Zwischen den Welten

19.

Niel zuckte zusammen, dann machte er sich frei. "Habe ich etwas verbrochen?!", erkundigte er sich. Die Hände folgten seinen Bewegungen, misstrauisch. Eigentlich wollte Niel nur leise und still aus der Halle schleichen, um dann panisch und wild zum Palast zu fahren. Es würde nicht gelingen. Zu den zwei Wachen traten noch zwei weitere, höfliche, eisige Blicke, als sei er ein Schwerverbrecher.

Endlich seufzte Niel und lehnte sich dichter "Ich bin der Kronprinz, verdammt. Ihr werdet einen unschuldigen Shaapriester zu Tode bringen, eine Sünde, die nicht wieder gutzumachen ist."

Die beiden Uniformierten, die ihn aufgehalten hatten, wechselten einen Blick, aus dem nichts ersichtlich war nicht, ob sie ihm glaubten, nicht, ob sie ihn anzweifelten während die beiden anderen sich auffällig unauffällig hinter ihm positionierten.

"Nun gut... Hoheit. Dann werden Sie mit Sicherheit auch nichts dagegen haben, uns zu folgen", bekam er unpersönlich, jedoch weiterhin höflich erklärt, während ihn graue Augen emotionslos musterten. "Ich möchte Sie bitten, Ruhe zu bewahren und keinen weiteren Aufstand zu machen."

Niel wollte dem etwas entgegensetzten, aber sah in den Augen der beiden Wachen vor ihm, dass sie ihm nicht glaubten, dass sie ihn nicht wiedererkannten oder wiedererkennen wollten. "Bringen Sie mich sofort zu Ihrem vorgesetzten General!", verlangte er brüsk und rief in Richtung Milan und Jeremis, die stumm und überrascht in der Menge standen "Wir sehen uns später, geht allein weiter."

Im Geiste registrierte er dann, dass es sich um schwarze Uniformen handelte und schloss kurz gepeinigt die Augen. /Cahal, ausgerechnet. Er kann mich nicht leiden, und er ist humorlos. Das wird schlimmer, als ich gedacht hatte./

Verwirrt sah Milan zu seinem Geliebten hin, er hatte das kurze Gespräch nicht verstehen können, aber das leichte Zusammensacken der schmalen Gestalt gesehen, dem unvermittelt ein sich um so entschlosseneres Aufrichten gefolgt war. Die Szene war nicht ganz so, wie er sich das Zusammentreffen des Kronprinzen mit irgendwelchen Wachen vorgestellt hatte. Es schien ihm fast, als hätten sie Niel einfach nicht erkannt.

Andererseits, so ruhig, wie Niel wirkte, würden sie ihn mit Sicherheit rechtzeitig zum Palast geleiten, wo er das Missverständnis aufklären konnte, das Jashuun andernfalls das Leben gekostet hätte. Er nickte, schenkte ihm ein kurzes, und wie er hoffte, aufmunterndes Lächeln und sah ihm hinterher, als sie ihn in ihre Mitte nahmen und abführten. "Viel Glück!"

Ein eigenartiges Gefühl erfasste ihn, als er ihn so aufrecht zwischen den großen, dunkel uniformierten Jumern weggehen sah. Ob sie ihn erkannt hatten oder nicht, er wirkte, als sei er sich seiner Stellung bewusst, ernst, fast hoheitsvoll. Mit jedem Schritt, der Niel von ihm wegführte, war es ihm, als würde sich der kleine Jumer auch anders von ihm entfernen. Fort von der abgeschlossenen Welt, in der sie ein paar Tage nur miteinander hatten verbringen dürfen, hin zu etwas anderem, etwas, das sie trennte.

Ein schmerzhafter Stich fuhr durch sein Herz, und er sah sich nach Jeremis um, suchte Ruhe und so etwas wie Trost in dem bekannten, mittlerweile vertrauten Gesicht. "Ich... ich hoffe, er kommt rechtzeitig an."

Auch Jeremis sah der Gruppe verwirrt hinterher. "Diese Art Wachen, mit schwarzen Uniformen, habe ich noch nie hier gesehen. Bestimmt haben sie noch nach dem Prinzen gesucht, und nun wird alles ein gutes Ende nehmen, Milan", schlug er, so ruhig er konnte, vor und sah sich seufzend um. "Dort drüben wollte ich mich mit Raoul treffen. Willst du dann also erst einmal mit zu ihm kommen? Das wäre kein Problem, Raoul hat ein großes Haus."

Milan warf einen letzten Blick in die Richtung, in der Niel mit den Uniformierten mittlerweile im Getümmel der Menge verschwunden war. Er schob die Tasche zurecht, in der auch Niels Kleidung war, die der Prinz jetzt wohl nicht mehr brauchen würde, und presste für einen Moment die Lippen zusammen, ehe er mit einem leisen Seufzer nickte und Jeremis schief anlächelte. "Ja, gerne. Vielen Dank. Ich wüsste sonst auch nicht wirklich, wo ich hin soll."

Die einzige Alternative, die ihm dazu einfiel, war die, irgendwie zum Palast zu gelangen und dort vor den Toren zu warten, bis ihn Niel hineinließ. Eine ziemlich lächerliche Vorstellung, wie er fand. /Oder Arbeit suchen. Nur ob ich so ohne weiteres einen Job finden würde? Ohne Ausweis, mit diesem Transmitter, der sagt, dass ich ein unbeschriebenes Blatt bin, das hier gar nicht hingehört. Idiot, mach den Transmitter nicht zu einem größeren Problem als er ist./

Er schob die Gedanken von sich, weiter nach hinten zu der Zeit, wenn Jeremis gegangen sein würde und Niel... der Kronprinz vielleicht doch beschließen sollte, dass ein menschlicher Geliebter nicht standesgemäß wäre und er allein zurechtkommen musste was früher oder später eh der Fall sein würde. Er konnte und wollte nicht auf ewig auf Kosten anderer leben. /Und es ist noch immer dahin gestellt, ob ich überhaupt hier bleibe. Ich kann mit Sicherheit einen Weg zurück finden. Irgendwie./

In solche und ähnliche Gedanke verstrickt, folgte er Jeremis durch das Gewühl des Marktes, den Blick auf den kräftigen Rücken geheftet. Langsam, aber sicher begann der andere Mann für ihn für Beständigkeit und Ruhe in dieser wirren Welt zu stehen.

Am Rand der Halle hatten hauptsächlich kleine Restaurants und Kneipen Fuß gefasst, einige Tischchen standen vor jedem, von Angehörigen aller drei Völker besetzt, überwiegend jedoch Ajester und Menschen. Jeremis steuerte zielsicher auf einen Eingang zu, über der ein braunes Schild mit weißen Symbolen wohl den Namen des Gasthauses anzeigte. Sie folgten einer breiten Treppe nach unten, deren ausgetretene Stufen davon zeugten, dass sie häufig benutzt wurde.

Rauchgeschwängerte, von Essensgeruch durchzogene Luft schlug ihnen entgegen, als sie das große Kellergewölbe betraten. Zwischenwände aus Holz unterteilten es in gemütliche Nischen, in denen Fensterattrappen mit dunklen Holzrahmen und warmem, gelbem Glas, das von hinten beleuchtet wurde, das Licht eines gemütlichen Herbstnachmittags vermittelten. Das Bild wurde bestimmt durch schwere, dunkle Holztische, die gut besuchte, massive Theke passte sich dem an.

Die Gäste waren fast ausschließlich menschlich, was die Frauenquote auf Null reduzierte, zumindest konnte Milan nicht eine einzige entdecken. Und auch Jumer fand er nicht. Lediglich eine kleine Gruppe Ajester konnte er sehen, die sich mit zwei Menschenmännern in eine der Nischen zurückgezogen hatten.

Er bemerkte, wie Jeremis den Blick suchend über die Gäste gleiten ließ, bis er hängen blieb und ein fröhliches Lächeln über sein offenes Gesicht glitt. Milans Blick folgte dem seinen, bis er in einer der Nischen fündig wurde. Der große, schlanke Mann, der sich dort gemütlich zurück gelehnt hatte, einen schlichten Bierkrug vor sich auf dem Tisch, war fast ein wenig schlaksig zu nennen.

Sein schwarzes Haar, das von einer bedeutenden Anzahl grauer Strähnen durchzogen war, schien zu der Sorte zu gehören, die sich erfolgreich jedem Kamm, jeder Bürste und jeden sonstigen Maßnahmen widersetzte, die zu seiner Bändigung eingesetzt wurden. Er trug es kurz, jedoch noch lange nicht kurz genug, um die Wirbel und Eigensinnigkeiten zu verbergen, die es an den Tag legte. Dunkle Augen funkelten vergnügt hinter einer Brille mit runden Gläsern, als er Jeremis entdeckte, dann weiter zu Milan sah. Ein Strahlen erhellte sein kantiges Gesicht, das die Falten um seinen Mund und in seinen Augenwinkel vertiefte, und er winkte ihnen zu.

Jeremis winkte leicht zurück und ging dann zielstrebig auf den Tisch in der Nische zu. /Raoul, schon wieder ein Jahr älter, immer noch so fröhlich./ So viele Jahre trafen sie sich nun schon in diesem Lokal, um dann nach einem ausgezeichneten Essen in Erzählungen von Raoul vornehmlich vertieft durch die gewundene Straße zu dem kleinen Geschäft zu gehen, dessen Einnahmen Jeremis' Freund ein anständiges Einkommen bescherte.

Als sie bei ihm ankamen, sprang Raoul auf, um sie zu begrüßen. Noch bevor sie ihre Taschen abstellen konnten, wurde erst Jeremis, dann der überraschte Milan in eine herzliche Umarmung gezogen.

"Willkommen in Jumelaan, ihr zwei." Raouls Stimme hatte einen angenehmen Bariton, in dem ein fröhlicher Unterton mitschwang. Er grinste Milan zu. "Ich bin Raoul, aber das weißt du wohl schon. Ansonsten wäre ich dem alten Kerl hier ziemlich böse." Sein Grinsen verbreiterte sich noch, als er zu Jeremis hinsah. "Hättest mir ruhig Bescheid sagen können, dass du einen Freund mitbringst."

Jeremis zuckte bei diesen Worten, viel mehr noch bei den sie begleitenden Blicken zusammen. /Ein Freund... Warum erzählst du Milan nicht gleich, dass du es auch ständig versuchst... mich an jemanden regelrecht zu verschachern, der die Einsamkeit des Gutshofes erträgt. Und nun denkst du doch tatsächlich, ich hätte jemanden gefunden? Tust du das?/ Ein wenig verärgert nahm Jeremis das übermäßig freudige Lächeln auf Raouls Gesicht wahr, während Milan unsicher zwischen ihnen hin und hersah.

"Das ist Milan. Ich habe ihn erst gerade kennen gelernt. Sein Jumer musste eben dringend auf eine Erledigung fort, und da habe ich angeboten, dass sie sich bei dir in der Wohnung wiedertreffen können, Raoul." Jeremis wusste, dass man seiner Stimme anhören konnte, wie angespannt er war, und er bemerkte die ein wenig erstaunte Reaktion seines Freundes ebenfalls. Aber für eine private Unterhaltung war später, ohne Milan, auf jeden Fall der bessere Moment. Er drehte sich zu Milan um und forderte ihn mit einer Geste auf, sich einen Platz zu suchen, dann setzte auch er sich an den Tisch.

Milan stellte die Tasche neben sich ab und sah unauffällig aus den Augenwinkeln zwischen dem mit einem Mal mürrischen Jeremis und dem ein wenig verlegen wirkenden Raoul hin und her. Für einen Moment herrschte Stille, in der sich Milan überlegte, ob er den kurzen Wortwechsel und die ungewöhnlich herzliche Begrüßung richtig gedeutet hatte und Raoul ihn nicht nur für einen Freund Jeremis', sondern für dessen Geliebten gehalten hatte. Der Gedanke entlockte ihm ein leichtes Schmunzeln.

"Jer, Milan, tut mir leid. Ich dachte, ihr kennt euch schon etwas länger", unterbrach Raoul das Schweigen und grinste schief. Verlegen kratzte er sich am Kinn, wo man den dunklen Schatten von Bartstoppeln erahnen konnte. "Lasst mich euch einladen. Was wollt ihr trinken? Essen?"

Die Frage brachte Milan dazu, wieder daran denken zu müssen, dass eigentlich Jeremis ihn und Niel eingeladen hatte und dass er sich ohne ihn nicht einmal ein Mittagessen hätte kaufen können, geschweige denn die Fahrt mit dem Transporter. Sein Blick wanderte zu dem grünäugigen Mann. /Er tut es einfach. Und er tut es so selbstverständlich. Hat mir nicht einmal das Gefühl gegeben, dass er etwas dafür zurückhaben will. Irgendetwas muss ich doch für ihn tun können. Nicht nur Lesen lehren./

Jeremis nickte nach einem kleinen Zögern und schob Milan eine Speisekarte hinüber, um sie ihm gleich danach wieder wegzunehmen. "Das hat keinen Zweck, du kannst diese Zeichen nicht lesen", murmelte er zur Erklärung und begann, Milan einige Suppen, Salate und Teigwaren zu empfehlen.

Für sich selber bestellte er bei dem älteren Mann, der zu ihrem Tisch trat, zunächst überbackenes Gemüse und einen Tee, den er immer mit dem Leben in Jumelaan in Verbindung brachte. Dann sah er Milan an und fragte "Hast du gewählt?"

"Ich nehme die Fischsuppe und den gemischten Salat." Milan zögerte kurz, verkniff sich die Bestellung nach Cola und nahm den gleichen Tee wie Jeremis. Das eine war genauso gut wie das andere; er kannte ja kaum etwas. Und den hatte er immerhin noch nicht probiert.

In Gedanken war Jeremis bei den Blicken, die Milan und Raoul immer wieder zu ihm hin warfen, von ihm zum anderen, wieder unauffällig auf die Dekoration des Restaurants, um zum anderen zurückzublicken. Jeremis beschloss, dass eine Offensive gut wäre und begann, Raoul zu seinem Leben auszufragen, was für gewöhnlich immer den Anfang ihrer Besuche beieinander gestaltete.

Milan hörte interessiert zu, wie Raoul von seinem Tuchgeschäft berichtete, von seinem Geliebten, der mit ihm diesen Laden leitete und der Schneider war. Von alltäglichen Besonderheiten, von der großen Politik, wo derart viele Namen fielen, dass Milan binnen der ersten zehn Sätze den Überblick komplett verloren hatte, auch wenn er gerne mehr verstanden hätte. Doch er fragte nicht nach, wollte das Gespräch der beiden Freunde nicht unterbrechen.

Er wünschte sich bei Niel zu sein, und verwarf den Gedanken sofort wieder. Im Moment konnte sein Geliebter mit Sicherheit keinen Menschen brauchen, der hinter ihm herlief und keine Ahnung von nichts hatte. Innerlich schnitt er eine Grimasse, an die ein stummes Lachen anschloss, als er sich das bildlich vorstellte. Wieder warf er einen Blick auf Jeremis und Raoul, dann suchte er mit den Augen nach dem älteren Mann, der die Bestellung aufgenommen hatte. Dieser hastete gerade von einem Tisch zum nächsten und räumte leere Gläser weg, was Milan zu der Vermutung brachte, dass es noch ein wenig dauern konnte, bis ihr Essen kam.

Er stand auf und schob sich an Jeremis vorbei. "Bin gleich wieder da", sagte er entschuldigend, ehe er sich auf die Suche nach der Toilette machte.

Jeremis nickte leicht und beobachtete unauffällig, wie Milan den Kellner kurz ansprach und in Richtung des Bads davonging. Noch bevor sein Freund nachfragen konnte, erklärte er abweisend "Nein, da ist nichts. Und ja, ich weiß von dem Transmitter."

"Schön." Raoul lehnte sich zurück und schob seinem Freund das Bierglas hin. "Nimm einen Schluck, wenn du magst. Oder auch mehr. Und dann sag mir, wie lange ihr euch kennt. Den einen Tag nehme ich dir nicht ab. Er trägt deine Kleidung. Und deine Tasche. Ich kenne das alte Ding. Wenn du dein Gedächtnis anstrengst, die hab ich dir vor drei Jahren geschenkt oder waren es vier?" Er lachte und machte eine wegwerfende Geste. "Auch egal. Und", dann beugte er sich vor und starrte Jeremis an, "du reagierst zu heftig."

Jeremis lehnte das Bier ab, aber nickte leicht. Er warf einen kurzen Blick in der Runde herum, dann seufzte er und erzählte kurz, wie Milan und Niel bei ihm in den Keller eingestiegen waren, wie er und Milan eigentlich jede Sekunde genutzt hatten, um sich in die Wolle zu bekommen, wie wundervoll er den jungen Mann dennoch fand.

"Er hat mir beigebracht, in den Menschenbüchern zu lesen, Raoul. Ich wusste nicht, wie schön die Geschichten sind, die ich immer nur nach dem Aussehen der Buchstaben betrachtet hatte." Unsicher sah er Raoul noch ein weiteres Mal an, dann flüsterte er "Bei dem Jumer handelt es sich aber dummerweise um Niel Aremeth Hashar, und dass der sein... neustes Spielzeug hergibt, nur weil ein Gutsbesitzer mit Sturkopf ihm sagt, dass es nicht fair ist, einem Menschen falsche Hoffnungen und Gefühle zu machen, ist selbst mir klar." Jeremis senkte den Kopf erneut ein wenig tiefer und spielte mit den Gewürzfässchen zwischen ihnen herum.

Raouls Augen weiteten sich. "Niel Are..." Er verstummte, griff nach seinem Bier und nahm erst mal einen großen Schluck. "Fahr zur Hölle, Jer!", flüsterte er dann aufgeregt. "Bist du dir da sicher? Du meinst, der Kronprinz?" Fahrig nahm er die Brille ab, rieb kurz über den Nasenrücken und setzte sie wieder auf, ehe er Jeremis erneut ansah. "Du weißt, dass diese machthungrigen Kerls im Rat ihn für tot erklärt und seinen Geliebten deswegen zum Tod verurteilt haben? Einen Shaapriester!"

Leidenschaftslos sah Jeremis seinem Freund in die Augen. "Ich bin an Politik nicht interessiert, ich hoffe nur, dass der Jumer seinen Lehrer vor dem Tod bewahren kann, damit er hinterher endlich von Milan ablässt. Meinst du nicht, dass er als Lehrer arbeiten könnte? Im Menschenviertel hier?"

"An Politik interessiert? Bist du nicht, warst du nie." Raoul verdrehte die Augen. "Wie kannst du nur so gleichgültig sein. Wenn da was passiert, passiert auch hier was mit uns!" Dann seufzte er, zuckte mit den Schultern. "Aber das wird sich bei dir wohl nie mehr ändern, dieses Desinteresse."

Er leerte sein Bier und sah nachdenklich zu Jeremis hin. "Als Lehrer, hm? Das kommt ganz darauf an, was er weiß. Was er lehren kann. Und die andere Sache ist die, ob sie es zulassen werden, dass hier jemand mit einem vollständig erhaltenen Gedächtnis herumläuft. Was du mir erzählt hast, scheint der Kleine hin und wieder Revolutionsallüren zubekommen." Mit einem Mal grinste er. "Ich finde, du solltest dir ein bisschen Mühe geben und ihn mit dir zurück auf das Gut nehmen. Da ist er sicher."

"Vielen Dank für den Rat." Jeremis verschränkte seine Arme und erklärte ein wenig verschnupft über die unbedachte Art seines Freundes "Er will nur zwei Dinge, zum einen bei seinem Jumer bleiben, alternativ dazu zur Erde zurück und das schnell."

"Und du weißt genauso gut wie ich, dass beides ziemlich unmöglich ist." Raoul runzelte die Stirn. "Das mit dem Jumer geht im besten Fall ein paar Jahre gut, und das war es dann. Im schlechteren Fall bekommt der Prinz seinen Priester zurück und das war es dann mit Milan. Und zwar in doppelter Hinsicht, wenn man den Gerüchten glauben darf. Tja, und die Erde... Verrate mir, wie er das machen will. Das ist ein Hirngespinst und kein Plan. Früher oder später wird er das einsehen."

Er beugte sich wieder vor und sah Jeremis mit halb zusammen gekniffenen Augen an. "Außerdem bin ich mir ziemlich sicher, dass Milan noch nicht mal ahnt, dass du was für ihn übrig hast. Du solltest wirklich mal etwas unternehmen. Ich weiß, dass ich dir auf die Nerven gehe, aber dafür bin ich dein Freund. Jer, du kannst nicht immer nur abwarten!"

"Er mag mich nicht und ich... ich kann nicht noch einmal so etwas durchmachen wie vor drei Jahren. Noch einmal halten Hame und Kees es nicht aus, wenn ich in Liebeskummer versinke und die Arbeit liegen lasse." Er wollte nicht darüber reden. Es war drei Jahre her, dass ein Mann, den er für einen Geliebten gehalten hatte, von einem auf den anderen Tag ein Dieb geworden war und die Gefühle zwischen ihnen nicht das Geringste mehr zu bedeuten hatten, als er in Jeremis' Haus einbrach und die Jahreseinkünfte stahl, um damit ins Nichts zu verschwinden. Jeremis war auch an diesem Tag noch froh, wenn das Thema nicht zu ausgiebig besprochen wurde, und er sehnte sich Milan fast schon an den Tisch zurück oder wenigstens den Kellner mit dem Essen.

"Nicht alle Männer sind so...", begann Raoul ein wenig ärgerlich, doch in dem Moment wurden Jeremis' stumme Gebete erhört.

Milan kam zu ihnen an den Tisch zurück, fast gleichzeitig mit dem Kellner, der ihnen die Getränke brachte, und setzte sich wieder an seinen Platz. Er bemerkte den ein wenig verbitterten Gesichtsausdruck von Jeremis und Raouls leicht verkniffene Miene und hoffte nur, dass sie nicht wegen ihm gestritten hatten. /Vielleicht hat Jer gefragt, ob ich bei ihm übernachten kann, wenn Niel nicht rechtzeitig zurück ist oder mich im Trubel vergisst. Und Raoul mag es nicht?/

Unbehaglich griff er nach seinem Tee, um einen kleinen Schluck zu nehmen. /Du stellst Vermutungen an; du hast keinen Beweis dafür./ Aber er wollte nicht, dass sich Jer mit seinem besten Freund wegen ihm stritt. /Es geht wahrscheinlich um etwas vollkommen anderes, also hör auf./ Fast hätte er gegrinst, als ihm ein anderer Gedanke durch den Kopf schoss. /Und es ging bestimmt auch nicht um den Transmitter./

"Danke übrigens für die Einladung, Raoul. Ich..."

"Ach was", unterbrach der andere ihn und grinste, offensichtlich froh, dass das Schweigen wieder gebrochen war. "Mach ich gerne."

/Wildfremde Leute einladen?/, dachte Milan etwas verwundert, doch vielleicht hatte Jer ihm ja schon von seiner ein wenig außergewöhnlichen Situation berichtet.

Als das Essen kam, hatte sich die leicht gedrückte Stimmung am Tisch längst wieder aufgelöst, und Jeremis und Raoul gaben sich Mühe, ihn in das Gespräch mit einzubeziehen. Nach einem Nachtisch, zu dem Milan sich nicht lange überreden ließ, schlenderten sie gemütlich durch ein paar Straßen von Jumelaan bis zu Raouls Haus.

Es war nicht groß, hatte lediglich ein Erd- und ein Obergeschoss, doch es wirkte gemütlich mit seinem mit schwarzem Schiefer gedeckten Dach, eingeklemmt zwischen zwei etwas größere Häuser. Unten war das Geschäft und die Schneiderei, bekam Milan erklärt, oben befanden sich die Privaträume von Raoul und seinem Geliebten Kenneth.

"Kenny ist übrigens nicht da, Jer. Er kommt erst in zwei Tagen wieder, will noch was für meinen Geburtstag besorgen", erklärte Raoul, als er den Laden aufschloss.

Jeremis grinste und entgegnete nur "Wir werden uns dann ja in zwei Tagen zu deiner Feier sehen, Raoul." Er warf einen kleinen Blick in das Lager, in dem die schillernden Tuchballen in hohen Regalen gestapelt waren, dann folgte er seinem Freund und Milan die schmale Treppe in das Obergeschoss, wo Raoul sie zum kleinen, gemütlichen Gästezimmer führte.

Erst dort stockte Jeremis der Atem, und er senkte einen Fluch unterdrückend den Kopf. Dort stand ein Doppelbett. Es gab nur dieses Doppelbett und das, in dem Raoul mit Kenny schlief. Und bei seinem Freund zu übernachten, um Milan das Bett allein zu überlassen, war wegen der Eifersucht von dessen Partner nicht möglich.

Unsicher murmelte Jeremis "Ich hoffe, dass es dir recht ist, Milan. Ich meine, dass es dir nichts ausmacht, wenn wir hier... nur für die paar Tage, vielleicht nur bis morgen, bis..." Er hörte mit dem Unsinn auf und stellte seine Tasche auf den einen Stuhl neben dem Bett ab.

"Wenn ihr fertig seid, kommt einfach ins Wohnzimmer rüber", meinte Raoul dazwischen. Er ging und schloss die Tür hinter sich.

"Das Bett ist doch groß genug." Milan ließ die Tasche von der Schulter gleiten und streckte sich erst mal. Er lachte. "So lange du nicht dazu neigst, im Schlaf gegen Einbrecher zu kämpfen, die dir deinen besten Wein klauen", schmunzelte er.

Jeremis fuhr sich mit den Fingern einmal nervös durch die Haare, dann lachte er. "Nein, das habe ich nicht vor, keine Angst. Ich hab auf der Fähre ohnehin sehr schlecht geschlafen, ich werde heute Abend umfallen und weg sein wie ein Stein." /Hoffentlich./

Er wusch sich rasch die Hände und zog ein anderes Hemd über, nachdem er seine Schlafanzughose auf das Bett geworfen hatte. Die Finger noch auf der Seifenflasche zuckte er zusammen und starrte die Hose an. Es war immer stickig und warm in der Stadt, verglichen mit den Bergen jedenfalls und deswegen nahm er stets nur die Hose mit. Hastig wühlte Jeremis sich noch ein T-Shirt heraus und warf es dazu. Diese Fahrt war anstrengender als ursprünglich gedacht. "Ich geh schon mal zu Raoul, die Nachrichten kommen bestimmt gerade, die verpasst er nie."

Milan nickte. "Ich komme gleich nach." Er seufzte leise auf, als Jeremis die Tür hinter sich geschlossen hatte und starrte aus dem Fenster auf die gegenüber liegende Häuserfront. Kurz wog er gegeneinander ab, was unhöflicher war, sofort ins Wohnzimmer zu gehen und damit jedes wirklich persönliche Gespräch zwischen Jer und Raoul zu verhindern oder sie warten zu lassen, indem er hier die Zeit vertrödelte.

"Du denkst zu viel", murmelte er und tat es Jeremis nach, suchte seine Schlafanzughose heraus, um sie auf seine Seite des Bettes zu legen. /Ich gehe jetzt einfach rüber und zieh mich heute Abend halt früh zurück. Ich wünschte, ich wüsste, wo Niel steckt und wie es ihm geht./

Er schnitt seinem Spiegelbild eine schiefe Grimasse, dann folgte er dem Gutsbesitzer ins Wohnzimmer. Es war nicht schwer zu finden, man hörte die Stimmen der beiden Freunde bereits im Flur, so dass er ihnen nur folgen musste.

Die beiden Männer hatten es sich auf einer großen Couch bequem gemacht, während ihnen gegenüber die 3D-Projektion einer Jumerin Sportergebnisse vorlas. Raoul sah auf, als er eintrat und wies auf einen Sessel, vor dem auf dem niedrigen Tisch bereits eine Tasse stand. "Mach's dir bequem. Die Nachrichten sind leider vorbei, gerade heute hätten sie mich brennend interessiert."

Milan setzte sich, während Raoul die Jumerin zum Schweigen brachte. Binnen weniger Augenblicke fand er heraus, dass er zumindest Raoul nicht störte und dass Jeremis ihm wohl mittlerweile erzählt hatte, wer er war, denn der Tuchhändler begann neugierig, ihm Frage um Frage zur Erde zu stellen. Bis Milan sich in der interessanten Situation befand, nicht etwa über Politik oder Sport mit den beiden anderen Männern zu diskutieren, sondern über Bildung und was dazu gehörte.


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh