Zwischen den Welten

22.

"Raoul hat aber gute Laune heute", bemerkte Milan leicht amüsiert, als sie etwas später die Straße herunter schlenderten. "Er sah aus, als hätte er gerade den Auftrag des Jahres an Land gezogen."

Jeremis seufzte ein wenig, dann erklärte er fröhlicher "Ach, der ist immer ganz gut drauf. Wir gehen am besten in den kleinen Nebenstraßen entlang." Jeremis führte Milan in das wilde ajester Viertel, wo etliche Cafés unter farbenfrohen Markisen zum Frühstück einluden. Er half Milan beim Bestellen und erzählte ihm von den unterschiedlichen Kulturen, während er lächelnd bemerkte, dass nun nicht Niel, sondern er einmal um den attraktiven Begleiter beneidet wurde.

Nachdem er bezahlt hatte, was man auf Jume durch einen Fingerabdruck erledigen konnte, schleifte er Milan durch die Marktstände und Ladenpassagen, an einigen Brunnen und kleineren Tempeln vorbei zu dem Eckgeschäft des Schneiders.

Der Schneider war in der Herstellung der typischen ajester Kleider, nämlich engen Hosen aus strahlenden Farben, farbenfrohen, leichten Hemden und diesen merkwürdigen, individuellen Kopfbedeckungen ganz gut, aber konnte sich auch auf andere Anforderungen einstellen.

Schweren Herzens erklärte Jeremis dem begeistert mit Milan flirtenden Schneider mit den dunkelvioletten Augen und permanent sich drehenden Ohren, dass Milan nicht in die Berge zurückgehen würde, weswegen er also eher leichte Kleidung benötigen würde.

Während Milan fasziniert immer wieder zu den Ohren des Ajesters hinsah, ließ er sich ausmessen, flirtete ein wenig zurück, was ihm unerwartet viel Spaß machte, verdrehte lachend die Augen, als der kleine Mann erklärte, dass sein Freund – wobei er einen bedeutungsvollen Blick zu Jeremis warf – um einen solchen Geliebten wie ihn zu beneiden wäre und schaute immer mal wieder eben zu eben diesem hin, lächelte ihm zu und begann das Spiel zu genießen.

"Er ist nicht besonders glücklich, weil ich für längere Zeit in Jumelaan bleiben werde", flunkerte er dem Schneider fröhlich vor, was diesen zu dem augenzwinkernden Angebot verleitete, dass Milan ihn gerne öfter besuchen kommen könnte, um sich die Einsamkeit vertreiben zu lassen.

Schließlich konnte Milan sich in einem großen Spiegel hinten im Laden betrachten, während der Ajester ihm einen zweiten hielt, damit er sich auch von hinten sehen konnte. Milan nickte äußerst zufrieden. Es stand ihm eindeutig besser als die alten Sachen von Jer.

Die braune, einfarbige Hose war hauteng und saß ihm nur knapp auf den Hüften, betonte sowohl seine Beine, als auch seinen Hintern. Das Hemd bestand aus einem dünnen, fließenden Stoff, der in den verschiedensten Bernsteintönen meliert war und seine Augen noch eine Stufe intensiver erscheinen ließ. Die Ärmel lagen am Oberarm eng an, wurden nach unten zu weiter und endeten am Handgelenk in einem breiten Bündchen, das von einem dunklen, mattschimmernden Holzknopf zusammengehalten wurde. Der Schneider hatte ihm sogar aus dem benachbarten Schuhgeschäft – "Es wird von meinem Bruder geleitet, ich kann es nur empfehlen!" – ein neues Paar Stiefel aus weichem Wildleder gebracht, die bis zur Mitte der Wade reichten.

/Ob Jer einverstanden ist? Immerhin ist es sein Geld, was ich hier verbrate/, dachte Milan und lächelte. "Ich muss noch meinen Schatz fragen", erklärte er mit einem kleinen Lachen und kehrte in den vorderen Teil des Ladens zurück, wo Jer geduldig auf einem Stuhl in der Ecke saß und wartete.

"Jer, schau mal. Gefalle ich dir?", fragte er mit einem Grinsen und zwinkerte ihm verschwörerisch zu, hoffend, dass der andere Mann den Wink verstand, ehe er sich einmal um sich selber drehte.

Jeremis hustete leicht, als er mitbekam, dass Milan dem Schneider etwas vormachte. Andererseits war es unter Ajestern immer die sicherste Art, wenn diese annahmen, dass man vergeben war. Er lächelte Milan deswegen an und nickte, bevor er anerkennend erklärte "Man hat dich nicht von ungefähr empfohlen. Das ist herrliche Kleidung!" Und das war sie wirklich. Milan war noch einmal so schön. Jeremis war sich sicher, dass der restliche Nachmittag mit seinem Besuch anstrengend werden würde.

Doch erstaunlicherweise gewöhnte er sich daran, Milan so zu sehen, mit ihm zusammen zu sein. Es gab keine peinlichen Momente zwischen ihnen, keine Missverständnisse mehr. Milan schien im Gegenteil zu beginnen, ihn zu verstehen, während sie durch das Dschungelhaus liefen und die verrücktesten Tiere und Pflanzen erklärt bekamen, während sie dann in dem Minenmuseum alles über die Edelsteine lernten, die Menschen für Jumer abbauten.

Dort erinnerte sich Jeremis auch an sein erstes Jahr auf Jume. Die einzige Zeit, in der er nicht glücklich gewesen war. Die Zeit in der Dunkelheit der Minen, in der Gefahr, zwischen den aggressiven, verwirrten Arbeitern und nur wenig überwacht von gleichgültigen Jumern. Hier im Museum wurde alles wesentlich romantischer dargestellt.

Um sich abzulenken, kaufte Jeremis Milan in dem Laden einen Vilastein, den dieser an einer kleinen Kette um den Hals tragen konnte. "Wie deine Augen", erklärte er leise und wendete sich ab, um Milan nicht sehen zu lassen, dass er es als Kompliment und nicht als bloße Tatsache meinte. /Das darfst du nicht. Er ist in den Jumer verliebt./

Dadurch entging ihm, dass Milans Wangen sich plötzlich dunkler färbten. Es waren weniger die Worte, als vielmehr der Ton in Jeremis' Stimme, der ihn zum Erröten brachte, das und das unerwartete Geschenk. Milan sah auf den kleinen Schmuckstein hinab, dann auf Jers Rücken und fragte sich, wieso ihm diese freundschaftliche Geste das Blut ins Gesicht trieb.

"Danke", murmelte er verlegen und legte sich die Kette um, nur um an dem kleinen Verschluss zu verzweifeln, den er nicht sehen konnte und der ihm immer wieder entglitt. "Hilfst du mir mal, Jer?", fragte er schließlich und hielt ihm die Kette hin, während er gleichzeitig die Haare aus dem Nacken nahm.

Er sah den anderen Mann an, während dieser in seinem Nacken mit dem Verschluss kämpfte. Das Kribbeln, das die Berührung in ihm auslöste, verwirrte ihn. /Ich mag seine Ruhe. Ich mag seine Hilfsbereitschaft. Seine Art, alles auf Jume als gegeben hinzunehmen, bringt mich manchmal zur Weißglut. Aber ich mag, wie er seine Heimat verteidigt. Ich mag seine Stimme. Das Lächeln in seinen Augen. Aber ich bin in Niel verliebt. Was also soll das?/

Doch als sich die großen Hände aus seinem Nacken lösten, bemerkte er erschrocken, wie er sich vorbeugte, wie seine Lippen in einem kurzen und flüchtigen Kuss Jeremis' streiften. /Was tust du?/, fragte er sich entsetzt, doch die Wärme und Weichheit des anderen Mundes brachten ihn nur dazu, sich mehr davon zu wünschen, herausfinden zu wollen, wie der andere schmeckte und ob sich seine Küsse so gut anfühlten wie sie zu sein versprachen.

Jeremis erstarrte, als Milan ihn küsste. Seine erste Reaktion war, Milan zu bitten, ihn doch einmal zu kneifen, nur so nebenbei, um ihn in die Realität zurück zu holen. Doch die Sonnenaugen des jungen Mannes sahen ihn verträumt an, die Lippen waren leicht geöffnet und zu einem Lächeln verzogen. Jeremis konnte nicht mehr anders reagieren, als die Hände vom Nacken nach vorn streichen zu lassen, um Milans Kinn ein wenig anzuheben, bevor er den Kuss erneuerte, wenn auch nur ganz zart.

Ein Gefühl wie von einer Wolke winziger Schmetterlinge flatterte durch Milans Bauch, als er den weichen, behutsamen Mund erneut spürte. Er lehnte sich vor, gegen den anderen Mann, und schloss die Augen, als alle Gedanken verschwammen. Seine Hände fanden Halt auf der kräftigen Brust, er konnte die Wärme durch den Stoff spüren, bildete sich für einen Augenblick ein, auch den Herzschlag zu fühlen. Sanft erkundete er die Jeremis' Lippen, streichelte sie mit seinen, zupfte, liebkoste sie.

Jeremis Herz raste, während er, sich nicht um die Umgebung, nicht um die Gruppe kichernder Ajester und schon gerade nicht um den Wärter an der Tür kümmernd, eine Hand in die weichen Haare von Milan vergrub, um den Kuss intensiver werden zu lassen. Er spürte gerade, dass er die Luft angehalten hatte, als jemand ihn an dem Ärmel zupfte und der Verkäufer fröhlich verkündete "Es ist wundervoll, wenn sich Geliebte über ein Geschenk freuen! Hier bitte den Fingerabdruck, dann wird der Einkauf registriert."

Die Realität kehrte mit einem dumpfen Schlag zurück, und Jeremis nickte fahrig, bezahlte die Kette und wendete sich dann von Milan ab. /Das war so falsch, so falsch, wie konnte ich nur?!/ Laut brachte er nach einige Atemzügen hervor "Wir sollten uns langsam wieder zu Raoul begeben, er wollte uns zum Mittagessen einen Salat vorbereiten, und die Mittagshitze ist ohnehin nicht besonders gut zum Umherlaufen."

"Ja... ja, das ist eine gute Idee..." Milan nickte noch leicht benommen und rieb sich über die roten Wangen, hoffend, dass er bald wieder eine normale Farbe annahm. /Er hat mich geküsst... Ich habe angefangen... Was war das? Wieso...?/ Die viel erschreckendere Erkenntnis war, dass es ihm gefallen hatte. Dass er nicht aufgehört hätte, wenn der Verkäufer nicht dazu gekommen wäre. Dass er ihn gerne wirklich geschmeckt hätte. Gedankenverloren fuhr er mit der Zungenspitze über die Lippen, erhaschte einen Hauch von Jers Geschmack.

/Gott, was tue ich da?/ Mit einem Mal kam das schlechte Gewissen. /Niel steckt sonst wo, vielleicht in Schwierigkeiten, und ich habe nichts besseres zu tun als andere Männer zu küssen!/ Er atmete tief durch, um sein rasendes Herz zu beruhigen, als er Jeremis aus dem Laden in den gleißenden Sonnenschein folgte. /Der Verkäufer hat uns auch für ein Paar gehalten.../

Langsam schlenderten sie zurück, sprachen über Belangloses, über alles Mögliche, nur nicht über den Kuss, während Milan darüber nachgrübelte, ob es ein wirklicher Fehler war, ein Ausprobieren, ob es etwas an der Freundschaft zwischen ihnen ändern würde. Ob Jer jetzt mehr erwartete, was er wollte, was er Niel sagen würde und ob überhaupt etwas...

Als sie in die Straße einbogen, in der Raouls Haus lag, blieb er abrupt stehen. Vor dem Laden standen zwei schwarz uniformierte Jumer, an die helle Hauswand gelehnt. Jeder Gedanke an Küsse war vergessen.

"Ist das jetzt gut oder schlecht?", fragte er Jeremis leise.

Jeremis hob die Schultern und schlug vor, von hinten in Raouls Haus zu schleichen, um zunächst vielleicht eine Übersicht über die Lage zu erhalten. Doch die Worte des anführenden Soldaten schallten durch die flimmernde Hitze in der Gasse zu ihnen herüber.

"... den nicht registrierten Sklaven haben Sie sofort auszuliefern, verstanden, Raoul?"

Raouls Stimme klang angespannt, als er erwiderte "Ich habe keinen nicht registrierten Sklaven gesehen, ich..."

In dem Moment sah Raoul Jeremis und Milan dummerweise und stockte für einen winzigen Moment. Dieser reichte aus, dass die Soldaten noch eben sahen, wie Jeremis Milan in eine Gasse zerrte, von wo er, Milans Hand fest in seiner verschlossen, zu laufen begann. /Ihr werdet ihn nicht bekommen! Er gehört euch nicht! Er muss frei bleiben, frei.../

Hektisch bog er einige Male ab und zog Milan in die wirren Gässchen immer weiter in Richtung Stadtmitte, wo die bunten, zusammengewürfelten Häuser der Ajester Platz für etliche, eben schulterbreite Durchgänge und Treppchen den Berg in Richtung Palast hinauf boten, in denen man sich verstecken konnte.

Die Stimme des Soldaten klang in Milans Ohren wieder und jagte ihm kalte Schauer über den Rücken. /Dieser verfluchte Transmitter! Ich war doch nicht paranoid! Er kann mir Probleme machen, und vielleicht nicht nur mir. Vielleicht auch Jeremis, immerhin... Er hilft mir! Oh Gott, der Idiot hilft mir!/

Doch er entzog ihm die Hand nicht, folgte ihm einfach in das Gewirr der Straßen und Gassen. Er kannte sich ja nicht aus, konnte nur hoffen, dass Jeremis einen sicheren Ort kennen würde. /Und Niel ist immer noch nicht da. Wenn sie mich jetzt eingesperrt hätten, hätte er mich lange suchen können. Wenn.../

Er bekam langsam Seitenstechen, verfluchte seinen kurzen Atem und blieb schließlich stehen, brachte auch Jer dadurch zum Anhalten. Nach Luft schnappend lehnte er sich gegen eine Häuserwand, merkte nicht viel von der Kühle in der engen Gasse, so heiß war ihm. Er spürte den Schweiß seinen Rücken und die Schläfen hinabrinnen, verfluchte das schwüle Wetter. Mit der freien Hand wischte er sich über die Stirn und sah Jer an, wollte gerade etwas sagen, als der andere Mann ihn in eine Nische zog, die ursprünglich wohl als Hintereingang zu einem Keller gedient haben mochte, jetzt aber zugemauert war.

Milan presste die Lippen zusammen und versuchte, leiser zu atmen, als er den harten Laut von genagelten Sohlen auf Pflaster vernahm. Er verstummte kurz, dann setzte er wieder ein, nur um leiser zu werden und schließlich zu verstummen.

"Verdammt war das knapp", keuchte er und lehnte den Kopf gegen den kühlen Stein, schloss für einen Moment die Augen. "Die waren wegen mir da, und nicht von Niel aus, oder?"

Jeremis zog den keuchenden Milan noch einige kleine Schritte weiter in einen schattigen Eingang zu einem Hinterhofgarten, in dem ein Brunnen plätscherte. "Ich weiß es nicht, Milan. Die Soldaten sind schwarz angezogen gewesen. Es waren die Truppen des Generals Cahal Maeldun."

Auch wenn Raoul noch so sehr behauptete, dass Jeremis sich nicht genug kümmerte, so kannte er sich doch gerade in diesen Schichten noch immer viel zu gut aus. Bei den langlebigen Jumern veränderten sich die Dinge eben nicht so rasch.

Er nickte zum Brunnen und strich Milan lächelnd eine verschwitzte Strähne aus der Stirn. "Trink erst einmal einen Schluck, vermutlich sind sie uns nicht hierher gefolgt."

Milan erwiderte das Lächeln schwach, ehe er sich abwandte und sich über den Brunnen beugte. Er spritzte sich erst einige Hand voll Wasser ins Gesicht, ehe er durstig trank. /Großartig/, dachte er bedrückt. /Sie könnten von Niel geschickt sein oder auch nicht./ Er rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht und setzte sich auf den Brunnenrand, sah zu Jeremis hoch.

"Aber wenn sie von Niel kommen würden, hätten sie nicht nach dem unregistrierten Sklaven gefragt", sagte er leise. "Sondern nach Milan."

"Ja, da hast du Recht. Daran hab ich noch nicht gedacht." Jeremis hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als sie Schritte näher kommen hörten. "Verdammt!", zischte er und ergriff Milans Handgelenk, um ihn durch eine Holztür in einen engen Durchgang zu zerren.

Während zwei Soldaten in schwarzen Uniformen in den kleinen Garten traten, sehr offensichtlich, um auch etwas zu trinken, standen Milan und Jeremis sich dicht gegenüber hinter der kunstvoll geschnitzten Holztür zum Garten und hielten die Luft an.

Jeremis hatte keine Chance, Angst zu haben. Ein anderes Gefühl war überwältigender und nahm ihn gefangen. Er hatte sich in Milan verliebt. Der Kuss war nur der letzte Tropfen gewesen, der diese Gefühlskaskade richtig auslöste.

/Ich liebe ihn. Verdammt. Wie sehr hab ich versucht, es zu verhindern! Dieser Starrkopf, so leidenschaftlich, so hitzig, so anstrengend, und er will nicht bleiben, er hasst es hier, will zur Erde zurück. Ich bin ihm zu alt, das ist sicher. Er ist... in einen Jumer verliebt, gegen den ich immer verlieren muss. Alles spricht doch gegen mich, alles, nur dieser Moment nicht... jetzt gerade.../ Jeremis begann zu lächeln.

Er sah Milan in das verschwitzte, angespannte Gesicht, spürte seinen Atem, nahm den herrlichen Duft seiner Haare, vermischt mit dem der Pflanzen und dem der hölzernen Tür wahr und nahm alles in sich auf, um seine Erinnerungen daran so scharf wie möglich zu bewahren.

Dieser Moment. Die Enge, die Hitze in dem stillen Garten, das Abenteuer, dieser Mann vor ihm, es war ein Puzzle, das zusammen das Bild für sein größtes Glück ergab. So glücklich wie in diesem Moment hatte Jeremis sich noch nie zuvor gefühlt, und er konnte nicht aufhören zu lächeln.

Nervös lauschte Milan auf die Geräusche, welche die Soldaten verursachten, hörte ihre leisen Stimmen. Himmel, wie lange wollten sie da noch bleiben? Sie hatten sich doch nicht etwa hingesetzt und wollten rasten?

Unsicher sah er Jeremis an und wurde vollkommen von dem weichen Lächeln überrumpelt, das sich auf das Gesicht des anderen Mannes gelegt hatte. Es wischte seine Sorgen beiseite, ließ ihn die Soldaten vergessen und sogar die flüchtige Frage, was es denn so schönes gab, denn sie beantwortete sich im gleichen Moment selber.

Grüne Augen schimmerten geheimnisvoll im Dämmerlicht des engen Durchgangs, hielten seinen Blick fest und lächelten auf eigene Art und nur für ihn. Wieder konnte er die kleinen hellen Flecken in ihnen erkennen, was nur möglich war, wenn man Jer so nah war wie er jetzt. /Verrückt.../, dachte er verschwommen, als er eine Hand hob und die Lippen des anderen berührte, sacht mit der Fingerspitze entlang fuhr. /Wieso.../

Jeremis erschauderte leicht, dann lehnte er sich in Zeitlupe vor, um Milan noch einmal zu küssen. /Salzig/, dachte er zuerst, als ihre Lippen sich berührten und ihm fiel ein, wie verschwitzt der junge Mann gewesen war. Genau wie er. /Wundervoll/, war der zweite Gedanken, die nächsten ließen sich nicht mehr in Worte fassen, während Jeremis die Augen schloss und den Kopf noch dichter zu Milan brachte.

Wie von allein glitt Milans Hand über Jers Wange, strich durch das feuchte Haar und traf sich dort mit der anderen, die ebenfalls ihren Weg dorthin gefunden hatte. Er grub seine Finger hinein und zog Jeremis näher an sich. Eng schmiegte er sich an den durchtrainierten, kräftigen Körper, taste dem anderen Mann, glitt über die festen und doch nachgiebigen Lippen, schmeckte ihn, was prickelnde Schauer in ihm auslöste und tauchte dann in den warmen Mund.

Wie im Laden zuvor versank die Welt um sie her, und Jeremis kannte nur noch Milan, nur noch dessen Geschmack, das Gefühl seiner Zunge, die in seinen Mund glitt, das Gefühl seines schlanken Körpers, der sich an ihn presste. Doch genau wie im Laden wurden sie unterbrochen.

"Der Sklave... Wer auch immer der andere ist. Mitkommen, aber sofort!" Sie wurden auseinander gerissen und Milan wurde zwischen den beiden Soldaten fortgeführt.

Jeremis rannte ihnen nach. "Wo bringt ihr ihn hin! Er gehört zu mir!" Natürlich wurde er ignoriert, während Milan in einen Gleiter geschoben wurde und rasch außerhalb seiner Sichtweite war.

Deprimiert ging Jeremis durch die Straßen, bis er am Nachmittag bei dem vollkommen besorgten Raoul ankam, um dort nach einer Dusche auf das Bett zu fallen und an Milan zu denken.

 

Milan hatte nicht einmal versucht sich zu wehren. Er war einfach nur überrascht worden, als sie ihn so plötzlich von Jeremis weggezogen hatten, und gegen die beiden bewaffneten Soldaten hatte er ohnehin keine Chance. Es hatte ihn jedoch maßlos erleichtert, dass sie Jer nicht mitgenommen hatten, immerhin würde er wegen ihm nicht in Schwierigkeiten geraden – er, Hame und Kees.

Milan schluckte und sah nach vorne zu den beiden uniformierten Jumern, die ihn vollkommen ignorierten, seitdem sie in dem Gleiter saßen und die auch nicht auf seine Fragen geantwortet hatten, wohin sie ihn bringen würden.

Die Mischung aus Verwirrung, Verärgerung und Angst machte ihm zu schaffen. /Ich habe ihn schon wieder geküsst. Er schmeckt so gut... Verdammt! Wieso habe ich das getan? Und was... was wird Niel nur sagen? Niel... Vielleicht sehe ich ihn nicht wieder. Wenn sie mit mir jetzt das machen, was man normalerweise mit Sklaven macht? Mein Gedächtnis löschen? Das lasse ich nicht einfach geschehen! Das können sie nicht tun! Scheiße, aber wenn doch? Dann bringt es nichts mehr, wenn Niel mich irgendwann findet, weil Jer ihm sagen kann, dass sie mich weggeholt haben. Gott, was mache ich nur?/

Er verkrampfte seine Hände ineinander, überlegte kurz, ob es etwas bringen würde, wenn er die Tür einfach aufreißen und herausspringen würde. Aber es war kein Auto, sie schwebten bestimmt zehn Meter über dem Boden.

Schließlich landeten sie in einem riesigen Park vor einer großen, gläsernen Pyramide. Die Jumer stiegen aus und zerrten ihn unsanft aus dem Gleiter, als ob er vorgehabt hätte, einfach sitzen zu bleiben. Milan kam sich vor wie ein Hund oder ein anderes Tier, als sie ihn mit sich nahmen, ohne auf ihn zu achten und sich über seinen Kopf hinweg unterhielten.

Das Innere der Pyramide war hell und angenehmerweise klimatisiert. Unzählige Pflanzen verliehen Milan das Gefühl, sich in einem großen Gewächshaus zu befinden, als sie lange Korridore entlang liefen. Endlich blieben sie vor einer ebenfalls hellen Tür stehen. Einer der Soldaten klopfte an, wartete und ging hinein, während Milan mit dem anderen draußen stehen blieb. Es dauerte nicht lang, bis er zurückkam, gefolgt von einem weiteren Soldaten, vermutlich einem Offizier, denn die beiden anderen salutierten, ehe sie gingen, ohne ihn noch einmal anzusehen.

Unbehaglich sah Milan zu dem großen, arrogant blickenden Jumer auf, dessen dunklen, blauvioletten Augen ihn ausdruckslos musterten. Sein weißblondes Haar war streng zurückgekämmt, was die Härte des strengen Gesichts noch betonte. Milan wollte den Blick abwenden, der sich so unangenehm und eisig in seinen bohrte, doch er brachte es nicht fertig.

„Du also bist der entlaufene Sklave, nach dem der Prinz verlangt hat“, sagte der andere mit kalter Stimme. „Benehmen hat man dir auch noch nicht beigebracht.“

Die Erleichterung ließ Milan vergessen, dass er sich im ersten Augenblick über die Arroganz aufregen wollte. "Himmel, er lebt? Es geht ihm gut?" Er atmete tief durch und spürte, wie ein Teil seiner Anspannung von ihm abfiel.

Er bekam keine Antwort, was hatte er auch anderes erwartet. Der große Jumer zog nur offensichtlich unwillig die hellen Brauen zusammen und winkte ihm zu folgen. Milan schnitt ihm hinter dem Rücken eine Grimasse, lief ihm dann aber widerstandslos hinterher. Was sollte er auch sonst tun? Wenn er Glück hatte, führte der andere ihn ohnehin zu Niel.

Der Jumer öffnete durch Handauflegen einige Türen, und Milan war sehr schnell klar, dass er hier nicht mehr herauskommen würde, wenn dieser es nicht gestattete. Es rief ein mulmiges Gefühl in ihm hervor. Nach unzähligen Türen hielten sie schließlich vor einer, die auch nicht anders aussah als die anderen.

"Du wartest hier", erklärte der andere kühl, öffnete sie und verschwand darin. Frustriert lehnte Milan sich gegen die Wand und starrte in die indirekte Helligkeit um ihn herum. /Verdammt, die benehmen sich echt, als könnte ich nicht denken, als sei ich nur ein Ding!/


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© by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh