Zwischen den Welten

14.

Niel lag auf dem großen Bett und wartete bereits auf ihn, als Milan zu ihm ins Zimmer kam und das Öl erst einmal auf dem Stuhl neben der Tür abstellte. Er lächelte ihm flüchtig zu und rieb sich die Augen.

"Ich bin ein Trampel", sagte er statt einer Begrüßung. "Jeremis fühlt sich hier wohl, und ich klinge dauernd, als würde ich ihm das vorwerfen." Er hielt kurz inne und senkte schuldbewusst den Blick, ehe er mehr vor sich selber als vor Niel zugab "Ich werfe es ihm dauernd vor. Ach, es ist zum aus der Haut fahren! Ich bin ungerecht und unfair, aber dieser Planet macht mich fertig."

Niel rollte sich auf den Rücken und betrachtete den Mann neben dem Bett kurz. /Irgendwann muss es ja anfangen, ich sollte dankbar sein, dass er so lange nichts gesagt hat./ Dennoch sah Niel Milan nur an, sagte nichts, wies nicht darauf hin, dass auch er Jume liebte und sich wohl fühlte. Er wusste sehr wohl, worauf diese Diskussion hinführte, und es tat ihm ein wenig weh, dass es nichts gab, das er für seinen Schatz tun konnte in dieser Frage. Da hörte seine Macht auf, schon viel früher als dort, wenn er es genau nahm.

Milan verzog das Gesicht zu einer Grimasse und ließ sich neben Niel auf die Matratze fallen, ihm war es egal, dass er noch voller Pferdehaare war. Missmutig starrte er zur Decke empor, betrachtete die dort aufgemalten Ranken, ehe er den Blick zu seinem Geliebten wandte und in das schöne Gesicht mit den geheimnisvollen, großen Augen sah. /Du bist Jumer. Du gehörst zur Oberschicht. Vielleicht zu denen, die mit dafür verantwortlich sind, dass die Menschen hier so behandelt werden?/

Doch anstatt etwas zu sagen, griff er nach ihm, vergrub die Hand in dem dichten, dunkelblonden Haar und zog den Kopf seines Geliebten zu sich, um ihn zu küssen.

"Niel, warum ist das so kompliziert", murmelte er, als sie sich wieder voneinander lösten. "Wenn ich im Bad war, müssen wir reden, ja?"

Niel lächelte ihn an und nickte leicht. Müde erwiderte er "Natürlich, Liebling. Dusch dich schnell über. Ich reib dich auch mit dem Öl ein, wenn du wieder zu mir kommst."

"Danke, mein Schatz." Milan schloss die Augen und legte einen Arm über das Gesicht. /Tu ihm nicht weh. Egal, was er ist und welchen Rang er einnimmt, er ist mit Sicherheit nicht verantwortlich für die ganze Situation der Menschen hier./ Er lauschte auf die Geräusche, die Jeremis im Bad verursachte, wartete, bis es ruhig wurde.

Einen Moment lang blieb er noch liegen, weil seine Muskeln ihm erklärten, dass sie keine Lust mehr hatten, sich zu bewegen, dann setzte er sich doch auf. "Ich werde morgen den Muskelkater meines Lebens haben", stellte er fest und ließ die Schultern einmal kreisen, um zumindest ein wenig der Verspannung loszuwerden, ehe er aufstand und ins Bad ging.

Er brauchte wesentlich länger als sonst; ewig stand er unter der Dusche und versuchte, mit dem heißen Wasser seinen Zorn, seine Hilflosigkeit, seine Verwirrung wegzuspülen. Natürlich war es sinnlos, aber es half ihm, ruhiger zu werden und wenigstens seine Muskeln zu lockern.

Als er endlich zurück in das Gästezimmer kam, hatte er nicht mehr wirklich Lust darauf, mit Niel zu reden. Er wollte sich nur noch neben ihn ins Bett legen, sich von den sanften, liebevollen Händen massieren lassen und dann mit seinem Geliebten im Arm einschlafen. Aber er würde es nicht ewig vor sich herschieben können.

Mit einem leisen Seufzen schloss er die Tür hinter sich, nahm das Öl vom Stuhl und legte stattdessen seine Kleidung darauf, breitete das nasse Handtuch über die Lehne. Ohne sich die Schlafanzughose überzuziehen, die Jeremis ihm gegeben hatte, ging er zum Bett, stellte die kleine Flasche erst einmal auf dem Nachttisch ab und schlüpfte zu Niel unter die Decke. Fast zaghaft streckte er die Hand nach ihm aus, legte sie ihm auf den nackten, flachen Bauch, streichelte ihn kaum merklich.

"Ich liebe dich", sagte er leise und beugte sich vor, um ihm einen schnellen Kuss auf den Mundwinkel zu geben. "Sei mir nicht böse, weil ich momentan etwas anstrengend bin."

Niel streckte sich wohlig, dann erklärte er ernst "Vor allem liebe ich es, wenn du anstrengend bist." Er setzte sich auf und drückte Milan auf die Matratze herunter. "Leg dich einfach hier her und lass dich von mir ein wenig einreiben, dabei können wir auch gut reden."

Noch bevor Milan protestieren konnte, hatte Niel sich das Fläschchen gegriffen und ließ das rötliche Öl in seine Hand laufen, verrieb es zwischen den Flächen ein wenig, um es dann auf Milans Brust zu geben. "Ich fange an den Armen und der Brust an, wenn du möchtest, Liebling." Rasch beugte Niel sich vor und küsste Milans Mundwinkel, atmete den Geruch seiner feuchten Haut, der Haare ein und musste sich zusammenreißen, um sich nicht einfach auf ihn zu legen und all die Dinge zu tun, die ihm in den Sinn kamen. Stattdessen begannen seine Finger, mit sanftem Druck Kreise zu ziehen.

"Ja..." Leise seufzte Milan auf. Die Berührung war angenehm und entspannte ihn mehr als alle seine Bemühungen davor. Ein leichtes Lächeln huschte über seine Lippen, als er wieder für kurze Zeit die Augen schloss und sich nur auf Niels Hände konzentrierte. Wärme ging von seinem kleinen Geliebten aus und Geborgenheit. In dem Moment war ihm, als gehörten sie zusammen, als könnte nichts sie mehr trennen.

Er schlug die Augen wieder auf und betrachtete ihn, das zarte, entschlossene und so unendlich liebenswerte Gesicht. /Wer kann dir gesagt haben, dass du hässlich bist? Dass deine Augen gewöhnlich sind?/ Allein schon die liebende Wärme, die ihm daraus entgegen leuchtete, ließ sie zu etwas besonderem werden. /Ich liebe dich/, dachte er erneut und fühlte die Sicherheit bei diesem Gedanken. "Wer bist du, mein Schatz?"

Niels Finger zuckten nur ein kleines Bisschen, dann lächelte er seinem Geliebten in das müde Gesicht und flüsterte, ihn weiter über die Arme und Schultern streichelnd "Nur ein kleiner Jumer", er lehnte sich vor und ließ die Finger besonders weich und zärtlich über die Brust des anderen fahren, bevor er leise endete, "der einen wundervollen Menschen liebt."

Milans Lächeln vertiefte sich. Er streckte einen Arm aus, um über Niels Wange zu streichen, sanft seinen Hals hinab, über die Schulter und den Oberarm, um die Hand dann wieder auf das Bett sinken zu lassen. Fast schnurrte er, als die zarten Hände ihn weiter liebkosten, ein wenig tiefer glitten und seinen Bauch mit einschlossen, obwohl der als einziges wohl keinen Muskelkater hatte.

"Hmm, du kannst das wirklich gut", murmelte er. "Aber ich wüsste trotzdem gerne, wer du bist. Warum willst du es mir nicht sagen? Hast du Angst, dass ich... mich abwenden würde?"

"Nein... das nicht... noch nicht. Ich habe einfach Angst, dass es zu kompliziert wird, das will ich nicht. Ich will erst einmal nur dich kennen lernen, und ich will, dass du nur mich kennen lernst. Glaubst du mir vielleicht, wenn ich dir erkläre, dass ich zu jung bin, um Einfluss in der jumenischen Politik zu haben? Kann es nicht ausreichen, wenn ich dir verspreche, dass du sehr bald alles über mich wissen wirst? Alles?"

Milan seufzte leise. /Jung. Mit hundertvierunddreißig zu jung.../ Träge sah er zu ihm hoch, fühlte schon wieder das sanfte Kribbeln durch seinen Körper ziehen, das ihm klar machte, dass er mal wieder gerne mehr wollte. Ihn ganz spüren... Aber eigentlich, eigentlich wollte er reden. Nicht nur Jeremis fragen. "Wenn du meinst, dann nicht heute. Aber wann dann?" Wieder schloss er die Augen, konzentrierte sich auf das warme Gefühl, dass sein Geliebter in ihm hervorrief.

Niel betrachtete Milan nachdenklich und begann, Zeichen auf seine Brust zu malen. Sternennamen, Koseworte und die Zeichen für ihre Namen. "Das Wann liegt nicht in unserer Hand. Das Schicksal wird es schon übernehmen." Er legte sich neben Milan hin und stützte sein Gesicht in die eine Hand, während er mit der anderen weitermalte.

"Wenn du mich so berührst, könnte ich fast alles vergessen", gestand Milan mit einem Lächeln. "Aber nur fast. Jeremis meinte, ich sollte dich fragen, wenn ich wissen wollte, warum er bereut, dass er sich erinnert. Warum, Niel?"

"Jeremis hat sich vielleicht an jemanden erinnert, den er geliebt und verloren hat. Ich weiß es nicht, Milan. Ich kenne nur Menschen, die bereits hier gelebt haben. Ich habe noch nie zuvor einen normalen Menschen gesehen. Bis ich in dem Schiff war, hatte ich keine Ahnung, wie sie hierher gebracht werden, wie die Erde aussieht, dass sie fast so aussieht wie Jume. Ich hatte keine Ahnung. Alles, was ich weiß, über die Erde, über die Menschen, über ihre Art und die Bräuche auf der Erde, stammt von meinen Lehrern, aus Schriften. Wer weiß, vielleicht stimmt all das, was ich gelernt habe, gar nicht. Vielleicht, Milan, bist du uns geschickt worden, um uns über die Erde zu erzählen."

Milan lachte leise auf und fragte sich, wie es Niel nur schaffen konnte, dass seine Anspannung langsam aber sicher einfach von ihm abfiel, obwohl sie über exakt das sprachen, was ihn bei Jeremis so wütend gemacht hatte.

"Geschickt, um euch über die Erde zu erzählen? Du lässt es klingen, als sei ich eine Art Auserwählter", schmunzelte er und rollte sich auf die Seite, um seinen Geliebten anzuschauen. Er streckte die Hand nach ihm aus, um zart die Fingerspitzen über seinen Hals, seine Brust gleiten zu lassen, genoss die weiche Haut. "Seid ihr religiös hier?"

Niel rekelte sich unter den zärtlichen Fingern und seufzte leise. "Wir sind schon religiös, es gibt aber zwei Richtungen. Die einen sind sehr streng. Sie wollen, dass die Jumer nur unter sich bleiben, dass sie ihr Land bearbeiten und ansonsten nur noch im Tempel für den Geist der Mitte Dienste tun. Und damit sind nur die großen Jumer mit den kleinen Ohren gemeint. Sie sind zum Glück in der Minderheit.

Die allermeisten glauben an einen Ausgleich und daran, dass der Geist der Mitte durch ein Gleichgewicht entsteht. Das sind die Befürworter der Kontakte zu anderen Völkern, zu den Menschen und den Ajestern. Das Blut, das meine Ohren so lang macht und meine Augen so dunkel, ist der Anteil von ajester Linien in meiner Familie. Diese Gruppe sind jedenfalls die Shaapriester. Sie sind einflussreich. Mein... Lehrer ist ein niederer Shaapriester aus dem Haus der Berge. Es gibt noch ein Haus der Ebene, aber die Bergpriester sind älter und haben mehr Mitspracherechte im Rat."

Milans Lächeln vertiefte sich, wurde fast lasziv. "Ich glaube, ich mag die Ajester, wenn sie dafür verantwortlich sind, wie du aussiehst. Ich liebe deine dunklen Augen und deine langen, empfindlichen Ohren." Um seine Behauptung zu unterstreichen, ließ er seine Finger an der Brust und dem Hals empor wandern, um dann die Außenseite des Ohres entlang zu fahren, immer wieder kleine Schlenker um die winzigen Ringe machend. "Bestimmt die Religion viel eures Lebens? Feiert ihr den Geist der Mitte? Haben die Priester viel Mitspracherecht? Im normalen Leben oder nur im geistlichen? Im Rat?"

Niel atmete tief ein und erschauderte, wann immer Milan mit den Fingern seine empfindlichen Ohren entlang streichelte. Wie sollte er sich dabei auf die Fragen konzentrieren können? "Die Priester haben Stimmen im Rat. Nicht so viele, wie... der König, der hat allein schon fünf und die Priester nur zwei, aber sie sind an Abstimmungen beteiligt. Im normalen Leben sind sie wichtiger, sie sind immer die Lehrer. Die jungen Jumer bekommen ihr Wissen von den Shaapriestern ihrer Stadt oder des Dorfes."

/Lehrer... Wie auf der Erde im Mittelalter. Ein Wunder, dass sie da nicht mehr Macht haben./ Milan rutschte näher an Niel, während er sich fragte, warum er die unangenehmen Fragen nur Jeremis stellte. Sacht wanderte seine Hand von Niels Ohr weg, streichelte über den Rücken hinab, strich sacht die Hüfte, ehe er weiter zu seinem Hintern wanderte und sich lose über ihn legte. Seine Lippen streiften sanft über Niels, ehe sie sich fester über sie legten und er ihn küsste.

"Eigentlich will ich... dich noch mehr fragen", nuschelte er zwischen Küssen. "Aber... du bist so schrecklich verlockend."

Niel öffnete den Mund und ließ seine Finger über Milans Bauch abwärts wandern. "Du kannst mich auch morgen noch so viel fragen, ich bin ja hier", raunte er zwischen zwei Küssen, bevor er seine Zunge über Milans Lippen in dessen Mund streichen ließ. Er genoss das Prickeln, das seinen Bauch hinab rann und stöhnte leise auf, als Milan ihn fester griff.

In runden Mäandern streichelte er über Milans Rippen, über seinen Bauch, den Bauchnabel umrundend und erreichte schließlich die Grenze seiner Behaarung, wo er kurz anhielt, um die Finger dann über die Scham kämmen zu lassen, während er Milan zugleich in einen wilden Tanz zwischen Lippen und Zungen verwickelte.

Das Streicheln an seinem Ohr hatte ihn schon genug erregt, aber Milans Begehren, die Art, mit der er seinen Po umfasste und ihn dichter zog, brachte einige Wünsche in Niel zu Tage, die er sich ursprünglich für einen späteren Zeitpunkt aufheben wollte, wenn er und Milan sich besser kennen gelernt hatten.

Er wand sich und legte ein Bein über Milans Hüfte, um ihm deutlich klar zu machen, wie erregt er schon war und um sich ihm zu öffnen, um ihn wissen zu lassen, dass er es wollte. Mit den Fingern streichelte er nun sehr fordernd über Milans Schoß und stöhnte, bei jeder Berührung durch seinen Geliebten, bedenkenlos auf.

Flüchtig dachte Milan an Jeremis, dass dessen Zimmer nur durch das Bad von ihrem getrennt war, dass er sie vielleicht hören würde, doch unter Niels zielstrebigen Liebkosungen war es ihm sehr schnell egal, bis er sogar begann, die lustvollen Laute seines Geliebten nicht nur zu genießen, sondern auch zu schätzen. Niel ließ keinen Zweifel daran, wenn ihm etwas gefiel, war gleichzeitig so offen und hingebungsvoll, wie er bereit war, Milan mit erregenden Zärtlichkeiten zu bedenken. Milan hatte das Gefühl, als ob es für ihn keine Scham, kein Versteckspiel gäbe, und das erleichterte es ihm, sich ebenfalls zu öffnen.

Dieses Mal sorgte Milan dafür, dass sie nicht so schnell zum Ende kamen wie am Mittag. Er zögerte es hinaus, dehnte es aus, bis sie beide am Rand ihrer Beherrschung waren.

Schließlich lagen sie erschöpft, aber glücklich eng aneinander geschmiegt unter der zerwühlten Decke. Ein leichtes Lächeln glitt über Milans Züge, als er seinen Geliebte ansah. "Und jetzt verrate mir mal, für was ich geduscht habe", schmunzelte er träge, fühlte sich aber nicht in der Lage, wieder aufzustehen und noch einmal zu duschen.

Niel streckte sich zufrieden und murmelte "Für mich natürlich, mein Juwel." Mehr schaffte er nicht zu sagen, denn bevor er noch einen weiteren Gedanken fassen konnte, glitt er in traumlosen Schlaf.

 

In den nächsten Tagen brachte nicht nur Niel seinem Schatz einiges über Jume bei, sondern auch vor allem Kees, der in der Küche oder im Garten bei der Arbeit immer bereit für ein Schwätzchen schien und der Milan freundlich und geduldig auch die Dinge erklärte, die den jungen Mann missmutig werden ließen, ohne seine eigene gute Laune zu verlieren.

Milan lernte viel, über die groben, politischen Zusammenhänge, über Ajest, über die Religion des Geists der Mitte, aber vor allem zeigte ihm Niel, wie er das Halsband abnehmen konnte, so dass er auch begann, die für ihn sehr verworrene Sprache der Jumer zu erlernen.

Zuerst war er etwas verärgert gewesen, dass er im nicht schon früher gesagt hatte, dass es möglich war, ohne das Band zu zerstören, aber der Ärger verschwand, denn er hatte sehr schnell feststellen müssen, dass er im Moment ohne den Transmitter nicht fähig war, sich zu verständigen.

Jeremis hielt sich in den folgenden Tagen merkwürdig still geworden zurück. Er sprach nur noch wenig mit den Gästen und war den ganzen Tag über auf den Feldern, bei den Maschinen oder in der Kelterei beschäftigt. Er und Hame bereiteten die Ladung für ihren Händler in Jumelaan vor, verpackten die schwarzen Flaschen sorgfältig in gefütterte Kisten und waren vom frühen Morgen bis zum Dämmern damit vollkommen beschäftigt.

Milan bekam den Gutsbesitzer nur noch zum Frühstück und zum Kaffee zu Gesicht, und manchmal nicht einmal da. Er hätte gerne wie am ersten Tag mehr mit ihm gesprochen, hätte sich gerne noch einmal entschuldigt, sich vielleicht erklärt, doch er hatte das Gefühl, dass der andere Mann ihm aus dem Weg ging. Nicht, dass er sich Arbeit suchte, sie musste mit Sicherheit gemacht werden, sondern eher, dass er sie vorschob.

Wenn Milan in der Küche saß und Kees beim Schneiden von irgendwelchem Wurzelgemüse half oder ihm beim Putzen zu Hand ging, ärgerte er sich abwechselnd über sich selber und sein manchmal viel zu aufbrausendes Temperament, nährte sein Schuldbewusstsein, während er sich fragte, ob Jeremis es mittlerweile bereute, ihnen und im Besonderen ihm Gastfreundschaft angeboten zu haben, oder er grübelte darüber nach, ob er sich das nicht alles nur einbildete.

Erst nach einigen Tagen war die Ladung fertig verpackt, und Niel sah Jeremis nach dem Frühstück nicht zum Stall oder der Kelterei, sondern in dessen Arbeitszimmer gehen. Es war früher Morgen, Milan schlief noch und Hame war im Stall beschäftigt. Kees summte aus der Küche, in der er am Brote backen war, also ging Niel zur Tür, als der Postbote läutete und nahm den grauen Würfel entgegen, in dem die Nachrichten gespeichert waren. Sein Blick huschte rasch zu der Tür vom Arbeitszimmer, aber Jeremis erschien schon im Durchgang und ging auf den schlanken Jumer zu, um ihm den anderen Würfel zurückzugeben.

"Morgen, dieser Würfel hier ist leer gewesen. Ist er vielleicht defekt? Hame war ganz bestürzt, sie liebt es, die Nachrichten aus Jumelaan zu sehen."

Der Postbote ruckelte an seiner hellgrünen Uniform und nahm den Würfel entgegen. "Er ist leer, stimmt." Er verankerte den Würfel in einem Scanner und runzelte die Stirn. "Die Nachrichten sind runtergelöscht worden, soll ich sie wiederherstellen?"

"Hm. Ja, das wäre sehr nett von ihnen, danke." Auch diesen Würfel nahm Niel entgegen und drückte ihn instinktiv an seine Brust. Jeremis verabschiedete sich von dem Postboten, nachdem er einige Worte zu anderen Gütern mit ihm gewechselt und ihm noch eine Flasche Wein geschenkt hatte.

Niel wagte es nicht, dem Blick des Gutsbesitzers zu begegnen, während dieser ihm die Hand hinhielt und leise forderte "Gib mir die Würfel, bitte."

Niel händigte beide aus und folgte seinem Gastgeber in dessen Arbeitszimmer hinüber. Dort legte Jeremis den alten Nachrichtenwürfel auf das Lesegerät und tippte auf der Konsole herum. Gleich darauf erschien dreidimensional das Symbol des Königs von Jume. Es verschwand, machte einer nichts sagenden Jumenerin Platz, die freundliche Grußworte sagte und für gewöhnlich eine Zusammenfassung der Ereignisse auf Jume gab. Doch nun tat sie dies nicht. Ihre hellvioletten Augen waren weit aufgerissen und fast schon tränenvoll zu nennen, während sie eine offizielle Mitteilung des Palastes verlas, in der zugegeben wurde, dass der Thronfolger Niel Aremeth Hashar verschwunden war und es Anlass zu dem Gedanken gäbe, dass er von Oppositionisten entführt worden war.

Es knallte leise, als Jeremis seine Tasse abstellte und das Bild anhielt, das noch immer die Sprecherin zeigte "Deswegen hast du... habt Ihr..." Verwirrt hielt er inne und warf einen schnellen Blick auf den kleinen Jumer mit diesen viel zu langen Ohren und großen Augen, mit dem verwirrenden und die Menschen doch so ansprechenden ajester Aussehen.

Niel senkte den Kopf ein wenig mehr, und wäre er vollständig ein Ajester gewesen und nicht nur zur Hälfte, dann hätte er seine Ohren hängen lassen; so legten sie sich lediglich ein wenig näher an den Kopf, während er zerknirscht zugab "Ich wollte nicht, dass sie hierher kommen und mich abholen. Das ist so peinlich."

"Herr, es ist aber die Nachricht von vor einigen Tagen. Was, wenn sie nun..."

"Ich bin oft länger weg, aber eben nie ohne meinen Lehrer und ersten Sprecher." Genervt kaute Niel an einer Haarsträhne und gab dann zu "Ich wollte nicht, dass ich schon abgeholt werde, weil... wegen Milan, Jeremis."

"Ja, das ist mir auch durch den Kopf gegangen", erklärte Jeremis trocken und rieb sich die Augen, bevor er den zweiten Würfel auf die Lesestation gab und die Knöpfe betätigte.

Niel wollte sich schon missmutig auf das Sofa werfen, doch als nächstes erschien nicht eine Sprecherin oder das Symbol von Jume oder irgendwas. Als nächstes erschien ein dreidimensionales Bild von ihm selber. Es war für Jeremis eingestellt, dieser sah ihn von vorn und so wanderte Niel herum, denn um seinen Kopf waren Trauerfarben gezeichnet worden. Trauerfarben? Wofür? War jemand in seiner Familie gestorben?

Jeremis sog zischend Atem ein und schüttelte den Kopf. "Verdammt, das ist eine schlimme Geschichte, Herr. Wie habt Ihr nur so..."

Er verstummte, denn die vollkommen verheulte Sprecherin erschien und knüllte ein Taschentuch wieder und wieder mit den Fingern zusammen.

"Niel Aremeth Hashar ist tot." Sie machte eine tränenreiche Pause und jemand anderes erschien im Bild. "Der junge Thronfolger Jumes ist gestern von den obersten Generälen für tot erklärt worden, die Suche nach seiner Leiche wurde jedoch noch nicht ausgesetzt. Als erster Verdächtiger gilt sein ehemaliger Lehrer, der Priester aus der Shaagilde, Jashuun."

Niel öffnete und schloss den Mund, während einige oberste Generäle, Priester und schließlich gar irgendwelche Schauspieler zum Ausdruck brachten, wie tragisch all dieses war. "Das..." Ihm fehlten die Worte, und er ließ sich in das Sofa fallen, in dem schon Jeremis sehr offensichtlich verwirrt hockte und sein Kinn mit den Fingern entlang strich.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh