Zwischen den Welten

16.

Kees katapultierte Jeremis aus einer schönen Welt heraus. Die Geschichte hatte ihn gefangen genommen, aber auch die sanfte, lebendige Stimme von Milan, der eher unbewusst vermutlich jeder Figur in der Geschichte eine eigene Art verlieh, der sich anpasste und das Zuhören zum Spaß machte, weil man an seinem Gesicht die Emotionen ablesen konnte, in die all die Charaktere verstrickt waren.

Jeremis zuckte zusammen und sah auf dem Flur schon Niel vorbeilaufen, in Richtung des Wintergartens mit Blick auf den Garten und Sonnenuntergang. "Das war wirklich nett von dir, danke, Milan."

Milan blinzelte und räusperte sich, dann lachte er warm auf. "Ich habe eine ganz fusselige Zunge", grinste er und legte das Buch aufgeschlagen auf den Tisch. "Aber es hat Spaß gemacht. Wenn du Zeit hast, können wir das nach dem Essen gerne fortsetzen." Er streckte sich, stand auf und streckte sich erneut, bog seinen Rücken durch. "Was meinst du, hm? So lange bin ich ja leider auch nicht mehr da."

"Sehr gern." /Zur Hölle mit den Rechnungen./ Jeremis und Milan traten gemeinsam an den Tisch, an dem schon Hame saß und grummelnd reichlich von dem Salat auf ihren Teller schaufelte. "Hast du den Postboten gefragt? Kann ich jetzt endlich mal die Neuigkeiten sehen? Ja?!"

Jeremis blickte kurz zu Niel, und dieser lächelte leicht und nickte, während er Kees die Teekanne zuvorkommend abnahm. "Ja, nach dem Essen kannst du gern in mein Arbeitszimmer und die Neuigkeiten sehen, Hame. Aber ich habe dich gewarnt, erschrecke dich nicht zu sehr."

Hame hob eine Augenbraue, aber goss sich statt einer Antwort Tee ein und schwieg ihr gewohntes, ein wenig misstrauisches Schweigen.

Ein kleines, wenn auch schiefes Lächeln zuckte um Milans Mundwinkel, als er sich fragte, wie die mürrische Frau diese Neuigkeit aufnehmen würde. Kees wusste es auch noch nicht, aber bei ihm war Milan sich recht sicher, dass sich der muntere Halbling erst erschrecken und dann ängstigen würde. Milan hoffte nur, dass er schnell davon zu überzeugen wäre, dass weder ihm noch Jeremis und Hame Gefahr von Niel drohte.

Er beugte sich zu seinem Geliebten und küsste ihn auf die Wange, ehe er sich neben ihn setzte. "Wie weit bist du, Liebling?", fragte er, während er sich von Hame die Salatschüssel reichen ließ.

Niel war noch immer nicht sicher, dass er heil davonkommen würde. Zudem hatte er allmählich begonnen, sich Sorgen um Milan zu machen. /Wie nur kann ich den Generälen erzählen, dass ich ihn aufgelesen habe, ohne dass sie ihn wegen des Fortlaufens bestrafen wollen, ohne dass sie umfangreiche Untersuchungen ihrer Sicherheitsvorkehrungen unternehmen wollen?/

Laut verkündete er lediglich "Ich werde vermutlich erschlagen werden von ihnen, aber das überlebe ich schon noch."

Es brachte ihm einen fragenden Blick von Kees ein, aber weder er noch Hame wagten zu fragen oder interessierten sich wirklich dafür, was er meinte, so dass ihr weiteres Essen ruhig verlief.

Nach dem Abendessen holte Jeremis das Buch in den Kaminraum, wo er ein Feuer entfachte und Tee und Wein bereitstellte, sowie in Honig eingelegtes Obst, bevor er zu Niel und Milan zurückging, die noch miteinander flüsternd am Esstisch saßen. Es bereitete ihm immer wieder einen Stich, wenn er sehen musste, wie zärtlich Milan den Jumer berührte, mit wie viel Verlangen sie einander bedachten, jede Geste zeigte es deutlich.

Er raschelte ein wenig herum, dann erklärte er Milan "Ich bin im Kaminzimmer drüben und warte mit dem Buch zusammen darauf, dass Hame mich mit der Neuigkeit überfällt." Indirekt wollte er ihn damit bitten, doch noch ein wenig vorzulesen, wenigstens diese eine Geschichte noch zu Ende, sie hatten an einer spannenden Stelle aufhören müssen.

"Oh, ich komme gleich." Milan sah überrascht auf, dann lächelte er. "Ich habe es nicht vergessen." Kurz wandte er sich wieder Niel zu, nahm dessen Gesicht zwischen seine Hände und küsste ihn zärtlich. "Ich habe Jer versprochen, dass ich ihm noch vorlese. Er hat Bücher von der Erde, aber er kann die Schrift nicht entziffern. Du bist noch immer nicht mit der Rede fertig, oder?"

Als Niel den Kopf leicht schüttelte, küsste er ihn erneut. "Gut, dann haben wir beide was davon. Du hast deine Ruhe, und ich werde ein paar nette Stunden mit Jeremis verbringen. Es freut mich, dass ich ihm helfen kann. Und das Vorlesen macht mir Spaß." Zärtlich zauste er ihm noch einmal durch die Haare, ehe er aufstand. "Ich liebe dich", wisperte er ihm zu, ehe er Jeremis in das Kaminzimmer folgte.

Sein Traum für die Zukunft war unter anderem ein Haus mit eigenem Kamin gewesen, an dessen Feuer er abends mit seiner Frau sitzen konnte, wenn die Kinder im Bett waren. Nun war er in einen Mann verliebt, Kinder würde er in absehbarer Zeit nicht kriegen, er war auf einem fremden Planeten gestrandet aber der Kamin entlockte ihm trotzdem ein Lächeln. Er warf dem in einem großen Sessel sitzenden Jeremis einen Blick zu, registrierte das Lichterspiel der tanzenden Flammen auf dem ruhigen, ein wenig melancholischen Gesicht, das in ihm den Wunsch weckte, die Traurigkeit daraus zu vertreiben.

"Kamine sind etwas schönes, nicht wahr?", sagte er leise. "Ich wollte immer einen haben."

Kurz überlegte er, wo er sich am besten hinsetzen sollte, dann ließ er sich schlicht vor Jeremis' Sessel auf dem Boden nieder. Der Teppich war weich, und das Feuer spendete genug Wärme, dass er nicht frieren würde. Er lehnte sich neben Jeremis' Beine an und angelte nach dem Buch, dass Jer auf seinem Schoß liegen hatte.

"So kannst du auch hin und wieder einen Blick auf die Bilder werfen", erklärte er und rutschte sich bequemer zurecht.

Jeremis erschauderte wohlig, die Atmosphäre entspannte sich, und er spürte, wie er begann, die Anwesenheit von Milan genießen zu wollen, solange er sie noch hatte. /Er ist gern bei mir... liest gern vor, er hat nicht gelacht darüber./ Dankbar blickte Jeremis auf den schwarzen Schopf hinunter, während Milan seine Seite suchte. "Ich mag diesen Kamin auch sehr gern, das war eines der wenigen Dinge, die ich an dem Haus verändern ließ, als ich es gekauft habe. Vor allem in zwei Monaten, wenn es hier oben schneit, tut er gute Dienste."

Milans Wärme war deutlich entlang seines Beines zu spüren, fast schon berührten sie sich, und Jeremis musste sich zusammenreißen, um nicht eine Hand zu heben, um über Milans Kopf zu streicheln. Gleich darauf wurden sie ohnehin von Hame gestört, die hereingestürzt kam und Milan und Jeremis wild ansah.

"Er ist... ist er... ist das..."

Jeremis seufzte und senkte den Kopf. "Ja, ich hab es auch vorhin erst erfahren, Hame."

Sie verschränkte die Arme und tappte mit dem Fuß einige Male auf, dann flüsterte sie scharf "Und?! Wird er uns..."

"Nein! Er wird nichts tun. Er wird übermorgen mit Milan nach Jumelaan fahren und niemand wird wissen, dass er hier war. Keiner der Priester wird es erfahren und auch die Generäle nicht."

Hames Gesicht war weiß geworden, aber sie nickte leicht und senkte den Kopf ein wenig tiefer, bevor sie murmelte "Wehe, wenn nicht. Ich sehe mir noch die anderen Meldungen an."

In dem Moment begriff Milan, dass sie sich nicht einfach nur ängstigte. Erst der Ausdruck im sonst so beherrschten Gesicht der Frau machte ihm klar, dass es wirklich tödlich sein konnte, Mischling zu sein und dass sie sehr wohl um ihr Leben fürchten musste, um ihres, um das ihres Mannes und vielleicht sogar um Jeremis'. Der Gedanke ließ es ihm kalt den Rücken hinunterlaufen.

"Hame, Niel mag euch und er ist euch dankbar. Er wird nichts tun, was euch gefährdet", versicherte er in der Hoffnung, ihr die Angst ein wenig nehmen zu können. Er war sich dessen sicher, aber ob Hame es glauben würde? /Und ich werde auch tun, was ich kann, um Schaden von euch fern zu halten/, dachte er, selbst wenn er wusste, dass das im Zweifelsfall weniger als nichts war.

Hame hatte sich schon abgewendet, an ihren Schultern konnte Jeremis sehen, dass sie ihm Recht gab, nur der Schrecken noch zu tief saß. Sie nickte nur einmal und entgegnete "Ja, ja, dein Wort zu Ohren der Priester." Und lief davon.

"Wir können da nichts tun. Niel Aremeth Hashar ist ein Name, der nun einmal mit sehr viel Respekt verbunden ist, auch wenn du es dir nicht gut vorstellen kannst, Milan. Ehm... Macht es dir etwas aus, wenn ich rauche? Das habe ich schon so lange nicht mehr, heute Abend... Es wäre passend, finde ich." Um zu verdeutlichen, was er meinte, deutete Jeremis auf seine zwei Pfeifen, die auf einem Bänkchen zusammen mit den Tabaksorten und einem tiefen Aschenbecher auf dem Couchtischchen neben dem Sessel standen.

"Pfeife?" Das entlockte Milan ein Lächeln. "Der einzige Rauch, den ich mag. Der ist sogar abgestanden noch aromatisch." Doch es verblasste schnell wieder. "Niel Aremeth Hashar. Ich kann mir Niel gar nicht wirklich als Kronprinzen vorstellen. Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung, was das werden soll mit ihm und mir." Blicklos sah er in die Flammen des Kaminfeuers. "Selbst wenn man mal das Alter und die Art außer acht lässt... Er ist ein Prinz! Und ich bin wohl weniger als nur gemeines Fußvolk, nicht wahr? Das ist doch nie gut gegangen. Aber ich liebe ihn. Und langsam bekomme ich Angst, ihn zu verlieren. Ich wünschte, er wäre nur irgendein Jumer."

Er senkte den Kopf, so dass seine Haare vor sein Gesicht fielen und es verbargen; verbargen, dass seine Augen verdächtig zu glitzern begannen. "Jedes Mal, wenn du ihn Herr nennst, stößt mir das auf. Und es sagt mir, dass ich vermutlich ein Idiot bin, ihn weiter zu lieben. Aber wenn ich ihn ansehe... wenn er mich mit diesen wunderschönen Augen ansieht..."

Abrupt verstummte er und presste für einen Moment die Lippen zusammen, atmete einmal zitternd ein und aus, ehe er die plötzliche Enge in seiner Kehle wieder halbwegs vertrieben hatte. "Das interessiert dich überhaupt nicht, entschuldige. Soll ich weiterlesen?"

Jeremis hatte seine dunkle Pfeife ausgewählt, erleichtert, dass es Milan nichts auszumachen schien, dass er sich dieses kleine Laster angewöhnt hatte. Doch er ließ seine Hand sinken, während er Milans Verzweiflung lauschte, mehr in der Stimme zu hören, als an den Worten zu merken.

Spontan legte er seine Hand auf Milans Schulter und drückte einmal zu, ließ die Finger mit leichtem Druck dort liegen, während er erwiderte "Natürlich interessiert es mich, wie jemand fühlt, dem der Respekt und die Schüchternheit vor ihnen nicht wie angeboren erscheinen. Ich kann dich außerdem gut verstehen. In Jumelaan wirst du einige Dinge sehen und erleben, die nicht leicht werden. Aber glaub mir, Niel hat bestimmt nicht vor, es dir schwerer zu machen als nötig. Er wird zu dir halten. Sie sind sehr kämpferisch für die, die sie lieben."

Die Geste genauso wie die Worte ließen Milan sich besser fühlen; es tat gut, jemanden zu haben, der zuhörte, mitfühlte und doch nicht direkt verwickelt war. Niel wollte er nicht sagen, wie sehr er sich sorgte; sein Geliebter hatte im Moment genug eigene Probleme.

Er legte seine Hand auf die tröstende des anderen Mannes und umschloss sie ein wenig. "Danke, Jer", sagte er leise und lehnte sich gegen dessen Beine, schloss für einen Moment die Augen. Er konnte die stille Wärme spüren, die Kraft und Ruhe zugleich war und die ihm einen Teil seiner Angst nahm.

/Fels in der Brandung/, dachte er und musste lächeln. Es fiel leicht, sich in seiner Nähe zu entspannen und sich zu fühlen, als ob ihn nichts aus der Ruhe bringen konnte und damit die gesamte Welt fest verankert war.

Jeremis verhinderte ein Aufseufzen mit Mühe. Nur sehr zögerlich entzog er Milan seine Hand, nahm sich seine Pfeife erneut. Er brauchte jetzt dringend etwas zu tun, um sich nicht auch noch vorzubeugen, und den anderen Mann zu umarmen. Alles an dessen Körperhaltung schien danach zu schreien. Die Wärme eines anderen Köpers, die Nähe, das Vertrauen, Berührungen. Er hatte all dies so lange und so schmerzlich vermisst, sehnte sich danach. Nicht nur allgemein, sondern, das gab er vor sich selber zwar ungern, aber immerhin überhaupt zu mittlerweile, er hatte sich, besonders nachdem er Milan kennen gelernt hatte, nach dessen Nähe gesehnt. Deswegen hatte er sich gerade so sehr von ihm fern gehalten.

"Danke", wiederholte Milan und seufzte auf. "Ich hätte mir das niemals so kompliziert vorgestellt."

Ohne sich von Jeremis' Bein fortzubewegen, um die Wärme und den Trost nicht wieder hergeben zu müssen, suchte er mit den Augen nach der Zeile im Buch, die er verloren hatte, als Hame so unvermittelt in den Raum gestürzt war. Er legte den Finger darauf und wandte den Kopf zu dem anderen Mann um, sah zu ihm hoch, wie er die Pfeife stopfte, ein Bild der Ruhe und Sicherheit.

"Schade, dass wir übermorgen bereits gehen müssen", murmelte er, ehe er sich wieder der Geschichte widmete und leise vorzulesen begann.

Jeremis hatte den Tabak gerade entzündet und genoss die langsame, freundliche Atmosphäre, hatte sich gerade in die Geschichte versenkt und verfolgte gespannt, was denn nun die Hexe sich für Prüfungen erdacht hatte, als Hame mit Schnapper in das Zimmer stürzte und die Ruhe erneut vernichtete.

"Da ist noch eine Nachricht von Raoul aufgespielt gewesen. Sieht so aus, als wolle er seinen Geburtstag feiern und du sollst hinfahren, Jeremis."

Jeremis hob erstaunt den Kopf und fragte zurück "Hast du meine privaten Briefe gesehen?"

"Durch das Wiederherstellen war die Nachricht gleich im Anschluss an die Wettermeldungen." Hame starrte ihn ein wenig beleidigt an und setzte hinzu "Außerdem war der Wortlaut: Jer, komm zu meinem Geburtstag, sonst rede ich nie wieder mit dir, Raoul."

"Entschuldige, Hame. Tut mir leid."

"Schon gut. Wir gehen schlafen, Jer. Ich lass Schnapper bei dir, ja?"

Schon lief sie wieder hinaus, während Schnapper sich ächzend und schnüffelnd neben den Kamin niederließ. /Raoul, ja, das hatte ich schon fast vergessen./ In Gedanken versunken lehnte Jeremis sich vor und murmelte "Dann muss auch ich in die Stadt fahren, wenn der Transporter kommt." Er lächelte und erklärte "Raoul ist mein bester Freund, wenn ich nicht hinfahre für eine Woche, dann ist er beleidigt."

"Hey, das ist klasse!" Milans Gesicht leuchtete auf. "Dann trennen sich unsere Wege noch nicht ganz so schnell. Wie lang ist denn die Fahrt nach Jumelaan?"

"Zwei Tage mit dem Transporter. Man kann während der Zeit schlafen oder sich die Gegend ansehen. Ich bin gespannt, wer der Führer des Transporters sein wird. Meistens sind es Ajester, mit denen man sehr gut feiern kann während der Fahrt."

"Ajester, die Kleinen mit den großen Ohren, denen man jedes Gefühl so gut ansieht", erinnerte Milan sich an Kees' Erklärung und lachte. "Was Niel zur Hälfte ist. Ich liebe seine Ohren." Dann jedoch verdunkelte sich sein Gesicht besorgt. "Aber was, wenn der Fahrer ihn erkennt? Dann kann er sagen, wo er dazu gestiegen ist. Das erscheint mir keine so gute Idee. Und ich vermute, dass er ihn erkennen wird. Immerhin ist die Nachricht seines 'Todes' wohl um die halbe Welt gegangen, oder?"

Jeremis schüttelte unbekümmert den Kopf "Ajester kümmern sich nicht um Politik oder um ernsthafte Angelegenheiten. Sie sind das chaotischste Volk, das ich kenne. Ganz und gar nicht so ernst und kühl wie die Jumer. Ihre Ohren sind ja nicht nur lang, sondern hängen bei einem richtigen Ajester auch an den Spitzen herab."

Wieder fühlte er, dass er seine Hand Milan tröstend auf die Schulter legen sollte und tat das kurz. "Mach dir wegen eines Ajesters keine Sorgen um Niel. Er ist ja zur Hälfte einer. Das einzige, was wirklich nervt an Ajestern, ist ihre Art, sich mit ihren Verwandtschaftslinien vorzustellen. Das müssen sie, weil sie noch älter werden als Jumer und dabei sehr gern Beziehungen eingehen. Bevor sie miteinander Kinder haben können, müssen sie überprüfen, ob das von der Verwandtschaft her möglich ist." Jeremis lachte auf. "Meistens geht es wegen einer um zwanzig Ecken auftauchenden Tante dann doch nicht, und sie betrinken sich nur."

Milan fiel in das Lachen mit ein. Wenn sie nicht gerade stritten oder eher, wenn er nicht gerade stritt verstand er sich mit Jeremis so gut; und er fand es bewundernswert, wie der andere Mann es schaffte, derart ruhig und ausgeglichen zu sein und dies auch zu teilen.

/Er hat seinen Platz im Leben gefunden, und das merkt man/, dachte Milan und spürte für einen Moment ein wenig Neid, doch dieses Gefühl verflog so schnell, wie es gekommen war. "Leute, deren Ohren noch lebhafter sind als die von Niel? Das kann ich mir kaum vorstellen. Ich hoffe, der Fahrer ist ein Ajester. Es klingt nach guter Laune, das Völkchen." Er grinste. "Hm, wenn ich jetzt weiterlese, meinst du, Hame kommt zurück?"

Jeremis lachte gleich noch einmal, dann erklärte er "Ajester Ohren führen ein Eigenleben, wirst du sehen. Die Fahrer der Transporter sind fast immer Ajester, ab und zu Menschen. Der Transporter fährt sich ohnehin selber, und alles, was die Führer tun, ist sich um die Gäste oder die lebenden Ladung zu kümmern. Ich denke auch, dass sobald du wieder liest, Hame reinkommt, aber es war so spannend, kannst du beim letzten Absatz noch mal anfangen?" Er bemerkte es, ohne es ändern zu wollen; er bettelte um Milans Gesellschaft. Schon bald war er wieder in der Geschichte gefangen, in der lebendigen Erzählart von Milan und auch in dessen Nähe.

Das Märchen nahm soeben sein Ende, es fehlte vielleicht noch ein Absatz, als Hame zum dritten Mal in das Kaminzimmer kam, um brüsk zu erklären "Ich hab Raoul drauf gelassen." Irritiert starrte sie die beiden lachenden Männer an, dann fragte sie "Wirst du fahren, Jer?"

Jeremis nickte leicht. "Natürlich fahre ich. Du kannst mit Kees schon mal an eurer Einkaufsliste für mich arbeiten, Hame. Geht ihr schlafen?"

Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht und Jeremis lächelte auch. Hame mochte es in der Stadt nicht, aber sie schrieb mit Begeisterung an Einkaufslisten, die Liste der Dinge, die Jer ihr mitbringen konnte, wenn er fuhr. "Danke, Jer. Gute Nacht."

Sie nickte Milan zu und schloss die Tür dann leise. Es schien ihr doch bewusst geworden zu sein, dass sie etwas gestört hatte.

Jeremis kratzte und stopfte an der Pfeife herum, dann fragt er leise "Willst du auch schlafen gehen, Milan? Die Geschichte war fast zu Ende, nicht? Das Wort da heißt doch 'Ende', oder?"

Er tippte an Milan vorbei auf die Buchseite, aber richtete sich rasch wieder auf, um dem angenehmen Duft der Haare zu entkommen, um zu vermeiden, dass sie sich zu nah kamen, wenn der andere sich umdrehte. "Einige Buchstaben kann ich schon."

"Ja, richtig. Aber müde bin ich noch nicht. Besonders viel hab ich heute nicht gemacht. Selbst die Reitstunden mit Hame sind ganz ausgefallen. Also, wenn du magst, kann ich auch gerne noch was vorlesen vorausgesetzt, ich bekomme etwas, um meine trockene Kehle anzufeuchten." Milan lächelte und sah zu ihm hoch, als ihm ein Gedanke durch den Kopf huschte. "Ich könnte dir auch noch die restlichen Buchstaben beibringen. Ich weiß nicht, ob es dir wirklich hilft, weil die Bücher in den verschiedensten Sprachen sind, aber es wäre ein Anfang."

"Ja, das wäre wirklich nett von dir. Und trockene Kehlen mag ich auf dem Weingut nun wirklich nicht haben. Was kann ich dir denn bringen?" Rasch stand Jeremis auf und ging schon auf seine Vitrine mit den verschiedenen Gläsern zu.

"Oh, von Wein habe ich nicht wirklich Ahnung." Verlegen grinsend kratzte sich Milan über die bereits wieder nachwachsenden Bartstoppeln und zog zum ersten Mal wirklich eine Dauerrasur in Betracht. /Nein, das geht nicht. Wie erkläre ich das, wenn ich zurück auf der Erde bin?/ "Vielleicht einer wie der, den Niel und ich dir in der Nacht geklaut haben, als wir angekommen sind. Der war richtig lecker, auch wenn ich ihn an dem Abend kaum zu würdigen gewusst habe."

Jeremis lachte. "Ja, da hat der Herr einen der teuersten gefunden, den ich herstelle. Er lagert fünf Jahre, bevor ich etwas damit anfange. Ich hol uns eine Flasche hoch."

Sorgfältig stellte Jeremis von den kunstvollen, bunten Gläsern zwei auf seinen Tisch. "Das ist übrigens ajester Glaskunst. Sie sind im Prinzip alle und immer so fröhlich wie diese Gläser aussehen. Ich mag sie sehr, auch wenn sie ein wenig unzuverlässig sind, manchmal."

Milan wurde rot. "Der Beste? Oh. Das tut mir leid. Das wussten wir mit Sicherheit nicht." Dann musste er lachen. "Aber Niel ist halt ein Prinz, nicht wahr? Er kann seinen verwöhnten Geschmack einfach nicht verbergen." Er legte das Buch beiseite und griff nach einem der Gläser, um es genauer zu betrachten, das Farbspiel gegen das Feuer des Kamins zu bewundern. "Es ist schön, du machst mir immer mehr Lust, Ajester kennen zu lernen. Ach, galt das 'Ja' vorhin jetzt dem Vorlesen, dem Schreibenlernen oder gar beidem?" Schmunzelnd sah er von dem Glas zu Jeremis auf, stellte es wieder auf den Tisch zurück.

Jeremis wendet sich schnell der Tür zu, bevor er, so fröhlich und unbesorgt es ging erwiderte "Es galt beidem". Er beeilte sich, um die Flasche aus dem Keller hoch zu holen und brachte noch einen Krug Wasser mit und einige von Kees' Gebäckstangen.

"Die Zeit reicht nicht zum Schreibenlernen, glaube ich. Ich konnte es nie. Ich hab es auf der Erde nicht gelernt, deswegen werde ich langsam sein und lange brauchen. Aber Lesen, das würde ich sehr gern können."

"Dann bringe ich dir am besten das Englische bei, die meisten deiner Bücher sind englisch. Von den Buchstaben her ist es ohnehin größtenteils das gleiche, nur die Aussprache variiert." Milan nahm das Buch auf und setzte sich auf die Couch. "Das Alphabet ist nicht besonders umfangreich, und da du mit dem Lesen an sich vertraut bist, dürften die drei Tage reichen, um es dir beizubringen." Er wartete, bis Jeremis die Flasche geöffnet und eingeschenkt hatte, dann nahm er sein Glas und roch an dem Wein. Der Duft sagte ihm zu, und jetzt konnte er ihn wesentlich mehr genießen als in seinem halb toten Zustand vor ein paar Tagen noch. "Auf was stoßen wir an? Mit einem derart guten Wein muss man einfach anstoßen."

Jeremis nahm mit ein wenig Abstand neben ihm Platz und nahm sein Glas auch auf. "Auf... eine glückliche Reise übermorgen? Darauf, dass alles gut wird? Oder vielleicht darauf, dass ich wenigstens ansatzweise das Lesen lerne? Ich überlasse dir die Wahl."

Milan sah ihn an und musste lachen. "Lass uns darauf trinken, dass alles gut wird. Das gefällt mir. Das beinhaltet eine glückliche Reise und das Lesenlernen automatisch." Er hielt ihm das Glas entgegen, sie stießen an. Genießerisch schloss er die Augen, als er den ersten Schluck trank. "Mmh, der ist wirklich gut. Was für eine Verschwendung, dass wir eine Flasche einfach so getrunken haben." Er gönnte sich noch einen zweiten, dann stellte er sein Glas wieder ab und zog das Buch heran. "Ich glaube, mit dem Lesen fangen wir erst morgen an, was meinst du? So spät ist die Konzentration nicht mehr die Beste. Oder möchtest du noch?"

Jeremis trank auch einen Schluck, bewertete die Qualität noch einmal, schon unbewusst, dann erklärte er "Wenn du noch lesen magst, ich mag noch zuhören."

Zum ersten Mal, seit Milan in sein Haus geschneit war, Zufriedenheit fühlend, schob er seine Füße auf Schnappers breiten, felligen Rücken und kraulte sie mit den Zehen ein wenig, während er bewunderte, wie die Flammen Milans schlankes Gesicht leuchten ließen, wie das Feuer mit den Augen spielte.

Milan nickte mit einem Lächeln und beugte sich wieder über das Buch, um die letzte Geschichte zu beenden und eine neue anzufangen.

Der Abend wurde länger als gedacht, und Milan war ein wenig angeschwippst, als er zu Niel ins Zimmer kam. Der Jumer schlief schon, was er bedauerte. Während er sich auszog, betrachtete er seinen Geliebten, das im Schlaf entspannte, friedliche Gesicht, die vierfingrige Hand, die leicht auf dem Kissen ruhte, das zerzauste Haar. Der sanfte Schwung des Nackens und die nackten Schultern. Unter der Decke zeichnete sich sein Körper weich ab, und Milan spürte wieder geradezu überfallartig, wie sehr er ihn liebte.

/Ich gebe dich nicht auf, und wenn du hundertmal ein Prinz bist/, dachte er entschlossen, als er zu ihm ins Bett kroch und sich an ihn schmiegte. Er löschte das Licht und legte einen Arm um Niel, berührte sanft mit den Lippen seine Stirn. "Gute Nacht, mein Liebling", wisperte er kaum hörbar, ehe er selber die Augen schloss. Binnen wenigen Minuten war er tief eingeschlafen.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh