Zwischen den Welten

18.

Sie waren am Morgen gestartet, und die Fähre schwebte den gesamten Vormittag mit der fröhlichen Gesellschaft an Bord an dem Rand der Steppe entlang, hielt alle paar Stunde an Gutshöfen, wo weitere Passagiere oder Waren an Bord genommen wurden, sowie der Laden für eine kleine Zeit öffnete.

Jeremis und Milan saßen längst zwischen schwatzenden Ajestern und Menschen an einem kleinen Tischchen und sahen nur ab und zu hinaus, als Jeremis zum Laden deutete. "Die Fähre könnte innerhalb von zwei Stunden in Jumelaan sein. Aber die Verpflichtung, den Laden für die Gutsbesitzer zur Verfügung zu stellen, hält die Fahrt enorm auf."

Niel lehnte in Milans Arm geschmiegt und redete mit einem Schmuckhändler. Er trug nun Tücher in den Farben seiner Kleidung auf seinem Kopf, sie hingen als Schal um seine Schultern herab und verdeckten seine Ohrringe, was er so geplant hatte. Niemand mit derart vielen Ohrringen fuhr mit solch einer Fähre mit.

"Nun, so viel Zeit haben wir auch noch." Milan grinste Jeremis zu, während er Niels Hand, die er zwischen seinen gefangen hielt, kaum merklich streichelte. "Stell dir mal vor, wie untröstlich Kees und Hame wären, wenn die Fähre nicht halten würde." Er stellte sich Hames düster mürrisches Gesicht und Kees enttäuschte Miene vor und schüttelte schmunzelnd den Kopf. "Da nehmen wir doch lieber die längere Fahrtzeit in Kauf."

Außerdem hatte er es nicht wirklich eilig, in Jumelaan anzukommen. Seine Augen verdunkelten sich ein wenig, und er sah zum Fenster hin, durch das er von ihrem Platz aus leider nur den blauen Himmel und einige Wölkchen erkennen konnte. /Egal, was Jeremis sagt, ich habe Angst. Und wenn ich noch so sehr dein Geliebter bin, mein kleiner Prinz. Ich bin ein Mensch, der die Erinnerung an die Erde noch hat. Was ist, wenn sie es herauskriegen? Wenn sie wissen, dass ich es bin, der in der letzten Ladung gefehlt hat? Wenn sie es an diesem verdammten Transmitter sehen? Jemand, der sich erinnert, dem die Zustände hier zudem nicht gefallen, der kann unmöglich in dem Interesse der Jumer sein... und wenn sie nur Vorsicht walten lassen./

Als es dämmerte und alle Tische vom Essen befreit worden waren, begannen die Feiern erst richtig. Verschiedene Bands traten auf, einige Ajester entschlossen sich kurzerhand, einfach mitzusingen und hüpften auf der Bühne herum. Der Trubel wurde nicht weniger, und Niel gab für sich zu, dass er es zwar sonst lustig fand, aber auf dieser Fahrt doch Milan gern für sich hätte.

Als sie den Sternenhimmel eine Weile bewundert hatten, flüsterte Niel "Ich glaube, die Sterne kann man vom Fensterchen in unserer Kabine fast noch besser sehen, Liebling." Er ließ dieser Aufforderung einen leichten Kuss auf den Hals von Milan folgen und sah ihm in die Augen.

"Ich denke, du hast Recht, mein Schatz", raunte Milan leise. Ein warmer Schauer rann über seinen Rücken, gefolgt von einem kleinen, angenehmen Stich in seiner Magengrube. Nur zu gern nahm er Niels schlanke Hand in seine und folgte ihm aus dem großen Saal, nachdem er sich für den Abend von Jeremis verabschiedet hatte. Er hoffte, dass dieser sich nicht zu allein gelassen fühlte, doch auch er wollte noch ein paar ruhige Stunden mit Niel verbringen. Vielleicht die letzten für ein paar Ewigkeiten.

Während sie durch die Gänge des Transporters zu ihrem Zimmer zurückliefen, legte er einen Arm um seinen Liebsten und drückte ihn eng an sich. Er wollte ihn bei sich spüren, sicher sein, dass er da war, bei ihm. Je mehr sie sich den Wohnräumen näherten, um so leerer wurde es. Alle Fahrgäste schienen sich entweder schon in ihren Räumen oder noch auf dem Deck zu befinden. Als weit und breit niemand zu sehen war, zog Milan Niel kurzerhand in einen schmaleren Seitengang und küsste ihn innig.

Niel kicherte leise, während er seine Hände über Milans Hintern schob und den Mund öffnete, ihn mit der Zunge streichelte, neckte und den Kuss intensiver machte. Er genoss Milans Begehren und dessen Liebe so sehr, und nun war er auch froh, dass die anderen Ajester ihm seinen Schatz nicht ständig anflirten konnten.

Mit der Treue hielten die es nicht so streng wie die steifen Jumer, und der eine oder andere eindeutig einladende Blick war in Richtung seines Juwels gewandert. Das konnte Niel nicht vertragen. "Ich liebe dich... Lass uns schnell..." Er küsste Milan erneut und drängte sich gegen dessen Körper, vergaß, was er hatte sagen wollen.

"Liebe dich auch", brachte Milan zwischen Küssen hervor. Er gab leise Laute des Wohlbehagens von sich, als er Niels Zunge in einen verlangenden Tanz verwickelte, während er eine Hand bereits unter das kurze Oberteil gleiten ließ, kleine Kreise auf der warmen, weichen Haut beschreibend. Nur mühsam löste er sich von dem süßen Mund, knabberte noch einmal kurz an der sinnlichen Unterlippe, ehe er sich über die Wange zu einem empfindlichen Ohren vorküsste. Erst die Tücher hielten ihn auf. Schneller atmend trennte er sich ganz von ihm. "Wir sollten... nicht hier..."

Niel kicherte erneut und sah ihm in die Augen. "Hm... Kann ich dich solange noch laufen lassen? Na gut. Du hast Recht." Er küsste ihn noch einmal mit viel Schwung, dann zog er seinen Geliebten rasch zu ihrer Kabine hin und ließ ihm gerade einmal die Zeit, die Tür zu schließen, bevor er über ihn herfiel, ihn auf die nächste Sitzgelegenheit schob und sich auf ihn stürzte. Er zerrte an den Kleidern, während er Milans Lippen verzehrte, und Niel ließ keine Unterbrechung mehr zu, er wollte Milan einfach so sehr. Es war verhext. Der junge Mensch musste ihn nur ansehen, musste seine Ohren ein wenig berühren, ihn vielleicht so zart küssen, wie er es ab und zu tat, und schon stand Niel in Flammen, konnte sich nur noch schwer beherrschen.

Als sie keuchend zusammensackten und Niel sich dann schnurrend auf Milans Schoß zu räkeln begann, wie ein Kätzchen an seinem Mundwinkel knabberte und leckte, mussten sie dann doch über die Eile lachen. "Nicht einmal bis zum Bett haben wir es geschafft, dabei ist es nur eine Armlänge entfernt, Liebling."

Milan grinste und streichelte sacht Niels Rücken, seinen Po, die Arme. "Daran bist nur du schuld, Schatz. Du bist einfach zu begehrenswert, zu verlockend." Wieder küsste er ihn, sanfter diesmal. "Wenn ich in deine Augen sehe, verliere ich mich", wisperte er. "Deine Lippen lassen mich die Umgebung vergessen. Und wenn du dann noch diese kleinen, süßen Laute von dir gibst... Du bist einfach unwiderstehlich."

Für einen Moment überlegte er, ob er seinen kleinen Geliebten ins Bad tragen sollte, doch in Erinnerung an dessen Enge entschied er sich spontan dagegen. Stattdessen hob er ihn hoch und brachte ihn nur zum Bett, wo er sich neben ihn legte und sie sich unter der Decke eng aneinander kuschelten. Es dauerte nicht lang, bis sie eingeschlafen waren, obwohl Milan eigentlich noch viel mehr von ihm hatte haben wollen. In jeder Hinsicht.

Am späten Nachmittag des nächsten Tages kam Jumelaan in Sicht. Sie standen auf dem Panoramadeck, Milan hatte einen Arm um Niel gelegt, der den Kopf leicht an seine Schulter lehnte, und ließ sich von Jeremis noch einmal aufzählen, wie die Verbindungen innerhalb der Stadt für das gewöhnliche Fußvolk funktionierten, das nicht auf private Gleiter zurückgreifen konnte.

Als Jeremis ihm die Haltestelle in der Nähe von Raouls Haus nannte und beginnen wollte, den Weg von dort aus zu beschreiben, glitt der Transporter über eine Hügelkuppe hinweg und offenbarte den Blick auf die Stadt der Mitte. Fast augenblicklich hörte Milan nicht mehr, was der andere Mann ihm erzählte. Er war auf der Erde schon oft verreist und hatte viel gesehen, doch Jumelaan stellte alles in den Schatten.

Sie war bunt, das war das erste, was ihm auffiel, doch das Licht der sich langsam dem Horizont zuneigenden Sonnen verlieh ihr einen warmen Goldton und verwischte die Unterschiede. Vereinzelte Gebäude und ein Gewimmel von Vororten erstreckte sich in der grünen Ebene, die sich zur Mitte hin sammelten und dort in immer größere Höhen strebten.

In einem Teil der Stadt befanden sich schlanke, helle Türme, die in ihrer strengen, geometrischen Klassik kühl und abweisend wirkten. Direkt daneben waren Gebäude errichtet worden, deren weiche, unregelmäßige Formen und vielfältige Farben keinen stärkeren Kontrast dazu hätten bilden können. An ihnen vorbei konnte Milan ein weiteres Viertel erkennen, das irgendwie gedrungener erschien, fast schon schäbig gegen die hellen Türme und die bunten Häuser. Und dazwischen konnte er kleine, dunkle, umher huschende Flecken erkennen, die manchmal aufblitzten und von hier wie Vögel wirkten, in Anbetracht der Entfernung aber wesentlich größer sein mussten.

"Wow", brachte er beeindruckt hervor. "Das also ist Jumelaan?"

Niel nickte und lächelte. Er gab es zu. Er mochte diese Stadt der Gegensätze sehr gern. Sie vereinten sich ja zum Teil in ihm. Immerhin stellte er in der neuen Herrschergeneration die Verbindung aus Ajest und Jume dar. Mit seinem Blut schon repräsentierte er beide Seiten des Volkes. Nur die Menschen nicht, aber diese sollten ja nie wirklich Fuß fassen auf Jume. Er persönlich fand es bedauerlich, aber andererseits durfte er sich noch lange nicht in die Entscheidungen der Priester und Generäle im Rat einmischen.

Jeremis lehnte die Stirn gegen die kühle Scheibe, hinter der sich die gewundenen, farbenfrohen Türme des ajester Viertels von Jumelaan näherten. Es gab keine zwei gleichen Häuser dort und auch keines, das höher als drei Stockwerke reichte, von den vielen Türmchen und Erkerchen einmal abgesehen. Zudem gab es an kaum einen Haus zwei gleiche Fenster. Die Rahmen waren unterschiedlich, das Glas mit Bilder verziert oder die Form war hier oval, dort rund, dort sogar herzförmig. Die Ajester bauten, wie sie waren. Fröhlich, unkonventionell und unbesorgt.

Das einzige Gebäude, das ernsthafter wirkte, war der Shaatempel, der mit seiner grüngoldenen Kuppel und den weißen Wänden sogar wie eine Oase, eine Insel der Ruhe in dem lebhaften Treiben wirkte. Das war der Tempel auch. Er lag in einem kleinen, von weißen Mauern abgeschirmten Park, und Jeremis konnte sich nur zu gut an die schönen Tage in diesem Garten, in diesem Tempel erinnern.

Er seufzte und schloss die Augen. Leider vertrieb es die Bilder von weichen, hellvioletten, beinahe roséfarbenen Augen, die ihn fast schon anhimmelten, nicht, sondern rief sie erst recht hervor, weswegen er den Blick rasch wieder auf die Stadt unter ihnen richtete.

Die Fähre schaukelte langsam zwischen den Gebäuden hindurch, dann über die breite Palaststraße zum Menschenviertel hin, wo es ruhiger zuging. Die Straßen waren mit roten Steinen gepflastert, in der Mitte standen Bäume, die gerade ihre grün-gelben Früchte zur Zierde trugen. In ihrem Schatten gingen die Menschen auf dem Weg von der Arbeit oder Einkauf zwischen den Häuserreihen entlang.

Die Häuser waren immer nur drei Stockwerke hoch, ihr heller Anstrich, meist weiß, hob sich von den roten oder blauen Fensterrahmen deutlich hervor. Die zierlichen Balkone waren fast überall liebevoll mit Kübelpflanzen begrünt, die Schatten spendeten.

Es war noch immer Sommer in Jumelaan, der Herbst mit den Regengüssen würde erst später im Sonnenlauf kommen. Die Hitze würde Jeremis zu schaffen machen, das wusste er wieder. Aber dennoch freute er sich auf Raoul, auf die Abende auf dessen Balkon, auf die Besuche in den Gasthäusern, Unterhaltungen mit anderen Menschen, vielleicht sogar auf ein Treffen mit jemandem, der ihn... Jeremis schob diese Hoffnung von sich und blickte stattdessen in die Straßen hinunter.

Im Erdgeschoss der Häuser war meistens ein Laden untergebracht, in den Stockwerken darüber wohnten die Besitzer, manchmal mit Ajestern, meistens mit anderen Menschen zusammen. Kleine Wohngruppen, Familienersatz. Jeremis lächelte, als ein junger Mann von seinem Balkon aufblickte und der Fähre nachlässig zuwinkte, während er in seiner Zeitung blätterte.

Während Milan zum Fenster hinaussah und mit offenem Mund die sich vor ihm ausbreitende Vielfältigkeit bewunderte, vergaß er für den Moment alle seine Vorbehalte, wo er war, warum er hier war. Er beobachtete staunend, wie sicher das große Fährschiff sich durch die Straßen schob, folgte mit dem Blick wendigen Gleitern, die zwischen Häusern und Türmen ihre Bahnen zogen, manche langsamer, manche schneller, einige in geradezu waghalsigen Manövern.

Auch hier gab es Unterschiede, er konnte die verschiedensten Modelle entdecken; manche schlicht und elegant in schwarz, silbergrau oder weiß, andere hingegen erinnerten wenn auch nicht von der Form, so doch in ihrer Farbvielfalt und der Motivwahl an Hippie-Busse aus den Siebzigern. Er hätte noch ewig starren können, ohne dass ihm langweilig geworden wäre, wenn nicht Jeremis ihm kurz eine Hand auf die Schulter gelegt hätte, um ihn auf das Gepäck hinzuweisen.

Milan seufzte leise und riss sich, wenn auch nur schwer, von dem bunten Anblick los, damit sie in ihre Zimmer gehen und ihre Sachen holen konnten. Andererseits war er aufgeregt und freute sich darauf, das bunte Leben, das er hatte beobachten können, aus unmittelbarer Nähe zu sehen, zu erkunden.

Mit der Tasche über der Schulter, die sowohl seine, als auch Niels Kleidung enthielt, und seinem Geliebten an seiner Seite, folgte er Jeremis zu der relativ schmalen Personenrampe. Bei den kurzen Stopps an den Gutshöfen war es gleichgültig, wenn Fahrgäste und Ware die selbe Rampe benutzten, hier jedoch, wo die Fahrt endete und alles ausgeladen wurde, wäre es zu gefährlich gewesen.

Ein letztes Mal ließ er seinen Blick über die anderen Passagiere gleiten, neugierig, wer alles mit ihnen gefahren war. Ein paar Jumer standen vornehm am Rand, sich von der Menge abgrenzend und damit deutlich machend, dass sie nicht dazu gehörten, auch wenn sie gezwungen gewesen waren, die gleiche Fähre zu benutzen. Milan erkannte einige Menschen und die kleine Gruppe Ajester wieder, denen sie sich gleich am ersten Tag angeschlossen hatten. Einer grinste ihm zu, winkte und Milan winkte zurück.

Niel machte sich zwar Sorgen und war nervös, aber wollte dies nicht zeigen. Er schmiegte sich in Milans Arm und genoss die neidischen Blicke anderer, die ihn nicht erkannten, was er noch viel mehr genoss.

Nachdem der Transporter endgültig zum Stehen gekommen war, senkte sich die Rampe langsam und offenbarte dem staunenden Menschen an seiner Seite einen ersten direkten Blick auf Jumelaan. Der Anleger der Fähren in Jumelaan lag zwischen dem Ajester- und dem Menschenviertel und war zugleich auch eine große Handelshalle.

Nachdem man den kritischen Blick der an diesem Tag ungewöhnlich vielen Wachen überwunden hatte, konnte man am Ende der Reise auch gleich noch die Hälfte der Waren, die mit einem gefahren waren, wieder erstehen, denn kleine, für kurze Zeit zu mietenden Stände blühten hier und dort unter farbenfrohen Schirmen auf wie Blumen auf einer Wiese.

Gemächlich schlenderten sie durch das bunte Treiben, und Milan wusste gar nicht, wo er zuerst hinschauen sollte. Er kam sich vor wie ein Kind auf einem Jahrmarkt, so viel Aufregendes und Neues gab es zu entdecken. Fröhlich zeigte ihm Niel einige Spezialitäten von Jume, wies auf interessante Tiere hin und ließ zu, dass Jeremis sie an einem Stand zu einem Mittagessen einlud, bevor sie sich trennen wollten.

Jeremis ging zum Rand der Markthalle, wo er in einem kleine Restaurant mit seinem Freund Raoul verabredet war und freute sich zum einen auf das Wiedersehen, zum anderen liebte er es schon fast, Milan zu beobachten. Der junge Mann staunte so herrlich. Mit runden Augen und einem offenem Mund, die Finger nach der einen oder anderen Sachen vorsichtig ausgestreckt, und nicht einen Schritt ging er, ohne eine neugierige Frage an ihn oder an Niel zu richten.

Jumer sah man in dem Treiben selten, überwiegend war der Platz in den Händen von Menschen und Ajestern, doch während der Fahrt mit dem Transporter hatte Milan entschieden, dass er auch gut auf die Gesellschaft dieser so arrogant wirkenden Wesen verzichten konnte. Der Gedanke, dass dies in absehbarer Zeit nicht mehr möglich sein würde, machte ihre Abwesenheit um so angenehmer.

Sein staunender Blick glitt über immer neue Stände, über bizarr geformte Blumen, bunte, fremde Kleidung, die ihm Lust machte, eigenes Geld zu haben und das auch ausgeben zu können, exotisches Essen, dessen fremder, aber leckerer Geruch ihn daran erinnerte, dass die letzte Mahlzeit schon länger zurücklag. Bizarre Tiere starrten ihn und andere Passanten aus mal großen, mal kleinen Augen in den seltsamsten Farben an. An einem anderen Stand hingen große Plakate aus, bedeckt mit den eigenartigen Schriftzeichen der Jumer, versehen mit nur wenigen Bildern. Im Gegensatz zu den Farben um ihn herum wirkte er regelrecht schlicht, fast trist. Milan überlegte, ob es eine Art Zeitungsstand sein könnte und wollte gerade fragen, als ihm eines der Bilder bekannt genug vorkam, um an ihm hängen zu bleiben. Es war zweigeteilt, und eine Seite zeigte das Photo Niels, wie er es schon aus den Nachrichten kannte, mit Trauerfarben umrahmt; daneben war das ernste, ein wenig traurig wirkende Portrait Jashuuns abgebildet.

Er blieb stehen und hielt Niel fest. "Schau mal, da steht was zu Jashuun", sagte er leise und zeigte in die Richtung. "Vielleicht ist es wichtig?" Es konnte ja sein, dass sie ihn doch begnadigt hatten. Immerhin war er ein Shaapriester. Oder sie wollten die Rückkehr des Königs abwarten, ehe sie eine derart schwierige Entscheidung im Rat endgültig fällten.

/Jashuun.../ Niel war zusammengefahren, als ausgerechnet Milan diesen Namen nannte. Doch als er sich zu dem Nachrichtenstand umdrehte, blieb fast sein Herz stehen.

"Der Verräter und Prinzenmörder Jashuun soll nun schon heute exekutiert werden!", rief der Bote ihm entgegen und wedelte mit einer Karte, auf der das Feld vor dem Palast gezeigt und die Methode der Exekution erklärt wurden.

Niel sprang mit einem heiseren Schrei durch einige Grüppchen auf das Plakat zu und hielt sich erschrocken die Hand auf das Herz. /Jashuun... exekutiert werden.../, las er benommen und nahm erst verspätet wahr, dass einige Wachen durch seine Ruppigkeit auf ihn aufmerksam geworden waren.

"Wir müssen zum Palast! Sofort!", rief Niel Jeremis zu und drängelte sich von den Wachen fort und auf Milan und den Gutsbesitzer zu.

"Da werdet ihr so spät aber keine guten Plätze mehr bekommen", spottete jemand neben Milan, ein anderer lachte. Milan sah sich nicht zu ihnen um; ihm lief ein kalter Schauer den Rücken hinab. /Heute schon? Oh mein Gott, das ist knapp! Was, wenn der Transporter unterwegs eine Panne gehabt hätte? Der Priester wäre für etwas hingerichtet worden, das er nicht begangen hat. Und Niel hätte sich so schuldig gefühlt!/ Allein der Gedanke drehte ihm fast den Magen um.

Er wollte Niel entgegen laufen, wollte ihn fragen, wo es nach draußen ging, ob es etwas in der Art wie Taxis gab, als er die zwei schwarz uniformierten Jumer hinter seinem Geliebten entdeckte. Wendig drängten sie sich zwischen Ajestern, Menschen und Jumern hindurch, schoben kurzerhand auch mal jemanden beiseite, wenn er zu sehr im Weg stand, bis sie ihn erreicht hatten.

Milan blieb stehen. /Wenn die ihn erkennen, ist alles in Ordnung. Sie werden dafür sorgen, dass die Exekution nicht durchgeführt wird! Denn der lebendige Beweis für Jashuuns Unschuld steht ja vor ihnen!/

Eine schwere Hand legte sich in unerbittlichem Griff auf Niels Schulter und hielt ihn auf. "Darf ich Sie bitten, sich auszuweisen?", fragte eine kühle, höfliche Stimme.


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© by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh