Zwischen den Welten

23.

Cahal verneigte sich leicht, als Niel den Kopf hob und zu ihm hinsah. Der Prinz trug mittlerweile wieder standesgemäßere Kleidung, mit der sein General ihn versorgt hatte, und Cahal musste unwillkürlich lächeln, als er den kleinen Herumtreiber des vorigen Tages mit der Hoheit dieses verglich. Doch das Haar war noch immer zerzaust, und er musste sich zurückhalten, um nicht einfach mit der Hand durch die wüste Fülle zu streichen.

"Der unregistrierte Sklave ist hier, Hoheit", teilte er ihm mit. "Sind Sie bereit, ihn zu empfangen?"

Niel warf unbewusst als erstes einen Blick in den Spiegel, dann nickte er leicht und verlangte "Führen Sie ihn herein, dann lassen Sie uns allein, bitte." Nachlässig strich er sich die Haare aus der Stirn und hinter die Ohren.

Er war in seine grüngoldene Uniform mit der steifen Jacke, die ihm bis auf die Oberschenkel reichte, und der engen Hose gesteckt worden, in der er sich nicht wohl fühlte. Aber es verlieh ihm die Sicherheit der Fassade, hinter der er sich verstecken konnte. Gespannt sah er Milan entgegen.

Mürrisch sah Milan zu dem großen Jumer auf, als der ihm so arrogant wie auch zuvor die Tür öffnete und ihn in das Zimmer schickte, hinter ihm sofort wieder abschließend. /Na danke/, dachte er, dann entdeckte er Niel. Seine Augen weiteten sich, als er seinen Geliebten ansah, der mit einem Mal so fremd wirkte, steif und unnahbar. Doch die großen, schönen Augen waren noch die selben, das süße Gesicht mit dem weichen Lächeln. Trotzdem konnte er sich nicht überwinden, ihn einfach in die Arme zu ziehen. Das war nicht nur sein Niel, der da vor ihm stand, das war gleichzeitig der Prinz.

Unsicher erwiderte er das Lächeln, sah ihn nur an. "Niel... Du weißt gar nicht, wie froh ich bin, dich wiederzusehen. Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht", sagte er leise. "Als sie das mit Jashuun in den Nachrichten gebracht haben... Es tut mir leid."

Niel trat zwei schnelle Schritte auf Milan zu und fiel ihm aufseufzend um den Hals. "Oh, du hast mir hier so gefehlt. Sie sind alle so steif und... Ach ja. Jashuun lebt. Es war ein Trick, um die Gegner meines Vaters abzulenken. General Cahal Maeldun, der dich hergebracht hat, war so umsichtig dies alles zu arrangieren. Wir fahren gleich zusammen an einen Ort, an dem es sicher ist für uns. Dort werden wir auf meinen Vater warten, der die Gardetruppen alle mitgenommen hat, leider."

Niel küsste Milan einige Male und schmuste sich an ihn heran. "Ich bin froh, dass du mir hilfst und beistehst, Liebling." Er zog Milan mit sich auf eine niedrige Couch und betrachtete ihn freudig. "Gut siehst du aus. Die Sachen stehen dir, mein Juwel."

Milan lächelte erleichtert, wollte etwas sagen, doch dann umarmte er seinen Geliebten nur wieder und küsste ihn erneut. "Danke, Schatz. Himmel, ich bin so froh!" Liebevoll zerzauste er ihm das dichte Haar, während er Niel an sich drückte. "Ich habe mir solche Sorgen gemacht, als das von der Hinrichtung in den Nachrichten kam. Ich dachte mir, wie ungerecht es ist, und dass du dir Vorwürfe machen wirst, und..." Wieder küsste er ihn, konnte gar nicht mehr genug von ihm bekommen, wollte ihn schmecken, riechen, fühlen, dass er da war. Er zog ihn auf seinen Schoß und hielt ihn fest. "Und dein General ist arrogant und eingebildet, ebenso wie die ganzen Soldaten und Offiziere."

Sie wurden natürlich von eben diesem arroganten General erneut unterbrochen, während Niel es doch vorgezogen hätte, noch weiter mit Milan zu schmusen. Die knappe Meldung, dass die Fähre bereit sei und ein auffordernder Blick ließen Niel aufseufzend aufstehen.

"Danke sehr. Wir sind sofort bei Ihnen." Die Tür schloss sich natürlich nicht, typisch taktlose Soldaten. "Komm, Liebling, dann fahren wir eben jetzt schon zum Shaatempel in die Berge. Er wird dir gefallen. Die Priester sind sehr freundlich, und die Umgebung ist angenehm."

Milan warf einen missmutigen Blick zu der offenen Tür, ehe er es Niel nachtat und sich ebenfalls erhob. "Bist du dir sicher, dass sie nicht nur zu dir sehr freundlich sind?", fragte er ihn so leise, dass nur Niel ihn hören konnte. "Deine Soldaten können machen, dass man sich wie ein Stück nerviger Dreck vorkommt."

Niel seufzte. "Ob du es glaubst oder nicht, ich habe ihnen nicht zu befehlen. Ich habe als Prinz wirklich keinerlei Einfluss. Erst Recht nicht gegen Cahal, der fast doppelt so alt ist wie ich."

Sie gingen nebeneinander her zu der Fähre des Generals, der ihnen aus dem Empfangsraum darin entgegen sah. Erst dachte Milan, er würde ihn wieder übersehen, doch dann bekam er einen derart kalten Blick ab, dass er schauderte. Er war froh, als sie in dem Raum waren, den der Prinz zugeteilt bekommen hatte, und die Tür sich wieder hinter ihnen schloss.

Cahal presste die Lippen zusammen, als er mit aggressiven Schritten den Gang zur Führungskanzel hinablief. Natürlich, aus was für einem Grund sollte Niel Aremeth Hashar sich sonst von einem Geliebten trennen, wenn er nicht schon einen anderen hatte? Und dann ausgerechnet einen Menschen!

Ihm war danach, gegen eine Wand zu schlagen, irgendjemanden anzubrüllen, jemanden fertig zu machen. Doch er schwieg, hielt seine unberührbare Maske aufrecht. Trotzdem spürten es seine Leute, als der die Kanzel betrat und knapp den Befehl zum Starten gab. Es war still, keiner sprach, außer den kurzen Angaben, die weitergegeben wurden, zu Maschinen, zum Wetter, zur Flugroute. Sie kannten ihn, so gut man ihn als Untergebener nur kennen konnte. Immerhin waren sie handverlesen, er musste ihnen vertrauen können. Schließlich sollte nicht jeder erfahren, wohin dieser Flug ging.

Eine Weile blieb er hier, starrte düster zum Fenster hinaus, ehe er sich abwandte und langsamer zu seinem Zimmer zurückging. Die Fähre flog auch ohne ihn. Ein Mensch. Nun ja, spätestens in zwanzig Jahren, vielleicht etwas mehr, vielleicht weniger würde der Prinz genug von ihm haben, wenn er alt wurde und Falten bekam. Doch Cahal hatte gehofft...

/Ja, natürlich. Es macht keinen großen Unterschied, ob er ein Liebchen hat oder nicht. Das ändert nichts an mir. Zu alt, zu kalt und so weiter./ Verbittert blieb er stehen, um aus einem kleineren Seitenfenster auf die Stadt zu schauen, die unter ihm hinweg glitt. /Warum auch ausgerechnet der Prinz?/ Es gab Antworten, tausend Antworten, und er kannte sie alle.

"Wenn ich es dir doch sage, rennt erst weg, dann bleibt er stehen, um zu knutschen. Idiot." Die Stimme von Enoran, einem der Soldaten, die den Mensch vorbeigebracht hatten, riss ihn aus seinen Gedanken.

Eine andere lachte, verstummte dann abrupt, als die beiden Männer um die Ecke traten. Respektvoll salutierten sie. Cahal ließ sie halten und musterte sie. "Habt ihr von dem unregistrierten Sklaven gesprochen?"

"Ja, General. Knutschte mit irgendeinem Menschen rum. Ich frag mich, warum er weggelaufen ist, wenn er sich dann so einfach fangen lässt." Enoran grinste.

Cahal nickte und fühlte sich wieder etwas besser. Fast hätte er gelächelt. "Danke, wegtreten."

/Das ist interessant; und es gibt mir neue Möglichkeiten. Der Mensch ist nicht treu. Es wird Niel verletzen, wenn er das erfährt./ Er würde es ihm nicht sagen, doch er würde versuchen ihm nahe zu legen, dass es nicht gut war, wenn er weiter mit dem Menschen zusammen blieb. Es hatte ohnehin keine Zukunft.

 

Niel hatte ihn schon oft gesehen, mit Jashuun nicht selten betreten und doch war der Anblick des Tempels in dem von steilen Klippen umgebenen Tal ein atemberaubender Anblick. Die Hänge wurden von unzähligen Blumen bewachsen, ihre leuchtenden Farben ließen aus dem engen Tal einen Regenbogen werden, durch den man fuhr.

In der Ferne leuchtete ihnen golden das Gewirr an Dächern, Kuppeln, Brücken und Gängen am Berghang entlang entgegen. Der Tempel wurde von Wasserfällen umflossen, von der Sonne verwöhnt und schmiegte sich in die sichere Umarmung der Berge. Genau wie Niel sich von Milan umarmen ließ, wie er sich fühlen wollte. Er war glücklich, dass sie in den Tempel fuhren, wo es nur Ruhe und Zufriedenheit gab.

Als die Fähre näher glitt, kamen sie an den zahlreichen, kleinen Wasserfällen vorüber, deren Namen Niel alle einmal hatte lernen müssen. Er war gerade dabei, sie Milan zu erzählen, den er zärtlich streichelte, als Jashuun zu ihnen trat.

Er trug seine Robe aus schwarzem Stoff und hatte die Haare mit der Haube bedeckt, seine silbrigen Augen blickten kühl und ablehnend auf Milan herab, dann erklärte er leise "Wir sollten den Transmitter abnehmen, der Mensch könnte unangenehm auffallen, ohne Registrierung." Seine kühlen, schlanken Finger tippten ein wenig ungeduldig auf den Ärmel, und Niel seufzte ergeben.

"Wir werden ihm eine Registrierung programmieren. General Cahal Maeldun?" Der General trat aus dem Nichts zu ihnen, und Jashuun zog sich zurück. Dass diese beiden sich nahezu hassten, war Niel nicht entgangen. Der Grund dafür war ihm schleierhaft.

"Ich wünsche, Sie gleich in meiner Kammer noch einmal zu sprechen. Es geht um diesen Menschen." Niel hoffte, dass der General so findig war, seinen Wunsch vorherzusehen. Nur ein General hatte die Mittel eine Registrierung zu fälschen.

Cahal nickte knapp. "Das trifft sich gut, ich würde gerne auch noch einmal mit Ihnen sprechen, Königliche Hoheit", entgegnete er und warf einen kurzen, abweisenden Blick auf Milan. Ihn in den Armen seines Prinzen zu sehen, weckte mehr Groll in ihm, als dem schwarzhaarigen Mann zustand. "Und zwar ohne diesen Menschen."

Niel hob den Kopf und entgegnete dann eher gelangweilt "Mit wem oder mit wem nicht werde ich entscheiden, General." Er wendete sich ab, was eine eindeutige Geste war, die dem General zeigen sollte, dass dieser wegzutreten hatte.

Cahal sparte sich eine Antwort, er nickte nur knapp, auch wenn das der Prinz nicht sehen konnte, drehte sich harsch um und verließ die Kabine.

Die Tempellandefläche kam näher, und die ersten Shaapriester traten auf den Platz hinaus, um den Prinzen und ihren Priester im Palast zu begrüßen.

Niel nahm ruhig ein feines, goldenes Tuch von seiner Uniform ab und knotete es vor Milans Transmitter, um diesen zu verstecken. "Wir werden nicht zusammen untergebracht werden, aber dir wird nichts geschehen, Liebling. Lass nur nicht zu, dass sie den Transmitter sehen. Shaapriester sind da sehr streng."

Die ernsten Gesichter der Priester, die steifen Roben und die Reihe der schlanken Hände, die sich zusammenlegten, damit Niel sie leicht berühren konnte, während er vorüber ging, gaben ihm allein schon die Ruhe, die er brauchen würde, wenn er gegen Cahals Art ankommen wollte. /Ich muss mit ihm zusammenarbeiten. Er hat mich gerettet, er hat Jashuun gerettet, ich bin undankbar./

In Gedanken weiter und weiter abschweifend berührte Niel die goldenen Blüten an der Tür zum Tempel und setzte die leisen Glocken in Schwung, während er durch die langen Gänge und über einige der Brücken ging.

"Ein Priester wird dir erklären, was auf dich zukommt heute Abend. Ich muss eine Zeremonie abhalten, so leid es mir tut, und danach muss ich mich um Politik kümmern, aber ich lasse dich holen, wenn ich schlafen gehe. Dann muss ich nicht auf dich verzichten", flüsterte Niel Milan nebenbei im Schutz der rauschenden Wasserfälle zu.

Endlich kamen sie an seinem Zimmer an, und er entschuldigte sich, bevor er Milan ernst zunickte. Die Türen schlossen sich vor ihm mit dumpfen Laut. Niel ließ sich wortlos waschen, und von einem Shaapriester für die Zeremonien am Abend umkleiden.

Er wurde in eine lange, schwarze Robe gehüllt, die Ärmel fielen weit über seine Hände, darüber kamen verschiedene Tücher und Schals unterschiedlicher Länge, die bis auf den Boden schleiften. Seine Haare wurden glattgezogen, die Ohren unter einer Haube versteckt. Sein Gesicht wurde kunstvoll um die Augen und an den Wangen mit goldenen Ornamenten bemalt. Am Ende konnte Niel kaum atmen, weil diese erste Robe verdammt eng war, er konnte nur langsam gehen, weil die Schals ideal waren, um ihn stolpern zu lassen, und er fühlte ich generell mal wieder nicht der Zeremonie gewachsen, die er doch als höchstes Mitglied der Priester des Shaaordens durchführen musste.

Langsam gingen sie in die hohe Halle, dickbäuchige Säulen stützten die Kuppel ringsum. In der Mitte loderte ein Feuer wild auf, in verschiedenen Farben, je nachdem welche Mineralsalze die Priester verbrannten. Die Ältesten saßen auf Bänken im Halbkreis darum und dahinter alle anderen. Milan würde ganz hinten sein, bei den Soldaten. Es war nicht sein Platz, dieser Tempel sah Menschen nur sehr selten.

Gefasst und in Gedanken an anderen Orten, begann Niel um das Feuer zu gehen, die Lieder auszulösen, die Salze und Kräuter zu verbrennen, bis der Tempel von dem Geruch erfüllt wurde und ihn das wieder berauschte. Endlich kam das letzte Lied, und die Glocken in Schwung tippend ging Niel langsam mit den Priestern wieder hinaus.

Als er endlich in seinem Zimmer war, war er zu müde, um sich gleich auszuziehen. Anders als bei der Vorbereitung half ihm dabei niemand, die Privatsphäre ließ man dem obersten Priester, weil dieser von den Kräutern berauscht vielleicht nicht wollte, dass man ihn so enthemmt oder seiner Sinne nicht sicher sah. Niel jedoch hatte das Treffen mit dem General noch vor sich und versuchte, mit einigen Schlucken kühlen Wassers auch die Wirbel in seinen Gedanken zu ordnen.

 

Geistig ging Cahal die Liste der Dinge durch, die er noch mit dem Prinzen besprechen musste, während er den durch den nahen Abend düsteren Korridor entlang schritt, der ihn zum Privatgemach des obersten Priesters führte. Allein der Gedanke ließ den General angewidert das Gesicht verziehen. Niel war kein Priester, ob sein Amt es mit sich brachte oder nicht. Und in dem Schwarz dieser Roben wirkte er blass und kränklich. Missmutig schüttelte Cahal den Kopf und vertrieb die Bilder, für die er ohnehin keine Zeit hatte, als er vor der mit geschnitzten, vergoldeten Blumen verzierten Tür stehen blieb und harsch anklopfte.

/Ob er seinen Menschen schon wieder bei sich hat?/, überlegte er grollend, während er darauf wartete, dass man ihn einließ. Der Mensch, der einen anderen küsste, sobald Niel nicht da war. Allein das entfachte seinen Zorn auf den entlaufenen Sklaven um so mehr. /Ich darf es ihm nicht sagen, es würde ihn verletzen. Irgendwie muss er von alleine darauf kommen, dass es nicht gut ist, mit diesen kurzlebigen Geschöpfen zusammen zu sein. Ein paar Andeutungen vielleicht, aber nicht mehr./

Der Entschluss fühlte sich nicht wirklich gut an und machte ihn nicht ruhiger. Er war kein Mann für Andeutungen. Unwillig zog er die Brauen zusammen, als er bemerkte, dass er schon wieder über Niel nachgrübelte, nicht über den Prinzen. /Schlag dir das aus dem Kopf/, dachte er gereizt.

Endlich hörte er von drinnen etwas, was man als eine Einladung zum Eintreten interpretieren konnte, der er auch ohne zu zögern folgte. Niel stand vor ihm, noch immer in dieser Robe, nasse Strähnen kringelte sich um das schöne Gesicht, und er sah ihn aus seinen großen, violetten Augen an. Sein Mensch war nicht zu sehen, wie Cahal dankbar feststellte, als er sich kurz verneigte.

"Königliche Hoheit", begann er, als sein Prinz schwankte. Bevor er darüber nachdenken konnte, war er bei ihm, stützte ihn. "Ist Ihnen nicht wohl?", fragte er mit ungewöhnlich besorgter Stimme. "Sie sollten sich setzen."

Niel ächzte, dann murmelte er mehr und mehr von der Wirkung der Kräuter benommen "Helfen Sie mir, ich muss... diesen Gürtel, ich bekomme... kaum noch Luft!"

Ihm war verschwommen bewusst, dass der andere, der ihm zögerlich und zurückhaltend mit den komplizierten Knoten der Gürtel um seine Taille half, der oberste General Cahal war, aber er konnte gerade keine künstliche, formelle Haltung mehr bewahren, Atmen erschien ihm wichtiger.

"Die Kräuter... Ich vertrage sie nicht besonders", gestand Niel endlich beschämt und streifte die schwarze Robe und all die Schals wahllos von sich herunter, während er durch den Raum auf seinen ausladenden Kamin zuging. Lediglich mit dem weißen, ärmellosen Hemd und der leichten Hose mit den weiten Beinen aus goldenem Stoff bekleidet, die er unter der ganzen Aufmachung getragen hatte, fiel er auf seine zahlreichen Sitzkissen vor dem Feuer.

Er wusste, dass die goldenen Ornamente auf seinen Armen, die seinen Namen und den seiner Vorfahren schrieben, eigentlich nicht für fremde Augen gemacht waren, aber Cahal war nicht fremd.

/Ich kann ihm vertrauen, er ist der treuste General. Er hat mich gerettet. Er wird die Revolte niederschlagen./ Nachdenklich betrachtete Niel den hoch gewachsenen Jumer, der anscheinend unentschlossen mit sich selber zu debattieren schien, ob er wieder gehen sollte. /Er ist der Sohn des zweiten Adelshauses, eigentlich stände ihm ein Palast zu, nicht? Wie schrecklich muss er den Dienst für mich finden! Ich muss mich zusammenreißen!/

Unter Aufbringen enormer Energie versuchte Niel sich aufzusetzen, was gerade einmal einen kleinen Moment lang gelang, dann lehnte er sich sitzend in die Kissen, bevor er auf die Plätze neben sich deutete und den anderen mit leiser Stimme bat "Cahal... Erzählen Sie mir von den Fragen. Ich mag benommen sein..."

Niel wagte es, sich vor zu lehnen und trank noch einen Schluck von dem weichen, kühlen Wasser, das in Bechern und Krügen auf dem flachen Tischchen vor ihm stand. "... aber morgen werde ich noch weniger Zeit haben, und Zeit ist knapp, nicht?" Plädierend sah er zu dem anderen auf.

Nur widerstrebend setzte Cahal sich zu seinem Prinz, schlug ein Bein unter, während er ihn besorgt betrachtete. Er war blass, feiner Schweiß bedeckte seine Stirn und die Pupillen waren unnatürlich geweitet. Jede seiner Bewegungen wirkte ein wenig fahrig, unsicher.

/In der Hinsicht ist er genau wie sein Vater/, dachte er missmutig, aber doch ein wenig... ja, stolz. Der alte König wusste auch nie, wann Schluss sein sollte, wann er sich übernahm. /Müde, von Drogen berauscht, aber er tut, was getan werden muss./

Ein kurzer Blick reichte ihm zur Orientierung; er beugte sich vor und mischte den hellgrünen Saft der Kakaimafrucht, der in einer zierlichen, kleinen Karaffe auf dem Tischchen neben Niel stand, mit Wasser, um den Becher an den Prinz zu reichen. "Hier, das wird Ihnen gut tun." Kakaima machte einen klaren Kopf, half auch begrenzt bei zu viel Alkohol und stand mit Sicherheit nicht ohne Grund hier.

"Wenn ich könnte, würde ich Sie eine Weile ruhen lassen, Hoheit, aber Sie haben recht. Die Zeit ist knapp. Es ist das Wichtigste, dass Ihr Vater verständigt wird. Er ist im Moment nicht zu erreichen, die normalen und selbst die Sicherheitskanäle sind blockiert. Ich brauche den Code der königlichen Familie."

Er schnaubte leise. "Ihre Schwester ist zu jung, was ihr Glück ist, sie kennt ihn nicht. Aber machen Sie sich keine Sorgen um sie, ich habe sie bereits in einen anderen Tempel in Sicherheit bringen lassen, nur für den Fall der Fälle."

"Danke, Cahal." Niel nippte von dem säuerlich schmeckenden Mischgetränk und merkte, dass es ihm tatsächlich half, die Benommenheit abzuschütteln. Er rappelte sich gleich ein wenig auf und hob den Kopf. "Den Code sollen Sie gern haben. Wo ist das Lesegerät?"

Mit Erleichterung bemerkte Cahal, wie wieder Farbe in die blassen Wangen des Prinzen zurückkehrte. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht; doch es verschwand wieder, als er die obersten Knöpfe der Uniformjacke aufknöpfte und das flache, kaum handflächengroße Gerät aus einer Innentasche holte, um es ihm zu reichen.

/Er ist noch immer unter dem Einfluss der Dämpfe, es ist unverantwortlich, ihn jetzt darum zu bitten, aber ich habe nicht unbegrenzt Zeit./ Aber er hatte nicht viel Wahl, trotzdem zählte er ihm auf, was diese Entscheidung für Folgen haben konnte.

"Sie wissen besser noch als ich, dass der Code mir nicht nur den königlichen Kommunikationskanal öffnen wird, sondern mir auch noch Zugang zu Daten verschafft, die nicht für mich bestimmt sind, mir die volle Kontrolle über diverse Waffensysteme überlässt... Meinen Sie, das verantworten zu können?"

Niel nickte leicht und entgegnete leise "Ich bin berauscht, aber den Entschluss, Ihnen den Code zu überlassen, habe ich doch schon gestern getroffen, Cahal. Also, bitte. Hier ist er."

Er knöpfte das Hemd ein wenig auf und zog den Kragen herunter, dann neigte er den Kopf nach vorn, bis seine Haare ihm ins Gesicht fielen und wischte die letzten von seinem Nacken fort. Damit legte er die zarte, goldene Tätowierung frei, die sich leicht über das Niveau der Haut erhob. Dies und sein Fingerabdruck zusammen würden dem General die Tore zum König öffnen. Dieser würde rechtzeitig kommen, das Land retten. "Sie müssen es einlesen, Cahal. Ich kann das nicht in meinem Zustand."

Er wusste, dass Cahal keine Ahnung hatte. Sonst taten immer nur die ältesten Priester, was Niel nun von dem Soldaten verlangte, aber keinem anderen hätte Niel mit der Macht vertraut. Verwirrt fragte er sich, woher sein Vertrauen stammte. Wieso er Cahal damit so reichlich bedachte, wenn dieser doch jederzeit ein falsches Spiel treiben konnte.

Rasch hob er den Kopf erneut und sah dem General in die Augen. "Das ist nicht nur mein Leben hier. Ich vertraue Ihnen das Leben aller an... aller Ajester, aller Jumer, aller Menschen. Sind Sie bereit das anzunehmen, Cahal?" Mit einem Mal wusste Niel, dass er den Ernst ausstrahlen konnte, den sein Amt von ihm verlangte.

"Ich bin mir dessen voll bewusst, mein Prinz. Das Vertrauen, das Sie in mich setzen, ehrt mich", erwiderte Cahal ruhig, ohne den Blick von dem jungen Mann vor sich zu lassen, der nun alle Unsicherheit, alle Hilflosigkeit abgelegt hatte und war, was das Schicksal ihm als Erstgeborenen eines Königs zugedacht hatte. "Und ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um Sie nicht zu enttäuschen."

Er erhob sich, nur um sich dann direkt neben Niel zu setzen und ihm das Haar erneut aus dem Nacken zu streifen. Fast zärtlich glitten seine Fingerspitzen über das leicht erhabene, goldene Mal, das im Feuerschein glitzerte, und er musste irritiert die Vorstellung beiseite schieben, wie es wohl wäre, die Lippen darüber streifen zu lassen. Stattdessen sah er auf das Lesegerät, zurück zu der Tätowierung und schnaubte leise.

"Hoheit, vorausgesetzt, Sie können mir erläutern, was ich machen muss." Es ärgerte ihn, dass er keine Ahnung hatte, aber es war nichts, was er hätte wissen dürfen, von daher war es nicht verwerflich. Und trotzdem... Das vor Niel zugeben zu müssen, war ihm unangenehm. /Niel, der es ohnehin weiß./

Niel hob den Kopf, dann lachte er leise und hielt sich die Hand vor den Mund. "Entschuldigen Sie, Cahal! Wie konnte ich nur annehmen, dass sich ein Geheimnis tatsächlich auch bewahrt!"

Er rückte dichter an den anderen heran und erklärte, während er den Kopf erneut senkte "Sie müssen das Lesegerät über die Tätowierung halten, direkt auf die Haut und dann nicht wackeln, während es einliest. Und zwar muss das Ostsymbol oben sein, genau wo die Blumenform ist, nur nicht wackeln, sonst müssen wir noch einmal anfangen, und dann habe ich nachher einen steifen Nacken." Er linste unter seinen Haaren auf die Brust seines Gegenüber. "Bereit? Dann los."

"Das würde ich niemals verantworten wollen." Unwillkürlich musste Cahal schmunzeln. Er legte die linke Hand sacht über Niels Ohr, hielt dabei gleichzeitig die Haare von der Tätowierung fern und drückte den Kopf des Prinzen leicht an seine Brust, um ihn zu fixieren. Er warf einen kritischen Blick auf das Lesegerät, ehe er es sorgfältig über dem goldenen Muster platzierte und dann einschaltete.

Niel gähnte und seufzte einige Male, aber hielt die ganze Zeit über still, die das Gerät über seinem Nacken mit leicht kitzelnden Laserstrahlen die Formen ablas. Am Ende gab es einen leisen Klingelton von sich und schaltete sich auf die Autorisierung.

Niel schob Cahals Hand fort und sah ihn an. "Sie werden nichts tun, was gegen das Volk ist, und nichts, was gegen den Willen meines Vaters ist. Können Sie das versprechen?" Ernsthaft sah er dem General in die Augen, um darin eine Regung zu finden, die ihm einen Anhalt geben könnte.

Cahal wandte den Blick nicht ab, als er mit der geballten Faust rasch die rechte, dann die linke Seite seiner Brust in der Geste des Schwurs berührte. "Bei meiner Seele, bei meinem Leben, mein Prinz, verspreche ich, dass ich nur im Auftrag der königlichen Familie handeln werde. Sie zu schützen und zu erhalten ist mein höchstes Ziel, wie ich es geschworen habe, als ich in mein Amt erhoben wurde."

/Dich zu schützen/, fügte er in Gedanken dazu. /Vor allem anderen noch./

Niel lächelte und flüsterte "Ich danke Ihnen." Dann presste er seinen kleinen Finger auf die Leseplatte und beendete den Vorgang. "Der Code ist fest. Sie können ihn verwenden. Was hatten Sie noch für Fragen?"

Cahal öffnete den Mund, dann schloss er ihn wieder und schüttelte den Kopf. "Das andere kann warten, Hoheit. Damit sind mir erst einmal die Mittel gegeben, die brauche, um Ihren Vater zu kontaktieren und im Notfall Maßnahmen ergreifen zu können. Wie gesagt, im Notfall. Ich möchte nur ungern auf Militär zurückgreifen, wenn es noch anders geht. Ich fürchte den Kampf nicht, aber jeder Krieg kostet Leben."

Er hatte ihn noch auf den Menschen ansprechen wollen, doch er konnte es nicht. Nicht nach dem Lächeln, das er nicht vertreiben wollte, indem er ihm Dinge sagte, die er nicht hören wollte. /Er hat genug getan für heute; er soll sich ausruhen./

Sorgfältig verstaute er das nun unvergleichlich kostbare Gerät in der Innentasche der Jacke, die er wieder zuknöpfte. "Was war es, was Sie mit mir besprechen wollten?"

"Es war wegen des Menschen. Können Sie eine Registrierung für ihn einrichten, Cahal?"

Für einen Moment presste Cahal die Lippen zusammen, ehe er nickte. /Natürlich, der Mensch. Gleich nach dem Reich und dem Volk gelten seine Gedanken ihm./ "Wie Sie wünschen, Hoheit. Noch heute? Und soll ich ihn... danach hierher schicken?"

Niel nickte und gähnte noch einmal, entschuldigte sich leise und fiel in die Polster zurück. "Das wäre unglaublich zuvorkommend, danke." Er blinzelte den General an und seufzte leise, dann reichte er ihm die Hand. "Ziehen Sie mich hoch, Cahal? Ich bin noch nicht so ganz meiner Sinne sicher. Sonst komme ich vielleicht nicht mehr zum Bett hinüber."

Cahal umfasste die schmale Hand mit seiner, zog ihn auf die Füße und umfing ihn noch in der Bewegung mit einem Arm, um ihn zu stützen. Am liebsten hätte er ihn getragen, aber er wusste, wie wenig der kleine Prinz das mochte, wenn er fürchtete, das Gesicht zu verlieren.

/Und das denkt er bei mir dauernd/, dachte er leicht frustriert, doch das Gefühl wich schnell, als er den schlanken Körper spürte, der sich gegen ihn lehnte. "Ich geleite Sie hin, Hoheit, wenn Sie gestatten."

"Gern. Ich danke Ihnen." Niel schob die leichten Stoffbahnen zur Seite, die sein Bett wie ein rundes Zelt umgaben. Die Liegefläche war rund und reichlich mit Kissen ausstaffiert. Von einem Kristall schimmerte weiches Licht darüber hinweg, eine kleine Quelle verbreitete mit aromatischem Dampf die typische Atmosphäre des Tempels.

Niel ließ sich langsam in die Kissen sinken, auch wenn ihm die sichere Nähe des anderen gut getan hatte. /Der General. Er war so freundlich zu mir. Ob er es befürwortet hat, dass ich mich von Jashuun getrennt habe? Er hat ihn nicht gemocht. Ob ich ihn fragen kann, was gegen Jashuun gesprochen hat? Nein. Das wäre dasselbe, wie ihn fragen, wieso er sich anmaßt, mir Vorhaltungen machen zu dürfen./

Niel hielt die Hand einen Augenblick länger fest, während er einige Kissen aus dem Weg beförderte, dann murmelte er leise "Ich weiß, dass mir nichts weiter als Worte bleiben, um meinen Dank auszudrücken, Cahal. Sie haben ja sonst alles, was Sie sich wünschen. Sollten Sie dennoch etwas nennen können, das ich Ihnen geben und damit meinen Dank verdeutlichen könnte, würde ich es wissen wollen. Egal, was es ist."

Cahal drückte die Hand leicht, ehe er sie sacht aus seiner gleiten ließ, als Niel in die Kissen sank. "Sie sind sehr großzügig, Hoheit", sagte er leise und wich das erste Mal an diesem Abend dem Blick der dunkelvioletten Augen aus. /Aber das, was ich will, wirst du mir nicht geben, mein Prinz. Nicht geben können. Liebe kann man nicht fordern./ Doch dann lächelte er und verneigte sich leicht. "Ich werde darüber nachdenken. Ich wünsche Ihnen einen erholsamen Schlaf."

Mit einem letzten Blick auf die so verletzlich wirkende, kleine Gestalt in dem großen Bett wandte er sich ab und verließ das Zimmer. /Niel, wie sehr wünschte ich, deinen Schlaf bewachen zu dürfen, während du dich vertrauensvoll an mich lehnst./

Er schüttelte den Kopf und schloss fast lautlos die Tür hinter sich. /Doch dafür hast du diesen Menschen, dem ich jetzt eine Identität geben muss. Für dich, mein Prinz./


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh