Zwischen den Welten

20.

Die Fahrt durch die Stadt in einer eleganten und verdächtig unauffälligen Fähre und die höfliche, aber deutlich unterkühlte Aufforderung, ihnen in das Gebäude zu folgen, nahm Niel nicht wirklich wahr. Seine Gedanken waren bei Jashuun, bei seinem Fehler, seiner Nachlässigkeit. Er dachte in bittere Vorwürfe verstrickt, dass er nicht nur Schuld an den Verwirrungen war, sondern auch noch daran, dass Jashuun die Ehre genommen wurde. Festgenommen zu werden als Priester, das kam eigentlich schon fast dem Tode gleich.

Nebenbei bemerkte Niel, dass die unteren Offiziere ihn in eine der eleganten Glaspyramiden im Park des Palastes gebracht hatten. Im Inneren, zwischen exotischen Dschungelpflanzen, die ihn schmerzlich an Milan erinnerten, waren einige Räume untergebracht, mit Milchglaswänden, isoliert, zu dick, als dass Geräusch hindurch dringen würde.

Erst, als Niel die freundliche Anweisung bekam, in einem der Räume zu warten, sah er mit einem Mal, dass er in der östlichen Festung war. Die sechs Pyramiden um den Palast herum waren nun einmal die Gebäude, die den Generälen zur Verfügung standen. Sie brachten hier ihre Feinde unter, ihre politischen Freunde aus Ajest, die eines Schutzes bedurften, und auch die Verbrecher aus dem Bezirk ihrer Zuständigkeit.

Niel war noch nie in einem dieser privaten Gefängnisse gewesen, aber der Raum war zu typisch, entsprach zu sehr der Beschreibung, die er gelesen hatte, als dass er es nicht sein konnte. Doch als Niel mit einem Fluch auf den Lippen herumwirbelte, schob sich die Milchglastür still zu, und er war gefangen.

Missmutig und traurig, weil er Milan sich so schnell selbst überlassen musste, trat Niel gegen die elegante, kalte Couch und warf sich schmollend darauf. /Wenn sie erfahren, dass ich wirklich der Kronprinz bin, dann wird Cahal bezahlen!/

Da er nichts anderes tun konnte als abwarten und hoffen, dass sie ihn endlich zu Ende überprüft hatten und sich entschuldigen kamen, schaltete er den Nachrichtensender ein. Es flimmerten zunächst einige nichts sagende Berichte aus den umliegenden kleineren Städten, dann eine Aussicht auf den Markt der menschlichen Besitze, die in der nächsten Zeit verkauft oder versteigert werden sollten, und Niel wurde klar, dass er die Sendung, die für Menschen gedacht war, ansah.

Doch bevor er umschalten konnte, erschien die Sprecherin, die ihn zuvor schon für tot erklärt hatte, erneut vor ihm, um die Exekution anzukündigen und die Übertragung zu erklären.

Das war der Moment in dem Niel zu schreien anfing und begann, gegen die Tür zu treten und mit den Fäusten auf das Glas einzuschlagen, bis er vor Schmerzen aufhören musste.

Nichts passierte, niemand kam, keiner rettete ihn, während Niel am gesamten Körper zitternd zusah, wie Jashuun, die übliche herablassende Ruhe im Gesicht, auf einen Podest geführt wurde und auf einem violetten Stuhl Platz nahm.

"Neinneinneinnein..." Niel begann zu weinen und auf den Boden zu sinken. Dieser war mit einem weichen Material ausgekleidet, weiß, schmutz- und wärmeabweisend, Niel begann zu frieren, während er seine Knie umarmte und vor Tränen in den Augen nicht mehr viel auf dem Bildschirm erkennen konnte.

Andererseits konnte er den Blick nicht abwenden, während eine den Tränen nahe Stimme lobend erklärte, dass Jashuun ehrenvoll sei, so gefasst und ruhig in den Tod gehen würde. Eine harsche Stimme verlas erneut die Anklage und Niel begann erneut zu schreien. "Ihr Bastarde! Ich lebe doch! Ich lebe... doch lebe... lebe... Jashuuh..."

Die Männer traten zurück, und Milchglaswände fuhren hoch, umgaben die schlanke Gestalt des Priesters, bis sie ihn verdeckten. Gleich darauf glomm aus dem Inneren erst orangefarbenes, dann violettes Licht hervor, es knisterte in der Umgebung.

Niel war schon heiser, aber schrie noch eine Weile weiter, bevor er hysterisch schluchzend zusammenbrach, die Übertragung hatte er mit einem Tritt gegen die Anlage ausgeschaltet und lag zusammengerollt auf dem Fußboden, unfähig etwas anderes zu denken, als /Neinneinnein... ichbinschuldschuldigschuldigschuld.../

 

"Ich hatte gesagt, ich möchte sofort informiert werden", erklärte Cahal beinahe nebensächlich, während er mit schnellen Schritten den langen Flur der Gefängnispyramide entlang eilte, den zumeist leeren Zellen keinen Blick gönnte. Sein energisches Gesicht war ruhig, fast wie eine Maske, deren unnahbarer Eindruck noch dadurch verstärkt wurde, dass er einen Teil seines silberblonden Haars auf dem Hinterkopf zusammengefasst und mit einer silbernen Spange gebändigt hatte, was die klaren, herben Linien strenger und härter wirken ließ. Seine scharfgeschnittenen Lippen waren eine Spur zu fest zusammengepresst, die hellen, schmalen Brauen ein wenig zu tief in die dunklen, blauvioletten Augen gezogen.

Er hatte sich keine Zeit genommen, die schwarze Galauniform mit den silbernen Schulterklappen, die er während der Exekution getragen hatte, auszuziehen und sich umzukleiden, sondern war direkt hierher gekommen.

"Verzeihen Sie, General. Sie waren bereits bei der Hinrichtung, ich dachte...", begann der Unteroffizier, der ein Stück hinter ihm lief, mit unsicherer Stimme, verstummte jedoch sofort wieder, als Cahal eine schlanke, kräftige Hand hob.

"Sofort, hatte ich gesagt." Noch immer war der General leise, klang regelrecht freundlich, doch darunter lag eine kalte Schärfe, die jeden Widerspruch, jede Entschuldigung verbot. Er hielt vor der Tür, hinter der die Zelle des Kronprinzen lag und wandte sich zu dem anderen Mann um, der sofort Haltung annahm, den Blick starr gerade aus gerichtet. "Sie wissen nicht, wie kostbar dieser Gefangene ist, also hören Sie auf zu denken, Angras. Ich hatte Ihnen einen Befehl gegeben, Sie haben ihn nicht befolgt. Wegtreten."

"Zu Befehl, General." Der Offizier war blass geworden, jetzt salutierte er, wandte sich hastig ab und stürmte davon.

Cahal starrte ihm ausdruckslos hinterher, bis er durch die Tür am Ende des Ganges verschwunden war, dann straffte er sich und legte die Hand auf die Fläche, welche die Tür der Zelle öffnete. Nahezu lautlos glitt die Milchglasfläche beiseite und gab den Blick auf das kühle Innere des Raumes frei.

Cahals Augen weiteten sich kaum merklich, als er den Bildschirm entdeckte, der neben dem dafür vorgesehenen Tischchen lag. Rasch sah er sich um, bis er den Kronprinzen in einer Ecke des Raumes entdeckte, auf dem Boden zusammengerollt, die Arme haltsuchend, schutzsuchend um den schlanken Körper geschlungen, das Gesicht bleich und tränennass.

Für einen Moment hielt er inne, dann trat er ein und schloss die Tür hinter sich, den Blick an die gegenüberliegende Wand gerichtet. "Königliche Hoheit?"

Niel schaffte es nicht einmal, seinen üblichen Instinkten zu folgen, die ihn sich immer aufsetzen und nichts sagend lächeln ließen, wann immer er mit dieser Floskel angeredet wurde. Er rollte sich nur weiter zusammen, spürte und hörte nicht, während er fortwährend "Binschuldbinschuld... schuldig..." flüsterte.

"Königliche Hoheit?", versuchte Cahal es noch einmal. Als wieder keine Reaktion folgte, drehte er sich doch zu dem Prinzen um. Er presste die Lippen fester zusammen, seine Brauen wanderten fast wie eigenständig tiefer in die Augen, als er auf die schmale, bebende Gestalt hinab sah. Dann trat er zu ihm und ging bei ihm in die Hocke. "Hoheit!", sagte er wieder, dieses Mal scharf und laut, legte Niel eine Hand auf die Schulter und schüttelte ihn sacht.

Niel zuckte zurück, dann starrte er den anderen wild an, bevor er sich, nicht denkend, nicht abwartend, was dieser sagen wollte, gegen ihn warf, um ihn so gut er konnte mit Fäusten und Nägeln zu verletzten. "Wie konnten Sie nur!? Wie konnten Sie es wagen!? Ich bin da! Warum?! Warum?!"

Ein Teil der Kleidung unter seinen krallenden Fingern zerriss, und Niel fiel vom Schwung überrascht rückwärts. Er starrte das silbern glitzernde Stoffstück an. Eine Kordel, eine Galauniform, die voller solcher silbernen Kordeln und Troddeln war, über die er sonst immer gern gelacht hatte, auch an sich selber. Nun trieb der Anblick seine Wut noch weiter an, er stürzte sich aufheulend gegen den viel größeren General vor sich, um weiter auf ihn einzuschlagen, brach jedoch recht schnell wieder schluchzend zusammen und blieb, die Arme um die Knie geschlungen, zu Füßen des Gegners sitzen und verfiel in regungslosen Stumpfsinn.

Cahal hatte ihn toben lassen, ihn nur lose abgewehrt, damit er ihn nicht wirklich verletzen konnte. Sein Gesicht zeigte keinerlei Ausdruck, als er wieder auf den kleinen, so tief verletzten Prinzen hinab sah. "Ich weiß, dass Sie da sind, Hoheit. Das ist nicht zu übersehen."

Er sammelte die silberne Troddel auf, die Niel abgerissen hatte, und drehte sie zwischen den Fingern, ehe er sie achtlos wieder fallen ließ. "Ich entschuldige mich für die unstandesgemäße Unterbringung, aber leider ist das im Moment nicht anders machbar. Immerhin sind Sie offiziell tot. Allerdings würde ich Ihnen gerne etwas zeigen, das Ihnen das ganze vielleicht etwas leichter macht", erklärte er emotionslos, lediglich seine Augen schienen noch dunkler zu werden. "Ich wollte Sie nicht verletzen, Königliche Hoheit, doch es sind einige Dinge nicht so gelaufen, wie ich es geplant hatte. Wenn Sie mir folgen würden, bringe ich Sie zu Jashuun."

Niel blieb regungslos sitzen, starrte vor sich hin, reagierte nicht auf die unterkühlte Stimme hinter ihm. Er nahm das Wort Jashuun wahr und begann erneut zu schluchzen "Jaahaashuuh..." Ihm war vollkommen egal, was der General von ihm dachte. Der war vermutlich doppelt so alt wie er und vermutlich ohnehin der Meinung, dass er kein standesgemäßer Prinz war.

Cahal presste die Lippen zusammen, kurz verdüsterte sich seine Miene. "Hoheit", begann er erneut, doch unterbrach sich, als er merkte, dass es keinen Sinn hatte; der Prinz würde auf nichts hören, was er zu sagen hatte. "Sie haben es nicht anders gewollt."

Kurzerhand legte er einen Arm um die schmalen, bebenden Schultern, schob den anderen unter den Kniekehlen hindurch und stand mit Niel wieder auf, drückte den zarten Körper an sich. "Ich werde Sie zu ihm bringen."

Niel schloss erschöpft die Augen; nachdem er sich ein wenig halbherzig gewehrt hatte, sackte er zusammen und ließ sich tragen. Vielleicht brachten sie ihn zu einem Arzt. Es war ihm egal. Sich mit einem Arm über das nasse Gesicht wischend, lehnte er den Kopf an die Uniform und versuchte seine Gedanken zu ordnen, die immer und immer wieder im Kreis wirbelten.

Er konnte es nicht sehen, doch als er sich an den General lehnte, huschte ein kleines, fast zufriedenes Lächeln über dessen Gesicht. Cahal öffnete die Tür und sah auf den Gang. Keiner der Soldaten, die hier regelmäßig patrouillierten, war zu entdecken. Eilig trat er aus dem Zimmer und lief er den Korridor hinab, nur wenige Räume weiter. Er verrenkte sich ein wenig, um Niel nicht loszulassen, jedoch seine Hand auf die zum Öffnen vorgesehene Fläche legen zu können, welche die Tür lautlos beiseite gleiten ließ.

Der Raum war genauso kühl, genauso unpersönlich eingerichtet wie der andere, in dem Niel zuvor gewesen war, doch auf dem Bett lag eine schlanke, nicht besonders große Gestalt, gekleidet in die Robe eines Shaapriesters. Das Gesicht war ruhig und entspannt, die Augen geschlossen.

Cahal ließ den Prinzen langsam auf seine eigenen Füße herab, hielt ihn jedoch fest, um zu verhindern, dass er in sich zusammensackte und drehte ihn zu dem reglosen Mann um. "Jashuun, Königliche Hoheit. Er schläft, anders war es nicht einzurichten. Ich denke, dass er in ein paar Minuten aufwachen wird."

Niel schnüffelte und sank in sich zusammen, die Augen geschlossen und nicht bereit sich umzusehen, bis er den Namen Jashuun erneut wahrnahm. Er blinzelte einige Male, dann fiel sein Blick auf seinen langjährigen Lehrer und Geliebten. Die strenge, schwarze Robe ließ ihn blasser wirken, das Gesicht noch schmaler und die blonden Haare umgaben den Kopf ein wenig wirr, was Niel lächeln ließ.

Zaghaft streckte er eine Hand aus, um sie glatt zu streichen. "Er lebt?", flüsterte er endlich und wischte sich erneut über die Augen. "Ich bin so... unwürdig, Entschuldigung. Verzeihung. Warum lebt er?"

Niel setzte sich neben den schlafenden Körper und sah, noch immer an seinem Gesicht und den Haaren wischend, zu dem General auf. Erst in diesem Moment fiel ihm auf, wen er da vor sich hatte /Cahal! Verdammt, oh, verdammt! Ich habe mich schon wieder lächerlich gemacht vor ihm!/ Das strenge Gesicht des großen Generals wirkte auch nicht gerade freundlich. /Er hat mich getragen... Wie peinlich! Ich benehme mich wie ein Baby!/

"Eine Reihe von Faktoren, Hoheit. Hauptsächlich, weil er Ihnen wichtig ist. Und zumindest, was den Mord an Ihnen betrifft, ist er unschuldig."

Cahal zuckte mit den Schultern und sah kühl auf das schmale Gesicht des Priesters hinab, ehe er den Blick wieder dem Prinz zuwandte und die Lippen zu einem schmalen Lächeln verzog. "Ich habe die Technik des Gerätes manipulieren lassen."

Niel war unbeeindruckt und gewann langsam seine Haltung zurück. Er schob sich die Haare hinter seine Ohren und richtete sich gerade auf. "Ihr Glück, General. Wenn Sie für den Tod Jashuuns verantwortlich gewesen wären, dann hätte mein Vater..." Er stockte und blinzelte, Gedanken über diese Situation wurden mit einem Mal deutlicher. "Wie konnte es passieren, dass ein General meines Vaters den Tod meines Lehrers und dazu noch eines Shaapriesters beschließt?!"

Mit einem Mal wünschte sich Niel sehr dringend in seine grüngoldene Galauniform, denn er hatte den deutlichen Verdacht, dass der General, der ihm so kühl und unpersönlich lächelnd gegenüber stand, nicht im Mindesten ernst nahm.

"Ein General? Das ist lachhaft, Hoheit. Die Versammlung..."

Jashuun regte sich und unterbrach die Diskussion. Sofort fuhr Niel zu ihm herum und ergriff die schlanke Hand.

"Lassen Sie uns allein, bitte", sagte Niel leise, als er sah, dass Jashuuns Augenlider sich leicht zu heben begannen.

Cahal zögerte nur kurz, dann nickte er und deutete er eine Verbeugung an, die man gerade so noch als eine erkennen konnte. "Wir sprechen später weiter. Es gibt einiges, was ich dringend von Ihnen zu erfahren wünsche." Damit drehte er sich um und verließ das Zimmer. Die Tür glitt zu, und Niel war allein mit Jashuun.

Jashuun stöhnte leicht auf und hob seine freie Hand an die Stirn. Doch dann öffnete er die Augen, blinzelte noch ein letztes Mal. Abrupt setzte er sich, Niels Finger abschüttelnd, rasch auf. Typisch Jashuun, kühl, kontrolliert und überlegen.

Niel zupfte an seinen von Kees geflickten Sachen und schämte sich.

Doch sein Lehrer umfasste im nächsten Moment schon sein Handgelenk mit einem harten, unbarmherzigen Griff. "Wo warst du, verdammt?!"

Niel zuckte zusammen, sein Lehrer sah ihn schon wieder so ablehnend an, so unbarmherzig, weder besorgt, noch liebevoll, noch freudig. Nur Enttäuschung und Wut standen in den silberblauen Augen. "Ich... ich... Jashuu... ich..."

"Stottern hilft dir nicht weiter, nimm gefälligst Haltung an!"

Niel zuckte zusammen und wich vor Jashuun zurück. Er wusste, dass dieser war wie immer. Dass er immer schon so hart und gnadenlos gewesen war, aber mit einem Mal verletzte es ihn, dass sein Geliebter, seit über zwanzig Jahren schon, nicht einmal in so einem Moment die Wärme aufbringen konnte, die er an Milan so sehr genoss. Entschlossen hob Niel das Kinn, nahm Haltung an, auch wenn er bauchfreie, verspielte Kleider trug und erklärte, so sicher er konnte "Ich war auf der Erde."

Jashuun wirkte ganz und gar nicht überrascht. "Und hier bricht das Chaos aus. Deine Respektlosigkeit gegen deine Position im Königshaus hat eine Revolte hervorgerufen. Die Generäle haben sich, Shaa mag wissen wieso, einigen können. Dein Vater ist nicht da, du hättest das Haus verteidigen müssen, Niel. Ich bin sehr enttäuscht."

Abrupt wendete Jashuun sich ab, verschränkte die Arme und starrte an die Wand. Niel blickte erstaunt auf seinen Hinterkopf. Er kannte seine Aufgabe für so eine Diskussion, und sein Erstaunen galt in dem Moment eigentlich mehr seinen Gefühlen. Er wollte seinen Platz, nämlich die zerknirschte Entschuldigung, nicht annehmen.

"Jashuun, das war nicht alles." Niels Stimme klang zart, klein und verheult, aber er fühlte sich sicher, er tat das richtige.

"Nicht alles, so?"

Niel biss sich auf die Lippen, dann murmelte er schüchterner "Ich war so traurig, als ich dachte, dass du tot bist, meinetwegen. Ich war untröstlich, aber ich war es nicht aus Liebe, nur der Schuld wegen. Ich... löse die Verbindung auf."

Jashuuns Kopf fuhr zu Niel herum, doch Niel wusste, dass sein Lehrer nicht mehr das Recht hatte, ihn auch nur direkt anzusehen, wenn er es nicht wollte. "Es tut mir leid, Jashuun."

Als er seine schwerste Aufgabe hinter sich gebracht hatte, setzte Niel sich aufseufzend auf einen Hocker und ließ sich genauer von den Verwicklungen um den Palast berichten. Sein Berater und Lehrer fing sich durch die Fragen und Erklärungen rasch, es war mit einem Mal leichter für beide, miteinander zu reden.

"Wie ist denn der Plan? Was kann ich tun? Ich bin zu jung, mein Vater muss alles regeln. Wie kann ich die Truppen dazu bringen, gegen die Revolte zu kämpfen? Zudem ist der größte Teil der königstreuen Truppen auf Ajest."

Jashuun glättete seine Haare und zog die Robe glatt, dann erwiderte er "Das ist Krieg, das betrifft nicht mich als Berater, sondern Cahal Maeldun. Und ich bitte Sie, Hoheit. Seien Sie freundlich. Er ist, nach General Kirale, der ranghöchste Berater eures Vaters."

Es schmerzte, dass Jashuun ihn so schnell und leicht mit der unpersönlichen Formel ansprach, aber Niel unterdrückte diese Gefühle, er musste versuchen, sein Vergehen ungeschehen zu machen, indem er nun alles richtig machte. Rasch ließ er nach dem General rufen.

Es dauerte eine Weile, bis Cahal zurückkam. Er hatte nicht wie ein nach draußen geschickter Soldat vor der Tür gewartet, sondern war in sein Büro gegangen, nicht wirklich damit rechnend, dass der Prinz ihn so schnell wieder zurück beordern würde. Als die kleine Kamera ihm mitteilte, dass Niel nach ihm verlangte, nahm er sich zudem die Zeit, noch die Notizen eines seiner Spione fertig zu lesen, ehe er zu dem kleinen Gefängnisraum zurückkehrte.

Die Tür glitt beiseite, und der General trat ein. Augenblicklich schloss sie sich hinter ihm wieder. Er widmete Jashuun nur einen kurzen Blick, ehe er ihn vollkommen ignorierte und Niel ein wenig kühl musterte. "Hoheit?"

Niel war verunsichert. Cahal Maeldun war ihm zwar beinahe täglich begegnet, in den Gärten, auf Paraden, bei Truppenübungen, zu denen Niel erscheinen und lächeln musste, aber er fühlte sich dem General mit einem Mal dennoch wie ein dummes Kind gegenüber, als dieser so überheblich auf ihn blickte.

/Er findet mich unwürdig, lächerlich, zu klein geratener Jumer mit ajester Ohren, mit einer ausgeprägten Albernheit.../ Die Liste der Verfehlungen war so lang, und Milan war nicht da, um sie fort zu küssen, um ihn sich sicher und richtig fühlen zu lassen.

Niel sank in sich zusammen und lauschte, während Jashuun kühl berichtete, dass die königliche Hoheit nach Informationen verlangt habe. "Hoheit, Ihre Aufmerksamkeit bitte", schloss Jashuun und schoss einen Blick unter gesenkten Lider auf ihn ab.

Niel richtete sich auf, zog seine Schultern zurück und unterdrückte ein Seufzen. /Ausgezeichnet. Wieso hängt Jashuun nicht gleich die 'der Prinz ist wieder zu haben' Fahne raus?/

Cahals Augen verengten sich, als er erneut zu dem Priester hinsah. "Hoheit, ich denke, die Dinge, die ich mit Ihnen besprechen möchte, sind nicht für die Ohren eines gewöhnlichen Priesters bestimmt. Wenn Sie dieses Gespräch fortsetzen wollen, würde ich Sie bitten, mir in mein Büro zu folgen." Er trat zu der Tür und öffnete sie, wartete mit einem auffordernden Blick zu Niel.

"Natürlich." /Auch das noch./ Sittlich verbeugte Niel sich, als Jashuun seine Finger traditionel zur Stirn hob, und folgte dem General, auch wenn seine Knie noch immer zittrig waren und er nun schon einige Male unfreiwillig gähnen musste.

Kaum, dass sich die Tür zwischen ihnen und Jashuun wieder geschlossen hatte, wandte sich Cahal zu dem Kronprinz um. "Es gibt jede Menge Dinge, die wir besprechen müssen, Hoheit. Aber wenn Sie zu erschöpft sind, können wir das auch noch auf Morgen verschieben. Allerdings viel mehr Zeit werden wir nicht haben, denn in der Nacht darauf werden Sie und der Priester zu einem Shaatempel gebracht. Dort sind Sie in Sicherheit, und die Bequemlichkeit ist dennoch um einiges höher als die meines Gefängnisses. Vor allem haben Sie dort auch Gesellschaft."

"Danke für das Entgegenkommen, aber ich entscheide allein, ob ich zu müde bin für die Geschäfte, die mein Volk betreffen." Niel hatte solche Sätze schon sehr früh auswendig gelernt. Er folgte dem General mit ein wenig mehr Energie in dessen Arbeitszimmer. Immerhin war eines an diesem Satz richtig. Es handelte sich um sein Volk und er durfte einfach nicht zu müde sein, um sich darum zu kümmern. /Was auch immer ich tun kann, viel wird es nicht sein, denke ich./


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh