../ Der Gedanke ließ ihn innehalten und er tastete unbehaglich nach dem Halsband, dass er nach wie vor trug. "Kann es daran liegen? Dass ich dieses Ding trage? Irgendwie sieht man daran, dass ich wohl geflohen bin. Jeremis hat es auch gleich erkannt."

/Wenn es ist, wie es auf der Erde war, ist es gefährlich, entlaufene Sklaven zu verstecken./ Milan spürte, wie sich Kälte in seinem Magen zu sammeln schien; ein kleiner Stachel der Angst setzte sich in ihm fest. /Ich weiß gar nichts. Nicht, was es heißt, Sklave zu sein, nicht was es heißt, geflohen zu sein, was es heißt, wieder gefunden zu werden. Was es für die Leute heißt, die mir helfen. Verdammt, ich bin so gedankenlos! Warum habe ich nicht schon längst danach gefragt?/

Niel nahm sich die Kleidungsstücke, die klar für ihn gedacht waren und senkte den Kopf ein wenig. /Der Halbling ist freundlich, ich sollte auch Höflichkeit bewahren. Die Höflichkeit, die Jashuun mir vorgelebt hat. Ob ich es schaffe, ihm gleich in das Gesicht zu sehen?/ "Nein, es lag nicht an dir, Milan. Mach dir nicht immer so viele Sorgen um den Transmitter, das Problem damit klären wir schon, sobald wir in der Stadt sind."

/Menschen verstehen von jumenischer Politik nichts und ihn damit zu belasten, hat keinen Zweck jetzt./ Niel trat rasch auf Milan zu und küsste ihn auf den Mund. "Lass uns etwas schneller machen, jetzt. Da sind bestimmt einige Fragen zu beantworten."

Milan nickte lachend und stand ebenfalls auf. "Und ob. Wenn ich gestern nicht fast umgefallen wäre, hätte Jeremis mir bestimmt schon jede Menge Fragen gestellt." Erleichtert sammelte er seine neue Kleidung zusammen und trottete hinter Niel ins Bad. /Das Ding war es also nicht. Mann, aber es macht mich nervös! Wenn ich es nur loswerden könnte! Warum hat er... Kees war der Name? Warum hat Kees dann so eigenartig reagiert? Ich muss wirklich dringend mehr wissen./

Als er unter die Dusche stieg, beschloss er, dass es höchste Zeit war für ein langes und ausführliches Gespräch mit Niel über diesen Planeten, das Land, die Politik, die Kultur; eben alles, was von Interesse war, um hier zu leben – und wieder wegzukommen. Vielleicht konnte Jeremis ihm auch weiterhelfen, auf den ersten Eindruck hatte er wirklich nett gewirkt. /Aber übertreibe es nicht; du kennst ihm nicht und schuldest ihm genug./

Niel zog sich nach einer Katzenwäsche rasch an und stellte fest, dass seine eigenen Sachen leichter waren und mehr Bewegungsfreiheit ließen, aber diese Hose und das langärmelige Hemd mit Sicherheit besser zu dem Wetter der Berge passten. "Ich lauf schon mal in den Keller vor und schau nach unseren Schuhen!"

"Du bist ein Schatz!" Milan lächelte und zog seinen Geliebten an sich, um ihm einen schnellen Kuss zu geben. Auch in der neuen Kleidung sah dieser einfach umwerfend aus, und er kam nicht umhin, ihm das zu sagen. Er küsste ihn erneut, ließ ihn dann aber los. "Ich geh schon mal runter, um Jeremis nicht noch länger warten zu lassen."

 

Niel fand den Weg durch sein Wissen um den Aufbau der Gutshäuser ganz gut, und im Keller erkannte er die Räume wieder; zudem hörte er die Geräusche der Waschmaschinen und folgte diesen. Im Waschkeller traf er auf den gemütlichen Halbling, der sich gerade bückte, um die Essensreste aufzuheben, und zögerte an der Tür. Verunsichert richtete er den Blick ebenfalls auf die Essensreste, bevor er laut gegen die Maschinen sagte "Ich sollte das machen."

Er trat zu dem Halbling und bückte sich nach der Flasche und einem Wurstende. "Ich wende mich ab, weil ich es so gelernt habe... Kees", murmelte er dann leise und entschuldigend gedacht. "Das verliert sich nicht so rasch."

Kees hielt für einen Moment inne, ehe er seine Bewegung doch zu Ende führte und eine halbe Scheibe Brot und ein Stück Käse aufhob, um sie in eine Abfalltüte zu stecken. Als Niel kurz aus den Augenwinkeln zu ihm schielte, konnte er ein bemühtes Lächeln sehen und ein Schulterzucken.

"Nun, immerhin versuchst du nicht, mich zu steinigen oder so", erwiderte der Halbling scheinbar leichthin. "Danke, dass du mir hilfst."

Niel seufzte und murmelte "Es tut mir leid."

Er half dem Haushälter mit den Resten ihres Picknicks im Keller und mit dem Aufhängen ihrer ehemals vor Dreck starrenden Sachen.

"Oh, die Schuhe sind noch nass, dann werde ich diese Pantoffeln noch einen Tag tragen müssen", murrte Niel ein wenig unglücklich, denn er mochte seine leichten Stiefel, in denen er gut schleichen konnte. "Soll ich hier noch etwas helfen, sonst würde ich mit Milan zu Jeremis gehen, so hieß der Besitzer, nicht?“

"Nein, nein, geh ruhig. Jer ist schon ganz ungeduldig." Kees lachte, und es klang ein wenig erleichtert. "Ist nicht mehr viel zu machen hier. Ich werde gleich hoch in die Küche gehen und kochen. Soll ich dich vorher zu Jer bringen?"

"Nein, ich finde den Weg schon. Ich denke, dass es nicht zu viele Möglichkeiten gibt. Bis später." Rasch lief Niel über die Treppe zum Erdgeschoss zurück.

 

Milan legte die geborgte Bürste beiseite und schlüpfte in die weichen Pantoffeln, während er seinem Spiegelbild einen ganz zufriedenen Blick zuwarf. Der Mann, der ihm entgegen sah, glich schon wesentlich mehr dem, als der er sich fühlte, im Gegensatz zu dem blassen, verdreckten Wesen, das ihm am Vortag müde zugeblinzelt hatte. Die Kleidung war ihm zwar ein wenig zu groß, aber sie war sauber und roch gut, wenn auch nicht nach dem Waschmittelgeruch, den Milan kannte.

"Auf geht's", murmelte er und streckte sich noch einmal. "Beantworten wir jede Menge Fragen und stellen auch welche."

Er lief nach unten, den Weg, den Kees ihm genannt hatte. Das Esszimmer war einfach zu finden, und Milan hoffte, dass Jeremis auch dort sein würde.

Jeremis hörte endlich Schritte auf der Treppe und sah aus seinem Arbeitszimmer hervor. "Milan. Guten Morgen", grüßte er und winkte dem jungen Mann, ihm in das Arbeitszimmer zu folgen. "Kees wird uns sicherlich gleich zum Mittagessen rufen. Kann ich dir bis dahin etwas zu Trinken anbieten? Einen Tee vielleicht?"

Er ging durch den dunkel möblierten Raum auf seine Sitzecke mit dem gläsernen Couchtisch zu, um den von ihm vorsorglich geholten Becher umzudrehen. "Milch? Zucker?" Nebenbei ließ er den Würfel mit den Nachrichten des Tages auf den Schreibtisch verschwinden.

"Weder noch." Neugierig sah Milan sich um, ließ seinen Blick über den großen Schreibtisch am Fenster gleiten, auf dem einiges an Papierkram darauf zu warten schien, dass man sich ihm widmete, übervolle Bücherregale und eine Vitrine mit schönen Gläsern. Pflanzen, die er nicht kannte, brachten lebendiges Grün in das Zimmer. "Ich nehme mal an, dass es kein mir bekannter ist." Er lachte verlegen. "Ist so eine Macke von mir. Immer erst mal den Tee kosten, dann sehen, ob und was dazu passt."

Jeremis lächelte und nickte leicht. Bedächtig stellte er das Tablett mit der Milch und den drei Zuckersorten auf den kleinen Tisch zwischen die Sitzmöbel und blickte Milan an, wartete höflich ab, dass dieser sich setzte.

Sein junger Gast sah rasiert und gewaschen wirklich attraktiv aus. Die hellen Augen wurden durch das schwarze Haar noch hervorgehoben, vor allem durch die dunklen Wimpern, die sich ein wenig Nervosität verratend einige Male rasch über die Augen senkten. Jeremis ließ den Blick abschätzend über die schlanke Figur gleiten und bemerkte die schmalen Hände, die weiche Haut. Die Schnitte sahen frisch aus, wie vom Gras der Steppe, das im Herbst sehr hart war. Das Gesicht zeigte noch immer die Verwirrung und Müdigkeit des Vortages, aber nun, da der Mann rasiert war, konnte man den schmalen, fein geschwungenen Mund erkennen, der sich nun zu einen höflichen Lächeln verzog.

/Er ist das Arbeiten draußen nicht gewöhnt. Er ist es nicht gewöhnt, seine Hände zu zerschinden. Ich wünschte, ich könnte es ihm ersparen./ Jeremis hielt verwirrt inne. Wieso wollte er diesem jungen Mann so gern helfen? /Weil seine Art mich an mich selbst in dem Alter erinnert? Na ja, ich bin fast zwanzig Jahre älter, als er, da kann man sich schon mal fühlen, als sei man der Vater oder große Bruder. Alles dein alter Beschützerinstinkt./

Milan setzte sich nach kurzem Zögern auf die große, bequeme Couch, ohne sich jedoch anzulehnen. Ein wenig unsicher faltete er die Hände locker im Schoß und stützte sich mit den Ellbogen auf den Oberschenkeln ab, ehe er zu Jeremis hinsah, den großen, kräftigen Mann das erste Mal bewusst betrachtend.

Das Gesicht war so, wie er es auch in der Nacht in Erinnerung hatte, freundlich und offen, mit Fältchen um die grünen, von kurzen, dichten Wimpern gesäumten Augen und den Mund. Bei jedem Lächeln vertieften sie sich, was Milan unbewusst dazu brachte, ebenfalls zu lächeln. Sonne hatte Jeremis' Haut gebräunt, sein dunkles, bereits von einigen silbernen Strähnen durchzogenes Haar fiel ihm immer wieder in die Stirn. Die Geste, mit der er es wieder nach hinten strich, schien unbewusst zu sein und gar nicht mehr wirklich von ihm wahrgenommen zu werden.

Die braune, robuste Hose und das weiße, weite Hemd, über dem er eine ebenfalls braune Weste trug, passten zu ihm, unterstrichen seine warme Ausstrahlung. Milan entspannte sich zunehmend, während er ihm zusah, wie er den Tee eingoss und den dampfenden Becher dann zu ihm hinschob.

"Danke", sagte er mit einem Lächeln. "Danke für alles. Ich habe so gut geschlafen wie schon seit Tagen nicht mehr."

Jeremis füllte seine Tasse ebenfalls und nahm Milan gegenüber Platz. "Ich bin ein direkter Mensch, Milan. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich dir zu nahe treten sollte. Wie bist du mit einem Jumer aus der Oberschicht von Jumelaan auf die Steppe geraten?"

Milans Brauen wanderten nach oben. "Oberschicht? Niel ist aus der Oberschicht?" Verlegen griff er nach seinem Becher und wich seinem Blick aus, indem er in den hellen, dampfenden Tee sah. "Das wusste ich nicht. Im Grunde genommen weiß ich fast gar nichts, was ziemlich entnervend ist."

Er lachte ein wenig unsicher und schaute dann doch wieder auf und in Jeremis' grüne Augen. /Vertrauen oder nicht vertrauen, das ist hier die Frage./ Mit einem tiefen Atemzug entschied er sich. „Ich bin noch nicht lange hier. Um genau zu sein seit vier Tagen. Ich bin in einem dieser... Transporter aufgewacht und geflohen, weil ich dachte, ich sei in einem Genlabor oder so etwas gelandet. All diese Plexiglasröhren mit den Männern drin..." Er schauderte. "Am Tag darauf ist Niel zu mir gestoßen; er ist aus Versehen dort drin gelandet. Er meinte, mein Transmitter hätte geklemmt oder so." Unwillkürlich tastete er wieder nach dem schwarzen Halsband. "Tja, wir sind gemeinsam weiter, und er hat mich davor bewahrt, giftige Früchte zu essen, in giftige Pflanzen zu laufen und mit giftigen Tieren Bekanntschaft zu schließen."

/Er weiß nichts von dieser Welt./ Jeremis hob eine Braue, dann lehnte er sich vor und unterbrach den mit Sicherheit wirr redenden jungen Mann, indem er ihm eine Hand kurz auf die zur Faust geballten Finger legte. "Also, Milan. Nicht so. Ich bin nicht nur direkt, ich habe auch Zeit und bin genau. Seit wann bist du wach? Antworte mal in Tagen, bitte." Er nahm seine Hand wieder fort und lehnte sich in seinen Sessel zurück, den Blick auf das nervöse Gesicht gerichtet.

"Vier Tage." Milan nahm einen Schluck Tee und ließ ihn eine Weile im Mund, um den Geschmack auszukosten. Frisch, mit einem herben Unterton; er mochte ihn.

"Wo bist du aufgewacht?"

"In einer Plexiglasröhren, inmitten von anderen Männern, die auch allen in solchen Röhren lagen. Niel meinte, es wäre ein Transporter, der zwischen Erde und Jume pendelt, um Jume mit Sklaven zu versorgen." Milans Gesicht verdüsterte sich, seine Hände schlossen sich fester um seinen Teebecher. "Bist du auch so hierher gekommen?"

"Ja, das sind Transporter. Ich bin auch auf diesem Wege hierher gekommen. Ich erinnere mich aber nicht mehr an meine Reise. Ich habe keinerlei Erinnerung bis zu dem Zeitpunkt, zu dem mein neuer Besitzer meinen Transmitter aus dem Schlafmode in Übersetzung geschaltet hat." Jeremis verdrängte die ungewollten Bilder aus der Zeit, dann fragte er "Ihr seid also aus dem Dschungel über die Steppe hierher gewandert? Was hat der Jumer vor?"

"Ja, sind wir." Milans Brauen zogen sich ein wenig zusammen. "Er heißt Niel. Und das solltest du ihn vielleicht selber fragen." Einmal abgesehen davon, dass er keine Ahnung hatte, klang es in seinen Ohren nicht besonders freundlich, wie Jeremis von seinem Geliebten sprach. /Wir haben irgendwie nicht wirklich miteinander gesprochen. Ich habe ein paar Fragen gestellt, und er hat ein wenig geantwortet. Aber die meiste Zeit waren wir irgendwie mit Laufen, über Wurzeln klettern oder halb tot umfallen beschäftigt./

Jeremis nickte leicht und nippte noch einmal an seinem Tee, dann bot er an "Frag du mich auch, wenn du etwas wissen willst, Milan."

Milan hatte mindestens tausend Fragen gehabt, doch als Jeremis es ihm anbot, fiel ihm plötzlich keine mehr ein. Seine Wangen röteten sich unwillig, und er starrte in seinen Tee. Dann erinnerte er sich an das, was Jeremis über seinen kleinen Elf gesagt hatte, und er hob den Kopf. "Woher weißt du, dass Niel aus der Oberschicht ist?"

Jeremis seufzte und stellte die Tasse auf den Tisch ab. /Meine Güte, muss er verliebt sein. Blinder Narr./ Er holte gerade Luft, um zu antworten, als eine sanfte Stimme in akzentfreiem Hochjumenisch erklärte "Du kannst es nicht hören mit dem Transmitter, mein Juwel, aber Jeremis schon. Ich spreche die Sprache der Oberschicht."

Niel ging langsam durch den Raum auf sie zu und ließ sich auf der Lehne der Couch neben Milan nieder, um den Arm über dessen Schultern zu legen. Mit einem Lächeln lehnte Milan sich in seine Richtung und schob seinerseits einen Arm um die schlanke Taille seines Geliebten, um ihn ein wenig näher zu ziehen. /Ein Mann. Ich liebe ihn... und es scheint nicht zu stören./

Jeremis nickte leicht, dann fügte er an "Außerdem hat er sieben Ohrringe. Fünf links und zwei rechts. Das ist eine ganze Menge. Ich kenne mich nicht so gut aus, aber..."

Niel unterbrach ihn rasch, indem er fragte "Wo sind wir hier? Wie weit ist Jumelaan weg?"

Jeremis wollte gerade antworten, als Kees' Stimme sie zum Essen rief. "Na gut. Gehen wir erst einmal Mittag essen. Danach finden wir genügend Gelegenheiten zum Reden und um Fragen zu klären." Bei diesen Worten blickte er Niel in die Augen, der ihn jedoch ignorierte, um Milan kurz zu umarmen, bevor er davonlief.


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