Zwischen den Welten

24.

Frustriert starrte Milan an die eintönige Decke seiner Zelle, in die man ihn gesteckt hatte. Zelle, der winzige Raum verdiente den Namen in doppelter Hinsicht. Einmal karge Mönchszelle, in der sich ein schmales, hartes Bett mit einem dünnen Laken als Decke befand, ein schmaler, einfacher Schrank mit gerade einmal genügend Platz für drei oder vier von den kratzigen, schwarzen Roben, ein Waschbecken mit Kaltwasser, ein Stuhl und ein aus Holz geschnitztes Symbol, welches das Zeichen für den Geist der Mitte war und somit vermutlich mit dem Kreuz zu vergleichen. Und einem Türchen zu einem Klo, in dem man sich nicht mal wirklich umdrehen konnte.

Zum anderen war das Zimmerchen seine persönliche Gefängniszelle. Sie hatten ihn hierher gebracht, nachdem man ihm Niel davon geführt und ihm eine Robe gegeben hatte, mit dem Befehl, sie übergezogen zu haben, bis sie ihn wieder holen kommen würden.

Es hatte eine Ewigkeit gedauert, und Milan hatte verstanden warum, als er von einem schweigsamen, jungen Novizen in den großen Zeremoniesaal geführt worden war. Zwar hatte er Niel am anderen Ende des Raumes nicht wirklich gut erkennen können, dafür war er einfach zu weit weg gewesen, aber die aufwendige Robe und die Verzierungen sahen aus, als hätten sie Zeit gebraucht.

Als es vorbei gewesen war, hatte ihn derselbe Novize zurückgebracht. Obwohl er keinen Ton gesagt hatte, kam sich Milan vielleicht gerade deswegen so vor, als wäre er stinkende Luft. Denn auch mit seinem ganzen Verhalten hatte der andere Mann deutlich gemacht, dass er als Mensch mehr als unwillkommen war. Menschen hatten in diesem Tempel offensichtlich nicht wirklich etwas verloren.

Unbehaglich tastete er nach dem versteckten Transmitter und seufzte leise. Niel hatte klar gemacht, dass es keine gute Idee wäre, die Priester wissen zu lassen, dass er entlaufen und nicht registriert war, und es machte ihn nervös. Gedankenverloren strich er über das Tuch, das sein Geliebter ihm umgebunden hatte, und lächelte kurz.

/Ja, nette Leute, diese Priester. Wenn man Prinz ist, vielleicht. Oder wenigstens Jumer. Du bist so ganz anders, mein Schatz, als alle anderen Jumer, die ich bis jetzt kennen gelernt habe. Ha, wenn sie mir wenigstens eine Chance gegeben hätten, sich kennen lernen zu lassen, wäre das ja schon viel gewesen!/

Er schloss die Augen und dachte an seinen kleinen Elfen, erinnerte sich an das erste Mal, als er vor ihm gestanden hatte. An den viel zu großen, schwarzen Overall, an seine Verwunderung über die langen Ohren, die vierfingrigen, schmalen Hände. An das dreckige, schöne Gesichtchen. An den schlanken Körper, der sich seitdem jede Nacht an ihn geschmiegt hatte, die erste noch im Schlaf und unbeabsichtigt, doch dann bewusst und nicht nur wegen der Kälte.

/Ich bin nur die erste Nacht auf diesem Planeten allein gewesen.../ Unter dem Tuch ertastete er den von seiner Haut erwärmten, glatten Vilastein und schloss die Hand darum. /Nicht einmal in der letzten. Jeremis... Bitte, mach dir nicht zu viel Sorgen um mich! Ob ich ihm irgendwie eine Nachricht schicken kann, dass es mir gut geht?/

Er schluckte und sah wieder zur Decke empor, bei der er mittlerweile das Gefühl hatte, jede Unebenheit der weißen Tünche persönlich zu kennen.

Deutlich erinnerte er sich wieder an die weichen, festen Lippen, die sich auf seine gelegt hatten, an die zarten, fast schüchternen Liebkosungen, die sie im Laden getauscht hatten. Und an den leidenschaftlichen Kuss in der Hitze von Jumelaan, im Hinterhof; er konnte wieder Jers kräftigen Körper an seinem spüren, konnte ihn schmecken.

"Scheiße", murmelte er leise und versuchte, die Erinnerungen mit einem Blinzeln zu vertreiben. Aber sie waren hartnäckig, kehrten zurück, und in der Enge dieser verdammten Zelle gab es nichts, mit dem er sich ablenken konnte.

/Was denkt er jetzt von mir? Was bedeutet dieser Kuss?/ Das weiche Lächeln, die grünen, leuchtenden Augen im durch Blätter gefilterten Licht in dem offenen Hausflur, das Aufblitzen von Glück in ihnen, als er zart die Lippen nachgefahren war.

/Warum habe ich das getan? Was habe ich mir dabei nur gedacht?/ Die Antwort war einfach. Er hatte gar nicht gedacht, er hatte nur fühlen wollen; war einfach in den Augenblick gefallen, gefangen von der Situation, dem Mann vor ihm...

/Gott noch mal! Zu Hause hast du Männer nicht mal in Betracht bezogen, und jetzt fängst du an, gleich von zweien zu schwärmen?/ Mit einem undefinierbaren Laut ließ er den warmen Sonnenstein los und presste die Handballen auf die Augen.

Aber eines war sicher. Er liebte Niel. Niel Aremeth Hashar, den Kronprinzen von Jume, den obersten Shaapriester, den Jumer. Den halben Ajester, dessen Ohren so süß zuckten, wenn Milan ihm Zärtlichkeiten oder Anzüglichkeiten hinein flüsterte. Dessen violette Augen so geheimnisvoll im Flammenschein leuchteten. Dessen süße Lippen Verheißung und Folter zugleich sein konnten. Das Lächeln kehrte zu Milan zurück, als er sich in Erinnerungen verlor, die er hoffentlich später auffrischen konnte, wenn Niel ihn zu sich holte.

In dem Moment klopfte es an die Tür, die im selben Augenblick auch schon geöffnet wurde. Überrascht und erschrocken setzte Milan sich auf und zog hastig das Tuch zurecht, ehe er merkte, dass es überflüssig war, denn der Mann, der das Zimmer mit seiner üblich eisigen Miene betrat, war niemand anderer als der schwarze General Cahal Maeldun. Milan lag ein sarkastisches 'Wollen Sie hereinkommen?' auf der Zunge, doch er unterdrückte es in letzter Sekunde.

"Guten Abend, was kann ich für Sie tun?", fragte er stattdessen, ohne wirklich mit einer Antwort zu rechnen. Vermutlich würde der andere ihn gleich wieder nur anfauchen, dass er ihm folgen sollte, und das wäre es dann schon wieder an Konversation gewesen wenn man so großzügig sein wollte, es als solche zu bezeichnen.

Doch Cahal schloss nach einem knappen, grüßenden Nicken die Tür und zog dann den einzigen Stuhl des Raumes ans Bett, direkt neben Milan, der ihn irritiert und unsicher ansah. /Was will er? Der große, ach so hochmächtige General lässt sich dazu herab, neben einem gewöhnlichen Menschen zu sitzen, sogar einem Sklaven, einem unregistrierten, entlaufenen, wohlgemerkt./

Cahals kühle Stimme unterbrach seine Gedanken. "Gib mir deinen Transmitter."

Unwillkürlich legte Milan die Hand darauf und wich ein wenig zurück, auch wenn es nichts bringen würde, wenn der General wirklich daran wollte.

"Und wozu?", fragte er misstrauisch. /Toll, um ihn am Ende den Priestern unter die Nase zu halten?/

Verächtlich sah Cahal ihn an, die dunklen, blauvioletten Augen waren eisig. "Weil mein Prinz mich darum gebeten hat, dir eine Identität zu geben, Mensch."

Milan fragte sich, wie jemand so reglos sein konnte, so kalt und trotzdem in der Lage war zu atmen und ein schlagendes Herz zu haben. Doch er suchte folgsam unter dem Tuch nach dem Verschluss und löste das schwarze Band, um es dem General zu reichen.

Der nahm es, drückte seinen Daumen auf die Innenseite, nachdem er irgendetwas umgestellt hatte, fragte kurz nach Milans Namen, justierte ein wenig und ließ Milan seinen Daumen ebenfalls auf eine bestimmte Stelle des silbernen, flachen Rechtecks pressen. Dann schien er kurz zu zögern, ehe er ein Gerät aus seiner Jacke holte, den Transmitter daran anschloss. Er tippte, wartete, bis es piepste und trennte die beiden wieder, ehe er das Gerät sorgfältig zurück steckte und Milan das schwarze Band reichte.

Hastig legte Milan es wieder an, erinnerte sich flüchtig daran, dass er es eigentlich hasste und es ihn an genau das erinnerte, was es war, an ein Sklavenhalsband. Aber hier in diesem Tempel, mit der neuen Identität, kam es ihm fast wie eine Lebensversicherung vor.

"Dein Name bleibt Milan", erläuterte Cahal knapp. "Du hast als Wachmann eines Privatmannes gearbeitet, bis du sein Vertrauen weit genug errungen hattest, dass er dich zu ein paar Missionen mit auf die Erde geschickt hat. Das erklärt zu einem Teil dein funktionierendes Gedächtnis. Während du für deinen Herrn Wein auf den außerhalb gelegenen Gutshöfen besorgen solltest, bist du dort durch Zufall auf den Prinz gestoßen. Deine Dienstzeit läuft in drei Wochen ab, dann bist du frei. Dein Lohn ist auf dem passend registrierten Konto abzubuchen, lass dir von anderen Menschen zeigen, wie es geht."

Abrupt stand er auf und wandte sich ab, während Milan ihn fassungslos anstarrte. /Das ist... ich... Er hat das einfach so... einfach so gemacht? Nicht nur... Oh mein Gott!/ Nicht nur, dass er jetzt nicht mehr als entlaufener Sklave um sein Leben fürchten musste, Cahal hatte ihn mit einem Schlag so gut wie freigelassen und ihm sogar Geld gegeben. /Zur Hölle, warum?!/ Niel musste es ihm aufgetragen haben, auch wenn er ihm nicht befehlen konnte. Oder hatte es einen anderen Grund? Was, wenn...

"Komm mit", unterbrach ihn die kühle, harsche Stimme erneut. "Der Prinz wartet auf dich."

Milan war noch immer so perplex, dass er den Befehlston kaum bemerkte. Er nickte automatisch und stand auf, um Cahal durch den Tempel zu folgen, bis sie schließlich vor einer großen Holztür standen, die mit geschnitzten, vergoldeten Blumen verziert war. Cahal klopfte kurz an und wartete, öffnete dann, obwohl keine Antwort ertönte.

"Er hat ausdrücklich nach dir verlangt, Mensch. Auch wenn er vermutlich jetzt schläft."

Die blauvioletten Augen musterten Milan erneut durchdringend, doch dieses Mal waren sie nicht eisig. In ihren dunklen Tiefen konnte Milan ein Feuer lodern sehen, das ihm einen Schauder den Rücken hinab jagte. Der hoch gewachsene Jumer rührte sich nicht, und trotzdem hatte Milan mit einem Mal das Gefühl, als würde er ihn jeden Moment anfallen.

Er schluckte und nickte, trat ein und wollte eben die Tür hinter sich schließen, als ihn die Stimme des Generals noch einmal zurückhielt.

"Meine Offiziere berichteten von einem anderen Mann", sagte Cahal leise, aber eisig. "Wage es nicht, den Prinz zu verletzen."

Milan zuckte zusammen, als hätte er ihn geschlagen. Er wollte etwas antworten, doch er konnte es nicht. Der General ließ ihm dazu auch keine Zeit. Abrupt wandte er sich ab und ging mit schnellen, kraftvollen Schritten davon.

Wie erstarrt blieb Milan einen Moment in der Tür stehen, ehe er sie langsam schloss und blicklos gegen das Holz starrte. /Er weiß es... Dass er sich überhaupt dafür interessiert! Na klasse!/ Zitternd atmete er durch. /Komm, so schlimm ist ein Kuss nun auch wieder nicht. Aber dieser eisige Blick! Wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt von Eiszapfen erdolcht worden!/ Der Gedanke ließ ihn schief grinsen, und er drehte sich um.

Das Zimmer war um einiges größer und komfortabler als das, in dem er hatte warten müssen. Sogar einen Kamin gab es, in dem ein warmes Feuer flackerte, einzig der Stimmung wegen. Und auf einem runden Bett, das wie ein kleines Zelt wirkte, konnte er Niel erkennen. Unwillkürlich musste er lächeln, der Anblick ließ ihn alles andere vergessen, alle Generäle dieser Welt, die unfreundlichen Priester.

Niel sah zu verlockend aus, halb versunken in den dicken Kissen. Das ärmellose Oberteil war hochgerutscht und offenbarte den flachen, schönen Bauch, die weiten, goldenen Hosen ließen ihn nur noch kleiner und zierlicher wirken.

Milan trat zu seinem Geliebten und setzte sich an den Bettrand, beugte sich über die zierliche Gestalt, deren schönes Gesicht so entspannt war, mit einem leichten Lächeln, das den weichen Mund umspielte. Sacht berührte er ihn mit den Lippen, konnte einfach nicht anders.

Niel kicherte leise, als ihn weiche Haarsträhnen an der Wange kitzelten. "Oh, Milan. Da bist du wieder. Endlich..." Vereinnahmend drückte er seinen Schatz an sich und erwiderte die Küsse, obwohl er eben noch viel zu müde gewesen war. "Hat Cahal dich registriert, mein Juwel?"

Milan ließ sich neben ihn in die weichen Kissen sinken und zog den anderen an sich. "Ja, hat er", antwortete er zwischen Küssen, ehe er sich mühsam von ihm trennte, um das Tuch beiseite zu schieben und Niel einen Blick darauf werfen zu lassen. "Und wie! Ich habe sogar etwas Geld und bin in drei Wochen frei." Er lachte und sah seinen Geliebten an. "Ich glaube, er will mich möglichst schnell loswerden."

Die violetten Augen, die ihn gefangen hielten, schimmerten im flackernden Feuerschein des Kamins, das Licht glänzte auf den feuchten Lippen, die noch immer lächelten, und Milan merkte wieder, wie viel der kleine Jumer ihm bedeutete.

"Aber ich werde nicht gehen", flüsterte er und küsste ihn erneut. "Ich liebe dich."

Niel seufzte auf und erwiderte Milans Küsse eine Zeitlang. Er konnte seine Augen jedoch nicht besonders lange mehr offen halten. Schon bald schlummerte er von der Körperwärme und den Zärtlichkeiten des anderen eingelullt ein.

Mit einer Mischung aus Erleichterung und Unbehagen sah Milan auf ihn hinab. Eigentlich hatte er ihm die Sache mit Jeremis noch erzählen wollen, dass er ihn geküsst hatte, bevor der steife General oder sonst wer es ihm mitteilte und vielleicht mehr daraus machte, als es wirklich war. Doch sehr offensichtlich hatte er zu lange gebraucht, um einen Anfang zu finden. Nicht, dass er in den letzten Minuten daran gedacht hätte...

Er wand sich aus Niels Armen, um aus seiner Kleidung zu schlüpfen, ehe er sich nur in Unterwäsche wieder an ihn kuschelte, sie beide zudeckte und mit einem leisen Seufzen die Augen schloss. /Morgen/, war sein letzter Gedanke. /Morgen sage ich ihm alles und frage ihn, ob er Jer auch eine Nachricht schicken kann, dass es uns gut geht./

 

Niel träumte selig, von Milan, von den Tagen auf dem Gutshof, von Sonnenschein und Zufriedenheit. Dieser schöne Traum wurde jedoch jäh von einer kalten Hand beendet, die ihn unnachgiebig an der Schulter rüttelte. Als er schläfrig blinzelte, blickte ihm Jashuun in die Augen, die Miene zu einem Ausdruck der Verachtung verzogen. "Steht auf, Hoheit! Die Sonnenzeremonie beginnt in weniger als einer Stunde!"

Die Worte waren nur gezischt worden, aber Niel erwachte sogleich vollends. Gehorsam rollte er sich aus Milans Armen fort und kroch aus dem Bett. Jashuun war schon vorgegangen, um im Bad auf ihn zu warten. Die komplizierten Roben, die Niel mehr ertragen als tragen würde, lagen ordentlich in der chronologischen Reihenfolge des Drapierens über seinem linken Arm.

Niel warf einen Blick zu der schmalen Tür von seinem Balkon und erschauderte. Es war noch Nacht, blasse Sterne funkelten ihn hämisch an, als wüssten sie von seinen Kopfschmerzen, seinem Halsweh und von seiner generellen Unlust diese Zeremonien betreffend.

Frierend tappte Niel in das Bad und ließ das Waschen, das Bemalen und Ankleiden über sich ergehen, dieses Mal mit leichten Rosatönen, um die Sonnen zu begrüßen. Farben, die er an sich nicht mochte, die ihn kindlich wirken ließen.

Er wollte eigentlich noch einen Blick auf den schlafenden Milan werfen, aber Jashuuns Finger griffen ihm hart in die Schulter, während er ihn zur Tür führte, wo Niel von zwei älteren Priestern mit einer Verbeugung empfangen wurde. Am Rande nahm er wahr, dass Jashuun im Zimmer zurück blieb.

Jashuun räumte die Kleider des Vortages zusammen und gab sich keinerlei Mühe, dabei leise zu sein. Dann verließ er den Raum kurz, um die Getränke und das Essen für den Prinzen zu holen. Vorgeschrieben auch diese. Es würde noch eine Weile dauern, bis Niel wieder in den Raum zurückkehren durfte.

Aus früherer Erfahrung wusste Jashuun, dass der kleine Kronprinz und oberste Priester dann meistens zu müde war, um noch viel zu essen. Dennoch richtete er die mit Gewürzen dekorierten Teller und den Wein zusammen an.

Endlich trat er zum Bett, auf dem noch immer der Schandfleck in diesem nun eigentlich perfekten Raum lag, der Mensch. Dieser musste den Regeln folgend verschwinden. "Steh endlich auf und verlass den Raum, Mensch!"

Milan war unnachgiebig von den Geräuschen von jemandem, der unbarmherzig aufräumte, aus dem Schlaf getrieben worden. Trotzdem hatte er sich nicht gerührt, hoffend, noch ein wenig mehr Schlaf zu bekommen, wenn die Person wieder weg war. Kurz war es dann auch still geworden, nur um dann erneut zu beginnen.

Er blinzelte müde, als die scharfe Stimme ihm endgültig klar machte, dass man ihm keine Ruhe mehr gönnen wollte. Mit einem unterdrückten Gähnen richtete er sich auf und rieb sich die Augen, ehe er die schwarz gekleidete Gestalt vor dem Bett ansah und sie erkannte.

/Auch das noch, der Ex von Niel/, dachte er unbehaglich. Die Feststellung weckte ihn endgültig und erinnerte ihn daran, was sein Geliebter von dem Mann erzählt hatte. Eifersüchtig, hart. /Und ein Jumer, der gleichzeitig Priester ist. Na super. Was für ein toller Morgen./

Niel war weit und breit nicht zu sehen; im Halbschlaf hatte er mitbekommen, dass dieser aus dem Bett gekrabbelt war. Vermutlich hatten sie ihn schon wieder zu irgendeiner Zeremonie geschleift. /Ob ich ihn irgendwann im Laufe des Tages zu Gesicht bekomme?/

Suchend sah er sich um, entdeckte seine Kleidung, die lieblos auf das Bett geschmissen worden war. /Ich wette, eine Dusche ist nicht drin. Scheiße./

Während er das Hemd überstreifte, drang der Geruch von Essen zu ihm durch und ließ seinen Magen knurren. /Das letzte Mal habe ich gestern auf dem Schiff was gegessen. Ob der Priester mir was besorgen kann? Wahrscheinlich würde er sich eher die Zunge abbeißen./ Doch als er in die Hose und anschließend in die Stiefel schlüpfte, knurrte sein Magen wieder leise. "Entschuldige, können Sie mir sagen, wo ich etwas zu essen bekommen kann?"

Jashuun lehnte am Geländer des Balkons und blickte über das Feld, auf dem die obersten Priester den Sonnen zum Gefallen die Zeremonie abhielten. Niel in der Mitte wirkte ernst und gefasst, gähnte nicht, hielt sich gerade.

Stolz nickte Jashuun einmal, die Ruhe störend ließ sich die nörgelige Stimme des Menschen vernehmen, und er fuhr zu ihm herum. Seine Gewänder raschelten leise um die schlanke, hohe Gestalt, dann ging er zwei Schritte auf das Bett zu und zischte "Du hast eigentlich nicht das Recht, auch nur hier zu sein. Es ist eine Schande, und ich bin mir sicher, dass die oberen Priester Niel Aremeth Hashar einige Fragen stellen werden!"

Er wendete sich ab und starrte wütend auf das Feld. Der Mensch hatte es geschafft. Er hatte die begehrte Position an der Seite des Prinzen, des obersten Priesters errungen. So einfach, nebenbei. Und was tat er? Er küsste fremde Männer in Nebengassen, entehrte den Prinzen, dieses Wissen war Jashuun schon zugetragen worden.

"Schau ihn dir doch an! Denkst du vielleicht eine Sekunde, dass ihr auch nur in dem gleichen Raum hättet sein dürfen?!" Niels Kleider leuchteten in dem weichen Licht der aufgehenden Sonnen, seine Hände, die routiniert die Gesten der Priester erwiderten, sein Lächeln, als der Tau auf den Blumen umher zu glitzern begann. Jashuun wusste, dass Niel diesen Augenblick immer sehr gern gehabt hatte.

"Er ist hundertvierunddreißig Jahre alt. Schon jetzt das Doppelte von deinem möglichen Alter. Du wirst bald Schnee von gestern sein, aber ihm wird der Fehltritt mit dir noch sehr lange wehtun. Sehr lange. Niemand im Land darf es erfahren. Zuallerletzt sein Vater!"

Milan presste die Lippen zusammen, als er neben den Priester trat und ebenfalls hinab sah, zu Niel hin. Zu seinem kleinen Elfen, der im Licht der aufgehenden Sonnen wunderschön war. Er strich sich mit beiden Händen das wirre Haar aus dem Gesicht, spürte den Stich der Worte des Priesters, die sich verletzend in ihn bohrten, was mit Sicherheit beabsichtigt war.

/Niemand im Land darf es erfahren... Fehltritt.../ Sein Blick hing an den weichen, anmutigen Bewegungen, mit denen Niel seine Zeremonie vollführte, weit entfernt. /Ein Prinz. Und ich bin ein Sklave, egal wie ich es drehe. Bin es in ihren Augen immer. Verdammt, was sind die hier mittelalterlich, trotz all ihrer fortschrittlichen Technik. Könige, Prinzen, Sklaven./ Doch er liebte ihn. Er wollte nicht weg von ihm. /Auch wenn sie mich wieder und wieder anfeinden. Aber wie lange halte ich das durch? Wenn sie mir das wieder und wieder erzählen?/

"Er liebt mich", sagte er harsch. "Und Sie sind eifersüchtig." Es war heraus, bevor er auch nur darüber nachdenken, bevor er es verhindern konnte.

Jashuun lächelt leicht, dann entgegnete er weich "Niel liebt alle seine neuen Spielzeuge. Vor der Tür steht ein Novize, der dich in deine Kammer bringen wird. Sei so schlau und geh mit ihm mit, Mensch."

Er beobachtete das Gesicht des Mannes und fügte leise an "Für Eifersucht bin ich zu alt. Ich bin gern im Dienst des Königs gewesen, und habe mich sehr gern um die Ausbildung des obersten Priesters gekümmert. Nun kann ich mich meinen Studien hier wieder zuwenden, das werde ich auch sehr gern tun... Menschen..." Nach einem weiteren Blick in den Garten ging Jashuun aus dem Raum.

Es tat weh. Milan presste die Lippen so fest zusammen, bis sie nur noch ein Strich in seinem Gesicht waren. /Jeremis hat mich gewarnt. Aber ich habe ihm nicht wirklich geglaubt./ Er warf einen letzten Blick auf seinen kleinen Geliebten, der noch immer mit seiner wie ein Tanz wirkenden Zeremonie fortfuhr und wandte sich dann hastig ab. Der Anblick trieb ihm mit einem Mal die Tränen in die Augen.

/Himmel, jetzt nur nicht heulen/, beschwor er sich.

Er ballte die Hände zu Fäusten und wünschte sich weit weg, als er langsam zu der Tür ging, erst noch einmal stehen blieb, um bewusst Luft zu holen, in der Hoffnung, sich zu beruhigen. Seine Kehle war eng, zu eng, es machte das Atmen schwierig. /Spielzeug. Ich bin kein Spielzeug!/

Entschlossen öffnete er dann die Tür, um sich von dem Novizen wieder in die kleine, muffige Zelle bringen zu lassen, in der ein einfaches, aber durchaus genießbares Frühstück auf ihn wartete. Doch der Hunger war ihm vergangen, als er sich auf das harte Bett setzte und das Gesicht in die Hände legte. Er konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. /Scheiße. Ich will zu Jer zurück, mit Niel, einfach in die Abgeschiedenheit dieses Gutshofes./


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by Meike "Pandorah" Ludwig & Jainoh