Zwischen den Welten

13.

Hatte Milan bis eben noch gefunden, dass die Pferde eher klein waren, schienen sie jetzt, wo sie losliefen, plötzlich gewachsen zu sein. Zwar war der Weg bis zum Boden nicht so weit, dass er sich Sorgen machte, dass er sich den Hals brechen würde, aber eine Überlegung, wie viele blaue Flecken ihm der Sturz einbringen würde, huschte doch durch seine Gedanken.

Aber er hatte sie schnell wieder vergessen, als er sich darauf konzentrierte, die Zügel so zu halten, wie Niel es ihm erklärt hatte, den Hinweisen von Jeremis zu der Haltung seiner Füße zu folgen, was ihm angeblich besseren Halt geben würde, und gleichzeitig ein wenig neidisch zu seinem Geliebten zu schielen, der auf seinem Pferd saß, als wäre er darauf geboren worden. /Nun, er dürfte auch ein paar Jahrzehnte Erfahrung damit haben/, dachte er und musste grinsen.

Dankbar registrierte er, dass sich Jeremis dicht bei ihm hielt, vielleicht, um ihm im Notfall erste Hilfe beim Bremsen eines Pferdes zu leisten. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder entspannen konnte, und als er das erste Mal Tamai dazu brachte, einen kleinen Schlenker zu laufen, weil sie brav einer Bewegung der Zügel folgte, flog ein glückliches Grinsen über sein Gesicht. Es begann ihm wirklich Spaß zu machen.

"Schade, dass ich das nicht schon längst mal ausprobiert habe. Das gefällt mir." Er sah zu Jeremis hin, versuchte, sich an der Haltung des anderen Mannes zu orientieren und kam sich lächerlich vor, als er seine zu korrigieren versuchte. /Affe auf dem Schleifstein/, dachte er amüsiert. "Außerdem könnte ich es jetzt."

Jeremis lächelte leicht in sich hinein, als er sah, wie Milan sich an seinen ersten Erfolgen erfreute. Nach seiner Schätzung würde der junge Mann das Reiten leicht lernen, auch wenn er noch einen sehr unbeholfenen Eindruck machte dort oben auf dem Pferd. Da sie nicht mehr als einen leichten Trab wagen konnten, solange Milan sich überhaupt an das Gefühl, auf einem sich schaukelnd und ruckelnd bewegenden Tier zu sitzen, gewöhnen musste, kamen sie auch später als geplant an.

An dem kleinen Steinbruch saß Jeremis rasch ab und sammelte die Steine, die er zuvor schon ausgewählt hatte, in seine Tasche. Der Jumer war ebenfalls abgesessen und half ihm selbstverständlich. Wenn er ein Jumer der gewöhnlichen Oberschicht gewesen wäre, dann hätte er keinen Gedanken daran verschwendet. Jeremis begann erneut zu denken, dass Niel eine militärische Ausbildung haben musste.

Niel hatte neben einigen Zurufen für seinen Schatz mehr darüber nachgedacht, wie er sich erkenntlich und nützlich zeigen konnte für den ruhigen Mann. Ein ehemaliger Sklave, dessen Narben an den Armen Niel zeigten, dass er mit Sicherheit in den Minen gewesen war. Zudem konnte der Mann ausgezeichnet reiten, was Niel zu der Vermutung führte, dass man diesen Mann schon recht früh auf Jume gebracht hatte, in jungem Alter, in dem die Menschen noch sehr leicht und schnell lernten.

Milan hingegen würde so seine Schwierigkeiten mit dem Lernen haben. Zudem war seine Erinnerung nicht gelöscht, es war gar kein Platz in dem Gehirn des Mannes für all die Informatinen, die er behalten müsste.

/Ich werde einfach mitarbeiten, sobald ich eine Chance bekomme. Die Halblinge trauen mir nicht, und Jeremis ist eher des Menschen wegen freundlich zu mir. Ein Mann von der Erde, der sein Wissen von dort noch hat. Das ist nun einmal interessant für die Menschen./ Er lachte über Milans Begeisterung, als dessen Stute seinem Lenken willig folgte.

Auf dem Rückweg fragte Niel Jeremis zu der Umgebung aus, zu den Transportschiffen, zu den Postschiffen, und er erfuhr zu seiner Erleichterung, dass die Postgleiter in dieser Gegend nur einmal alle fünf Tage ankamen. Jeremis schien es nicht zu stören, denn er stellte mit Blick auf die farbenprächtigen Untergänge der Sonnen lediglich fest "Mir ist es nicht egal, was in der Stadt passiert, aber es beeinflusst das Leben hier draußen ohnehin nicht."

Als sie im Stall ankamen und Milan merkwürdig schwanken von dem Pferd abstieg und die ersten Schritte wieder Kontakt mit dem Boden aufnehmen musste, wie es schien, sagte Jeremis dann leise und nebenbei "Ihr seid meine Gäste. Bleibt, bis der nächste Transportgleiter kommt, um den Wein abzuholen und die Flaschen zu bringen. Ich habe ger Besuch, und Milan wird noch eine Weile brauchen, bis er sich an die Tageszeiten, an das Klima und an die vielen Kleinigkeiten gewöhnt hat, die er nun langsam lernen muss, nicht von euch eben schnell mal gelehrt bekommt."

Niel nickte leicht. "Und er wird es langsam lernen müssen." Sie starrten sich kurz an, Niel meinte Dankbarkeit in dem Gesicht des Mannes zu sehen, doch dieser ging ohne ein Wort zu Milan hinüber, um ihm das Pferd abzunehmen und ihm zu zeigen, wie man die Trense aus dem Maul hervorzog und wo man die Grashalme abspülen konnte, die Tamai sich unterwegs ausgezupft hatte.

Auch wenn Milan ganz zufrieden mit sich war immerhin war er nicht einmal gefallen und hatte auch die Probleme von Auf- und Absteigen ganz passabel gelöst konnte er doch jeden Muskeln einzeln fühlen. Eigentlich hatte er erwartet, dass hauptsächlich seine Beine betroffen sein würden, doch das Sitzen auf dem sich bewegenden Pferd hatte ihn ziemlich offensichtlich von oben bis unten gefordert. Selbst in den Schultern konnte er eine leichte Verspannung spüren. Er fürchtete sich schon vor dem Muskelkater des nächsten Tages, während er sich von Jeremis zeigen ließ, was man einem Pferd nach dem Ausritt alles zukommen lassen musste und wo man Sattel und Trense aufbewahrte.

Nachdem sie wieder im Haus angekommen und die Steine in der Kelterei verstaut waren, ging Jeremis durch sein Haus. Er schloss überall die Türen ab und brachte Schnapper auf ihren Platz vor der Tür.

"Ich bin so vorsichtig, weil ich es so gelernt habe. Hier ist noch nie jemand eingebrochen, von euch einmal abgesehen", sagte er zu Milan und nickte dann zu seinem Arbeitszimmer. "Kees stellt mir immer die restlichen Brote auf den kleinen Tisch hinten in der Ecke, und dort habe ich auch Wein. Wenn du noch hungrig bist, dann kannst du dich gern bedienen."

Niel sah er nicht an dabei, aber der Jumer sprang auch schon zu der Treppe hin und verkündete "Ich werde mich schnell duschen und von den Pferdehaaren befreien!"

Milan sah ihm hinterher, während er seinen verspannten Rücken durchbog. Eine heiße Dusche konnte er auch gebrauchen, doch wenn er mit Niel das Bad teilen würde, würden sie erst einmal zu nicht viel kommen, das wusste er. Lächelnd wandte er sich wieder ab, als ihm der Blick durch den Sichtwinkel entzogen wurde. Er freute sich schon, wenn sie später die Tür hinter sich würden schließen können und Zeit für einander hätten.

Er wandte sich erneut dem Gutsherrn zu. "Danke, Jeremis. Ich denke, ich werde darauf zurückkommen, wenn Niel mir das Bad überlässt. Der Ritt hat mir wieder Hunger gemacht. Oder willst du vorher rein? Ich kann warten. Immerhin ist es deines."

"Das ist in Ordnung, ich bin noch nicht müde." Jeremis beobachtete die mühsamen Bewegungen des anderen einen Moment lang, dann erklärte er "Lass dir von Niel das wärmende Öl zeigen. Es steht auf der Anrichte im Bad. Das verhindert Muskelkrämpfe, damit du morgen gehen kannst."

Milan strich sich das verschwitzte Haar aus seinem Gesicht. "Du bist wirklich mehr als gastfreundlich. Ich wünschte, ich könnte es dir irgendwie vergelten, aber im Moment fällt mir nichts ein, was auch nur einen Hauch von Interesse für dich haben könnte."

Er mochte den anderen Mann, was diesen Wunsch, etwas zurückzugeben, nur noch verstärkte. Aber er hatte nichts. Nicht einmal die Kleidung, die er trug, war seine eigene. Und was er gelernt hatte, was sein Beruf war, wurde hier wirklich nicht gebraucht. Er hatte keine Kinder gesehen. Für einen Moment runzelte er die Stirn, als er darüber nachdachte. "Für einen Lehrer hast du hier ja wohl offensichtlich keine Verwendung."

"Für einen Lehrer?" Jeremis blinzelte einmal, dann holte er Luft, um sie wieder zu entlassen, ohne etwas gesagt zu haben. "Nein", entgegnete er schließlich. "Es gibt hier kaum Kinder."

Nachdenklich musterte Milan ihn. Etwas in Jeremis' Stimme klang eigenartig. Blitzartig zog die Szene im Transporter vor seinem inneren Auge vorbei, Gesprächsfetzen mit Niel. /Männer.../ Dann atmete er tief durch und fragte ruhig, fast beiläufig "Sie entführen nur Männer? Keine Frauen?"

Jeremis senkte den Kopf und schloss kurz die Augen. Er wendete sich langsam ab und ging in das Arbeitszimmer. Genauso langsam ließ er sich auf dem Sessel nieder und stützte seine Ellenbogen auf die Knie, um sich einmal durch das Gesicht zu reiben.

So früh schon. Milan hatte Jume noch nicht kennen gelernt, hatte noch keinen der Vorteile gesehen und dennoch begann er mit dem schlimmsten Teil der Neuigkeit. Nun gut. Entführt worden zu sein war an sich schlimm genug.

"Sie entführen nur kräftige, junge Männer. Du wirst keine menschliche Frau sehen, du wirst hier kaum einen Menschen sehen, der jünger ist als vierzehn." Seine Stimme klang flach, und Jeremis wusste, dass Milan schockiert war. Er wollte den jungen Mann nicht verängstigen, und er wollte sein Leben nicht schwieriger machen, als es schon war. Aber das waren nun einmal die Fakten.

Langsam hob er den Kopf, um Milans Blick zu begegnen. Diese ungewöhnlichen Augen, die deutlichen Emotionen in dem attraktiven Gesicht. Irgendetwas brachte Jeremis dazu, diesen Fehler zu machen. Alles in ihm schrie Fehler, aber er tat es trotzdem.

Er stand wieder auf und sah Milan direkt an, dann erklärte er genauso leise und ernst wie zuvor "Ich habe hier nie etwas vermisst. Das muss jeder für sich entscheiden."

Milan wollte etwas sagen, doch er brachte kein Wort über die Lippen. Stumm sah er Jeremis an, die grünen Augen schienen das Einzige zu sein, was ihm Halt gab, ein sicherer, ruhiger Punkt in dem Chaos, das in ihm herrschte.

Er wollte schreien, wollte heraus schreien, was für ein verdammter Scheißplanet das war. Er wollte den Mann vor sich anbrüllen, weil er so zufrieden mit dieser Situation schien, weil er sich damit angefreundet hatte, weil er nach dem lebte, was die Jumer für ihn vorgesehen hatten. Weil er sich nicht wehrte. Weil er das Glück hatte, auf einem großen Gut zu leben. Weil ihm alles zu gefallen schien. Selbst der Mangel an Frauen.

Und gleichzeitig wollte er sich einfach nur in das Zimmer zurückziehen, das Jeremis ihm gegeben hatte, wollte sich auf das Bett werfen, die Decke über den Kopf ziehen und heulen. Er tat nichts von beiden, starrte Jeremis nur weiter an und versuchte ruhig zu werden. Selbst, wenn der Mann zufrieden war mit dem, was er hatte, war es vielleicht auch einfach nur das beste, was er tun konnte.

"Gott, Jeremis, warum?", brachte er schließlich hervor. "Warum tun sie das? Warum bist du zufrieden damit?"

"Sie tun es, weil sie nicht wollen, dass die Menschen sich hier... ausbreiten mit ihrer zerstörerischen Art. Ich bin zufrieden damit, weil ich gefragt worden bin. Ich hatte die Wahl zur Erde zurückgebracht zu werden und ich habe abgelehnt."

Er sah, wie schockiert Milan schien. Es war nun einmal das normale Leben, das er hier nicht sehen würde. Mutter, Vater und ein Kind, für das man Lehrer brauchte. So etwas gab es auf Jume nicht. Es gab auch keine menschlichen Familien in dem Sinne. Es gab aber ähnliche Bande.

Jeremis zögert und erwog sehr kurz, ob er Milan erzählen sollte, wieso genau er sich entschieden hatte zu bleiben, dann wendete er sich ab und seufzte resigniert.

"Du... hättest zurück gekonnt und bist nicht? Ist es, weil sie dir die Erinnerung an das genommen hätten, was hier war?" Milan erinnerte sich daran, dass Niel so etwas erwähnt hatte, und er klammerte sich an den Gedanken wie an einen Strohhalm.

/Du bist verrückt/, dachte er. /Warum ist das so wichtig? Es ist doch seine Sache, warum er hier bleibt... oder.../

Er schluckte, sah den breiten Rücken, den mit wirrem, kurzem Haar bedeckten Hinterkopf des anderen Mannes an. "Oder gibt es noch eine andere Möglichkeit, dass sie einen zur Erde zurücklassen?", fragte er und konnte nicht verhindern, dass seine Stimme voller Hoffnung klang.

Jeremis hob die Schultern und entgegnete "Auch, wenn du mich für einen Idioten hältst, Milan, ich hatte andere Gründe als die Erinnerungen, die sie mir nehmen wollten, bessere Gründe. Ich weiß nicht, was es für Möglichkeiten gibt, da musst du deinen kleinen Jumer fragen."

/Geht ihn das überhaupt etwas an? Warum bin ich so offen mit ihm? Warum lasse ich ihn überhaupt so nah an mich ran. Ich sollte meinen Mund zumachen, und das für immer!/

Milan nickte, auch wenn Jeremis es nicht sehen konnte, da er nach wie vor mit dem Rücken zu ihm gewandt stand. "Ich halte dich nicht für einen Idioten", sagte er, hörte selbst wie angespannt er klang. Er streckte sich, um zumindest den äußeren Anschein von Müdigkeit, von Mutlosigkeit zu verbannen, in der Hoffnung, es würde an seinem Inneren etwas ändern. "Wenn du Gründe hattest, werden sie gut gewesen sein, vermute ich. Du wirkst auf mich nicht wie jemand, der etwas aus einer Laune heraus entscheidet."

Er wollte lächeln, doch als er spürte, dass es nur die Karikatur davon werden würde, ließ er es. "Ich bin schon wieder unmöglich; es tut mir leid. Ich weiß, dass ich ständig klinge, als würde ich dich angreifen. Es liegt nicht an dir. Es ist lediglich so, dass ich nur ausgerechnet immer dir solche Fragen stelle. Wenn ich zu weit gehe, sag es mir. Ich will das nicht." /Du bist so freundlich, so warm zu uns, und ich danke es dir so. Es tut mir leid./

Jeremis drehte sich wieder zu seinem Gast um, und sein Blick fiel auf die Weingläser und die Karaffe. Er ging an Milan vorbei und schloss die Tür hinter dem jungen Mann, nachdem er in den Flur hinaus gehorcht hatte.

"Hame und Kees sollten sich nicht zu viele Sorgen machen", erklärte er leise, dann goss er den Wein in zwei Gläser und nahm langsam Platz.

Milan setzte sich in den Sessel gegenüber, froh um den Halt, auch wenn er lieber gegangen wäre. Lieber im Stillen über Jeremis' Worte nachgedacht hätte, um nicht schon wieder etwas zu sagen, was den anderen angreifen würde. Trotzdem griff er nach dem Glas, das Jeremis leicht in seine Richtung schob, doch er trank nicht, hielt es nur fest. Ganz offensichtlich war noch nicht die Zeit für Ruhe. Und so schnell würde sie auch nicht kommen. Nicht, wenn er noch mit Niel sprechen wollte. Und das war fällig.

"Du gehst nicht zu weit, Milan. Du machst dir Sorgen, und ich bin irgendwie froh darum. Ich mag ignorant aussehen und träge wirken, aber ich lebe schon seit einigen Jahren hier auf Jume. Die allermeiste Zeit war ich sehr glücklich, deswegen und vielleicht deines leeren Transmitters wegen bin ich froh, dass ich der erste bin, mit dem du hier sprichst."

Jeremis trank einen Schluck von dem Wein und beobachtete, wie die Schwebteilchen sich verhielten. Ausgezeichneter Jahrgang, einer der ersten von ihm hier. Sein Blick glitt über Milans Gesicht. Nun, rasierte, durch die Luft noch leicht gefärbte Wange, und von der Sonne in den letzten Tagen gebräunt, nicht mehr so müde und abgespannt, konnte man sagen, dass der junge Mann auffallend hübsch war. Ob er es wusste? Vermutlich nicht.

Milan fühlte sich, als wollte er ihn prüfen, durch seine Miene vielleicht direkt in seine Gedanken dringen, als er ihn so lange ansah. Unwillkürlich wich er dem Blick aus, er wusste, wie oft seine Augen seine Gefühle verraten konnten. Jens hatte ihn oft damit aufgezogen. /Er kennt dich doch gar nicht gut genug dafür./

Hastiger fuhr Jeremis fort, um seinen gedankenvollen Blick auf Milans Gesicht zu kaschieren. "Ich bin froh darüber, weil ich denke, dass es auch sehr viele Menschen gibt, die unglücklich sind, eben weil es reichlich Nachteile gibt. Zum ersten, dass man nicht gefragt worden ist, ob man in den Minen arbeiten will, egal wie astronomisch der Lohn irgendwann einmal sein mag. Vielleicht findest du ja einen Weg, nach Hause zurückzukehren, aber wenn du das tust, dann vergiss bitte nicht, dass es Menschen gibt, die Jume lieben und gern hier leben."

"Ja... ja, das glaube ich." Milan zögerte, sah dann auf das Glas herunter, versuchte die Worte zu formulieren, die in seinem Kopf herumgeisterten wie Nebelfetzen. "Aber du gibst selber zu, dass es nicht alle sind. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, dass es die meisten sind, doch vielleicht liege ich falsch damit. Und mir geht es nicht um die, die so zufrieden sind wie du. Ich weiß noch, wer ich bin. Ich weiß, wo ich zu Hause bin. Und hier gibt es Menschen, die nicht sind wie du. Nicht glücklich. Aber ich habe mehr als sie. Ich immerhin erinnere mich."

Abrupt schloss er den Mund und starrte tiefer in den Wein, nahm die goldene Farbe wahr, die flimmernde Reflexe auf seine Hand warf. Es war so verrückt, aber in ihm meldete sich eine Stimme, die eigentlich vernünftig sein sollte und es nicht wahr. Die ihn auch dazu gebracht hatte, nach Kolumbien zu gehen. Und sich dort Kaffeeplantagen anzusehen. /Ich will nicht nur noch einfach nach Hause. Ja, das ist das Hauptsächliche. Aber am liebsten würde ich... hier etwas ändern. Ich bin vollkommen übergeschnappt./ Oder war es nur eine Ausrede, um sich neben seiner Suche nach einer Rückkehrmöglichkeit noch länger hier aufhalten zu können bei Niel zu bleiben?

Jeremis seufzte leicht, dann nickte er und sagte "Du denkst, dass die Dinge und Personen, die du jetzt vermisst, etwas sind, das du hast? Ist es nicht eher so, dass sie etwas sind, dass du weniger als nicht hast? Nicht mehr nämlich. Glaub mir, mit dem Vermissen kenne ich mich auch aus. Vielleicht ist es feige, aber das Vermissen wünsche ich mir nicht mehr zurück."

"Warum meinst du, will ich zurück? Weil ich sie vermisse. Weil ich sie nicht mehr habe! Meinst du, ich vermisse sie, weil ich mich dafür entschieden habe?" Ärgerlich stellte Milan das Glas auf den Tisch zurück, ohne auch nur einen Schluck getrunken zu haben. Ihm war nicht nach Wein.

/Ich werde schon wieder unfair, schon wieder wütend. Warum macht mich alles, was er sagt, wütend? Er ist nett, er hilft uns, ich mag ihn. Und sobald wir über Jume und Jumer reden, werde ich zornig. Einerseits verteidigt er sie, andererseits habe ich immer das Gefühl, dass er Niel angreift. Ich muss... muss mit ihm reden. So geht das nicht./

/Vermissen.../ Jeremis drehte den Wein ein wenig und blickte seine Finger. Müde dachte er darüber nach, was er von dem jungen Mann hielt, der sich einerseits so kämpferisch, so leidenschaftlich gab, zum anderen aber mit einem militärisch ausgebildeten Jumer ins Bett ging. Letzteres war verständlich. Diese Wesen, vor allem die kleinen, quirligen, waren gute Liebhaber. Phantasievoll, fröhlich und unbesorgt und sie liebten die Menschen, ihre Haut, ihren Geruch und ihre Stärke.

Eine gelungene Beziehung war es schon, Jumer und Mensch, es passte gut, die Anziehung war sehr stark zwischen ihnen, aber dann kam das Alter und alles wurde schwierig. /Er ist so hin- und hergerissen, wie ich es einmal war. Ich hoffe so sehr, dass er es nicht so bereut, wie ich es bereut habe damals. Ich hoffe.../ Ärgerlich riss Jeremis seinen Blick erneut von dem Gesicht seines Gegenübers los.

"Ich bin müde, ich starre schon, tut mir leid, Milan." Rasch erhob er sich. "Wenn es dir nichts ausmacht, gehe ich doch vor dir in das Bad. Ich werde mich auch beeilen." Er stellte sein schnell mit einem großen Schluck geleertes Glas auf den Tisch zurück und ging auf die Tür zu. "Ich gebe dir noch das Öl. Es wird helfen, damit du morgen überhaupt aufstehen kannst."

Milan nickte stumpf und stand ebenfalls auf. "Sicher, es ist dein Bad. Ich habe doch gesagt, dass ich warten kann. Danke wegen dem Öl."

Kurz presste er Daumen und Zeigefinger in die Winkel seiner geschlossenen Augen, als würde es die Verwirrung, die Erschöpfung vertreiben und das Chaos in seinem Inneren klären, ehe er Jeremis nach oben folgte. Trotzdem bemerkte er die angespannten Schultern des anderen Mannes, seine irgendwie müde und verkrampfte Körperhaltung. Schuldbewusstsein regte sich in ihm.

/Ich habe Erinnerungen geweckt. Ich muss mich unbedingt besser beherrschen. Ich sollte froh sein, dass es ihm hier gefällt. Er ist ein netter Kerl. Wenn wir hier länger blieben, Niel und ich, könnten wir vielleicht sogar Freunde werden. Ich will ihn nicht verletzen. Dinge sagen, die ihm weh tun. Ich will ihn doch gar nicht dauernd angreifen. Aber was bringt es, wenn ich mir das sage und es dann nicht tue? Morgen... morgen werde ich das ändern. Heute habe ich nicht mehr die Geduld und die Kraft dafür. Und außerdem will er ins Bett./

Milan hatte so heftig reagiert, das konnte Jeremis verstehen. /Ich sollte ihn nicht ständig mit seiner Situation konfrontieren. Was ist schon dabei, die Tage unbeschwert mit dem kleinen Jumer zu genießen? Er ist noch jung und er kommt über diese Gefühle hinweg. Vielleicht ist er gar nicht verliebt in den kleinen Kerl, so wie ich es in seine Blicke hinein interpretiere. Was mische ich mich überhaupt ein?/

Die Treppe kostete mehr Kraft an diesem Tag, aber Jeremis zwang sich, sie so schnell zu gehen wie immer, und er zwang sich, ein neutrales Gesicht zu machen, als er die Flasche mit dem geschwungenen Zeichen auswählte, die das wärmende Öl enthielt.

"Gute Nacht", sagte er dann bestimmt und wendete sich dem Spiegel zu, um die flache, besenartige Zahnbürste rauszuholen und ein Handtuch bereit zu legen.

Er sehnte sich nach Schlaf, nach Abstand zu diesem Gesicht, zu diesen Augen, die ihn so anklagend ansahen, als sei er durch seine Zufriedenheit schuld an der Lage der Menschen auf Jume. Er wollte sich nicht schuldig fühlen! Nie mehr wieder wollte er das, und doch krochen die Gefühle schon in ihn und hakten sich fest.

Abwehrend zog Jeremis sein Hemd aus und wusch sich kurz mit kaltem, dann erschaudernd mit warmen Wasser. Er beeilte sich und ging, ohne noch einmal zur anderen Tür rüber zu sehen, in sein Zimmer hinaus.

Er blieb vor dem breiten Bett aus schwerem Holz kurz stehen und blickte auf die Seite, auf der er nie lag, obwohl er doch eigentlich auch hätte quer liegen können. Seufzend zog er sich den Schlafanzug über und legte sich unter die kühle Decke.


Kommentare, Kritiken, Lob?
 
by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh