Zwischen den Welten

15.

/Thronfolger...? Niel ist der Kronprinz Jumes?/ Milan hatte nicht lauschen wollen, aber als er Jeremis' Stimme aus dem Arbeitszimmer gehört hatte, als er die Treppe herunter gekommen war, hatte er den Entschluss gefasst, ihn dort aufzusuchen, um mit ihm zu sprechen. Ihn zu fragen, was los war, ob er ihm wirklich aus dem Weg ging und sich gegebenenfalls zu entschuldigen oder ob er es sich tatsächlich nur einbildete. Dann hatte er Niel und einige leicht verzerrte Stimmen gehört und war erst einmal stehen geblieben, um abzuwarten, bis Jeremis Zeit für ihn haben würde.

Jetzt war ihm relativ klar, was er da belauscht hatte, irgendeine Form der Nachrichtensendung, aber es war ihm in dem Moment vollkommen gleichgültig. Was die Frauenstimme hingegen gesagt hatte nicht. /Mein Niel... mein kleiner, süßer Niel ist nicht nur einfach... aus der Oberschicht. Das einzige, was es hätte noch übertreffen können, wäre, wenn er der König selbst gewesen wäre./

Der zweite Teil der Nachricht, die er irgendwie in seinem Kopf zu ordnen, zu verstehen versuchte, war, dass sie ihn für tot erklärt hatten. /Wie bizarr... Wenn er etwas ist, dann ist er lebendig. Sehr lebendig. Meine Güte, da hat er sich aber in was reingeritten. So tief, dass sie... dass sie seinen ehemaligen Geliebten verdächtigen, ihn umgebracht zu haben. Scheiße, er ist der Kronprinz!/

Er presste die Lippen zusammen, atmete tief durch und trat ein. "Ich habe... durch die Tür mitbekommen, was gesagt worden ist... war keine Absicht." Sein Blick flog von Jeremis zu Niel, die beide gleich verwirrt zu sein schienen. Sein Geliebter war blass, schien ihn nicht einmal richtig zu bemerken.

"Der Thronfolger?", fragte er leise. Er wollte zu dem kleinen Jumer hin, wollte ihn in den Arm ziehen und ihn tröstend an sich drücken, aber etwas hielt ihn zurück. "Hab ich das richtig verstanden?"

Niel starrte auf die Nachricht, die sich nun eingefroren drehte, so dass er sich selber von allen Seiten begutachten konnte. /Verdammt, ich sehe grauenhaft aus auf dem offiziellen Bild!/ Als nächstes erst nahm er wahr, dass Milan neben ihm stand und ihn mit aufgerissenen Augen etwas gefragt hatte.

"Ja... ich bin der Thronfolger vom Königshaus Jume..." Fahrig schob er sich die Haare hinter die Ohren und kniff seine Augen zusammen. "Jashuun... ich muss in die Stadt fahren, um das Missverständnis richtig zu stellen. Ich frage mich nur, wieso die Generäle... Wieso haben sie... ich verstehe nicht, wieso mein Vater..."

Er hob den Kopf und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. "Verdammt noch mal! Mein Vater ist ja auf Ajest! Wie konnte ich das nur vergessen!" Wütend über sich selber und über den Schlamassel, in den er sich hineingeritten hatte, stützte er sein Gesicht in die Hände und versuchte sich zu konzentrieren.

Jeremis' gleichmäßige Stimme unterbrach seine Gedanken. Sein Gastgeber senkte den Kopf einmal und murmelte "Kein Wunder, dass Ihr mir so vertraut erschienen seid, Niel Aremeth Hashar. Ich habe einen Vorschlag."

"Ja? Wie lautet der?"

"Ihr fahrt mit dem Mann zusammen nach Jumelaan. Übermorgen mit dem Transporter. Es ist die schnellste und unauffälligste Möglichkeit."

Niel seufzte und nickte leicht. "Ja, ich will nicht, dass du da mit hineingezogen wirst, Jeremis. Es wäre nicht gut, wenn Generäle aus der Stadt deine Halblinge hier sehen."

Jeremis neigte den Kopf noch einmal rasch, dann murmelte er leise "Das ist freundlich, danke." Er stand langsam auf und sagte dann noch "Ich werde es den beiden anderen besser nicht sagen."

Niel nickte und begann in Gedanken versunken, mit den Würfeln mit den Nachrichten zu spielen. Er legte den neuen Würfel ein und sagte zu dem hinausgehenden Jeremis "In Ordnung, ich bin sehr dankbar für deine Hilfe. Alles ist ohnehin meine Schuld."

Als Jeremis an der Tür war, um diese zu schließen, flimmerte die neue Nachrichtensendung auf und das ernste Gesicht der Sprecherin erklärte "Heute wurde der endgültige Beschluss im Rat getroffen. Der Shaapriester Jashuun wurde des Hochverrates und des Mordes angeklagt und für schuldig befunden. Die Exekution wird in vier Wochen am Sonnenwendtag stattfinden."

Niel schrie auf und stürzte zum Tisch, spulte zurück, spielte es noch einmal ab, spulte zurück und blickte fassungslos auf das anschließend gezeigte Bild seines ehemaligen Geliebten Jashuun. Das ernste, schmale Gesicht wirkte müde und von Sorgen gezeichnet. Sie hatten ihm in der Haft die Haare abgeschnitten, seine Ohren wirkten dadurch spitzer, wie kleine Speere.

Fassungslos hob Niel die Hand, um das Bild zu berühren, das sich vor ihm drehte. "Nein...", flüsterte er heiser. "Jashuun..."

Jeremis war in der Tür erstarrt und blickte von der Meldung auf den kleinen Thronfolger und wieder zurück. Endlich sagte er leise "Es wird früh genug sein, wenn ihr übermorgen mit dem Transporter fahrt, Herr", und ging dann aus dem Raum, um den anderen Bescheid zu geben, dass die Gäste in zwei Tagen abreisen würden.

Milan fühlte sich, als würde er einen Film auf einer Leinwand verfolgen. Alles schien mit einem Mal so surreal zu sein. Sein kleiner, lachender Elf entpuppte sich als der Thronfolger eines ganzen Planeten, dessen ehemaliger Geliebter des Hochverrats angeklagt worden war, weil er ihn angeblich umgebracht hatte.

Er warf einen Blick zu der Tür, durch die Jeremis das Zimmer verlassen hatte. Jeremis, der wie ein Ruhepol gewirkt hatte. /Ich verstehe nicht... Warum ruft er nicht einfach in der Hauptstadt an und sagt Bescheid? Sie werden doch mit Sicherheit so etwas wie Telefone haben. Vielleicht ist das Gut nicht angeschlossen? Immerhin scheint es auch kein Fernsehen oder etwas in der Art zu geben./ Oder war es wegen der Halblinge? Aber ein Anruf würde sie doch nicht in Gefahr bringen. Wahrscheinlich steckte sehr viel mehr dahinter, als er mit seinen minimalen Kenntnissen begriff.

Milan schluckte, als er einen Blick auf das erstarrte Bild warf, das den Priester zeigte. Zum Tode verurteilt für etwas, das er nicht begangen hatte. Weil Niel auf eigene Faust davon geschlichen war. Wieder wünschte er sich, mehr tun zu können, doch alles, was ihm blieb, war für den Jumer da zu sein, ihm Trost zu spenden wenn er konnte. Er trat zu seinem kleinen Geliebten und legte ihm sanft eine Hand auf die Schulter.

"Wir werden rechtzeitig kommen", sagte er leise, auch wenn er keine Ahnung hatte, wann Sonnenwende sein mochte. Jeremis hatte gesagt, es würde reichen, er glaubte ihm. "Du musst dich doch nur zeigen, um das Missverständnis aufzuklären."

"Danke, du bist so süß." Niel schmuste sich in Milans Hände hinein und drängte sich gegen den Körper seines Geliebten. "Ich muss leider in Person hin. Ich kann mich nicht anders dort beweisen. Außerdem will ich Jeremis den Ärger ersparen, den er hätte, wenn man mich hier suchen kommt. Jashuun kann auf sich aufpassen, ich mache mir nur Sorgen darum, dass überhaupt ein Shaapriester eingesperrt wurde. Das ist noch nie zuvor passiert. Und dann nur, weil ich ein paar Wochen fort bin? Ich bin dauernd weg! Diese Generäle können was erleben!"

Milan legte die Arme um ihn und drückte ihn an sich. "Nun, dann zeigst du dich dort eben in Person. Das ist lieb von dir, dass du ihm keinen Ärger machen willst. Ich hätte auch Angst um Kees und Hame. Ich mag die beiden." Wieder sah er zu dem sich langsam drehenden Bild Jashuuns hin und fühlte einen kleinen Stich der Eifersucht. /Niel ist mein Geliebter. Und wenn er im Moment etwas bestimmt nicht brauchen kann, dann ist das deine Eifersucht./ "Ist es sehr ungewöhnlich, dass Shaapriester für etwas verantwortlich gemacht werden? Sind sie so untadelig?"

Niel nickte seufzend und stellte sich aufrecht hin, um Milan kurz zu küssen. "Ein Shaapriester ist eigentlich unantastbar. Sie nehmen das Recht, unfehlbar zu sein für sich in Anspruch. Nun ja, Jashuun war das nicht unbedingt immer, aber ich kann nicht glauben, dass sie ihm mein Verschwinden anhängen wollen. Wieso? Ich kann es nicht verstehen. Wenn Jashuun fort ist und ich wiederkomme, dann verlieren diese Generäle ihre Position, wenn nicht ihr Leben. Die Shaapriester würden einfach einen neuen Lehrer und Sprecher für mich stellen. Es macht keinen Sinn, Jashuun zu verhaften und anzuklagen. Mein Vater hätte das nicht zugelassen."

Milan kräuselte nachdenklich die Lippen. "Ich habe keine Ahnung von der Politik hier. Aber sagtest du nicht, dass dein Vater nicht da ist? Wenn sie dann dich noch ausschalten, indem sie dich für tot erklären..." Er ließ den Satz unvollendet in der Luft hängen, hatte ohnehin schon das Gefühl, viel zu abwegige Spekulationen zu äußern. /Zu viele Geschichtsbücher auf der Erde gelesen und eine zu aktive Phantasie./ Und trotzdem... /Auch nicht abwegiger, als dass sich mein Geliebter plötzlich als Kronprinz entpuppt, oder?/

Fast schon besitzergreifend schlang er die Arme fester um ihn. "Wie vertrauenswürdig sind deine Generäle?"

Niel schloss kurz die Augen und nahm die Wärme und Nähe seines Geliebten auf. "Ich weiß, dass es nicht besonders gut zu verstehen ist, aber ich habe nichts zu sagen in der Politik. Dafür bin ich einfach noch zu jung. Erst mit etwa zweihundert werde ich an den Sitzungen im Rat teilnehmen. Aber ich weiß, dass die meisten Generäle sich allein untereinander nicht einigen können." Er überdachte, was Milan da sagte und murmelte "Es ist so gefährlich, wenn der König fort ist, dann sind seine fünf Stimmen im Rat frei. Dann müssen sich nur noch die sieben anderen einigen. Wenn ich nicht da bin, dann ..."

Jeremis trat in das Zimmer zurück. "Möchtet Ihr Kleidung von uns mitnehmen, Herr? Wir geben Milan noch einige Kleidungsstücke mit, er hat ja gar keine." In Wirklichkeit hatte Jeremis Milan schon einige Hosen und Hemden abgetreten, die Kees sorgfältig übergebügelt in dem Schrank im Gästezimmer untergebracht hatte.

"Nein, ich ziehe besser meine eigenen Sachen an. Außerdem ist es heiß in Jumelaan zu dieser Jahreszeit. Ich werde nicht viel Kleidung brauchen. Aber danke sehr für das Angebot, Jeremis."

/Herr./ Milan runzelte kaum merklich die Stirn, als er Jeremis musterte. Es kam ihm so unpassend vor, wie der andere es zu Niel sagte. /Vermutlich ist es dann aber die richtige Anrede. Daran werde ich mich kaum gewöhnen können. Für mich bleibst du Niel, mein Liebling./

Er verdrängte den Gedanken, was in Jumelaan werden sollte; er bereitete ihm Magenschmerzen. So plötzlich aufbrechen zu müssen, behagte ihm nicht. Er hatte sich darauf eingerichtet, noch ein paar weitere Tage hier bleiben zu können, Kees weitere Löcher in den Bauch zu fragen, vielleicht wieder mit Jeremis ins Reine zu kommen. Und dann? Daran hatte er selten gedacht. Alles, worauf sein Handeln gerichtet gewesen war, war, erst einmal ein halbwegs dichtes Bild von diesem Planeten und seiner eigenen Situation zu bekommen. "Jeremis... ich würde dich gerne noch mal sprechen, bevor wir weg sind, geht das?"

Niel löste sich aus Milans Umarmung und sprang auf. "Ja, redet ihr noch ein wenig. Jeremis, du kennst Jumelaan und kannst Milan da bestimmt einige Dinge erklären, nicht? Ich muss mich ein wenig zurückziehen und meine Rede vor dem Rat überlegen. Ich kann da nicht einfach so auftauchen."

Rasch küsste Niel Milan auf den Mund und sprang dann von ihm fort und lief die Treppe hinauf und zum Gästezimmer.

Jeremis blickte nachdenklich auf den jungen Mann mit den schwarzen Haaren, der die Augen über das sich drehende Bild von dem jungen Shaapriester gerichtet hatte. /Reden... du kannst, Jeremis. Das war ein Befehl./

Er hatte sich so schnell damit abgefunden, dass der kleine Jumer sein Herr war. Das konnte er, weil er es Jahrelang geübt hatte. /Herr... Es fließt so leicht von den Lippen, noch immer. Sollte ich ihn denn überhaupt so anreden? Es macht die Dinge einfach zwischen dem Kleinen und mir. Alles steht, wie es soll./ Ganz im Gegensatz zu der Beziehung zu dem jungen Mann.

Jeremis streifte Milan mit einem unsicheren Blick und seufzte verhalten. Er hatte sich vordergründig freundlich zurückgehalten. Hatte es Kees überlassen, über die Bräuche und Natur zu plappern, Hame hatte Milan auf ihre knurrige Art den Pferden näher gebracht, und Niel hatte ihm Wissen über Politik und Geographie vermittelt und natürlich das Gefühl, von einem von ihnen geliebt zu werden.

/Liebe. Wie kann er denken, dass Jumer und Menschen gleich lieben?! Er wird verletzt werden./ Jeremis gab es sowieso schon für sich zu. Er hatte versucht, sich von Milan fern zu halten, aber konnte es gar nicht. Sein erster Gedanken am Morgen galt dessen Augen, sein letzter am Abend dem leichten Geruch der Haare des jungen Mannes, der Art, wie er lächelte, wenn er den Jumer ansah.

Jeremis schaffte es einfach nicht, auch in seinen Gedanken genügend Abstand zu bekommen, um Milan aus seinem Kopf zu vertreiben. Ihm war, als würde dort immer ein bestimmtes Bild von dem jungen Mann sein, ein Bild, das ihn wärmte, das er jedoch nicht wagte anzusehen.

Doch nun betrachtete er Milans Haare, die eben die Schultern berührten und seufzte verhalten. Der Tag war jung, und er wollte eigentlich die Rechnungen zu der Lieferung fertig stellen. Es würde anstrengend werden. Genervt streifte er den Schreibtisch mit einem Blick, dann sagte er "Ich muss bis zum Mittag die Rechnungen schreiben, Milan. Danach können wir gern reden." /Du willst nur eine Gnadenfrist, du dummer Idiot!/ Jeremis stellte sich gegen seine inneren Stimmen lieber taub.

Milan versteifte sich leicht, spannte die Schultern an und presste für einen Moment die Lippen zusammen. /Das bilde ich mir nicht ein./ Er wandte sich zu Jeremis um und musterte den anderen Mann mit nur mühsam zurückgehaltener Frustration, während er überlegte, ob er jetzt wirklich das Zimmer verlassen sollte. Doch stattdessen fragte er "Und was kommt dir dann heute Mittag dazwischen?"

Er strich sich mit beiden Händen die Haare zurück, verharrte einen Augenblick so, ehe er die Arme fast mutlos wieder sinken ließ. "Ich weiß nicht, wann ich dir auf die Füße getreten bin, außer, dass ich am ersten Tag wirklich arg aufbrausend war. Ich habe mich entschuldigt. Aber seitdem..." Er verstummte, sah den anderen jedoch unverwandt an. /Ich will nicht hier weggehen und das Gefühl haben, dass ich dir deine Freundlichkeit mit Ärger vergolten habe./

Jeremis zuckte zusammen, als Milan ihm den Vorwurf entgegen rief, den er sich selber doch eh schon täglich mehrmals machte. "Es wird nichts dazwischen kommen, Milan. Ich... diese... Rechnungen..." Er ließ die Schultern hängen. Unmöglich. Er konnte diesem jungen Mann doch unmöglich erzählen, dass er... Das ging nicht.

Gepeinigt betrachtet er die Blätter der Urkunden und Rechnungsdrucke, in die er die Zahlen eintragen musste und schloss die Augen kurz. "Wenn ich es nicht rechtzeitig schaffe, dann bekomme ich mein Geld nicht, und ich... brauche immer sehr lang."

Milan verkniff sich eine bissige Antwort, doch er presste die Lippen noch fester zusammen, als er nickte. /Letzter Versuch... wenn du heute Mittag wieder nicht mit mir reden willst, dann muss ich das wohl akzeptieren./ Der Gedanke schmerzte, und Milan wandte sich rasch ab.

"Noch vor dem Kaffee?", fragte er mit flacher Stimme. "Meinst du, du bist bis dahin weit genug?" Fast hätte er ihm angeboten zu helfen, doch er würde sich nicht so schnell reinfinden können, um wirklich von Nutzen zu sein. Ja, wenn sie noch länger hier bleiben würden... /Mist, warum kommen mir solche Ideen immer so spät? Das hätte ich vielleicht gekonnt. Papierkram ist lästig, aber nicht unbesiegbar./

"Ja, noch vorher. Ich brauche nur... ich hasse Papierarbeiten." Jeremis starrte auf die Tischplatte und murmelte "Entschuldige..." ohne es zu merken. In Gedanken war er bei der leidenschaftlichen Art, mit der Milan erzählte. Er sah, wie dessen Augen leuchteten, wenn er etwas neues lernte, wie als er einen ganzen Tag versucht hatte, Jumenisch ohne den Transmitter zu verstehen. Wie sehr er hatte lachen müssen, als die anderen ihm dann erzählt hatten, was sie ihm alles versucht hatten zu sagen. Und Jeremis enttäuschte ihn.

Immer wieder, etwas anderes schien er nicht zu können. Erst mit seiner Einstellung zu den Jumern, dann mit seiner Art auf dem Gut und schließlich mit dem verzweifelten Versuch, nicht in seiner Nähe zu sein, dem Versuch nicht zu nahe zu kommen, um sich nicht zu verletzen, denn Milan würde mit Niel fortgehen.

Die beiden würden noch einige wundervolle Jahre zusammen haben. Im Palast, in Luxus, mit Dienern und mit allen Möglichkeiten, Milan ein herrliches Leben auf Jume haben zu lassen. Was dagegen waren der Weinberg und dieses Haus schon? Nichts.

"Entschuldige..." Es war nur ein Flüstern, aber Jeremis wurde sich dessen bewusst und ließ sich auf seinen Stuhl fallen, nahm den Schreiber zwischen die Finger und rieb sich über die Augen.

Milans Schultern sanken herab. /Was mache ich denn falsch? Was war am ersten Tag denn noch so anders? Vielleicht mag er mich einfach nicht besonders. Ich weiß ja selber, dass ich manchmal etwas aufbrausend bin. Okay, und manchmal auch etwas mehr.../ Er straffte sich, gab sich gelassener, als er war.

"Du musst dich nicht entschuldigen. So was muss nun mal gemacht werden. Ich komme dann um die Mittagszeit wieder", schlug er leichthin vor. /Und dann sprich mit mir, verdammt noch mal!/

Jeremis nickte leicht und war fast froh, als Milan daraufhin die Tür hinter sich schloss. Erst danach ließ er das Gesicht in die Hände sinken und rieb sich eine Weile lang über die Wangen und Augen, um seine Gedanken zu ordnen.

Er schaffte es natürlich nicht, die Bilder zu vertreiben, von denen er wusste, dass sie ihn nun eine lange Zeit verfolgen würden. Milan auf dem geduldigen Pferdchen, die Haare wehten ihm ins Gesicht, und er lachte, weil Tamai in die genau falsche Richtung trabte. Das Gesicht des jungen Mannes in den Sonnenuntergängen, so viele Male hatte Milan diese Schauspiel staunend beobachtet, und Jeremis hatte ihn beobachtet, sein Staunen bewundert. /Wie lange soll es dauern, bis ich das Gesicht nicht mehr vor mir sehe, bei jedem Sonnenuntergang? Warum nur sind die beiden ausgerechnet zu mir?! Wieso nicht zu dem Nachbargut? Verdammt./

Milans Stimme erklang auf dem Flur. Ein wenig falsch betont versuchte er, mit Kees Jumenisch zu sprechen. Jeremis lächelte gequält. Sein Gast war nicht nur attraktiv und lebenslustig, sondern auch sehr begabt, die Sprache zu lernen fiel ihm außergewöhnlich leicht. /Der Transmitter hilft natürlich. Viele Worte kommen einem schon sehr bekannt vor, und das Gehirn weiß Bescheid, aber es auch sprechen, ohne Transmitter, das fällt einigen nach zehn Jahren noch schwer./

Eine weitere Erinnerung schob sich zu Jeremis in das Gedächtnis. Milan, wie er von Niel beigebracht bekam, wie man schrieb. Milan, der Niel menschliche Worte in den Sand auf dem Platz schrieb. Vermutlich war es etwas gefühlvolles, romantisches gewesen, denn der Jumer hatte sich mit freudig zitternden Ohren auf ihn gestürzt, um ihn wild zu küssen.

/Menschenschriften./ Vorsichtig schloss Jeremis seinen Safe auf und holte die Bücher heraus, die er von der Erde mitgebracht hatte. Eines erklärte ihm, wie man Wein herstellte, denn die Bilder zeigten genau das. Ein anderes erzählte Geschichten, vermutlich. Jeremis setzte sich auf sein Sofa, vertiefte sich in die Zeichen und wünschte, dass er sie besser verstehen könnte.

 

Die Zeit war selten quälender vergangen. Milan sah einmal kurz bei Niel vorbei, doch der schenkte ihm nur ein flüchtiges Lächeln und beugte sich dann wieder über ein Blatt Papier, auf dem er sich Notizen für seine Rede machte.

Milan beobachtete ihn eine Weile, wunderte sich, dass sein quirliger Geliebter so ernst darüber sitzen konnte, und mit einem Mal nahm er ihm den Kronprinz ab. Der Ernst in dem zarten, ein wenig eckigen Gesicht sprach davon, dass es mehr gab als nur den unbeschwerten kleinen Jumer. Lautlos zog Milan sich wieder zurück.

Hame befand sich irgendwo in den Weinbergen, die Reitstunden bei ihr waren auf den späten Nachmittag verschoben worden. Lustlos schlenderte Milan an der Küche vorbei, doch die war aufgeräumt wie immer und verwaist, von Kees keine Spur zu sehen. Schließlich fand er ihn im Keller beim Wäscheaufhängen. Aber selbst die Fröhlichkeit des Halblings erschien ihm gedämpft an diesem Tag, als dieser ihn begrüßte.

Milan lehnte sich mit der Schulter an die Tür und sah dem dunkelhaarigen Mann eine Weile zu, ehe er sich dazu aufraffte, ihm Hilfe anzubieten. Kees wies ihn an, ihm den Korb zu halten, so dass er sich nicht dauernd bücken musste, ehe er sich wieder der nassen Wäsche zuwandte.

"Ihr geht in zwei Tagen, hat Jer erzählt", brach Kees endlich das Schweigen und schreckte Milan damit aus seinem dumpfen Brüten. "Das ist schade, es war schön mit euch. Ihr habt ein wenig Leben hierher gebracht. Es ist schon manchmal recht einsam."

Milan seufzte und lächelte etwas unsicher. "Ich werde euch auch vermissen. Aber ich glaube, Jeremis ist ganz froh, wenn wir weg sind. Dann kommt hier wieder ein wenig Ruhe und Routine auf das Gut zurück. Und ich glaube, er... na ja... mag mich nicht so unbedingt."

Der Halbling wirkte überrascht, als er aufsah. "Jer soll dich nicht mögen? Ich weiß nicht, wie du auf diese Idee gekommen bist, aber ich halte sie für ein Gerücht." Er grinste, stupste ihn in die Seite und zwinkerte ihm schelmisch zu. "Selbst meine Frau mag dich, und das will schon was heißen."

Mit einem Auflachen stellte Milan fest, dass es dem anderen mal wieder gelungen war, ihn aufzuheitern. Den Rest des Vormittags verbrachte er bei ihm, den Transmitter in der Hosentasche, und versuchte erneut, Jumenisch zu lernen, während sie gemeinsam tausend Kleinigkeiten erledigten, die in einem derart großen Haushalt genauso nur in weitaus größerer Menge anfielen wie in einem kleinen.

Gegen Mittag zog er das Halsband wieder an und verschwand kurz in der Küche, um erst mal Tee zu kochen. Erfahrungsgemäß war Jeremis' Tee um die Uhrzeit entweder schon leer oder kalt. Mit der irdenen Kanne bewaffnet, klopfte er bei dem Gutsbesitzer an und wartete einen Moment, ehe er eintrat.

"Hallo, Jer. Ich dachte, ich versuche einfach mal, ob ich stören darf. Ich habe auch Bestechung mitgebracht", erklärte er etwas zu fröhlich, um seine Unsicherheit zu verstecken.

Erschrocken klappte Jeremis das Buch zu und starrte den jungen Mann in seiner Tür mit großen Augen an, dann blinzelte er einmal, um seine Gesichtszüge in den Griff zu bekommen, um das Verträumte daraus fortzuwischen und fand schließlich seine Stimme. "Danke, ich konnte mich ohnehin nicht konzentrieren."

Zart strich er über den Einband des Buches in seinen Händen und stapelte es auf die anderen zwei. Dass er solange in den Anblick der Zeichen und Bilder versunken dagesessen hatte, versunken in seine Gedanken, hatte er einmal mehr nicht mitbekommen.

Milan widmete dem Buch nur einen flüchtigen, eher automatischen Blick und wandte seine Aufmerksamkeit ab, um die Kanne auf den Tisch zu stellen. Doch dann drängte sich etwas in sein Gedächtnis, bekannte Formen, die so vollkommen anders waren als die jumenische Schrift. Fast wie elektrisiert drehte er sich um, seine Wangen röteten sich vor Aufregung, als er mit den Augen gezielt danach suchte.

"Du hast Bücher von der Erde hier?", fragte er regelrecht atemlos.

Jeremis nickte leicht. "Ich war einige Male auf der Erde, habe dort Aufträge ausgeführt, da hab ich mir Bücher mitgenommen." Unsicher sah er Milan an, dann entschied er sich und dachte dabei /Er ist eh bald wieder weg, wenn er gleich über mich lacht, dann fühle ich mich vielleicht wieder besser, kann ihn besser vergessen./

"Ich glaube, dass diese hier über Weinherstellung sind, stimmt das?" Langsam schob er seine zwei Lieblingsbücher, dicke Lederwälzer, zu Milan hinüber und sah angespannt auf dessen Finger, auf die Tischplatte, überallhin, nur nicht in sein Gesicht.

Milan zog die Bände zu sich und schlug fast andächtig den oberen auf. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht, als er die vertraute Schrift las. Sacht ließ er einen Finger über den verschnörkelten, goldgeprägten Schriftzug des Titels gleiten. "The World Atlas of Wine growing." Er blätterte ein wenig weiter, überflog die ersten Seiten und sah dann zu Jeremis auf. "Das ist Englisch und heißt 'Der Weltatlas des Weinanbaus'." "Und das andere? Dies sah aus, als sei es über Weinherstellung, hier... Ist das nicht eine Presse? Und das..." Aufgeregt blätterte Jeremis einige Seiten in seinem Schatz auf und deutete auf einige Abbildungen. "Das ist doch ein Bild von einem Gerät, mit dem man destillieren kann, nicht?"

Milan suchte nach der Bildunterschrift und lächelte über Jeremis' Begeisterung. "Destillierkolben steht hier." Er suchte kurz im Text nach der entsprechenden Stelle, in der auf das Bild verwiesen wurde und las sie ihm vor, registrierte im gleichen Moment, dass er nicht übersetzen musst, weil das der Transmitter ohnehin tat.

/Und zwar ganz egal, ob es französisch, englisch, spanisch, deutsch oder sonst was ist! Was für ein geniales Wunderwerk der Technik!/

Doch dann stockte er, nachdenklich hob er den Blick zu dem anderen Mann. "Du hast es schon mal erwähnt, und jetzt erneut. Du warst auf der Erde. Und das, obwohl es eigentlich unmöglich sein sollte für Menschen, wenn ich die verschiedensten Ausführungen von Niel und Kees richtig verstanden habe. Wie hast du das geschafft?" Schon wieder bohrte sich Hoffnung in sein Herz, ein kleiner Schimmer, der ihn einen Weg nach Hause sehen ließ.

Jeremis riss seinen Blick von dem Buch los, um Milans fragendem Blick zu begegnen, dann seufzte er leise, bevor er gestand "Ich kenne nur einen Weg auf die Erde zu dürfen. Als Forscher." Er sah, dass Milan noch nichts von den Forschern gehört hatte, weswegen er so einfach wie möglich erklärte "Die Shaapriester kümmern und interessieren sich für die Erde und senden regelmäßig Forscher dorthin, die ein bestimmtes Gebiet erforschen sollen und dafür mit den Mitteln ausgerüstet werden und auch mit Teilen ihren Erinnerung. Ich bin von einem Priester damals ge... Er hat mich geschickt, um über Erdböden, über Düngemittel und über Anbau von verschiedenen Pflanzen Informationen sammele. Ich habe dabei auch viel über den Weinanbau gelernt, weswegen ich mir nach der Wiederkehr das Gut gekauft habe."

Milan sah wieder auf das Buch, auf ein Photo von einer hügeligen Berglandschaft irgendwo in Frankreich. Er presste die Lippen zusammen, als er einen plötzlichen und unerwartet heftigen Anfall von Heimweh hatte. Es half nicht im Geringsten, dass er sich Niels Gesicht in Erinnerung rief, den Ausdruck in seinen Augen, wenn er ihm sagte, dass er ihn liebte.

"Ich will zurück", sagte er leise und bemühte sich, die Tränen zurückzuhalten, atmete angestrengt gegen die Enge in seiner Kehle an. "Meinst du, dass das eine Chance sein könnte?"

Jeremis seufzte und erklärte dann leise "Ich wollte damals nicht unbedingt zurück, sondern war in einen von ihnen... ich stand einem Shaapriester sehr nahe und bin deswegen gewählt worden. Sie waren sich sicher, dass ich zurückkehren würde. Mit dem nächsten Transporter nach fünf Jahren. Das habe ich auch gemacht."

/Es wird nicht gehen. So gut kann ich nicht schauspielern. Sie werden wissen, dass ich nicht zurückkommen will./ Der Gedanke war für Milan eine Enttäuschung, aber nicht so schlimm, wie sie hätte sein können. Ernsthaft hatte er nicht damit gerechnet. Jedoch würde sich da vielleicht trotz allem eine Möglichkeit bieten. Unter Umständen würde er sich an Bord eines dieser Schiffe schleichen können, wenn er erst einmal etwas mehr darüber herausgefunden hatte. Schließlich konnten diese unmöglich mit Alarm auf Menschen reagieren.

/Aber wenn er sagte, dass er wegen seiner Nähe zu einem Shaapriester gewählt worden ist, dann könnte ich vielleicht... über Niel... Er war verliebt! In einen Jumer. Wie ich es bin./ Und wenn er sich Jeremis so ansah, konnte es nicht besonders glücklich geendet sein. Immerhin war hier kein Anzeichen eines Jumers zu entdecken, und der andere Mann wirkte auch bei dem Gedanken nicht besonders glücklich.

"Jer?" Er zögerte und sah ihn an, nur um den Blick dann doch wieder abzuwenden und auf das Buch zu richten. "Ich kenne nur Niel. Und zu sagen, dass ich ihn kenne, ist eigentlich schon übertrieben. Ich bin mir zwar sicher, dass er mich liebt..." Nervös strichen seine Finger die Linien der Bergkette auf dem Photo nach. "Ich kann mir aber vorstellen, dass einige Probleme auf so eine Beziehung zukommen könnten... und es wohl auch werden. Was ist denn das größte?" /Und wie kann ich ihm entgegen wirken? Ich bin so schizophren! Ich will nach Hause, und ich will gleichzeitig Niel nicht verlieren!/

Jeremis blinzelte einmal, zweimal, schließlich verschloss er sein Gesicht, obwohl er schon längst auf die Finger des jungen Mannes blickte. /Ich kann es ihm doch unmöglich noch einmal unter die Nase reiben! Er kann doch nicht so naiv sein!/ Unsicher streifte er Milan noch einmal mit einem Blick und entschied /Doch, er kann so naiv sein. Milan kann das./

Langsam begann er "Es gibt zum einen das Alter, das ist der Hauptfaktor. Aber dann haben sie auch eine andere Einstellung zu Beziehungen. Anders, als sie in Menschen instinktiv schon verankert ist."

Milan ertappte sich dabei, wie er den Mund öffnete, um Jeremis zornig anzufahren und ihm zu erklären, was er für einen Unsinn erzählte, und schloss ihn abrupt wieder. /Bloß, weil er mir unangenehme Dinge sagt, heißt es nicht, dass er mich anlügt./ Wieder presste er die Lippen zusammen, wie so häufig, wenn er wütend war oder Gefühle zurückhalten wollte. Gegen das Alter war er machtlos. Aber vielleicht... "Es gibt doch bestimmt Ausnahmen, oder? Von Jumern, denen es egal war, dass ihre Gefährten alterten?"

Im selben Moment noch wurde ihm klar, wie dumm das klang. Nach einem kleinen Kind, das seine heile Welt zu retten versuchte.

/Glaubst du wirklich, dass Niel mit einem verschrumpelten alten Mann zusammensein will?/ Der Gedanke tat weh, auch wenn er sich gleich darauf sagte, dass die Vorstellung allein schon bizarr war. Sie kannten sich kaum ein paar Tage, wer wusste schon, ob sie sich überhaupt so lang verstehen würden.

"Ich benehme mich albern, vergiss es", murmelte er und ging zur Couchecke, um sich in einen Sessel fallen zu lassen. "Und darüber wollte ich ja eigentlich auch gar nicht mit dir reden."

"Nein, tust du nicht. Du hättest mal mich sehen sollen. Worüber wolltest du mit mir reden, Milan?" Ein wenig bedauernd räumte Jeremis seine Bücher in den Safe zurück, nachdem er einen letzten Blick auf die Bilder geworfen hatte.

Milan folgte ihm mit den Augen und musste unwillkürlich lächeln, als er bemerkte, wie regelrecht behutsam Jeremis mit seinen Schätzen von der Erde umging. "Wenn du magst, kann ich dir heute und morgen gerne noch daraus vorlesen", schlug er vor. "Damit du wenigstens mal ein wenig weißt, was drin steht."

"Oh, wenn es dir keine Umstände macht, sehr gern. Danke." Jeremis wog einen Moment lang ab, aus welchem Buch er gern etwas hören wollte, dann entschied er sich für eines, in dem Geschichten stehen mussten. Es hatte nichts mit Wein zu tun und würde Milan vielleicht auch gefallen. "Geht das hier? Aber du wolltest reden. Vorlesen ist nicht reden."

Er legte das Buch auf den Tisch zwischen sich und den jungen Mann, dann sagte er leise "Ich weiß ja, dass alles, was ich sage, dich nur wütend macht und dass du froh bist, wenn du nicht mehr hier sein musst. Es ist ja auch langweilig hier auf dem Gut, so weit weg von der Stadt. Aber glaub mir, ich sage es nicht, um dich zu ärgern. Ich... ach, egal. Ich sollte Dinge nicht sage, egal ob man mich fragt oder nicht, ich weiß doch, dass es in so eine Situation nicht gut ist, wenn man zu viel redet und... ich rede Unsinn, vergiss es."

Jeremis wendete sich halb ab, dann entdeckte er den Tee und goss sich mit nervös zitternden Fingern ein wenig ein. Er konnte nicht die richtigen Worte finden, das ging nicht, schon gerade nicht, wenn der Mann so sehr an dem Jumer, zugleich aber so irrational an der Idee mit der Heimkehr hing. /Er ist so... stürmisch in allem. Ohne zu denken, gleich erst einmal zu meckern, beleidigt und gekränkt zu sein... Ich will ihn doch nicht bekümmern, wie kann ich ihn nur... davor bewahren, dass er sich nicht selber verletzt?/

Das war eine unmöglich erscheinende Aufgabe. Verdrießlich fast schon nippte Jeremis an seinem Tee. /Ich mache mich zum Idioten... nein, Hames Worte waren 'zum vollkommenen Esel'. Es wird wirklich Zeit, dass er und der Jumer fort gehen./

Milans Augen weiteten sich. Jeremis' Worte hatte ihn vollkommen überrascht. /Das ist es? Das ist es, was er von mir denkt? Oh mein Gott, muss ich mich Scheiße benommen haben am ersten Tag. Verdammt! Verdammt, verdammt, verdammt!!/

"Jer, das... das tut mir leid!" Das erste Mal fiel ihm auf, dass er mittlerweile Kees Anrede übernommen hatte und Jeremis' Namen einfach abkürzte. Kurz presste er die Lippen aufeinander, fuhr sich mit einer Hand durch das Haar. "Das ist es nicht! Ich langweile mich nicht. Es ist schön hier, es gefällt mir sehr, und ich bedauere, dass wir schon so bald aufbrechen müssen. Oh verdammt, das tut mir wirklich leid, dass das für dich so aussieht! Ich dachte, ... das ist kein Wunder, dass du..."

/Kein Wunder, dass ich mich zurückziehe wie eine Schnecke in ihr Haus, meinst du?/ Jeremis sah Milan lieber nicht direkt in die Augen, sondern hörte ihm schweigend weiter zu, wie dieser begann sich für genau die Dinge zu entschuldigen, die Jeremis an ihm so faszinierend fand.

Er war leidenschaftlich, hatte noch den Mut zu fühlen, den Mut zu wünschen, und noch hatte er nicht den Kummer der Enttäuschung erleiden müssen, den Jeremis ihm so gern erspart hätte. Es schien jedoch der Preis zu sein, den man für die wundervollen Gefühle zahlen musste, die einem die Liebe zu einem Jumer einbrachte.

/Der Kronprinz ausgerechnet. Wenn es wenigstens seine jüngere Schwester wäre, aber der Prinz selber, das kann und wird nicht gut enden. Es wird so gefährlich sein für Milan in der nächsten Zeit. Einem Menschen das Leben nehmen, ihn einschläfern, wenn er im Weg ist, stellt für viele doch nur eine Kleinigkeit dar. Einige Jumer sind skrupellos./

Jeremis gestand es sich ein. Er hatte Angst um Milan. Am liebsten hätte er den jungen Mann bei sich in sein Gästezimmer eingesperrt und nie mehr fortgelassen, nicht in all die Gefahren, die Jumelaan darstellte. /Ich kann ihn doch nicht beschützen, dafür müsste ich... Das geht nicht, Jer!/

Milan seufzte und schüttelte den Kopf, um seine Gedanken in eine halbwegs geordnete Reihenfolge zu bringen. "Ich bin zu aufbrausend, das ist wahr. Eine schlechte Eigenschaft für einen Lehrer, aber ich hab's noch immer nicht so ganz unter Kontrolle. Jer, ich wollte mit dir sprechen, weil ich das Gefühl hatte, du gehst mir aus dem Weg. Du warst so gastfreundlich zu uns, und ich mag dich, deswegen wollte ich versuchen, das irgendwie wieder gerade zu biegen. Aber dann ist es ja klar, dass du nicht viel mit mir zu tun haben willst, wenn du denkst, dass ich mich langweile. Dass ich alles als persönlichen Angriff auffasse."

Unsicher verstummte er, setzte dann erneut an. "Das tut mir ganz besonders leid. Ich weiß, dass du mich nicht ärgern wolltest mit dem, was du gesagt hast. Ich war noch müde an dem Tag, und es war alles ein wenig viel. Ob du es glaubst oder nicht, ich respektiere, was du hier aufgebaut hast. Du hast hier eine Heimat gefunden, in Hame und Kees eine Familie. Und auch, wenn ich nicht alles so akzeptieren kann, respektiere ich deine Meinung. Ich sage nicht, dass ich mich nicht wieder ereifern kann, aber ich wollte dich nie verletzen."

Tief durchatmend streckte er die Hand nach Jeremis aus, um sie ihm kurz auf die kühlen Finger zu legen, spürte sie leicht beben, was ihn den Blick schuldbewusst senken ließ, nur um ihn dann doch wieder zu heben und in die grünen, irgendwie traurigen Augen zu sehen.

"Ich will mich dafür entschuldigen", sagte er leise, während sein schlechtes Gewissen unbarmherzig auf ihm herumhackte. "Das wollte ich nie. Es tut mir wirklich leid. Du hast mir so geholfen, mit allem, mit deiner Gastfreundschaft, deiner Hilfsbereitschaft. Und dafür danke ich dir." Er verstummte und wünschte sich um so mehr, noch länger hier bleiben zu können, um seine Fehler wieder auszubügeln. /Wenn ich doch nur schon früher mit ihm gesprochen hätte!/

Jeremis hatte den Kopf abrupt gehoben, als er die warme Hand auf seinen Fingern spürte. Es war nur eine Verständigung, ein Hinreichen nach ihm und eine Bitte um Verzeihen, aber er zuckte zusammen, denn genau davor hatte er sich so lange zurückgehalten.

/Bitte... berühre mich doch nicht/, flehte er in Gedanken hilflos. Seine freie Hand umfasste das Buch schon krampfhaft. Das kühle Leder, die eingeprägten Worte auf dem Buchdeckel waren ihm vertraut, und sie waren sicher, fühlten sich gut an, nicht so falsch verlockend, nicht so gefährlich wie die warmen Finger von Milan, unter deren Berührung er litt, nicht so wie unter den hellen Augen, die seine Gedanken lesen konnten, wenn seine Gefühle ihn nicht täuschten. Er konnte den Blick aber auch nicht abwenden.

"Das... ist... ich habe... Es gibt nichts zu verzeihen, ich konnte dich verstehen." Er senkte den Kopf, um nicht mehr in die Augen sehen zu müssen. "Sehr gut sogar."

Milan lächelte erleichtert, wandte den Blick ebenfalls ab. "Dann war das ganze nur ein dummes Missverständnis. Das ist ärgerlich! Ich hätte mich gern öfter mit dir unterhalten. Aber ich dachte, ich störe dich." Mit einem Seufzen ließ er sich gegen die Lehne sinken, legte den Kopf in den Nacken und schaute zur Decke empor. "Ich wünschte, wir könnten noch länger bleiben. Mir ist eingefallen, was ich noch hätte tun können mit ein wenig mehr Zeit."

Grinsend wandte er sich wieder zu Jeremis, der noch immer zu Boden sah, was ihn etwas irritierte und erneut verunsicherte. "Da du Rechnungen so liebst, hätte ich dir vielleicht helfen können. Nur so ist das nun wirklich ein Ding der Unmöglichkeit. Aber immerhin kann ich dir jetzt aus deinen Büchern vorlesen. Wenn du magst."

Er wurde leiser und verstummte dann. Irgendwie hatte er nicht das Gefühl, dass ein Missverständnis aus der Welt geschafft worden war. Immer noch fühlte er sich, als hätte Jeremis es lieber, wenn er den Raum oder am besten gleich das Gut verlassen würde. /Ich sollte besser in die Küche zu Kees zurück. Es gibt bestimmt noch ein paar Dinge, die klein geschnitten werden müssen. Und derweil kann ich mich von ihm mit den grammatikalischen Problemen vom Jumenischen triezen lassen./ Doch er blieb sitzen, wollte nicht so einfach aufgeben.

Jeremis seufzte, dann entgegnete er leichthin "Du kannst jederzeit wieder vorbeikommen, Milan. Ich werde mich kaum hier fortrühren." Er streifte das Buch mit einem Blick, dann fragte er leiser "Würde es dir etwas ausmachen? Ich meine das Lesen? Es würde mich... Es wäre schön."

"Danke, Jeremis. Ich hoffe, ich kann dich besuchen. Und natürlich macht es mir nichts aus. Ich bin froh, dass ich dir zumindest ein wenig zurückgeben kann." Milan lächelte, zog das Buch auf seinen Schoß und schlug es auf. Es waren Märchen, ein buntes Gemisch quer durch die Jahrhunderte und Länder, nicht mit bunten Bildern für Kinder aufbereitet, sondern mit Werken zeitgenössischer Künstler verziert.

Milan bewunderte einen alten Kupferstich zu einer Zusammenfassung der Märchen aus tausend und einer Nacht, ehe er vorzulesen begann. Zuerst kam er sich ein wenig albern vor, neben einem erwachsenen Mann zu sitzen und Märchen zu lesen, doch schnell fand er sich rein; sich auf die Art revanchieren zu können, auch wenn es nicht viel war, machte ihm Spaß, und so las er, bis Kees zum Essen rief.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh