Zwischen den Welten

21.

Das Arbeitszimmer war in demselben kühlen Stil möbliert wie die Zellen. Weißer Schreibtisch, weiße Sessel, ein eckiger Kamin, in dem noch nie ein Feuer gebrannt hatte. Aber dazwischen standen überall Pflanzen, ein Urwald in Tontöpfen nahezu. Niel beschloss, dass er den Raum trotz der Kühle mochte.

Er folgte Cahal und ließ sich ihm gegenüber nieder, wartete, dass der General ihn informierte, wie der Stand in der Stadt, im Rat war und erschrak über den Ernst der Lage. Es war eine schwere Entscheidung. Hier waren sie nun. Ein verwirrter, übermüdeter Prinz und ein kompetenter General. Niel überlegte nicht lang, sondern hielt dem General seine Hand hin. "Wenn Sie mir das Zepter bringen, Cahal, rufe ich eine Handelsvollmacht für Sie aus."

"Vollmacht ja, aber nicht öffentlich. Dennoch danke ich Ihnen für Ihr Vertrauen. Die Lage ist ernst, aber nicht derart ernst, würde ich meinen. Ich halte es nicht für klug, bekannt zu geben, dass Sie am Leben sind. So ist Ihr Aufenthalt geheim, niemand außer mir weiß, wo Sie sich befinden. Wir haben Glück gehabt, dass es meine Leute waren, die Sie zuerst gefunden haben."

Für einen kurzen Moment lächelte Cahal, was sein Gesicht gleich etwas weniger unnahbar erscheinen ließ. "Es wäre mir schwer gefallen, mich an einen anderen Prinzen zu gewöhnen, Hoheit." Dann wurde seine Miene wieder ernst. "So lange Ihr Vater noch derart weit weg – und wie ich bemerken muss, im Moment auch durch Funk nicht erreichbar – ist, sind meine Streitkräfte denen der anderen Generäle, die sich immerhin auf einen Weg geeinigt haben, unterlegen. Mir ist eine große Last abgenommen dadurch, dass ich Sie sicher weiß; jetzt kann ich verstärkt daran arbeiten, dass Ihr Vater zurückkommen und sein Reich noch als das seine vorfinden kann."

/Glück gehabt? Gewöhnen? Ich weiß ja nicht./ "Danke für diese Bedachtheit. Was schlagen Sie also vor?" Übermüdet begann Niel an seinen Haarsträhnen zu zupfen. Dann streckte er sich gähnend, entschuldigte sich und zupfte sein Hemdchen rasch wieder weiter herunter. /Hoffentlich will er keine Sitzung in meiner Anwesenheit abhalten. Ich hab auf der Fähre so wenig Schlaf bekommen./

Cahal musterte ihn nachdenklich, dann machte er eine entschiedene Handbewegung und erhob sich. "Ich schlage vor, dass Sie sich erst einmal zum Überdenken der Lage zurückziehen. Unter diesen Umständen kann man nicht vernünftig diskutieren, Hoheit."

Sein Ton sagte mehr als deutlich, dass er keine Widerrede akzeptieren würde. "Kann ich noch etwas für Sie tun? Wollen Sie morgen etwas bestimmtes, wenn Sie aufwachen – außer dem Zepter? Ach ja, möchten Sie zusammen mit Jashuun untergebracht werden? Dann werde ich Ihnen ein anderes Zimmer geben."

"Nein, ich wünsche nicht mit meinem Lehrer untergebracht zu werden, danke schön. Das Zepter ist nur dann nötig, wenn sie meinem Wort ohne nicht trauen." Er sah den General an, als würde er glauben, dass dieser eben das nicht tat. Dann erhob er sich trotz der Müdigkeit möglichst energisch und ging auf die Tür zu.

/Er behandelt mich wie ein Kleinkind, blöder, arroganter, idiotischer.../ Niel hörte mit den Anschuldigungen auf, als ihm an der Tür bei dem Blick auf die vielen Pflanzen Milan einfiel.

Während er mit Cahal zu dem Zimmer ging, in dem er mit Sicherheit von Kameras überwacht schlafen würde, überlegte Niel fieberhaft, wie er Cahal erklären konnte, dass Milan nichts passieren durfte, ohne zuzugeben, dass ihm mehr an dem jungen Menschen lag.

Endlich erreichten sie eine Tür, und er drehte sich davor entschlossen zu dem General um und erklärte "Ein junger Mensch, ein noch nicht registrierter Sklave der letzten Lieferung, hat mir geholfen. Wenn Sie ihn bitte für mich finden und zum Shaatempel bringen würden, damit ich mich standesgemäß bedanken kann."

In dem Moment, indem Cahal seine Hand auf das Türschloss legte, sah Niel die Schrammen daran und senkte den Kopf ein wenig. Er blieb in dem Durchgang abermals stehen und murmelte "Entschuldigen Sie, dass ich Sie... verletzt habe." Leicht strich er über eine der Schrammen, dann ließ er seine Hand sinken und ging ohne zurückzublicken in den dämmrigen Raum, wo er sich auf das Bett fallen ließ, bevor die Tür sich schloss.

Ein Lächeln glitt über Cahals Gesicht, als ihm der Blick auf den Prinzen entzogen wurde und somit auch diesem der Blick auf ihn. Einen Moment noch blieb er vor dem Raum stehen, in dem Niel sich in Sicherheit befand, spürte dem Gefühl nach, das die schlanken Finger auf seiner Haut hinterlassen hatten. Es überraschte ihn, dass der Prinz ihn überhaupt berührt hatte. Cahal wusste, dass er ihn nicht besonders mochte. /Zu alt, zu ernst, zu kalt, zu arrogant./ So oder ähnlich lauteten die Vorwürfe. Und das von jemandem, der einen Mann wie Jashuun als seinen Geliebten bezeichnete.

/Bezeichnet hat./ Der Gedanke war angenehm und vertiefte Cahals Lächeln. Er legte die Hand auf das glatte, kühle Glas, gegen das selbst seine helle Haut noch dunkel wirkte. "Ich werde Ihre Menschen finden, Hoheit", versprach er, auch wenn Niel ihn nicht hören konnte.

Dann straffte er die Schultern, wandte sich abrupt ab und ging schnellen Schrittes in sein Arbeitszimmer zurück. "Ich weiß nur noch nicht wie", knurrte er, als er sich hinter seinen Schreibtisch setzte und den Computer hochfuhr. "Ein nicht registrierter Sklave. Großartig."

Er überlegte, ob er noch einmal zu dem Prinz zurückgehen sollte, um ihn nach ein wenig mehr Informationen zu fragen. Doch vielleicht war er schon eingeschlafen, so müde wie er gewesen war. Fast war er ihm auf dem Stuhl eingenickt. Er zögerte, dann gab er den Befehl ein, der den Bildschirm auf Kamera umschaltete, um in Niels Zimmer zu sehen.

Niel lag auf dem Bett, noch immer angezogen, das kleine, erschöpfte Gesicht von wirren Haarsträhnen umspielt, die Augen geschlossen. Ein Arm lag über dem Kopf, der andere hing vom Bett herab. Der junge Jumer rührte sich nicht, nur sein Brustkorb bewegte sich sacht im Rhythmus seines Atems.

/Er schläft/, dachte der General und beobachtete ihn weiter, ohne zu merken, dass das Lächeln auf sein Gesicht zurückkehrte. Das erste Mal seit dem Verschwinden des Prinzen fühlte er wieder Frieden in sich. Es hatte ihn fast wahnsinnig gemacht, nicht zu wissen, wo sich Niel befand und zu fürchten, dass einer der anderen Generäle ihn vielleicht in die Gewalt bekommen hatte.

/Und jetzt ist er nicht einmal mehr mit diesem herrischen Priester zusammen. Der war nicht gut für ihn, er hat fast das Lachen verlernt, wenn er in seiner Nähe war./ Eigentlich hatte Cahal wieder weg schalten wollen, doch er schob das Bild des schlafenden Prinzen nur in den Hintergrund, als er den Code für einen der Offiziere, die Niel gefunden hatten, in das Funkgerät an seiner Hand eingab. Er hatte die vier kurzerhand zum Dienst in der Pyramide abkommandiert, damit sie nicht in Gefahr liefen, etwas auszuplaudern. Vielleicht wussten sie mehr und konnten ihm einen Anhaltspunkt geben, wer die beiden Menschen sein mochten.

 

Jeremis war schon soweit, dass er sich in das Bett fallen lassen und in tiefen Schlummer versinken wollte, als Raoul ihm zu Hilfe kam, indem er die Nachrichten anschaltete und erklärte, dass er nach den Spätmeldungen auch ins Bett gehen würde, da er am nächsten Morgen noch zu arbeiten hatte.

Er hatte Milans Gesellschaft schon wieder viel zu sehr genossen. Die ruhige Art, mit der Milan Dinge von der Erde erklärte, nach den Zusammenhängen auf Jume fragte. Die Art, mit der Milan halb akzeptiert zu haben schien, dass auch er auf Jume würde leben können, gab Jeremis Zufriedenheit.

/Ach, hör doch auf, Jer! Er will bleiben, aber nur wegen des kleinen Prinzen, der ihm den Kopf und Körper verdreht hat. Mit einem menschlichen Mann würde er doch nie in Erwägung ziehen.../ Ihm wurde unerwünscht heiß, als er daran dachte, was alles Milan nicht in Erwägung ziehen würde, und er entschuldigte sich rasch, um vor dem anderen im Bett zu liegen.

"Ich komme nach, sobald die Nachrichten vorbei sind." Milan grinste Jer an. "Nicht quer aufs Bett legen, hörst du? Sonst leg ich mich einfach auf dich, das wird unangenehm." Er zwinkerte ihm zu und wandte sich dann den Spätmeldungen zu.

Zu Hause hatte er sich gar nicht dermaßen für Nachrichten interessiert, doch er hoffte, dass sie etwas über Niel bringen würden. Raoul und Jeremis hatten es gemeinsam geschafft, ihn abzulenken, so dass er den Nachmittag über nicht allzu viel gegrübelt hatte, aber jetzt merkte er mit nur zu großer Deutlichkeit, dass der sich Sorgen machte. Heftige Sorgen.

"Gute Nacht, Raoul. Und nein, Milan, ich werde mich nicht quer legen, keine Angst." /Auch wenn das eben sich fast wie ein herrliches Versprechen angehört hat./

Jeremis wusch sich schnell und zog sich im Dunkeln um, lauschte auf die summenden Geräusche der Stadt um sie her, während er seufzend in den herrlich duftenden Laken verschwand und die Augen halb schloss.

Die Sprecherin erschien, die Milan mittlerweile ohne Probleme wiedererkannte. Sie schienen irgendwie nur die eine zu haben; nach einer freundlichen, nichts sagenden Begrüßung begann sie von der Exekution zu erzählen, während Bilder von dem Platz und der gaffenden Menge, von dem emotionslosen wirkenden Jashuun eingeblendet wurden.

/Exekution...?/ Milans Augen weiteten sich; ungläubig starrte er auf das Lichterspiel, das hinter den Milchglasscheiben aufleuchtete. /Aber.../ Er spürte, wie etwas Kaltes nach seinem Herz zu greifen schien, wie sich sein Magen verkrampfte. /Niel? Wo bist du? Was ist.../ Ein eisiger Schauer rann durch ihn hindurch; er wollte wegsehen, doch er konnte nicht, bis die Bilder erloschen und wieder die mittlerweile eher unberührte Sprecherin zeigten.

"Scheiße", flüsterte er und starrte auf den Boden. Seine Augen brannten, und er konnte fühlen, wie seine Kehle enger und enger wurde.

"Milan... Du musst dir noch keine Sorgen um ihn machen." Raouls Stimme drang kaum bis zu ihm durch, doch dann hob er den Kopf und sah zu dem großen Mann hin, der trotz seiner Worte selber ein wenig verwirrt und geschockt wirkte. "Immerhin hat er behauptet, der Prinz zu sein. Vielleicht haben sie ihn nicht sofort wiedererkannt und ihn erst mal eingesperrt. Das ist zwar ungut für den Priester, aber..." Er verstummte, schien selber nicht so recht zu glauben, was er sagte.

Doch Milan nickte, kämpfte gegen die Tränen an. /Aber das ist doch nicht alles... er wird... er hält sich... Niel, wo steckst du? Gott, ich habe Angst um dich! Ich will bei dir sein... ich.../ Er ballte die Fäuste und stand abrupt auf. "Ich gehe dann auch mal", brachte er gepresst hervor. "Gute Nacht."

"Schlaf gut ", hörte er Raoul noch sagen, ehe er das Wohnzimmer verließ. In Milans Ohren klang es eher wie Hohn als wie ein gut gemeinter Wunsch, auch wenn er wusste, dass es nicht so war. Wie betäubt ging er zu dem Gästezimmer, die Gedanken nur bei seinem kleinen, fröhlichen Geliebten, der irgendwo im Palast stecken musste und die Hinrichtung nicht hatte verhindern können.

Er fühlte sich wie in einem Albtraum gefangen, als er zu der Seite seines Bettes ging und die Schlafanzughose aufnahm, ohne Jeremis anzusehen. Gedankenlos streifte er die Schuhe von den Füßen, ehe er sich auf die Kante der Matratze setzte und das Hemd aufzuknöpfen begann, nur um mitten in der Bewegung innezuhalten, ohne es auch nur zu merken. /Sie haben Jashuun hingerichtet, und Niel ist nicht zurückgekommen. Niemand sagte, dass der Prinz wieder aufgetaucht ist. Niel.../

Jeremis blickte eine Weile lang auf den steifen Rücken, auf die Haltung der Schultern und fragte endlich weich und besorgt "Waren die Meldungen nicht gut, Milan? Du siehst verwirrt aus."

Die warme, sorgende Stimme war zu viel. Milan kniff die Augen zusammen, doch er konnte die Nässe spüren, die sich ihren Weg über seine Wangen bahnte.

"Scheiße, nein", sagte er erstickt. "Jashuun ist tot und von Niel keine Spur. Jer, ich... ich hab Angst um ihn."

/Oh, oh, Mist. Milan... nicht doch... nein./ Ihn traurig zu sehen, seine tränenreiche Stimme zu hören, war nicht gemacht, um Jeremis zu helfen. Er konnte nicht anders. Rasch befreite er sich aus den Laken und setzte sich zu dem zusammengesunkenen, jungen Mann, um ihm einen Arm um die Schultern zu legen, die er ein wenig drückte. „Niel kann sehr gut auf sich achten. Er war in Begleitung von den Soldaten eines sehr mächtigen Generals. Ich bin mir sicher, dass er beschützt wird.“

Milan schluchzte leise auf und lehnte sich dankbar an Jeremis, vergrub das Gesicht an seiner Schulter. "Aber warum ist dann noch nichts davon in den Medien, dass der Prinz lebt? Warum ist Jashuun tot? Und auch wenn er in Sicherheit ist, er wird sich furchtbar Vorwürfe machen, dass es seine Schuld ist, dass... und ich bin nicht da, um ihn zu trösten", flüsterte er und klammerte eine Hand in das Bettlaken.

"Sch... Milan. Morgen früh wirst du Niel wiedersehen, dann wird er dir sagen, dass er nur im Rat aufgehalten wurde. Sie wollen bestimmt seine Geschichte hören, und er will sie nicht auf die Spur eines unregistrierten Sklaven bringen." Jeremis hatte begonnen, über Milans Rücken zu streicheln und wurde sich dessen erst verspätet bewusst, als seine Finger in die Haare gerieten, bevor er wieder der Wirbelsäule folgend abwärts streichelte.

"Er wird herkommen und dich abholen, Milan. Morgen schon. Das wirst du sehen", murmelte er und fühlte, wie sein Herz schwer wurde. /Das wird er, aber nur, um das Herz des jungen Mannes dann in einigen Jahren richtig zu brechen, wie können die Jumer nur so unbedacht sein! Wie können sie nur!/

"Ich hoffe es..." Langsam verebbten Milans Tränen; er wollte Jeremis glauben, wollte ihm so gerne glauben. Die Berührung war beruhigend, tröstend, ebenso wie die Wärme und der Geruch, der von dem anderen Mann ausging.

Erschöpft schloss Milan die Augen, blieb an ihn gelehnt sitzen, nicht bereit, die Nähe aufzugeben. "Danke, Jer." Er tastete nach der Hand, die nicht auf seinem Rücken ihre sanften Bahnen zog, und drückte sie, um sie dann einfach weiter festzuhalten. "Für alles. Raoul kann sich glücklich schätzen, einen Freund wie dich zu haben", murmelte er.

Jeremis fühlte eine warme Welle der Zuneigung und drückte die Finger in seiner Hand leicht, bevor er leise murmelte "Ich bin auch dein Freund, Milan." Mit sanfter Gewalt entzog er sich der Umarmung, bevor er noch zu sehr begann, sie zu genießen. Er hatte diese Nähe viel zu lange schon vermisst, sein Körper protestierte, als er aufstand und Milan vorsichtig aus dem Hemd pellte, das ihm noch lose um die Schultern hing.

Entfernt dachte Jeremis daran, wie Milan in der Wanne ausgesehen hatte, aber verwarf weitere Träume, bevor sein Körper ihm noch einen Streich spielte, der peinlich enden konnte. "Leg dich schlafen. Hier, ich helfe dir eben mit deinem Shirt."

Wie eine Puppe ließ Milan zu, dass Jeremis ihm beim Umziehen half und erlaubte dem anderen dann, dass er ihn unter das eine Laken schob, bevor Jeremis sich unter das andere legte. "Schlaf darüber. Wir werden jetzt in der Nacht ohnehin nichts tun können."

Milan nickte, unendlich dankbar für Jeremis' Fürsorge. Er wusste, am nächsten Morgen würde er sich albern vorkommen und sich deswegen schämen, aber jetzt war es tröstend und angenehm. Am liebsten hätte er seine Decke einfach ignoriert und wäre zu Jer gekrabbelt, um sich an ihn zu schmiegen. Oder wenigstens eine Hand zu ihm strecken, um sie von dem anderen Mann halten zu lassen. Stattdessen vergrub er das Gesicht im Kissen, als Jeremis das Licht ausschaltete und dachte an Niel, bis er einschlief.

Jeremis lag noch einen Moment lang wach, starrte zuerst an die Decke hoch, dann auf seine Finger, auf seine Hände, mit denen er Milan gestreichelt hatte. /Das hätte ich nicht tun sollen. Alles wird so schwer werden für mich./ Aber er war fest entschlossen, seine Gefühle erst recht nicht zum Anlass zu nehmen, Milans und Niels Beziehung zu stören. Auch wenn er von der Unmöglichkeit eines Zusammenseins wusste, auch wenn er wusste, dass es sehr bald enden würde, wollte er nicht schuld daran sein, wenn Milan traurig war, niemals.

 

Milans erster Gedanke beim Aufwachen galt Niel, seinen dunklen Augen, seinem fröhlichen Lachen. Seinen Küssen am Morgen, noch bevor sie das Bett verlassen hatten. Milans Herz krampfte sich zusammen, als er sich vorstellte, dass er das alles vielleicht nie wieder... Hastig vertrieb er den Gedanken, nur um sich daran zu erinnern, wie Jeremis sich am Abend zuvor um ihn gekümmert hatte und um festzustellen, dass er sich geirrt hatte. Er schämte sich nicht, zumindest noch nicht. Irgendwie machte Jer es unmöglich, dass es ihm peinlich war.

Milan drehte sich zur Seite, um zu dem anderen Mann hinzusehen. Dieser schlief noch, das Gesicht ihm zugewandt, und gab ihm alle Möglichkeit, ihn zu betrachten. Er war so entspannt, wirkte im Schlaf noch viel offener als im Wachen und irgendwie auch sehr verletzlich. Die Falten um den weichen Mund, um die Augen und auf der Stirn waren etwas weniger tief, und Milan ertappte sich bei der Vorstellung, dass er sie mit einem Finger nachzeichnen wollte.

/Wie machst du es nur, dass alles so selbstverständlich bei dir wirkt?/, dachte er, als ihm die Worte wieder einfielen, die Jer ihm gesagt hatte. 'Ich bin auch dein Freund, Milan.' Er lächelte und streckte die Hand nun doch nach ihm aus, um ihm eine wirre Strähne aus der Stirn zu streichen.

"Und ich der deine", murmelte er leise.

Jeremis streckte sich und gähnte verhalten, dann wurde er nach und nach wacher. Jemand berührte ihn und im Halbschlaf hob er die Hand, um die Finger einzufangen, die ihn leicht kitzelten.

"Hmmm, ich schlafe noch", murmelte er leicht lächelnd und schloss die Augen wieder, da die Sonne schon in das helle Zimmerchen schien, ungewohnt aus seinem eigenen Zimmer in den Bergen.

"Dann sprichst du im Schlaf sehr deutlich", neckte Milan und lachte leise. "Guten Morgen." Er umfasste seinerseits Jeremis' Hand, um sie sacht zu drücken. /Ja, du bist ein Freund. Auch wenn wir uns erst so kurz kennen. Neben Jens vielleicht sogar der beste, den ich je hatte./ Der Gedanke an Jens schickte eine Spur von Traurigkeit, doch er vergaß sie beinah sofort wieder über Jeremis' Lächeln.

Jeremis lachte leise auf und drehte sich zu Milan um, ohne dessen Hand gehe zu lassen. "Ich schlafe noch, das ist sicher", entgegnete er gemütlich. "Denn sonst wäre die einzige sinnvolle Möglichkeit, dass ich aufstehen muss. Das geht noch nicht, nicht im Urlaub."

Er öffnete einen schmalen Schlitz seiner Augen und betrachtete Milan, der in einem Sonnenflecken auf dem Bett lag und das Laken von sich geschoben hatte. Die schlanken Glieder, das schmale, hübsche Gesicht, das ihn freundlich und ausnahmsweise einmal nicht mit wütenden oder enttäuschten Blicken aus diesen faszinierenden Augen bedachte. /Juwel hat Niel gesagt. Gemeint hat er damit die Augen, sie wirken wie Vilastein./

"Hast du gut geschlafen?"

"Hmhm." Milan nickte. "Erstaunlich gut." Er wollte sich noch einmal bedanken, kam sich dabei dann aber doch albern vor. Nahezu ohne es zu merken, begann er, Jeremis' Hand sacht mit dem Daumen zu streicheln, verdrängte die träge Vermutung, dass es keine gute Idee war und zu Missverständnissen führen konnte. Jens und er hatten schließlich auch miteinander kuscheln können, ohne dass einer von ihnen etwas falsches gedacht hatte. "Wahrscheinlich hast du recht, und er hat mit Formalitäten zu kämpfen." Milan gähnte und lächelte dann. "Ich kann dir irgendwie immer nur zustimmen, auch mit dem Aufstehen. Das ist definitiv noch zu früh."

Jeremis konnte sich ohnehin nicht mehr rühren. Milans Streicheln paralysierte ihn. /Er macht das aus Reflex, nicht weil er dich streicheln will, du alter Idiot!/ So zu denken, half ihm dabei überhaupt nicht. Er legte den Kopf auf den Arm, ließ sich streicheln, genoss den Anblick des Mannes neben sich und begann ihm dann zu erzählen, was man alles in Jumelaan unternehmen konnte.

Er erzählte wahllos von dem Minenmuseum, das von Menschen betrieben wurde und die Arbeit dort erklärte, der tropische Park, in dem sich Milan noch einmal all die Pflanzen ansehen konnte, an denen er im Dschungel vorbeigelaufen war, von dem Gleiterpark, indem man verschiedenen Sorten von Fähren fliegen lernen konnte, von dem Einkaufsviertel, in dem sie sich gerade befanden.

Jeremis wollte es nicht sagen, aber er dachte dabei schon, dass er wirklich reich genug war, um Milan einzuladen, um ihm eigene Hosen und Hemden zu kaufen, nach dessen Geschmack natürlich.

Lächelnd überlegte er, dass Milan erstaunlich aussehen würde, wenn man ihn dazu bringen könnte, sich in die Obhut eines ajester Schneiders zu begeben.

/Das kann ich ihm unmöglich vorschlagen. Das Wort sexy kommt bei den kleinen Gaunern in jedem zweiten Satz vor, und sie sind so indiskret./ Aber ein Spaß würde es schon werden, und sexy war Milan sowieso, ganz gleich, was er anhatte.

Milan hörte ihm zu, ohne den Blick von ihm zu lassen, lauschte auf die Stimme und ließ sich von ihrer Ruhe einhüllen. Jeremis' Haut unter seinen Fingern war ein wenig rau durch Schwielen, aber weicher auf der Oberseite und so schön warm. Es war angenehm, ihn zu berühren. Es gab ihm Nähe und zeugte von Vertrauen, dass der andere ihn gewähren ließ und sich ihm nicht entzog. Ein wenig fühlte er sich wie außerhalb der Zeit, außerhalb auch nur eines bestimmten Ortes, als würde er mit Jer in einem eigenen Universum dahintreiben, das aus ihnen und diesem Bett bestand und den Sonnenstrahlen, die durch das Fenster hereinfielen und helle Pünktchen in Jers grüne Augen malten.

"Das klingt alles wirklich interessant. Besonders der botanische Garten würde mich interessieren", sagte er schließlich, als Jeremis verstummte. "Und das Minenmuseum. Und der Gleiterpark." Dann musste er lachen, als er merkte, dass er dabei war, alles noch einmal aufzuzählen, was der andere ihm genannt hatte. "Okay, ich kann mich nicht entscheiden. Ich will alles sehen. Raoul hat heute noch zu tun, nicht? Hast du nicht Lust, mich ein wenig durch Jumelaan zu führen?"

Jeremis lachte leise, dann entzog er sich Milan vorsichtig und langsam. Der junge Mann war so begeisterungsfähig, das gab Jeremis auch Energie. "Ich werde mich schnell waschen und anziehen und gehe dann schon einmal zu Raoul runter. Ich denke, wir sollten schon das Frühstück in den ajester Teil der Stadt verlegen. Dann können wir uns dort auch ein wenig nach Kleidung für dich umsehen. Sicherlich willst du einmal eine Hose haben, die dir nicht zu weit ist?"

Erst wollte Milan protestieren, doch dann ließ er es bleiben. Jeremis wusste, dass er kein Geld hatte, und er bot so etwas nicht aus Höflichkeit an, wenn er es gar nicht wirklich wollte. /Umgekehrt würdest du das doch auch machen. Und ehrlich, du wärst ein wenig verärgert, wenn er ablehnen würde. Also, du wirst jetzt aufhören mit solchen Gedanken und ihm einfach zurückgeben, was du kannst, wenn es sich anbietet./ Der Entschluss tat gut, und Milan nickte und grinste. "Ja, das wäre schon nicht schlecht. Danke."

Bedauernd stand Jeremis auf und ging zum Bad, wo er sich rasch wusch und anzog. Als er die Treppen hinunterlief, hörte er noch, wie Milan sich aus dem Bett erhob.

Der Laden war leer, und Raoul saß an seinem kleinen Tischchen und trank aromatischen Tee aus einer kleinen Tasse.

"Guten Morgen, Raoul." Jeremis umarmte ihn schnell und setzte sich zu ihm. "Ich werde mit Milan in der Stadt umherziehen. Wir melden uns ab und zu bei dir, um zu fragen, ob der Jumer wieder aufgetaucht ist, ja?"

Er ließ die Blicke über die Stoffballen streifen, dann fragte er rasch "Beschreib mir doch noch einmal, wo dieser Schneider seinen Laden hat, bei dem Kenny sich immer einkleidet. Ich will Milan meine alten Sachen nicht mehr antun." Er sah aus dem Augenwinkel, wie Raoul zu grinsen anfing, aber machte ein ausdrucksloses Gesicht. /Noch nicht, mir egal, wie sehr du grinst, noch fragst du bitte nicht!/, befahl er ihm im Geiste.

Raouls Grinsen wurde noch breiter, als er ihm die Adresse nannte und ihm den Weg dorthin erklärte. Ansonsten sagte er nichts dazu, aber seine Gedanken waren nur zu deutlich in seiner Miene abzulesen. Er wurde auch nicht wieder viel ernster, als Milan nach kurzer Zeit herunter kam und ihm einen guten Morgen wünschte.


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© by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh